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  • Die Klette (1969)Datum16.12.2018 14:55
    Foren-Beitrag von Gubanov im Thema



    Die Klette (Un detective)

    Kriminalfilm, IT 1969. Regie: Romolo Guerrieri. Drehbuch: Franco Verucci, Alberto Silvestri, Massimo d’Avak (Romanvorlage „Macchie di belletto“: Ludovico Dentice). Mit: Franco Nero (Kommissar Stefano Belli), Florinda Bolkan (Vera Fontana), Adolfo Celi (Anwalt Fontana), Delia Boccardo (Sandy Bronson), Susanna Martinková (Emmanuelle), Renzo Palmer (Kommissar Baldo), Roberto Bisacco (Claudio), Maurizio Bonuglia (Mino Fontana), Laura Antonelli (Franca), Marino Masé (Romanis) u.a. Uraufführung (IT): 26. Juli 1969. Uraufführung (BRD): 29. Mai 1970.

    Zitat von Die Klette
    Der simple Auftrag, die Affäre eines verwöhnten Anwaltssohns mit der Engländerin Sandy zu beenden, weitet sich für Kommissar Belli plötzlich in ungeahntem Maße aus, als der zweite Liebhaber der Frau erschossen in seiner Wohnung an der Via Veneto aufgefunden wird. Weiterhin von Anwalt Fontana bezahlt, geht Belli den Spuren in diesem Mordfall nach und findet heraus, dass mindestens drei Frauen einen Grund hatten, den Mann zu beseitigen: So geraten neben Sandy auch die Sängerin Emmanuelle sowie Fontanas zweite Gattin Vera unter Verdacht. Ein Foto zeigt die vermeintliche Täterin, wie Gott sie schuf – allein fehlt der Aufnahme der Kopf zur einfachen Identifizierung. Und trotz seiner rauhbeinigen Befragungsmethoden bekommt Belli aus dem Fotografen kaum etwas heraus ...


    Ein langer Kameraschwenk über die Via Veneto, der wie zufällig an einem Fenster endet, hinter dem ein Mann erschossen wird, lässt keine Zweifel darüber aufkommen, dass sich der Zuschauer wieder einmal in einem wohligen Italo-Krimi wiedergefunden hat. Und das obwohl einige Insignien der „Klette“ eher amerikanisch wirken und ganz klar vom Stil hollywoodesker films noirs beeinflusst sind: der abgewrackte, semioffizielle Detektiv, der eher aus finanziellen als aus Gerechtigkeitsgründen ermittelt, die gefährlichen femmes fatales unter den Verdächtigen sowie die rauen Umgangsformen drücken dem Film ihren markanten Stempel auf. Aber spätestens wenn Franco Nero und Florinda Bolkan die Szenerie betreten, wird klar, dass es für derlei Stoffe keines Humphrey Bogart und keiner Lauren Bacall bedarf. Neros Detektiv Belli ist sogar der Titelgeber für die italienisch- und englischsprachigen Verleihtitel des Films und kämpft sich mit entsprechender Präsenz durch den Fall: Wann immer er einen widerspenstigen Zeugen oder eine verlogene Mitwisserin vor sich hat, vergreift er sich nicht nur stilvollst im Ton, sondern möbelt auch immer wieder Wohnungseinrichtungen oder deren Besitzer handgreiflich auf, um das zu erfahren, was er in diesem Moment für die Wahrheit hält. Sicher ist Belli keine Identifikationsfigur im Sinne eines braven Spießbürgerkrimis, aber als radikal politisch unkorrekter und verletzender Schweinehund geht von ihm jene Faszination aus, für die Neros härtere Rollen so beliebt sind.

    Mit Idealen wie Tugendhaftigkeit und Wahrheit nehmen es offenbar alle Beteiligten nicht so genau, denn „Die Klette“ gleicht einem riesigen Verwirrspiel, dessen Fäden man eigentlich schon verloren hat, bevor es so richtig an Fahrt aufgenommen hat. Man sollte daher einerseits eine gewisse Geduld beim Schauen mitbringen und andererseits höllisch aufpassen, wer sich da gerade in welche zweifelhafte Aussage verstrickt. Nur so hat man die Chance, bis zum Ende am Ball zu bleiben, was sich dank guter Leistungen von Florinda Bolkan und Susanna Martinková insbesondere im letzten Drittel des Streifens durchaus lohnt. Während Bolkan als hochmoralische, unnahbare Anwaltsfrau auftritt, deren kalte Schulter Belli herausfordert, nutzt die unstete Martinková den Ermittler als Spielball ihrer Launen und schickt ihn dabei von einer Sackgasse in die nächste. Delia Boccardo als dritte Frau im Bunde gibt gewissermaßen das ausgeglichene Pendant dieser beiden Extreme, verschwindet aber nach und nach aus dem Fokus, während Bolkan und ihre tschechische Kollegin an Präsenz gewinnen.



    Auch wenn die rassige Synchronfassung von Arne Elsholtz im Zusammenspiel mit der auf Krawall gebürsteten Performance von Franco Nero den Unterhaltungswert des Films immer auf einem guten Niveau hält, muss man dem von drei Autoren zusammengeschusterten Werk dramaturgisch doch einige Schwierigkeiten attestieren, die es trotz einer engagierten, aber gelegentlich langatmigen Regie von Romolo Guerrieri leicht hinter dessen anderen Früh-Giallo „Der schöne Körper der Deborah“ zurückfallen lassen. Guerrieri drückt dem Film nicht nur mit teilweise poetischen Großstadtaufnahmen einen Stempel auf, sondern nutzt auch eine interessante Schnitttechnik, bei der zwei Szenen asynchron ineinander übergehen, indem Bild und Ton zu unterschiedlichen Zeiten von A nach B wechseln. Genretypische Einsprengsel wie latente Erotik, ein heißes Autorennen über Roms Straßen (diesmal mit dem Zweck, die Beifahrerin vor Angst zum Reden zu bringen) oder ein sauberer Auftritt des stets geheimnisumwitterten Adolfo Celi wirken im Rahmen des Gesamteindrucks dagegen eher bemüht. Immerhin wird Celis Charakter Fontana, der als Auftraggeber für Belli zunächst eine gewisse Immunität genießt, nach und nach ein interessanter schwarzer Punkt in der Familiengeschichte angedichtet. Die Frage, wie seine erste Ehefrau starb, führt nicht nur zu klassischen Szenen, in denen Franco alte Zeitungsausschnitte wälzt, sondern auch geradewegs zu einer atmosphärisch sehr stimmigen, wenn auch nicht bis ins letzte Detail verständlichen Auflösung. Ein italienischer Filmkritiker ehrte die finale Szene sogar durch einen Vergleich mit den Werken des französischen Filmschaffenden Jean-Pierre Melville.

    Unterm Strich ist „Die Klette“ sicher kein Meilenstein der Filmgeschichte und Udo Rotenberg weist zu Recht darauf hin, dass der Film trotz interessanter Tendenzen „noch der traditionellen Erzählform der 60er Jahre verpflichtet blieb“ (Quelle). Das gilt zum Beispiel für die noch nicht so ausgefeilte und einprägsame Musik wie bei späteren Italo-Krimis – Komponist Fred Bongusto beschallt den Zuschauer eher mit sanften Jazz-Klängen, denen die deutsche Fassung sehr prominent mit James Browns Evergreen „This Is a Man’s World“ unter die Arme greift. Eine kuriose Wahl für einen Film, in dem der Protagonist seine Ratlosigkeit und Überforderung mit unwirscher Gewalt zum Ausdruck bringt, während drei Frauen ihn abwechselnd zum Narren halten ...

    Was als „saubere Sache, nur ein bisschen Geschreibe, Verwaltungskram“ angekündigt wird, wächst sich für Stefano Belli zu einem Abenteuer mit bösem Erwachen aus. „Die Klette“ ist ein eigenwilliger Krimihybrid zwischen traditioneller Färbung und modern-italienischer Würze, auch wenn beide Zutaten nicht immer ganz stilsicher vermischt werden. Für Polizeifilm-Freunde ist „Die Klette“ vermutlich lohnenswerter als für reine Giallo-Liebhaber, aber auch diese sollten einen Blick riskieren, wenn sie Franco Nero oder Florinda Bolkan zu schätzen wissen. 3,5 von 5 Punkten.

    PS: Optisch gefällt mir das auf dem Originalplakat basierende rosafarbene Cover im Gegensatz zu den anderen Meinungen hier im Thread besser als das andere Artwork, das letztlich nur deshalb in meiner Sammlung gelandet ist, weil ich keine Lust hatte, mehr für eine unpraktische große Hartbox auszugeben. Ebenfalls sehr interessant anzuschauen ist übrigens auch der deutsche Trailer, der einen guten Eindruck vom Film vermittelt:

  • Foren-Beitrag von Gubanov im Thema

    @Count Villain: Deine Logikvorwürfe waren schonmal konkreter. Ich sehe es eher wie Jan und Patrick und würde den "Augen" eine überdurchschnittliche Zuverlässigkeit im Logik-Bereich bescheinigen. Sich an Edgar Strauss als Handlangerfigur aufzuhängen, ist für meine Begriffe in Anbetracht der Stärken des Films wenig zielführend, zumal nicht alles, was nicht eineindeutig erklärt wird, gleich als Fehler betrachtet werden kann.

    Zitat von Dr.Mangrove im Beitrag #8
    Wahrscheinlich bin ich der einzige, aber ich kann mit Vohrer nicht viel anfangen - und er war in meinen Augen auch daran beteiligt, dass die Serie später viel an Qualität verloren hat.

    Prinzipiell würde ich diese Aussage bereitwillig unterschreiben, gerade für die Phase 3 der Wallace-Reihe, also im Wesentlichen die von Vohrer inszenierten Farbfilme. Dazu werden wir ja im Detail noch kommen, aber der Qualitätsunterschied, wenn man diese mit einem düsteren Meisterwerk wie den "Augen" vergleicht, ist schon frappierend. Da sind die Qualitätsansprüche der Rialto bzw. von Vohrer im Laufe der Jahre einfach massiv heruntergeschraubt worden. In seinen ersten Verpflichtungen (bis "Zinker") war Vohrer aber ein großer Gewinn für die Reihe, was nicht nur die guten Reputationen von Filmen wie "Augen" und "Gasthaus", sondern auch die hohen Kinobesucherzahlen bestätigen.
    Zitat von patrick im Beitrag #9
    Der Stil folgt eher jenem von Harald Reinl. Das einzige Vohrer-Kuriosum ist die Kameraeinstellung, in der sich eines der Opfer das letzte Mal in seinem Leben die Zähne putzt, was durch einen Blick aus dem Mundraum verdeutlicht wird.

    Die Formel "guter Wallace = nah am Reinl-Stil" halte ich für zu einfach gestrickt. Es gibt hier viele Merkmale, die sich von Reinls Filmen unterscheiden. Der ganze Spannungsaufbau funktioniert hier völlig anders als in "Frosch" oder "Bande" und die inszenatorische Herangehensweise ist auch nicht annähernd identisch. Was die Strichliste an obligaten Vohrer-Film-Merkmalen angeht, möchte ich zu der von dir erwähnten Kamera-im-Mund-Einstellung noch hinzufügen, dass man Vohrers Stimme schon hier in den "Augen" zweimal am Telefon hört.

  • Foren-Beitrag von Gubanov im Thema

    Zitat von Marmstorfer im Beitrag #24
    Ein Punkt, der hier bereits angesprochen wurde, betrifft die Funktion des Toten aus der Eröffnungssequenz. Dieser ist, wenn ich das richtig verstanden habe, ein unglückliches Zufallsopfer, dessen Ermordung einzig dem Zweck dient Abel Bellamy zurück nach England zu locken.

    So habe ich diese Szene nie verstanden. Es wird vor dem Mord gezeigt, wie der neugierige Tourist an der Bogenschützen-Statue herumfriemelt, die den Mechanismus zum Öffnen des Geheimgangs zu Elaines Versteck birgt. Ich dachte immer, er hat dabei mehr entdeckt, als gesund für ihn war, und wurde vom "falschen" Bogenschützen getötet, um die Geheimnisse von Abel Bellamys Festung zu wahren. Oder hat Bellamy seinen Diener erst später entsprechend geschult?

  • Edgar Wallace AusstrahlungenDatum15.12.2018 20:55
    Foren-Beitrag von Gubanov im Thema

    Kabel Eins zeigt um Weihnachten und den Jahreswechsel herum wieder einige Edgar-Wallace-Filme:

    23.12., 16:30 Uhr: Der Frosch mit der Maske
    23.12., 18:20 Uhr: Der grüne Bogenschütze
    25.12., 05:10 Uhr: Der grüne Bogenschütze (Wdh.)

    30.12., 16:30 Uhr: Der Fälscher von London
    30.12., 18:25 Uhr: Das indische Tuch
    31.12., 00:05 Uhr: Der Fälscher von London (Wdh.)
    31.12., 01:55 Uhr: Das indische Tuch (Wdh.)

  • Foren-Beitrag von Gubanov im Thema



    Edgar Wallace: Die toten Augen von London

    Kriminalfilm, BRD 1961. Regie: Alfred Vohrer. Drehbuch: Trygve Larsen (d.i. Egon Eis) (Romanvorlage „The Dark Eyes of London“, 1924: Edgar Wallace). Mit: Joachim Fuchsberger (Inspektor Larry Holt), Karin Baal (Nora Ward), Dieter Borsche (Reverend Paul Dearborn), Wolfgang Lukschy (Stephan Judd), Harry Wüstenhagen (Flimmer-Fred), Eddi Arent (Sunny Harvey), Ann Savo (Fanny Weldon), Klaus Kinski (Edgar Strauss), Ady Berber (Jacob Farell, der „blinde Jack“), Bobby Todd (Lew Norris), Franz Schafheitlin (Sir John), Rudolf Fenner (Matthew Blake), Ida Ehre (Ella Ward), Hans Paetsch (Gordon Stuart), Walter Ladengast (Pförtner im Blindenheim) u.a. Uraufführung: 28. März 1961. Eine Produktion der Rialto-Film Preben Philipsen Frankfurt / Main im Prisma-Filmverleih Frankfurt / Main.

    Zitat von Die toten Augen von London
    Richard Porter aus Melbourne ist der dritte ausländische Millionär, der innerhalb kurzer Zeit tot aus der Themse gefischt wird. Was für sich genommen nach Unfällen aussieht, erscheint Scotland Yard durch das Gesetz der Serie schließlich doch verdächtig, zumal sich in Porters Tasche ein Zettel mit einer verräterischen Botschaft in Brailleschrift findet. Diese bringt Inspektor Larry Holt und dessen Assistentin Nora Ward auf die Spur des blinden Hausierers und Verbrechers Jack, der zuletzt im Heim von Reverend Dearborn gemeldet war. Jack ist mittlerweile wie vom Erdboden verschwunden und erscheint nur wenigen Todgeweihten. Sein nächstes Opfer, der Kanadier Gordon Stuart, vermachte sein Vermögen einer unehelichen Tochter, welche offenbar vor 22 Jahren bei ihrer Geburt starb ...


    „Verbrechen ... Mord ... das blinde Ungeheuer und sein Chef ...“

    Hatte „Der grüne Bogenschütze“ sich noch wegen mangelnder Unheimlichkeit seines titelgebenden Verbrechers auf eine Ironisierung des Geschehens berufen müssen, so können „Die toten Augen von London“ auf dieses Prinzip getrost verzichten: Man braucht von der von Inspektor Holt beschworenen Bande blinder Hausierer, die ihre Verbrechen nur bei Nacht und Nebel ausführen, nicht einmal viel zu sehen, um ernstliche Schauer über den Rücken gejagt zu bekommen. Von einem unbekannten Boss unbarmherzig zu Mord um Mord angetrieben, präsentiert sich „der blinde Jack“ nicht nur als die verstörendste Killer-Figur der gesamten Serie, für die man mit Ady Berber eine so ikonische Besetzung fand, dass man hier getrost vom Boris-Karloff-Monster der Wallace-Reihe sprechen kann; auch wird Jacks Entschlossenheit als Erfüllungsgehilfe perfekt durch seinen ängstlichen Kumpanen Lew Norris unterstrichen. Die Szene, in der beide ihre grausige Prozedur am Waschkessel vollführen, während oben im Blindenheim Beethovens Fünfte gespielt wird, ist ebenso wie Jacks Besuche in Mr. Stuarts Wohnung und in Nora Wards Treppenhaus Horror-Kino reinster Prägung. Welche anderen Hausierer da also noch ihre Finger im Spiel haben, bleibt dem Zuschauer ein Rätsel, was aber nichts an Alfred Vohrers unvergleichlich wirkungsstarker und atmosphäretriefender Regie ändert. Er trifft sowohl bei pointierter Darstellerführung als auch beim Setzen effektiver Höhepunkte und dem kontinuierlichen Aufrechterhalten des Spannungsbogens den idealen Ton und zeichnet – mithilfe seines späteren Stammkameramanns Karl Löb – kinematografisch ausgefeilte Gemälde schockierten Entsetzens, maroder Unterwelt und tödlicher Hybris. „Die toten Augen von London“ spielen in jeder Hinsicht auf einem anderen Niveau als alle Vorgänger- und Nachfolgerfilme. Solch eine Leistung von einem Regisseur zu sehen, der damit nach einigen verschämten Ausflügen ins mit Verbrechen verbundene Gesellschaftsdrama seinen ersten reinrassigen Kriminalfilm ablieferte, ist hocherstaunlich und begründet sowohl Vohrers langanhaltende Genre-Karriere als auch die Qualität der Wallace’schen Buchvorlage.

    Egon Eis adaptierte den Roman zwar nicht ohne strukturelle Änderungen, aber mit einem sehr präzisen Gespür für die Grundstimmung des Buches, die ebenfalls stärker in Horror-Gefilde tendiert als der durchschnittliche Wallace-Detektivroman und dennoch nicht auf die typischen Merkmale dieser Stoffe verzichtet. So räumt auch Eis im Film neben dem reinen Schockfaktor der vertrackten Familiengeschichte von Gordon Stuart, der Romanze zwischen Larry Holt und Nora Ward sowie den Erpressungen um die Geheimnisse der Judd-Brüder genug Raum ein, um den Zuschauer zwischen den Auftritten des „blinden Jack“ beschäftigt zu halten und die Kombinationsmuster eines Whodunit-Krimis exzellent zu bedienen. Dies resultiert einerseits in einem ansehnlichen Bodycount, der sich zunehmend aus einem wohlvertrauten Personenkreis speist, ohne ihn zum Ende hin für Ratefreunde zu sehr zu reduzieren – man denke nur an die sehr clevere Verdächtigmachung des Pförtners –; andererseits wird der Zuschauer mit einem Finale belohnt, das die Härte des Films überzeugend beibehält (Einsatz eines Flammenwerfers), den Ermittlern in praktischer Anwendung die Mordmethode erklärt (Gefahren eines Waschkessels) und darüber hinaus den Schurken die Möglichkeit gibt, so richtig bösartig und eiskalt aufzuspielen.

    Neben der inhaltlich und inszenatorisch überzeugenden Machart sowie einem ungewöhnlich instrumentierten Gruselsoundtrack landen die „toten Augen“ auch bei ihren Darstellern spannende Volltreffer. Sie erneuern das Wallace-Ensemble gegenüber der Reinl-und-Roland-Frühphase beträchtlich, setzen aber auch einzelne bewährte Darsteller in Rollenkategorien ein, in denen diese bereits vorher überzeugt hatten. Als am wichtigsten für das Gelingen der „Augen“ erweist sich Joachim Fuchsberger als Inspektor Holt. Da die Bedrohlichkeit der Verbrecher diesmal über eine Fantasie-Krimi-Ebene hinausgeht und dem Zuschauer hier und da wirklich ein flaues Gefühl im Magen bereitet, bedarf es umgekehrt einer sehr starken Ermittlerfigur, die Verlässlichkeit und Engagement ausstrahlt, wofür Fuchsberger im Rahmen der Wallace-Reihe steht wie kein Zweiter. Harry Wüstenhagen perfektioniert derweil sein Auftreten als gelackter Kleinganove und bohrt sich als Flimmer-Fred damit noch nachhaltiger ins kollektive Wallace-Gedächtnis ein als in seiner Rolle als Julius Savini. Schließlich behalten Eis und Vohrer auch Eddi Arent unter guter Kontrolle, der hier – erneut als Kriminalassistent eingesetzt – dezente Erleichterung gegenüber den angespannteren Momenten des Films verbreitet und sich dabei auch den kognitiven Anforderungen seines Berufs nicht völlig verschließt.

    Neu vor der Wallace-Kamera stehen unbekanntere Akteure ebenso wie etablierte Größen des deutschen Nachkriegskinos, wobei die Hauptdarsteller Karin Baal und Dieter Borsche als Vertreter der zweiten Kategorie besonders hervorstechen. Baal (bekannt aus diversen Jugend- und Problemfilmen, allen voran „Die Halbstarken“) zeigt ihre Nora Ward als anpackende, selbstständige junge Frau ohne Scheu vor den düsteren Seiten der Welt. Im Gegensatz zu einer eleganten, höchstens zur höheren Tochter oder Sekretärin taugenden Karin Dor blickt Baals Nora Ward auf Erfahrungen als frühe Waise und als Krankenschwester zurück, die sie zu einer wertvollen Hilfe für Scotland Yard machen. Baal agiert bodenständig-selbstbewusst, aber nicht abweisend und wird trotz ihrer Ausgebufftheit am Ende in eine Lage gebracht, in der man um ihre Rettung bangen muss. Auch Borsche bleibt seinem Image treu und zeigt sich über weite Strecken als verständnisvoller, moralisch integrer Gutewicht, wie er dem BRD-Publikum aus seinen zahlreichen Nachkriegsrollen als Arzt oder Geistlicher vertraut war. Mimen wie Wolfgang Lukschy, Klaus Kinski, Ann Savo oder Rudolf Fenner fügen hingegen die nötige Prise Zwielichtigkeit hinzu, während Franz Schafheitlin, Hans Paetsch und Ida Ehre unwillkürlich respektabel und identitätsstiftend wirken. Die große Anzahl der Nebenrollen wird durch passgenaue Dialoge und pfiffigen Schnitt in ein stimmiges Gesamtbild eingepasst, sodass auch Ein-Szenen-Rollen wie die von Joseph Offenbach oder Gertrud Prey memorabel wirken.

    Verdientermaßen gelten „Die toten Augen von London“ als gelungenster Film der Edgar-Wallace-Reihe. Sowohl als Romanverfilmung als auch als zeitloses Krimi-Horror-Gemisch überzeugt er auf ganzer Linie, weil er Mut zur personellen und atmosphärischen Erneuerung mit bewährten Stärken kombiniert. Dass Alfred Vohrer als Rialto-Neuling einen so starken Einstand geben würde, hatte vorher wohl niemand auch nur zu vermuten gewagt, doch er, Eis, Löb, Funk und das Spitzenensemble brachten hier Großes zuwege, das die Macher der kommenden Filme leider zu selten als wegweisend erkannten.

  • Thema von Gubanov im Forum Edgar-Wallace-Forum



    Edgar Wallace: Die toten Augen von London

    Auch wenn die Krimis der 1960er Jahre London mit gefühlten 365 Nebelnächten präsentieren, belegt die von Sunny Harvey zu Rate gezogene Statistik nur 40 davon. Wenn aber wenigstens in jeder dieser Nächte die toten Augen von London ihr mörderisches Handwerk verrichten, verspricht das immer noch einen ganz ansehnlichen Bodycount sowie lukrative Nebeneinnahmen für die involvierten Firmen hochangesehener Biedermänner. „Die toten Augen von London“ schlagen eben eine sehr effektive Brücke zwischen blinden Halbweltgrößen und deren respektablen Hintermännern.

    Gemeinsam mit „Das Gasthaus an der Themse“ gilt „Die toten Augen von London“ als der große Klassiker der Rialto-Reihe. Alfred Vohrer bringt hier einen ganz neuen Stil ein, den er in dieser Härte auch später kein zweites Mal wiederholte. Ist der Film auch für euch ein spektakulärer Angsttraum voller todbringender Waschkessel und zerdrückter Glühbirnen oder hat der blinde Jack euch ebenso enttäuscht wie seinen Chef?

    Links:

    Platzierung im Edgar-Wallace-Filmgrandprix 2014: Platz 1 von 36 (91,79 %)

  • Foren-Beitrag von Gubanov im Thema

    Zitat von Stephan im Beitrag #39
    bin aber erst heute zwischen Tür und Angel dazu gekommen, das mal beim Frosch angefangen hier rein zu hämmern, da zwei hoffnungsvolle Neu-Wallace-Gucker regelmäßig seit Ende Oktober mit Flasche und Windel verpflegt werden wollen...

    Gleich zwei? Dann ist die Wallace- (und Forums-)Zukunft ja gesichert ("zwei Kinder, zwanzig Enkel, zweihundert Urenkel"). Doppelte Gratulation!

  • Foren-Beitrag von Gubanov im Thema

    Zitat von Stephan im Beitrag #37
    Und um eine Lanze fü die frühen Musiker a la Heinz Funk zu brechen: ich würde mir zwar die Musik nicht als Klingelton runterladen, aber man stelle sich diese frühen Wallace-Filme mit Musik von Peter Thomas vor. Ich bin dr Ansicht, dass das in der Symbiose nicht funktionirt hätte.

    Thomas hätte erstens sicher 1960 noch nicht im Stil seiner späteren Jahre komponiert (vgl. "Gräfin") und wäre zweitens kaum die einzige Alternative gewesen. Ich bin auch weit davon entfernt, Funk generell abzuklassifizieren oder mir gar den gleichen Soundbrei für alle Filme zu wünschen. Aber "Bande" ist in meinen Ohren die eindeutig schwächste seiner drei Arbeiten und wurde hier im Thread bereits zu Recht mit Oskar Sala verglichen, während "Bogenschütze" und "Augen" reichlich einprägsam und atmosphärisch instrumentiert wurden. Die Musiken der drei frühesten Rialto-Filme fallen für meine Begriffe (mit Ausnahme des Lolita-Lieds) einfach sehr deutlich - bei Mattes wegen Belanglosigkeit, bei "Bande" wegen Nervigkeit - hinter den enorm stimmungsvollen Peter-Sandloff-Score zum "Rächer" zurück.

  • Foren-Beitrag von Gubanov im Thema

    Zitat von Count Villain im Beitrag #6
    Doch auch dann bangt man nicht wirklich mit, fehlt dem Film doch ein wirklich durchgängiger Sympathieträger.

    Das würde ich so nicht unterschreiben. Die durchgängige Sympathieträgerin ist hier in meinen Augen eindeutig Valerie Howett / Karin Dor. Im männlichen Bereich ist der Film aber tatsächlich ungewöhnlich zulasten des sonst so präsenten Hauptermittlers auf die Schultern von Fröbe, Wussow, Wüstenhagen, Arent und Völz aufgeteilt; da hast du Recht.
    Zitat von Count Villain im Beitrag #6
    Wie ist John Woods Rolle eigentlich im Roman?

    Habe ich auch als relativ unwichtig in Erinnerung. Der Film hätte für eine substanziellere Einbindung von Heinz Weiss' Rolle wohl noch einiges hinzuerfinden müssen. Platz dafür hätte man mit mehr Stringenz, wie du ja auch schreibst, definitiv finden können.
    Zitat von Uli1972 im Beitrag #7
    "Der grüne Bogenschütze" ist für mich der schwächste Wallace der SW-Ära.

    Für mich auf jeden Fall der schwächste bisher, aber das ist bei der starken Konkurrenz bislang keine ernsthafte Schande. Ich vermute, es werden noch einige schwächere kommen, aber ich vermute auch, dass wir uns nicht alle einig werden, welche das sind.
    Zitat von Uli1972 im Beitrag #7
    Das Kostüm des Täters? Normalerweise hätte er zur Liquidierung seiner Opfer nicht Pfeil und Bogen benötigt. Bei diesem lächerlichen Aufzug hätten die sich totlachen müssen.

    Das nenne ich 'mal eine innovative Mordmethode. Hätte Jürgen Roland auch drauf kommen können!
    Zitat von Uli1972 im Beitrag #7
    Man erfährt bei der Ermordung von Abel Bellamy, dass es sich John Bellamy handelt. Es gibt aber bis zur Auflösung keinen einzigen Hinweis, hinter welcher Schein-Identität sich dieser verbirgt.

    Das ist nicht ganz richtig. Mir fiel diesmal auf, dass der "Bogenschütze" sogar recht offenherzig beim Streuen von Indizien ist und man als aufmerksamer Zuschauer den Täter de facto bereits nach 45 Minuten überführen kann. So lange braucht der Film nämlich, um in drei verschiedenen Szenen die drei dafür notwendigen Aussagen einzustreuen: 1 - John Wood kennt Bellamys Neffen aus dem Krieg und wurde von ihm zum Erben gemacht. 2 - Der Mann unter der Bogenschützen-Maske wurde von Bellamy ins Gefängnis gebracht und dort ausgepeitscht. 3 - Der Mann, der im Gefängnis von Creager gefoltert wurde, war Bellamys Neffe. Davon ausgehend kann man eigentlich gar nicht mehr anders als auf John Wood tippen.
    Zitat von greaves im Beitrag #11
    Weis man etwas zu dem Drehort vom Häuschen in „Stanmore“?? Könnte sogar in der Nähe der Hamburger Studio s sein—meine Vermutung.

    Könnte vom Baustil her passen, habe aber noch nichts Passendes gefunden. Ähnlich wie bei der neulich aufgespürten Wohnung von Lizzy Smith in der "Gräfin" ist auch bei Creagers Haus sehr prominent im Bild eine hohe Hausnummer zu sehen (Nr. 123) - eventuell lässt sich darüber etwas herausfinden, sofern sie echt ist. Interessant wäre dann auch die Frage, ob die kleine Seitenstraße, in die Wussow und Dor hineinfahren, wirklich so nah am Creager-Haus ist, wie der Film uns weismachen will.
    Zitat von greaves im Beitrag #11
    Die Shanghai Bar ist soweit ich weiss auch noch nicht gefunden. ?(ich kann mich jetzt auch irren,aber ich meine man sieht das Gebäude noch einmal in einem Wallace/B.E. Wallace oder Stilvewandten Film ?)

    Kannst du sagen, in welchem? BEW können wir wohl ausschließen (Hamburg). Viel mehr als eine Stützmauer mit Treppe ist von der Shanghai-Bar im vorliegenden Film ja nicht zu sehen.

  • Der deutsche Kriminalfilm vor 1945Datum09.12.2018 15:00
    Foren-Beitrag von Gubanov im Thema

    Hier ‘mal wieder ein Vor-45er-Krimi, der auf DVD erhältlich ist – wenn auch nur in ausreichender Bildqualität. Und von der Romanvorlage zum Film gibt es sogar ein Hörbuch.




    Mordsache Holm

    Kriminalfilm, D 1938. Regie: Erich Engels. Drehbuch: Georg C. Klaren, Ilse Czech (Romanvorlage „Der rote Faden“, 1937: Axel Rudolph). Mit: Elisabeth Wendt (Jenny Nerger), Harald Paulsen (Kriminalrat Wiegand), Kurt Waitzmann (Assessor Dr. Bernd Körner), Ursula Deinert (Graziella Holm), Hans Leibelt (Kriminalkommissar Engel), Josef Sieber (August Schmoll), Ellen Bang (Ida Ladosche), Aribert Wäscher (Torben Jönssen), Walter Steinbeck (Grundstücksmakler Nerger), Werner Scharf (Manuel Albano) u.a. Uraufführung: 18. Juni 1938. Eine Produktion der Neuen Film KG für die Terra-Filmkunst GmbH.

    Zitat von Mordsache Holm
    Die vielumworbene Tänzerin Graziella Holm wird in ihrem Wagen entlang der Autobahnstrecke von Bremen nach Hamburg tot aufgefunden. Unter Verdacht gerät zunächst der junge Jurist Dr. Körner, der sich Hoffnungen auf eine Beziehung mit der Ermordeten machte und ein Stück des Weges in ihrem Auto mitfuhr. Von Unbekannten, die scheinbar mehr über die Hintergründe wissen, wird Jenny, die Schwester der Toten und eine gute Freundin Körners, mit angeblich belastendem Material gegen den Hauptverdächtigen erpresst. Der Kriminalpolizei gelingt es jedoch, herauszufinden, dass die Erpresser nur Trittbrettfahrer sind und Bernd Körner in Wahrheit unschuldig ist. Den echten Mörder, der es nun auch auf Jenny Nerger abgesehen hat, verfolgt die Kripo in einer Großaktion bis nach Kopenhagen ...


    Die Besprechung enthält Spoiler!

    Als erster Kriminalfilm erhielt die 1938 gedrehte „Mordsache Holm“ von der Filmprüfstelle die Auszeichnung „staatspolitisch wertvoll“ zugesprochen. Dennoch wurde der Film später nie als Propagandafilm eingestuft, sondern kann auch heute noch als herkömmlicher Polizeikrimi betrachtet werden – als einer jener Filme, „die sich explizit darauf berufen, dass sie im [damaligen] Deutschland spielen und die moderne deutsche Polizei, ihre technische Ausrüstung und ihre hervorragenden Beamten im Kampf gegen das Verbrechen zeigen“ (Würmann, S. 70f). Zwischen härteren Kalibern wie „Im Namen des Volkes“ und „Mordsache Holm“ kann eine klare Trennlinie gezogen werden:

    Zitat von Carsten Würmann. Zwischen Unterhaltung und Propaganda: Das Krimigenre im Dritten Reich. Berlin: Freie Universität, 2013. S. 71
    Im Namen des Volkes hatte am 29. Januar 1939, dem Tag der deutschen Polizei, Premiere. Während hier das Prädikat „staatspolitisch wertvoll“ einen Film auszeichnet, in dem zeitgenössisch korrekt mit „Heil Hitler“ gegrüßt wird und der Richter am Ende unter einem Hakenkreuz das Todesurteil im Namen des deutschen Volkes spricht, sucht man in dem mit demselben Prädikat ausgezeichneten Mordsache Holm, „ein[em] Tonfilm von der Arbeit der Polizei“, so der Untertitel, diese eindeutigen Bezugnahmen vergeblich. Letzterer fand auch im neutralen Ausland Zuspruch.


    Auf schnörkellose Weise erzählt „Mordsache Holm“ einen Whodunit-Plot mit mehreren Wendungen, der sich an alle typischen Konventionen des Genres hält und geschickt zwischen einer Akzentuierung der Polizeiarbeit und dem Umgang mit den Beteiligten und Verdächtigen vermittelt. Einziges Problem des Films ist die eher schwache, formelhafte Ausgestaltung aller Rollen, sodass man trotz genreformaler Regeleinhaltung eher wenig vom Geschehen mitgerissen wird. Die Darsteller können dementsprechend auch nicht in allen Fällen ihren Figuren echtes Leben einhauchen. Bestes Beispiel dafür ist das Darstellerduo Kurt Waitzmann und Harald Paulsen, die schon für den vier Monate zuvor aufgeführten Krimi „Heiratsschwindler“ zusammen vor der Kamera standen und dort stärkere Duftmarken zu hinterlassen verstanden. Während Waitzmanns Rolle als Galan in Schwierigkeiten sich in beiden Filmen ähnelt, verkörpert der sonst auf Verbrecher abonnierte Harald Paulsen im vorliegenden Film als leitender Kriminaler eine für ihn völlig untypische Rolle, die er auch nicht auf besonders einnehmende Weise umsetzt. Stärkeres Identifikationspotenzial für die Reihen der Polizisten entfaltet Hans Leibelt, der meist gutmütig und verschmitzt agiert, hier aber auch einige ernstere Wörtchen mitreden darf.

    Dass sich der Mörder letztlich als international tätiger Skandinavier entpuppt, gehört zum Duktus der Zeit, ändert aber prinzipiell nicht viel am Handlungsverlauf. Die Inszenierung wartet gen Ende hin mit einer starken Zuspitzung des Geschehens auf; der Täter soll nachts in einem Hotel in Kopenhagen in eine Falle tappen und in flagranti ertappt werden, was für einige stimmungsvolle Momente sorgt. Kurios aus filmhistorischer Sicht ist nur, dass die Mörderrolle ausgerechnet von Wolfgang Staudte verkörpert wird, der – bevor er 1943 mit „Akrobat Schööön!“ als Regisseur ins Spielfilmgeschäft einstieg – seit Anfang der 1930er Jahre als Darsteller aktiv war.

    Unverwässerter findet man die typische Krimiformel selten im Vor-45er-Kino. Mord, Ermittlungen, falsche Fährten, spektakuläre Überführung – alles ist vorhanden. Und dennoch geht „Mordsache Holm“ die große Faszination ab, weil das Resultat eher flach wirkt und die vielen Kripoverhöre der gesamten Atmosphäre des Streifens eher abträglich sind. Insgesamt landet der Film daher mit 3,5 von 5 Punkten im Mittelfeld.

  • Foren-Beitrag von Gubanov im Thema

    Pidax hat ja hier keine Neu-Synchros anfertigen lassen, sondern greift auf die deutschen Fassungen der Filme zurück, die Ende der 1960er Jahre im ZDF gezeigt wurden. Vor zehn Jahren hätte ich mir nach dieser VÖ die Finger geleckt, aber nach der Veröffentlichung aller Merton-Park-Wallace-Filme in Großbritannien sehe ich keinen ernsthaften Kaufanreiz mehr. Erstens werden vrmtl. aus lizenzrechtlichen Gründen deutsche Master verwendet (kein O-Ton, 4:3-Vollbild statt 1,66:1-Originalbreitbild der UK-DVDs). Zweitens gibt es - wenn man diese Box kauft und dann feststellt, dass einem das Gesehene gefällt - keine Möglichkeit, die anderen Filme zu erwerben, ohne alles nochmal doppelt kaufen zu müssen.

  • Foren-Beitrag von Gubanov im Thema

    Wie von einer Fernsehproduktion von 1967 zu erwarten, handelt es sich nicht unmittelbar um eine Romanverfilmung, sondern um die Verfilmung des auf dem Roman basierenden Theaterstücks von Anthony Skene. Es wurde auch schon 1965 in England in der Reihe "Armchair Mystery Theatre" fürs Fernsehen umgesetzt. Wie originalgetreu das Theaterstück ist, wird sich zeigen. Skene kennen Liebhaber klassischer Krimis jedenfalls auch als Drehbuchautor von "The Dancing Men" aus den "Adventures of Sherlock Holmes" mit Jeremy Brett - und da hat er einen sehr guten Job gemacht.

  • Foren-Beitrag von Gubanov im Thema



    Edgar Wallace: Der grüne Bogenschütze

    Kriminalfilm, BRD 1960/61. Regie: Jürgen Roland. Drehbuch: Wolfgang Menge, Wolfgang Schnitzler (Romanvorlage „The Green Archer“, 1923: Edgar Wallace). Mit: Gert Fröbe (Abel Bellamy), Karin Dor (Valerie Howett), Klausjürgen Wussow (Inspektor James Featherstone), Harry Wüstenhagen (Julius Savini), Eddi Arent (Spike Holland), Wolfgang Völz (Sergeant Higgins), Charles Palent (Sergeant Bannister), Hela Gruel (Elaine Bellamy), Hans Epskamp (Mr. Howett), Heinz Weiss (John Wood), Stanislav Ledinek (Coldharbour Smith), Georg Lehn (Lacy), Edith Teichmann (Fay Savini), Karl-Heinz Peters (Mr. Creager), Robert Harre (Bellamys Diener San) u.a. Uraufführung: 3. Februar 1961. Eine Produktion der Rialto-Film Preben Philipsen Frankfurt / Main im Constantin-Filmverleih München.

    Zitat von Der grüne Bogenschütze
    Seit der herrische Amerikaner Abel Bellamy Garre Castle bezogen hat, geht dort eine alte Spukgestalt wieder um: der „grüne Bogenschütze“, der mit seinen Pfeilen gern auch Jagd auf Menschen macht. Das zieht nicht nur neugierige Touristen, sondern auch Valerie Howett und ihren Vater an, die mit Abel Bellamy noch eine alte Rechnung offen haben, weil dieser vor zwanzig Jahren in das Verschwinden von Valeries Mutter involviert war. Was Valerie nicht weiß: Bellamy hält ihre Mutter im Keller von Garre Castle gefangen. Die Tochter sucht in der verrufenen Shanghai-Bar nach Spuren und bringt sich mit ihrer Neugierde in eine brandgefährliche Situation, während der Bogenschütze weiter mordet. Ein Gefängnisaufseher, der Bellamy erpresst, und der Betreiber der Shanghai-Bar fallen ihm zum Opfer ...


    „Ein Mörder mit einem Flitzbogen. Der grüne Bogenschütze? Absurder Gedanke!“

    Für den Zuschauer, der in den Edgar-Wallace-Krimis mehr als bloße Märchenunterhaltung zum Hirnabschalten sucht und zugleich von den vergangenen Filmen der Reihe einen hohen Thrill- und Gruselfaktor geboten bekam, stellt es eine nicht zu unterschätzende Herausforderung dar, sich nun plötzlich auf einen Gespensterschurken im robin-hood-haften Strumpfhosen-Look einzustellen. Wo es der Rialto anderweitig gelang, selbst einen Verbrecher im Froschkostüm unheimlich und bedrohlich wirken zu lassen, vermittelt der Bogenschütze hier einen deutlich weniger gefährlichen, eher angestaubten und teilweise unfreiwillig komischen Eindruck – so als sei der Film, dessen Buchvorlage fast 40 Jahre früher entstand, aus der Zeit gefallen und der Schurke dergestalt konzipiert, dass nur naive, geistergläubige Briten ihn für bare Münze nehmen können. Den Machern schien diese Problematik deutlich bewusst zu sein – anstatt jedoch einen anderen, besser für eine moderne Adaption geeigneten Roman auszuwählen, entschied man sich, auf zwei Weisen mit ihr umzugehen: Einerseits adressiert Eddi Arent unverhohlen in der Auftaktszene die Unglaubwürdigkeit des Täters. Die Idee, den „Mörder mit Flitzbogen“ zunächst zu diskreditieren, um das Publikum unmittelbar darauf eines Besseren zu belehren und mit einer frühzeitigen Leiche die sehr wohl vorhandene Blutrünstigkeit des Bogenschützen unter Beweis zu stellen, funktioniert aufgrund einer sehr atmosphärischen Inszenierung der Szene recht gut – gerade auch weil man den von Gretl Wehrsig allzu klassisch-betulich eingekleideten Mörder nicht zu Gesicht bekommt, sondern dieser seinen Phantom-Status zunächst aufrechterhält. Zweitens optierten Jürgen Roland und seine Drehbuchautoren jedoch für eine sehr humorlastige Aufarbeitung des Stoffs. Sie verwendeten zum ersten Mal im Rahmen der Serie die konsequente Selbstironie, welche später zum Markenzeichen der teilweise nicht mehr für voll zu nehmenden Mid-to-Late-Sixties-Wallace-Krimis werden sollte. Was im selbstreferenziellen Wiederholungszeitalter der Wallace-Farbfilme aus mangelnder Bereitschaft und Möglichkeit, das Rad neu zu erfinden, hin und wieder durchaus akzeptabel ist, wirkt hier eher aufgesetzt und ist der bedrückenden Atmosphäre, die von anderen Elemente der Geschichte ausgeht, abträglich.

    Tatsächlich gibt es nämlich durchaus Elemente, die den „grünen Bogenschützen“ als ausgewachsenes Krimidrama ausweisen. Zum Beispiel zählt die boshafte Gestalt Abel Bellamys, der – wie eine geschickte Überblendung assoziiert – wie eine fette, selbstzufriedene Spinne in der Mitte eines klebrigen Netzes hockt, zu den besonders abstoßenden Bösewichtern im Wallace-Kanon. Als Besetzung für diese Rolle Gert Fröbe verpflichtet zu haben, erscheint rückblickend beinah alternativlos – zumal Fröbe vor der Überzeichnung seiner Rollen (weder zum Jämmerlichen noch zum Aggressiven) nie zurückschreckte. Und so baut er auch Abel Bellamy in seinem typischen Alles-oder-Nichts-Stil zum verabscheuungswürdigen Ekel aus, das auf Wallace’ ohnehin schon beeindruckende Figur noch eins, zwei Portionen Skrupellosigkeit draufsetzt. Sein scheußlichstes Werk ist dabei nicht einmal die Entführung von Valerie Howett, sondern das jahrelange Gefangenhalten ihrer Mutter – eine kaum zu überbietende Grausamkeit, in die sich Hela Gruel, eine von Rolands bevorzugten Charakterschauspielerinnen, mit stoischer Ruhe und doch beklemmenden Hoffnungsgefühlen fügt. Man fragt sich aus diesen Gründen, warum die Macher den Bogenschützen zur eher lapidaren Schießbuden-Mörderfigur machten und sich damit die Möglichkeit vergaben, ihn dezidiert als Rächer für Bellamys Schandtaten auftreten zu lassen. Zwar gibt es die tolle Szene, in der der grüne Geselle nachts bis in Bellamys Schlafzimmer vordringt und auch erfährt man am Ende, dass es zwei Bogenschützen gab (einen im Kampf gegen und einen zweiten im Auftrag von Bellamy), doch die dramaturgischen Möglichkeiten, die sich aus dem Motiv des „echten“ Bogenschützen ergeben, wurden weitgehend ungenutzt weggeworfen.

    Von der ergreifenden Nebenhandlung um Elaine Bellamy profitiert vor allem eine: ihre Filmtochter Karin Dor, die sich so engagiert auf die Suche nach ihrer Mutter gemacht hat, dass man Valerie Howett als ihre wohl dankbarste Rolle in einem Edgar-Wallace-Krimi bezeichnen kann. Sie erlaubt ihr zugleich das Zittern als damsel in distress und das verbale Triumphieren in vielen Szenen als selbstbestimmte Frau. Der Sprung von Nora Sanders zu Valerie Howett ist immens, macht sich auch optisch lohnend bemerkbar und erlaubt Karin Dor, diverse Szenen mit Bestimmtheit und Charme zu dominieren – man denke an ihren zurechtweisenden Umgang mit Gert Fröbe und dem nicht weniger faszinierenden Stanislav Ledinek oder ihren nächtlichen Ausflug nach Garre Castle in der „Traumsequenz“. So ist es kein Wunder, dass Klausjürgen Wussow neben ihr als eher konservativer Ermittler wenig Profil gewinnt, obgleich er handwerklich absolut keine schlechte Leistung abliefert. Als ihr Verbündeter steht er handlungsbedingt einfach zu oft im Abseits, weil sich auch Harry Wüstenhagen in Gestalt Julius Savinis rührend um sie bemühen darf. Wüstenhagen trifft in seinem ersten Serienauftritt nicht nur die perfekte Balance zwischen Helfer und Kleinganove (ein selten repräsentierter Graubereich), sondern legt auch eine exzellente leichte Süffisanz an den Tag, die dick aufgetragenen Humor wie den von Arent oder Völz verzichtbar macht. Dennoch gerät Arents Reporterrolle zumindest deshalb recht interessant, weil Roland mit ihr mehrfach die sogenannte vierte Wand durchbricht, ihn also direkt mit dem Publikum interagieren lässt – ein markanter, innovativer Regieeinfall.

    Leider gelingt es dem Spielleiter darüber hinaus nicht, die Spannung ähnlich kontinuierlich zu halten wie in den vier vorhergehenden Wallace-Filmen oder speziell in seinem eigenen Vorgänger „Der rote Kreis“. Zu sehr auf Kinkerlitzchen konzentriert und darüber hinaus mit zu geringer Handlungsdichte im Mittelteil ausgestattet, erlahmt das Erzähltempo des Films insbesondere zwischen den beiden Besuchen Valeries in der Shanghai-Bar. Erst das erneut sehr beeindruckende Finale, das weder mit Bellamys Allmachtsfantasien noch mit Schaueffekten wie einer Überflutung des Kellers und gehörigen Schusswechseln in der Etage darüber geizt, heizt die Stimmung wieder nennenswert an. Das ist jedoch zu wenig, um im gehobenen Mittelfeld oder gar der Spitzengruppe der Filmreihe mitspielen zu können, weshalb „Der grüne Bogenschütze“ letztlich ein eher schwacher Adaptionsversuch und zurecht Rolands letzter Wallace-Film bleibt. Dass der ironische Regisseur sich hier vergaloppiert hatte, fand offenbar auch die Rialto und gab mit einem ganz neuen Inszenierungsstil nachfolgend ein besonders düsteres Spektakel in Auftrag.

    Auch nach unzähligen Sichtungen bleibt unklar, ob das Scheitern des Films seiner unpassend( in Szene gesetzt)en Mörderfigur oder dem überschwänglich komödiantischen Unterton anzulasten ist. Ein dick auftragender Gert Fröbe und eine zielstrebige Karin Dor wissen zwar das Schlimmste zu verhindern und werden von attraktiven Schauplätzen und einer stimmungsvollen Musik unterstützt; doch außer in wenigen Highlight-Szenen präsentiert sich der „Bogenschütze“ hausbackener und spannungsärmer als vergleichbare Filme.

  • Eure DVDsDatum08.12.2018 12:21
    Foren-Beitrag von Gubanov im Thema

    Meine Neuzugänge sind nicht ganz so tagesaktuell:

    FILM

    • Das Cabinet des Dr. Caligari (Transit Classics)
      (D 1919/20, mit Werner Krauß, Conrad Veidt, Lil Dagover u.a.; Universum Film)
    • Nosferatu - Eine Symphonie des Grauens (Transit Classics)
      (D 1921, mit Max Schreck, Alexander Granach, Gustav von Wangenheim u.a.; Universum Film)
    • Scarface (Narbengesicht)
      (USA 1932, mit Paul Muni, Ann Dvorak, George Raft u.a.; Universal HE)
    • Titanic (UFA-Klassiker Edition)
      (D 1942/43, mit Ernst Fritz Fürbringer, Kirsten Heiberg, Hans Nielsen u.a.; Universum Film)
    • Die 12 Geschworenen (12 Angry Men)
      (USA 1957, mit Henry Fonda, Martin Balsam, Lee J. Cobb u.a.; 20th Century Fox / MGM HE)
    TV
    • Flucht ohne Ausweg (Straßenfeger Krimi-Klassiker)
      (BRD 1967, mit Hansjörg Felmy, Karin Hübner, Peter Ehrlich u.a.; ARD Video)
    • Bitte recht freundlich, es wird geschossen (Straßenfeger Krimi-Klassiker)
      (BRD 1969, mit Walter Wilz, Grit Böttcher, Alexander Hegarth u.a.; ARD Video)

  • Thema von Gubanov im Forum Edgar-Wallace-Forum



    Edgar Wallace: Der grüne Bogenschütze

    Wer glaubt denn schon an Geister? Der grün gewandete Geselle, der dem Krösus Abel Bellamy das Leben schwermacht, dürfte eine von Wallace’ urbritischsten Mordfiguren sein – der grüne Bogenschütze. Jürgen Roland nahm sich des Stoffes mit leichter Hand an und legte damit seine zweite und letzte Wallace-Umsetzung vor.

    Wie steht ihr zum Bogenschützen? Wisst ihr den grünen Schwerenöter zu schätzen oder würdet ihr am liebsten selbst einen Pfeil auf ihn abfeuern? Ich bin jedenfalls gespannt wie ein Flitzebogen (sorry, dieser Spike-Holland-Joke ließ sich nicht vermeiden).

    Links:

    Platzierung im Edgar-Wallace-Filmgrandprix 2014: Platz 16 von 36 (72,84 %)

  • Foren-Beitrag von Gubanov im Thema

    Zitat von DanielL im Beitrag #20
    Immerhin hat man auch erstmalig London-Establisher drehen lassen, die man zu Beginn des Films sieht, statt wieder auf alte Archivbilder zurückzugreifen (In FROSCH und KREIS sah man jeweils den Picadilly Circus mit Außenwerbung für den 1952er-Kinofilm THE THIEF mit Ray Milland).

    Ist dem so? Ich dachte, man drehte beim "Frosch" gleich einen ganzen Schwung und nutzte diesen dann für alle Filme bis einschließlich "Augen".
    Zitat von Marmstorfer im Beitrag #14
    Das Finale im Golfhotel zählt natürlich zu den dramatischsten und spannendsten der Serie

    Hier möchte ich mich nachträglich nochmal explizit anschließen, nachdem im Thread auch ein paar kritische Stimmen zum Finale lautgeworden sind. In meinen Augen ist es richtig stark durchkonzeptioniert, wenngleich ihm natürlich - wie @Dr. Oberzohn anmerkt - das kitschigste Happy-End aller Zeiten folgt. Bei der Neusichtung der Wallace-Krimis fällt mir aber erst richtig auf, wie grandios gut die Finalszenen der frühen Wallace-Filme sind. Und da würde ich keinen einzigen ausschließen:

    - beim Frosch der schnelle, aber harte Exzess im geheimen Unterschlupf
    - beim Kreis die Wiederauferstehung des totgeglauben Froyant
    - beim Rächer die Enthüllung der Guillotine und ihres völlig wahnsinnigen Besitzers
    - bei der Bande der große Endkampf im verlassenen Golfhotel
    - beim Bogenschützen die Überflutung des Kellers und der große Schusswechsel
    - bei den Augen der Einsatz von Waschkessel und Flammenwerfer

    Da hat man sich richtig ins Zeug gelegt und auf wirkungsstarke, teilweise auch sehr gewaltvolle Momente gesetzt, die keinesfalls unter dem heute eher belächelten Krimikomödien-Status der Wallace-Filme zu subsumieren sind.

  • Foren-Beitrag von Gubanov im Thema

    Sehr schön - das war bisher eine schmerzhafte Lücke. Als Christie-Verfilmung taugt "Die Morde des Herrn ABC" zwar wenig bis nichts, aber davon losgelöst ist es eine sehr unterhaltsame, kurzweilige Sixties-Krimikomödie.

  • Foren-Beitrag von Gubanov im Thema

    Zitat von Ray im Beitrag #27
    Ui, da bin ich der dann zweifelhaften Bezeichnung doch glatt auf den Leim gegangen. Danke für den Hinweis! Mir war zwar aufgefallen, dass bei Beiger in einer Szene oben ein Stück vom Kopf fehlte, aber da hab ich mir in meinem "guten Glauben" nichts bei gedacht.

    Viele Szenen in der "Bande" wirken tatsächlich so, als sei das altbekannte Vollbild eine Open-Matte-Version. Auch der Vorspann spricht dafür, dass die Aufnahmen eigentlich auf Breitbild konzipiert waren. Dennoch weisen alle Quellen darauf hin, dass der Film auch damals im Kino in der 1,37:1-Fassung lief. Insofern ist die Bezeichnung "Original-Kinoformat" für die 1,66:1-Version Etikettenschwindel.

  • "Derrick" oder: das andere KonzeptDatum06.12.2018 21:00
    Foren-Beitrag von Gubanov im Thema



    Derrick: Zeuge Karuhn

    Episode 265 der TV-Kriminalserie, BRD 1996. Regie: Peter Deutsch. Drehbuch: Herbert Reinecker. Mit: Horst Tappert, Fritz Wepper sowie: Michael Heltau (Paul Karuhn), Sky Dumont (Arthur Hanau), Udo Schenk (Konrad Paulus), Anette Hellwig (Eva Paulus), Christine Buchegger (Hannelore Paulus), Michael Gempart (Carl Lingus), Udo Thomer, Werner Asam u.a. Erstsendung: 8. November 1996, ZDF.

    Zitat von Derrick: Zeuge Karuhn
    Derrick könnte es so leicht haben: Für seinen aktuellen Mordfall – ein windiger Geschäftsmann erschoss seinen von Skrupel geplagten Partner – gibt es einen Augenzeugen, der den Mörder identifizieren kann. Nur leider handelt es sich bei diesem wichtigen Zeugen um einen Stadtstreicher, der so heruntergekommen ist, dass er sogar das Sprechen verlernt hat. Erst ein eindringlicher Appell der Tochter des Toten gibt dem Vagabunden Karuhn wieder eine Portion Selbstbewusstsein zurück – zumindest so weit, dass ein Gericht seine Aussage womöglich akzeptieren würde. Reicht das aus, um den Mörder festzunageln?


    Die Frage, wie viel ein Mensch und seine Zeugenaussage abhängig von seinem standing in der Gemeinschaft wert sind, erinnert an Klassiker wie „Kleider machen Leute“ oder „My Fair Lady“, in denen sich gesellschaftliche Randsubjekte durch Verbesserung ihrer Kleidung oder Manieren plötzlich in einer sozial akzeptierteren Rolle wiederfinden. Ähnlich geht es Paul Karuhn: Ihm bleibt es zwar erspart, Arien wie „Es grünt so grün, wenn die Isarauen blühen“ zu intonieren, doch wie der abgewrackte Paria von der Unternehmertochter umschwänzelt und in einen einigermaßen vorzeigbaren, sprechenden Zeugen verwandelt wird, ruft unwillkürlich Erinnerungen an ein geschlechterverdrehtes Eliza-Doolittle-Konstrukt wach. Dabei ist es zunächst Derrick, der dem schäbigen Zeugen mit einem Minimum an Menschlichkeit begegnet, während andere Protagonisten ihm gepfefferte Vorurteile entgegenbringen. Reinecker scheut sich dabei nicht, Mord und Mörder offen zu zeigen und den Spekulanten Hanau von Anfang an als angeberischen Lackaffen zu zeichnen, der sich über den Augenzeugen lustig macht und sich trotz dessen Aussage in Sicherheit wiegt. Eine absolute Paraderolle für Sky Dumont, der hier jedes Klischee über seine typischen Rollenanlagen bestätigen darf. Auch andere Figuren würdigen Karuhn ohne Weiteres ab – so darf der nach langer Pause wieder einmal auftauchende Kult-Gastdarsteller Werner Asam als knausriger Wirt aussagen: „Meine Köchin füttert ab und zu am Abend einen Penner“ (weist seine Angestellte aber darauf hin, sie möge diesem wenigstens keinen Löffel geben).

    Wie Michael Heltau diesen Penner spielt, mag zunächst etwas überkandidelt wirken. Tatsächlich geht das „Kurieren“ des scheinbar unverbesserlichen Außenseiters dem Zuschauer dann trotz aller Naivität doch ans Herz, was einigen anheimelnden Momenten zwischen Heltau und der nicht weniger dick auftragenden Anette Hellwig zu verdanken ist. „Zeuge Karuhn“ wird zunächst in der Gartenlaube des Paulus-Anwesens untergebracht und darf sich, nachdem er sich zum Bleiben entschlossen und ein ausgiebiges Bad genommen hat, ausgerechnet in die feinen Anzugstoffe des Toten werfen. Peter Deutsch filmt diese Szenen sehr ernst und gewichtig, aber irgendwie haben sie trotz Karuhns schweren Schicksals einen unfreiwillig amüsanten Unterton, weil sie so zugespitzt und unrealistisch wirken. Die Aussage des „Wohnungslosen“, wie Derrick ihn wohlwollend nennt, wird wohl auch kaum an Glaubwürdigkeit gewinnen, wenn Karuhn – in seiner Lebenssituation völlig abhängig und beeinflussbar – derart von den Hinterbliebenen des Mordopfers verhätschelt wird und diese offen von ihm verlangen, gegen Hanau auszusagen. Dafür interessiert sich die Episode aber nicht, denn das Ziel ist klar: dem windigen Geschäftsmann mit allen Mitteln das Handwerk legen. Und das ist durchaus eine gute Motivation – eben gerade wegen der immer wieder vor Augen geführten Überheblichkeit des Mörders, der auch nach seiner Tat noch ungeniert bei Witwe Paulus und ihrer Tochter ein- und ausgeht.

    Die Ringelmann-Krimis scheinen ihre Tippelbrüder-Figuren übrigens gern in der Nähe von Stauwehren auftreten zu lassen: Der Schauplatz des Mordes, der in dieser Episode Verwendung findet – das Isarwehr Mühltal bei Straßlach –, weckt jedenfalls einschlägige Erinnerungen an die „Kommissar“-Folge „Die Schrecklichen“, wobei Brynychs Terror-Opas damals jenes zwischen Oberföhring und dem Englischen Garten unsicher machten. Mit einem aufmüpfigen Feine-Leute-Schreck, wie Hans Schweikart ihn seinerzeit verkörperte, anstelle eines resignierten Michael Heltau hätte der Krimi einen akuten Nerv-Faktor entwickeln können; im vorliegenden Fall wirkt aber alles recht ausgewogen, sodass Peter Deutsch hier nach seinem starken Einstieg mit „Der Verteidiger“ erneut eine erfolgreiche Inszenierung bescheinigt werden kann, wobei der Stoff vom kriminalistischen Standpunkt her natürlich nicht allzu viel hergibt und man sich wieder einmal fragt, warum Derrick sich von Anfang an so sicher über die Identität des Mörders sein kann.

    Zeugen müssen in „Derrick“-Krimis offenbar immer ausgefallene Namen tragen: Sechzehn Jahre nach Herrn Yurowski soll nun Karuhn in den Zeugenstand treten, muss dafür aber erst noch „gerichtsfein“ gemacht werden. Die Mischung aus Krimi und Sozialdrama gelingt trotz unübersehbarer Übertreibungen und Unwahrscheinlichkeiten recht gut, weil wenig Füllmaterial zum Einsatz kommt und Heltau und Dumont sich unvereinbar wie Plus- und Minuspole gegenüberstehen. 3,5 von 5 Punkten.

  • Foren-Beitrag von Gubanov im Thema

    Zitat von Ray im Beitrag #24
    Gerade die Blu-Ray im Player gehabt und so "Die Bande des Schreckens" erstmals im Original-Bildformat gesehen.

    Also hast du noch nie die DVD gesehen?

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