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  • Foren-Beitrag von Gubanov im Thema

    Ist geändert.

  • Foren-Beitrag von Gubanov im Thema



    Wenn es Nacht wird in Paris (Touchez pas au grisbi)

    Gangsterdrama, FR / IT 1953. Regie: Jacques Becker. Drehbuch: Jacques Becker, Albert Simonin, Maurice Griffe (Buchvorlage: Albert Simonin). Mit: Jean Gabin (Max, genannt Der Lügner), René Dary (Henri Ducros, genannt Riton), Jeanne Moreau (Josy), Dora Doll (Lola), Michel Jourdan (Marco), Paul Frankeur (Pierrot), Lino Ventura (Angelo Fraiser), Vittorio Sanipoli (Ramon), Marilyn Buferd (Betty), Denise Clair (Madame Bouche) u.a. Uraufführung (FR): 17. März 1954. Uraufführung (BRD): 23. Dezember 1954. Eine Produktion von Del Duca Films und Antares Produzione für Les Films Corona.

    Zitat von Wenn es Nacht wird in Paris
    Es sollte sein letzter großer Coup werden: Der Ganovenkönig Max erbeutet Goldbarren im Wert von 50 Millionen Francs. Mit diesem Geld will er sich zur Ruhe setzen, denn das unstete Leben zwischen Nachtclubs und Schießereien ermüdet ihn zusehends. Doch kurz bevor die 96 Kilo Edelmetall zu Scheinen gemacht werden können, wird Max’ langjähriger Kompagnon Riton von der rivalisierenden Gaunerbande um den Drogenbaron Angelo entführt. Dessen Forderung ist simpel: Riton kommt nur wieder frei, wenn Max die Goldbarren herüberwachsen lässt ...


    Von französischen Gangsterfilmen ist man bissigen Realismus gewöhnt. Jaques Beckers „Wenn es Nacht wird in Paris“ beschreitet andere Pfade, denn hier zeigt sich das wahre Gesicht des Verbrechens zunächst nur im Verborgenen. Max und seine Clique werden nicht bei kriminellen Aktivitäten begleitet, sondern porträtiert, als handele es sich bei ihnen um herkömmliche Geschäftsmänner, die sich zu strategischen Besprechungen und Hinterzimmer-Absprachen treffen. Seriös mögen sie mit ihrem Treffen in dem vertrauten Café, das alsbald in ein Nachtlokal verlegt wird, und ihren Weibergeschichten mit Strip-Tänzerinnen zwar nicht unbedingt wirken; davon abgesehen sind Max, Riton und Marco aber keineswegs abgefeimte Galgenvögel. Nadelstreifenanzüge, schicke Zweitwohnungen und ein selbstverständlicher Ehrenkodex sind Elemente, mit denen der Film sich von der Radikalität seiner Buchvorlage – einem politisch offenbar höchst inkorrekten französischen Hardboiled-Verschnitt – distanziert, was ihn allerdings bis weit hinein ins zweite Drittel der Laufzeit recht betulich wirken lässt.

    Erst kurz vor knapp greift Becker in die Zauberkiste expliziter Härten und präsentiert dem Zuschauer ein umso schockierenderes Finale, das die alte Moral vom sich nicht auszahlenden Verbrechen in beeindruckenden Nachtaufnahmen einer mulmigen Löse-„Geld“- und Geisel-Übergabe untermauert. Es sind diese Szenen und die, die Ritons Entführung folgen, in welchen in Jean Gabins und René Darys Spiel eine tiefe Verbundenheit über den verbrecherischen Beruf hinaus spürbar wird. „Wenn es Nacht wird in Paris“ erwirbt sich durch dieses Porträt einer langjährigen Männerfreundschaft deutlich stärkere Meriten als etwa durch Spannungsaufbau oder Actionanteile, die beide eher mäßig ausfallen.

    Jeanne Moreau, die mit „Fahrstuhl zum Schafott“ ihren endgültigen Durchbruch feierte, ist hier in einem noch vier Jahre weiter zurückliegenden Auftritt zu sehen, in dem sie allerdings noch kaum bleibenden Eindruck hinterlässt und zudem optisch recht unvorteilhaft daherkommt. Als interessanter erweist sich Lino Venturas Filmdebüt: Der Italiener gibt den machthungrigen Gegenspieler Jean Gabins sehr engagiert. Während Gabins Max sich mit der Beute zur Ruhe setzen und seine Karriere beenden will, ist Venturas Angelo ein emporstrebender Jungganove. Der Generationsunterschied macht sich einerseits in den Organisationsstrukturen der jeweils den Bossen zugehörigen Banden bemerkbar, andererseits aber auch in den Schicksalen, die das Drehbuch den beiden Figuren angedeihen lässt. Es ist klar, mit welcher der beiden Schattenfiguren das Publikum – in Ermangelung jedweder Lichtgestalt – mitfiebern soll.

    Vielleicht ist genau diese positive Konnotation des Charakters Max auch der Grund, weshalb Becker dem Publikum den so naheliegenden Einstieg mit dem Goldraub vorenthält. Dabei wäre es hochspannend gewesen und hätte der Erzählstruktur des Films zweifellos gut getan, wenn diese zentrale Szene anstelle der überlangen Barsequenzen zu Beginn verbildlicht worden wäre. Die ein nahes Unheil ankündigende Musikuntermalung (eine markante Komposition von Jean Wiener) hätte dann auch gleich noch zwingendere Berechtigung gehabt.

    Jacques Beckers Annäherung an eine frankophile Hardboiled-Story gleicht eher einem Freundschaftsdrama als einem vollumfänglichen Kriminalfilm. Herausragende Darstellerleistungen der miteinander in Konkurrenz tretenden Kampfhähne erhalten dem stimmungsvoll pessimistischen Film das Prädikat „sehenswert für Geduldige“.

    (3,5 von 5 Punkten)

  • Foren-Beitrag von Gubanov im Thema



    Fahrstuhl zum Schafott (Ascenseur pour l’échafaud)

    Kriminalfilm, FR 1957. Regie: Louis Malle. Drehbuch: Roger Nimier, Louis Malle (Buchvorlage: Noël Calef). Mit: Jeanne Moreau (Florence Carala), Maurice Ronet (Julien Tavernier), Georges Poujouly (Louis), Yori Bertin (Véronique), Jean Wall (Simon Carala), Lino Ventura (Commissaire Cherrier), Charles Denner (Assistent von Commissaire Cherrier), Iván Petrovich (Horst Bencker), Elga Andersen (Frieda Bencker), Félix Marten (Christian Subervie) u.a. Uraufführung (FR): 29. Januar 1958. Uraufführung (BRD): 29. August 1958. Eine Produktion von Nouvelles Éditions de Films für Lux Compagnie Cinématographique.

    Zitat von Fahrstuhl zum Schafott
    Der ehemalige Soldat und Fremdenlegionär Julien Tavernier unterhält eine Affäre mit Florence, der Frau seines Chefs Carala. Gemeinsam planen Julien und Florence, den Mann, der zwischen ihnen steht, zu ermorden. Julien steigt heimlich über den Balkon in Caralas Büro in der obersten Etage des Firmengebäudes ein und erschießt ihn. Auf dem Rückweg vergisst er ein belastendes Indiz, sodass er nach Geschäftsschluss noch einmal zurückkehren muss. Weil der Pförtner den Strom abschaltet, bleibt Julien, bevor er die Spuren verwischen kann, im Fahrstuhl stecken, während Florence denkt, er hätte sie versetzt. Ein Pärchen, das zu allem Überfluss Juliens Auto stiehlt, gerät in Schwierigkeiten und nutzt seine Identität für einen weiteren Doppelmord ...


    Die Verwandtschaft dieses Werks mit Beiträgen zur amerikanischen Film noir-Reihe ist unverkennbar. Das Liebesdreieck blieb seit Billy Wilders „Double Indemnity“ von 1944 das gleiche und natürlich gestattet auch Louis Malle seinen verbrecherischen Turteltauben kein Happy End. Der Titel weist bereits darauf hin – er führt den unbedarften Zuschauer aber auch in die Irre, denn leider halten sich die Szenen mit Julien Taviernier in seinem bedrückenden Fahrstuhl-Gefängnis in engen Grenzen, während die Kamera immer wieder auf das Umfeld anderer Protagonisten ausweicht, um scheinbar interessantere Erlebnisse festzuhalten. Das führt dazu, dass der Film nie eine klaustrophobische Verzweiflungsstimmung im Sinne eines Psychothrillers entwickelt – vielmehr steht ein vielschichtiger, auf Verwechslungen, Identitäten und das Dazwischenfunken der Realität in lupenrein ausgearbeitete Pläne fokussierter Krimiplot im Mittelpunkt. Malle beschreitet damit keine neuen Wege, sondern verlässt sich inhaltlich auf Altbewährtes; seine Arbeit mit überraschenden Plot-Wendungen und einer zunehmenden Komplexität der Handlungsabläufe überzeugt durch saubere, nüchterne Umsetzung.

    Doch das Drumherum, das ist durchaus neu: Das Paris in „Fahrstuhl zum Schafott“ ist kein neblig-nostalgischer Fantasieort, sondern fest im Hier und Jetzt der Produktionszeit verankert. Der Film besticht durch uneitlen Realismus – sowohl was die Auswahl alltäglicher Schauplätze und Ausleuchtungen angeht als auch die Schauspieler und ihr Make-up. Scheinbar zufällig dringt dann auch von Zeit zu Zeit die Jazzmusik von Miles Davis ans Ohr des Zuschauers. Während Filmzuschauer, die Jazzimprovisationen mögen oder gern bekannte Namen in Vorspännen lesen, diesen ungewöhnlichen Touch hoch anrechnen werden, hätte in besonders spannenden oder dynamischen Momenten (z.B. während der Ausführung des Mordes, bei der Verfolgungsjagd auf der Autobahn oder am bizarren Abend von Louis und Véronique im Motel) eine konservativere Untermalung für mehr Tempo und Würze gesorgt.

    Absolutes Herzstück des Werks sind die Darbietungen der Liebhaber durch Jeanne Moreau und Maurice Ronet. Dass es gelingt, deren Affäre und ihr daraus resultierendes Verhalten so zwingend erscheinen zu lassen, ist ein wahres Kabinettstück, wenn man bedenkt, dass ihnen eine gemeinsame Szene vor der Kamera nie zugestanden wird. Zu Beginn tauschen sie am Telefon Liebesschwüre aus, am Ende erhascht der Zuschauer ein Blick auf ihr verlorenes Glück in Form von Fotografien. Diese Unmöglichkeit des Zusammenseins verleiht dem Film Druck und deutet zugleich das Scheitern des Befreiung versprechenden Mordplans an. Beide, sowohl Florence als auch Julien, wirken gleichzeitig kalt-rational und doch heiß verliebt, denn sie leisten sich inmitten ihres Plans beide empfindliche Momente der Schwäche bzw. der Unvorsicht. Dennoch glaubt man Florence unbesehen, wenn sie in Gedanken, die aus dem Off eingesprochen werden, sich und die gemeinsame Beziehung als etwas Besonderes darstellt, im Vergleich zu dem die Hundeliebe der Blumenverkäuferin zu ihrem halbstarken Autodieb etwas außerordentlich Profanes an sich hat. Vielleicht auch weil die Kamera den jungen Leuten in unschmeichelhaften Momenten nahekommt, wohingegen Florence und Julien ausgiebig und heroisch leiden dürfen.

    Lino Ventura übernimmt eine größere Nebenrolle als Polizist, der sich im letzten Drittel des Films klärend in die Vorgänge des fatalen Wochenendes einschaltet. Mit ironischen Spitzen stattet er „Fahrstuhl zum Schafott“ mit einer gewissen Leichtigkeit aus, die dem Film sehr gut tut, wenngleich die schon regelrecht surreal wirkende Szene im Verhörraum der Polizeistation nicht so recht zum naturalistischen Rest-Look des Films passen möchte. Hier zeigt sich die zuweilen noch ungeschliffene Handschrift eines Debütregisseurs, der Wagnisse einzugehen bereit war und die Früchte in Form eines Filmprodukts erntete, das noch heute als Klassiker und Wegbereiter moderner französischer Filmkunst angesehen wird.

    Ein klassischer Noir-Krimi im zeitgemäßen Gewand, der auch anspruchsvolles Publikum zu erfreuen weiß. Louis Malles „Fahrstuhl zum Schafott“ erweckt den Pariser Zeitgeist von 1957 zum Leben, inklusiver eleganter Schwarzweißbilder und engagierter Auftritte junger Schauspielgrößen.

    (4 von 5 Punkten)

  • Kommissar MaigretDatum13.10.2017 20:03
    Foren-Beitrag von Gubanov im Thema

    Das kann ja auch nicht wirklich Sinn der Sache sein. Wenn ich "etwas anders machen will", drehe ich einen Film mit einem neu erdachten Detektiv und doktore nicht an etwas herum, was in 75 Romanen fest vorgeschrieben ist.

    Diesen Monat ist übrigens ein Buch über Kommissar Maigret von den Experten Murielle Wenger und Stephen Trussel erschienen, die auch hinter der ausführlichsten Maigret-Website weltweit stehen:

  • Foren-Beitrag von Gubanov im Thema

    Vielfach sehr positiv bewertet, wirkte „Nur tote Zeugen schweigen“ auf mich stellenweise eher befremdlich. Eigentlich kann ich die kritische Besprechung von @Jan nur unterstreichen; ich stimme ihm in jeder Hinsicht zu.



    Nur tote Zeugen schweigen (Ipnosi / Hipnosis)

    Thriller, IT / ES / BRD 1962. Regie: Eugenio Martín. Drehbuch: Giuseppe Mangione, Eugenio Martín, Francis Niewal, Gabriel Moreno Burgos, Gerhard Schmidt (Vorlage: Gabriel Moreno Burgos). Mit: Jean Sorel (Erik Stein), Eleonora Rossi-Drago (Magda Berger), Heinz Drache (Inspektor Kaufmann), Götz George (Chris Kronberger), Mara Cruz (Karin Kronberger), Margot Trooger (Katharina), Werner Peters (Inspektor), Massimo Serato (Georg von Cramer), Guido Celano (Tony), Michael Cramer (Pablo). Uraufführung (IT): 19. Dezember 1962. Uraufführung (BRD): 31. Januar 1963. Uraufführung (ES): 20. Mai 1963. Eine Produktion von Domiziana Internazionale Cinematografica Rom, Procusa Film Madrid und International Germania Film Bonn im Constantin-Filmverleih München.

    Zitat von Nur tote Zeugen schweigen
    Georg von Cramer, der als Hypnotiseur mit einer Theatergruppe auf Tournee geht, wird in seiner Garderobe von Chris Kronberger überrascht, der seine Gage stiehlt und von Cramer niederschlägt. Erik Stein, der technische Leiter der Theateraufführung, der ebenso wie von Cramer in das Medium Magda verliebt ist, nutzt die Gunst der Stunde, erschlägt seinen Rivalen und schiebt Chris die Tat in die Schuhe. Der sieht sich in einer derartigen Klemme, dass ihm nichts anderes übrig bleibt, als vor der Polizei zu fliehen. Obwohl Kommissar Kaufmann ihn eifrig verfolgt, kann er auch Chris Kronbergers Tod nicht verhindern. Der einzige Zeuge beider Taten: von Cramers Handpuppe Grog ...


    Die Produktionsverwandtschaft dieses Films mit „Der Teppich des Grauens“ und „Das Geheimnis der schwarzen Witwe“ ist offenkundig und lässt ihn ebenso wie die beiden Louis-Weinert-Wilton-Krimis etwas billig und unausgegoren wirken. Das ist insofern bedauerlich, als die Anlage des Films, die eben nicht dem typischen Krimi der frühen 1960er Jahre entspricht, durchaus ambitioniert wirkt, was sich allerdings nur in einzelnen Szenen im fertigen Film widerspiegelt. Inspirationen für den eher psychothriller-artigen Stoff lassen sich in den Erfolgen der britischen Hammer-Film finden, deren Gruselatmosphäre hier mit spanischem Handwerk und internationaler Besetzung kombiniert wurde. Als besonders effektiv erweist sich die düstere Einstiegsszene, die die Bühnennummer der Hypnose-Theatertruppe zeigt. Im Halbdunkel werden hier diverse Schauermomente eingeführt (Bewusstseinsverlust, Fremdbestimmung mittels Stimme aus dem Dunkel, garstige Bauchrednerpuppe), die im übrigen Film – wenn überhaupt – leider nur sehr inkonsistent auftauchen, was der wahren Armada an Drehbuchautoren und der eher schlampigen Continuity anzulasten sein dürfte.

    Die stattdessen anschließende Mordgeschichte ist nicht uninteressant, bringt den geschickt gelockten Zuschauer aber mehrfach mit ihrer prosaischen Alltäglichkeit aus dem Konzept. Die Flucht des unschuldig Verdächtigten, die Schuldlast auf den Schultern des wahren Mörders und die Kombinationen des ermittelnden Inspektors werden mit naiven Pinselstrichen gezeichnet, ohne die geringste Form von Tiefgang zu erzeugen. Dementsprechend zweidimensional bleiben alle Darstellungen, auch wenn die Castliste des Films sich sehr beeindruckend liest. Jean Sorel gibt den kaltblütigen Mörder mit eleganter Zurückhaltung, während Götz George als man on the run fast schon unfreiwillig komisch wirkt. Bei keiner der beiden Figuren macht sich eine charakterliche Weiterentwicklung im Laufe des Films bemerkbar, was in klassischen Krimis verschmerzbar ist, aber eigentlich Kernmerkmal guter Thriller sein sollte.



    Auch Heinz Drache gewinnt als Inspektor kaum an Profil – an seinem eher blassen Auftritt zeigt sich, wie wichtig für ihn die höherwertigen Drehbücher der Rialto-Wallace-Reihe waren. Als Ermittler ist er mit Werner Peters doppelt gesteckt; diese filmische Redundanz fällt vor allem deshalb so deutlich ins Auge, weil es sich bei Peters’ Auftritt um eine völlig überflüssige Ein-Szenen-Rolle handelt. Noch schwächer gestalten sich allerdings die Frauenfiguren des Films. Ob es sich um eine ähnlich unnütz in manche Szenen geschriebene Margot Trooger, eine sich in vager Vamp-Manier ergehende Eleonora Rossi-Drago oder eine hausbackene Mara Cruz handelt – wer „Nur tote Zeugen schweigen“ dieser Damen wegen sehen will, kann sich die Mühe, die DVD in den Player zu legen, gleich sparen.

    Zwischenzeitlich sorgen einige süffisante Tricks (das Versteck des Gesuchten in der Telefonkabine, die Lebensrettung des Inspektors an der Hochhausfassade oder der überraschende Mord mit dem Messer im Rücken) für Kurzweil. Auch die Ausnutzung der Gruselpuppe kann als solide bezeichnet werden, wenngleich sie vom logischen Standpunkt her natürlich nicht zu genau untersucht werden sollte. Gleichzeitig macht die Unfähigkeit des Regisseurs, Wichtiges zu akzentuieren und Belangloses zu kürzen, den Film zu einer 83-minütigen Hangelpartie, die zudem durch den unsauberen Schnitt der deutschen Verleihfassung auffällt. Insgesamt stellt sich bei mir das Gefühl ein, dass hier ein interessantes Vorhaben durch handwerkliche Inkompetenz gegen die Wand gefahren und eine internationale Besetzung in platten Rollen verheizt wurde. Ganz übel ist, dass die Synchronisation vorgaukelt, der offenkundig in Spanien gedrehte Film spiele in Deutschland.

    Wem einige sporadische Gruselelemente genug für einen gelungenen Thriller sind, der mag an „Nur tote Zeugen schweigen“ seine Freude haben. Der Film beweist Eigenständigkeit gegenüber den typischen Wallace-Lookalike-Rezepten, wurde aber viel zu einfach gestrickt, um selbst aufgebaute Erwartungen zu erfüllen. Das Endergebnis schrammt knapp am wenig schmeichelhaften Prädikat Eurotrash vorbei. 3 von 5 Punkten.

  • Foren-Beitrag von Gubanov im Thema

    Aber natürlich nicht nach dem Wallace-Schauspieler Tilo von Berlepsch benannt, sondern nach Hans Hermann Freiherr von Berlepsch, dem 1926 verstorbenen preußischen Staatsminister. Aber immerhin sind die von Berlepschs ja irgendwie alle miteinander verwandt - es bleibt also in der Familie.

  • Foren-Beitrag von Gubanov im Thema

    Zitat von Ray im Beitrag #21
    die Abenteuerfilme von Wolf C. Hartwig ... dürften hier Pate gestanden haben.

    Ein vielsagender Vergleich.

    Sonst ist dir hier wieder ein sehr launiger Bericht geglückt, den zu lesen sich eher lohnt als den Film zu sehen.

  • Edgar Wallace AusstrahlungenDatum12.10.2017 18:11
    Foren-Beitrag von Gubanov im Thema

    Das sind in der Tat wieder sehr ordentliche Werte. Kabel Eins sollte häufiger Wallace zeigen.

  • Foren-Beitrag von Gubanov im Thema

    Zitat von Gubanov im Beitrag #66
    Da der Mehrteiler auch hierzulande unter dem Titel "Partners in Crime" läuft, bleibt zu hoffen, dass sich Sony und Polyband nicht am Bildmaster vergriffen und es eingedeutscht haben.

    Die DVD ist mittlerweile erschienen. Kann jemand schon bestätigen, ob man hier bedenkenlos zugreifen kann, wenn man auf ein unbearbeitetes englisches Bildmaster Wert legt?

  • Foren-Beitrag von Gubanov im Thema

    Zitat von Ray im Beitrag #1
    Icestorm bringt diesen Film erstmals auf DVD. Die Bildqualität ist ob des Preis-/Leistungsverhältnisses (vom Start weg für weniger als 10€ zu haben) annehmbar.

    Aber selbst in dieser Beziehung schon am unteren Ende der Fahnenstange. Klar, eine aufwendige Restaurierung ist bei der Vermarktungsreihe nicht zu erwarten, aber die meisten anderen Icestorm-Krimi-Klassiker hatten bislang ein klareres Bild.

    Wie üblich bei solchen Scheiben also letztlich eine Abwägungssache zwischen Qualitätsbewusstsein und "Mein Interesse gilt eigentlich dem Film als solchem". Und was Letzteres angeht, kann ich nur vermelden, dass ich es bei "Drei vom Varieté" bisher nicht über die ersten 10 Minuten hinaus geschafft habe. Aber das soll niemanden von einer Sichtung abhalten.

  • RomaneDatum10.10.2017 12:00
    Foren-Beitrag von Gubanov im Thema

    Hallo Dr. Oberzohn,

    ein sehr schöner erster Beitrag, dem hoffentlich noch viele folgen werden. Naheliegend wäre ja z.B. ein Blick auf "Die drei Gerechten".

  • Ungelöste RätselDatum10.10.2017 11:58
    Foren-Beitrag von Gubanov im Thema

    Zitat von Ray im Beitrag #71
    Dummerweise befand sich ausgerechnet das Drehbuch des "Peitschenmönchs" nicht an seinem eigentlichen Standort ... Vielleicht ist bis dahin das Drehbuchexemplar wieder aufgetaucht.

    Diese Episode erinnert ja frappierend an "Im Banne des Unheimlichen" und das einzige, nicht zu greifende Exemplar des Buches von Professor Bound. Aber so bleibt das Thema ja auch "on topic": Wenn die offenen Fragen hier geklärt werden könnten, wären sie ja schließlich nicht mehr "Ungelöste Rätsel" ...

  • Rangliste der Bond-SongsDatum10.10.2017 11:48
    Foren-Beitrag von Gubanov im Thema

    Von den Bond-Titelsongs bekommt man bisweilen ja auch als Nichtkenner der Filme etwas mit, weil die Lieder teilweise der Bond-Community entwachsen. Bei mir im positiven Sinne hängen geblieben sind "Goldfinger" von Shirley Bassey, "Die Another Day" von Madonna und "Writing's on the Wall" von Sam Smith.

  • Foren-Beitrag von Gubanov im Thema

    Zitat von brutus im Beitrag #5252
    lausige 2 Vorabendserien

    Lieber so herum, als die beiden Attribute miteinander vertauscht.

  • Agatha Christie: Crooked House (2017)Datum05.10.2017 05:18
    Foren-Beitrag von Gubanov im Thema

    Wohl wegen der Verschiebung des Kinostarts wurde der ursprünglich gepostete Youtube-Trailer gelöscht. Mittlerweile wurde eine zweite Version hochgeladen, die mir noch besser gefällt. Habe das Video im Beitrag oben ersetzt. Freue mich sehr auf den Film!

  • Foren-Beitrag von Gubanov im Thema



    Maigret kennt kein Erbarmen (Maigret et l’affaire Saint-Fiacre)

    Kriminalfilm, FR / IT 1959. Regie: Jean Delannoy. Drehbuch: Jean Delannoy, Rodolphe-Maurice Arlaud (Buchvorlage, 1932: Georges Simenon). Mit: Jean Gabin (Kommissar Jules Maigret), Michel Auclair (Maurice de Saint-Fiacre), Robert Hirsch (Lucien Sabatier), Michel Vitold (Jodet, Priester), Valentine Tessier (Gräfin de Saint-Fiacre), Camille Guérini (Gaulthier), Serge Rousseau (Émile Gaulthier), Paul Frankeur (Dr. Bouchardon), Jacques Morel (Anwalt Mauléon), Jacques Marin (Albert, Chauffeur) u.a. Uraufführung (FR): 2. September 1959. Uraufführung (BRD): 16. Oktober 1964. Eine Produktion von Filmsonor / Intermondia / Cinetel Paris und Pretoria Film / Titanus Rom.

    Zitat von Maigret kennt kein Erbarmen
    Nach vielen Jahren kehrt Maigret in sein Geburtsdorf zurück. Die Gräfin von Saint-Fiacre, jenem Schloss, auf dem sein Vater Gutsverwalter war, wird anonym mit dem Tod bedroht und tatsächlich stirbt sie in der Aschermittwochsmesse. Maigret kommt bald dahinter, dass eine Zeitungsfehlmeldung, die den Selbstmord ihres Sohnes verkündet, in ihr Gesangbuch gelegt wurde – zuviel für das schwache Herz der Gräfin. Um das schmale Erbe und das dem Ausverkauf preisgegebene Schloss streiten sich nun der junge Graf und der nicht weniger leichtlebige Sekretär der Toten. Ist einer von ihnen der feige Mörder?


    Klamm kriecht die Februarkälte an den Schauspielern hoch – das spürt man förmlich, wenn man „Maigret kennt kein Erbarmen“ schaut und Simenons Pfeife rauchender Ermittler das zentralgeheizte Paris gen zentralfranzösische Provinz verlässt. Mäntel werden ganz gern auch in den Zimmern des Schlosses Saint-Fiacre getragen und in der Dorfkirche wärmt Maigret sich am Ofen, der nahe der letzten Sitzbankreihe aufgestellt ist. Gespiegelt wird diese unwirtliche Witterung in den Charakteren, die die Geschichte als Verdächtige bevölkern und die ganz den maigret-typischen Merkmalen hedonistischer Ekelpakete entsprechen. Insbesondere Michel Auclair als Sohn der Toten und Robert Hirsch als ihr Privatsekretär zeichnen üble parasitäre Porträts seelenkalter Profiteurstypen, die Maigrets Kindheitsfreundin ausnahmen wie eine Weihnachtsgans. Man traut ihnen folglich alles zu – dem labil-kindlichen Lucien Sabatier nicht weniger als dem großspurigen Maurice.

    Was für den Ermittler mit dem Treffen mit der liebenswürdigen Gräfin als anrührender Ausflug in die eigene Vergangenheit beginnt, offenbart bald Schattenseiten, da der Verfall der ehemaligen Pracht unverkennbar ist. Die kahlen Räume des Schlosses, deren Schätze bereits ebenso wie umliegende Ländereien an verschiedenste Antiquitätenhändler und Bodenspekulanten verhökert wurden, sprechen eine triste Sprache, die sich mit den ohnehin einfachen ländlichen Dekors in der Kirche, dem Dorfladen oder dem Verwalterhäuschen zu einer wirkungsvollen Atmosphäre ergänzt. Vor ihr brilliert Jean Gabin als latent enttäuschter Maigret, der am Ende über die Hinterlist des Täters in nachvollziehbare Rage gerät und in diesem Zuge nochmal ganz starke schauspielerische Akzente setzt.

    Im Gegensatz zum Vorgängerfilm, der sehenden Auges in eine vorangekündigte Tragödie mündet, handelt es sich bei „Maigret kennt kein Erbarmen“ um einen veritablen Whodunit, der erst in den letzten Minuten seine Auflösung im Rahmen einer fast schon christie-esken Versammlung aller Verdächtigen erfährt. Bis dahin setzt Maigrets verbissene Suche nach Spuren – obwohl er offiziell gar nicht zuständig ist und es sich ohnehin nur seiner Auffassung nach um einen Mord handelt – das Spannungskonstrukt betont langsam, aber unaufhörlich aus verschiedenen Puzzlestücken zusammen, was der Katholische Filmdienst nicht unrichtig als „anregende[n] kriminalistische[n] Denksport“ und als „Musterbeispiel eines filmisch erzählten Kriminalromans alten Stils“ bezeichnete (Quelle).

    Vor dem Hintergrund der erstarkenden nouvelle vague mag „Maigret kennt kein Erbarmen“ vergleichsweise altmodisch wirken, doch gereicht dies dem Film, bei dem es sich schließlich um die Adaption eines Romans von 1932 handelt, in gewissem Maße zur Ehre. Die starke Dialoglastigkeit der Delannoy-Inszenierung wird den Simenon’schen Qualitäten durchaus gerecht, sodass man auch hier von einer geglückten Umsetzung sprechen kann.

    Noch stimmungsvoller als sein Vorgängerfilm, wenngleich vielleicht etwas konservativer und psychologisch unwahrscheinlicher begleitet der zweite Gabin-Maigret seinen Hauptdarsteller auf sehr persönlichen Pfaden, die Vergänglichkeit und Verlust verdeutlichen. Erneut arbeitet sich Gabin an einigen stark gespielten Widersachern ab, deren Dreidimensionalität weit über durchschnittlicher Krimikost anzusiedeln ist.

    (4 von 5 Punkten)

  • In Beirut sind die Nächte lang (1965)Datum03.10.2017 13:48
    Foren-Beitrag von Gubanov im Thema

    Zitat von Ray im Beitrag #9
    P.S.: Könnte man den Thread vielleicht zu den "Filmklassikern international" verschieben? Danke!

    Ist erledigt.

  • Foren-Beitrag von Gubanov im Thema



    Maigret stellt eine Falle (Maigret tend un piège)

    Kriminalfilm, FR / IT 1957. Regie: Jean Delannoy. Drehbuch: Jean Delannoy, Rodolphe-Maurice Arlaud, Michel Audiard (Buchvorlage, 1955: Georges Simenon). Mit: Jean Gabin (Kommissar Jules Maigret), Annie Girardot (Yvonne Maurin), Lucienne Bogaert (Adèle Maurin), Jean Desailly (Marcel Maurin), Olivier Hussenot (Lagrume), Jeanne Boitel (Louise Maigret), Jean Debucourt (Polizeichef Camille Guimard), Hubert de Lapparent (Richter Coméliau), Paulette Dubost (Mauricette Barberot), Alfred Adam (Emile Barberot) u.a. Uraufführung (FR): 29. Januar 1958. Uraufführung (BRD): 5. September 1958. Eine Produktion von Intermondia Paris und Jolly Film Rom.

    Zitat von Maigret stellt eine Falle
    Eine Mordserie an brünetten Frauen im Stadtteil Marais hält die Pariser Polizei auf Trab. Nach vier Überfällen wird der Täter immer wagemutiger, sodass Kommissar Maigret beschließt, zu ungewöhnlichen Mitteln zu greifen. Ein falscher Verdächtiger soll die Presse ablenken, während eine Armada von Lockvögeln das gefährliche Gebiet durchstreift. Da stößt der Kommissar aus Zufall auf das Ehepaar Maurin, das unter Verdacht gerät, in den Fall verwickelt zu sein. Der weichliche Marcel Maurin steht im Spannungsfeld zwischen zwei starken Frauen – seiner Gattin und seiner Mutter, die ihn beide zu beeinflussen versuchen ...


    Jean Gabin als Kommissar Maigret – eine bis heute unwillkürliche Assoziationskette, die sich auf lediglich drei Filmauftritte in den Jahren 1957 bis 1963 gründet. Der namhafte französische Schauspieler passt zum griesgrämigen, ruhig-pragmatischen Ermittler aber auch, als sei er für ihn geschrieben worden. In kleinen Gesten eignet sich Gabin Maigrets Bodenständigkeit, hier und da auch seine Genervtheit oder seine burschikose Pfiffigkeit an, die Pfeife dabei immer in Reichweite und die Order nach Bier und Sandwiches in langen Verhör-Nächten im Polizeipräsidium auf der Zunge. Wer sich „Maigret stellt eine Falle“ zudem im Originalton ansieht, wird erkennen, wie die Stimme des Mimen zur natürlichen Autorität der Rolle beiträgt und wie ihn seine einfache Sprache im zeitgenössischen Paris, dessen profane Seiten Maigret gut vertraut sind, aufgehen lässt.

    Ein Serienmörder-Krimi ist „Maigret stellt eine Falle“ nun gerade nicht, obwohl die Versuchung, den Stoff so zu inszenieren, in Anbetracht der Ausgangslage groß hätte ausfallen können. Doch Regisseur Jean Delannoy zeigt die dunklen Straßen des gefährlichen Quartiers, wo hinter einer Hausecke der getriebene Killer kurz vor der Tat seine Handschuhe richtet, nur in wenigen Sequenzen. Obwohl die Verfilmung vor kleineren Freiheiten gegenüber der zwei Jahre zuvor erschienenen Romanvorlage nicht zurückschreckt, behält sie das für Simenon-Stoffe wesentliche Prinzip, dass psychologische Spannung über plakative Gruselelemente geht, doch vorbildlich bei: Nicht die Schrecken der Nacht, sondern die sich lähmend langsam zur Gewissheit versteifende Täterschaft des Hauptverdächtigen steht im Mittelpunkt des Films, der einen Großteil seiner Szenen im Hause Maurin und am Quai des Orfèvres ansiedelt.

    Stellenweise zerren die Szenen auf dem Revier auch am Geduldsfaden des Zuschauers, der Maigret trotz einer wuselnden Schar an Helferlein als Einzelkämpfer wahrnimmt, weil keiner der Assistenten trotz einer ausufernden Spielzeit von 114 Minuten an Profil gewinnt. Auch die häuslichen Szenen mit seiner Frau, die im Roman nicht vorkommt, wirken vorgeschoben – so als hätte ein Auftritt von Madame Maigret eben ohne Sinn und Verstand auf der Checkliste des Filmteams gestanden. Die anwachsende Tragik der Maurins kaschiert diese Fehltritte aber in zunehmendem Maße, je näher es dem Ende des Films entgegengeht. Der schauspielerische Dreiklang aus Mutter, Sohn und Ehefrau – Lucienne Bogaert, Jean Desailly und Annie Girardot – erweist sich mit jeder weiteren Szene als absoluter Glücksgriff, denn sie verleihen dem typischen kaputten, von Eitelkeiten und unterdrückter Schuld dominierten Familienbild Simenons erschreckend glaubwürdige Gesichter. Warum die Polizei zunächst überhaupt auf die Idee kommt, dass die Maurins in den Fall verwickelt sind, rückt als logische Überlegung bald hinter das voyeuristische Vergnügen des Zuschauers, ihre malade Fassade abbröckeln zu sehen, zurück.

    In einem kurzen Showdown, in dem eine weitere Frau um ihr Leben fürchten muss, besinnt sich Delannoy dann doch noch einmal auf die Mittel oberflächlicher Spannungssteigerung. Die Szene – eigentlich nur ein Wurmfortsatz der bereits gewonnenen Erkenntnisse – rundet einen stellenweise etwas trockenen Film aber mit Gespür für einen befriedigenden letzten Eindruck ab.

    Zum ersten Mal verkörpert Gabin Maigret, doch nimmt man ihm die polizeiliche Routine bereits ohne Weiteres ab. „Maigret stellt eine Falle“ ist ein Film, der die Kleinschrittigkeit der Verbrechensbekämpfung und die nötige Hartnäckigkeit, bis ein kranker, aber löwenhaft geschützter Täter gefasst werden kann, eindrucksvoll aufzeigt, auch wenn ihm dabei eine gewisse inszenatorische Leichtfüßigkeit verlorengeht.

    (4 von 5 Punkten)

  • Thema von Gubanov im Forum Off-Topic

    In diesem Thread können wir Infos zu den mittlerweile doch recht zahlreich verfügbaren Dokus über klassische Krimithemen sammeln, denn ich denke, dass viele von uns an Blicken „hinter die Kulissen“ interessiert sind.

    Ich beginne mit einer Dokumentation, die kürzlich bei Arte lief:



    Agatha Christie gegen Hercule Poirot: Wer hat Roger Ackroyd getötet?
    (Agatha Christie contre Hercule Poirot: Qui a tué Roger Ackroyd?)


    Dokumentation, FR 2015. Regie und Drehbuch: Jean-Christophe Klotz. Mit: Gilles Kneusé (Regisseur), Peter Hudson (Dr. Sheppard), Gilles Gaston-Dreyfus (Hercule Poirot) sowie Interviews mit Pierre Bayard, Denis Bertrand, Neel Burton, Gérard Moréas, Malcolm Neesam, Andrew Norman und François Rivière. Eine Produktion von Arte France und Les Films du Poisson.

    Zitat von Agatha Christie gegen Hercule Poirot: Wer hat Roger Ackroyd getötet?
    Der Regisseur Jean-Christophe Klotz will Agatha Christies Roman „Alibi“ (The Murder of Roger Ackroyd) als Theaterstück inszenieren. Er ist kein ausgesprochener Christie-Kenner, aber das vorliegende Buch mit seiner völlig ungewöhnlichen Auflösung fasziniert ihn. In Frankreich und England geht er den Spuren seiner Entstehung und Rezeption nach und dekonstruiert Christies Krimi mithilfe von Psychoanalytikern, Literaturprofessoren, Historikern und Sprachwissenschaftlern. Er kommt zu einem verblüffenden Schluss: Vielleicht überführte Hercule Poirot einen Unschuldigen!


    Die Besprechung enthält Spoiler zu Agatha Christies Roman „Alibi“.

    „Alibi“ genießt den Ruf, zu Agatha Christies besten Bücher zu gehören. Das liegt nicht daran, dass die Geschichte besonders clever ausgearbeitet wäre – in dieser Beziehung übertrumpft so ziemlich jede Veröffentlichung der Autorin aus ihren schaffensreichen 1930er und 1940er Jahren dieses auch atmosphärisch noch etwas unausgereifte Frühwerk. Nein, es ist Christies Entscheidung, ausgerechnet den Ich-Erzähler zum Mörder in einem Whodunit zu machen, die dem Buch so großes Echo und ihrer Karriere anno 1926 einen immensen Schub verleiht. Die Person, mit der sich der Leser verbündet und deren Authentizität er unweigerlich voraussetzt, entpuppt sich als Schwerverbrecher – ein Clou, der die damalige Kritik zu bösen Vorwürfen verleitete, sich auf lange Sicht hin aber bezahlt machte.

    Jean-Christophe Klotz – in der Dokumentation nicht selbst in Erscheinung tretend, sondern von einem Schauspieler verkörpert – nutzt die Treffen mit Christie-Experten und Wissenschaftlern, die den psychologischen Gehalt dieser Täterkonstruktion einschätzen können, um zwei wichtige Fragen zu klären: 1. Wie hängt die Entstehung mit Christies im Erscheinungsjahr sehr bewegten Privatleben zusammen und welche Theorien gibt es zu ihrem mysteriösen elftägigen Verschwinden? 2. Wie glaubwürdig ist die Auflösung, die Christie durch Poirot präsentiert und könnte der Mörder nicht in Wahrheit eine andere Person sein? Die Produktion macht zwar nicht recht deutlich, was die beiden Fragen miteinander zu tun haben, doch jede für sich liefert Raum für spannende Spekulationen, die Klotz in geschickten Argumentationen darlegt. Er stützt sich dabei auf Pierre Bayards gleichnamiges Buch, das bereits 1998 erschien. Freilich kann man seinen Untersuchungen dennoch einen gewissen verschwörungstheoretischen Anstrich nicht absprechen, der sich nicht zuletzt aus der heutzutage kultivierten Abneigung gegen lupenreine und irrtumsfreie Überfiguren wie Poirot speist.

    Besonders interessant wirken wird die Dokumentation freilich auf einen Zuschauer, der den Roman oder die recht stimmige David-Suchet-Verfilmung kurz zuvor konsumiert und damit alle Details noch frisch im Kopf hat. Wer sich nicht mehr an jede einzelne Situation erinnert, ist der Interpretation von Klotz sozusagen „widerspruchslos ausgeliefert“, wird aber die gewissenhafte Schilderung und die Verbildlichung aller Charaktere mit Theaterschauspielern zu schätzen wissen, sodass selbst ein Nichtkenner des Stoffs der Dokumentation folgen kann, sofern er sich nicht daran stört, die Auflösung verraten zu bekommen. Kleinere Ungenauigkeiten wie die auch andernorts immer wieder auftauchende Behauptung, „Alibi“ sei Christies erst zweiter Roman überhaupt gewesen, fallen dabei nicht weiter ins Gewicht, hätten aber bei einer so tiefgründigen und durchaus auch wissenschaftlichen Auseinandersetzung nicht unbedingt auftauchen müssen.

    Dass Agatha Christie den Leser gern hinters Licht führte, ist eine Binse. Andererseits grenzt die Sichtweise, die an einer ihrer Auflösungen zweifelt, paradoxerweise schon fast an Majestätsbeleidigung. Dass der Autor dieser Dokumentation mit seiner gewagten These dennoch überzeugt, liegt an solider Recherchearbeit und stringenter Beweisführung. Sehenswert sind darüber hinaus die Bild- und Tonausschnitte aus Interviews mit Agatha Christie persönlich. 4 von 5 Punkten.

  • Schwarzer Kies (1961)Datum01.10.2017 15:20
    Foren-Beitrag von Gubanov im Thema

    "Schwarzer Kies" erscheint am 16. November 2017 auf DVD und Blu-ray. Bei der Auswertung handelt es sich um eine Kooperation von Concorde Home Entertainment mit der Murnau-Stiftung - so wie auch schon bei den Veröffentlichungen von "Immensee", "Opfergang" und "Helden". Die DVD-Fassung ist als 2-Disc-Ausgabe angekündigt mit einer Filmlaufzeit von 110 und einer Bonuslaufzeit von 108 Minuten. Ich gehe also davon aus, dass zwei Schnittfassungen enthalten sein werden.



    Ankündigung auf der Label-Website von Concorde

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