Sie sind vermutlich noch nicht im Forum angemeldet - Klicken Sie hier um sich kostenlos anzumelden Impressum 
Forum Edgar Wallace ,...



Sie können sich hier anmelden
Dieses Board hat 1.408 Mitglieder
168.086 Beiträge & 6.239 Themen
Beiträge der letzten Tage
Foren Suche
Suchoptionen
  • Die blaue Hand (1925)Datum19.02.2018 21:00
    Foren-Beitrag von Gubanov im Thema

    Eine interessante Gegenargumentation. Zum Roman "Die blaue Hand" habe ich bisher tatsächlich noch keine so kritische Stimme gehört. Aber in der Tat ist der Roman nicht so actionreich wie einige andere Wallace-Stoffe und wartet nicht mit den typischen Banden- oder Superschurken-Insignien auf. Die militärischen und politisch unkorrekten Spitzen sind zeitgeistig und sollten nicht von einem heutigen Standpunkt aus bewertet werden. Und was die Erfüllung typischer Rollenbilder ("die übliche Schönheit ... die übliche Millionenebin ... der edle Retter ... der verderbte Wicht") angeht, so verbuche zumindest ich das ganz klar bei den Pluspunkten, zumal die Figuren mehr als bloße Abziehbilder sind.

    Alles in allem ist "Die blaue Hand" für mich (auch trotz der genannten Logikfehler; die Annahme Jims, Eunice könne die Erbin sein, als dafür noch keine Anzeichen vorliegen, fiel mir auch als etwas bemüht auf) auf jeden Fall in der Wallace-Top-10, eventuell sogar -Top-5, zu verorten. Bzgl. des qualitativen Vergleichs mit der "seltsamen Gräfin" steht meine Tendenz schon im vorherigen Beitrag; ich müsste sie im Detail aber noch einmal gegenprüfen, weil die "Gräfin" bei mir schon wieder eine Weile her ist.

  • Stilelemente in Wallace-RomanenDatum19.02.2018 00:10
    Foren-Beitrag von Gubanov im Thema

    Selbstjustiz in Form persönlicher Rachenahme an den offiziellen Gesetzen vorbei ist in den Werken vieler Kriminalschriftsteller vertreten und man kann den entsprechenden Geschichten dann nicht selten zwischen den Zeilen die persönliche Haltung der Autoren zum Thema entnehmen. Arthur Conan Doyle zum Beispiel ließ seinen Meisterdetektiv Sherlock Holmes mehrfach auf eine Anzeige oder Bestrafung der Verbrecher verzichten, wenn diese einen „guten“ Grund für ihre Taten (z.B. im Sinne der Auslöschung eines verdorbenen Menschen) hatten.

    Edgar Wallace durchdachte dieses Muster mit seinen „professionellen“ Selbstjustiz-Figuren „der Hexer“ und „die vier / drei Gerechten“ noch ein ganzes Stück weiter. Die Sympathie, die aus diesen Rollen für die Privatisierung von Urteilsvollstreckungen spricht, ist frappierend und für manche Leser vielleicht sogar irritierend. Einerseits macht es zwar eine Art diebische Freunde, sich mit einem Edelschurken gegen einen durchtriebenen Unhold zu verbünden und damit bei der Lektüre selbst ein bisschen das Gesetz zu übertreten (quasi nach der Art eines mörderischen Robin Hood) und darin liegt sicher ein nicht unwesentlicher Anteil am Erfolg des „Hexers“ in Buch- und Bühnenform. Doch ganz korrekt ist dieses Vergnügen genaugenommen freilich nicht. So bezeichnet David L. Vineyard die „vier Gerechten“ in seiner Besprechung des gleichnamigen Romans für MysteryFile als „politische Terroristen“, Steven Fielding widmet in einem Blogpost für die School of Politics and International Relations der University of Nottingham dem Buch sogar eine Analyse dieses Aspekts unter dem Titel „The Good Terrorists“.

    Dabei ist zu beachten, dass Wallace, obwohl er die Gerechten den Minister Ramon ermorden ließ, damit keine politische Kritik ausdrückte oder gar Anarchie propagierte, sondern das Gegenteil der Fall ist:

    Zitat von Steven Fielding: A State of Play – British Politics on Screen, Stage and Page, Bloomsbury, London 2014, S. 37
    ‘[Ramon] was the most dangerous man in the Cabinet, which he dominated in his masterful way, for he knew not the meaning of the blessed word “compromise”.’ Ramon’s death is, it seems, due to his refusal to find the middle ground, as he is urged by the Prime Minister: in other words, he is assassinated for failing to act like a parliamentarian. In a bizarre way – the murder of a Cabinet minister – Wallace’s thriller endorses the parliamentary ideal.

  • Bewertet TV: "Melissa" (1966, 7)Datum18.02.2018 20:45
    Foren-Beitrag von Gubanov im Thema



    Francis Durbridge: Melissa (Teil 3)

    Teil 3 des TV-Kriminalmehrteilers, BRD 1965. Regie: Paul May. Drehbuch: Francis Durbridge. Übersetzung: Marianne de Barde. Mit: Günther Stoll (Guy Foster), Siegfried Wischnewski (Inspector Cameron), Hubert Suschka (Felix Hepburn), Hanne Wieder (Paula Hepburn), Albert Bessler (Dr. Swanson), Katinka Hoffmann (Joyce Dean), Erik Schumann (Don Page), Claudia Gerstäcker (Carol Stewart), E.O. Fuhrmann (George Antrobus) u.a. Erstsendung: 14. Januar 1966. Eine Produktion des Westdeutschen Rundfunks.

    Zitat von Melissa (Teil 3)
    Bei einer Befragung in Elvingdale stellt sich heraus, dass der Mann, der sich Guy gegenüber als Vater von Mary Antrobus ausgab, ein Betrüger war. Zudem stößt Inspector Cameron auf zwei erhellende Hinweise: auf Marys Rauschgiftsucht und den Umstand, dass Melissa ihr Geld mit einer Reihe von Erpressungen verdient hatte, die sie gemeinsam mit einem gewissen Mr. Smith beging. Mr. Smith ist auch Melissas Mörder – nur wer steckt hinter dem Pseudonym? Erst im letzten Moment und mithilfe eines Tricks, der mit einem kompromittierenden Tonband zusammenhängt, gelingt es Cameron und Guy Foster, den Schuldigen zu entlarven ...

    Zitat von Francis Durbridge: Melissa, Aufbau-Verlag, Berlin 2006, S. 195
    Als ich mich vom Fenster abwendete, spürte ich plötzlich, dass noch jemand im dunklen Wohnzimmer sein müsse. Ich konnte nichts sehen und nichts hören, aber ich fühlte die fremde Anwesenheit. Behutsam begann ich, mich der Lampe auf meinem Schreibtisch zu nähern. Die langen Fenstervorhänge neben dem Schreibtisch raschelten an meiner Schulter, als ich mich etwas vornüberbeugte, um die Lampe anzuknipsen. Die Mündung eines Revolvers wurde mir, irgendwie gemildert durch die Vorhänge, auf das Rückgrat gedrückt, und eine wispernde Stimme warnte: „Kein Licht!“


    Die Überführung des Mörders findet zwar sowohl in Durbridges Buch als auch im Mehrteiler in Guys und Melissas Wohnung statt, allerdings verzichtete May auf das spannungsfördernde Dunkel und ließ Mr. Smith erst ganz am Ende zu seiner Waffe greifen. So schön sich die Szene im Roman liest, so überzeugend fällt aber auch die etwas bodenständigere Filmvariante aus, die vielmehr ein offenes Duell zwischen Foster und dem Killer zelebriert. Im Vergleich zu Mehrteilern, deren überraschende Twists dermaßen aus dem Ruder laufen, dass eine logische Erklärung nur mehr schwer zu liefern ist, greifen die Puzzlestücke in „Melissa“ ganz natürlich, ja geradezu wie von selbst ineinander; der Fall verfügt nicht nur über eine reizvolle Ausgangslage und kontinuierliche Spannungssteigerung, sondern auch über einen runden Schluss. Zwar wird nicht alles explizit aufgeklärt, die Hinweise zur Art der Beteiligung der einzelnen Charaktere geben jedoch genug Aufschluss, um sich Details denken zu können. Obgleich fast allen Handlungsträgern eine mehr oder minder unrühmliche Rolle zugedacht wird, fabrizierte Durbridge hier kein so ununterscheidbares Gaunergemisch wie etwa in „Die Schlüssel“.

    Während sich die Schlinge um den Hals von Mr. Smith mehr und mehr zuzieht, formen Günther Stoll und Siegfried Wischnewski ein unwahrscheinliches und sympathisches Duo. Der Inspector, der sich zunächst bedrohlich an die Fersen des verlegenen Verdächtigen geheftet hatte, ist mittlerweile vollauf von dessen Unschuld überzeugt und geht nach den diversen Prüfungen, die Guy über sich ergehen lassen musste, schon geradezu freundschaftlich mit ihm um. Cameron erhält einen Schlüssel zur Foster’schen Wohnung und macht es sich mit einem Tonbandgerät in der Küche gemütlich, als sei sie sein eigenes Zuhause. Wischnewski verbindet in diesen Szenen einen schnodderigen Charme mit der vertrauenerweckenden Gewissheit, dass sich alles zum Guten wenden wird.

    Denkt man am Ende des dritten Teils noch einmal an die erste Szene von „Melissa“ zurück, so wird man erstaunt rekapitulieren, von welchen verborgenen Sünden scheinbar solide Ehen im Krimikosmos von Francis Durbridge zerfressen sein können. Waren die Täter in anderen Mehrteilern zumeist alleinstehende Einzelgänger, so wird hier deutlich, dass verbrecherische Fassaden bis in die privatesten Beziehungen hinein aufrecht erhalten werden müssen. „Melissa“ ist ein Krimimehrteiler mit einer ganz eigenen, morbiden Faszination, der immer wieder zu munteren Kombinationen und damit auch als Aushängeschild der damaligen Straßenfeger-Reihe taugt.

    Ruth Maria Kubitscheks Titelfigur ist ein schillerndes Mordopfer, um dessen Ableben Francis Durbridge außerordentlich raffinierte Überraschungen strickte. Dem gehörnten Gatten verleiht Günther Stoll ein glaubwürdiges Gesicht – für ihn war der Auftritt in diesem TV-Großereignis der prägende Karrieremoment. Unterstützt von einer passgenauen Besetzung und einem Regisseur, der nach seiner Fingerübung im Jahr zuvor den Charme von Durbridge-Krimis nun vollends durchschaut hatte, begleitet ein gespanntes Publikum Guy Foster auf seiner Wahrheitssuche im Stile Davids gegen Goliath. 5 von 5 Punkten.

  • Die blaue Hand (1925)Datum18.02.2018 16:15
    Foren-Beitrag von Gubanov im Thema



    Edgar Wallace: Die blaue Hand (The Blue Hand)

    Erstausgabe (Großbritannien): Ward Lock & Co., London 1925. Erstausgabe (Deutschland): Verlag Hesse und Becker, Leipzig 1928. Erstübersetzer: Ravi Ravendro (= Karl Döhring). Leseempfehlung: Weltbild-Verlag, Augsburg 2001 (Doppelband mit „Das Geheimnis der gelben Narzissen“). Erhältliche Hörbuchfassung: Audience / AME hören, Berg 2008 (2 CDs, Sprecher: Johannes Steck).

    Zitat von Edgar Wallace: Die blaue Hand
    Der Anwalt Septimus Salter hat sich bereits daran gewöhnt, dass sein Sekretär Jim Steele mit Eifer in alten Akten liest. Besonders der Fall Danton, in dem es um ein verschwundenes Mädchen und das ihr zustehende Millionenerbe geht, hat es Jim angetan. Dieses Erbe soll in Kürze auf den unausstehlichen Scharlatan Dr. Digby Groat übergehen. Ungefähr zur gleichen Zeit nimmt Jims Freundin Eunice Weldon eine Stellung bei Groat und dessen Mutter auf. Die alte Dame hat kleptomanische Anfälle, verhält sich auch sonst reichlich merkwürdig und ist ihrem Sohn offenbar völlig hörig. Im Groat’schen Haushalt treibt zudem ein Unbekannter sein Unwesen, der blaue Handabdrücke zurücklässt. Diese scheinen eine düstere Bedeutung zu haben, denn Mrs. Groat fällt bei der Erwähnung der „blauen Hand“ in Ohnmacht. Derweil sorgt sich Jim Steele um Eunice, die im Hause der Groats zunehmend in Gefahr gerät, als die Groats bemerken, dass sie eine charakteristische Narbe am Handgelenk hat ...


    Dass Edgar-Wallace-Fans hierzulande bei „Die blaue Hand“ zuallererst an Klaus Kinskis Irrenanstalts-Abenteuer mit Metallkrallenmorden denken, ist ein wenig schade, denn der Edgar-Wallace-Roman, von dem sich die Rialto 1967 nicht mehr und nicht weniger als den Titel borgte, überzeugt mit einem deutlich feineren, weniger abgehalfterten Plot, der die Stärken des Autors deutlich zum Tragen kommen lässt. Das Buch „Die blaue Hand“ ähnelt in seiner Grundstruktur insofern der „seltsamen Gräfin“, als hier wie dort eine junge Frau arglos eine Stellung in einem verbrecherischen Haushalt aufnimmt und dadurch in Lebensgefahr gerät. Im Vergleich ist „Die blaue Hand“ allerdings der überzeugendere der beiden Stoffe, denn gerade die Bedrohung, die von den Groats ausgeht, wird absolut eindringlich geschildert. Das macht den Roman sehr spannend, wenngleich er weder über eine Mordserie noch über einen Whodunit verfügt. Vielmehr ergibt sich der Nervenkitzel aus den Familiengeheimnissen und dem willensstarken, durch und durch bösartigen Charakter von Digby Groat.

    Groat definiert sich über seine Gier sowohl nach Macht als auch nach Geld: Das bietet die perfekte Gelegenheit, die Geschichte der Danton-Millionen ins Spiel zu bringen, welche die Handlung ebenso wie die Auftritte der unbekannten blauen Hand laufend vorantreibt. Wallace operierte hier wieder einmal nach der Devise „alte Sünden werfen lange Schatten“ und verband ein nur mit Mühe aufzudeckendes, wohl gehütetes Geheimnis aus der Vergangenheit mit den Vorkommnissen auf der aktuellen Ebene des Buches. Jim Steele gewinnt durch seine Beharrlichkeit an Profil; er ist der typische rechtschaffene Held, dem man aufgrund seiner unermüdlichen Nachforschungen jeden Erfolg gönnt. Dass Eunice Weldon im Hause der Groats jedoch oft auf sich allein gestellt ist, lässt ihn vor allem im Mittelteil des Buches manchmal off limits geraten; hier verstecken sich dann die großen Herausforderungen und Schrecken, die Eunice selbst bewältigen muss.

    Wallace ließ, um Digby Groats Abscheulichkeit zu untermauern, Andeutungen von Vivisektions-Horror einfließen, auf den er ein Jahr später in „Die Tür mit den sieben Schlössern“ bei Groats ähnlich widerwärtigem „Nachfolger“ Dr. Staletti noch einmal zurückkommen sollte. Bei der Mutter Jane Groat handelt es sich dagegen um eine im Vergleich komplexere Figur, die einerseits selbst Unrecht ausübte, der aber nun auch Unrecht widerfährt. Hier hätte sich in einer Verfilmung ein großartiger Part für eine erfahrene Filmdiva angeboten. Um Jane Groat dreht sich außerdem auch die Bedeutung der blauen Hand, bei der es sich um ein geradezu tragisches Erkennungszeichen handelt. Im Gegensatz etwa zu kostümierten Bogenschützen verfehlt dieses Symbol seine Wirkung auch auf heutige Leser nicht.

    Um ein besseres Bild von Wallace’ Originalfiguren zu vermitteln, hier einige Beschreibungen aus dem Roman:

    Zitat von Edgar Wallace: Die blaue Hand, Weltbild-Verlag, Augsburg 2001, S. 233
    Seitwärts von dem alten tintenbeklecksten Tisch stand ein Stuhl, auf dem ein junger Mann [Jim Steele, Anm. d. Verf.] kniete. Er hatte die Ellbogen auf den Tisch gestützt und war in das Studium eines Schriftstücks vertieft. [...] Er war groß und hatte breite Schultern, aber trotzdem waren seine Bewegungen geschmeidig und biegsam. Sein gebräuntes Gesicht erzählte von Tagen, die er draußen im Freien verbracht hatte. Eine gerade Nase, ein fester Mund und ein hartes Kinn gaben ihm das charakteristische Aussehen eines früheren Offiziers, der vier Jahre lang an der Front alle Härten des Krieges mitgemacht hatte. Nun war er etwas verwirrt und sah mehr nach einem bei Unaufmerksamkeit ertappten Schüler aus als ein schneidiger Offizier, der das Viktoriakreuz erhalten und in hartem Luftkampf acht feindliche Flugzeuge heruntergeholt hatte.

    Zitat von Edgar Wallace: Die blaue Hand, Weltbild-Verlag, Augsburg 2001, S. 239
    Der Schreiber öffnete die Tür für einen elegant gekleideten jungen Herrn [Digby Groat, Anm. d. Verf.]. Jim kannte ihn schon von früher, aber je öfter er ihn sah, desto weniger konnte er ihn leiden. Er hätte mit geschlossenen Augen das schmale, wenig freundliche Gesicht mit dem kurzen, schwarzen Schnurrbart, die müden Augen, die blasierten Züge, das große, vorstehende Kinn und die etwas abstehenden Ohren malen können, wenn er ein Zeichner gewesen wäre. Und doch machte Digby Groat in mancher Beziehung einen guten Eindruck, das konnte selbst Jim nicht bestreiten. Sein Anzug war nach dem modernsten und besten Schnitt gearbeitet und stand ihm außerordentlich gut. In dem Zylinder, den er in der Hand trug, hätte man sich spiegeln können, und als er ins Zimmer trat, verbreitete sich ein leiser Duft von Quelques Fleurs.

    Zitat von Edgar Wallace: Die blaue Hand, Weltbild-Verlag, Augsburg 2001, S. 244f
    Sie [Eunice Weldon, Anm. d. Verf.] war von schlankem Wuchs und ging sehr gerade. Etwas Liebenswürdiges und Elegantes lag in ihren Bewegungen, so dass die Herren, die auf den Straßen umherschlenderten, um zu flirten, stehen blieben, wenn sie vorbeiging. Sie ließen sich durch ihre Haltung abschrecken, machten sich aber nachher bittere Vorwürfe, dass sie sie nicht kühn angesprochen hatten. Eunice hatte ein reines, fast madonnenähnliches Gesicht, aber ihre fröhlich lachenden, blauen Augen und ihre schöngeschwungenen Lippen waren sehr lebhaft und schienen nicht gewillt, das Leben in klösterlicher Abgeschlossenheit zu vertrauern. In ihren Augen lag ein eigentümlicher Glanz, in dem sich eine Bitte und auch zugleich eine Warnung ausdrückte. Es lag Reinheit in ihrem ganzen Wesen, in all ihren Zügen, in dem ausdrucksvollen Mund, in dem runden, jugendlichen Kinn. Es lag wie ein Hauch von Taufrische über ihrer weißen, klaren, fast durchsichtigen Haut. Alle Schönheit der Jugend schien in ihr vereinigt zu sein.

    Zitat von Edgar Wallace: Die blaue Hand, Weltbild-Verlag, Augsburg 2001, S. 251
    Die Frau, die ihm [Digby, Anm. d. Verf.] auf dem Sofa gegenübersaß, sah älter aus, als sie in Wirklichkeit war. Jane Groat war über sechzig, aber manche hielten sie für zwanzig Jahre älter. Ihr gelbliches Gesicht war von vielen Runzeln und Falten durchzogen, und auf ihren blassen Händen traten die blauen Adern hervor. Nur ihre dunkelbraunen Augen machten noch einen lebendigen Eindruck, und in ihrem Blick lag Neugierde, beinahe Furcht. Ihre Gestalt war gebeugt. Ihr Benehmen ihrem Sohn gegenüber war fast kriechend. Sie sah ihm nicht in die Augen – sie sah überhaupt selten jemand an.


    Im aufregenden Finale bricht der Roman schließlich seine bis dato eher kammerspielhafte Atmosphäre merklich auf. Details aus den Personenbeschreibungen (vor allem jene, die Jim Steeles Fliegerlaufbahn betreffen) gewinnen auf einmal an Bedeutung. Eine umfangreiche Verfolgungsjagd auf Leben und Tod setzt sich in Gang – auf diese Weise bleibt das Buch bis zur letzten Seite lesenswert, auch wenn sich die meisten Fragen bereits kurz nach der Mitte klären. Insgesamt ist die Mischung zwischen klassischem Krimi und abenteuerlichem Ende exzellent abgestimmt. Sie spricht für Wallace’ untrügliches Gespür für Unterhaltungswerte und macht „Die blaue Hand“ zu einem besonders gelungenen Werk seiner geschäftigsten Arbeitsjahre, das man immer wieder aufs Neue genießen kann.

    Das Fehlen einer werkgetreuen Verfilmung ist tatsächlich bedauerlich, zumal sich die Ereignisse im Hause Groat bei behutsamer Dramatisierung gut für einen frühen Wallace-Krimi oder einen schwarzweißen Hammer-Grusler angeboten hätten bzw. sich sogar noch heute für ein period drama im britischen Fernsehstil anbieten würden. Die Wehmut wird allerdings durch die Hörspieladaption von Titania Medien (2005) gelindert (Hörprobe), welche den Roman zwar stark einkürzt, aber mit großem Gespür für das Flair der Vorlage, glaubwürdigen Sprecherleistungen und einer stimmigen Geräuschkulisse umsetzt.

  • Bewertet TV: "Melissa" (1966, 7)Datum17.02.2018 21:15
    Foren-Beitrag von Gubanov im Thema



    Francis Durbridge: Melissa (Teil 2)

    Teil 2 des TV-Kriminalmehrteilers, BRD 1965. Regie: Paul May. Drehbuch: Francis Durbridge. Übersetzung: Marianne de Barde. Mit: Günther Stoll (Guy Foster), Siegfried Wischnewski (Inspector Cameron), Erik Schumann (Don Page), Hubert Suschka (Felix Hepburn), Hanne Wieder (Paula Hepburn), Albert Bessler (Dr. Swanson), Katinka Hoffmann (Joyce Dean), Christine Uhde (Mary Antrobus), Dietrich Thoms („George Antrobus“) u.a. Erstsendung: 12. Januar 1966. Eine Produktion des Westdeutschen Rundfunks.

    Zitat von Melissa (Teil 2)
    Mittels einer Botschaft ins Dörfchen Elvingdale gelockt, macht Guy Foster dort die verblüffende Bekanntschaft der angeblichen Liebschaft seiner Frau: Es handelt sich um einen zwölfjährigen Jungen! Guy lernt neben Peter Antrobus auch dessen Schwester Mary kennen, die Angst vor ihm hat, weil sie Guy als mutmaßlichen Mörder aus der Zeitung wiedererkennt. Eines Abends glaubt Guy, seinen Ohren nicht zu trauen, denn als das Telefon klingelt, hört er die Stimme der toten Melissa am anderen Ende der Leitung. Er solle unbedingt zum gemeinsamen Cottage fahren. Doch als er am nächsten Morgen dort ankommt, findet Guy nicht Melissa, sondern Mary Antrobus. Sie wurde erwürgt – auf die gleiche Weise wie seine Frau ...

    Zitat von Francis Durbridge: Melissa, Aufbau-Verlag, Berlin 2006, S. 96f
    Als ich mich aufrichtete, bemerkte ich, dass die Tür zur Küche offen stand und dass in der Küche die trübe Deckenlampe brannte. Ich ging in die Küche. Einen winzigen Moment später wünschte ich mir, dass ich das nicht getan hätte – wünschte es mir mit all der vergeblichen Intensität, die wir aufbringen, wenn wir verzweifelt um die Gnade beten, das Rad der Geschichte zurückdrehen zu können. Das Mädchen in dem alten Korbstuhl war tot. Und ich stand da, das entsetzliche Bild anstarrend, anstatt daheim in London friedlich in meinem Bett zu schlummern.


    Inspector Cameron begrüßt den Zuschauer zu Beginn des zweiten Teils mit einem Rückblick auf das Geschehen der ersten Folge. Zum ersten Mal waren in „Melissa“ solche erläuternden Zusammenfassungen unmittelbarer Produktionsbestandteil – zuvor waren klärende Worte entweder von den Programmansagerinnen übernommen oder erst bei Ausstrahlungen in späteren Jahrzehnten hinzugefügt worden („Das Halstuch“ und „Die Schlüssel“). Die direkte Ansprache durch eine handelnde Figur verleiht dem „Was bisher geschah“ jedoch eine ganz andere Qualität und sorgt für einen ungemein vergnüglichen Einstieg – zumal Wischnewski seinem Polizisten in der Tradition von Lievens Inspector Hyde eine feine Süffisanz verleiht. Man spürt auch mehr und mehr, dass der kluge Ermittler zu viele Widersprüche in den Spuren gegen Guy Foster entdeckt, um diese für bare Münze zu nehmen und sich völlig auf den gebeutelten Witwer einzuschießen.

    Trotz eines überraschenden Anrufs „aus dem Jenseits“ (Melissa lockt Guy am Telefon in das gemeinsame Landhaus) tritt die Präsenz der Kubitschek-Rolle deutlich in den Hintergrund. Es scheint, als sorgten die sich förmlich überschlagenden Ereignisse dafür, dass Melissa Fosters Tod von den Beteiligten schnell akzeptiert wird – weil sie sich schon wieder anderen Neuigkeiten ausgesetzt sehen und sich vor allem der Ehemann bei seinen vergeblichen Bemühungen, sich aus dem Netz der Indizien zu befreien, nur noch weiter darin verheddert. Großen Raum nimmt das Verwirrspiel um die ominöse Familie Antrobus ein. Deren Rolle im Geschehen sorgt beim Zuschauer für völlige Ratlosigkeit und außerdem für den zweiten, abermals außerordentlich wirkungsvollen Leichenfund.

    Guys Freunde erweisen sich derweil als hedonistische oder gar verlogene Egoisten: Insbesondere den beiden männlichen Darstellern Erik Schumann und Hubert Suschka gelingt es vorzüglich, Verdacht auf sich zu lenken und sich damit als Täter förmlich anzubieten, während Hanne Wieders Spitzzüngigkeit für manche Momente des hintersinnigen Schmunzelns sorgt. Im kleinen Auftritt von Christine Uhde in der Rolle der verängstigt-desorientierten Mary Antrobus zeigt sch zudem einmal mehr, dass die Durbridge-Reihe auch von den Auftritten sonst eher unbekannter Schauspieler lebt, die in ihren markanten Rollen den Ruhm des Scheinwerferlichts zwar nur kurz genießen durften, den Mehrteilern jedoch jeweils eine ganz besondere Note hinzufügten (vgl. auch Esther Queil in „Der Andere“ und ein Stückweit auch Ingrid Ernest in „Der Fall Salinger“).

  • Foren-Beitrag von Gubanov im Thema

    Liebe Bücherwürmer und Wallace-Freunde,

    jetzt ist das Roman-Forum vollumfänglich einsatzbereit. Ich freue mich sehr, dass mit diesem Unterforum nun endlich der Raum geschaffen wurde, der den Büchern von Edgar Wallace zusteht. Vorschläge dazu gab es ja bereits seit mehr als fünf Jahren. Und sie waren absolut berechtigt, denn ohne die Romane und Kurzgeschichten des King of Crime hätte es weder die Rialto-Filme der 1960er Jahre noch überhaupt die gesamte damalige Krimiwelle oder gar den Kriminal- und Polizeiroman in seiner typischen Form der 1920er Jahre gegeben.

    In diesem neuen Bereich können sowohl Romane als auch Kurzgeschichten des Autors vorgestellt und diskutiert werden. Dazu ist es jetzt möglich, neue Themen für jedes einzelne Werk zu eröffnen, anstatt alle Beiträge in einen unübersichtlichen Sammelthread zu versenken. Die seit vielen Jahren auf diese eher suboptimale Weise gesammelten, für sich aber ungeheuer wertvollen Beiträge habe ich nun auch in solche Einzelthreads ausgelagert. Auf diese Weise stehen dem geneigten Leser jetzt schon 51 Diskussionsstränge zu einzelnen Büchern – von „Die toten Augen von London“ bis „Das Gasthaus an der Themse“, von „Der rote Kreis“ bis „Das indische Tuch“ – zur Verfügung. In diesen Themen sind sowohl kurze Kommentare und Leseeindrücke als auch profunde Buchbesprechungen gern gesehen – also äußert euch immer und in jeder Form gern zu eurer Wallace-Lektüre!

    Für allgemeine Fragen zu den Romanen kann weiterhin gern der bisherige Sammelthread genutzt werden, der jetzt unter dem Betreff Allgemeines zu den Edgar-Wallace-Romanen immer an erster Stelle über den anderen Beiträgen zu finden ist. Weiterhin ist das Unterforum für alle buchbezogenen Wallace-Neuigkeiten gedacht.

    Auf spannende und konstruktive Beiträge!

  • Bewertet TV: "Melissa" (1966, 7)Datum16.02.2018 18:00
    Foren-Beitrag von Gubanov im Thema

    Auf zu Durbridges wohl faszinierendstem Stoff:



    Francis Durbridge: Melissa (Teil 1)

    Teil 1 des TV-Kriminalmehrteilers, BRD 1965. Regie: Paul May. Drehbuch: Francis Durbridge. Übersetzung: Marianne de Barde. Mit: Günther Stoll (Guy Foster), Siegfried Wischnewski (Inspector Cameron), Ruth Maria Kubitschek (Melissa Foster), Hubert Suschka (Felix Hepburn), Hanne Wieder (Paula Hepburn), Erik Schumann (Don Page), Albert Bessler (Dr. Swanson), Katinka Hoffmann (Joyce Dean), Ulrich Beiger (Mr. Duncan) u.a. Erstsendung: 10. Januar 1966. Eine Produktion des Westdeutschen Rundfunks.

    Zitat von Melissa (Teil 1)
    Eigentlich sollte es ein vergnüglicher Abend für das Ehepaar Foster auf der Geburtstagsfeier des befreundeten Rennfahrers Don Page werden. Doch Guy Foster scheut die Party und schickt seine Frau Melissa allein hin. Sie stirbt noch in dieser Nacht an den Händen eines Würgers. Der Gatte gerät rasch unter Verdacht: Die Handschuhe, die Don geschenkt bekommen sollte und die Melissas Mörder bei der Tat trug, verschwanden quasi unter Guys Augen aus der Foster’schen Wohnung. Ein Nervenarzt behauptet zudem, ihn untersucht zu haben, weil Melissa um seine geistige Gesundheit besorgt gewesen sei. Zu allem Überfluss stellt sich die Tote plötzlich als reiche Frau mit einer geheimnisvollen Liebschaft heraus. Welches Geheimnis hütete Melissa Foster?

    Zitat von Francis Durbridge: Melissa, Aufbau-Verlag, Berlin 2006, S. 14
    Über die Böschung herab kamen vorsichtig zwei Männer, mit einer Trage zwischen sich. Auf der Trage lag eine zugedeckte Gestalt. Auf einen Wink des Inspectors blieben die Männer mit der Trage bei uns stehen. Er beugte sich etwas herab und hob behutsam das Ende der Decke, das den Kopf verhüllte. [...] Die Welt schien sich plötzlich in einem langsamen, Übelkeit erregenden Halbkreis um mich zu drehen. Ich nahm nicht mehr wahr, wie sie Melissa in den Ambulanzwagen schoben.


    In keinem anderen Durbridge-Mehrteiler bewegt den Zuschauer das Schicksal der Protagonisten so stark wie in „Melissa“: Die titelgebende Frau wird mit geschickten Kunstgriffen zu einem widersprüchlichen Faszinosum ausgebaut. Ihr rascher Tod verkehrt das Bild, das man sich von der anfangs so heiter erscheinenden Melissa Foster machte, in sein Gegenteil. Dem Mann, der zunächst als mürrischer Spielverderber auftritt, geht es derweil so übel an den Kragen, dass man unweigerlich für ihn eingenommen wird. Der Mord an der geliebten Ehefrau wiegt für Guy Foster ebenso schwer wie der plötzliche Kontrollverlust über die eigene Glaubwürdigkeit, Reputation und sogar Gesundheit. Ist der arbeitslose Reporter tatsächlich ein psychisch angeschlagener Mörder? Oder wird ihm nur mit einem weitreichenden Komplott böse mitgespielt? Der Name Durbridge garantiert natürlich geradezu für Letzteres. Ruth Maria Kubitschek und Günther Stoll verkörpern die beiden Hauptrollen im Zwielicht absolut überzeugend. Für Stoll war „Melissa“ der Durchbruch, der ihm bald darauf auch – wie Heinz Drache – zu seiner ersten Rialto-Wallace-Hauptrolle verhalf. Der Schauspieler ist vor allem deshalb eine treffliche Besetzung, weil er die Grauschattierungen, die für einen Charakter wie Guy Foster erforderlich sind, typgerecht umsetzen konnte.

    Die allermeisten Szenen werden demnach wie auch im 1967 erschienenen Roman aus Guys Sicht erzählt. Die starke Konzentration auf den Hauptdarsteller bügelt die Mittelpunktslosigkeit des Vorgänger-Krimis „Die Schlüssel“ aus – man hatte aus dem etwas oberflächlichen Dreiteiler also kluge Lehren gezogen. Dies führte dazu, dass „Melissa“ nach mehreren Jahren, in denen die Presse sehr kritisch mit Durbridge umging, endlich wieder an „Halstuch“-Popularität anknüpfen konnte. Die Hindernisse, die Guy Foster in den Weg gelegt werden, halten den Zuschauer zum immer aufmerksameren Sehen an – kontinuierlich steigerten sich die Einschaltquoten von Teil 1 bis 3 von 72 auf 89 Prozent. Zur dichten Atmosphäre und zur Legendenbildung um Melissa trägt nicht unwesentlich die Musik von Peter Thomas bei, der der Titelfigur eine eigene Kennmelodie spendierte. Diese – das markanteste Musikstück des Mehrteilers –, aus deren Tonfolge und Instrumentierung Wehmut und unausgesprochene Geheimnisse sprechen, schaffte es in seiner achtwöchigen Präsenz in den deutschen Charts bis auf Listenplatz 4 und wurde damit zu Thomas’ erfolgreichstem Hit überhaupt. Durbridge beschrieb Melissas Melodie im Roman als „seltsam subtil und allzu vertraut“.

    Die Krimihandlung profitiert von den immensen Verdachtsmomenten, die sich gegen Guy Foster auftürmen, ebenso wie von der Unsicherheit, welche sich aus dem Wissen ergibt, dass die Drahtzieher des Mordes jederzeit Zugang zur Foster-Wohnung haben. Auch die Indizien – die Handschuhe, die verschwundene Hutschachtel, der Schuldschein und der (zu) wertvolle Schmuck in Melissas Besitz – verbreiten angenehme Rätselstimmung. Aus den weiteren Rollen sind in Teil 1 vor allem Siegfried Wischnewski als hartnäckiger Inspector Cameron und Albert Bessler als bösartiger Arzt hervorzuheben. May setzte die Szenen in Besslers Büro mit sinistrer Ausleuchtung, geschickten Kameraperspektiven und einer gummigepolsterten Tür ohne Klinke geradezu unheimlich in Szene – ein Unterfangen, das der kauzige Schauspieler natürlich bestens mit seiner maliziösen Präsenz zu stützen verstand. Aber auch seine Sprechstundenhilfe, gespielt von Katinka Hoffmann, hinterlässt den Eindruck berechnender Kaltblütigkeit.

  • Blutige Seide (1964)Datum13.02.2018 18:25
    Foren-Beitrag von Gubanov im Thema



    Blutige Seide (Sei donne per l’assassino / Six femmes pour l’assassin)

    Kriminalfilm, IT / FR / BRD 1963/64. Regie: Mario Bava. Drehbuch: Marcello Fondato, Giuseppe Barilla, Mario Bava. Mit: Cameron Mitchell (Massimo Morlacchi), Eva Bartok (Gräfin Cristiana Cuomo), Thomas Reiner (Inspektor Silvestri), Ariana Gorini (Nicole), Mary Arden (Peggy), Claude Dantes (Tao-Li), Lea Lander (Greta), Dante di Paolo (Franco Scalo), Franco Ressel (Marquis Riccardo Morelli), Massimo Righi (Marco) u.a. Uraufführung (IT): 10. April 1964. Uraufführung (BRD): 27. November 1964.

    Zitat von Blutige Seide
    Das Mannequin Isabella wird von einem maskierten Unbekannten ermordet. Unter ihren Kolleginnen und deren Arbeitgeberin, der Gräfin Cristiana, die nach dem Tod ihres Mannes nun mit dem Modeschöpfer Massimo zusammenlebt, bricht Panik aus. In Isabellas Wohnung werden Drogen gefunden; außerdem sorgt das Tagebuch der Toten für Aufsehen. Es enthält pikante Geheimnisse, die den Killer erneut auf den Plan treten lassen. Er tötet weitere Modelle auf brutale Weise. Was hat er zu verbergen? Inspektor Silvestri setzt bald eine Reihe von Verdächtigen fest, unter denen er den Täter vermutet. Doch die Morde gehen weiter ...


    Als hätte er das Ziel der Entwicklung vom Krimi zum Giallo vorausahnen können, profilierte Bava nach „The Girl Who Knew too Much“ in „Blutige Seide“ weitere spezielle Merkmale für italienische Reißer der kommenden Dekade. Legte „Girl“ noch eine naiv-altmodische Zurückhaltung an den Tag, so markiert „Blutige Seide“ das Ablegen alter Tabus und den Beginn des offenherzigen Inszenesetzens von Gewalt, Erotik und mörderischer Übermacht als Ausdruck einer pervertierten Ästhetik.

    Zitat von Antonio Bruschini, Antonio Tentori: Italian Giallo Movies, Profondo Rosso, Rom 2013, S. 29
    For the first time in Italian cinema, the figure of the mad maniac is represented in all its frightening power. This classic iconography would pave the way for a long series of psycho killers up to the more recent productions. It’s a nightmarish vision: a black-dressed figure, the face covered with a mask and a hat. However, in Bava’s film there are two murderers, killing in turn, and giving the viewer the impression of an omnipotent and ubiquitous entity which no one can escape from, until the final revelation. [...] The murderers’ habits and methods are also fundamental: the murders are never quick, but they turn out to be cruel exercises in death, executed with a paroxistic fury, causing ample bloodletting and physical devastation. A victim has her face crushed with an iron spiked fist, another is drowned and then slashed with a razor, another has her face scalded on a hot iron stove.


    Die zwei Strumpfmaskenmörder in diesem Film schlagen nicht nur auf möglichst morbid-blutige Weise zu, auch die Anzahl und Länge der Mordsequenzen ist so beachtlich, dass der Film im Originaltitel sogar damit wirbt („Sechs Frauen für den Mörder“). Viel Platz bleibt deshalb rundherum nicht für eine komplexe Story oder abgerundete Charaktere. Die Mädchen, die der Hand der Killer zum Opfer fallen, tragen zwar Namen, sind aber trotzdem anonym. Sie unterscheiden sich in erster Linie nicht durch ihre Persönlichkeiten, sondern durch ihre Frisuren voneinander. Inhaltliche Oberflächlichkeit bei gleichzeitiger künstlerischer Umtriebigkeit sollte durchaus auch zum Markenzeichen einiger Vorzeige-Gialli werden, macht sich hier aber einigermaßen problematisch bemerkbar. Es ist, als habe Bava ähnlich wie bei seinem späteren Gewalt-Epos „Im Blutrausch des Satans“ anfangs nur die Morde im Kopf gehabt und darum dann ein loses Drehbuch in Auftrag gegeben.



    Und dennoch nimmt es unwillkürlich Wunder, dass die regelrechte Metzelei der Modelle in schonungslose Bilder gegossen wird und damit – in einem Streifen von 1964! – der in späteren Filmen der Giallo-Hochzeit schon so frappierend ähnelt. Die blinde Autorität des maskulinen Killers im Vergleich zur Verletzlichkeit der fashion girls, wahren Gallionsfiguren unemanzipierter Weiblichkeit, birgt ein klares Sadismusmoment, das man so auch aus Filmalpträumen der Regiekünstler Dario Argento oder Lucio Fulci kennt. Hinzu kommt der völlig unnatürliche und deshalb so beeindruckende Einsatz greller Farben, der als klares Markenzeichen die Optik des Films mitbestimmt. Bava scheute sich nicht davor, die komplette Palette auszukosten und gegebenenfalls auch unvorteilhaft zu kombinieren. Hauptsache Alarm – was für die Brutalität gilt, gilt auch für Kamera und Licht.

    Seine zukunftsweisende Stellung sei „Blutige Seide“ gern attestiert, aber vollends überzeugt der Früh-Giallo letztlich dennoch nicht. Die Handlungen mancher Figuren sind irrational und unverständlich, die Filmdekors fallen in ihrem bräsig-heruntergekommenen Barock-Chic eher billig aus und die Schauspieler stammen trotz internationaler Koproduktion nur aus der zweiten Reihe. So brachten die deutschen Produktionspartner etwa Eva Bartok und Thomas Reiner unter – eine B-Film-Queen und einen TV-Nebendarsteller. Bartok sorgt dafür, dass das dramatisch angedachte Finale eher Seifenoperncharme versprüht, obwohl man dem später in „Blutspur im Park“ nochmal aufgegriffenen Kniff seine Wirkkraft nicht absprechen kann. Reiner degradiert in Kollaboration mit dem Drehbuch die Polizistenrolle auf Jahrzehnte des Giallo-Kinos hinaus zu einer undankbaren Statisten- bzw. untätigen Beisitzer-Funktion. Auch der amerikanische Hauptdarsteller Cameron Mitchell erscheint austauschbar. So bleiben lediglich einige der Mordopfer in prägnanter Erinnerung: Lea Lander und Claude Dantes verbinden einprägsame Gesichter mit grob, aber markant skizzierten Frauentypen.

    Dass die Morde nur aus Selbstschutz geschahen, kann man sich aufgrund der zentralen Rolle des Tagebuchs des ersten Opfers zwar denken; allerdings erklärt dieses Motiv nicht den überbordenden Gewalteinsatz, der deshalb ungerechtfertigt wirkt. Man hat allerdings kaum Zeit, darüber nachzudenken, weil die Auflösung nicht ausgiebig zelebriert wird, sondern im Vorübergehen erfolgt, um im Anschluss eine Coda über die gegenseitige Selbstvernichtung des Mörder-Duos anschließen zu können. Ist diese erst abgeschlossen, endet der Film mit einem Schwenk auf einen herunterbaumelnden Telefonhörer in knalligem Rot. Bavas „Blutiger Seide“ hat der Giallo also nicht nur den maskierten Fetischkiller zu verdanken, sondern – was mindestens ebenso wichtig ist – auch die auffällig-poppigen Fernsprechgeräte ...

    Bava gelang eine beeindruckende Weiterentwicklung der mit „The Girl Who Knew too Much“ eingeschlagenen Route; allerdings vergaß der Regisseur über seine kunstvollen Morde, dass ein guter Film mehr als nur Angstspannung und Brutalität beinhalten sollte. Die wackelige Story und die schwachen Darsteller drücken die beeindruckende Mordserie auf 3,5 von 5 Punkten herunter.

    [ Weitere Besprechungen des Films finden sich in diesem Thread. ]

  • The Girl Who Knew too Much (1963)Datum11.02.2018 20:50
    Foren-Beitrag von Gubanov im Thema



    The Girl Who Knew too Much (La ragazza che sapeva troppo)

    Kriminalfilm, IT 1962/63. Regie: Mario Bava. Drehbuch: Ennio de’ Concini, Enzo Corbucci (d.i. Sergio Corbucci), Eliana de Sabata. Mit: Letícia Román (Nora Davis), John Saxon (Dr. Marcello Bassi), Valentina Cortese (Laura Torrani), Dante di Paolo (Andrea Landini), Titti Tomaino (Inspektor), Giovanni di Benedetto (Professor Torrani), Marta Melocco (Mordopfer), Luigi Bonos (Pensionsportier), Chana Coubert (Ethel Windell Batocci), Virginia Doro (Reinemachfrau) u.a. Uraufführung (IT): 14. Februar 1963.

    Zitat von The Girl Who Knew too Much
    Ihren Urlaub in Rom hat sich die eifrige Kriminalromanleserin Nora Davis wohl anders vorgestellt. Die mütterliche Freundin, bei der sie wohnen sollte, stirbt schon in der ersten Nacht an einem Herzanfall, woraufhin Nora panisch die Wohnung verlässt, auf der Spanischen Treppe von einem Taschendieb niedergeschlagen wird und anschließend einen Mord beobachtet. Die Polizei will nicht glauben, was sie gesehen hat – also muss sie selbst tätig werden. Sie findet heraus, dass vor zehn Jahren bereits Frauenmorde an der Spanischen Treppe verübt wurden. Damals ging der Mörder alphabetisch vor und tötete bis zum Buchstaben C. Soll Nora etwa sein nächstes Opfer werden?


    Den konkreten Ausgangspunkt eines Genres zu definieren, das sich über die Jahre sukzessiv aus stilverwandten Filmen herausprägt, ist immer ein Drahtseilakt. Ab wann verfügt ein Film über genug Merkmale der fraglichen Gattung, um als „erster seiner Art“ durchzugehen? Für den Giallo wird „The Girl Who Knew too Much“ diese Ehre zugesprochen, wofür verschiedene Gründe genannt werden können. Einerseits inhaltliche: Die Handlung begleitet die bedrohte, unfreiwillig in eine Mordserie hineingeratene Ausländerin, die als Hobbydetektivin dem Rätsel auf die Spur zu kommen versucht. Dreht man die Geschlechterrollen um, hat man es bei „The Girl“ mit der exakt gleichen Ausgangslage zu tun wie in Dario Argentos Meilenstein „Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe“. Andererseits sprechen auch formelle Gründe für eine Zugehörigkeit dieses frühen Streifens zum Giallo-Kanon: Inszenierung und Ausleuchtung schlagen eine Brücke zwischen Film Noir, englischem Thriller und späteren italienischen Konventionen. Der Regisseur Mario Bava machte sich zudem auch in den Folgejahren um eine weitere Herausarbeitung des Genres verdient, sodass es nur recht und billig ist, einen seiner Filme als Ur-Giallo zu klassifizieren. Und schließlich sprechen auch die Schauplätze eine deutliche Sprache: „The Girl Who Knew too Much“ siedelt seine Verbrechen und Ermittlungen vor den schönsten Touristenzielen der ewigen Stadt an, so als wolle er seine zentrale Rolle für die Entstehung einer typisch italienischen Art Krimi selbst unterstreichen. Die Spanische Treppe spielt eine wesentliche Rolle und wird mehrfach hinreißend ins Bild gerückt; ebenfalls zu sehen sind u.a. Kolosseum, Foro Romano, Foro Italico, Engelsburg und Piazza del Popolo. Dabei gelingt es Bava, selbst diesen harmlosen und stark frequentierten Orten einsame und bedrohliche Nuancen zu entlocken.

    Zitat von Antonio Bruschini, Stefano Piselli: Giallo & Thrilling all’italiana, Glittering Images, Florenz 2010, S. 20f
    This seminal movie marks the debut of all the peculiarities characterizing Italian thrillers. The film’s producers had originally envisioned a Hitchcock-styled mystery-comedy, however the director turned it into a macbre thriller. [...] Despite some minor comedy bits, Bava shows all his ability in creating fear-filled atmospheres, with [a] protagonist that often finds herself in dark places from which there seems to be no way out.




    Tempo und der offene Einsatz von Schockeffekten und Brutalität als spannungssteigernde Mittel sind freilich noch nicht so ausgeprägt wie in späteren Genrevertretern, die eine deutlich härtere Schiene fahren. Bava nutzt hier eine subtilere Variante, Grusel hervorzurufen. Viele Einzelszenen wirken weniger gialloesk im international gebräuchlichen Sinne als vielmehr wie einem klassischen Krimi oder Thriller entnommen, die in Italien ja ebenfalls als gialli bezeichnet werden. Agatha Christies „Morde des Herrn ABC“ standen ganz offensichtlich Pate für die thematisierte Mordserie. Dennoch zittert man so manches Mal aufrichtig um Letícia Román, was vor allem an deren ausdrucksvollem Spiel sowie dem stimmigen Zusammenwirken von Licht, Kamera und Musik liegt. Román, die tatsächlich in Rom geboren wurde und sich nicht die geringste Mühe gibt, einen Akzent vorzutäuschen, nimmt man die amerikanische Touristin zwar nicht wirklich ab; die Gefahr, in die sie sich begibt, bleibt aber ständig so präsent, dass sie allein darauf eine sehr überzeugende Interpretation aufbauen kann. Bava versuchte, vor allem in den Szenen mit ihr und John Saxon (der umgekehrt einen Italiener spielt, aber Amerikaner ist) Humor einzubauen; dieser wirkt manchmal etwas ungeschickt, wird aber durch den nächsten Twist meist schon wieder vergessen gemacht.

    Dadurch dass es für Nora Davis’ Erlebnisse keine Beweise gibt bzw. diese verdächtig schnell wieder verschwinden, glaubt lange Zeit niemand ihre Geschichte. Vorhaltungen von Halluzinationen oder Wahnsinn sowie die Isolation in einer fremden Umgebung ohne Vertraute sind Motive, die dem Film zusätzlichen Wiedererkennungswert verleihen. Der Reporter, der sein Wissen über die früheren Morde mit Nora und Marcello teilt, ist eine tragische Figur, die auch über ihren Tod hinaus recht rätselhaft bleibt. Dante di Paolo wertet mit seinem vergleichsweise kurzen Auftritt den Film sehr auf; ähnliches kann von der überzeugenden Valentina Cortese behauptet werden. Beiden Schauspielern hätte man mehr Szenen gewünscht, obwohl es sicher die richtige Entscheidung war, die Konzentration auf die verfolgte Heldin so konsequent durchzuhalten. Am Ende soll an deren Glaubwürdigkeit mithilfe einer etwas wackeligen Rahmenhandlung dann noch einmal gezweifelt werden; eher als Gag für ein unbeschwertes Entlassen des Publikums aus dem Kino als für eine wirkliche Last Minute-Überraschung geeignet, fügt diese Wendung dem Film immerhin noch eine zusätzliche Ebene der Unsicherheit hinzu. Und welches Gefühl könnte schon bezeichnender für den Giallo sein als Unsicherheit ...?

    Auch in Bavas bestechendem Schwarzweißfilm blitzen die gelben Krimimerkmale in frappierender Deutlichkeit durch. Ein interessantes Bindeglied zwischen Sixties-Thriller und Giallo mit einer engagierten Hauptdarstellerin, um deren angstvoll aufgerissene Augen der gesamte Film zirkelt. 4,5 von 5 Punkten.

  • Foren-Beitrag von Gubanov im Thema

    Zitat von Dr. Oberzohn im Beitrag #6
    Das sind ja wirklich positive Nachrichten! Ein eigenes Romanforum ist glaube ich dringend notwendig!

    Einen sichtbaren Effekt wird das Roman-Forum erst machen, wenn hier die Besprechungen zu den Büchern in einzelne Threads herausgelöst werden. Ich kümmere mich darum, sobald ich auf die Mod-Funktionen zugreifen kann.

  • Der Unheimliche (1924)Datum11.02.2018 20:46
    Foren-Beitrag von Gubanov im Thema

    Zitat von Dr. Oberzohn im Beitrag #1
    Der Unheimliche

    Eine deutsche Nachkriegs-Verfilmung des Stoffes existiert nicht.

    Schöne Besprechung zum "Unheimlichen". Das Buch habe ich vor Jahren auch gelesen und als gesundes Mittelfeldwerk in Erinnerung. Viel ist mir aber leider nicht wirklich im Gedächtnis geblieben.

    Zwar wurde das Buch nach 1945 nicht werkgetreu verfilmt, allerdings sollte man anmerken, dass es Titelgeber für einen Merton-Park-Wallace-Film von 1961 war, und dass die Rialto-Produktion "Im Banne des Unheimlichen" zunächst ebenfalls den Titel "Der Unheimliche" tragen sollte.

  • Bewertet TV: "Die Schlüssel" (1965, 6)Datum11.02.2018 20:34
    Foren-Beitrag von Gubanov im Thema

    Zitat von Georg im Beitrag #28
    (*) Hierzu fällt mir noch eine nette Anekdote ein: im vorigen Sommer habe ich Durbridges Sohn erneut getroffen und wir plauderten so dahin, er erwähnte, dass er nach Bayern fahren würde, um sich Schloss Linderhof anzusehen. Ich sagte: "Aber das ist der Name einer Figur aus "Die Schlüssel"!" - Durbridge jr. fragte mich, wann das geschrieben worden sei und ich sagte 1962. Darauf erzählte er mir, dass er mit seinem Vater, seiner Mutter und seinem Bruder im Sommer 1962 Schloss Linderhof zuletzt besichtigt hatte ... es war also kein Zufall, der nicht Deutsch sprechende Durbridge sr. hat den Namen genommen, weil er gerade zur Zeit des Abfassen des Drehbuchs dort war und er ihm lautlich gefiel ...

    Solche Fundstücke sind Gold wert, gerade wenn sie auch noch durch Zufall aufgedeckt werden. Ich hätte mir vor allem Dr. Linderhof als Tatverdächtigen oder sogar Täter sehr gut vorstellen können. Helmut Peine ist eine Wucht und spielt richtig schön mysteriös.

  • Bewertet TV: "Die Schlüssel" (1965, 6)Datum11.02.2018 14:45
    Foren-Beitrag von Gubanov im Thema



    Francis Durbridge: Die Schlüssel (Teil 3)

    Teil 3 des TV-Kriminalmehrteilers, BRD 1964. Regie: Paul May. Drehbuch: Francis Durbridge. Übersetzung: Marianne de Barde. Mit: Harald Leipnitz (Eric Martin), Ruth Scheerbarth (Ruth Sanders), Albert Lieven (Inspector Hyde), Bum Krüger (Lancelot Harris), Dagmar Altrichter (Vanessa Curtis), Friedrich Joloff (Douglas Talbot), Benno Hoffmann (Cliff Fletcher), Anna Smolik (Clare Seldon), Christian Wolff (Andy Wilson) u.a. Erstsendung: 22. Januar 1965. Eine Produktion des Westdeutschen Rundfunks.

    Zitat von Die Schlüssel (Teil 3)
    Andy Wilson händigt Eric Martin einen weiteren Schlüssel aus, mit dem er ein Schließfach im Hafen erneuern soll. In dem Fach findet Eric einen Koffer mit einer halben Million deutscher Mark. Nun ist klar: Das Verbrechen, in das Philip und Andy verwickelt waren, war ein gigantischer Bankraub in Hamburg, bei dem 20 Millionen Mark verschwanden. Hinter dem Geld sind offenbar auch Lancelot Harris und Cliff Fletcher her. Die Gier bringt sie gegeneinander auf – und auch der unsichtbare Hintermann treibt ein gefährliches Spiel. Er ermordet die abtrünnige Komplizin Clare Seldon und versucht, seine Spuren mit einem geschickten Täuschungsmanöver zu verwischen. Doch Eric Martin ist ihm auf den Fersen ...


    Der saubere Aufbau früherer Durbridge-Krimis sowie der recht hochwertige Einstieg in Teil 1 der „Schlüssel“ ließen für das Straßenfeger-Event im Januar 1965 ein starkes Finale erwarten. Dieses blieb jedoch aus, wofür sich vier Gründe identifizieren lassen. Erstens bewegte sich Durbridge mit der vor Teil 3 nie auch nur angedeuteten Geschichte um einen Bankraub von seiner eigentlichen Stärke – ausgefuchsten Spionagefällen – zu weit weg. Hätte man den schnöden Mammon als Grund für die Vorgänge in „Die Schlüssel“ überzeugender präsentieren wollen, wäre es zumindest nötig gewesen, den Bankraub und sein Nachspiel auch tatsächlich (zumindest in Form von Rückblenden) zu zeigen. Zweitens verärgern Logikfehler und fehlende Erläuterungen den aufmerksamen Zuschauer. Obwohl Durbridge nie für von Anfang bis Ende glaubwürdige Verbrechen stand, machen sich die Schwächen in der Konstruktion des Plots von „Die Schlüssel“ besonders deutlich bemerkbar. Das Verhalten einiger Figuren ist ihren schlussendlich postulierten Zielen entgegengesetzt und dient zuvor eher dazu, die doch etwas länglichen 234 Minuten möglichst verblüffend zu füllen.

    Drittens wird sich von Episode zu Episode immer mehr auf die schwächeren Figuren des Mehrteilers konzentriert. Die schnelle Ermordung von Thomas Quayle und das weitgehende Verschwinden von Vanessa Curtis und Dr. Linderhof nach dem ersten Teil hinterlassen eine große Lücke, die die von Krüger, Hoffmann und Wolff gespielten Figuren nicht füllen können. Der Part von Anna Smolik hätte Abhilfe schaffen können, wurde jedoch nicht ausgekostet, und auch der Mörder bleibt eine eher blasse Randfigur ohne die schillernde Persönlichkeit, die Durbridge seinen Gaunerkollegen in anderen Krimis angedeihen ließ. Nicht einmal eines jener geheimnisvollen Pseudonyme verpasste er ihm hier. Schließlich ging viertens Paul May parallel zu diesem Abbau bei den Protagonisten auch inszenatorisch die Luft aus. Teil 3 wird nie wirklich spannend, was u.a. daran liegt, dass die Ablenkung von der Person des Mörders sofort zu durchschauen ist und sich damit umso belastender auf ihn auswirkt. Action- und Verhaftungsszenen gestalten sich ausnehmend unspektakulär und die Besetzung des Privatermittlers mit dem schlagkräftigen Leipnitz erscheint insofern unnötig, als man ihn in Watte packte und zu keinem Zeitpunkt wirklich in Gefahr geraten ließ.

    So sorgte die Erneuerung bei der WDR-Hausmarke Durbridge kurioserweise nicht für eine Verbesserung des bisherigen Rezepts, sondern im Gegenteil für einen vergleichsweise schwachen, langwierigen und unlogischen Einstand in die „neue Ära“ der Dreiteiler. Zu allem Überfluss münden „Die Schlüssel“ in eine kitschige Schlussszene, die nicht zum sachlich-saloppen Ermittlerduo Leipnitz / Scheerbarth passt. Ein Trostpflaster bietet die Musik von Peter Thomas, die aus mancher Szene noch jene Intensität herauskitzelt, welche Paul Mays zunehmend schläfrige Spielleitung vermissen lässt.

    Stark angefangen, stark nachgelassen: Sechs Mehrteiler brauchte es, um die erste ernstliche Enttäuschung serviert zu bekommen. Was als verblüffendes Rätsel beginnt, wächst sich bald zu einem Kabinett der Unwahrscheinlichkeiten aus, bei dem man sich am Ende fragt, ob diese für ein so prosaisches Verbrechen wirklich nötig gewesen wären. Die Besetzung dürfte gemeinsam mit der des „Halstuchs“ und des „Messers“ die prominenteste bzw. kinolastigste sein, muss sich aber stellenweise an flachen Figuren die Zähne ausbeißen. 3 von 5 Punkten.

  • Bewertet TV: "Das Halstuch" (1962, 3)Datum11.02.2018 14:05
    Foren-Beitrag von Gubanov im Thema

    Die Frage ist insofern hypothetisch, als Produktionen einer bestimmten Zeit von Natur aus ein gewisses Flair haben, das man ihnen nicht nehmen kann. Dass Durbridge aber auch modern gut funktioniert, sieht man für meine Begriffe am 1997er-Remake von "Melissa".

  • Giallo-Top-10Datum11.02.2018 13:36
    Foren-Beitrag von Gubanov im Thema

    Ich bin durchaus dafür, die Giallo-Definition großzügig zu fassen. Wenn jemand einen Titel ganz besonders mag, sollten eventuelle Formvorbehalte eine Nennung hier nicht verhindern. Insofern hatte ich von deiner Seite, @Georg, durchaus schon auf eine Nennung von "Haus der lachenden Fenster" spekuliert. Bei den anderen von dir angeführten Titeln ist mir "Die Stimme des Todes" (Il gatto dagli occhi di giada) noch unbekannt. Über den hört man sehr unterschiedliche Meinungen. Aber deine Nennung lässt die "neue" 88-Films-DVD nochmal ein bisschen auf meiner Einkaufsliste nach oben klettern.

  • Giallo-Top-10Datum11.02.2018 11:11
    Foren-Beitrag von Gubanov im Thema

    Zitat von Peter im Beitrag #2
    persönlichkeitsgerecht angesprochen...

    Ich kenne doch meine Pappenheimer.
    Zitat von Josh im Beitrag #3
    Und als Nummer 11 würde ich noch Eyes of Crystal nachschieben, genialer Giallo, den kennt nur kaum einer.

    Gerade solche unbekannten Filme bzw. Außenseiter-Nominierungen dürften spannend sein und Anregungen für die Mitleser geben. Ich hatte von "Eyes of Crystal" auch noch nichts gehört, was aber insofern verständlich ist, als er mit Produktionsjahr 2004 voll in die Neo-Giallo-Kerbe schlägt. Im Buch "Italian Giallo Movies" wird zu "Eyes of Crystal" vermerkt:

    Zitat von Antonio Bruschini, Antonio Tentori: Italian Giallo Movies, Profondo Rosso, Rom 2013, S. 202
    One of the best Italian thrillers of the decade was Eros Puglielli's Eyes of Crystal (2004). The film is an Argento-style thriller which does not disappoint fans of the genre. Based on the novel L'impagliatore by Luca di Fulvio, it's about the bloody killings of a serial murderer, whose delirious ritual is aimed at the creation of a human doll built with body parts. Puglielli takes inspiration from Argento for the urban setting as well as several murders, including that of the antiquarian who's murdered with the accompaniment of Opera music. One of the last images is a reference to Vanzina's Nothing Underneath, which was also written by Franco Ferrini. Luigi lo Cascio, as the commissioner who's tormented by the past and victim of sudden bursts of violence, is effective in the lead, while one of the secondary characters is played by Simón Andreu, one of the stars of '70s Italian thriller.

  • Bewertet TV: "Das Halstuch" (1962, 3)Datum10.02.2018 22:07
    Foren-Beitrag von Gubanov im Thema

    ... von denen du dich aber nicht abschrecken lassen solltest, nachdem du dich nun recht enthusiastisch zum "Halstuch" geäußert hast, @patrick! Besonders empfehlenswert dürften eher "Melissa" und "Wie ein Blitz" sein.

    Sonst kann ich deinen Äußerungen nur zustimmen. Ich hatte ja durchaus auch befürchtet, dass "Das Halstuch" dir zu altbacken sein könnte, aber wenn das nicht der Fall ist, müsste das eigentlich auch ein gutes Signal für die übrigen Durbridges sein.

  • Bewertet TV: "Die Schlüssel" (1965, 6)Datum10.02.2018 21:45
    Foren-Beitrag von Gubanov im Thema

    Die englischen Adaptionen stehen mir noch bevor. Einerseits reizen mich Titel, die mir ohnehin gefallen (Stichwort: "Melissa"), natürlich am meisten. Andererseits bin ich gespannt darauf, inwiefern schwächere deutsche Mehrteiler im Original besser wirken ("Schlüssel" / "Harry Brent"). Es wird aber noch ein Weilchen dauern, bis ich dazu komme, sie zu begutachten.

  • Bewertet TV: "Die Schlüssel" (1965, 6)Datum10.02.2018 21:00
    Foren-Beitrag von Gubanov im Thema



    Francis Durbridge: Die Schlüssel (Teil 2)

    Teil 2 des TV-Kriminalmehrteilers, BRD 1964. Regie: Paul May. Drehbuch: Francis Durbridge. Übersetzung: Marianne de Barde. Mit: Harald Leipnitz (Eric Martin), Ruth Scheerbarth (Ruth Sanders), Albert Lieven (Inspector Hyde), Dagmar Altrichter (Vanessa Curtis), Friedrich Joloff (Douglas Talbot), Bum Krüger (Lancelot Harris), Magda Hennings (Freda Stansdale), Reinhard Glemnitz (Norman Stansdale), Christian Wolff (Andy Wilson) u.a. Erstsendung: 20. Januar 1965. Eine Produktion des Westdeutschen Rundfunks.

    Zitat von Die Schlüssel (Teil 2)
    Der mysteriöse Antiquitätenhändler Thomas Quayle, Bruder von Vanessa Curtis, wird ermordet. In seinem Keller findet Eric Martin viele Abzüge der Fotografie, die Philip bei sich hatte. Es scheint sich immer um das gleiche Motiv – ein Soldat und seine Frau mit einem Akkordeon – zu handeln, doch die Frau drückt am Instrument auf jedem Abzug andere Tasten. Eric grübelt noch über das Foto nach, als ein Schlägertyp namens Fletcher in seine Wohnung einbricht und einen Hinweis hinterlässt: Auf einem Zettel stehen die Namen von Philip Martin, Andy Wilson und einem gewissen Lancelot Harris, der sich nicht erklären kann, was er mit den beiden Soldaten zu tun haben soll. Auf der gleichen Party, auf der Eric Harris trifft, begegnet er auch dem Ehepaar von der Fotografie ...


    Stärker als in anderen Stoffen versuchte Durbridge in „Die Schlüssel“, Ereignisse nicht allein rätselhaft wirken zu lassen, sondern die Fernsehgemeinde mit völlig fantastischen, ja geradezu abstrusen Wendungen vor den Kopf zu stoßen. Ein darüber erboster Zuschauer fasste trefflich zusammen, der Autor wolle sein Publikum wohl „auf den Arm nehmen“. Ein Beispiel für die faszinierenden, aber zugleich auch völlig realitätsfremden Clues in diesem Fall ist das Bild von Norman und Freda Stansdale, dessen Geheimnis dann auch genüsslich über alle drei Teile ausgekostet wird – immer in dem Bestreben, damit Spannung auf das Kommende zu fabrizieren. Folge 1 widmet sich lediglich der merkwürdigen Präsenz des Fotos und Folge 2 seiner Entstehung, während man sich die letztliche Erläuterung seiner Bedeutung für Folge 3 aufhob, obwohl sich selbst ein unbedarfter Zuschauer denken können dürfte, welche Art von Code sich hinter Fredas Fingerpositionen auf der Akkordeontastatur verbirgt. Dementsprechend offenbart auch bereits der zweite Teil der „Schlüssel“ einige Längen und Offensichtlichkeiten sowie auch mindestens eine grobe Unwahrscheinlichkeit, die regelrecht ärgerlich konstruiert wirkt (Fletchers allzu günstig verlorene Brieftasche im Atelier Martin, ohne die Eric Martin wohl in eine Sackgasse geraten wäre).

    Benno Hoffmann stellt den Galgenvogel Fletcher als nick-knatterton-reife Karrikatur eines brutalen Handlangers im schwarzen Glanzmantel mit brutalem Unterbiss dar. Was vielleicht als Kontrast zum eleganten Geheimnisträger-Duo Altrichter / Quest gedacht war, wirkt letztlich eher unfreiwillig komisch und tut den Szenen mit Hoffmann einen gewissen Abbruch. Auch Bum Krüger erweist sich nicht unbedingt als nachhaltige Besetzung und Christian Wolff bleibt in seiner anspruchslosen Minirolle, die sich nie so recht zwischen Helfer und Geheimnisträger entscheiden kann, geradezu sträflich unterfordert. Umso besser gefallen Glemnitz und Hennings als gutgläubiges, gesprächiges Filmehepaar, das im Gespräch mit Scheerbarth und Leipnitz die Zeit wie im Fluge vergehen lässt. Schließlich ist auch zu erwähnen, dass Albert Lieven einen unwahrscheinlichen Seitenwechsel durchlaufen hat und sich nach zwei Auftritten als Hauptverdächtiger nunmehr in einer väterlich-vorausschauenden Inspektorenrolle wiederfindet. Seinem Spiel wohnt ein geradezu schalkisches Vergnügen über den serieninternen „Aufstieg“ inne, das ihn zu einem unterhaltsamen, wenngleich etwas altklugen Polizeivertreter macht.

    Auch wenn der Erfindungsreichtum im Vergleich zu anderen Mehrteilern ein wenig gehemmt zu sein scheint, so muss die Bereitschaft zur Improvisation des WDR gelobt werden. Einerseits schaffte man es, einen ziemlich frischen Stoff auf die Bildschirme der BRD zu bringen (das englische Original „The Desperate People“ war bei der BBC nur zirka zehn Monate vorher gelaufen – ein merklicher Unterschied zu den bei ihrer Adaption jeweils mindestens zwei bis drei Jahre alten früheren Durbridges). Andererseits verfügte der WDR anno 1964 noch immer nicht über eigene Studios für die Produktion von TV-Spielen, weshalb die Sets für „Die Schlüssel“ und ihre Vorgänger in einer Tennishalle in Köln-Müngersdorf errichtet wurden. Das Ampex-Verfahren hatte man nach drei Krimis dagegen wieder an den Nagel gehängt und war zum „Es ist soweit“-Modell der griffigeren und flexibleren Filmaufnahmen zurückgekehrt – ein Pluspunkt, der manche inhaltliche Schwäche ausbügelt.

  • Eure Hörspiele und HörbücherDatum09.02.2018 23:40
    Foren-Beitrag von Gubanov im Thema

    Hier wieder ein paar klassische Krimilesungen. Man erhält sie momentan zum Schnäppchenpreis:

    Forsyth, Frederick:
    [Hörverlag] Auftrag ausgeführt (2013, 1 CD, 59 Min.)

    Greene, Graham:
    [Audio-Verlag] dritte Mann, Der (2016, 3 CDs, 233 Min.)

    Hammett, Dashiell:
    [Hörverlag] Mann namens Spade, Ein (2013, 1 CD, 75 Min.)

    Außerdem war es höchste Zeit, die Hörplanet-Reihe zu vervollständigen. Ich hatte mir mit dem letzten Teil etwas mehr Zeit gelassen, nachdem klar wurde, dass keine weiteren mehr folgen.

    Wallace, Edgar:
    [Hörplanet] grüne Bogenschütze, Der (2017, 1 CD, 61 Min.)

Inhalte des Mitglieds Gubanov
Beiträge: 15094
Geschlecht: männlich
Seite 1 von 50 « Seite 1 2 3 4 5 6 50 Seite »
Xobor Einfach ein eigenes Forum erstellen