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  • Foren-Beitrag von Gubanov im Thema



    Das Kriminalmuseum: Der Scheck

    Episode 39 der TV-Kriminalserie, BRD 1968. Regie: Helmuth Ashley. Drehbuch: Maria Matray, Answald Krüger. Mit: Günther Ungeheuer (Andreas Bechmer), Renate Grosser (Margot Bechmer), Hans Cossy (Kriminalinspektor Dietel), Rolf Wanka (Dr. Werner Grothe), Liane Hielscher (Anja), Fritz Strassner (Friedrich Linke), Peter Pasetti (Eberhard Wendhausen), Friedrich Georg Beckhaus (Brieske), Hans-Dieter Asner (Staatsanwalt), Walter Sedlmayr (Drogist) u.a. Erstsendung: 30. August 1968. Eine Produktion der InterTel fürs Zweite Deutsche Fernsehen.

    Zitat von Das Kriminalmuseum (39): Der Scheck
    Mit 100’000 Mark in der Kreide zu stehen, ist für Andreas Bechmer nun wirklich kein Grund, sich das Leben zu nehmen. Der ebenso verschlagene wie großmannssüchtige Geschäftsmann findet – nicht zuletzt durch private Beziehungen sowie einen vorbestraften Buchhalter – immer wieder neue halblegale Geldquellen. Die Polizei wird durch einen eher kleinen Schwindel auf ihn aufmerksam, doch als Bechmer dann auch noch einen Scheck seines reichen Onkels fälscht, ist er vollends ins Visier von Inspektor Dietel vom Dezernat Wirtschaftsverbrechen geraten. Bechmer sieht als letzten Ausweg nur noch die Option, den Onkel zu töten ...


    Fast wie ein früher „Derrick“ erzählt „Der Scheck“ seine Geschichte mit totaler Konzentration auf die Verbrecherfigur, die im Stile der „Wege ins Verbrechen“ immer tiefer in einen Sumpf aus Finanzschwindeleien, Lügen und Zwangslagen hineinrutscht. Günther Ungeheuer ist für diese Rolle eine Paradebesetzung, denn in Andreas Bechmer drückt sich jene Überheblichkeit aus, die der gebürtige Kölner so überzeugend darstellen konnte. Mit vier Auftritten ist Ungeheuer gewissermaßen ein Dauergast im „Kriminalmuseum“, aber hier handelt es sich zweifelsohne um seinen gelungensten Auftritt. Bechmer ist ein großspuriger Betrüger, der stets auf seinen eigenen Vorteil bedacht ist und dabei keine Skrupel im Umgang mit fremder Leute Geld kennt. Folglich liegt auch die Hemmschwelle für andere Delikte bei ihm niedrig, was zunächst in einer unerhört spannenden Sequenz zum Tragen kommt, in der Bechmer Suizid begehen will, es sich aber im letzten Moment anders überlegt. Eine so offene Darstellung eines Selbstmordversuchs ist selten in Krimis der damaligen Zeit und zeigt, dass Matray, Krüger und Ashley hier trotz einer kriminalistisch eher traditionellen Geschichte in Bezug auf die Figurenzeichnung auch Neuland betreten. Später interagiert Bechmer sowohl als Getriebener seiner eigenen Probleme als auch als großer Zampano – vor allem in den Szenen mit der jungen Liane Hielscher als willfähriger Bardame.

    Auch wenn „Der Scheck“ ein eher trockenes Finanzthema behandelt, so wird die Episode nie langweilig, was nicht zuletzt an den sehr attraktiven, modernen Winteraufnahmen und an Martin Böttchers Filmmusik liegt. Sie präsentiert sich als Mischung seines typischen schaurigen Easy Listening-Stils mit einer ungewöhnlichen Instrumentierung, welche an Peter Thomas’ Kompositionen für Francis Durbridges „Die Schlüssel“ erinnert. Insgesamt ein Score, der absolut zur Spannungsmache in den entscheidenden Szenen, z.B. kurz vor dem Anschlag auf Rolf Wanka, beiträgt und die Atmosphäre zunehmend verdichtet.

    Neben Ungeheuer und Hielscher liefern auch andere Darsteller pointierte Kabinettstücke ab, die sich teilweise auf wenige oder sogar nur eine einzige Szene beschränken: Renate Grosser als spröde Ehefrau, Peter Pasetti als Freund mit Gewissensbissen, Fritz Strassner als betrogener Geschäftspartner und Walter Sedlmayr als Dorfapotheker sind an vorderster Front zu nennen. Ungewöhnlich an der Rolle der Polizei ist diesmal zweierlei: Erstens tritt Hans Cossy über weite Strecken ganz allein gegen Ungeheuer an (erst gen Ende begleitet ihn ein in den Credits nirgends auftauchender Sigurd Fitzek, ohne dass dieser irgendeinen Zweck erfüllen würde); zweitens ist die Tätigkeit von Cossys Inspektor Dietel über weite Strecken auf Büroarbeit beschränkt. Den Täter lernt er sogar erst in der letzten Szene persönlich kennen. Damit entfällt zwar das für offene Krimikonstruktionen wie diese so beliebte Katz-und-Maus-Spiel zwischen Gut und Böse, aber die Alleingänge der beiden Gegenspieler sind absolut interessant genug, um das wieder auszugleichen.

    Die letzte reguläre Folge der Reihe präsentiert sich als Charakterstudie auf halbem Wege zwischen den vielfach beschworenen „neuen“ finanzstrategischen Haifisch-Zeiten und anheimelnder Schwarzweiß-Winterkrimi-Unterhaltung. Gut gealtert! Regie und Drehbuch halten das Geschehen andauernd interessant, die Darsteller – insbesondere Ungeheuer in der Hauptrolle – geben ihm die besondere Würze. 4,5 von 5 Schecks.

    PS: Das offene Ende – erliegt Dr. Grothe dem Anschlag oder kann er noch gerettet werden? – wertet die Episode zusätzlich auf. Nicht immer muss man dem Zuschauer alles vorkauen.

  • Foren-Beitrag von Gubanov im Thema

    Der Trailer zu "Miss Fisher and the Crypt of Tears" verspricht viel. Ich schaue ihn schon in Schleife:

  • Foren-Beitrag von Gubanov im Thema



    Das Kriminalmuseum: Der Bohrer

    Episode 38 der TV-Kriminalserie, BRD 1968. Regie: Erich Neureuther. Drehbuch: Inge Dorsky. Mit: Bruno Dietrich (Jochen Winter), Joost Siedhoff (Polizist Brincken), Hans Daniel (Kriminalhauptkommissar Büssow), Rainer Basedow (Kriminalkommissar Mügge), Til Erwig (Kriminalassistent Herzog), Angela Hillebrecht (Ruth Schilling), Monika Peitsch (Stefanie Theiss), Rainer Penkert (Dr. Werner), Gabi Blum (Silke Hallstedt), Otto Friebel (Bankangestellter) u.a. Erstsendung: 12. Juli 1968. Eine Produktion der InterTel fürs Zweite Deutsche Fernsehen.

    Zitat von Das Kriminalmuseum (38): Der Bohrer
    Eine Reihe lautloser Einbrüche, bei denen der Dieb sich mithilfe eines Bohrers Zugang zu den Häusern verschafft und es dann vor allem auf Bargeld abgesehen hat, hält die Hamburger Polizei in Atem. Der Täter, offenbar ein agiler Fassadenkletterer, wird nach seinem Hilfsmittel selbst „der Bohrer“ genannt. Weil er Juwelen nicht stiehlt und demnach ohne Hehler arbeitet, ist ihm nur schwer auf die Schliche zu kommen. Der Streifenpolizist Brincken ahnt nicht, dass sein guter Freund, der Fotograf Jochen Winter, mit dem Bohrer identisch ist. Erst als Winter bei einem Diebeszug beobachtet wird und bei der Flucht sein Werkzeug liegen lässt, fällt Verdacht auf ihn ...


    Den heutigen Zuschauer erfreuen die meisten Fernsehproduktionen der 1960er Jahre heute vor allem durch einen dezidierten Retro-Charme. Auch wenn „Das Kriminalmuseum“ tendenziell eher zu den moderneren Programmen seiner Zeit gehörte, so macht die Folge „Der Bohrer“ noch einmal einen ganz besonders großen Schritt in Richtung Aktualität. Neureuthers Inszenierung im Hamburger Fotografen- und Hafenmilieu, die realistische Polizeiarbeit und die naturalistischen Darstellungen der Hauptfiguren vor allem durch unverkrampfte Jungdarsteller (Bruno Dietrich, Til Erwig, Monika Peitsch) bereiten beim Zuschauen große Freude. Szenen wie jene, in der Jochen Winter eine Fotosession mit Stefanie Theiss im abendlichen Antiquitätengeschäft einlegt, sprühen vor Charme und Lebendigkeit. Sie verleihen dem gleichzeitig offen als Täter präsentierten Knipser eine sonst selten bei Täterfiguren im Rahmen der Serie beobachtbare Menschlichkeit. So macht es gar nichts aus, dass man um den Whodunit-Faktor gebracht wird – „Der Bohrer“ überzeugt sowohl durch ein Charakterporträt des Einbrechers als auch mit einem hochspannenden Finale, bei dem geschickt alle Fäden zu einem letzten Knoten verknüpft werden.

    Selbst wenn Dietrich z.B. auch in „Derrick“ verschiedene interessante Rollen spielte, so ist „Der Bohrer“ fraglos der Höhepunkt in seinem Krimischaffen. Den ebenso aus Profitgier wie aus Lebens- und Abenteuerlust heraus operierenden Verbrecher zeigt er als Perfektionisten und beinharten Egoisten, aber auch als Spaßvogel und Kumpeltypen. Dietrich begibt sich mit vollem Körpereinsatz in die Rolle und überzeugt sowohl in aufgelockerten Dialogszenen als auch bei seiner spannenden „Nachtarbeit“. Besonders die heiklen Momente auf der Flucht oder in jener Szene, in der Jochen Winter vergeblich an einen wichtigen Schlüssel zu gelangen versucht, sorgen für ein hohes Spannungslevel. Etwas unglücklich erscheint seine Paarung mit der spröden Angela Hillebrecht, aber dieser Kontrast war offensichtlich auch beabsichtigt. Eher als zu seiner Freundin baut Winter folglich eine reizvolle Verbindung zu dem befreundeten Polizisten Brincken auf. Brincken bewundert Winter wegen dessen Fototalents und trotz des Altersunterschieds als eine Art Lehrmeister, was dem Umstand, dass ausgerechnet Brincken den entscheidenden Hinweis zu Winters Überführung beiträgt, einen bitteren Nebengeschmack verleiht. Dieser wird in den Szenen zwischen Dietrich und Joost Siedhoff sehr schön ausgekostet.

    Auch der Schauplatz Hamburg erweist sich als Volltreffer, denn er bietet die Gelegenheit zu ansehnlichen Panoramaaufnahmen, zumal er – was zur Besetzung passt – im Rahmen des „Kriminalmuseums“ absolut unverbraucht ist. Hinzu kommt, dass Kameramann Manfred Ensinger reizvolle eisige Momente im Winter 1967/68 für die Folge einfangen konnte. Sie spielt damit nicht nur inhaltlich, sondern auch gestalterisch klar über dem Serienschnitt. Und was der eher simple Plot vielleicht hier und da liegenlässt, macht die Liebenswürdigkeit der Folge im Handumdrehen wett.

    Dieser top-moderne Besuch im „Kriminalmuseum“ überzeugt durch einen charismatischen Täter, eine engagierte Polizei, schöne Hamburg-Impressionen und jede Menge jungen Esprit, der sich bis heute gut gehalten hat. Hauptdarsteller Bruno Dietrich balanciert auf einem schmalen Grat zwischen Identifikationsfigur und Ekelpaket, hinterlässt aber auf jeden Fall einen bleibenden Eindruck. 5 von 5 Handbohrern.

    PS: Drehbuchschreiberin Inge Dorsky feiert in „Der Bohrer“ einen einmaligen Erfolg. Nur in dieser Episode wird der Autorenname bereits im Vorspann genannt – prominent unmittelbar nach dem Folgentitel.

  • Foren-Beitrag von Gubanov im Thema

    Zitat von Ray im Beitrag #32
    "Tote schlafen besser" erscheint im April bei Pidax. Hoffentlich bringt das Label auch den (wesentlich besseren) "Fahr zur Hölle, Liebling" heraus...

    Auch "Fahr zur Hölle, Liebling" soll kommen, Anfang Juli. Kurioserweise allerdings nicht bei Pidax, sondern bei Filmjuwelen.
    https://alive-ag.de/gesamtkatalog/20484/...ewell-my-lovely
    https://alive-ag.de/gesamtkatalog/20485/...ewell-my-lovely

  • Foren-Beitrag von Gubanov im Thema

    Ich habe mit Belmondo noch "Der Profi" und den älteren Film "Der Teufel mit der weißen Weste" vorliegen und mir zudem jetzt noch "Der Coup" bestellt, der sich sehr gut anhört. Bin gespannt!

  • Foren-Beitrag von Gubanov im Thema

    So mag es auch gemeint gewesen sein, aber es gibt eigentlich wie bei geschriebenen Whodunits auch bei Kriminalfilmen einen ausdrücklichen Konsens darüber, dass mit dem Zuschauer fair umgegangen muss, damit dieser in der Lage ist, den Mörder zu finden. Das heißt, dass der Schurke zwar Lügen erzählen darf, diese aber nicht durch bildliche Rückblenden untermauert werden dürfen, weil der Zuschauer sonst gezwungen ist, sie für bare Münze zu nehmen. Jemandem beim Lügen zuhören, ist das eine. Die Lüge mit eigenen Augen sehen, das andere. Hitchcock kam für eine Verletzung dieser Regel 1950 bei "Die rote Lola" ins Kreuzfeuer der Kritik.

  • Foren-Beitrag von Gubanov im Thema



    Gespenster im Schloss (Sherlock Holmes Faces Death)

    Kriminalfilm, USA 1943. Regie: Roy William Neill. Drehbuch: Bertram Millhauser (Vorlage „The Adventure of the Musgrave Ritual“, 1893: Sir Arthur Conan Doyle). Mit: Basil Rathbone (Sherlock Holmes), Nigel Bruce (Dr. John Watson), Hillary Brooke (Sally Musgrave), Gavin Muir (Phillip Musgrave), Halliwell Hobbes (Butler Brunton), Dennis Hoey (Inspektor Lestrade), Arthur Margetson (Dr. Sexton), Milburn Stone (Captain Vickery), Vernon Downing (Clavering), Gerald Hamer (Langford) u.a. Uraufführung (USA): 17. September 1943. Erstsendung (DDR, 1. Synchronisation): 14. August 1969. Erstsendung (DDR, 2. Synchronisation als „Das tödliche Ritual“): 7. Februar 1981. Eine Produktion von Universal Pictures.

    Zitat von Gespenster im Schloss
    Auf dem Schloss Hurlstone Towers, wo Dr. Watson ein Sanatorium für Kriegsveteranen eingerichtet hat, soll es angeblich spuken. Während sich die Dorfbewohner noch Schauermärchen erzählen, wird auf Watsons Assistent Dr. Sexton ein Mordanschlag verübt. Auch der Herr des Hauses, Geoffrey Musgrave, findet ein jähes Ende. Die Erbfolge der Musgraves ist durch ein altes Ritual festgesetzt, dessen Bedeutung der hinzugezogene Sherlock Holmes erst erkennt, als sich die Ereignisse erneut fatal zuspitzen. Wer hat es auf die Familie Musgrave abgesehen – und mit welchem Motiv?


    Auch wenn durch das in Hurlstone Towers untergebrachte Soldatensanatorium ein minimaler Hauch von Kriegszeitgeist in „Gespenster im Schloss“ auszumachen ist, so markiert dieser Film doch die radikalstmögliche Kehrtwende gegenüber seinen drei Vorgängerproduktionen. Erneut zeichnete Bertram Millhauser fürs Drehbuch verantwortlich; im Gegensatz zur modernen und latent propagandistischen „Verhängnisvollen Reise“ reihte der Autor jedoch wie an einer Kette grob ausgeformte, weltentfremdete Gothic-Klischees altenglischen Schlossgrusels aneinander: den vielwissend umherschleichenden Butler, den unleidlichen Familienpatriarchen, einen angeblichen Familienfluch, das Flackern von Kerzen- und Kaminlicht, Gewitterstürme, eine etwas übersinnliche Mordserie und die nötige Dosis düsterer Kellergewölbe. Einige dieser Elemente wirken überaus reizvoll, zumal man sich (lose) auf eine von Sir Arthur Conan Doyles attraktivsten Kurzgeschichten beruft. In ihrer Gesamtheit erscheinen sie allerdings recht überkandidelt; die Verdichtung der Atmosphäre gelingt den „Gespenstern im Schloss“ nicht so galant wie anderen Filmen der Reihe, die weniger künstlich und aufgesetzt wirken.

    Ein wesentlicher Teil des etwas angestrengten Seheindrucks lässt sich auf Halliwell Hobbes und dessen schwache Verkörperung der zentralen Butler-Brunton-Rolle zurückführen. Bei Doyle ist Brunton ein verkapptes Genie; hier wird er als Horcher an der Wand und plumper Trunkenbold dargestellt. Leider sind auch die anderen Parts nur sehr flach ausgearbeitet, was sich insbesondere bei den Soldaten bemerkbar macht: Aufgrund ihrer Spleens treten Akteure wie Gerald Hamer, Vernon Downing und Olaf Hytten hier lediglich als Knallchargen in Erscheinung und kommen als ernsthafte Tatverdächtige nicht in Frage, sodass der Zuschauer kaum Auswahl für die Identität des letztlichen Haupttäters hat. Dieser erweist sich zu allem Überfluss als absolut farblose Figur, was durch die schöne Inszenierung der finalen Konfrontation zwischen ihm und Sherlock Holmes zumindest einigermaßen wettgemacht wird. Das Finale nimmt auch zeitlich relativ großen Raum ein und reißt den nicht zuletzt aufgrund mehrerer Logikmangel (die irreführende Rückblende, die dreizehnmal schlagende Uhr) sonst eher schwachen Gesamteindruck kräftig nach oben.

    Auch in anderen Belangen demonstriert Roy William Neill wieder seine Eignung als Regisseur dieser speziellen Reihe: Ihm gelingt bei allen Kaspereien eine solide Atmosphäre der Bedrohung und vor allem eine konzentrierte Regieführung, die alles Unwesentliche unter den Tisch fallen lässt. In vielen Szenen laufen mehrere wichtige Dinge konzentriert – teilweise parallel – ab, es wird auf ausführliche Ausschmückungen verzichtet und zentrale Kernszenen wie die zwei eindrucksvollen Rezitationen des Musgrave-Rituals (in der Szene mit dem Blitzeinschlag und bei der Rekonstruktion auf dem Schachbrett-Boden in der großen Schlosshalle) kommen hervorragend zur Geltung. Dem Raben im Dorfpub verlieh offenbar Walter Niklaus, der Sherlock-Holmes-Sprecher, seine Stimme – ein netter running gag. Watson wird durch seine Tätigkeit als Mediziner hier etwas ernsthafter dargestellt, wohingegen Dennis Hoey als Lestrade einen sehr peinlichen Auftritt absolviert. Alles in allem leider kein Höhepunkt der Rathbone-Reihe, sondern trotz eigentlich guter Ausgangslage wegen starker Konkurrenz höchstens ein Fall fürs untere Mittelfeld.

    Man nehme „Das Musgrave-Ritual“ und überlade eine bereits perfekt ausgetüftelte Story mit unnötigen Schauereffekten, die von Feinheiten des Falles sowie der Figurenzeichnung ablenken. Die ungeschickte Herangehensweise kostet den Fall leider einiges Prestige, was ebenfalls für den überreich dosierten Humor gilt. Universals Grusel-Erfahrung (der Film wurde in erprobten Horrorfilm-Kulissen gedreht) hilft da nur bedingt als Ausgleich.

  • Foren-Beitrag von Gubanov im Thema

    Auf den Tipp von @Ray hin und weil mir „Angst über der Stadt“ so gut gefallen hatte, habe ich mir einen weiteren Belmondo-Thriller gegönnt:



    Der Körper meines Feindes (Le corps de mon ennemi)

    Kriminalfilm, FR 1976. Regie: Henri Verneuil. Drehbuch: Henri Verneuil, Michel Audiard, Félicien Marceau (Romanvorlage, 1975: Félicien Marceau). Mit: Jean-Paul Belmondo (François Leclercq), Bernard Blier (Jean-Baptiste Liégard), Marie-France Pisier (Gilberte Liégard), Yvonne Gaudeau (Madame Liégard), Daniel Ivernel (Bürgermeister Victor Verbruck), Claude Brosset (Oscar), François Perrot (Raphaël di Massa), Nicole Garcia (Hélène Mauve), Elisabeth Margoni (Karine Dupart), Jean Turlier (La Roche-Bernard) u.a. Uraufführung (FR): 13. Oktober 1976. Uraufführung (BRD): 28. Januar 1977. Eine Produktion von Cerito Films und Andrea Films für A.M.L.F.

    Zitat von Der Körper meines Feindes
    Als François Leclercq nach sieben Jahren aus der Haft entlassen wird, findet er die Stadt Cournai verändert vor. Er sucht alte Bekannte auf, um das Verbrechen aufzuwickeln, für das er unschuldig im Gefängnis saß: den Mord an einem Fußballspieler und einer Bardame in jenem Nachtclub, den Leclercq damals selbst führte. Dabei zeigt sich, dass zwei Dinge in all den Jahren gleich geblieben sind: die Machtposition des lokalen Textilunternehmers Liégard und die Korruption politischer Kreise. Kann Leclercq die Tat trotzdem sühnen?


    In knappen zwei Stunden präsentiert „Der Körper meines Feindes“ die ausladende, als Krimi getarnte Lebensgeschichte des Protagonisten François Leclercq. Enthalten sind nämlich neben einem eher simpel konstruierten Doppelmord vor allem Elemente einer bittersüßen Romanze, eines beachtlichen Sozialaufstiegs mit Schattenseiten, sich nach vielen Jahren erneut kreuzender Lebenswege und einer lange wachsenden, ausgetüftelten Rache. Henri Verneuils Film präsentiert Jean-Paul Belmondos Leclercq-Figur dabei einerseits als gewinnenden einfachen Mann, dessen Handlungen man gerade in Hinblick auf das Unrecht, das ihm angetan wurde, gut nachvollziehen kann, verleiht ihr aber andererseits auch zweifelhafte, eher hemdsärmelige Qualitäten im typischen 1970er-Jahre-Antihelden-Stil. Auch wenn der Filmdienst Belmondo darstellerisch (vermutlich aus Neid wegen dessen anhaltender Popularität zur damaligen Zeit) „sichtlich überforder[t]“ sieht, so verfolgt man als Zuschauer seine Jagd auf die wahren Verantwortlichen nur umso gespannter.

    Denn nicht nur baut man rasch eine enge Beziehung zu Leclercq auf, die das Interesse an dessen Tour de Force in die eigene Vergangenheit zusehends befeuert; auch unterstützen Drehbuch und Regie diese Identifikation mittels einer großen Zahl von Rückblenden. Mühelos springt Verneuil durch die einzelnen Zeitebenen, die manchmal wichtige Schlüssel zum Verstehen des Mordfalles und manchmal nur nebensächliche Assoziationen oder Spuren ins Nichts beinhalten. Der Film gibt sich dadurch den Anschein, jederzeit den Gedanken seines Handlungsträgers zu folgen, und kommt auf natürlichem Wege zu mehreren Erkenntnismomenten. Vorwürfe, er gerate dadurch zusammenhanglos oder verwirrend, scheinen mir hingegen herbeigeredet. Wie bei französischen Krimis üblich, ist die Erzählweise eher getragen und der Plot recht komplex; aber wer gut aufpasst, wird auch von der großen Anzahl der Charaktere und der wechselnden Tempora nicht durcheinandergebracht werden.

    Auch über Belmondo hinaus genügt der Film vor und hinter der Kamera hohen Ansprüchen. Fotografisch gewinnt er von der selbstbewussten, hochprofessionellen Bildsprache des Stammkameramanns Jean Penzer; musikalisch wird diese sommerliche Schwere durch Francis Lais überzeugende, melancholische Töne ergänzt. Ein Mord wird sehr eindrücklich in Slow Motion gezeigt; hier und da kommen des Weiteren Off-Kommentare oder laut ausformulierte Gedanken zur Ansprache des Zuschauers zum Einsatz. An Belmondos Seite überzeugen Bernard Blier als skrupelloser Magnat (synchronisiert von Klaus Schwarzkopf) und Marie-France Pisier als kratzbürstige, letztlich aber selbst aufs Kreuz gelegte Tochter im goldenen Käfig. Pisier erinnert optisch an Jennifer O’Neill, behauptet sich aber in starken Szenen auf sehr eigenständige Weise, indem sie spannende (Wort-)Duelle mit dem vorlauten Belmondo eingeht und dabei auch unterschwellige Gefühlsregungen erkenntlich macht.

    Obwohl „Der Körper meines Feindes“ (die Titelübersetzung ist im Übrigen falsch – besser wäre „Die Leiche meines Feindes“) über eine sehr ernste Aussage und einen kritischen Grundtenor verfügt, versäumt der Film es nicht, die Zuschauer stellenweise auch mit lockeren Momenten bei der Stange zu halten. Darsteller wie Claude Brosset, Yvonne Gaudeau oder Pierre Forget demonstrieren komödiantisches Talent, ohne aufgesetzt oder unpassend zu wirken. Es ist gut, dass sich der Film solchen Momenten nicht verschließt, weil er damit in seiner lebensnahen Machart glaubwürdiger wird. Man hätte sich lediglich gewünscht, dass – gerade wenn man den Umfang des Streifens bedenkt – einige für die Mordgeschichte zentrale Charaktere (der Nachtklub-Kompagnon di Massa, der Fußballer Cojac, einige Erfüllungsgehilfen um Liégard, die Killer am Ende) detaillierter ausgearbeitet worden wären. Aber vielleicht verbergen sich auch Hinweise in diesem vielschichtigen Film, derer man erst beim zweiten Sehen vollends gewahr wird. Es wäre diesem prallem Füllhorn an Nachforschungen, Abgründen und Begegnungen durchaus zuzutrauen.

    Im Gegensatz zu einigen eher cop- oder actionlastigen Spielfilmen der 1970er Jahre verlässt sich „Der Körper meines Feindes“ ganz auf seine fein strukturierte, großteils in Rückblenden ausgegliederte und psychologisch sowie inhaltlich anspruchsvolle Figurendramatik. Mittels seines Sprachrohrs Belmondo lässt Verneuil viele kleine Ungerechtigkeiten Revue passieren, die spannend in Mord und Selbstjustiz münden. Nicht flott, aber gehaltvoll.

    (4 von 5 Punkten)

  • Foren-Beitrag von Gubanov im Thema



    Das Kriminalmuseum: Die Postanweisung

    Episode 37 der TV-Kriminalserie, BRD 1968. Regie: Helmuth Ashley. Drehbuch: Anne-Rose Katz, Fritz Böttger. Mit: Günter Pfitzmann (Kriminalkommissar Marquardt), Karl-Heinz Hess (Kriminalobermeister Lohmeier), Peter Thom (Horst Seewald), Käthe Braun (Anna Seewald), Olga von Togni (Frau Langenfeldt), Ulli Lommel (Jochen Benning), Karin Schröder (Christiane Mörsbach), Dagmar Heller (Moni von Wiese), Reinhard Kolldehoff (Peter Kronacher), Kurt Schmidtchen (Maler Blümlein) u.a. Erstsendung: 5. April 1968. Eine Produktion der InterTel fürs Zweite Deutsche Fernsehen.

    Zitat von Das Kriminalmuseum (37): Die Postanweisung
    Als sie den Keller im Haus ihrer Freundin Anna Seewald betritt, erhält Frau Langenfeldt den Schock ihres Lebens: Ein ausgeraubter Postbote liegt dort erschlagen am Boden. Sie informiert sofort die Polizei, die daraufhin mehr als genug verdächtige Personen im Hause Seewald ausmacht: Die Besitzerin ist im Afrika-Urlaub, ihr Sohn jedoch ein äußerst zweifelhafter Geschäftsmann, der das Geld des Boten gut hätte gebrauchen können. Zwei Maler verstricken sich ebenfalls in Widersprüche und zwei Studenten, die ein Zimmer im oberen Stockwerk bewohnten, sind kurz vor dem Überfall ausgezogen. Ist einer dieser Leute der Mörder?


    Zum zweiten Mal in Folge findet sich der „Kriminalmuseum“-Zuschauer in Berlin wieder, wo das Lokalkolorit insbesondere von Kurt Schmidtchen als Maler und Günter Pfitzmann als Polizist sowie von der typisch Grunewald’schen Straße vor dem Mordhaus Seewald bestritten wird. Insbesondere durch „Pfitze“, wie die Hauptstädter ihren „Doktor Brockmann“ nennen, gewinnt die Folge enorm, denn Ashley versteht es, neben der stringenten Verfolgung des Mordfalles auch das Ortstypische in süffisanter Form auszukosten. Das erinnert an manche urbayerische Episode mit Walter Sedlmayr zu Beginn der Reihe und strebt nun unter umgekehrten Umzeichen einem humorvollen Höhepunkt entgegen, als Kommissar Marquardt den Restaurantbetreiber Kronacher verhört (bzw. verhöhnt). Kronach ist nur eine Nebenfigur, aber Darsteller und Regisseur legen sich in dieser Szene mächtig ins Zeug, den unsoliden Gastronom durch den Kakao zu ziehen. Auch Pfitzmanns Zusammenspiel mit dem etwas vorbildlicheren Karl-Heinz Hess ist sehr ersprießlich; insgesamt hat man es mit einem der identitätsstiftendsten Polizeiduos beim „KM“ seit langer Zeit zu tun.

    „Die Postanweisung“ bleibt auch bei der Verfolgung des Raubmörders immer auf Trab, wenngleich man sich manchmal – vor allem am Tatort in der Waschküche – eine etwas unheimlichere Inszenierung gewünscht hätte. Das hätte die Folge vielleicht auf ein ähnliches Niveau gehoben wie Ashleys Anfangsbeitrag „Die Nadel“, an die man kurz denkt, wenn Olga von Togni vor der Seewald-Villa auf Narziss Sokatscheff trifft. Besonders von Togni demonstriert hier ihre Wandlungsfähigkeit, denn während sie oft als böse Hexe besetzt wurde, schlägt sie hier ausnehmend sympathische Töne an, wenngleich man merkt, dass sie die Hosen anhat, solange Anna Seewald im Urlaub ist. Die Männerrollen sind entsprechend schmalbrüstig besetzt – dennoch geht die Rechnung gut auf, da Ulli Lommel und vor allem Peter Thom gut zu den jeweils recht wankelmütigen Charakteren passen. Man merkt an Lommels Rolle zudem, dass „Die Postanweisung“ unterschwellige konservative Spitzen gegen die anno 1968 aufbegehrende Studentenwelt austeilt.

    Die Auflösung des Falles erfolgt ein bisschen zu zeitig; doch auch die letzten Minuten halten das Interesse noch aufrecht, weil man mit Pfitzmann darum bangt, ob es tatsächlich gelingt, dem Verantwortlichen einen stichhaltigen Beweis unterzuschieben bzw. ihm ein Geständnis zu entlocken. Anne-Rose Katz und Fritz Böttger präsentieren diesbezüglich eine simple, aber verblüffende Lösung, die für den Zuschauer ebenso überraschend kommt wie für den Delinquenten. Verbesserungsbedarf gibt es bei dieser Folge demnach nur bei wenigen Komponenten; was man geboten bekommt, ist bis auf einige offenkundige Studiobauten hochwertig, wenn auch etwas actionarm und dialoglastig.

    „Die Postanweisung“ ähnelt in ihrer Machart der „Reifenspur“ relativ deutlich: solide Fälle, aufgewertet durch bärenstarke Schauspieler und edle Milieus. Ashley inszeniert stellenweise sehr inspiriert, einfühlsam und amüsant, aber nicht unbedingt immer am Maximum des Spannungsbogens. 4 von 5 Postanweisungen.

  • Foren-Beitrag von Gubanov im Thema

    Zitat von Dr. Oberzohn im Beitrag #70
    Dieses Wissen im Zusammenhang mit einem guten Instinkt für Gefahr hat Holmes wohl dazu gebracht, den Mordanschlag vom Dach her vorauszusehen. Zwangsläufig ergeben hätte er sich nicht müssen.

    Im Zweifelsfall lieber einmal zu vorsichtig gewesen als von einem Stein erschlagen, wie der Fachmann sagt. Im Ernst: Es ist klar, dass den Sherlock-Holmes-Filmen einfach daran gelegen war, den Detektiv gut (= übermenschlich clever) aussehen zu lassen, sodass selbst die etwas windigen Schlussfolgerungen (z.B. auch die zuvor erwähnte Decken-Antiquitäten-Deduktion) natürlich zu Rathbones Gunsten alle aufgingen. Das sehe ich im Rahmen der traditionellen Detektivkrimi-Konventionen aber als absolut gerechtfertigt an.

    @patrick / @Uli1972: Die Jeremy-Brett-Serie lief meines Wissens nicht im ZDF, sondern im DDR-Fernsehen und den dritten ARD-Programmen. Im ZDF wurden in den Achtzigern auf jeden Fall die beiden Ian-Richardson-TV-Filme und die britisch-polnische Serie mit Geoffrey Whitehead ausgestrahlt.

  • Foren-Beitrag von Gubanov im Thema

    @Dr. Oberzohn: Die Logikpolizei hat hier erneut keinen Grund, einzugreifen. Holmes konnte den Anschlag auf ihn vom Dach der Pettibone-Wohnung aus vorherahnen, weil Holmes und Watson zuvor Schritte im Dachgeschoss gehört hatten, Mrs. Pettibone - die einzige Bewohnerin des Hauses - ihnen jedoch mitteilte, nicht dort gewesen zu sein. Folglich war einer der Verbrecher noch vor Ort, um sich des lästigen Schnüfflers zu entledigen. Um dann zu ahnen, welche Art von Anschlag geplant ist, muss man nicht unbedingt den 18 Jahre später gedrehten Film "Die seltsame Gräfin" gesehen haben.

    Was die Vorlage für "Verhängnisvolle Reise" angeht, so ist dieser Film sicher freier als die anderen Universals, die sich bisher mehr oder weniger lose auf jeweils eine konkrete Story stützten. Mich erinnerte die Jagd nach dem im Streichholzbrief enthaltenen Mikrofilm (oder wurde er doch unter die Briefmarke geklebt?) aber ein wenig an "Die sechs Napoleons" mit dem Perlenversteck, zumindest in der Ausgangssituation. Man verzichtete aber dankenswerterweise auf einen Credit dieser Geschichte, sodass man sie später noch einmal noch besser adaptieren konnte.

    Des Weiteren sind Sherlock Holmes' proamerikanische Aussagen nicht allein als Speichelleckerei im Propagandasinn zu werten, wie @patrick und du schreiben, sondern basieren tatsächlich auf der originalen Doyle-Figur und deren Bewunderung für die USA. In der Geschichte "Der adlige Junggeselle" geht der literarische Holmes sogar noch viel weiter, als nur alliierten Zusammenhalt zu beschwören:

    Zitat von Sir Arthur Conan Doyle: Die Abenteuer des Sherlock Holmes, Kein & Aber / Verlagsgruppe Weltbild, 2002, S. 288
    "Es ist mir immer eine Freude, einem Amerikaner zu begegnen, Mr. Moulton, denn ich gehöre zu denen, die daran glauben, dass die Torheit eines Monarchen und die Stümperei eines Ministers vor vielen Jahren unsere Nachkommen doch nicht daran hindern werden, eines Tages Bürger desselben weltweiten Landes unter einer Flagge zu sein, die den Union Jack und das Sternenbanner vereint."

  • Foren-Beitrag von Gubanov im Thema

    Zitat von Ray im Beitrag #238
    Ich hatte "Die Reiefenspur" irgendwie noch stärker in Erinnerung.

    Bei mir war es umgekehrt; ich habe im Vergleich zu meiner Erstsichtung noch einmal 0,5 Punkte obendraufgelegt. Was das obere Mittelfeld angeht, sind wir uns also auf jeden Fall einig und dann wohl auch darüber, dass man je nach Tagesverfassung sogar Tendenzen zur Spitzengruppe erkennen kann.

  • Foren-Beitrag von Gubanov im Thema

    Für mich war „Verhängnisvolle Reise“ nicht nur der erste Kontakt mit Basil Rathbone, sondern auch mit Sherlock Holmes überhaupt. Infolgedessen habe ich mir dann alle Geschichten und viele andere Rathbone-Filme besorgt. Mein Blick ist demnach vermutlich einigermaßen verklärt; aber ich liebe „Verhängnisvolle Reise“ bis heute.



    Verhängnisvolle Reise (Sherlock Holmes in Washington)

    Kriminalfilm, USA 1943. Regie: Roy William Neill. Drehbuch: Bertram Millhauser, Lynn Riggs (frei nach Sir Arthur Conan Doyle). Mit: Basil Rathbone (Sherlock Holmes), Nigel Bruce (Dr. John Watson), George Zucco (Richard Stanley), Marjorie Lord (Nancy Partridge), John Archer (Lieutenant Pete Merriam), Gavin Muir (Bart Lang), Edmund MacDonald (Grogan), Henry Daniell (William Easter), Gerald Hamer (John Grayson / Alfred Pettibone), Thurston Hall (Senator Henry Babcock) u.a. Uraufführung (USA): 30. April 1943. Erstsendung (DDR, Synchronisation): 28. August 1969. Eine Produktion von Universal Pictures.

    Zitat von Verhängnisvolle Reise
    John Grayson, ein Londoner Versicherungsangestellter, wird im Zug von New York nach Washington entführt. Sherlock Holmes übernimmt den Fall, weil Grayson in Wahrheit ein Detektiv war, der wichtige Geheimpapiere der Briten in die US-Hauptstadt liefern sollte. Die Dokumente sind wie vom Erdboden verschwunden – sowohl für die Verbrecher, die Grayson alias Pettibone kidnappten, als auch für Holmes und Watson. Immerhin sammelt Holmes Indizien, die darauf hindeuten, dass der findige Pettibone die Unterlagen auf Mikrofilm abkopiert hatte. Als die Gangster dem ebenfalls frisch in Washington angekommenen Sherlock Holmes den Leichnam seines Kollegen direkt ins Hotel liefern, setzt der Meisterschnüffler zu einem vernichtenden Schlag an, der ihn in ein zwielichtiges Antiquitätengeschäft führt ...


    Im Gegensatz zu den anderen Krimi-Filmreihen der 1930er und 1940er Jahre wie Charlie Chan und Mr. Moto, die für ihre Fälle um die halbe Welt reisten, ist Sherlock Holmes eigentlich ein örtlich fest in der Baker Street und ihrem Tagesreiseumkreis verankerter Charakter. Für die Universal-Produzenten bot folglich die seltene Gelegenheit, Holmes in „Verhängnisvolle Reise“ in den USA ermitteln zu lassen, nicht nur die Möglichkeit, die Atmosphäre gegenüber den beiden Vorgängerfilmen deutlich zu ändern, sondern auch zahlreiche günstige (Archiv-)Aufnahmen aus eigenen Landen einzustreuen. Diese erwiesen sich vor allem vom damaligen propagandistischen Standpunkt her als wertvoll, während der heutige Zuschauer eher das authentisch amerikanische Flair in Salonwagen, Hausparty und Antiquitätenshop lobend bemerken wird. Mit diesen ausgesuchten Schauplätzen schuf Roy William Neill einen sehr ansprechenden Kontrapunkt zum Hafenmilieu der beiden Vorgängerfilme. Washington scheint im Vergleich zu London außerdem eine kriegstechnisch recht heile Welt zu sein, sodass der zeithistorische Aspekt vergleichsweise stark in den Hintergrund rückt. Dies gilt umso mehr für die DDR-Synchronisation: Weil es möglich war, den Krieg mit dem Schnitt weniger Szenen komplett zu tilgen, handelt es sich hierbei um die einzige wirklich zeitaktuelle Rathbone-Ermittlung, die schon 1969 vom DFF eingedeutscht wurde. Nicht nur ist die deutsche Fassung noch ein bisschen temporeicher als die vollständige englische; auch macht sie aus dem einigermaßen vagen Macguffin der kriegsentscheidenden Papiere eine Giftformel, die den Verbrechern um Richard Stanley nicht in die Hände geraten soll.

    Eben dieser Hauptverbrecher Richard Stanley tritt erst im letzten Drittel des Films überhaupt in persona auf den Plan: Er ist ähnlich wie Professor Moriarty ein geschickter Gangsterboss, der die Fäden im Hintergrund spinnt und sich auf Helfershelfer verlässt, die sich die Hände für ihn schmutzig machen. Der Kreis schließt sich, wenn man bedenkt, dass Stanley von George Zucco, dem Moriarty aus „Die Abenteuer des Sherlock Holmes“ gespielt wird. Was Zucco an Spielzeit abgeht, gleicht er durch Entschlossenheit und ein diabolisches Funkeln in den Augen aus. Er spielt sich damit neben so klangvollen Namen wie Adrea Spedding und Giles Conover in den Olymp der Rathbone-Holmes-Gegner empor. Dabei scheitert Stanley an seinem Unterfangen, die gesuchten Papiere zu ergattern, einigermaßen tragisch, weil er sich des Besitzes der Dokumente gar nicht bewusst ist und sie folglich freiwillig an Sherlock Holmes zurückgibt. Eine genialere Form des den-Täter-mit-den-eigenen-Waffen-Schlagens ist mir noch selten in einem Krimi begegnet. Darüber hinaus ist es im vorherigen Verlauf des Films ein großes Vergnügen, den Weg des Mikrofilms durch diverse nichtsahnende Hände zu begleiten, während Holmes das kleine, aber wertvolle Versteck so verzweifelt sucht. Man merkt an diesem doppelbödigen Script, dass Autor Bertram Millhauser nicht nur ein Glücksfall für die Reihe, sondern auch selbst ein großer Sherlock-Holmes-Fan war.

    Das Zusammenspiel von Rathbone und Bruce entwickelt sich auf hohem Niveau weiter: Sie agieren völlig natürlich und freundschaftlich miteinander, was auch durch die gemütliche Stimme von Alfred Bohl in den älteren deutschen Vertonungen untermalt wird. Watson unterstützt seinen Freund mehrfach bei nützlichen Kleinigkeiten oder in brenzligen Situationen. Vom detektivischen Standpunkt besonders überzeugend gerät die Szene in der Pettibone-Wohnung, wo Holmes aufgrund einiger Gegenstände fast den kompletten Plan enttarnen kann. Dieser hitchcock-artige Wissensvorsprung sorgt für einen reiz- und spannungsvollen Filmverlauf, wozu auch markige Besetzungen der Nebenrollen beitragen. Man bediente sich sowohl immer wiederkehrender contract actors wie Gerald Hamer, Gavin Muir, Henry Daniell oder Holmes Herbert als auch einmaliger novelties wie screamqueen Marjorie Lord oder Thurston Hall als Politikercharge. Ein Debüt feierten auch die Versuche – ähnlich den eingangs erwähnten Filmreihen – exotische Motive in die Reihe einzubringen. So ist das Hauptquartier des Schurken mit eindrucksvollen ägyptischen Devotionalien, z.B. einem prächtigen Sarkopharg, ausgestattet, welche der Figur eine zusätzliche verschlagene Qualität verleihen.

    Schauplatz und Stimmung heben sich deutlich vom Rest der Reihe ab. „Verhängnisvolle Reise“ erhebt dabei sein US-Setting nicht zum Selbstzweck, sondern lässt das britische Detektivduo auf eine hochinteressante Jagd nach der sprichwörtlichen Stecknadel im Heuhaufen gehen. Rathbone und Bruce geraten dabei an einen formidablen Gegner, gehen jedoch selbstverständlich siegreich und moralfördernd aus dem letzten Holmes-Kriegszeit-Duell hervor.

  • Foren-Beitrag von Gubanov im Thema



    Die Heuchler – Wachtmeister Müllers großer Fall (Die Gejagten)

    Kriminalfilm, CH / BRD 1960/61. Regie: Max Michel. Drehbuch: Alfred Bruggmann, Werner Marti, Victor Trivas (Romanvorlage „Die Gejagten“, 1953: Walter Blickensdorfer). Mit: Heinrich Gretler (Kriminalwachtmeister Müller), Claude Farell (Frau Reichle), Heinz Woester (Bankdirektor Meier), Pierre Dudan (Dr. Amsler), Elisabeth Roth (Frau Dr. Amsler), Charles Ferdinand Vaucher (Architekt Häuptli), Helen Vita (Alvine Dünki), Jean-Jacques Weiss (Dr. Kunz), Franz Matter (Titus Zangger), Paul Bühlmann (Mötteli) u.a. Uraufführung (CH): 11. April 1961. Uraufführung (BRD): 12. Mai 1961. Eine Produktion der Urania-Filmproduktion Zürich im Sphinx-Filmverleih Zürich.

    Zitat von Die Heuchler – Wachtmeister Müllers großer Fall
    Zu viert gingen sie auf die Jagd; nur zu dritt kehrten sie wieder zurück: Die Leiche des vierten Mannes, des Gemeindevorstehers Reichle, finden der Arzt Amsler, der Bankdirektor Meier und der Architekt Häuptli erst einige Stunden später mitten im Wald. Ein Schuss tötete ihn. Wachtmeister Müller findet heraus, dass alle drei Herren und noch einige mehr ein Motiv gehabt hätten, Reichle umzubringen. Der angesehene Herr ging nämlich verschiedenen schmutzigen Geschäften nach – darunter Frauengeschichten, Erpressung und Grundstücksschieberei ...


    „Unfall oder Selbstmord?“ fragen die Jagdgesellen, als sie ihren Kumpanen erschossen im Wald liegen sehen. Erst die Kegelbrüder kommen darauf, dass es vielleicht auch Mord sein könnte. In diese gemütliche, vom kriminalistischen Standpunkt fast schon naive Welt bricht das Ableben des Ortsvorstehers Reichle wie ein unerhörter Schlag hinein. Zwar waren die Schweizer bereits durch die Wachtmeister-Studer-Fälle von Friedrich Glauser und durch „Es geschah am helllichten Tag“ in gewissem Maße morderprobt; eine so umfangreiche Krimikultur wie anderen Teilen Europas kann dem gemütlichen Alpenvolk aber nicht zugesprochen werden. So geht alles eine Spur gemütlicher zu, und die erste Frage, die der Wachtmeister am Tatort stellt, ist, ob es in der Nähe denn kein Wirtshaus gäbe.

    Eben jenen Ermittler stellt Heinrich Gretler mit maigret-ähnlichen Zügen als gesetzten Stoiker dar, als rauen, aber liebenswerten Fels in der Brandung, der anstatt einer Pfeife gern Zigarren raucht, sich hintergründige Gedanken macht und sie den Verdächtigen dann unumwunden auf den Kopf hin zusagt. Da Gretler bereits den Studer in den Romanverfilmungen von 1939 und 1947 gespielt hatte, bauten die Autoren zudem noch eine niedliche Szene ein, in der Müller versehentlich Studer genannt wird und darauf verständnisvoll reagiert – schließlich sei er schon oft mit ihm verwechselt worden. Diese Seelenruhe Gretlers strahlt auf den gesamten Film aus, der nicht zuletzt deshalb ein wenig „aus der Zeit gefallen“ wirkt. Im Gegensatz zum eifrigen Maigret, bei dem man Superlative heranziehen musste, bearbeitete Gretlers Wachtmeister Müller (wie schon der Titel verrät) vermutlich nur einen einzigen „großen Fall“.



    Die anderen neben Gretler auftretenden Darsteller sind auch zumeist schweizerischer Herkunft. Ihr Spiel wirkt manchmal etwas hölzern; allerdings sind die wesentlichen Verdächtigencharaktere Meier, Amsler und Häuptli sehr facettenreich und einprägsam. So tut es dem Rätsel überhaupt keinen Abbruch, dass man im Wesentlichen „nur“ zwischen diesen drei Optionen wählen kann. Ergänzt wird das Ensemble durch Claude Farell, die als Frau des Toten für Mitleid und Getuschel sorgt. Demgegenüber ist nicht ganz klar, weshalb Helen Vita als Reichles Liebschaft eine derart prominente Nennung im Vorspann und sogar eine übergroße Abbildung auf dem Filmplakat erhielt. Ihre Rolle ist auf eine Szene beschränkt, was auch besser ist, da sie die polizeibekannte Mätresse ganz in ihrem Stil weit ins Parodistische überzeichnet.

    Sowohl die Ausstattung des Films als auch der hohe Anteil an Außenaufnahmen – viele davon am Tatort im Wald, teilweise bei Nacht und / oder Nebel – sprechen eine hochwertige Sprache. Leider wirkt die musikalische Untermalung, die nur aus Jagdhornklängen besteht und in einigen Spannungsmomenten gänzlich fehlt, weniger gelungen. Sie hätte die Schlinge, die Müller langsam um die drei Jäger zuzieht, welche selbst zu den titelgebenden „Gejagten“ der Romanvorlage werden, noch besser verdeutlichen und damit zu einem noch stabileren Spannungsbogen beitragen können. Dennoch geht am Ende alles auf, weil der Film nicht nur mustergültig in seiner Whodunit-Struktur ist, sondern die Täterfrage sogar noch besonders effektiv im Rahmen einer Mordrekonstruktion auflöst. Da blickt man über einige Ungeschicktheiten, zu denen auch der eher plumpe Tod des Hauptschurken und die Schlussszene im Fußballstadion gehören, milde hinweg.

    Zweieinhalb Jahre nach „Es geschah am helllichten Tag“ gelang Heinrich Gretler eine zwar sicher nicht an den Suspense-Faktor dieser Dürrenmatt-Geschichte, wohl aber an die schweizerische Gemütlichkeit seiner früheren Studer-Auftritte anknüpfende Mordermittlung, die den Zuschauer selbst zum Detektiv werden lässt. Aus drei Verdächtigen den richtigen herauszupicken, ist in diesem Fall eine lohnende Aufgabe mit echtem, teilweise etwas ungelenkem Retro-Charme. 4 von 5 Punkten.

  • Foren-Beitrag von Gubanov im Thema

    Vielen Dank für diese spannenden Querverbindungen. Dass das übliche Ringelmann-Team hier ein paar Mal tüchtig aufgemischt wurde, tut dem späten "Kriminalmuseum" sehr gut. Die Folgen 36-39 wirken hochwertig und frisch und polieren den Eindruck der letzten Serienphase nochmal gehörig auf.

  • Rückblick 2019Datum01.01.2020 12:20
    Foren-Beitrag von Gubanov im Thema

    Teil 3 des Rückblicks 2019: Lohnenswerte DVD-Veröffentlichungen

    Meine DVD-Profiler-Liste umfasst für das Jahr 2019 43 relevante DVD-Veröffentlichungen, wobei mir einzelne entgangen sein mögen. Auch Blu-rays habe ich nicht gelistet; diesbezüglich sind andere User besser informiert. Als knapper Überblick hier nun die für meine Begriffe wichtigsten Releases, geordnet nach den dafür verantwortlichen Labels:

    Pidax-Film

    • Bulldog-Drummond-Collection – Volumes 1 und 2 (1937-39)
    • Charlie-Chan-Collection – Volumes 3 bis 6 (1940-46)
    • Interpol (1963-67, TV)
    • Agatha Christie: Die Morde des Herrn ABC (1965)
    • Neun im Fadenkreuz (1971)
    • Tod auf der Themse (1972, TV)
    • Die Abenteuer von Sherlock Holmes und Dr. Watson – Volumes 1 bis 3 (1981-87, TV)
    • Mord ist ihr Hobby – Spielfilm-Collection Volume 1 (1997-2000, TV)
    Fernseh- und Filmjuwelen
    • Liebe 47 (1949)
    • Der Prozess wird vertagt (1958)
    • Edgar Wallace: Der Rächer (1960)
    • Bankraub in der Rue Latour (1961)
    • Edgar Wallace: Sanders und das Schiff des Todes (1964)
    • Edgar Wallace: Das Rätsel des silbernen Dreiecks (1965/66)
    • Edgar Wallace: Die Pagode zum fünften Schrecken (1967)
    • Rex Stout: Nero Wolfe Gesamtedition (1979-81, TV)
    daredo / Artkeim / UCM.One
    • Das Todeshaus am Fluss (1950)
    • Der Mann, den keiner kannte (1957)
    • Die Tote von Beverly Hills (1963/64)
    Nameless / WVG Medien
    • Das Quiller-Memorandum (1966)
    Telamo / Warner Music / CBS
    • Perry Mason: Die besten Filme – Volumes 1 bis 3 (1985-93, TV)
    Während die umfangreiche und in den meisten Fällen auch hochwertige Liste zwar so manchen Grund zur Freude bietet, zeigt sie auch, dass die Bemühungen, Filmklassiker noch auf physischen Medien herauszubringen, sich mittlerweile im Wesentlichen auf Pidax und Filmjuwelen beschränken. Labels, die in den letzten Jahren ebenfalls noch häufiger mitmischten (wie etwa Koch Media oder Icestorm), haben ihre Tätigkeiten entweder zurückgefahren oder unvorteilhafte Titel ausgewählt.

    Filmbücher habe ich mir 2019, wenn ich mich recht entsinne, kaum gekauft. Nur im Hitchcock- und Noir-Bereich, aber die sind mangels Sichtungen noch gar nicht richtig zum Einsatz gekommen.

  • Foren-Beitrag von Gubanov im Thema

    Zum Jahresbeginn hier ein sehr gelungener Ausflug ins „Kriminalmuseum“. Ich wette, dass das Jahr 2020 nicht alt werden wird, bevor wir mit der Serie durch sind – es macht wirklich Spaß, sie wiederzuentdecken.



    Das Kriminalmuseum: Die Reifenspur

    Episode 36 der TV-Kriminalserie, BRD 1968. Regie: Rudolf Jugert. Drehbuch: Inge Dorsky, Hans Maeter. Mit: Horst Tappert (Friedrich Groth), Gisela Uhlen (Elisabeth Bernardi), Margit Saad (Anna Groth), Christian Rode (Kriminalkommissar Wolters), Krikor Melikyan (Kriminalmeister Fiedler), Jürgen Draeger (Peter Roland), Paul Edwin Roth (Georg Frick), Frank Nossack (Felix Horn), Marianne Pohlenz (Frau Horn), Erich Fiedler (Konsul Hannes Riemer) u.a. Erstsendung: 2. Februar 1968. Eine Produktion der InterTel fürs Zweite Deutsche Fernsehen.

    Zitat von Das Kriminalmuseum (36): Die Reifenspur
    Ihrem gesamten Umfeld ist die sture, herausfordernde Art von Anna Groth ein Dorn im Auge: Während ihr Mann, ein Modeschöpfer, mit edlen Stoffen und modernen Schnitten seine Kundinnen umschmeichelt und sich zudem auf Frau Bernardi als seine rechte Hand verlässt, bricht Anna zu jeder sich bietenden Gelegenheit einen Streit vom Zaun. An einem Abend scheint sie jemanden so gereizt zu haben, dass derjenige sie kurzerhand überfährt. Die Reifenspuren am Tatort geben der Polizei nicht nur Aufschluss darüber, dass der Täter in vorsätzlicher Mordabsicht handelte, sondern schränken zudem den Verdächtigenkreis auf wenige Angehörige und den Sohn einer Feinkosthändlerin ein ...


    Dass Modeateliers einen angemessenen Raum für zu Morden führende Eifersüchteleien bieten, hat der geneigte Zuschauer schon 1964 in Mario Bavas Proto-Giallo „Blutige Seide“ miterleben dürfen. In Rudolf Jugerts Anlauf an dieses Thema im Rahmen der „Kriminalmuseum“-Reihe geht es freilich etwas gesitteter zu, aber gerade dieser Hauch vornehmer Zurückhaltung macht „Die Reifenspur“ zu einem sehr angenehmen Fall, der gut gealtert ist und den man sich immer wieder anschauen kann. Gemeinsam mit dem eher bodenständigen Kommissar Wolters und seinem frechen, berlinernden Assistenten Fiedler taucht man in eine schöne Scheinwelt der Konventionen und Angeberei ein, in der das von Anna Groth an den Tag gelegte Fehlverhalten kurzerhand mit dem Tode bestraft wird, um eine angemessene Ordnung wiederherzustellen. Entsprechend findet man auf Seite der Verdächtigen einige namhafte Stars, während die Polizisten mit zurückhaltenden, aber fein abwägenden Nobodies – Christian Rode und Krikor Melikyan – besetzt sind.

    Horst Tappert überbrückt als Modedesigner Friedrich Groth die Durststrecke zwischen seinen eleganten Rollen in „Die Gentlemen bitten zur Kasse“ und „Derrick“. Während er bei Edgar Wallace als Raufbold oder lakonischer Zupack-Kommissar besetzt wurde, darf er hier stilbewusst, aber eiskalt auftreten – eine Kombination, die den Verdacht rasch auf ihn lenkt. Die Polizisten hängen den gleichen Gedanken nach und folglich den Mantel von Anna Groth während der Befragung ihres Mannes gut sichtbar in ihrem Büro auf, obwohl (oder gerade weil) dieser eine verräterische schwarze Reifenspur quer übers linke Schulterblatt trägt. In der Reaktion auf diese gezielte Provokation ist Tapperts Spiel ebenso stark wie bei der Beerdigung seiner Gattin, welche Rudolf Jugert in schöne Bilder auf dem Berliner Waldfriedhof Dahlem kleidete. Dort findet der geneigte Filmfan nicht nur die Szenerie dieser „KM“-Folge weitgehend unverändert vor, sondern kann mittlerweile auch die Gräber so renommierter Filmleute wie Karl Anton, Blandine Ebinger, Hans Epskamp, Curth Flatow, O.E. Hasse, Klaus Höhne, Harald Juhnke, Hilde Körber, Wolfgang Lukschy, Wolfgang Schleif oder Camilla Spira besuchen – ein Ausflug lohnt sich.

    Eine weitere Größe des alten deutschen Kinos, Gisela Uhlen, brilliert als Geheimnisträgerin Elisabeth Bernardi, die ganz unter Friedrich Groths Einfluss steht. Aber auch gern gesehene Fernsehgesichter wie Jürgen Draeger oder Paul Edwin Roth dürfen kurze Auftritte absolvieren, was ihnen im Zusammenspiel mit der fordernden Margit Saad gut gelingt. Für eine weitere Täteroption im Stil von „Die Ansichtskarte“ sorgten Dorsky und Maeter mit dem sich in Falschaussagen verstrickenden Feinkosthändlersohn. Es ist also auch um den Mitratefaktor gut bestellt; ebenso wie um den Erzählfluss der Folge, die ähnlich wie „Das Goldstück“ stark von der Kürzung auf alte „KM“-Laufzeiten profitiert. Ob die Ermittler am Ende etwas Ernsthaftes gegen den Täter in der Hand haben, sei dahingestellt: Bei einer weniger kooperativen Mörderfigur würden sie vermutlich auf Granit beißen. Aber selbst in dieser Hinsicht gibt sich „Die Reifenspur“ sehr gentleman-like.

    Ein allseits verhasstes Opfer, eine im Rahmen der Serie lange nicht mehr zum Einsatz gekommene Mordmethode und ein spannender Ermittlungsteil mit guten Leistungen der Beamten und Verdächtigen – „Die Reifenspur“ lässt wenige Wünsche offen. Rudolf Jugert mischt den hochwertigen Stil seiner alten Dramen mit einem Gespür für solide, moderne Krimiunterhaltung und es ist direkt schade, dass er nur einmal auf dem Regiestuhl fürs „Kriminalmuseum“ saß. 4,5 von 5 Reifenspuren.

  • Rückblick 2019Datum01.01.2020 11:18
    Foren-Beitrag von Gubanov im Thema

    Du hattest deinen Marathon mit sporadischen Kommentaren im "Kommissar"-Thread begleitet. Die reichen aber nur bis "Tod eines Hippiemädchens". Die ganze Reihe zusammengenommen: Was waren für dich die stärksten (und schwächsten) Folgen?

  • Rückblick 2019Datum31.12.2019 18:45
    Foren-Beitrag von Gubanov im Thema

    Teil 2 des Rückblicks 2019: Beste Neuentdeckungen

    Zwischendurch ergaben sich auch zahlreiche Neusichtungen, die sich im Vergleich mit den bekannten Filmen und Serien aber weiter streuten und nicht so stark auf bestimmte Themengebiete konzentrierten. Während ich in anderen Jahren gezielt tief in einzelne Genres (Gialli, Noirs oder Vor-45er-Krimis) eingestiegen bin, habe ich mich dieses Jahr eher wie aus einer vielfältigen Pralinenschachtel bedient. Die Entdeckungen können sich aber trotzdem, wie ich finde, sehen lassen:

    Platz 8: Rommel ruft Kairo (1958/59)
    Kriegs- trifft Unterhaltungsfilm. Auch wenn „Rommel ruft Kairo“ zu Zeiten des Zweiten Weltkriegs spielt, haftet ihm eher der Nimbus eines großen Abenteuers an, was vielleicht historisch nicht ganz korrekt, aber sehr kurzweilig ist. Unterstrichen wird die positive Wirkung durch das Auftauchen zahlreicher beliebter Darsteller (Hoven, van Eyck, Tiede, Klinger) und eine luftige Inszenierung im hochwertigen Spät-50er-Stil, obwohl es sich um einen Film einer eher unbekannten Produktionsfirma handelt.

    Platz 7: Italienische Thriller
    Den Giallo-Begriff fasste ich dieses Jahr besonders weit, um wenigstens ein paar der italienischen Gruselfilme in mein Filmtagebuch aufnehmen zu können. Neben der wiederholten Sichtung meiner absoluten Genre-Lieblinge „Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe“ und „Der Mann ohne Gedächtnis“, erwiesen sich die Spaghetti-Thriller dieses Jahr daher als sehr bunte Mischung vom Historiendrama bis hin zum typischen Serienkiller. – Anspieltipps: My Dear Killer (1971/72), Die Rache bin ich (1977), Die nackte Bourgeoisie (1977/78)

    Platz 6: Wer erschoss Boro? (1986/87)
    Wer wie ich eine innige (platonische!) Beziehung mit Herbert Reinecker eingegangen ist, für den ist jede Neuentdeckung eines Films mit Reinecker-Drehbuch ein kleines Weihnachtsfest. „Wer erschoss Boro?“ enttäuschte mich in dieser Hinsicht nicht, denn die Handschrift des Autors ist unverkennbar und auch sonst erinnert bei diesem Rate-Mehrteiler mehr an „Derrick“ als an „Dem Täter auf der Spur“. Ich fühlte mich entsprechend sofort wohl, genoss die für Ringelmann typische Besetzung und Machart und fragte mich, warum ich „Boro“ nicht schon viel eher gesehen habe.

    Platz 5: Komödien mit Louis de Funès
    Komödiantisch ganz weit vorn ist man immer mit den Filmen des kleinen französischen Springteufels. De Funès drückte den Filmen stets seinen ganz persönlichen Stempel auf, sodass man sich meist schon vorab vorstellen kann, was man geboten bekommen wird. Ganz besonders sagen mir natürlich diejenigen Auftritte zu, die die Grenze zur Kriminalkomödie überschreiten; aber auch Louis’ Begegnung mit dem sonst eher gescheuten Scifi-Thema Außerirdische war für mich einer der lustigsten Momente vor dem Fernseher in diesem Jahr. – Anspieltipps: Hasch mich, ich bin der Mörder! (1971), Louis und seine außerirdischen Kohlköpfe (1981)

    Platz 4: Ballon (2017/18)
    Im aktuellen deutschen Kino bewege ich mich extrem selten, aber dieses Jahr habe ich sogar zwei solche Produktionen sehr wohlwollend für mich entdeckt. Eine davon war „Ballon“ – ein Film, der auf sehr engagierte Weise die wahre Geschichte zweier Familien nachstellt, die mit einem Heißluftballon aus der DDR fliehen wollen. Michael Herbig gelang eine fast schon lückenlose Aneinanderreihung hochspannender Momente, die zudem in schöne Bilder eingefangen wurden.

    Platz 3: Französische Thriller
    Vorgenommen hatte ich mir für 2019 eigentlich eine ausführlichere Werkschau der Henri-Georges-Clouzot-Thriller. Weit gekommen bin ich nicht damit, aber einer der betreffenden Filme entpuppte sich dennoch als voller Erfolg, ebenso wie der Gesichtsverpflanzungshorrorfilm von Georges Franju. Beide Filme sind in funkelndes Schwarzweiß gekleidet, aber französische Krimis sehen in allen Jahrzehnten einfach toll aus. – Anspieltipps: Der Rabe (1943), Augen ohne Gesicht (1959/60), Neun im Fadenkreuz (1971)

    Platz 2: Der blonde Tiger (1949)
    Nur sehr wenige Films Noirs habe ich 2019 gesehen. Einer von ihnen beeindruckte mich jedoch nachhaltig: „Der blonde Tiger“ (Too Late for Tears). Die Handlung ist innovativ und so rabenschwarz wie nur in wenigen Vertretern des Genres. Sie zeigt, wie sich in scheinbar harmlosen Personen kriminelle Kräfte entwickeln können, wenn es dem eigenen Vorteil gereicht. Die von mir zuvor eher unterschätzte Lizabeth Scott liefert eine brillante Vorstellung als mustergültige Femme fatale.

    Platz 1: die letzten 15 „Derrick“-Episoden
    Er muss nochmal auf Platz 1: Stephan Derrick, das kriminalistische Aushängeschild der goldenen BRD-Jahre. Ich habe es 2019 tatsächlich geschafft, meinen „Derrick“-Marathon zu Ende zu laufen und habe dies von Anfang bis Ende mit Freude getan. Horst Tappert und Fritz Wepper waren ein großartiges Team und auch Ringelmann und Reinecker muss großer Dank für ihren langen Atem ausgesprochen werden. Die Fälle waren nicht immer die zackigsten, aber hatten stets ein sonst selten gesehenes Niveau, das daher herrührt, dass Herbert Reinecker seine Prestige-Serie immer auch als Lebensratgeber verstand. – Anspieltipps: Fundsache Anja (1997), Pornocchio oder: Die zerbrochene Geige (1997), Herr Kordes braucht eine Million (1998), Mama Kaputtke (1998)

  • Rückblick 2019Datum31.12.2019 11:34
    Foren-Beitrag von Gubanov im Thema

    Zitat von Count Villain im Beitrag #6
    Adelheid und ihre Mörder

    Cool! Guckst du von DVD? Läuft bei dir die erste Disc der zweiten Staffel durch? Ich hatte leider mehrere gescheiterte Anläufe mit der Folge "Mord mit Monogramm".

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