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  • Bewertet: "Der Alte"Datum09.07.2020 10:00
    Foren-Beitrag von Gubanov im Thema Bewertet: "Der Alte"



    Der Alte: Pensionstod

    Episode 28 der TV-Kriminalserie, BRD 1979. Regie: Zbynek Brynych. Drehbuch: Bruno Hampel. Mit: Siegfried Lowitz (Erwin Köster), Michael Ande (Gerd Heymann), Jan Hendriks (Martin Brenner), Wolfrid Lier (Robert Romin), Erni Singerl (Elsa Romin), Arthur Brauss (Klaus Jagert), Panos Papadopulos (Tassos Dorakis), Mascha Gonska (Nana Dorakis), Karl Walter Diess (Morgenroth jun.), Alexander Golling (Morgenroth sen.) u.a. Erstsendung: 15. Juni 1979. Eine Produktion der Neuen Münchner Fernsehproduktion fürs Zweite Deutsche Fernsehen.

    Zitat von Der Alte (28): Pensionstod
    Sein neues Rentnerleben kann Robert Romin nicht so recht genießen – erst recht nicht, wenn ein Trupp seiner ehemaligen Werkstatt unter Leitung seines früheren Lehrlings Klaus Jagert auf dem Haus gegenüber Antennen anbringt. Romin langweilt sich zu Hause und ärgert sich zugleich darüber, dass Jagert, ein Frauenheld und Streithahn, nun im Betrieb das Sagen hat. Als Jagert kurz darauf in einem unbeobachteten Moment vom Dach gestoßen wird, stellt sich daher die Frage, ob Romin dafür verantwortlich ist – oder womöglich der griechische Gerüstbauer Dorakis, mit dessen Tochter Jagert gegen dessen Willen angebandelt hat ...


    Nach Zbynek Brynychs exaltiertem „Der Alte“-Auftakt mit „Der Spieler“ zeigt seine zweite Regiearbeit „Pensionstod“ nun, dass der Tscheche auch in der „Derrick“-Konkurrenzserie einigermaßen normal, dafür aber spannend, einfühlsam und ohne überflüssige Grotesken inszenieren konnte. Brynych setzte diesmal keine im wahrsten Sinne des Wortes „spielerischen“ Akzente, sondern hob mit einer Umsetzung genau jene Konflikte hervor, die das Drehbuch ihm vorschrieb: Enge, Bedrückung und ein Gefühl von Nutzlosigkeit in der Rentnerwohnung Romin, Schwindel, Höhenangst und Todesgefahr auf dem Dach des Mietshauses, wo die Antennenbauer für gerade einmal drei Programme Leib und Leben riskieren, sowie konzentrierte Ermittlungen im Anschluss ans Verbrechen, die Kommissar Köster bis zur Klärung des Sachverhalts wieder einmal keine Minute Ruhe lassen. Daraus erwächst ein stimmungsvolles, kleines Morddrama im Einfache-Leute-Milieu mit abwechslungsreicher Methode (Sturz vom Dach); und da das Mordopfer ein unangenehmer Geselle war, fiebert man mit den beiden Hauptverdächtigen durchaus mit.

    Die Darstellerriege setzt sich diesmal hauptsächlich aus altgedienten, immer wieder aufs Neue aus dem Hut gezauberten Recken der Ringelmann-Schmiede zusammen. Interessanterweise sorgt die Namensliste dennoch nicht für das erwartete Augenrollen, denn Bruno Hampel scheint die Figuren den Images der Schauspieler regelrecht auf den Leib geschrieben zu haben: Besonders positiv überrascht der ungewohnt große Auftritt von Wolfrid Lier, der zwar auch hier wieder triste Zwischentöne setzt, aber trotz seiner absolut spießigen, rechthaberischen und unzufriedenen Rentnerrolle irgendwie doch ein gewisses Maß an Sympathie erweckt. Sein Zusammenspiel mit Filmgattin Erni Singerl ist sehr stark und lässt teilweise Assoziationen zu den gesellschaftskritischen Rentnerkrimis von Herbert Reinecker aufkommen (nach dem Motto „der Mensch aufs Abstellgleis geschoben“). Die anderen Herren tun das, was sie üblicherweise immer getan haben: Arthur Brauss fährt im schmutzigen, egoistischen Balzmodus; Karl Walter Diess bringt auch in seine Nicht-Gangsterrolle den nötigen Schuss Arroganz und Zwielichtigkeit ein; Panos Papadopulos reißt stammelnd und schwitzend weit die Augen auf; und Henry van Lyck gibt mit schlecht angeklebtem Theaterbart eine Parodie auf den griechischen Gastarbeiter.

    Am spannendsten gestalten sich die Szenen am Tatort, was der tollen Kameraführung von Dietmar Graf und Peter Braunmüller zu verdanken ist. Sie lassen den Zuschauer die windige Höhe und die steile Neigung des Daches spüren und agieren sehr dynamisch mit ihrem Aufnahmeinstrument. Dazu klimpert Frank Duval einige luftig-lockere griechische Töne ins Ohr des Zuschauers, was ein hübscher Kontrast zur treudeutschen Kleinbürgerlichkeit ist, die die ganze Folge überschattet. Schwierigkeiten bereitet sich der Fall einzig durch einen überlangen Mittelteil, in dem die uninteressante Rolle der Nana Dorakis über Gebühr ausgewälzt und noch dazu von der schauspielerisch eher limitierten Mascha Gonska verkörpert wird. Ihre Rolle als Gastarbeitertochter ist aber zugegebenermaßen auch etwas undankbar, zumal sie sich mit ihrem genervten Ausruf „Ich denke Deutsch! Ich träume Deutsch!“ bei heutigen politisch korrekten Zuschauern keine Freunde machen dürfte.

    „Pensionstod“ illustriert mit Gespür für die Belange eines unterforderten Rentners, welche Probleme sich aus der Pensionierung und dem Nicht-mehr-gebraucht-Werden für Leute ohne Hobby ergeben. Dennoch steht der Todes-„Fall“ nicht im Abseits, sondern wird durch eine interessante Kombination mit zwei Verdächtigen bis zum Ende spannend gehalten. Das Drehbuch schlägt schließlich einen unerwarteten (und eher mittelmäßig gerechtfertigten) Haken, sodass die 28. Ermittlung des „Alten“ als eine vielleicht etwas prosaische, aber authentische Folge lange in Erinnerung bleibt. 4 von 5 Punkten.

  • "Derrick" oder: das andere KonzeptDatum08.07.2020 13:15
    Foren-Beitrag von Gubanov im Thema "Derrick" oder: das andere Konzept

    Wenn die Musik nicht gespielt wird, dürfte es schwierig sein, die Szene zu finden. Ich kann nur für mich sprechen, aber solche kleinen Szenen bleiben dann halt doch meist nicht hängen.

  • Na, dass unser Sprachen-Spezi @Georg die richtige Lösung findet, war eine Frage der Ehre. In der Tat handelt es sich um Nordfriesisch (im Speziellen um den Dialekt des Bökingharder Frasch). Auf Holländisch oder Dänisch gab es Wallace bestimmt schon längst.

    Schirmherren der nordfriesischen Übersetzung durch Muttersprachlerin Marie Tångeberg sind die Friisk Foriining und das Nordfriisk Instituut, in dessen Shop man das Buch auch bestellen kann. Dass es sich um eine Übersetzung von "Das Gasthaus an der Themse" handelt, haben sicher alle Mitleser erkannt.

    Zitat von Verlag Nordfriisk Instituut: Dåt Loschiir-Hüs bai e Thames


    Dåt Loschiir-Hüs bai e Thames

    Edgar Wallace (1875-1932) gehört zu den erfolgreichsten englischen Kriminalschriftstellern und gilt als „King of Thrillers“. Verfilmungen seiner Werke waren im Fernsehen der sechziger und siebziger Jahre richtige “Straßenfeger”. Die friesische Muttersprachlerin Marie Tångeberg hat sein Buch „Das Gasthaus an der Themse“ unter dem Titel „Dåt loschiirhüs bai e Thames“ ins Nordfriesische (Bökingharder Frasch) übersetzt und mit ausdrucksstarken Zeichnungen illustriert, es ist jetzt im Taschenbuchformat erhältlich.

    Das Buch handelt von Inspektor John Wade, welcher Nachforschungen über einen Bankeinbruch und einen Mord an einem Unbekannten anstellt. Die Spuren führen ihn zu dem berüchtigten "Gasthaus an der Themse". Die junge Lila Smith aber warnt den Inspektor vor einer Falle und ist plötzlich verschwunden. Wade geht verbissen den wenigen Spuren nach und macht dabei eine ebenso grausige wie überraschende Entdeckung.

    Der 200 Seiten lange Text gibt dem Leser die Möglichkeit, sich auf Friesisch in eine spannende Geschichte zu vertiefen und sich dadurch intensiv mit dieser Sprache zu beschäftigen. Zum Einstand trägt die Übersetzerin selber einen Abschnitt vor, das Video findet man hier.

    Das Buch wurde herausgegeben von der Friisk Foriining und erscheint im Verlag des Nordfriisk Instituut, mit finanzieller Unterstützung der Landesregierung Schleswig-Holstein über den Frasche Rädj / Friesenrat Sektion Nord.

    Verlag: Nordfriisk Instiuut
    Erscheinungsjahr: 2020
    Bindung: Paperback
    Umfang: 199 Seiten
    Preis: 9,90 €

    Link zum Weblooden des Nordfriisk Instituut


    Unter diesem Link kann man sich einen Auszug, vorgelesen von der Übersetzerin, anhören.

  • Bewertet: "Der Alte"Datum07.07.2020 10:00
    Foren-Beitrag von Gubanov im Thema Bewertet: "Der Alte"



    Der Alte: Der Auftraggeber

    Episode 27 der TV-Kriminalserie, BRD 1979. Regie: Theodor Grädler. Drehbuch: Detlef Müller. Mit: Siegfried Lowitz (Erwin Köster), Michael Ande (Gerd Heymann), Jan Hendriks (Martin Brenner), Heidelinde Weis (Gisela Herborn), Götz George (Martens), Peter Dirschauer (Bodo Sterz), Gaby Herbst (Anita), Henning Schlüter (Franz Millinger), Paul Hoffmann (Dr. Bessler), Liselotte Quilling (Hausdame) u.a. Erstsendung: 18. Mai 1979. Eine Produktion der Neuen Münchner Fernsehproduktion fürs Zweite Deutsche Fernsehen.

    Zitat von Der Alte (27): Der Auftraggeber
    Eine Bande von Kunstdieben überfällt unter dem Tarnmantel einer Lieferfirma begüterte Sammler in ihren Häusern und hält sie in Schach, bis die wichtigsten Stücke ins Fluchtfahrzeug verladen sind. So gingen auch die Maskierten vor, die den reichen Fabrikanten Dr. Herborn ausraubten. Nur löste sich in dessen Villa ein Schuss; Herborns Leichnam wird kurz darauf in die Rechtsmedizin überstellt. Seine Schwiegertochter gibt sich erschüttert und identifiziert auch einen der Täter, doch ihre Aussagen erweisen sich als unglaubwürdig. Derweil wird der andere Beteiligte ebenfalls umgebracht ...


    Mord im Hause eines reichen Industriellen – „Der Auftraggeber“ verspricht zunächst einen Fall alter Schule. Das erfüllt sich auch insofern, als die Gastrollen in dieser Theodor-Grädler-Folge wieder ausgezeichnet besetzt sind und sich Heidelinde Weis als beliebter Ringelmann-Gaststar im Zangengriff zwischen Siegfried Lowitz’ Verhören und Götz Georges Drohgebärden beachtlich schlägt. In immer wieder wechselnden eleganten Kostümen wirkt sie vielleicht schon eine Spur zu nobel für die von der hochwohlgeborenen Verwandtschaft verschmähte Angeheiratete, doch weil sie offenkundig mit gespaltener Zunge spricht, erhält ihre Rolle den Rätselfaktor gekonnt aufrecht. George präsentiert sich auf der anderen Seite als Tunichtgut, der aufgrund von Weis’ Aussage unter Tatverdacht steht. In kleineren Parts sind der zu selten verwendete Peter Dirschauer, eine schrecklich frisierte Gaby Herbst und ein eleganter Paul Hoffmann als greiser Familienanwalt zu sehen. Die nebenbei eingestreute Kinderrolle krankt allerdings leider im Gegensatz zu den erwachsenen Darstellern an Glaubwürdigkeit.

    Leider ist nicht alles an „Der Auftraggeber“ rosig: Pointierte Schnitte im Gedankensprung-Stil gaukeln Tempo vor, doch im Grunde genommen passiert nicht viel. Der anfängliche Überfall wird nie gezeigt, die schon von Beginn an unglaubwürdigen Aussagen von Gisela Herborn dafür einfach immer weiter in Zweifel gezogen, Martens abwechselnd verhaftet und freigelassen, der einige Jahre zurückliegende Tod von Herborn-junior nicht in den Fall eingebunden und damit auch nicht näher beleuchtet. Das ist nicht die einzige vergebene Chance: Auch die psychologisch interessante Anmerkung des Kindes, es erkenne in Kommissar Köster mit seinem blauen Mantel und seiner Brille den Mörder seines Großvaters wieder, wirkt in der Rückschau unerklärlich und unausgegoren. Charakterentwicklung findet kaum statt, wichtige Schritte der Ermittlungen werden teilweise redundant noch einmal bei Millinger vorgetragen, teilweise gänzlich übersprungen und plötzlich wie aus dem Nichts mit der Begründung „Ich habe mich erkundigt“ vorgetragen, als seien sie selbstverständlich. Detlef Müller scheint als Autor noch immer in der Findungsphase zu sein, sodass das zweite Kunst-Abenteuer des „Alten“ in unmittelbarer Folge bei Weitem nicht so sehr überzeugt wie das vorhergehende.

    Das führt dazu, dass „Der Auftraggeber“ trotz guter Vorzeichen eine eher vergessenswerte Folge ist. Sicher trägt Theodor Grädler daran eine Mitschuld. Seine Versuche, den etwas ungeschickten Plot z.B. mit einem weiteren Diebstahl und einer kurzen Hatz auf winterlichen Landstraßen aufzumöbeln, reichen unterm Strich nicht aus, sodass ein dialoglastiger, etwas verworrener Gesamteindruck zurückbleibt. Das ist zwar kein so ärgerliches Unterfangen wie manch missglücktes Experiment zu Serienbeginn, aber andererseits leider auch keine wirklich unterhaltsame Angelegenheit.

    Blasser Routinekrimi mit lobenswerter Besetzung der Hauptrollen, die gegen ein schwaches Drehbuch ankämpfen sowie gegen eine Regie, welche es versäumt, der Folge eine individuelle Besonderheit zu verpassen. 3 von 5 Punkten – damit fällt „Der Auftraggeber“ hinter die meisten Folgen aus dem ersten Viertel der Reihe zurück.

  • "Derrick" oder: das andere KonzeptDatum06.07.2020 18:14
    Foren-Beitrag von Gubanov im Thema "Derrick" oder: das andere Konzept

    Danke, @xwollsock, für die Blumen. Ich finde es super, wenn durchs Forum neue Tipps gegeben werden. Hoffe, das "Kriminalmuseum" gefällt dir.

    Zu den klassischen Ringelmann-Serien lassen sich Musiklisten online finden:

    https://kommissar-keller.de/literatur/filmmusik.htm
    http://www.derrick-fanclub.de/die-filmmusik/index.html
    http://kommissar-koester.de/musik%201-50.html

    Die Gruppe Grateful Dead wird leider nirgends erwähnt.

  • Thema von Gubanov im Forum Romane

    Bislang unbemerkt von uns im Wallace-Forum erschien im Mai 2020 "Dåt Loschiir-Hüs bai e Thames".

    1. (einfache Frage) Um welchen Roman handelt es sich?
    2. (schwierigere Frage) Um welche Sprache handelt es sich?

    PS: Googeln kann jeder.

  • Ennio Morricone gestorbenDatum06.07.2020 11:35
    Foren-Beitrag von Gubanov im Thema Ennio Morricone gestorben

    Ennio Morricone konnte Filmen zusätzliche Stimmungsebenen und atmosphärische Tiefen verleihen wie kaum ein anderer Komponist. Anbei seine forenrelevantesten Musikstücke:



  • Gaslicht: Eine ChronologieDatum05.07.2020 17:45
    Foren-Beitrag von Gubanov im Thema Gaslicht: Eine Chronologie

    An seinem Wiedereröffnungstag nach der Corona-Pause zeigte das Zeughauskino Berlin am 1.7. diesen schönen Film in Originalfassung. Er eröffnet die Filmreihe „Wohlbrück – Walbrook“ und wird am 6.9. noch einmal zur Aufführung kommen.



    Gaslicht (Gaslight)

    Thriller, GB 1940. Regie: Thorold Dickinson. Drehbuch: A.R. Rawlinson, Bridget Boland (Vorlage, 1938: Patrick Hamilton). Mit: Anton Walbrook (d.i. Adolf Wohlbrück) (Paul Mallen), Diana Wynyard (Bella Mallen), Frank Pettingell (E.G. Rough), Cathleen Cordell (Hausmädchen Nancy), Minnie Rayner (Köchin Elizabeth), Robert Newton (Vincent Ullswater), Jimmy Hanley (Cobb), Marie Wright (Alice Barlow), Aubrey Dexter (Häusermakler), Mary Hinton (Lady Winterbourne) u.a. Uraufführung (GB): 25. Juni 1940. Uraufführung (BRD): 31. August 1990. Eine Produktion von British National Films für die Anglo-American Film Corporation.

    Zitat von Gaslicht
    Zwanzig Jahre nach dem Mord an Alice Barlow zieht in das Haus am Pimlico Square 12 endlich wieder Leben ein: Die neuen Besitzer sind das Ehepaar Paul und Bella Mallen. Während Paul sehr korrekt auftritt, flößt das Haus seiner Frau Bella immer aufs Neue Angst ein: Seit dem Umzug plagen sie Anfälle von Vergesslichkeit und Kleptomanie; außerdem sieht sie das Gaslicht in ihrem Schlafzimmer flickern und hört Schritte aus dem abgesperrten Obergeschoss. Paul reagiert auf die Beunruhigung seiner Frau mit Unverständnis und Wut – dabei ist in Wahrheit er es, der ihre Dinge versteckt oder ihr hinterlistige Fallen stellt. Will er Bella in den Wahnsinn treiben? Was ist das Motiv für sein Vorgehen?


    Bei „Gaslicht“ handelt es sich um einen britischen Film aus den frühen Vierzigerjahren, der wiederum als Kostümdrama aus viktorianischen Zeiten angelegt ist. Die Chancen, eine solche Produktion heute entweder verstaubt oder – im gegenteiligen Extrem – affektiert zu finden, stehen hoch. Thorold Dickinson überrascht jedoch mit einem hochspannenden Ergebnis, das sich seine Aktualität ebenso bewahrt hat wie der auf dem Stoff basierende psychologische Fachbegriff des Gaslighting, einer Form der gezielten Manipulation eines (Ehe-)Partners, wie sie hier von Paul Mallen gegen seine Frau Bella ausgeübt wird. Wie Kostümfilme es eben so an sich haben, wirkt Pauls Bemühen, seine Frau in den Wahnsinn zu treiben, eher nostalgisch und wie aus einer anderen Welt gefallen als ernsthaft gruselig. Dank der präzisen Abbildung viktorianischer Ehrbarkeit mit einer dahinter verborgenen düsteren Schattenseite sowie der exzellenten Schauspielerleistungen nimmt man den gezeigten Psychoterror dennoch als ernsthafte Bedrohung wahr. Diese steigert sich im Laufe des Films in beträchtliche Höhen, sodass man im letzten Drittel des Streifens tatsächlich um Bella Mallens Wohlergehen bangt (zumal man sich anders als im zensurgeplagten Amerika eines Happy Ends nicht sicher sein kann).

    Pauls Methode, seiner Frau gleichzeitig geistige Umnachtung und Kleptomanie einzureden, sie mit diesen Anschuldigungen öffentlich bloßzustellen, sie jedes Außenkontakts zu berauben und hinter ihrem Rücken aus niederen Beweggründen eine Affäre mit dem Dienstmädchen einzugehen, weist ihn als Sadisten aus. Während das Publikum sein Spiel von Anfang an durchschaut, bemerkt Bella zunächst nicht, wie er sich im Geheimen als maliziöser Strippenzieher betätigt. Daraus ergibt sich der von Alfred Hitchcock stets als Merkmal guter Spannungsfilme geforderte Wissensvorsprung des Zuschauers, der die Hauptakteurin immer weiter in ihr Unheil laufen sieht und nichts gegen diese missliche Lage unternehmen kann. Dickinson charakterisiert Bella als schwache, für Einflüsterungen empfängliche Person, Paul hingegen als skrupellosen Strategen, dessen eigener Wahnsinn erst Stück für Stück enthüllt wird. Für Hauptdarsteller Adolf Wohlbrück war die Rolle des Schurken eine willkommene Abwechslung – er sprach davon, nicht einmal Shakespeare habe eine halb so schreckliche Figur erfunden.

    Zitat von Michael Omasta: Zweimal neben der Rolle. In: Wohlbrück & Walbrook. Wien: Synema, 2020. S. 58
    Walbrook spielt ihn als vergnügten, Walzermelodien vor sich hin pfeifenden Sadisten, der vor keiner Niedertracht zurückscheut. Dafür exemplarisch ist die Szene, in der Bella ihren ersten Zusammenbruch erleidet und sich schluchzend auf ihr Bett wirft: Mit der linken Hand bedeckt Walbrook / Mallen seine Augen – eine Geste tiefster Erschütterung –, während sein Blick darunter eiskalt kalkulierend bereits nach dem nächsten Gegenstand sucht, den versteckt zu haben er Bella unterstellen könnte. [...] Patrick Hamilton, auch bekannt als Autor des Stücks Rope [...] und des Romans Hangover Square [...], war über die Besetzung Walbrooks zunächst keinesfalls begeistert. Er hatte die Rolle nicht für einen „Deutschen“ geschrieben, sondern es handelte sich dabei um einen Engländer namens Jack Manningham. Allerdings nahm Hamilton seine Kritik zurück, nachdem er Gaslight gesehen hatte, und meinte bewundernd, es sei „ein französischer Film auf Englisch“ geworden.


    Dass man bei der Besetzung dieses Thriller-Erzschurken im Kontext des Zweiten Weltkriegs ausgerechnet auf einen deutschsprachigen Schauspieler zurückgriff, ist sicher kein Zufall. Nach dem Umzug der Mallens an den Pimlico Square munkeln die Einheimischen vor der Kirche, sie haben gehört, der Mann sei Ausländer, aber trotzdem respektabel. Wenn sie wüssten! Obwohl der Film immer wieder kleine Spitzen britischen Humors einstreut, entfaltet er doch eine erstaunliche Neigung zur seelischen Brutalität und auch zur abseitigen Sexualität. In einer Szene, in der Paul seine Hausangestellten ein Gelübde auf die Bibel ablegen lässt, ist die Kamera so aufgestellt, dass sie, als das Hausmädchen das Buch küsst, Oralsex mit Paul impliziert. An anderer Stelle wird darüber spekuliert, warum die Mallens keine Kinder haben. Neben dem hocheleganten Klassiker-Stoff entdeckt man also auch aktuellere und pikantere Details. Zudem weist der Film eine enorm hochwertige Ausstattung auf und wirkt im Vergleich zur vier Jahre später entstandenen US-Fassung weniger künstlich und studiolastig. Er ist der MGM-Version mit Charles Boyer und Ingrid Bergman also deutlich vorzuziehen und man kann von Glück sprechen, dass Hollywoods Versuch, alle Kopien des britischen Originalfilms zu zerstören, scheiterte.

    Ein weiterer großer Pluspunkt der Dickinson-Produktion ist Diana Wynyard, die als Bella Mallen wie eine empfindliche Porzellanpuppe wirkt, aber gleichzeitig auch menschlich und natürlich genug, um an ihrem Schicksal aufrichtig teilzuhaben. Wynyard agiert ebenso glaubwürdig wie Wohlbrück; optisch bilden beide ein herausragend schönes Paar und doch spürt man bei beiden das Brodeln hinter der Fassade. Bei Bella entlädt es sich zunächst in diversen hysterischen Anfällen, am Ende aber auch in einer dramatischen „Vergeltungsaktion“ gegen ihren Gatten. Obwohl die Szene unsagbar theatralisch angelegt ist, gelingt es Wynyard und Wohlbrück, sie nicht kitschig wirken zu lassen. Auch Nebenakteure wie die obszöne Bedienstete (Cathleen Cordell) oder die edlen Retter in der Not (Frank Pettingell, Robert Newton, Jimmy Hanley) vervollständigen das Bild auf stimmige Art und Weise, zumal ihre starke Einbindung ebenso wie der mit expressionistischen Schatten versehene Mord in der Auftaktszene dabei hilft, die Bühnenherkunft der Vorlage zu vertuschen.

    Die Binsenweisheit, dass spätere Remakes oft nicht an die Qualität der ersten Verfilmung heranreichen, erweist sich auch im Fall von „Gaslicht“ als zutreffend. Der Film von 1940 ist quintessentially British, Schurke und Opfer wurden ausdrucksstark besetzt und Dickinson baute neben hochwertigem Plüschcharme auch veritablen Suspense auf. Für Fans viktorianischer Krimis ist diese Umsetzung von Patrick Hamiltons bekanntem Bühnenstück absolutes Pflichtprogramm und somit 5 von 5 Punkten wert.

  • Verfluchtes Amsterdam (1987/88)Datum04.07.2020 11:00
    Foren-Beitrag von Gubanov im Thema Verfluchtes Amsterdam (1987/88)

    Zitat von Dr. Oberzohn im Beitrag #15
    ... ein wenig an Der weiße Hai erinnert ...

    Auch eine treffliche Assoziation. Dick Maas scheint sich für den Film diverse exzellente Vorbilder gesucht und miteinander vermischt zu haben - mit dem entsprechend gelungenen Ergebnis. Danke auch für den Hinweis auf "Die Ratten von Amsterdam". Ich sehe nach Recherche, dass mir dieser Film schon länger vorliegt (wusste bisher nur seinen Originaltitel "Puppet on a Chain"). Den könnte ich also auch demnächst 'mal antesten.

  • Vielen Dank, @Dr. Oberzohn, für deine interessante Aufarbeitung der ersten "Perry Mason"-Halbstaffel. Ich habe die Texte gern und mit großem Interesse gelesen, weil mir selbst das Hintergrundwissen zu Gardners Romanen völlig fehlt und ich so detaillierte Infos zur Umsetzung der Buchvorlagen auch nirgendwo anders gefunden habe, obwohl sonst schon viel über Perry Mason geschrieben wurde. Da hast du wirklich Pionierarbeit geleistet.


    Machst du später mit den nächsten Folgen weiter? Bzw. bis wann konnte man für die Serie eigentlich überhaupt auf Gardner-Vorlagen zurückgreifen, bevor diese ausgingen und man sich komplett neue Stoffe ausdenken musste?

  • Verfluchtes Amsterdam (1987/88)Datum28.06.2020 20:00
    Foren-Beitrag von Gubanov im Thema Verfluchtes Amsterdam (1987/88)



    Verfluchtes Amsterdam (Amsterdamned)

    Thriller, NL 1987/88. Regie und Drehbuch: Dick Maas. Mit: Huub Stapel (Eric Visser), Monique van de Ven (Laura), Serge-Henri Valcke (Vermeer), Hidde Maas (Martin Ruysdael), Wim Zomer (John van Meegeren), Tanneke Hartzuiker (Potter), Lou Landré (Polizeichef), Tatum Dagelet (Anneke Visser), Edwin Bakker (Willy), Door van Boeckel (Froschmann) u.a. Uraufführung (NL): 11. Februar 1988. Uraufführung (BRD): 16. Juni 1988. Eine Produktion von First Floor Features für Concorde Film.

    Zitat von Verfluchtes Amsterdam
    Für gewöhnlich sind Amsterdams Grachten eine beliebte Touristenattraktion. Doch mit einem Mal mehren sich schockierende Morde in der Nähe der Gewässer, die von einem Täter mit scheinbar übermenschlicher Kraft und wahnsinniger Brutalität begangen werden. Nachdem einige Menschen ihr Leben gelassen haben, stellt die Polizei fest: Der Killer, der geschickt mit Messer und Harpune umgeht, ist ein Taucher. So kann er jedes Mal ungesehen am Tatort auftauchen, seine Opfer überraschen und wieder verschwinden. Der zupackende Kommissar Eric Visser wird auf das Monster im schwarzen Neoprenanzug angesetzt. Er begibt sich auf seiner Jagd nach dem Froschmann in Lebensgefahr, macht aber im Umfeld eines Tauchsportvereins interessante Entdeckungen ...


    Freunden der Edgar-Wallace-Filme aus den 1960er Jahren wird der mörderische Sporttaucher einigermaßen bekannt vorkommen; darüber hinaus schuf Dick Maas mit seinem Thriller „Verfluchtes Amsterdam“ jedoch einen rundum innovativen Spannungsfilm. Das beginnt schon damit, dass man statt nebelverhangener Londoner Hafengegenden oder nüchterner deutscher Amtsstuben einen Kurztrip ins sommerliche Amsterdam unternimmt, das mit seinen Grachten, Brücken und Uferstraßen ein reizvolles Setting liefert. Fotogen sowohl bei Tag als auch bei Nacht, bietet die holländische Hauptstadt fast schon ein pittoreskes Urlaubsflair, das mit den blutigen Härten der Serienmord-Story prima kontrastiert und außerdem exzellent für Grusel und Jagden rund ums Element Wasser geeignet ist. So gelingt es Maas, jede Gracht und jeden Fluss zu einem potenziellen Todesrisiko zu machen, sodass man nach dem ersten mit voller Härte statuierten Mordexempel regelmäßig um Figuren bangt, die sich in Gefahr (= in die Nähe des kühlen Nass) begeben. Und mit bitterböser Konsequenz kommen diese Personen dann auch in aller Regel nicht besonders gut davon ...

    Der Killertaucher bedient sich so praktischer Utensilien wie eines Fleischer- und eines Tauchermessers oder einer Harpune. Damit bedient „Verfluchtes Amsterdam“, wenn auch in geschmackvollen Grenzen, das Slasher-Subgenre. Außerdem gibt es gekonnte Action-Einsprengsel, sei es beim Öffnen einer mit Motorrad befahrenen Klappbrücke oder bei einer umfangreichen Verfolgungsjagd mit Rennbooten durch die engen Grachten, die mit einem beträchtlichen Knalleffekt endet. Es wirkt, als ob Dick Maas sich vorgenommen hätte, den Adrenalinspiegel des Publikums nie unter ein (erfreulich hoch angesetztes) Grundlevel fallen zu lassen. Das schließt leider auch ein, dass manchmal zulasten der Glaubwürdigkeit auf Spannung gesetzt wird – die eher ins Fantastische tendierende Auflösung kommt diesbezüglich als erstes in den Sinn. Sie weist den ohnehin zugespitzten Film letztlich als Märchen aus, denn nur im Rahmen einer völlig abgedrehten Fiktion ist man bereit, die Identität des Mörders wie geschildert zu akzeptieren.

    Entspannende Momente findet man in „Verfluchtes Amsterdam“ in dem gelungenen, aber teilweise recht platten Humor, der stellenweise an Rainer-Brandt-Synchros der 1970er Jahre erinnert („Was meint [die Zeugin] bloß mit dem großen, schwarzen Monster mit den Klauen?“„Keine Ahnung. Hat deine Schwiegermutter ein Alibi?“). Für manches Schmunzeln sorgt außerdem die sympathische Ermittlerfigur, die bei Darsteller Huub Stapel in verantwortungsvollen Händen liegt: Als Kommissar Eric Visser schafft er es, sowohl aufrichtiges Interesse am Fall als auch private Ablenkungen unter einen Hut zu bekommen und trotz verschiedener Rückschläge im Revier, menschlicher Schwächen und familiärer Streitigkeiten nicht bloß wie einer jener in den 1980er Jahren in Mode gekommenen Antihelden-Cops zu wirken. Er präsentiert sich als Schürzenjäger, was dem Fall (eher zufällig) zugute kommt, aber auch als guter Kumpel und polizeilicher Pragmatiker, der mit gesunder Menschenkenntnis wettmacht, was andere an studierter Expertise aufweisen. Die übrigen Darsteller bleiben eher unauffällig, füllen ihre Rollen aber wie vom Drehbuch gefordert gut und glaubwürdig aus.

    Interessant ist, dass Dick Maas gleich in vielfacher Position für den Film verantwortlich zeichnete. Sein Engagement reicht über Regie und Drehbuch hinaus bis ins Produzentenfach und sogar die Aufgabe des Komponisten. Im Normalfall lässt eine so exzessive Mehrfachbesetzung eines Produktionsmitglieds eher auf ein schmales Budget und folglich auf Qualitätsmängel schließen; hier jedoch macht sich nichts davon augenfällig bemerkbar. Der brodelnd-blubbernde unheimliche Musikteppich fügt sich gut ins Geschehen ein und wird dankenswerterweise erst im Abspann gegen den Titelschlager „Amsterdamned“ von Lois Lane ersetzt, der zwar textlich gut zum Geschehen passt, sich melodisch aber eher als positiver Rausschmeißer zum Vergessen der zuvor gesehenen Schrecken eignet. Eine im weitesten Sinne musikalische Erheiterung bekommt der Zuschauer übrigens auch geboten, als ein Polizeiauto, das auf Mörderjagd einen Zahn zulegt, kurzerhand eine jener fürchterlich kitschigen holländischen Drehorgeln zu Bruch fährt. Danke dafür und für 108 unterhaltsame Minuten, Herr Maas!

    „Verfluchtes Amsterdam“ ist ein mit Suspense, Gore und Action gespickter, hochspannender und kurzweiliger Thriller, der dem unbedarften Publikum vor Augen führt, dass die Niederlande im Filmgeschäft nicht unterschätzt werden sollten. Als saftige Abwechslung zur manchmal etwas verstaubten Detektivkost hat sich der Film seit 1988 eine erstaunliche Frische bewahrt. Von der überkandidelten Auflösung abgesehen, kann man sich immer wieder zurücklehnen und die Hatz nach dem Nachfolger des „Hais“ mit voller Zufriedenheit verfolgen. 4,5 von 5 Punkten.

  • Wallace & Blu-rayDatum28.06.2020 10:48
    Foren-Beitrag von Gubanov im Thema Wallace & Blu-ray

    Zitat von Ray im Beitrag #855
    Wie wäre es sonst noch mit Audiokommentaren?

    Schöne Idee. Aber von wem? Bitte nicht von den im Giallo-Bereich hierzulande üblichen Verdächtigen, die entweder einfach prollo sind oder total laienhafte Beobachtungen akademisch zu verkaufen versuchen. Bei den "Handschuhen" gibt es z.B. schon einen guten englischsprachigen Kommentar von Troy Howarth, der aber ähnlich wie die offenbar von Blue Underground fürs Pidax-Release übernommenen Interviews Sammlern, die bereits internationale Auswertungen im Schrank stehen haben, nichts Neues bieten würde.

    Zur Causa Hans Schaffner: Wer auch immer es ist - ein gewisses Geltungsbedürfnis kann man dem Herrn zumindest nicht absprechen.

  • Die DVD-Ankündigung (mit dem gewohnten deutschen Plakatmotiv) ist jetzt auch über die Pidax-Seite einzusehen:
    https://www.pidax-film.de/IN-KUeRZE-VERF...abes::1911.html

    Ist es richtig, dass für den 100-minütigen Film plus mindestens sechs Featurettes und weitere Extras wirklich nur eine DVD geplant ist? Ich bitte, die Datenraten zu berücksichtigen - 2 Discs wären bei der sich ergebenden Gesamtlaufzeit wohl angebracht.

  • Abwärts (1984)Datum25.06.2020 16:15
    Foren-Beitrag von Gubanov im Thema Abwärts (1984)



    Abwärts

    Thriller, BRD 1983/84. Regie und Drehbuch: Carl Schenkel (Dialoge: Frank Göhre). Mit: Götz George (Jörg), Renée Soutendijk (Marion), Wolfgang Kieling (Gössmann), Hannes Jaenicke (Pit), Klaus Wennemann (Monteur Heinz), Ralf Richter (Monteur Otto), Jan Groth (Pförtner), Kurt Raab (Fahrstuhlmonteur), Ekmekyemez Firdevs (Putzfrau), Hans Schwögler (Sargträger) u.a. Uraufführung: 4. Mai 1984. Eine Produktion der Laura-Film München und der Mutoskop-Film München im CineVox Filmvertrieb Grünwald.

    Zitat von Abwärts
    Später Abend im Geschäftsviertel von Frankfurt: Nichtsahnend steigen drei Leute in einen Aufzug ein, um ein Bürohochhaus zu verlassen. Zu ihnen gesellt sich ein vierter, der froh ist, endlich eine Kabine zu bekommen. Er war vorher schon beinah in den leeren Fahrstuhlschacht gestürzt. Doch auch diese Fahrt wird nicht weniger abenteuerlich: Nach wenigen Sekunden bleibt der Lift zwischen den Stockwerken stecken und obendrein streikt der Alarmknopf. Die Ratlosigkeit weicht schnell der Aufregung und dann der Panik, denn die Leute im Aufzug können sich gegenseitig nicht im geringsten ausstehen: Jörg und Pit geraten in Streit über Marion und ihre männliche Heldenhaftigkeit, während der Buchhalter Gössmann in seinem Koffer ein pikantes Geheimnis verwahrt ...


    In der modernen Gesellschaft kann man sich auf allerlei technischen Komfort verlassen, doch umso gefährlicher wird es, wenn die sicher geglaubten Hilfsmittel ihren Dienst versagen. Dystopische Thriller thematisieren den Jahrtausendcrash, Stromausfälle oder die Zerstörung sicher geglaubter Innovationen durch Naturgefahren. Eine Nummer kleiner, aber nicht weniger effektiv fütterte Carl Schenkel die Urängste seines Publikums mit dem Aufzug-Schocker „Abwärts“, in dem ein stecken gebliebener Lift – im wahrsten Sinne des Wortes – im Zentrum des Geschehens steht. Schenkel ließ sich für sein Werk vom holländischen Horrorfilm „Fahrstuhl des Grauens“ („De lift“) inspirieren, der nur ein Jahr zuvor in die Kinos gekommen war, verzichtete aber auf dessen übernatürliche Elemente, was dem Endergebnis sehr gut tut. „Abwärts“ gerät dadurch zu einem spannenden Charakterdrama, das ähnlich wie Agatha Christies „Zehn kleine Negerlein“ von der Ausweglosigkeit einer gefährlichen Location lebt.

    Man sieht z.B. im DDR-Werbematerial zum Film auch Hinweise darauf, dass es sich um einen Krimi handelt, doch das ist im Grunde genommen falsch. Zwar stecken in Wolfgang Kielings Koffer ergaunerte Unsummen fremden Geldes, doch das ist nicht das Hauptthema des Films. Vielmehr ergeben sich sämtliche Konflikte in „Abwärts“ aus den ungewollt aufeinanderprallenden Charakteren. Die Gruppe, die sich da im Fahrstuhl zusammengefunden hat, ist sogar derart explosiv, dass man als Zuschauer gewillt ist, über verschiedene Unwahrscheinlichkeiten wie z.B. die überschnelle Eskalation der Lage hinwegzusehen. Natürlich wäre es auch wenig interessant, den vier Gefangenen dabei zuzusehen, wie sie stundenlang ruhig auf Hilfe warten. Stattdessen bekommt man einen Hahnenkampf erster Güteklasse zwischen Götz George und Hannes Jaenicke, diverse zickige Momente von Renée Soutendijk und stoisch-verschwitzte Angstreaktionen von Wolfgang Kieling zu sehen. Kielings Charakter ist dabei sicher der verzichtbarste, der auch am wenigsten zum Endergebnis beiträgt. Der Fokus liegt vielmehr auf dem Kräftemessen zwischen Jörg und Pit.

    Gegenseitig heizen sich die verschiedenartigen Figuren so sehr auf, dass sie nicht nur immer riskantere Rettungsaktionen unternehmen, um Marion zu beeindrucken, sondern auch gegenseitig aus Abneigung und Misstrauen aufeinander losgehen. Der Film ist dabei sehr deutlich in seinem Subtext, dass Georges Rolle als die abstoßendere der beiden empfunden werden soll. Das Problem an dieser Konzeption, auf die der Film auch bezüglich seines dramatischen Endes hin ausgelegt ist, besteht darin, dass Jaenicke in seiner jugendlichen Rebellenrolle viel nerviger und unleidlicher erscheint und man ihn schnell zum Teufel wünscht. Des Unterhaltungsfaktors wegen kämpft er sich aber immer wieder zurück. Beide Herren liefern dabei sowohl körperlich als auch darstellerisch Maßarbeit, sodass das Überdramatisierte dieser Produktion nicht künstlich, sondern sehr organisch wirkt. Auch Soutendijk schafft es, die Unebenheiten ihrer Rolle gekonnt auszubügeln und das liebenswerte Luder mit damenhaftem Eighties-Chic zu mimen.

    Eine weitere ausgesprochene Stärke von „Abwärts“ besteht in der beeindruckenden Kameraarbeit von Jacques Steyn, die mit äußerster Beweglichkeit, spannenden Perspektiven und dem andauernden Schweben über dem Abgrund für angespanntes Nägelkauen sorgt. Lediglich die klaustrophobe Stimmung im engen Aufzug kommt nicht ganz so eindringlich zum Tragen, da dramaturgiebedingt viele Szenen im Schacht auf dem Dach der Kabine spielen.

    Engagierter Kultthriller mit unrealistischer, aber dafür umso feurigerer Figurenzeichnung und Darstellern, die bereit waren, Angst, Hass und Gier in aller Deutlichkeit auf die Leinwand zu bringen. Das Publikum darf sich mit wohliger Anspannung zurücklehnen und im Duell George gegen Jaenicke dem persönlichen Favoriten die Daumen drücken. Gute 4 von 5 Punkten.

  • Claus Biederstaedt gestorbenDatum24.06.2020 22:10
    Foren-Beitrag von Gubanov im Thema Claus Biederstaedt gestorben

    Ich habe Biederstaedt auch immer sehr gern gesehen. Zuerst ist er mir ebenfalls in "Hotel der toten Gäste" begegnet. Seine Stimme ist zudem als Inspektor Columbo vertraut. Und vor einigen Jahren entdeckte ich ihn dann dank Pidax in seiner Vorzeigerolle als Pantoffelheld in "Meine Frau Susanne".



  • Good Bye, Lenin!

    Tragikomödie, BRD 2001-03. Regie: Wolfgang Becker. Drehbuch: Bernd Lichtenberg, Wolfgang Becker. Mit: Daniel Brühl (Alex Kerner), Katrin Sass (Christiane Kerner), Chulpan Khamatova (Lara), Maria Simon (Ariane Kerner), Florian Lukas (Denis), Alexander Beyer (Rainer), Burghart Klaußner (Robert Kerner), Michael Gwisdek (Direktor Klapprath), Christine Schorn (Frau Schäfer), Jürgen Holtz (Herr Ganske) u.a. Uraufführung: 9. Februar 2003. Eine Produktion der X Filme Creative Pool und des Westdeutschen Rundfunks.

    Zitat von Good Bye, Lenin!
    Als sie ihren Sohn Alex am Abend des 40. Jahrestags der DDR bei einem Protestmarsch entdeckt, erleidet die überzeugte Sozialistin Christiane Kerner einen Herzinfarkt. Für acht Monate fällt sie ins Koma. In der Zwischenzeit ändert sich viel für Familie Kerner; außerdem fällt die Mauer und die Errungenschaften des Westens halten im Plattenbau in Berlin-Mitte Einzug. Christiane wacht wieder auf, aber die Ärzte verordnen ihr absolute Ruhe. Jeder Schock könnte tödlich sein. Um seine Mutter zu retten, gaukelt Alex mithilfe seiner Schwester Ariane und seines Kumpels Denis vor, die DDR habe nie aufgehört zu existieren. Das erweist sich als zunehmende Herausforderung, denn der Sommer 1990 markiert für Berlin eine abenteuerliche Umbruchzeit ...


    Es ist eine ungeheuer aufregende Zeit, die der Film „Good Bye, Lenin!“ schildert – eine Zeit, der auch ich meine Existenz verdanke. Ein Schwebezustand zwischen Umbrüchen, Modernisierung, von Jubel begleitetem Freiheitsgewinn und der damit einhergehenden Unsicherheit oder, wie Alex Kerner es im Film ausdrückt: „Der Wind der Veränderung blies bis in die Ruinen unserer Republik. Der Sommer kam und Berlin war der schönste Platz auf Erden. Wir hatten das Gefühl, im Mittelpunkt der Welt zu stehen – dort, wo sich endlich etwas bewegte.“ 40 Jahre hatte zuvor das Unrechtsregime der DDR-Einheitspartei SED auf dem Arbeiter- und Bauernstaat gelastet, Menschen waren unter Einsatz ihres Lebens geflohen, hatten sich mit dem verordneten Realsozialismus arrangiert oder sich, soweit möglich, ins Privatleben zurückgezogen. Ende 1989 und im Jahr 1990 überrollte dann nach erfolgreichen Montagsdemonstrationen und der Öffnung der Grenzen das demokratische System mit seiner zumindest vorhandenen, wenn auch nicht wirklich freien Marktwirtschaft den maroden Arbeiter- und Bauernstaat und demonstrierte selbst der verknöchertsten Blockflöte die Kraft des lange madig geredeten, aber insgeheim bewunderten Bruderstaats.

    Korrektur: fast jeder Blockflöte. Wie Alex Kerner versucht, seiner in Partei und Jugendarbeit stark eingebundenen Mutter einen Schock über den Untergang „ihres“ Sozialismus zu ersparen, ist eine enorm sehenswerte Angelegenheit, die an vielen Stellen so grotesk überzeichnet wirkt, dass sie Lacher ebenso wie Seufzer hervorruft. Die Verquickung der tatsächlich historischen Ereignisse mit einem geradezu absurden fiktiven Einzelbeispiel ist dem Regisseur Wolfgang Becker (nicht identisch mit dem gleichnamigen, aber deutlich älteren Semester, das unter Helmut Ringelmann stets hervorragende Krimis ablieferte) vom dramaturgischen Standpunkt aus vorbildlich gelungen. Selbst für Zuschauer, die die DDR nicht selbst miterlebt haben, offenbaren sich deren spezielle Besonderheiten und mannigfaltige kleine Unsinnigkeiten auf anschauliche Weise, ebenso wie man die abenteuerliche Eingliederung in den Westen vor Augen geführt bekommt. Was jahrelang völlig normal und lapidar war, wird nun auf einmal zur schwierigen Herausforderung für Alex, der die DDR „auf 79qm weiterleben“ lassen muss, wie die Kinoplakate zum Film formulierten. Welche Veränderungen der acht Monate, in denen Mutter Christiane im Koma lag, müssen nicht alle verschleiert und rückgängig gemacht werden? Woher nimmt man in der Zeit von Burger King und Co. nun auf einmal Spreewaldgurken, Tempo-Linsen und Mocca-Fix Gold? Wie stellt man die Propaganda der Aktuellen Kamera glaubhaft nach? Wie erklärt man Coca-Cola-Werbebanner am Nachbargebäude, den Abtransport des Lenin-Denkmals oder die plötzliche Vermischung der zuvor fein säuberlich getrennten Ost- und Westbürger? Solche Fragen harren ihrer praktischen Beantwortung, die meist für oberflächliche Erheiterung sorgt, aber auch dafür, dass Alex sich in seine Lüge immer tiefer und aussichtsloser verstrickt.

    Eine weitere Stärke von „Good Bye, Lenin!“ ist die Besetzung des Films mit zeitauthentischen Darstellern. Auch wenn Daniel Brühl in Spanien geboren wurde und in Köln aufwuchs, überzeugt er als in der Wendezeit zu sich selbst findender Plattenbaubewohner voll und ganz – nicht zuletzt, weil man ihm die Sohnesliebe zu Filmmutter Katrin Sass so gern abnimmt. Sass und Brühl sind die Eckpfeiler des Films und lassen den Zuschauer mit dem zu verschleiernden Geheimnis sowie den schwankenden Gesundheitszuständen jede Minute mitfiebern und stellenweise auch mitweinen. Auch beim Rest der Besetzung findet man ein wildes Gemisch aus Ossis, die Wessis spielen, Wessis, die Ossis spielen, und Ossis, die ihre eigenen Erfahrungen als Ossis einbringen dürfen – eine Vielschichtigkeit, die beweist, dass der Cast in erster Linie aus Glaubwürdigkeits- und nicht aus Herkunftsgründen besetzt wurde. Dass dem Publikum das Gezeigte an die Nieren geht, liegt nicht nur an den darstellerischen Leistungen, sondern auch an der Pointiertheit des Schnitts und an der Wandelbarkeit der Musik.

    Man muss den Film letztlich dennoch für seinen allzu laxen Umgang mit der DDR kritisieren. Gewissermaßen entstand er im Fahrwasser der bis heute anhaltenden Ostalgie, die den sozialistischen Staat zwar alibimäßig anhand lapidarer Kleinigkeiten durch den Kakao zieht, das damalige Lebensgefühl jedoch insgesamt glorifiziert. Dass man am Anfang sieht, wie die Volkspolizei auch gewalttätig gegen Demonstranten wie Alex Kerner vorgeht, ist die absolute Ausnahme im Film. Später klingen oftmals sehr relativistische Phrasen wie „unsere Heimat“, „die DDR, die ich mir gewünscht hätte“ oder „Sozialismus heißt, auf den anderen zuzugehen“ an, ohne dass diese entsprechend eingeordnet werden. Hier erliegt der Film der Versuchung, die Geschichte zugunsten der positiven Figurendramatik zu beugen oder nicht vollständig zu beleuchten. Gefahren, die Christiane Kerner beim Stellen eines Ausreiseantrags gedroht hätten, werden nicht ausreichend thematisiert. Die Zusammenführung der Familie vor dem Tod der Mutter überlagert die Wut darüber, zwölf Jahre lang aus politischen Gründen getrennt gewesen zu sein. Frau Kerners Engagement für Partei und Sozialismus wird als aufopferungsvolle Bildungsarbeit ohne Kritik akzeptiert. Wo insgesamt ein klarer Fingerzeig auf ein über- und ein unterlegenes staatliches Gebilde platziert werden müsste, werden BRD und DDR beide als Familienparadiese mit liebenswerten Macken dargestellt. Das ist anrührend, aber nicht geschichtspolitisch verantwortungsvoll.

    Wer ein bewegendes Familiendrama mit humorvollen Momenten und Einblicken in den Alltag der unmittelbaren Nachwendezeit sucht, kann keinen besseren Film als „Good Bye, Lenin!“ finden. Wer sich ein ordentliches Bild von den politischen Verbrechen des Sozialismus machen will, ist hier nicht an der richtigen Stelle. Darum geht es dem Film nicht, aber er lässt damit eine wichtige Komponente aus, die sein Erscheinungsbild noch runder gemacht hätte. 4 von 5 Punkten.



  • Wiegenlied für eine Leiche (Hush ... Hush, Sweet Charlotte)

    Thriller, USA 1964. Regie: Robert Aldrich. Drehbuch: Henry Farrell, Lukas Heller (Vorlage „What Ever Happened to Cousin Charlotte?“: Henry Farrell). Mit: Bette Davis (Charlotte Hollis), Olivia de Havilland (Miriam Deering), Joseph Cotten (Dr. Drew Bayliss), Agnes Moorehead (Velma Cruther), Cecil Kellaway (Harry Willis), Victor Buono (Big Sam Hollis), Mary Astor (Jewel Mayhew), Wesley Addy (Sheriff Luke Standish), William Campbell (Paul Marchand), Bruce Dern (John Mayhew) u.a. Uraufführung (USA): 16. Dezember 1964. Uraufführung (BRD): 30. April 1965. Eine Produktion von The Associates & Aldrich Company für Twentieth Century Fox.

    Zitat von Wiegenlied für eine Leiche
    Die Affäre des verheirateten John Mayhew mit der Magnatentochter Charlotte Hollis endet im Sommer 1927 abrupt mit dessen brutaler Ermordung. Alle Welt hält Charlotte für die Mörderin, doch ihr kann nichts nachgewiesen werden. Jahrelang lebt sie in aller Einsamkeit auf dem väterlichen Landsitz. Im Jahr 1964 soll dieser abgerissen werden. Um Charlotte in dieser schwierigen Lage zu helfen, bestellt ihr Arzt Dr. Drew Bayliss ihre Cousine Miriam nach Hollisport. Sie findet Charlotte verwirrt und ängstlich vor, was von einigen gruseligen Vorkommnissen nach Miriams Ankunft noch verstärkt wird. Bewahrt Charlotte noch irgendwo den abgehackten Kopf ihres Liebhabers auf? Hütet sie ein Geheimnis, das beim Abriss des Hauses enthüllt würde? Oder droht die Gefahr aus einer ganz anderen Richtung?


    Zwei Jahre nach „Was geschah wirklich mit Baby Jane?“ sah Robert Aldrich die Zeit für ein Follow-up zu seinem großen Erfolg gekommen. Mit Bette Davis und Joan Crawford begann der Dreh im Sommer 1964, doch die Spannungen am Set waren so groß, dass das Projekt am 4. August abgebrochen werden musste. Erst 36 Tage später konnte das Projekt nach Änderung der Hauptrollenbesetzung wieder von vorn aufgenommen werden. Weiß man um diesen schwierigen Stern, unter dem die Produktion stand, erscheint es umso erstaunlicher, dass der Film mehr überzeugt als sein Vorgänger. Und das, obwohl es diverse Parallelen zu beobachten gibt:

    Zitat von „Hush … Hush, Sweet Charlotte“ bei ItsJustAwesome.com. 31 Days of Horror, Quelle
    [T]he two movies both revolve around a horrific accident that took place years earlier, leaving the title character (played by Bette Davis in both films) isolated and insane in her father’s house. They both involve a housekeeper who learns too much and eventually pays the price for it. They both play out as sort of a whodunit with a twist ending that changes our perception of said title character.


    Hinzuzufügen ist, dass beide Filme auf Stoffen von Henry Farrell beruhen. Doch im Gegensatz zu „Was geschah wirklich mit Baby Jane?“, wo sich die Spannung aus der blanken und offenen Gewalt der einen Schwester gegen die andere ergab, präsentiert sich „Wiegenlied für eine Leiche“ nicht nur inhaltlich rätselhafter, sondern auch stilistisch vielfältiger. Man bekommt keinen reinen Psychothriller geboten, sondern ein exquisites Gemisch aus Mordrätsel in der Vergangenheit, Old Dark House Mystery und Komplott um ein Familienerbe. Das sorgt ganz automatisch dafür, dass hier die reiz- und geheimnisvollere sowie wendungsreichere Handlung vorliegt, zumal man als Schauplatz ein stattliches US-Südstaatenanwesen wählte, das weitab von der Zivilisation und dafür mitten in der nächtlichen Sturmschneise zu liegen scheint. Die dadurch verbreitete unheimliche Stimmung und der Plotpoint, eine missliebige Verwandte mit hinterhältigen Kniffen in den Wahnsinn zu treiben, erinnert dann tatsächlich auch eher an die Thriller der britischen Hammer-Studios.

    Der wahrscheinlich größte Unterschied zu „Baby Jane“ besteht darin, dass Bette Davis’ Rolle diesmal weniger offensichtlich angelegt ist, sodass sie zwar als halbumnachtete Konföderierte ebenso eifrig „vom Leder ziehen“, wild umherbeleidigen und mit dem Gewehr herumfuchteln darf, aber aufgrund interessanter Brüche in ihrem Charakter nicht unangenehm, sondern sogar eher bereichernd ins Gewicht fällt. Man kann sich lebhaft vorstellen, dass es die Davis war, die schon als junges Mädchen einen brutalen Axtmord an ihrem Geliebten auf sich lud, und die seitdem schuldzerfressen ein einsames Dasein fristete. Mit diesem Klischee, das spätestens seit „Baby Jane“ absolut naheliegend erschien, spielt der Film, wenn er dann mit Cousine Miriam eine zwar wesentlich freundlichere, aber ebenso mysteriöse Figur auf den Plan treten lässt. Die beiden Damen ergänzen sich hervorragend und man merkt, dass das Spiel zwischen Davis und Olivia de Havilland von gegenseitigem Respekt geprägt war. Hier gibt es zwar auch genug schmutziges Nachtreten, aber es wird ganz klipp und klar auf einen teuflischen Plan hingearbeitet, an dem beide Damen einen veritablen Anteil haben ...

    Olivia de Havilland verströmt neben Bette Davis eine frische, damenhafte Brise auf dem alten Anwesen und wird durch ihre Rollenanlage nicht so stark in die Passivität gedrängt wie ihre Vorgängerin Joan Crawford. Zudem kommt dem „Wiegenlied“ zugute, dass sich Davis das Scheinwerferlicht mit weiteren hochkarätigen Darstellern teilen muss, während bei „Baby Jane“ die Nebenfiguren kaum signifikante Rollen spielten. Hier gibt es ein Wiedersehen mit Joseph Cotten als Familienarzt und der Charakterschauspielerin Agnes Moorehead, die besser als Victor Buono im Vorgängerfilm versteht, eine Rolle kauzig, aber nicht albern anzulegen. Ihre messerscharf kombinierende, schlampige Haushälterin im Redneck-Stil ist ein Kabinettstückchen, das den Film ebenso bereichert wie die Verbitterung von Mary Astor und die Liebenswürdigkeit von Cecil Kellaway. Auch Buono selbst ist wieder mit von der Partie und bekleidet seine ungewöhnliche Rolle als Vater von Bette Davis (er war zum Drehzeitpunkt 26 Jahre alt!) überraschend glaubhaft.

    Noch stärker als im Vorgängerfilm gelang Regisseur Robert Aldrich die Atmosphäre des Grusels und der Ausweglosigkeit. Immer wieder fing er via Kameramann Joseph Biroc angstverzerrte Gesichter und reizende Nachtaufnahmen ein. Besonders im Gedächtnis bleiben die deftigen Horroreffekte – insbesondere die Ermordung von John Mayhew und das erneute Auftauchen des totgeglaubten Drew inklusive Charlottes völlig entgeisterter Reaktion darauf. Diese Szenen werden mit feineren Gruselmomenten und sogar einer schaurig-romantischen Traumsequenz in Charlottes jugendlichem Ballsaal abgeschmeckt, sodass die Mischung aus An- und Entspannung angenehmer als in „Baby Jane“ ist. Gleiches gilt für den Soundtrack, für den DeVol diesmal im besten Agatha-Christie-Stil einen musikalischen Kinderreim erfand, der die größten Schrecken effektiv kompensiert, aber auch Thrill-Potenzial beinhaltet und dem Film letztlich sogar seinen Titel verlieh.

    Hin und wieder ist ein Sequel besser als das Original: „Wiegenlied für eine Leiche“ ist ein Bilderbuch-Schocker, der zwar weniger makaber als „Baby Jane“ ausfällt, aber dafür auch keinen Zuschauer zu der Fehlannahme verleitet haben dürfte, eine Komödie zu sehen. Bette Davis spielt ebenso charakterstark, lässt diesmal aber Platz für andere Götter neben sich, sodass man ein insgesamt runderes, ausgewogeneres und auch düstereres Gustostück geboten bekommt. 5 von 5 Punkten.

    [ Der Trailer zum Film kann hier gesehen werden. ]

    [ Eine weitere Besprechung des Films findet sich hier. ]

    [ Zwei Besprechungen des weiteren „Baby Jane“-Nachfolgefilms „War es wirklich Mord?“ finden sich hier und hier. ]

  • Der Mann im Strom (1958)Datum21.06.2020 09:26
    Foren-Beitrag von Gubanov im Thema Der Mann im Strom (1958)

    Interessant! Der Film ist zwar kein Krimi, aber durch Entstehungszeit, Besetzung (Hans Nielsen!) und Hamburger Hafenmilieu hört er sich trotzdem sehr interessant an. Außerdem handelt sich neben "Der Greifer" und "Das Herz von St. Pauli" um eine weitere Kollaboration von Regisseur Eugen York mit dem blonden Hans. Zugleich ist die DVD-Veröffentlichung jahrelang an mir und vielleicht auch an anderen im Forum vorbeigegangen: Er ist, wie ich gerade sehe, als Bonusfilm auf dem Release des angesprochenen Jan-Fedder-Remakes enthalten. Leider ist die DVD inzwischen vergriffen.

  • "Wiegenlied" kommt am Sonntag. Ist viel eher "classy gothic crime" und dementsprechend bei mir auch besser weggekommen.

  • Das ist eine Spitzennachricht. Das "gelbe Grab" ist ein nicht ganz makelloses, aber sehr reizvolles Kleinod mit guter Besetzung, tollem Flair, Soundtrack und Schauplatz. Wir haben ihn bereits in guter Qualität von Universum Film vorliegen, aber die Extras klingen so gut, dass der Kauf ein No-Brainer sein dürfte!

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