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  • Foren-Beitrag von Gubanov im Thema

    Nachdem ich nun endlich alle fünf gängigen Sergio-Martino-Gialli gesehen habe, hier ein persönliches Ranking:

    Platz 1 (5,0 Punkte) – #2: Der Schwanz des Skorpions (1971)
    Platz 2 (4,5 Punkte) – #1: Der Killer von Wien (1971)
    Platz 3 (4,0 Punkte) – #5: Torso (1973)
    Platz 4 (3,5 Punkte) – #4: Your Vice Is a Locked Room (1972)
    Platz 5 (2,5 Punkte) – #3: Die Farben der Nacht (1972)

    In diesem Fall ist die obligatorische Anmerkung, dass es sich um eine Momentaufnahme handelt, wichtiger denn je. Einerseits sind die anderen vier Sichtungen und Besprechungen schon eine ganze Weile her, andererseits habe ich bei allen drei Mittelfeld-Filmen in meinen Besprechungen Entwicklungspotenzial für zukünftige Martino-Durchläufe prognostiziert. Während es sich „Die Farben der Nacht“ also wahrscheinlich ziemlich gemütlich auf meinem letzten Platz machen können, ist es gut möglich, dass der Rest der Rangliste in Zukunft noch gehörig durcheinandergewürfelt werden wird. Ist ja auch nur gerecht: Während ich den „Skorpion“ bevorzuge, geht die Forentendenz in Richtung „Killer von Wien“ und während Martino selbst „Torso“ am meisten mag, genießt „Your Vice“ im Allgemeinen die höchste kritische Wertschätzung.

    Aber ganz ist das Ende der Fahnenstange mit Martino mal Fünf ja ohnehin noch nicht erreicht. Ein rarer Giallo-meets-Poliziottesco über das verdächtige Ableben einer Minderjährigen dürfte wohl in nicht allzu ferner Zukunft noch in meinem Player landen ...

    Wie sehen eure Martino-Präferenzen aus?

  • Weg ohne Umkehr (1953)DatumGestern 20:30
    Foren-Beitrag von Gubanov im Thema

    In Bezug auf Walther Schmiedings „Kunst oder Kasse – Der Ärger mit dem deutschen Film“ (Hamburg, 1961) resümiert Michael Wenk zu „Weg ohne Umkehr“:

    Zitat von Michael Wenk. Ein Kerl zum Pferdestehlen: Der Schauspieler René Deltgen in Film & Fernsehen. In: René Deltgen: Eine Schauspielerkarriere. Luxemburg: CNA, 2002. S. 102
    Obwohl [Deltgen] als Charakterdarsteller bei Bühne und Rundfunk nach wie vor hoch im Kurs steht, gehen gehaltvolle Rollen in Kinoproduktionen meist an Kollegen. Als Helmut Käutner etwa die Titelrolle der Carl-Zuckmayr-Verfilmung Des Teufels General (1954/55) zu besetzen hat, wählt er dafür nicht etwa Deltgen aus, der als Fliegergeneral Harras auf der Bühne brilliert hatte, sondern engagiert den geschmeidigeren und hochgewachsenen Curd Jürgens. Diese an rein kommerziellen Aspekten orientierte Entscheidung erscheint umso bemerkenswerter, als René Deltgen kurz zuvor den Deutschen Filmpreis 1954 in der Kategorie „bester Hauptdarsteller“ für seine Leistung in Weg ohne Umkehr (1953) erhalten hatte. In dem Film von Victor Vicas, eine „bittere Anklage gegen die Unmenschlichkeit des kommunistischen Systems und gegen die Praktik des Menschenraubs, für die es gerade zu dieser Zeit in Berlin besonders krasse Beispiele gab“, ist Deltgen als sowjetischer Politoffizier Kazanow zu sehen, der die Beziehung des russischen Ingenieurs Michael (Ivan Desny), einst Reserveoffizier bei der Eroberung Berlins 1945, zu der jungen Deutschen Anna (Ruth Niehaus) aus ideologischen Motiven hintertreibt. [„Weg ohne Umkehr war deutlich von den politischen Vorstellungen des ‚kalten Kriegesʻ geprägt. Dazu gehörte auch die Unterscheidung zwischen dem ‚bösenʻ Russen – dem Politoffizier – und dem ‚gutenʻ, eben dem Ingenieur.“]

  • Foren-Beitrag von Gubanov im Thema



    Your Vice Is a Locked Room and Only I Have the Key
    (Il tuo vizio è una stanza chiusa e solo io ne ho la chiave)


    Drama, IT 1972. Regie: Sergio Martino. Drehbuch: Ernesto Gastaldi, Adriano Bolzoni, Sauro Scavolini (Buchvorlage „The Black Cat“: Edgar Allan Poe) (Story: Luciano Martino, Sauro Scavolini). Mit: Edwige Fenech (Floriana), Anita Strindberg (Irene Rouvigny), Luigi Pistilli (Oliviero Rouvigny), Franco Nebbia (Inspektor), Ivan Rassimov (Walter), Angela la Vorgna (Brenda), Daniela Giordano (Fausta), Marco Mariani (Buchhändler), Nerina Montagnani (Signora Molinar), Enrica Bonaccorti (Prostituierte) u.a. Uraufführung (IT): 4. August 1972.

    Zitat von Your Vice Is a Locked Room and Only I Have the Key
    Schon seit geraumer Zeit wird Irene Rouvigny von ihrem Ehemann, dem Schriftsteller Oliviero, gepeinigt und missbraucht. Als Oliviero unter Mordverdacht gerät, hilft sie ihm dennoch nicht nur mit einem falschen Alibi zur ersten Tat aus, sondern beseitigt die zweite Leiche kurzerhand im Weinkeller des gemeinsamen Anwesens. Der darauffolgende Besuch von Olivieros Nichte Floriana trägt nicht gerade dazu bei, die angespannte Situation zwischen den Eheleuten zu vereinfachen: Floriana fühlt sich sowohl zu Irene als auch zu Oliviero hingezogen und führt, obwohl vordergründig hilfsbereit, den Familienzwist zur ultimativen Eskalation ...


    Während Genrekönige wie Mario Bava und Lucio Fulci die Grenzen der Giallokonventionen oft verschwimmen ließen, gilt Sergio Martino zurecht neben Dario Argento als zweiter Urvater des gelben Frühsiebzigerkinos. „Der Killer von Wien“ und „Der Schwanz des Skorpions“ zeigen eindrucksvoll, welche Potenziale die klassische Form des Giallo in sich birgt. Umso überraschter mag derjenige sein, der zum ersten Mal „Your Vice Is a Locked Room“ sieht und sich fragt, in welchem Winkel des Rouvigny-Schlosses sich die gewohnte Genreklaviatur versteckt hält. Der Film ist ein protagonistenzentriertes Ehedrama, ein langsam vom Kunstfilm zum Psychothriller aufsteigendes Eigengewächs, ein Film, der ganz andere menschliche Abgründe zeigt, als man es eigentlich von einem Martino made in ’72 erwartet. Zwar gibt es anfangs eine stellenweise an „Bay of Blood“ erinnernde Mordserie, doch die erscheint merkwürdig deplatziert im Vergleich zur Haupthandlung und wird daraufhin auch bald beendet, um dem gegenseitigen Spiel aus Sex, Drohungen und Quälereien im Rouvigny-Haushalt Platz zu machen – einer sehr viel düstereren Variante der Degeneration als Julie Wardhs ähnlich betitelte Eskapaden im „Wienkiller“.

    Zitat von Michael MacKenzie: Dolls of Flesh and Blood – The Gialli of Sergio Martino
    Martino appears to reject many of the conventions he helped establish. And indeed, when the traditional black-gloved killer, operating independently of the film’s main killer in a typical Martino-Gastaldi twist, is despatched around the half-way point, it’s almost as if Martino is metaphorically slaying the giallo as it had become by 1972. The speed with which this killer is disposed of and the somewhat perfunctory nature of the traditional stalk-and-slash sequences, suitably brutal though they are, does leave the viewer with the sense that the director has by this stage begun to lose interest in the more conventional giallo tropes and is eager to get them out of the way, so he can return to the film’s more heady, character-driven material.


    „Verkopft“ ist wohl das richtige Wort für den Hauptteil von „Your Vice“, denn auf merkwürdig-makabre Weise kombiniert Martino hier hohe Kunst mit schlechtem Geschmack. Die Szenen zwischen den Eheleuten Rouvigny, dem beruflich impotenten Schriftsteller und der hysterischen Gattin, bewegen sich auf einem selten erreichten Niveau der Unappetitlichkeit und gestalten sich nicht immer spannend, obwohl die einsame Villa als reizender Schauplatz überzeugt, die miteinander verknüpften Motive der toten Mutter und des Maria-Stuart-Barockkleids mancher Szene Symbolkraft und Tiefe verleihen und die Filmmusik des in meiner Gunst sonst eher auf den hinteren Plätzen rangierenden Bruno Nicolai diesmal mit unglaublichem Feingefühl aus den Lautsprecherboxen dringt.



    Während Anita Strindberg als gern leidende Irene trotz zauseliger Wischmoppfrisur geschickte schauspielerische Glanzmomente einbringt, erscheint mir Luigi Pistilli in der Hauptrolle eher fehlbesetzt, was dem Film ein ganzes Stück seiner Glaubwürdigkeit raubt. Ähnlich wie der deutsche Günther Stoll war Pistilli ein ausgesprochener Charakterkopf der zweiten Garnitur, der die Last eines leading man hier nicht recht zu schultern versteht. So bringt er zwar den sadistisch-abstoßenden Teil seines Oliviero durchaus glaubhaft herüber, doch seine ewige Anziehungskraft auf alle Protagonistinnen des Films lässt den Zuschauer nur verwundert zurück. Oliviero ist weder attraktiv noch eine interessante oder lukrative Persönlichkeit, sondern einfach nur ein gefrustetes, ausfälliges Rumpelstilzchen, dessen Untiefen Martino nicht unbedingt gar so ausführlich hätte ausloten müssen.

    Dankbar dürfte das Publikum deshalb vor allem über das Auftauchen von Edwige Fenech gewesen sein, die 1972 so synonym mit Martino-Gialli geworden war, dass sie erster Name im Vorspann und Werbegesicht für „Your Vice“ ist, obwohl sie erst spät im Film bei den Rouvignys aufschlägt. Fenech, die mit optischem Makeover und neu gefundenem Selbstbewusstsein in mancher Szene verblüffend an eine Femme-fatale-Version von Karin Dor erinnert, zeigt eine erfreuliche Reifung gegenüber ihren früheren Auftritten und bekommt hier endlich die Gelegenheit zu ernsthafter schauspielerischer Entfaltung.

    Zitat von Michael MacKenzie: Dolls of Flesh and Blood – The Gialli of Sergio Martino
    The greatest revelation [...] is undoubtedly Edwige Fenech. In her previous appearances in Martino’s gialli and indeed in the simultaneously released The Case of the Bloody Iris it’s fair to say that she acquitted herself well, but that the roles she played didn’t exactly do much to stretch her acting ability. All to often called on to do little more than strip, scream and swoon – and not neccessarily in that order –, the characters she played were often, to borrow a quotation from Martino’s later giallo Torso, “only dolls, stupid dolls made out of flesh and blood”. Her transformation into a confident, manipulative bob-haired pansexual who holds everyone she comes into contact with in her thrall feels not so much like casting against type as unlocking her true potential. When she arrives around the half-hour mark, she instantly changes the dynamic and tone of the picture, throwing a monkey wrench into the narrative, breaking up the malaise that has settled on Oliviero and Irene’s household and turning out to be just as manipulative and twisted as her hosts in her own way.


    Bleibt nur noch der Poe-Faktor zu klären: In seiner stellenweise überheblichen Machart einer modernen Literaturverfilmung gerecht werdend, nutzt „Your Vice“ die Vorlage „The Black Cat“ auf eher freie Weise, wenngleich der schwarze Kater namens Satan nie wirklich bedrohlich, sondern wie ein verschmuster, neugieriger Stubentiger wirkt, sodass die gegen ihn gezeigte Gewalt – wenngleich nur effektive Maskentricks – überflüssig und formelhaft erscheint. Im Finale kommt er pflichtgemäß und sehr effektiv zum Einsatz – die starken letzten Minuten erinnern neben Poes Klassiker auch an Fulcis späteres Meisterwerk „The Psychic“.

    Edwige Fenech betont in Interviews gern, dass Martino, sie und der Rest des gemeinsamen Stamm-Filmteams zu Beginn ihrer Kollaborationen jung, unerfahren und experimentierfreudig waren. „Your Vice“ lässt nur anderthalb Jahre später deutliche Zeichen von Reifung und Weiterentwicklung erkennen, aber auch einen gewissen frischen Charme vermissen. Stellenweise aufgeblasen und unappetitlich im Detail, leidet der Film an der kompletten Abwesenheit von Identifikationsfiguren, für die eine besser denn je aufspielende Edwige Fenech nach Kräften entschädigt. 3,5 von 5 Punkten. Ähnlich wie Martino glaube ich aber jetzt schon daran, dass der Film sich langfristig bewähren und mich seine Kantigkeit bei zukünftigen Sichtungen weniger aus der Fassung bringen wird.



    Die DVD von Arrow Video (UK-Import): Nachdem der Film lange Zeit eine gesuchte Rarität war, brachten die getrennten DVD- und Blu-ray-Veröffentlichungen von Arrow Video den auf die Folter gespannten Filmfans 2016 die lang ersehnte Erleichterung. In einem hervorragenden Transfer im Originalbildformat 1,85:1 in englischer oder italienischer Sprache sowie mit optionalen englischen Untertiteln präsentiert sich Martinos Film, als wäre er gestern erst gedreht worden. Natur- und Nachtstimmungen kommen in der farblich ansprechenden Präsentation hervorragend zur Geltung. Nicht weniger euphorisch kann ich mich zum Bonusmaterial äußern: Gleich fünf ausführliche Dokus sind enthalten, darunter die von der No-Shame-DVD übernommene Making-of-Featurette „Unveiling the Vice“ mit Sergio Martino, Fenech und Gastaldi. Hinzu kommen ein ausführliches Martino-Interview, Überblicke über Martinos Gialli von Michael MacKenzie und Fenechs Karriere von Justin Harries sowie eine Retrospektive zu „Your Vice“ von US-Regisseur Eli Roth. Dass man zumindest in der regulären DVD-Ausgabe dafür auf ein Booklet verzichten muss, macht das Kraut nach all diesen Blicken hinter die Kulissen wahrlich nicht mehr fett.

  • TV-Termine im Juni 2017Datum24.06.2017 09:26
    Foren-Beitrag von Gubanov im Thema

    Zitat von brutus im Beitrag #7
    Bedauerlicherweise fehlt der Schmidt-Erstling Tod im U-Bahnschacht [...]. Da war das Ausgangsmaterial angeblich noch gut genug erhalten um die Restaurierung erst mal zu verschieben.

    Wer's glaubt, wird selig. Da hat der RBB einfach Angst vor der eigenen Courage, nach wie vor heikle Themen (Migration, illegale Beschäftigung, Abschiebung) nochmal unter dem nicht ganz so politisch korrekten Blickwinkel der Siebzigerjahre zu beleuchten, zumal die Folge entsprechend umstritten ist und zeitweise wohl im Giftschrank verschwunden war. Es hätte dem Sender gut zu Gesicht gestanden, zu seinen Produktionen zu stehen und ausgerechnet diese Folge zu senden, ggf. mit entsprechendem Rahmenprogramm.

  • Foren-Beitrag von Gubanov im Thema

    @Markus: So verkehrt ist der Vergleich ja nun nicht gerade. Immerhin bedienten beide Schauspielerinnen ähnliche Rollentypen und offenbar verfügen beide auch über überaus begeisterte Anhänger, wobei Sinjen in der Rückschau realistisch betrachtet natürlich eine Prominenzklasse unter Schneider firmiert. Aber vielleicht sehe ich das als jemand, der weder mit Sinjen noch mit Schneider etwas anfangen kann, zu prosaisch. Umso interessanter ist es jedenfalls für mich, zu lesen, wie einige Leute richtig in einzelne Schauspieler vernarrt sind.

  • Foren-Beitrag von Gubanov im Thema

    Zwei Ankündigungen für den 18. August:

    Schuss durchs Fenster (1949)

    Ein spannender Krimi mit Curd Jürgens. Ein sympathischer, aber etwas tollpatschiger junger Kriminalassistent soll einen Diebstahl in einem Chemiewerk aufklären ‒ scheinbar ein Routinefall. Als dann aber ein Mord geschieht, übernimmt ein erfahrener Kollege die Ermittlungen, da man dem jungen Tollpatsch die Aufklärung des Falls nicht zutraut. Doch der lässt nicht locker und recherchiert auf eigene Faust auf dem verlassenen Fabrikgelände weiter ...

    Regie: Siegfried Breuer. Kamera: Helmuth Ashley. Musik: Willy Schmidt-Gentner. Darsteller: Siegfried Breuer, Curd Jürgens, Edith Mill, Gunther Philipp, Eva Leiter, Hans Putz, Fritz Eckhardt, Leopold Rudolf, Herrmann Bauberger, Hans Dressler, Ernst Therwal, Ilse Trenker, Otto Langer.

    Ankündigung im Icestorm-Shop

    Drei vom Varieté - Spiel mit dem Leben (1954)

    Psycho-Kriminalfilm im Zirkus-Milieu. Die Artistin Jeanine, ihr Ehemann Alexis und Renato sind unter dem Namen »Die drei Loopings« die Stars des Varieté Royal. Ihre spektakuläre Trapeznummer mit einem Salto, der mit verbundenen Augen vorgeführt wird, steht in der Zuschauergunst ganz oben. Hinter den Kulissen bedrängt Renato Jeanine immer wieder in eindeutiger Absicht, obwohl sie ihm klarmacht, dass sie zu ihrem Mann Alexis gehört. Eines Abends schließt Renato sie in ein Zimmer ein und will sie nicht gehen lassen. Da weiß Jeanine sich nicht anders zu helfen, als nach einer Waffe zu greifen und ihn zu erschießen. Es kommt zu einer Gerichtsverhandlung. Dabei wird allmählich klar, welche traumatischen Erlebnisse in Jeanines Kindheit sie zu dieser Verzweiflungstat getrieben haben.

    Regie: Kurt Neumann. Kamera: Willy Winterstein. Musik: Hans-Martin Majewski. Darsteller: Ingrid Andree, Erich Schellow, Franco Andrei, Peter Pasetti, Paul Dahlke, Mady Rahl, Heinz Engelmann, Walter Janssen, Willy Maertens, Robert Meyn, Oskar Dimroth.

    Ankündigung im Icestorm-Shop

  • Schatten der Nacht (1949)Datum18.06.2017 21:00
    Foren-Beitrag von Gubanov im Thema



    Schatten der Nacht (Ein Frauenschicksal)

    Kriminaldrama, BRD 1949. Regie: Eugen York. Drehbuch: Otto-Heinz Jahn. Mit: Hilde Krahl (Elga), Willy Fritsch (Ernst Magnus), Carl Raddatz (Richard Struwe), Josef Sieber (Mumme), Hermann Schomberg (Edgar Elsberg), Arnim Dahl (Freitag), Carl-Heinz Schroth (Minjes), Lilo Müller-Olias (Heidi), Ursula Herking (Julia), Thessy Kuhls (Margit) u.a. Uraufführung: 10. März 1950. Eine Produktion der Real-Film Hamburg im Herzog-Filmverleih Berlin.

    Zitat von Schatten der Nacht
    Ihr krimineller Freund, der Elga immer wieder zu unfreiwilliger Beihilfe zu verschiedenen Verbrechen überredet, droht seinem „Schneeflöckchen“ am Faschingsabend erneut: Sie soll ihm helfen, den Verleger Magnus in eine Falle zu locken. Da „Assessor“ Struwe aber kurz vor seiner geplanten Tat verhaftet und zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt wird, steht Elgas persönlichem Glück auf einmal nichts mehr im Wege. Aus ernsthafter Zuneigung heiratet sie Magnus und verbringt mit ihm zwei herrliche Jahre. Dann kommt Struwe wieder auf freien Fuß ...


    Auf Sylt und in Hamburg entstanden die Aufnahmen zu diesem nostalgischen Film, der für seine Entstehungszeit durchaus typisch ist: War es gerade zum Ende des Dritten Reiches hin oberste Devise, für leichtfüßige Alltagsablenkung in den Kinos zu sorgen, stand die zweite Hälfte der 1940er Jahre im deutschen Film umgekehrt ganz im Zeichen der Problematisierung. Dabei nahm man sich nicht immer hochgestochener Themen wie Kriegsschuld („Die Mörder sind unter uns“, „Ehe im Schatten“) oder gesellschaftlicher Desillusionierung („Nachtwache“) an; auch die Schilderung klatschmagazinreifer Einzelschicksale in möglichst überhöhter, dramatisierter, düsterer Form gehörte in die Repertoirekiste des filmischen Neuanfangs. So schildert „Schatten der Nacht“ den Aufstieg und Fall des Gangsterliebchens Elga, das sich von Anfang an nicht unbedingt durch einen starken eigenen Willen auszeichnet. Vielleicht um von der harten Arbeit der Frauen in den Jahren nach Kriegsende abzulenken, strahlt den harmoniesuchenden Kinogängerinnen eine weiche, formbare Hilde Krahl entgegen, die sich zwar gegen das von Carl Raddatz personifizierte Böse auflehnt, diesen Kampf aber mit Pauken und Trompeten verliert. Mit tragischer Treffsicherheit trifft Elga stets die scheinbar leichtesten, tatsächlich aber folgenschwersten Entscheidungen, die sich manchmal kurzfristig nützlich, im Ganzen aber fatal für sie auswirken.



    Von Elgas unstetem Verhalten angetrieben, wechselt der Film immer wieder das Sujet: Was zunächst in überlangen Karnevalsszenen als Schwof der kleinen Leute beginnt, wird mit dem Erscheinen Willy Fritschs zum eleganten Liebesdrama, mit Raddatz’ Wiederkehr zum Erpresserkrimi und schließlich zur überzeichneten Sozialstudie der Flucht und Selbstverleugnung einer Frau. Vielleicht fühlte der geschäftstüchtige Gyula Trebitsch, dass Autor Otto-Heinz Jahn den Bogen etwas überspannt hatte; jedenfalls testete man – mit gemischtem Erfolg – die Wirkung des Films auf das Publikum noch vor dem Massenstart mit einer ungewöhnlichen Marketing-Maßnahme:

    Zitat von Heike Goldbach: Ein Feuerwerk an Charme – Willy Fritsch, Tredition Verlag, Hamburg 2017
    Um den Film sicher zum Erfolg zu führen, lässt ihn die Produktionsfirma mit noch junger Methode der Marktforschung innerhalb einer Überraschungsvorstellung von vierhundert ins Hamburger Urania-Kino gebetenen Zuschauern beurteilen. Ursprünglich ist für diesen Abend des 10. Januar 1950 der Film „Schicksal aus zweiter Hand“ angekündigt, wird jedoch kurzfristig gegen „Schatten der Nacht“ getauscht. Den überraschten Kinogängern macht dies wenig aus, niemand verlässt das von Stammgästen als „Flohkiste“ bezeichnete Filmtheater. Bereitwillig beantworten die Zuschauer im Anschluss an den Film einen acht Punkte umfassenden Fragebogen über die Spielweise der Darsteller, Regie, Musik sowie die Handlung im Allgemeinen und stellen dem Film insgesamt ein positives Zeugnis aus. „Einfach die Wucht“, schreibt eine Näherin auf ihren Zettel, und ein Gartenarbeiter beschreibt den Film „bis wo Hilde Krahl die Dirne spielt, sehr gut, ab dann etwas drastisch“.


    Den Dreh der letzten halben Stunde hätte der Film vom Standpunkt der Glaubwürdigkeit wahrlich nicht benötigt. Allerdings gibt er den Darstellern die Gelegenheit, sich aufs Ernsthafteste in ihre Rollen hineinzusteigern, was – insbesondere durch die guten Leistungen von Krahl und Fritsch – in einem ergreifenden offenen Ende mündet. Die Kamera verharrt, während Elga am menschenleeren Sylter Strand in die Nacht davonläuft, so wie Bildgestalter Willy Winterstein auch zuvor schon einige sehr ansprechende Motive geglückt sind. Insgesamt also vielleicht nicht unbedingt „die Wucht“, aber ein hochwertiges, wenn auch etwas angestaubtes Zeitprodukt.

    Inhaltlich gleichen die „Schatten der Nacht“ einem wankelmütigen Chamäleon, da die Einflüsse auf und Entscheidungen von Elga immer wieder für abrupte Umbrüche sorgen, die den Zuschauer die Handlung nie vorausahnen lassen können. Klassisch ausgebildete Akteure und Filmhandwerker versuchen, diese Unruh nach Möglichkeiten auszuwuchten und den Eindruck eines nicht unbedingt anspruchsvollen, aber doch ambitionierten Dramas zu erwecken. 3,5 von 5 Punkten.

    PS: Die Handlung erstreckt sich über mehrere Jahre, müsste sich also auch mit dem Zeitraum des Zweiten Weltkriegs überschneiden. Davon findet sich im fertigen Film, einer dezidierten Weltfluchtfabel, natürlich nicht die geringste Spur.

  • Foren-Beitrag von Gubanov im Thema



    Die Olsenbande schlägt wieder zu (Olsen-Banden deruda’)

    Kriminalkomödie, Teil 9 der Spielfilmreihe, DK 1977. Regie: Erik Balling. Drehbuch: Erik Balling, Henning Bahs. Mit: Ove Sprogøe (Egon Olsen), Morten Grunwald (Benny Frandsen), Poul Bundgaard (Kjeld Jensen), Kirsten Walther (Yvonne Jensen), Paul Hagen (Meister Hansen), Ove Verner Hansen (das dumme Schwein), Claus Ryskjær (Neffe Georg), Axel Strøbye (Kriminalkommissar Jensen), Dick Kaysø (Kriminalbeamter Holm), Arthur Jensen (Niels Peter Nielsen) u.a. Synchronsprecher: Karl Heinz Oppel (Egon Olsen), Peter Dommisch (Benny), Erhard Köster (Kjeld), Helga Hahnemann (Yvonne) u.a. Eine Produktion der A/S Nordisk Films Kompagni. Uraufführung (DK): 30. September 1977. Uraufführung (DDR): 19. Juni 1981.

    Zitat von Die Olsenbande schlägt wieder zu (9)
    Während Egon mittlerweile leicht in die Jahre gekommen ist und durch Yvonnes jüngeren Neffen Georg, einen studierten Kriminellen mit Hang zu Computern, ersetzt zu werden droht, wächst über Dänemark und der EG der Butterberg heran. Dessen politische Hintermänner horten die Butter, um sie illegal zu verkaufen – ein Millionendeal, den die Olsenbande kurzzuschließen gedenkt. Nach Startschwierigkeiten müssen Egon, Benny und Kjeld den dafür nötigen Koffer mit Geld und Geheimunterlagen aus der Weltbank-Zweigstelle in Kopenhagen herausholen, wo dieser hinter meterdicken Panzertüren gesichert ist. Nur Georg kann dabei helfen ...


    Bei 13 Abenteuern kann man schon einmal den Überblick verlieren, welcher Spaß sich in welchem Film verbirgt. Während Titel wie „fährt nach Jütland“ oder „stellt die Weichen“ klare Hinweise zu den Handlungen aussprechen, helfen Allerweltsnamen wie „schlägt wieder zu“ oder „ergibt sich nie“ dem Filmfreund nicht wirklich auf die Sprünge. Es wäre aber vielleicht auch schwierig geworden, dem neunten Olsenbandenfilm eine prägnantere Überschrift zu verleihen, da die Handlung zwar geschickt die üblichen Break and Enter-Spielchen von Egon, Benny und Kjeld variiert, dem Gewohnten aber wenig Substanzielles hinzufügt. Wir bekommen es also – tatsächlich ganz im Sinne des Titels – mit einer amüsanten Routine zu tun. Eingebrochen und aufgeknackt wird sowohl im Großen als auch im Kleinen (von der Brille des Nachtwächters an der Angel bis zum aufsehenerregenden Coup im Weltbank-Bunker mit perfekt austarierten Slapstick-Momenten); der größte Unterschied besteht darin, dass es diesmal keinen Berliner Franz-Jäger-, sondern Chicagoer Francis-Hunter-Tresoren an den Leib geht. Die Globalisierung macht eben auch vor dem beschaulichen Kopenhagen nicht Halt.



    Als verzögerndes Element muss nach Børges Ausscheiden nun ein neuer Verwandter herhalten. Claus Ryskjær bringt zwar ein passendes Schurkengesicht mit, wirkt als Neffe Georg aber recht konstruiert – so, als wollten die Macher an unselige frühere Kollaborationen der Olsenbande mit Dynamit-Harry anknüpfen. Fazit auch dieses Mal: Die Clous funktionieren am besten in Dreier- und nicht in Viererbesetzung. Erquicklicher gestalten sich die Gegner, die hier regelrechte Erzfeinde der Olsenbande sind: Der großspurige Kleinganove Meister Hansen würde sich am liebsten mit Egons Federn schmücken und seinen Ideengeber gleichzeitig mit der „Höllenmaschine“, einer selbstkonstruierten Bombe, in die Luft jagen. Paul Hagens Rumpelstilzchen-Manier, seine Anfälle, wenn etwas nicht nach Wunsch verläuft, und seine Anmaßungen sind großes Kino und neben der herrlichen Verfolgungsjagd mit Autohalbierung und umfallendem Industrieschlot die Höhepunkte des Films.

    Obwohl Egon unterstellt wird, mittlerweile „senilkonfus“ zu sein, darf sich die Bande dem großen Geld diesmal so nah glauben wie selten sonst. Man möchte meinen, dass eigentlich nichts mehr schiefgehen kann, zumal eine Verwechslung der zwei jeweils sehr charakteristischen Koffermodelle in diesem Film niemals ernsthaft in Erwägung gezogen wird. Doch es wäre nicht die Olsenbande, wenn nicht trotzdem alles anders als erwartet käme. Vielleicht kann sich Egon damit trösten, wenigstens den großen Butterbonzen einen Strich durch die Rechnung gemacht und unter Beweis gestellt zu haben, dass er immer noch agiler und bauernschlauer ist als ein Computer-Ersatz.



    Statt die politische Seite des Butterskandals genauer auszuleuchten, liefert sich Egon einen Hahnenkampf mit seinem auserkorenen Nachfolger Georg. Davon abgesehen handelt es sich bei „Die Olsenbande schlägt wieder zu“ um einen flüssigen, wie immer bestens erheiternden Filmausflug, dem man die mittlerweile zehnjährige Erfahrung der Macher in gutem Sinne anmerkt. 4 von 5 Punkten.

  • Death Steps in the Dark (1976/77)Datum15.06.2017 17:15
    Thema von Gubanov im Forum Giallo Forum



    Death Steps in the Dark (Passi di morte perduti nel buio)

    Kriminalfilm, IT / GR 1976/77. Regie: Maurizio Pradeaux. Drehbuch: Arpad de Riso, Maurizio Pradeaux. Mit: Leonard Mann (Luciano Morelli), Robert Webber (Inspektor), Susy Jennings (Ulla), Nikos Verlekis (Raul Komakis), Vera Krouska (Ingrid Stelmosson), Antonio Maimone (Omar Effendi), Barbara Seidel (Ida Tuclidis), Andreas Ioannou (Mr. Tuclidis), Anestis Vlahos (Salvatore), Evagelia Samiotaki (Baffo) u.a. Uraufführung (IT): 17. Februar 1977.

    Zitat von Death Steps in the Dark
    Im Expresszug von Istanbul nach Athen wird eine Passagierin während einer Tunneldurchfahrt inmitten einer Gruppe Mitreisender erstochen. Der Besitzer des für die Tat verwendeten Brieföffners, Luciano, gerät unter Mordverdacht. Während Luciano den leitenden Inspektor von seiner Unschuld zu überzeugen versucht, setzt der wahre Mörder sein blutiges Handwerk in Athen mit einem Rasiermesser fort, um sich einiger lästiger Erpresser und Mitwisser zu entledigen. Für Luciano, der nach den weiteren Taten flüchtig ist, beginnt ein Spiel gegen die Zeit um seine Freiheit und sein Leben ...


    Obwohl Maurizio Pradeaux’ erster Giallo „Die Nacht der rollenden Köpfe“ insbesondere hier im Forum einen sehr guten Ruf besitzt, war ich bei meiner Erstsichtung davon nicht besonders angetan. Umso gespannter war ich, ob sein zweiter Beitrag zur gelben Reihe mich mehr überzeugen würde, zumal sich die Situation mit dem Mord im Zug in Südosteuropa (Erinnerungen an Agatha Christie werden wach!) auf dem Papier sehr vielversprechend liest. Tatsächlich liefert Pradeaux einen soliden Einstieg, indem er den Mörder in PoV-Perspektive an Schaffner und Abteilen vorbei durch den Zug laufen und seine Tat vorbereiten lässt. Auch die Ausführung des ersten Mordes – Einfahrt in den Tunnel, totale Finsternis, ein Schrei, Ausfahrt aus dem Tunnel, Leiche inmitten eines vollbesetzten Abteils – gestaltet sich reizvoll. Da ist es ein wenig schade, dass man bei dem überaus sommerlichen Wetter des Films in Ermangelung einer den Zug aufhaltenden Schneewehe den „Orient-Express light“ schon bald wieder verlassen muss.

    Doch auch die ersten Ermittlungen und die den Killer in die Ecke drängenden Erpressungsversuche gestalten sich spannend und wurden flüssig in Szene gesetzt. Athen als Schauplatz für einen Giallo ist eine ungewöhnliche, aber ansprechende Wahl, zumal hier durch das Verweilen in der Stadt der Akropolis, durch die griechische Produktions- und Schauspielerbeteiligung und durch die Alltäglichkeit der Szenen ein wirklich authentisches Lokalkolorit, stärker als etwa in „Der Schwanz des Skorpions“, vermittelt wird. Auch wenn sich Pradeaux bemüht, wohlbekannte Giallo-Merkmale einfließen zu lassen (der schwarzgemantelte Killer mit den Handschuhen und dem Rasiermesser, die argentoesken Blicke in seine Augen, der J&B-Whiskey in der Kulisse), wirkt „Death Steps in the Dark“ durch den anderen Schauplatz einerseits, durch die eher glanzlose Inszenierung andererseits doch wie ein ganz eigenes Gewächs – fast eher wie ein TV-Film und auf jeden Fall wie ein Low-Budget-Titel.



    Die Mordszenen sind im Großen und Ganzen gelungen und angemessen blutig, auch einige Verdächtige machen ihren Job ausgezeichnet: Nikos Verlekis als sympathischer Erpresser, die an Uta Levka in Dunkel erinnernde Suzy Jennings als profitgierige Affäre und der als falscher Priester getarnte Antonio Maimone sind diesbezüglich besonders hervorzuheben. Auch Robert Webber als Ermittler wird denjenigen gefallen, die der Polizistenrolle ein wenig Humor nachsehen können (der Arme wird den ganzen Film über von Magenproblemen gequält). Andererseits verschenkt sich der Film die ganz großen Spannungshöhepunkte durch einen absolut unangebrachten, dummen und übertriebenen Klamauk in anderen Rollen. Hierbei fällt vor allem das „Blondchen“ Vera Krouska als schwedisches Model Ingrid auf, die Ingrid Bergmans Schusseligkeit ihrer Landsmännin aus „Mord im Orientexpress“ mit Rika Dialinas naivem Blödelhumor aus „Die Todesstrahlen des Dr. Mabuse“ kombiniert. Eine scheußliche Mischung, die einem jede Szene mit ihr schon von Anfang an vergellt. Gerade zum Ende hin werden dann zunehmend weitere Figuren dieser Machart eingeführt (der Schwarzhändler, die Safeknackerin) und auch der etwas blasse Hauptdarsteller Leonard Mann gibt sich für einige Albernheiten her, die der Film wahrlich nicht gebraucht hätte.

    Die intendierte Mischung aus Giallo und Komödie verleiht „Death Steps in the Dark“ zwar ein gewisses Alleinstellungsmerkmal, allerdings ist der Preis, der dafür bezahlt wird (ein eigentlich gut ausgedachtes, aber durch Witzeleien verschenktes Finale), unverhältnismäßig hoch, zumal der Humor auf den heutigen Zuschauer fast durchgängig platt und billig wirkt. Das Einzige, was mich in Bezug auf den Film wirklich zum Lachen gebracht hat, ist der in der IMDb hinterlegte deutsche Titel (Videoauswertung oder ausgedacht?) – ein einmaliges Elaborat bester Schmuddelfrotzelei: „Ladykiller – Ihre Brüste wackelten im Todestakt“. In der OFDb wird er gar nicht erst geführt; dort ist die Produktion unter ihrem angemesseneren englischen Synchrotitel gelistet. Zwar gibt es in dem Film die übliche Prise Erotik zu sehen, für die Susy Jennings sowohl mit Männlein als auch mit Weiblein in die Kiste steigt, doch ins Übermaß verfällt „Death Steps in the Dark“ in dieser Beziehung nicht.

    Außergewöhnlicher Schauplatz routiniert inszeniert. Maurizio Pradeaux erweist sich auch in seinem zweiten Giallo als eher durchschnittlicher Regisseur, der nicht an Stilblüten begabterer Kollegen anknüpfen kann, aber einen handfesten Krimi liefert, welcher leider viel an übertriebenem Klamauk und teilweise zu dick aufgetragenen Schauspielerleistungen einbüßt. Die Entscheidung, welche seiner beiden Arbeiten ich bevorzugen würde, fällt mir schwer. 3 von 5 Punkten.

  • A Lizard in a Woman's Skin (1971)Datum14.06.2017 16:00
    Foren-Beitrag von Gubanov im Thema



    A Lizard in a Woman’s Skin / Schizoid (Una lucertola con la pelle di donna)

    Kriminalfilm, IT / FR / ES 1971. Regie: Lucio Fulci. Drehbuch: Lucio Fulci, Roberto Gianviti, José Luis Martínez Mollá, André Tranché. Mit: Florinda Bolkan (Carol Hammond), Jean Sorel (Frank Hammond), Leo Genn (Edmond Brighton), Stanley Baker (Inspektor Corvin), Alberto de Mendoza (Sergeant Brandon), Edy Gall (d.i. Ely Galleani) (Joan Hammond), Penny Brown (Jenny, Hippiemädchen), Mike Kennedy (Hubert, rothaariger Hippie), George Rigaud (Dr. Kerr), Anita Strindberg (Julia Dürer) u.a. Uraufführung (Italien): 18. Februar 1971.

    Zitat von A Lizard in a Woman’s Skin
    Jede Nacht geht Carol Hammond durch die gleiche Hölle: Ihrem Psychiater berichtet sie von wiederholten Alpträumen, in denen sie eine Affäre zu ihrer Nachbarin Julia Dürer unterhält. Doch auf einmal geht der Traum weiter und sie ermordet die Dürer in Gedanken. Nur in Gedanken? Am kommenden Morgen wimmelt es in der Nachbarwohnung von Polizei und Carol Hammond findet heraus, dass Julia Dürer auf genau die gleiche Weise gestorben ist, wie ihr Traum es prophezeite. Obwohl Carol zur Hauptverdächtigen wird, scheint es eine andere Person nun auch auf ihr Leben abgesehen zu haben ...


    Den herkömmlichen Lucio-Fulci-Fan, der mit dem Namen des Regisseurs die Blut- und Gewaltexzesse seines späteren Schaffens verbindet, wird „A Lizard in a Woman’s Skin“ durchaus überraschen: Konzipiert als klassisches Krimidrama im Whodunit-Stil mit traumdeuterischen Elementen, wie sie schon Alfred Hitchcock hätte auf die Leinwand bringen können, ist der Fall eines fast perfekten Mordes in der klassisch hochgeschlossenen Londoner upper class angesiedelt, unter deren Oberfläche Ängste und Gelüste für Fulci-Verhältnisse eher zurückhaltend brodeln. Als avantgardistische Zeugnisse einer nervösen Vorstellungskraft präsentiert der Regisseur die eingangs gezeigten lesbischen Liebesszenen, die sich Nacht für Nacht in Carol Hammonds Kopf abspielen und deren Verbildlichung dann auch wiederum an die Vorstellungskraft der Zuschauer appelliert. Erst mit dem Einzug tödlicher Fantasien in Carols Traumwelt legt Fulci den erwarteten handfesten Zunder nach, lässt aber den eigentlichen Mord, nachdem man ihn bereits als Vision erblickt hat, aus naheliegenden Gründen off-screen verüben.

    Das führt leider dazu, dass man der gern gesehenen Anita Strindberg nur in Traumsequenzen und Rückblenden begegnet, was insofern bedauernswert ist, als Florinda Bolkan, die die Hauptrolle der Carol spielt, nur ein leidlicher Ersatz und mithin auch eine eher mittelmäßige Identifikationsfigur ist. Bolkan stellte zwar, wenn man ihre total verschiedenen Auftritte in Fulcis „Lizard in a Woman’s Skin“ und „Don’t Torture a Duckling“ vergleicht, eine große Wandlungsfähigkeit zur Schau – darüber ging ihr allerdings ein nachhaltiger Wiedererkennungswert abhanden. Sie wirkt vergleichsweise distanziert und man kann sich weder bei High-Society-Stiefmutter Carol noch bei Dorfhexe Maciara des Eindrucks erwehren, auf dem Bildschirm nur eine Schauspielerin zu sehen, die eine Rolle spielt.



    Dieser Umstand hebt leider die Temposchwierigkeiten von „Lizard in a Woman’s Skin“ besonders deutlich hervor. Zwar operiert Fulci hier weit über dem noch zwei Jahre vorher demonstrierten, eher amateurhaften Niveau von „Nackt über Leichen“; den Höhepunkt seiner Kunstfertigkeit hat er aber noch nicht erreicht (ein paar Slow-Motion-Windmaschinen-Träume reichen dazu auch nicht wirklich aus). Man erkennt seine inszenatorische Unsicherheit zum Beispiel in der Verfolgungsszene im Alexandra Palace, die – zunächst spannend – auf eine strapaziöse Länge ausgewalzt wird, die den Zuschauer eher ermüdet als mitreißt, zumal der Ausgang der Sequenz formelhaft und vorhersehbar erscheint. Auch der Einsatz dreier für die Handlung nicht relevanter, deplatziert erscheinender Tierhorror-Momente beißt sich mit dem eigentlich eher eleganten Grusel und legt Zeugnis darüber ab, dass Fulci das Gesamtkonzept des Films noch nicht so stimmig abgesteckt hatte wie in „Don’t Torture a Duckling“ oder „The Psychic“.

    Durchweg gute Leistungen sind in den Nebenrollen zu verbuchen. Auch wenn der Auftritt Leo Genns in einem Giallo etwas gewöhnungsbedürftig anmutet, gerät gerade seine Rolle ausgesprochen überzeugend; die Zwiegespräche, die Genn mit Sorel führt, zählen zu den interessantesten „Nebenschauplätzen“ des Films und verleihen ihm internationales Flair. Überhaupt wirkt „Lizard in a Woman’s Skin“ recht aufwendig und teuer produziert und spielt – zumindest in Giallo-Relationen – offenkundig in der A-Liga, wozu die gelungene Kameraarbeit (Luigi Küveiller, „Deep Red“) allerdings mehr beiträgt als der vergleichsweise anonyme Morricone-Score.

    Zur Titelfrage muss festgestellt werden, dass „A Lizard in a Woman’s Skin“ zwar alle Merkmale eines klangvollen, mysteriösen Giallo-Titels in sich vereint, letztlich in Bezug auf die Handlung jedoch keinen Sinn ergibt und erst gegen Ende bemüht in Form einer zusammenhanglosen Anmerkung eines unter Drogen stehenden Hippies auftaucht. Fulcis Idee, den Film „Der Käfig“ zu nennen, hätte dem Krimi eine ironische Schlagseite verliehen und die Identifikation mit Carol Hammond vielleicht gestärkt, deren Träume aus der Enge sozialer und familiärer Konventionen herzurühren scheinen und deren Umfeld fast ausschließlich aus Mordverdächtigen besteht. Dass diese Metapher den Weg nicht auf die Kinoplakate schaffte, ist symptomatisch für einen im Kern guten Film, der sich jedoch noch einige grobe Schnitzer in der Form der Präsentation leistet und folglich – zumindest nach der Erstsichtung – weder im Giallo- noch im Fulci-Universum ganz oben mitspielt.

    Zurückhaltend elegantes Familiendrama mit interessantem Whodunit und internationalem Cast. Der Film hätte vollends überzeugen können, wenn Lucio Fulci eine interessantere Hauptdarstellerin verpflichtet und sich stärker auf die gehobene Atmosphäre des Streifens konzentriert hätte, anstatt willkürlich und lückenhaft Ekelmomente einzubauen, die (im Gegensatz zu „Duckling“) nicht zum großen Ganzen des Films passen. 3,5 von 5 Punkten.



    Die DVD von Optimum / Studio Canal (UK-Import): Die qualitativ hochwertigste DVD-Fassung des Films erschien in Großbritannien bei den im Giallo-Bereich sonst nicht besonders umtriebigen Großlabels Optimum und Studio Canal. Fulcis Frühwerk liegt auf dieser Veröffentlichung ungekürzt und in besten Farb- und Schärfewerten vor. Im Gegensatz zu ihrem üblichen Vorgehen bei Backkatalog-Titeln spendierten Optimum und Studio Canal dem Film sogar optionale englische Untertitel, die sich als nützlich erweisen, falls der Zuschauer auf den mitgelieferten italienischen Originalton zurückgreifen möchte, der die englische Synchronisation ergänzt. Der große Minuspunkt der Auswertung besteht in ihrem Mangel an Bonusmaterial – lediglich ein (sehenswerter!) amerikanischer Trailer wird den Käufern angeboten, während amerikanische Veröffentlichungen über Einführungen und Featurettes verfügen, dafür aber bei der Bildqualität nicht so gut abschneiden. Hier muss der Interessent leider noch zwischen zwei nicht ganz idealen Angeboten abwägen, anstatt ein Rundum-sorglos-Paket geschnürt zu bekommen.

  • Foren-Beitrag von Gubanov im Thema



    Don’t Torture a Duckling – Quäle nie ein Kind zum Scherz
    (Non si sevizia un paperino)


    Kriminalfilm, IT 1972. Regie: Lucio Fulci. Drehbuch: Lucio Fulci, Roberto Gianviti, Gianfranco Clerici. Mit: Barbara Bouchet (Patrizia), Tomas Milian (Andrea Martelli), Florinda Bolkan (Maciara), Marc Porel (Don Alberto Avallone), Irene Papas (Dona Aurelia Avallone), Ugo d’Alessio (Polizeimarschall Modesti), Virgilio Gazzolo (Polizeikommissar), Antonello Campodifiori (Polizeileutnant), Vito Passeri (Barra), Georges Wilson (Francesco) u.a. Uraufführung (Italien): 29. September 1972.

    Zitat von Don’t Torture a Duckling
    Drei Kindermorde erschüttern ein süditalienisches Dorf. Trotz eines Großaufgebots verfolgt die Polizei mit schlafwandlerischer Sicherheit stets die falsche Spur: Zunächst verhaftet sie einen zurückgebliebenen Dorfbewohner und danach die als Hexe verschriene Außenseiterin Maciara. Weil sie trotz Schuldeingeständnisses wieder freigelassen werden muss, lässt der Dorfpöbel seinen Zorn an Marciana aus, die auf grausame Weise stirbt, während der wahre Mörder noch auf freiem Fuß ist und vielleicht bald ein weiteres Opfer fordert ...


    Gialli sind dafür bekannt, gern die „neue Freiheit“ der beginnenden Siebzigerjahre auszunutzen, um empfindliche, zuvor tabuisierte Themen anzusprechen. Wenige Filme gehen dabei jedoch so in die Vollen wie Lucio Fulcis „Quäle nie ein Kind zum Scherz“, der Kindermorde, Voodoo-Kult, Selbstjustiz, Pädophilie, Kirchenkritik und polizeiliche Inkompetenz zu einer wild brodelnden Mischung verrührt, die dann folglich auch zum härteren Tobak des Genres gezählt werden darf. Fulcis Idee, die empfindlichen Themen mit einer pittoresken Dorfkulisse zu kombinieren, leistet ihren eigenen Beitrag zur Wirksamkeit des Films, denn die mit ländlichen Settings verbundene Rückständigkeit, Abgeschiedenheit und Voreingenommenheit verleiht der Geschichte von tödlichen Vorurteilen und falsch verstandener Loyalität zusätzliche Schärfe, die sich bei einem urbanen Giallo-Schauplatz in dieser Form nicht ergeben hätte. Auch verleihen die harmlos erscheinenden, hell strahlenden Sommeraufnahmen der düsteren Produktion einen besonderen Zynismus, der sich sonst nur noch in der ungewöhnlichen Figur von Barbara Bouchet wiederfindet.

    Bei ihrer avantgardistischen Patrizia handelt es sich nicht um die übliche eindimensionale Frauenrolle, die italienische Filme der damaligen Zeit oft gern als schutzbedürftige Schönheit präsentierten. Fulci spielt in einer mutigen Szene, in der die nackte Patrizia eines der späteren minderjährigen Mordopfer zu verführen versucht, sogar willentlich mit den in anderen Gialli als Selbstzweck vorgeführten weiblichen Reizen und nutzt sie als zweifelhaften Schockeffekt. Die Szene, aus der nicht schlüssig hervorgeht, ob sich Patrizia einen wüsten Scherz erlaubt, unter Drogen steht oder einfach einen schlechten Charakter hat, berührt den Zuschauer ebenso unangenehm wie zahlreiche weitere Elemente im Film, sodass trotz nur zwei dezidiert brutaler Momente eine andauernde Aura des Abscheulichen über „Quäle nie ein Kind zum Scherz“ schwebt.



    Der größte Unterschied zu anderen Gialli besteht darin, dass die Polizeiarbeit eine relativ zentrale Rolle einnimmt. Tatsächlich klärt sich die Frage, welcher Ermittler – einer der zahlreichen Polizisten oder der Reporter Andrea – die Oberhand bei den Nachforschungen gewinnen wird, erst recht spät im Film, dem es nur sekundär um eine Aufklärung des Mordrätsels geht. Fulci konzentriert sich lieber auf die plakativen Momente seines Films als auf dessen logischen oder stringenten Fortlauf, sodass manchmal das Tempo etwas zu wünschen übrig lässt und einige sonderbare Charaktere – die Dorfhexe Maciara und der Einsiedler Francesco – zu viel Rampenlicht erhalten, während die Mörderfigur verhältnismäßig blass bleibt.

    Als besonders gelungen muss das spannungsgeladene Finale bezeichnet werden, das Fulci geschickterweise so gestaltete, dass man bis zum Letzten auf die Folter gespannt wird, wer das Mädchen mit der titelgebenden Entenpuppe nun eigentlich töten und wer es retten möchte. Ein obligatorischer Kampf, der mit einem blutigen Todesfall endet, welchen Fulci fünf Jahre später in „The Psychic – Die sieben schwarzen Noten“ fast 1:1 wiederverwenden würde, rundet das Geschehen sauber ab, sodass der Zuschauer zur wehmütigen Ortolani-Musik und einer überzeugenden Rückblenden-Erzählstimmen-Kombination zufrieden und aufgewühlt zugleich zurückbleibt.

    Ob man deshalb formulieren kann, dass es sich hierbei um einen besonderen Genre-Höhepunkt handelt? Als einen typischen Film oder ein Aushängeschild würde ich „Quäle nie ein Kind zum Scherz“ gerade nicht bezeichnen – als eine mutige Ausnahmeproduktion, die unter Vornahme einiger kleiner Abstriche einige unbequeme Themen couragiert, aber auch überdramatisch anspricht, dagegen auf jeden Fall.

    Es ist kein Wunder, dass Fulci sich für diesen Schocker-Giallo Ärger mit der Zensurbehörde einfing und dass der Film in Folge für lange Zeit eher als obskure Rarität galt. Seine Wiederentdeckung ist verdient, handelt es sich doch um ein überdeutliches Dokument des gewagten, modernen Zeitgeistes der damaligen italienischen Filmbranche. Hart und spannend ist die Produktion ebenfalls – auch wenn ihre Schonungslosigkeit manchmal etwas gewollt wirkt und sich negativ auf die Schlüssigkeit des Kriminalfalls auswirkt. Daher unterm Strich 4 von 5 Punkten.



    Die DVD von Shameless Screen Entertainment (UK-Import): Bildqualitativ war ich von dieser Shameless-DVD ziemlich enttäuscht. Auch wenn sie das originale Scope-Bildformat einhält, so sieht der verwendete Print alt und unsauber aus, wobei die Farben stark schwanken und zwischenzeitlich entweder blass ausgewaschen oder total überdreht wirken, was gerade den eigentlich sicher schön konzipierten Landschaftsaufnahmen einen gewissen Abbruch tut. Immerhin überzeugt die DVD bei der übrigen Grundausstattung, die in einer Wahl zwischen englischem und italienischem Ton mit optionalen italienischen Untertiteln und dem üblichen auffälligen giallo-gelben Keepcase besteht, in dem sich ein achtseitiges Booklet mit einem lesenswerten Text zum Film von Stephen Thrower befindet. Leider ist darüber hinaus auf der Scheibe nicht viel los: Als einziges digitales Extra wird der Filmtrailer angeboten – für eine Scheibe, die als „Fan Edition“ beworben wird, ist das ein bisschen mager. Großer Pluspunkt des durchwachsenen Shameless-Pakets ist der im Vergleich zur deutschsprachigen Abzocke von ’84-Entertainment annehmbare Preis: Mit zirka 10 Euro bzw. Pfund ist man dabei – und die sollte der Film ohne Frage auch seinen Skeptikern wert sein.

  • Foren-Beitrag von Gubanov im Thema

    Folge 83 liegt im Giftschrank des ZDF, nachdem es nach der Erstsendung wegen des Inhalts der Folge Verwicklungen mit türkischen Diplomaten gab. Folge 87 ist wegen ungeklärter Urheberrechtsfragen ebenso wie Folge 27 nicht in der "Komplett"-Box enthalten (Probleme mit den Nachkommen der Regisseure).

  • The Killer Must Kill Again (1974/75)Datum12.06.2017 18:45
    Foren-Beitrag von Gubanov im Thema



    The Killer Must Kill Again (L’assassino è costretto ad uccidere ancora)

    Thriller, IT / FR 1974. Regie: Luigi Cozzi. Drehbuch: Luigi Cozzi, Daniele del Giudice. Mit: George Hilton (Giorgio), Michel Antoine (d.i. Antoine Saint-John) (Mörder), Cristina Galbó (Laura), Alessio Orano (Luca), Femi Benussi (Blondine), Tere Velázquez (Norma), Eduardo Fajardo (Inspektor), Dario Griachi, Luigi Antonio Guerra, Carla Mancini u.a. Uraufführung (IT): 1. Januar 1975.

    Zitat von The Killer Must Kill Again
    Giorgio kommt es zupass, dass er eines Abends einen Serienmörder beim Entsorgen einer Leiche ertappt. Mit seinem soeben erworbenen Wissen erpresst er den Killer, ihm bei der Beseitigung seiner lästig gewordenen Ehefrau Norma unter die Arme zu greifen. Nachdem der Mörder seine Arbeit verrichtet hat und mit der Leiche im Kofferraum den Tatort verlassen will, muss er feststellen, dass ein junges Liebespaar seinen Wagen mitsamt der Toten gestohlen hat! Er folgt den jungen Leuten bis in eine verlassene Strandvilla ...


    Es sind garstige Zufälle, die den Handlungsträgern von „The Killer Must Kill Again“ einmalige Chancen einräumen oder leidige Pflichten aufbürden – so, als wollte der Film sagen: In die besten Pläne funkt zwischendurch eben immer auch das Leben hinein. Was ohnehin für nichtsahnende Mordopfer gilt, betrifft in diesem Film auch die übrigen Figuren: George Hilton als schmierig-großkotziger Ehemann erkennt mit Schrecken, dass sein Auftragsmord holprig ausgeführt und schnell durchschaut wird. Das junge Paar, Cristina Galbó und Alessio Orano, muss bitter lernen, dass eine kleine Dummheit manchmal schwere Konsequenzen nach sich zieht. Und der Killer, der von Mord zu Mord getrieben wird, obwohl er doch seinen „Job“ nur möglichst schnell hinter sich bringen will, wird zur regelrecht tragischen Figur ausgebaut – der Titel trifft den Nagel also auf den Kopf, wenngleich in unerwarteter Weise.

    Man liest über „The Killer Must Kill Again“ hauptsächlich, wie ungewöhnlich der Film für einen Giallo doch sei. Letztlich ist es aber nur das Rätsel um die Identität des Mörders, auf das der Genrefreund verzichten muss. Die übrigen Zutaten – vom wendungsreichen Plot über die erotische Eskalation im Laufe des Films bis hin zu einigen Messerszenen, in denen anständig Kunstblut zum Einsatz kam – bleiben durchaus erhalten, zumal die Besetzung mit George Hilton, Cristina Galbó und Femi Benussi natürlich jedem Giallo-Liebhaber das Wasser im Mund zusammenlaufen lässt. Insofern würde ich dem Film insgesamt keine allzu experimentelle Vorgehensweise einräumen, sondern erfahrenen Giallisten ebenso wie interessierten Neulingen eine Sichtung empfehlen – „The Killer Must Kill Again“ hätte es ohnehin verdient, bekannter und weiter verbreitet zu sein.



    Der zügige Einstieg in das Intrigenspiel hinterlässt sofort einen engagierten Eindruck, der den Zuschauer in den Bann zieht und eine gewisse Sympathie mit dem Mörder aufkommen lässt, welche durch die Ausführung seiner Taten, die Cozzi in schonungslosem Licht und langen (Todes-)Kämpfen zeigt, immer wieder auf die Probe gestellt wird. Später tritt mit Laura eine neue Identifikationsfigur auf den Plan, allerdings etwas zu spät, um das Publikum vollends für sich einzunehmen. Es muss nämlich durchaus eine gewisse Unausgewogenheit der für sich genommen jeweils sehr interessanten Handlungsstränge festgestellt werden: Während der Ausgangspunkt mit dem Mord an Giorgios Ehefrau restlos überzeugt, zieht sich die Verfolgung der Twens ein wenig in die Länge. In den Szenen, die der Ankunft des Mörders im Strandhaus vorausgehen, zeigt sich doch eine gewisse Zeitschinderei, die dann im Finale allerdings wieder galant ausgebügelt wird.

    Besonders beeindruckendes Zeugnis über den lakonischen Unterton des Films legen sowohl das nonchalante Hinweggehen über Identität und Mordmotiv der ersten Leiche (sie ist eben nur ein ungewöhnlicher Handlungsanlass und bekommt nie eine Backstory zugesprochen) als auch die schockierenden Parallelmontagen in den beiden großen Spannungsszenen ab. Letztere deuten auf die Vergnügungssucht der Männer hin, während es ihren Frauen an den Kragen geht: Der Überfall des Killers auf Norma wird sekundenschnell immer wieder mit Einstellungen des auf einer Alibi-Party lachenden und Konversation machenden Giorgio konterkariert, während bei der späteren (teilweise doch sehr eindeutigen) Attacke auf Laura deren Freund Luca, statt wie versprochen schnell zurückzukehren, unterwegs mit einer aufgegabelten Blondine simultanfummelt. Prüde und harmlos geht es ohnehin nicht unbedingt zu – diese zugespitzten Szenen sorgen jedoch für eine besondere Härte und Nachdenklichkeit.

    Die Musik, auch da stimme ich @kaeuflin zu, dringt recht dominant ans Ohr, verfügt im Gegensatz zu früheren Giallo-Melodien aber nicht über eine einprägsame Hook, sondern ist eher im stimmungsmalerischen Bereich angesiedelt. Sie hätte durchaus weniger plakativ ausfallen können, als wirklich störend empfand ich sie aber nicht. Während also akustisch ein gewisser Optimierungsbedarf bestünde, weiß der Film optisch durchaus zu gefallen. Das over-the-top-gestylte knallgelbe Plastikwohnzimmer von Giorgio steht in passendem Kontrast zu der maliziös-ruinösen Charme versprühenden Strandvilla, die vielleicht noch etwas abgelegener hätte sein dürfen, um die Gefahr, der insbesondere Laura dort ausgesetzt ist, noch greifbarer zu machen.

    Starker, etwas zufallslastiger Thriller mit ausgesprochen guten Schauspielerleistungen und einer inspirierten Regie, die den unkonventionellen Handlungsverlauf mit bewährten Zutaten und routinierten Härten auffängt. 4 von 5 Punkten. – Niedliches Detail am Rande: Die Initialen auf dem Feuerzeug des namenlosen Killers stimmen mit denen von Dario Argento überein.

  • Foren-Beitrag von Gubanov im Thema

    Wieder eine recht niedrige Bewertung – schade. Ich habe auch die zweite Sichtung als sehr spannend und ergiebig empfunden und kann die unterstellten Längen und den angeblich schlechten Hauptdarsteller noch immer nicht finden.



    Rosso – Die Farbe des Todes / Deep Red (Profondo rosso)

    Thriller, IT 1974/75. Regie: Dario Argento. Drehbuch: Dario Argento, Bernardino Zapponi. Mit: David Hemmings (Marcus Daly), Daria Nicolodi (Gianna Brezzi), Glauco Mauri (Professor Giordani), Gabriele Lavia (Carlo), Macha Méril (Helga Ulmann), Eros Pagni (Inspektor Calcabrini), Giuliana Calandra (Amanda Righetti), Piero Mazzinghi (Bardi), Clara Calamai (Marta, Carlos Mutter), Nicoletta Elmi (Olga) u.a. Uraufführung (Italien): 7. März 1975. Uraufführung (Deutschland): 24. April 1991.

    Zitat von Profondo Rosso – Die Farbe des Todes
    Als eine telepathisch begabte Frau die Gedanken eines Mörders liest und dies auch offen verkündet, gerät sie prompt auf die Abschussliste des von einem Trauma geplagten Killers, der sich mit einem Kinderlied in Stimmung bringt, um seine Opfer dann mit einem Beil zu töten. Der Nachbar des Mediums, der Musiker Marcus Daly, wird zum Augenzeugen der Tat und gerät damit ebenfalls in Lebensgefahr. Da von der Polizei keine große Hilfe zu erwarten ist, stürzt sich Marcus gemeinsam mit der Journalistin Gianna in Ermittlungen, bei denen ein verschwundenes Gemälde, ein verfluchtes Haus und eine sinistre Kinderzeichnung eine Rolle spielen ...


    Dario Argentos Filme zeichnen sich gegenüber ihren Genregenossen nicht nur durch außergewöhnlich hohe Produktionswerte, sondern auch durch inhaltliche Tiefe aus, die man bei einem Giallo so nicht unbedingt erwarten würde. Obwohl die Handlung mit ihrem im Dunkel römischer Herbstnächte bedrohten ausländischen Helden, der den Mörder finden muss, um seinen eigenen Kragen zu retten, im Wesentlichen den Grundstrukturen von „Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe“ folgt, verwundert es den Zuschauer nicht, dass das Originaldrehbuch zu „Profondo Rosso“ ursprünglich 500 Seiten mächtig war. Nicht simpel und plakativ, sondern kleinteilig und realitätsnah greifen alle Rädchen des Storygetriebes ineinander, sodass der Zuschauer sich des Eindrucks nicht erwehren kann, hier lebensnahen Figuren, die nicht nur ermitteln, sondern auch lachen, streiten, Angst haben, bei der Bezwingung einer Gefahr zuzusehen, welche so tatsächlich über sie hineinbrechen könnte. Beiseitegefegt zugunsten eines urbanen Realismus ist die Märchenhaftigkeit eines durchschnittlichen Giallo, was der Bedrohlichkeit des Films in besonderem Maße zugute kommt. Nicht umsonst wollten Argento und Zapponi die Todesszenen diesmal „nachfühlbar“ für ihr Publikum ausgestalten und Schmerzen ansprechen, die man sich leichter vorstellen kann, als von blauen Bohnen durchsiebt zu werden.

    Damit „Profondo Rosso“ nicht zu prosaisch ausfällt, reicherte sein Regisseur ihn mit inszenatorischen Raffinessen und latent übersinnlichen Elementen an. Das verfluchte Haus des schreienden Kindes mit seiner makabren Wandzeichnung und dem zugemauerten Raum, der ein schreckliches Geheimnis birgt, mag die Grenzen der Glaubwürdigkeit austarieren, doch gelingt der Balanceakt durch die weitsichtige Vorbereitung des Handlungsstrangs und die düstere Kameraarbeit dennoch glänzend. Weil man sich zu diesem Zeitpunkt im Film schon frappierend mit dem von David Hemmings trotz bzw. wegen all seiner künstlerischen Weicheiigkeit und seines gleichzeitigen aufgeblasenen Chauvinismus hervorragend dargestellten „Helden“ identifiziert, zerren die Spannungsmomente, die Marcus Daly betreffen, besonders an den Nerven. Wir bekommen jeden Zwischenschritt zur Aufklärung durch seine Augen präsentiert und müssen uns auf seine Wahrnehmung verlassen, was wie gewöhnlich bei Argento Herausforderung, Reiz und cineastischer Anspruch gleichermaßen ist:

    Zitat von Oliver Nöding: Profondo Rosso (1975). In: Michael Flintrop, Marcus Stiglegger (Hrsg.): Dario Argento – Anatomie der Angst, Bertz-Fischer 2013, S. 194
    Wie eigentlich alle frühen Filme Argentos handelt auch Profondo Rosso von (gestörter) Sinneswahrnehmung, (verschütteter) Erinnerung und der Wechselwirkung zwischen beiden. [...] Der Protagonist wird Zeuge eines Verbrechens und muss eine in seiner Erinnerung verschüttete Information bergen, um den Täter zu identifizieren. Er weiß, dass er etwas gesehen, aber eben nicht ‚wahrgenommen‘ hat. Seine anschließende detektivische Suche dient vor allem der Rekonstruktion des unvollständigen Erinnerungsbildes. In der Detektivgeschichte muss der Detektiv Informationen sammeln, um den Kontext zu schaffen, innerhalb dessen er die Hintergründe des Verbrechens begreifen kann; Argentos Helden haben das Problem, dass sie nicht objektiv, sondern selbst Teil dieses Kontextes sind. Der Mörder hat sich ganz buchstäblich im toten Winkel ihrer Wahrnehmung versteckt. Der Argento-Held kann sich auf seine Wahrnehmung nicht mehr verlassen.




    Marcus Daly versucht im Verlauf des Films immer wieder, sich an das fehlende Gemälde in der Wohnung der Seherin zu erinnern, ebenso wie Sam Dalmas in den „Handschuhen“ die gesehene Szene in der Galerie immer wieder uminterpretieren muss. Dario Argento kann in diesem Fall nicht nur für die erfolgreiche Variation seiner Formel beglückwünscht werden, sondern vor allem für den Mut, den er bewies, indem er in Verbindung mit diesem Anhaltspunkt das Gesicht des Mörders schon nach 18 Minuten Spielzeit offen auf der Leinwand präsentierte. Dank des Adrenalinrausches, den der Zuschauer Marcus nachempfindet, wird er die wertvolle Information allerdings ebenso tief im Unterbewusstsein begraben wie der Filmprotagonist – welchen besseren Beleg für die filmische Klasse und wohlüberlegte Kalkulation von „Profondo Rosso“ könnte es geben?

    Gianna, die weibliche Protagonistin, setzt den üblichen Screamqueens der Gialli eine selbstsichere und spielerische Antipode entgegen, die sie zu Marcus’ perfekter Begleiterin und Antreiberin macht und stellenweise sogar effektiv den Verdacht auf sich zieht, hinter den Verbrechen zu stecken. Aus ihrer Rolle und aus der androgynen Kindererscheinung in der Mordrückblende während des Vorspanns wird ersichtlich, dass Argento hier bewusst mit den Rollen der Geschlechter experimentierte und neben einer spannenden Story ‘mal eben Zweifel über patriarchalische Selbstverständlichkeiten, wie sie das Giallo-Genre und seine ersten zwei Erfolgsfilme im Besonderen kennzeichnen, einstreute. Daria Nicolodi prägt sich jedenfalls tief in die Gehirnwindungen jedes Giallo-Fans ein – wer sich allerdings über Overacting auf ihrer Seite beschwert, transferriert wahrscheinlich die Schuld einer nur mittelmäßigen Videosynchronisation aus den 1990er Jahren auf ihre eigentliche schauspielerische Leistung. Vom Kuriosen bis ins Liebenswerte rangierende Nebenrollen bieten derweil insbesondere Macha Méril, Clara Calamai, Gabriele Lavia und Glauco Mauri Möglichkeiten zur Profilierung über die Konventionen eines üblichen Krimis hinaus, was von den Darstellern ausnahmslos gut genutzt wird. Weniger eindrucksvoll kommt Nicoletta Elmi zum Einsatz, deren Auftritt lediglich wie ein pflichtschuldiges Zitat anderer Gialli wirkt und ohne die die verlassene Villa fraglos einen ebenso unheimlichen Eindruck hinterlassen hätte.

    Nachdem der Film manchen highbrow-Kritiker ratlos zurückließ (die New York Times bezeichnete „Profondo Rosso“ als „bucket of axmurder-movie cliches thoroughly soaked in red paint that seems to represent fake blood“ und Argento als einen „director of incomparable incompetence“, Quelle), genießt er heute gemeinhin die Stellung, die ihm in Anbetracht seiner Qualitäten zukommt:

    Zitat von John Townsend: Inside Dario Argento’s Deep Red, Starburst Magazine, Quelle
    Profondo Rosso is not only the most important entry in Argento’s filmography, it is the key entry in the giallo canon. There are other great films from one of the most productive periods of Italian cinema, but none quite reach the heights of Profondo Rosso. [...] It is rare for a film to not only define a genre but an era in the way Profondo Rosso does. This is a seminal work from a director who was never more inspired [than] in 1975.


    Der langen Rede kurzer Sinn: Mit „Profondo Rosso“ legte Argento ein mustergültiges Filmwerk, einen spannenden Krimi und einen hypnotisierenden Sinnesrausch zugleich vor und wurde damit nicht nur den Erwartungen gerecht, die man sich nach seinen Beiträgen der Tiertrilogie machte, sondern verlieh dem Giallo in einem Jahr, als dieser seinen großen (Massen-)Zenit bereits überschritten hatte, neue berauschende Impulse. 5 von 5 Punkten.



    Die DVD von New Vision Films: Leider stellt sich die Auswertungssituation wie bei vielen Argentos im DVD-Bereich eher schwierig dar, da Altauflagen nur mehr gebraucht gehandelt werden. Mir liegt deshalb die erst Ende 2015 erschienene deutsche Ausgabe aus der „Dario Argento Collection“ von New Vision Films vor, die zwar den langen Director’s Cut enthält, aber wohl um ca. fünf Minuten gekürzt ist (121 statt 126 Minuten Laufzeit). Des Weiteren nicht mit Sprachwahl oder Extras versehen, macht die Scheibe einen sehr spartanischen Kaufhaus-für-10-Euro-Eindruck, der dem Film sicher nicht gerecht wird. Immerhin kann man das Bild als sehr gut bezeichnen und die Schnitte machen sich nicht in einer Weise bemerkbar, die den Filmgenuss massiv stören würde.

  • Der deutsche Kriminalfilm vor 1945Datum10.06.2017 21:00
    Foren-Beitrag von Gubanov im Thema

    Ein stimmiger Bericht.

    Zitat von Percy Lister im Beitrag #64
    Freilich mag es ein Zufall sein, dass der Vorname des Barons von Truschkowitz Adolf lautet und er in der Schlussszene auf einem imposanten Flugzeug prangt.

    Wie so oft bei Filmen, die zwischen 1933 und 1945 entstanden, kann man sich nicht sicher sein, welche scheinbaren Zufälle wirklich unbeabsichtigt waren und hinter welchen sich gezielte Propaganda oder zumindest vorrauseilender Gehorsam verbirgt. Obwohl „Der Fall Deruga“ auf den ersten Blick wie ein völlig harm- und zeitloser Krimi wirkt, finden sich doch verschiedene Spuren seiner Entstehungszeit sowohl im Film als auch in seiner Rezeption. So weist z.B. Carsten Würmann darauf hin, dass Hitler und Goebbels die Produktion sehr geschätzt hätten:

    Zitat von Carsten Würmann. Zwischen Unterhaltung und Propaganda: Das Krimigenre im Dritten Reich. Berlin: Freie Universität, 2013. S. 78
    Wenngleich retrospektiv die Zuschauerresonanz kaum zu erheben ist, so sind zumindest von den beiden obersten Filminstanzen des Nationalsozialismus, Goebbels und Hitler selbst, positive Reaktionen zum deutschen Krimi überliefert. Hitler, der bei Filmvorführungen anscheinend rasch ermüdete, bevorzugte spannende Handlungen und sah aus diesem Grund gern Kriminalfilme. Der Hund von Baskerville, ein deutsches Sherlock-Holmes-Abenteuer von 1937, und der Gerichtsfilm Der Fall Deruga mit Willy Birgel zählten zu den Lieblingsfilmen des Diktators. [... Goebbels] gefällt [...] Der Fall Deruga: „ein spannender Gerichtsfilm mit Birgel und Geraldine Katt. Regie Buch. Großartig in der Milieuschilderung, glänzend in der Psychologie. Wieder mal etwas Erfreuliches.“


    Abgesehen von den latenten Anbiederungen an Mussolinis Italien und dem Adolf-Flieger in der Abschlussszene wird die Geschichte um eine gestorbene Kranke und einen Arzt auf der Anklagebank dazu genutzt, um die für die Programmatik der Nazis typische Euthanasiefrage anzusprechen. Dies geschieht nur im Vorbeigehen und keinesfalls so explizit wie in „Ich klage an“ von Wolfgang Liebeneiner, ließ mich aber inmitten der angenehmen Nostalgiestimmung während der Kinovorführung aufhorchen.

    Zitat von Peter Drexler. Der deutsche Gerichtsfilm 1930-1960. In: Joachim Lindner (Hrsg.). Verbrechen – Justiz – Medien. Berlin: De Gruyter, 1999. S. 397
    Wenn man Ich klage an mit dem drei Jahre zuvor entstandenen Film Der Fall Deruga von Fritz Peter Buch vergleicht, der gleichfalls die „Euthanasie“-Problematik thematisiert, wird die zunehmende Brisanz des Problems (und der gewachsene Bedarf an propagandistischer Rechtfertigung) evident. In dem älteren Film wird ein Arzt wegen des Mordes an seiner schwerkranken Gattin vor Gericht gestellt und durch Indizien schwer belastet. Erst durch eine überraschende Zeugenaussage [...] wird er schließlich entlastet und daraufhin freigesprochen. Die „Euthanasie“-Thematik wird dabei nur angedeutet, etwa in der Aussage einer Zeugin über Dr. Derugas mögliche Motive: Wenn er seine Frau wirklich getötet habe, dann habe er es „aus Liebe getan. Weil er sie von ihren Schmerzen erlösen wollte, weil er es nicht ertragen konnte, wie sie litt.“


    Interessant ist, dass dieses Spannungsfeld weder in zeitgenössischen (selbstredend) noch in später geschriebenen Kritiken eine Rolle spielt, sondern diese hauptsächlich die gleichen Punkte würdigen wie seinerzeit Goebbels. Man könnte dies natürlich als Bestätigung werten, dass man es beim „Fall Deruga“ mit einem hochwertigen, stimmigen und zu Recht wertgeschätzten Film zu tun hat. Realistisch betrachtet, steht jedoch zu vermuten, dass das Fingerspitzengefühl gegenüber dem Namen der Autorin, die sich schon im April 1933 explizit gegen das Treiben der Nationalsozialisten aussprach, einfach den sonstigen (film-)journalistischen Reflex, überall böse Einflussnahme zu vermuten, aussticht.

  • Foren-Beitrag von Gubanov im Thema

    @schwarzseher: Ich denke nicht, dass bei der Hauptzielgruppe dieses Hollywood-Popcorn-Streifens Agatha-Christie-Romane oder Filme aus den Siebzigerjahren als Grundkenntnis vorauszusetzen sind. Wer sich Filme mit Johnny Depp und Penelope Cruz anschaut, ist nicht unbedingt Klassiker-Fan. Insofern wird die Neuverfilmung sicher schon dazu dienen, diverse neue Interessenten für Christie zu sensibilisieren.

    Wenn es dir anders geht, ist vielleicht das zweite Christie-Kinofilmprojekt des Jahres eher nach deinem Geschmack. Noch zwei Monate vor "Orient Express" wird "Crooked House" Premiere feiern - die Verfilmung eines poirot- und marple-freien Christie-Romans, der bisher noch nie für Film oder Fernsehen adaptiert wurde. Der Film ist schon seit 2011 angekündigt und wird immerhin mit Darstellerinnen wie Glenn Close und Gillian Anderson aufwarten.

  • Der deutsche Kriminalfilm vor 1945Datum09.06.2017 20:00
    Foren-Beitrag von Gubanov im Thema



    UFA-Stars auf dem Friedhof Heerstraße: Erich Fiedler

    Die alte Weisheit, dass es für gute Schauspieler keine zu kleinen Rollen gibt, gilt auch für Erich Fiedler. Der im März 1901 geborene Berliner debüttierte am Deutschen Theater und war ab 1933 immer wieder in kleineren Rollen im Film zu sehen. Bedingt durch die kurzen Auftritte, umfasst seine Filmografie insbesondere in den Jahren bis 1945 eine immense Anzahl an Filmen, u.a. konnte er Krimis wie „Savoy-Hotel 217“, „Eskapade“, „Der Fall Deruga“, „Sensationsprozess Casilla“, „Der grüne Kaiser“ und „Peter Voss, der Millionendieb“ mit seiner süffisanten Eleganz bereichern. Fiedler drückte auch Nebenrollen seinen sofort wiedererkennbaren Stempel auf – Der Spiegel bezeichnete Fiedler 1948 als einen „Bühnen- und Filmdarsteller leicht blasierter Männer“ (Quelle) und als „modisch[en] und selbstsicher[en ...] Film-Bonvivant“ (Quelle).

    Wer zu Fiedler nicht sofort ein Gesicht im Kopf hat, wird sich zumindest unweigerlich an seine Stimme erinnern: Regelmäßig in der Synchronbranche tätig, wurde Fiedler zur deutschen Stammbesetzung auf Robert Morley – sowohl in „Der Wachsblumenstrauß“ und „Die Morde des Herrn ABC“ als auch in „Das Geheimnis der weißen Nonne“. Seine Stimme kam in „Vier Frauen und ein Mord“ ebenfalls aus dem Mund von Ron Moody. In deutschen Nachkriegsproduktionen war er ebenfalls zu sehen, u.a. in Alfred Vohrers „Meine 99 Bräute“, dem Heinz-Rühmann-Film „Der Jugendrichter“, der Rialto-Komödie „Die Herren mit der weißen Weste“ oder dem Lümmel-Ulk „Betragen ungenügend!“.

    Erich Fiedler, der fast sein ganzes Leben über in Berlin arbeitete, wurde nach seinem Tod im Mai 1981 auf dem Waldfriedhof Heerstraße in dessen zweiter Abteilung nahe der Olympischen Straße beigesetzt. Die Grabstelle ist mit Efeu überwachsen, auf dessen Blättern frische Regentropfen in der Sonne schimmerten, als @Percy Lister und ich nach unserer gemeinsamen Sichtung von „Der Fall Deruga“ Fiedler besuchten. Um wen es sich bei den beiden Frauen (Margarete Prölß, 1881-1953, und Ursula Breisig, 1907-1983) in seiner Gesellschaft handelt, konnten wir leider nicht herausfinden.

  • Foren-Beitrag von Gubanov im Thema

    Durch das hiesige Thema schwirrten Albrecht, Bargmann und Korff schon lange in meinem Hinterkopf herum – leider ernüchterte mich die erste Begegnung mit dem Triumvirat allerdings ein wenig:



    Das Triumvirat

    Teil 1 der Hörspielreihe, BRD 1984. Regie: Heinz-Dieter Köhler. Vorlage: Gisbert Haefs. Mit: Hans Korte (Albrecht, pensionierter Oberst), Peter Pasetti (Pfarrer Bargmann), Heinz Trixner (Korff, Arzt). Eine Produktion des Westdeutschen Rundfunks.

    Zitat von Das Triumvirat (1)
    Ein Oberst, ein Pfarrer und ein Arzt treffen sich regelmäßig zur Skatrunde. Beim Gespräch über einen Fernsehkrimi kommt ihnen die Einsicht, dass die abenteuerlichen Mordmotive der Fernsehautoren in der Praxis wohl eher selten funktionieren würden. Sie überlegen sich, wen sie gern selbst umbringen würden – und alle drei einigen sich auf die gleiche Person: den Apotheker Wilsing, der ein besonders unangenehmer Zeitgenosse ist. Tatsächlich stirbt Wilsing kurz darauf und das Triumvirat, dessen Mitglieder als Mörder mangels Gelegenheit nicht infrage kommen, stellt Vermutungen über Tathergang und -motive an ...


    Es wirkt schon etwas kurios, dass Korte, Pasetti und Trixner zunächst über die realitätsfernen Morde der Fernsehmacher unken und dann an einem Fall teilnehmen, dessen Motivation, Ausführung und Begleitumstände derart überbordend konstruiert, künstlich und herbeigeredet sind wie im Mordfall Wilsing. Wen würden alle drei „altehrwürdigen“ Herren umbringen? Natürlich ohne Absprache die gleiche Person (nur um später festzustellen, dass niemand von dessen Tod profitieren würde). Wer stirbt daraufhin? Natürlich eben diese Person (göttliche Fügung vonseiten des Pfarrers?). Wie wird sie umgebracht? Natürlich auf die von den Herren vorgeschlagene Weise (es überrascht schon gar nicht mehr). Wer von den dreien war der Täter? Natürlich niemand (oder lügt einer nur besonders geschickt?). Und natürlich gestaltet sich die Lage der Wohnungen zueinander so, dass der Tote unter keinen Umständen von jemand anderem als einer Handvoll Nachbarn getötet worden sein kann, die alle ein wasserdichtes Alibi haben, von denen aber einer so abgebrüht war, seinen Aufenthalt kunstvoll zu verschleiern, bei der Tat keinerlei Spuren zu hinterlassen und nebenbei auch noch alle Prognosen des „Triumvirats“ zu erfüllen. Was sich Gisbert Haefs hier ausdachte, erfordert vom Zuhörer wirklich die Unterdrückung jedes gesunden Menschenverstands zur Akzeptanz einer Umgebung, die nicht natürlich, sondern wie für den perfekten Mord auf dem Reißbrett entworfen erscheint.

    Dadurch dass ausschließlich die drei Skatbrüder das Hörspiel stimmlich stemmen, entsteht eher der Eindruck eines Hörbuchs als der eines Hörspiels, weil alle Ereignisse nur aus Erzählungen eines der drei Protagonisten wiedergegeben werden, anstatt den Zuschauer selbst daran teilnehmen zu lassen. Der Oberst, der Pfarrer und der Arzt werden dem Publikum über ihre Beruflichkeit nähergebracht und erhalten darüber hinaus kaum Spielraum zur Entwicklung eigener Persönlichkeiten, denn Haefs klammert sich eifrig und ohne Umschweife an den Mordfall, was Tempo und Spannung erhöht, aber die Identifikation mit den Herren schwierig gestaltet. Während Peter Pasetti wie üblich ausnehmend gut aufgelegt ist, schaffen es Korte und Trixner nicht, ihr Profil zu schärfen. Ihre eher uneinprägsamen Stimmen fließen ineinander und man verliert schnell den Überblick, wer denn da gerade spricht. Es macht am Ende aber auch keinen Unterschied, ob ein Vorschlag vom Arzt oder vom Oberst kam, da beide ja nur als Zaungäste am Mordfall beteiligt sind.

    Die Verdächtigenriege sowie das Opfer entführen den Zuhörer in eine nostalgisch-harmlos erscheinende Kleinstadtidylle, die nur stellenweise von einer eher unpassend modernen, stechend ans Ohr dringenden Musikuntermalung aufgebrochen wird. Wenig Ablenkung also, um den geradlinig aufgebauten „Denkrunden“ des Triumvirats zu folgen. So baut der Zuschauer eine gewisse Erwartungshaltung über das kluge Vorgehen des Mörders auf, die dann durchaus auch erfüllt wird – mit einer bedeutenden Ausnahme: Das vielgepriesene „Mordmotiv in der Zukunft“ gehört zu den albernsten Konstruktionen, die je in einem Krimi vorgelegt wurden und vergellt den versöhnlichen Schluss, der vor allem durch die Selbstgerechtigkeit der Figuren besticht („wir liefern den Täter nicht aus!“), leider nachhaltig.

    Die Idee, ein Herrentrio aus der Distanz der Bierstube über einen Mordfall grübeln zu lassen, mag reizvoll erscheinen, erweist sich in Hörspielform aber als zu spartanisch. Eine Bildschirmadaption mit der Möglichkeit zu zahlreichen Voiceover-Rückblenden hätte einen stärkeren Reiz schaffen können; wenn es unbedingt ein Hörspiel sein muss, hätte man auf besser unterscheidbare Stimmen Wert legen sollen. Als hier wie dort problematisch würde sich jedoch der arg konstruierte Fall erweisen, der wohl als Hommage an Krimis im Allgemeinen gedacht ist, aber als solche zu unkonkret und bieder auftritt. 2,5 von 5 Punkten.

  • Der deutsche Kriminalfilm vor 1945Datum08.06.2017 20:45
    Foren-Beitrag von Gubanov im Thema

    PS zum „Fall Deruga“: Eine zweite Verfilmung des Ricarda-Huch-Romans lieferte Franz-Peter Wirth zwanzig Jahre später, im Jahr 1958, unter dem Titel „... und nichts als die Wahrheit“. Dr. Deruga wurde in Donat umbenannt und statt Willy Birgel spielte O.W. Fischer die Rolle. Ebenfalls in der Bavaria-Filmkunst-Produktion zu sehen sind Marianne Koch, Ingrid Andree, Friedrich Domin, Walter Rilla und Paul Verhoeven. Leider ist bisher keine Version des Films offiziell auf DVD erschienen (vielleicht würde sich für die Zukunft ein Doppelpack anbieten?).

    PPS: Wenn schon die Filme nicht erhältlich sind, so wird immerhin die Buchvorlage noch immer vom Insel-Taschenbuchverlag vertrieben. Mit einem passend nostalgischen Cover ausgestattet, ist sie im Buch- und Onlinehandel für 7,99 Euro zu beziehen.

  • Foren-Beitrag von Gubanov im Thema

    Inzwischen wurde ein Trailer veröffentlicht:


    Sieht ja nett aus, aber Kenneth Branagh als Poirot ...

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