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  • Die drei Gerechten (1926)Datum07.09.2018 14:10
    Foren-Beitrag von Gubanov im Thema

    Stimmt, das sind gute Punkte, die damals tatsächlich einen pragmatischen Ausschlag gegen eine "drei Gerechten"-Verfilmung gegeben haben könnten. Dass die "Gerechten", die bei Bedarf als ungesetzliche Racheengel eingreifen, nicht zeigbar gewesen wären, muss aber gar nicht mal sein, denn beim "Hexer" hatte man auch keine Probleme mit einer ganz ähnlichen Rollenanlage. Aber naja, da hatte man ja auch eine gänzlich positive Hauptfigur, mit der man Henry Arthur Milton kontrastieren konnte.

    Ich habe gestern das Hörspiel prompt nochmal gehört und mich wieder bestens unterhalten gefühlt.

  • Foren-Beitrag von Gubanov im Thema



    Der Kommissar: Die Schrecklichen

    Zitat von Der Kommissar: Die Schrecklichen
    Zwei Mädchen finden am Isarwehr einen Toten. Der Mann ist nicht der erste, der sich zunächst be- und an dieser Stelle anschließend ertrinkt. Da die Wasserleichen immer auch ausgeraubt wurden und zudem ein Unbekannter das Auto des aktuellen Opfers nach dessen Tod am Ostbahnhof abstellte, schlussfolgert die Polizei Mord. Schnell stellt sich heraus, dass der Getötete – ein Vertreter aus Nürnberg – seinen Durst in der Schwabinger Gaststätte zur Seerose gelöscht hatte. Wurde er dort auch ermordet? Der Wirt Panse verhält sich jedenfalls ebenso seltsam wie seine Tochter Herta, der alkoholkranke Stammgast Wegsteiner und die Animierdame Hilde ...


    Für seinen Einstand in die „Kommissar“-Serie wurde dem unkonventionellen Tschechen Zbynek Brynych ein Titel zugeteilt, der vieles von dem, was den unbedarften Zuschauer in seinen Arbeiten überraschen wird, ganz treffend beschreibt: „Die Schrecklichen“ – die schrecklichen Marotten des Herrn Brynych, sozusagen. Doch man werfe einen genauen Blick auf diesen im Vergleich zu „Der Papierblumenmörder“ oder „Tod einer Zeugin“ oft vernachlässigten Fall, bevor man vorschnell urteilt: Was Brynych hier einen Hauch weniger exaltiert als in seinen anderen drei Arbeiten und dennoch mit unverkennbar eigenem Stempel in Szene setzte, ist ein dicht atmosphärisches, inhaltlich sicher nicht übermäßig komplexes, aber ansprechend gestaltetes Rätsel von teilweise abstrakter Qualität. Die Morde, von denen hier die Rede ist, sind keine abgeschmackten Sextaten oder alterprobte Beziehungskisten, sondern eine frische Variation, die Herbert Reineckers Faszination für renitente Rentner mit den Ergebnissen einer Mordserie à la „tote Augen von London“ kombiniert. Doch nicht nur an Edgar Wallace (sozusagen an bayerischen Pendants von Themse und Themsegasthaus) fühlt man sich erinnert – auch „Stahlnetz“ meldet gewisse Parallelen an. Denn dass eine „Kommissar“-Folge mit semidokumentarischem Off-Kommentar einsteigt, der über suchend unruhige Einstellungen Münchner Sehenswürdigkeiten und Alltagsszenen gelegt wird, darf prompt als weitere Ungewöhnlichkeit auf der Checkliste vermerkt werden.

    Den Hauptteil der Episode dominiert das mysteriöse Etablissement „Zur Seerose“, dessen idyllischer Name von Dirk Dautzenbergs panischem Sauf- und Lustlokal nicht weiter entfernt sein könnte. In herrlich verkommenen Einstellungen wird es zu den Tönen des leider unveröffentlicht gebliebenen Peter-Thomas-Schlagers „Corinna“ als Hort der Unmoral und des verschworenen Schweigens gezeichnet, sodass vor allem Keller und Heines auch nach dem x-ten Besuch noch immer Rückschläge einstecken müssen. Sie ziehen alsdann ihre Geheimwaffe – den jungen Harry – und setzen ihn auf die todtraurige Wirtstochter an, die von Helga Anders ausnahmsweise einmal nicht mit überbordender puppenhafter Aufdringlichkeit, sondern angenehm natürlich dargestellt wird. Neben Dautzenberg passt auch Anita Höfer perfekt in die düstere Szenerie; ihre dreiste Laszivität bietet ein provokantes Gegenstück zur Verzweiflung des dauerbetrunkenen Karl Walter Diess. All das setzt Brynych mit dem ihm eigenen Trara um, ohne dabei jedoch den Bogen zu überspannen.

    Gefährlicher sieht es in dieser Hinsicht mit den alten Leuten, den titelgebenden „Schrecklichen“, aus, die in einigen Szenen in einer Art halbvernachlässigten Parallelhandlung Münchens Straßen unsicher machen. Unter der Ägide des üblicherweise querulant besetzten Hans Schweikart erhebt der Altherrenverein seine eigene Dummheit und Beschäftigungslosigkeit zur Rechtfertigung für ein aufmüpfiges Terrorregime, das glücklicherweise nur sehr vereinzelt in Bild und Ton umgesetzt wird. So schaden diese „verstörenden“ Szenen dem Gesamteindruck nur wenig, weil sie im Endeffekt trotz Tatrelevanz nur wie eine von Brynychs vielen effektreichen Schnapsideen wirken. Da er davon eine ganze Menge in petto hat, hat man hier also im Gegensatz zu dezidierten Altersarmut-Dramen wie „Tod eines Ladenbesitzers“ oder „Ein Anteil am Leben“ vergleichsweise wenig auszustehen.

    Zitat von Oliver Nöding: „Der Kommissar“, Episoden 11 bis 17, Remember It for Later, 30. Dezember 2016, Quelle
    Nicht nur, dass die Episode angereichert ist mit surrealen Elementen, Brynych unterstreicht diese auch inszenatorisch mit weiter verfremdenden Stilmitteln. [...] Hervorstechendstes Merkmal sind aber die Titelhelden, die Bande der Senioren, übellaunige Anarchisten, deren kurze Dialoge auch aus der Feder Becketts stammen könnten und fast an absurde Poesie heranreichen. [...] Die Schrecklichen sind jeder Menschlichkeit beraubt, eine fast schon dämonisch zu nennende Bande asozialer Geschöpfe, die erkannt haben, dass Menschlichkeit nichts bringt und deshalb nach Gesetzen leben, die ihnen die Laune diktiert. Sie sind nicht so sehr gewöhnliche Schurken als vielmehr ein Zeichen des drohenden Niedergangs. Den können Keller und seine Leute bestenfalls bremsen, aber gewiss nicht aufhalten. Es müsste ein großer Regen kommen und den ganzen Dreck wegspülen ...


    Was Zbynek Brynych in seinem allerersten „Kommissar“ anbietet, geht über ein mit Gerechtigkeitsfantasien aufbereitetes Kneipenstück hinaus und hinterlässt den Eindruck eines mit schrägen Vögeln bevölkerten, aber dennoch ernstzunehmenden Vielschicht-Krimis. Schöne Einsätze für alle Ermittler runden den Fall zusätzlich ab und machen „Die Schrecklichen“ damit zum Besten, was der Tscheche für die schwarzweiße ZDF-Serie ablieferte.

    (4 von 5 Schnapsgläsern)


    Der überzeugendste Ermittler: Kriminalhauptmeister Harry Klein erkundigt sich bei Helga, wie man es mit einer Siebzehnjährigen macht
    ||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Kommissar Herbert Keller (Erik Ode)
    ||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Inspektor Walter Grabert (Günther Schramm)
    ||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Inspektor Robert Heines (Reinhard Glemnitz)
    ||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Kriminalhauptmeister Harry Klein (Fritz Wepper)
    ||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Kriminalhauptmeister Erwin Klein (Elmar Wepper)

    Besprechung 87: Episode 11 der TV-Kriminalserie, BRD 1969. Regie: Zbynek Brynych. Drehbuch: Herbert Reinecker. Auf der Seite des Gesetzes: Erik Ode, Günter Schramm, Reinhard Glemnitz, Fritz Wepper, Emely Reuer. Unter Verdacht: Dirk Dautzenberg, Helga Anders, Anita Höfer, Karl Walter Diess, Hans Schweikart, Albert Hörrmann, Karl Hellmer, Kurt Grundmann u.a. Erstsendung: 17. Juli 1969.

  • Die drei Gerechten (1926)Datum06.09.2018 15:52
    Foren-Beitrag von Gubanov im Thema

    Zitat von Dr. Oberzohn im Beitrag Der Mann von Marokko (1926)
    Da müssen die "Drei Gerechten" samt ihrem fürchterlichen Widersacher noch ein wenig warten ...

    Schön, dass du dich jetzt wirklich den "drei Gerechten" gewidmet hast, @Dr. Oberzohn! Ich bin der Meinung, den Roman auch gelesen zu haben, doch in meiner Erinnerung dominiert ganz klar die sehr gelungene Hörspielfassung von EUROPA, die ich noch vor dem eigentlichen Buch und auch vor allen anderen "Gerechten"-Krimis kannte. Ausgehend von dieser Umsetzung habe ich mich schon immer gefragt, warum man den Stoff nie in Reinform fürs Kino verfilmt hat. Er ist sehr spannend und absolut "typisch Wallace".
    Zitat von Dr. Oberzohn im Beitrag #1
    Eine deutsche Edgar-Wallace-Verfilmung des besprochenen Romans gibt es nicht. Allerdings wurden Elemente dieses Buches in die Verfilmung von Der Zinker von 1963 übernommen. Die äußerst maue Buchvorlage musste unbedingt noch "aufgepeppt" werden, so bringt denn der Killer seine Opfer auf eine ähnliche zweifelhafte Methode mit Schlangengift um, wie es Dr. Oberzohn zusammen mit seinen Gehilfen tat. Weniger offensichtlich, aber trotzdem auffällig, ist die im Roman Der Zinker nicht vorkommende Figur des geistesgestörten Helfers Krischna, der unbedingt an Gurther erinnert. Denn eines ist klar: Wenn die Drei Gerechten damals verfilmt worden wären, so wäre Sven Gurther eine Paraderolle für Klaus Kinski gewesen...

    Kurios ist dabei auch, dass in der EUROPA-Hörspielserie "Der Zinker" direkt auf "Die drei Gerechten" folgt. Und man merkt bei den Hörspielen, dass "Die drei Gerechten" der stärkere und unheimlichere Krimi ist. Im Gegensatz dazu ist die "Zinker"-Verfilmung natürlich über alle Zweifel erhaben - nicht zuletzt aufgrund der hier entnommenen Gruselelemente.

  • Foren-Beitrag von Gubanov im Thema



    Der Kommissar: Die Waggonspringer

    Zitat von Der Kommissar: Die Waggonspringer
    Diebstahl auf freier Strecke: Eine Bande von Waggonspringern erleichtert Güterzüge zwischen Frankfurt / Main und München um wertvolle Ladungen, die anschließend so geschickt weiterverkauft werden, dass die Bahnpolizei den Schurken nicht auf die Schliche kommen kann. Doch plötzlich schaltet sich die Mordkommission ein: Einer der Waggonspringer wird mit tödlichen Verletzungen in einem Abteil im Münchner Rangierbahnhof gefunden. Auch wenn seine Komplizen versuchen, den Leichnam verschwinden zu lassen, so können sie Keller & Co. doch nicht abschütteln. Zumal die Verlockung neuer Beutezüge selbst nach dem Tod des Kameraden zu groß ist ...


    „Die Waggonspringer“ eröffnete seinerzeit die zweite „Kommissar“-Saison und ging im November 1969 nach der ersten Sommerpause der Serie über den Äther. Zuschauer wurden nach der langen Wartefrist mit dynamischen Bildern eines durch die Nacht ratternden Güterzugs begrüßt. In einer Langsamfahrstelle springen die Diebe im wahrsten Sinne des Wortes auf die Trittbretter eines Waggons auf, um sich lukrative Beute zu sichern. Sie gehen dabei ein großes Risiko ein, das sogleich einen Schwerverletzten fordert (die Szene, in der der Kopf des Verletzten zwischen den Waggons eingekeilt wird, geht einem ordentlich an die Nieren). Die gesamte Exposition verrät, dass es sich einerseits um eine gut organisierte Bande junger Männer handelt, die andererseits dazu bereit sind, ohne Bedenken und Vorsicht ihre Gesundheit für die schnelle Mark aufs Spiel zu setzen. Das macht sie willfährig – vor allem ihrem Anführer Graffe gegenüber, der seine Handlanger nicht nur zu immer neuen Diebeszügen anhält, sondern sie auch psychisch an der Kandare hält. Seine finstere Übermacht über seine Befehlsempfänger soll wohl an düstere Zeiten totalen Gehorsams erinnern – allein die Besetzung mit dem recht jungen, recht schmalbrüstigen und eher in sympathischen Rollen überzeugenden Erik Schumann wirkt (trotz seines vernarbten Gesichts) zu wenig herrisch und beeindruckend.

    Aber vermutlich braucht es nicht einmal einen Überschurken von großem Format, da die Graffe unterstellte Bande nun einmal ebenfalls keine ehrgeizigen Meisterverbrecher, sondern durchschnittliche, eher harmlose Hobby-Profiteure sind. Typische Jungmimen, die bei Ringelmann immer wieder zwielichtige Charaktere zu bedienen hatten, machen dem Stammzuschauer klar, in welche Richtung „Die Waggonspringer“ tendiert: mit Ralf Schermuly, Ulli Kinalzik und Andreas Seyferth jedenfalls in keine spektakuläre. So fragt man sich gelegentlich, ob man bei diesem Fall statt in einem ernsthaften „Kommissar“ eher in einer lauen Vorabendserienfolge gelandet ist, bei der Raub aufgrund tumben Gruppenzwangs und ein zufälliger Unfall schon das Höchste der Gefühle darstellen. Die Einschätzung des Hamburger Abendblatts, es handele sich um die „bisher härteste“ Episode, erscheint vor diesem Hintergrund völlig an den Haaren herbeigezogen. Theodor Grädler versucht, mit stimmungsvollen Schwarzweißkontrasten und einer leichtfüßigen Umsetzung der pfiffigen Ideen zur Involvierung des Ermittlerteams (Harry und Helga in der Disco, Robert im Freibad) von der Harmlosigkeit der „Waggonspringer“ abzulenken; aber sie setzt sich letztlich doch immer wieder durch. Trotz ordentlichen Erzähltempos und der zufriedenstellenden Spiegelung von Auftakt- und Finalszene bleibt der Fall eine mittelmäßige Angelegenheit, bei der nicht klar wird, warum ausgerechnet dieser Fall als Auftakt für die zweite „Kommissar“-Staffel ausgewählt wurde.

    Vor allem erscheint es unlogisch, dass die zuständigen Behörden nicht schon vorher auf die Idee verfielen, in Frage kommende Waggons zu überwachen, wenn die Täter immer wieder auf derselben Strecke zuschlugen und es jedes Mal auf hochpreisige Transportgüter absahen. Eventuell wäre es der Episode zugute gekommen, hätte man die eigentlichen Waggonspringer schon früher im Verlauf der Folge gefasst und sich dann auf eine schwierigere Suche nach den Hintermännern Schumann und Neusser konzentriert. Dann wäre das Rezept, von Anfang an mit offenen Karten zu spielen, was die Organisationsstrukturen der Diebesbande betrifft, auch besser aufgegangen. Ein echter Mord, z.B. am Angsthasen Pasche, hätte ebenfalls mehr Tiefe in die harmlosen Ereignisse bringen können. So jedoch wird eine Folge in Erinnerung bleiben, die hauptsächlich mit ihren ausdrucksvollen Nachtaufnahmen am Bahndamm und auf der Müllkippe (als Vorbote von Alfred Vohrers Szenekrimi „Perrak“?) überzeugen kann, die aber sonst über eine lediglich solide Machart nicht hinauskommt.

    Ein Action-„Kommissar“ mag eine nette Abwechslung gegenüber verkopfteren Geschichten aus der Reinecker-Schmiede sein, doch dem hohen Anteil der Bandenszenen hätte ein härterer, weniger augenfälliger Handlungsablauf beiseite gestellt werden müssen, um zu überzeugen. „Die Waggonspringer“ bleibt im unteren Serienmittelfeld stecken, auch weil Erik Schumann als Chef der kriminellen Clique eher lauwarm aufspielt. Die übrigen Darsteller überzeugen im Rahmen des Möglichen.

    (3 von 5 Schnapsgläsern)


    Der überzeugendste Ermittler: Kriminalhauptmeister Harry Klein, der auch dann cool bleibt, wenn eine Waffe auf ihn gerichtet wird
    ||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Kommissar Herbert Keller (Erik Ode)
    ||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Inspektor Walter Grabert (Günther Schramm)
    ||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Inspektor Robert Heines (Reinhard Glemnitz)
    ||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Kriminalhauptmeister Harry Klein (Fritz Wepper)
    ||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Kriminalhauptmeister Erwin Klein (Elmar Wepper)

    Besprechung 86: Episode 12 der TV-Kriminalserie, BRD 1969. Regie: Theodor Grädler. Drehbuch: Herbert Reinecker. Auf der Seite des Gesetzes: Erik Ode, Reinhard Glemnitz, Fritz Wepper, Emely Reuer, Helma Seitz, Rosemarie Fendel. Unter Verdacht: Erik Schumann, Peter Neusser, Ralf Schermuly, Ulli Kinalzik, Andreas Seyferth, Rüdiger Bahr, Thomas Astan, Leo Bardischewski u.a. Erstsendung: 7. November 1969.

  • "Derrick" oder: das andere KonzeptDatum05.09.2018 20:10
    Foren-Beitrag von Gubanov im Thema

    Auf mich wirkt es eher so, dass hier das klare Konzept fehlte, was man mit diesen Assistentenrollen eigentlich anfangen wollte / sollte - im Gegensatz zum "Kommissar", wo von Anfang an fein abgestimmte Teamarbeit zu beobachten war. Dort funktionierte das Konzept Kooperation vor allem deshalb, weil die Charaktere aufeinander aufbauen und verschiedene individuelle Stärken haben, die sich ergänzen. Bei "Derrick" hingegen war es eigentlich immer egal, wer hinter Tappert in der zweiten Reihe herumstapft, weil sich die Assistenten nicht wesentlich unterscheiden. Also konnte man das auch ganz einfach auf die eine Harry-Figur kondensieren, aus der sich dann ein sehr schönes Zusammenspiel Tappert-Wepper ergab, das sich vor allem in den späten zweistelligen und der ersten Hälfte der Hunderterfolgen perfekt eingespielt hat.

  • Café Wernicke (1979/80, TV)Datum05.09.2018 20:05
    Foren-Beitrag von Gubanov im Thema

    Ich war fest davon überzeugt, diese Serie zu mögen, aber die Pilotfolge hat mich leider überhaupt nicht angesprochen. Das ganze Flair wirkte auf mich künstlich und interessante zeitrelevante Passagen verplapperten sich zwischen Kaffee und Kuchen. Dabei ist die Besetzung eigentlich spannend (na gut, Juhnke muss man halt mögen) und Autor Rolf Schulz bei mir wegen "Kommissariat 9" hoch angesehen.

  • Das Mädchen mit den Katzenaugen (1958)Datum05.09.2018 20:04
    Foren-Beitrag von Gubanov im Thema

    Zitat von Percy Lister im Beitrag #51
    Gert Fröbe wirkt mit seiner Rolle überfordert: einerseits soll er glaubhaft den Abstieg eines ehemals redlichen Mannes zeigen, andererseits unberechenbar bleiben und somit ein Schwachpunkt im Umfeld der Gangster. Leider trägt er stellenweise zu dick auf und lässt seine Rolle zu einer unfreiwillig komischen Figur verkommen. Eugen York wusste offensichtlich nicht, wie er Fröbes Spiel in überzeugende Bahnen lenken sollte.

    Die Fröbe-Rolle in "Das Mädchen mit den Katzenaugen" wird ja sehr unterschiedlich bewertet; ich würde dir hier eher zustimmen als dem häufig gelesenen Lobgesang. Dennoch lohnt heute ein Blick zurück auf die gelungenen und weniger gelungenen Rollen des "Lieblingsschurken", der genau heute vor 30 Jahren in München verstarb. Havi hatte eine umfangreiche Doku des MDR bereits verlinkt; hier ist noch ein ganz kurzer, kondensierter Rückblick auf Fröbe aus der täglichen Reihe "As Time Goes by" von Radio Bremen.

    Das Urteil seines feinfühligen Biografen Michael Strauven zu "Katzenaugen" (ebenso wie zu den forenrelevanten Filmen "Das Herz von St. Pauli", "Grabenplatz 17", "Nick Knattertons Abenteuer" und den drei Mabuse-Filmen: schlichtweg "Uninteressant!" (das Ausrufezeichen darf nicht fehlen) bzw. in ausformulierter Form deutlich substanzieller: "Unsäglicher deutscher Gangsterfilm."

  • Krieg, Kameradschaft, KatastrophenDatum02.09.2018 14:15
    Foren-Beitrag von Gubanov im Thema



    In jenen Tagen (Geschichten eines Autos)

    Episodisches Drama, D-West 1946/47. Regie: Helmut Käutner. Drehbuch: Helmut Käutner, Ernst Schnabel. Mit: Erich Schellow (Karl), Gert Schäfer (Willi), Winnie Markus (Sybille), Karl John (Peter Kaiser), Alice Treff (Elisabeth Buschenhagen), Hans Nielsen (Wolfgang Grunelius), Willy Maertens (Wilhelm Bienert), Ida Ehre (Frau S. Bienert), Erica Balqué (Dorothea Wieland), Evi Gotthardt (Ruth), Hermann Speelmans (August Hintze), Fritz Wagner (Leutnant), Isa Vermehren (Erna), Margarete Haagen (Baronin von Thorn), Carl Raddatz (Josef), Bettina Moissi (Marie) u.a. Uraufführung: 13. Juni 1947. Eine Produktion der Camera-Filmproduktion Hamburg für den Britischen Atlas-Filmverleih Hamburg.

    Zitat von In jenen Tagen
    Zwei Lebenskünstler schlachten nach dem Krieg das Wrack eines Autos aus, das sie zwischen den Ruinen finden. Während die Männer wertvolle Materialteile sichern und dabei existenzielle Fragen erörtern, wirft der Zuschauer einen Blick auf die wechselvolle Geschichte des Autos und seiner früheren Besitzer – vom Monat seiner Produktion, der zugleich der Monat der Machtergreifung Hitlers war, über Episoden im zunehmend gefährlichen Nazideutschland bis hin zum Kriegseinsatz des Wagens. Welche Freude, welches Leid, welche Risiken haben Fahrer und Beifahrer erlebt und doch nicht immer überlebt?


    Keinen Film vom Schlachtfeld oder den grünen Tischen brauner Machtpolitik drehte Helmut Käutner mit „In jenen Tagen“, sondern eine Geschichte aufrüttelnder Menschenschicksale, in denen die Zivilgesellschaft in einem humanen Fokus steht und Zeitgeschehnisse nur bittere Rahmungen sind, innerhalb derer sich Leben und Lieben, Glück und Pech abspielt. Die Vermenschlichung (dabei aber keinesfalls die Klitterung) der letzten zwölf Jahre macht in diesem ersten Nachkriegsfilm aus der britischen Besatzungszone selbst vor einem Gebrauchsgegenstand wie einem Auto nicht halt, gibt ihm eine reflektierte Stimme – die des Regisseurs –, um seine Erfahrungen mit dem angeblich „tausendjährigen Reich“ preiszugeben, und rückt die mit Machtergreifung, Gleichschaltung und Krieg verbundenen Ereignisse in verdauliche, überschaubar lebensgroße Relationen. Auch wenn Käutners Film deshalb oft etwas schwülstig wirkt und die Off-Monologe des Autos manchmal über das Ziel des einfühlsamen Philosophierens in einen eher pathetischen Bereich hinausschießen, ist es letztlich angenehm, auch einmal einen NS-Verarbeitungsfilm zu sehen, der nicht aus vollen Rohren gegen (Mit-)Täter schießt, sondern ohne Vergeltungsgefühle ausschließlich den Opfern einen aufmerksamen Blick widmet.

    Genaugenommen sind es sieben Blicke, sieben kurze Geschichten, die ausgewählte Lebensepisoden aus den Jahren 1933 bis 1945 illustrieren. Was die Besitzer des Wagens erleben, beginnt oft im betulich Privaten, in das der Zeitkontext dann unvermittelt eine zynische Wendung hineinwirft. Das Auto sieht manche Liebe am Politischen zerbrechen oder erstarken, doch oft erscheint das Persönliche – in Relation zu den nur fragmenthaft enthüllten gesellschaftlichen Umwälzungen oder militärischen Pflichten gesetzt – letztlich nur wie eine Nebensächlichkeit, ein Bauernopfer.

    Zitat von Falk Schwarz: Sieben Mal Schicksal, „In jenen Tagen“ auf Filmportal.de, 30. August 2014, Quelle
    Dabei ist es der Trick Käutners, dass der Wagen nur eine sehr begrenzte Perspektive hat: Vieles erzählt er nicht, weil er es nicht weiß, und der Zuschauer muss es sich selbst zusammenreimen. Käutner lässt die Fantasie der Zuschauer mitspielen. Stärkste Episode ist die Geschichte des Ehepaares Bienert, einer Mischehe, in der Frau Bienert (Ida Ehre) ihrem Mann anbietet, sich scheiden zu lassen, damit er sein Geschäft weiterführen kann. Er weigert sich und als sie die Reichskristallnacht hautnah im Auto erleben, beschließen sie, nicht mehr [leben zu wollen].




    Ida Ehre verleiht ihrer schwierigen Rolle im Zwielicht der Nacht eine rätselhafte Aura im Spannungsfeld zwischen Kampfeslust und Selbstaufgabe. Weitere schauspielerische Höhepunkte sind in der Episode um den Komponisten Wolfgang Grunelius zu finden, die sich von einem stillen Ehebruch-Drama in ein Plädoyer gegen das Verbot entarteter Kunst verwandelt. Hans Nielsen und Alice Treff sowie die junge Gisela Tantau umschleichen einander hier in fast traumgleicher Entrückung, sodass der zeitpolitische Knall, der die Künstlerseelen wieder auf den Boden der Tatsachen zurückholt, fast wie eine Bombe in die Runde einschlägt. Die letzte Erzählung präsentiert sich ähnlich idyllisch als Gleichnis auf Josefs und Marias Reise nach Bethlehem; das Kleinkind, das die Flüchtende im Arm trägt – diesmal in Hoffnung einer friedlicheren Zukunft ein Mädchen – symbolisiert den Aufbruch in eine neue, optimistischere Zeitrechnung. In diesen und anderen Episoden (vor allem der Russland-Geschichte mit Hermann Speelmans und Fritz Wagner) macht sich ein in späteren deutschen Filmen kaum mehr anzutreffender Naturalismus bemerkbar, der sich aus der nur langsam auflösenden Taubheit nach Stunde null sowie aus den schwierigen Produktionsumständen ergibt.

    Zitat von Markus Münch, Simone Utler: Drehort Hamburg, be.bra Verlag, Berlin 2009, S. 30
    Als im August 1946 die Dreharbeiten begannen, fehlte es an allen Ecken und Enden. Erfindungsreichtum und Improvisation waren gefragt. Die Produktionsgesellschaft bestand aus einem Schreibtisch, einem Telefon und einem „Gläubig-Besessenen“, nämlich Käutner. Die technische Ausrüstung musste das Filmteam zusammenpumpen, auf halblegalem Weg organisieren oder zu hohen Preisen auf dem Schwarzmarkt kaufen. Das Auto stellte eine Firma zur Verfügung – allerdings ohne Reifen. Die mussten teuer zugekauft werden. „Wir hatten eine alte Kamera, die bei Außenaufnahmen der Ufa irgendwo im Distrikt liegengeblieben war“, erinnerte sich Käutner später. Sie war im Besitz der britischen Besatzer, der Regisseur bekam sie für seinen Film geliehen. Passend zum Film dienten zur Beleuchtung Autoscheinwerfer. [...] Käutner drehte fast alles unter freiem Himmel, denn in Hamburg gab es keine Ateliers.


    Bedenkt man die nicht weniger als zehn Monate lange Drehzeit und den harschen Winter 1946/47, kann man sich noch immer ein Bild von den Entbehrungen machen, unter denen der Film entstand. Käutner gelang es trotzdem, ein bewegendes Drama abzuliefern, das in seinen Übergängen manchmal unrund und unbeholfen wirkt, aber von der ihm eigenen symbolischen Schwermut durchdrungen ist, die es als Zeitdokument auch entgegen einigen Unkenrufen überdauern lassen wird.

    „Was ist ein Mensch?“ zieht sich als Leitfrage durch den Film und wird nicht auf philosophische, sondern auf sehr anschauliche Weise in sieben Kurzgeschichten beantwortet, die einem unmenschlichen Regime ein auf das Individuum konzentriertes Spiegelbild vorhalten. Sich an den wesentlichen Entwicklungsschritten der zwölf Nazijahre entlanghangelnd, zeichnet „In jenen Tagen“ ein manchmal erdrückendes, manchmal hoffnungsvolles Bild und scheut sich dabei nicht vor einer ordentlichen Portion Kitsch. Unvollkommenheiten verleihen dem Film Charme, doch manchmal hätte man sich ein längeres Verweilen bei den einzelnen Protagonisten gewünscht. 3,5 von 5 Punkten.

  • "Derrick" oder: das andere KonzeptDatum01.09.2018 22:14
    Foren-Beitrag von Gubanov im Thema

    Zitat von Ray im Beitrag #878
    Ich möchte hier nicht ernsthaft einen Zusammenhang konstruieren, aber gefühlt setzt der Qualitätsabfall so ziemlich mit dem unfreiwilligen Ausstiegs Günther Stolls ein.

    Diesen Zusammenhang würde ich so auch nicht schlussfolgern, sondern eher sagen: Auch wenn es einen traurigen Hintergrund hat, ist es dramaturgisch ein Zugewinn, dass der überflüssige Assistenten-Ballast langsam abfällt und die Serie sich mehr auf ihre Kernprotagonisten konzentriert. Wir sind ja hier nicht beim "Kommissar". Einen womöglichen Qualitätsabfall würde ich eher bei der in der zweiten Hälfte von Box 3 überbordend häufigen Verpflichtung von Helmuth Ashley als Regisseur verorten; aber das siehst du vermutlich anders, wenn ich mir deine (überraschende) Spitzenreiterfolge ansehe.

  • Rosen für den Staatsanwalt (1959)Datum01.09.2018 21:00
    Foren-Beitrag von Gubanov im Thema



    Rosen für den Staatsanwalt

    Tragikomödie, BRD 1959. Regie: Wolfgang Staudte. Drehbuch: Georg Hurdalek. Mit: Martin Held (Oberstaatsanwalt Dr. Wilhelm Schramm), Walter Giller (Rudi Kleinschmidt), Ingrid van Bergen (Lissy Flemming), Camilla Spira (Hildegard Schramm), Roland Kaiser (Werner Schramm), Burghard Ortgies (Manfred Schramm), Werner Peters (Otto Kugler), Paul Hartmann (Gerichtspräsident Diefenbach), Wolfgang Preiss (Generalstaatsanwalt), Ralf Wolter (Herr Hessel) u.a. Uraufführung: 24. September 1959. Eine Produktion der Kurt-Ulrich-Film Berlin im Neuen Filmverleih München.

    Zitat von Rosen für den Staatsanwalt
    Dem Soldaten Rudi Kleinschmidt wird kurz vor Kriegsende für nichts Gewichtigeres als den Diebstahl von Schokolade von Kriegsgerichtsrat Dr. Schramm das Todesurteil ausgesprochen. Aufgrund der Wirren des Jahres 1945 kann es jedoch nicht vollstreckt werden, sodass Ankläger und Angeklagter den Krieg lebendig überstehen. Fast 15 Jahre später stehen sie sich plötzlich wieder gegenüber – Schramm konnte seine Karriere unter Verschweigen seiner NS-Tätigkeit lückenlos fortsetzen. Rudi Kleinschmidt könnte ihm gefährlich werden, doch dieser hat eher Augen für die Pensionswirtin Lissy als für bittere Rache. Bis er eines Abends ein Schaufenster einschlägt, wieder Schokolade stiehlt und wieder vor Schramm auf der Anklagebank landet ...


    Politische Sünden werfen lange Schatten. Das Aufarbeitungskino der bundesrepublikanischen 1950er Jahre widmete verschiedenen Berufsfeldern, deren Geschicke sich zwischen 1933 und 1945 mit der Allgegenwärtigkeit des totalitären Regimes überkreuzten, Filme, in denen Funktionsträger von damals in ihren gegenwärtigen (unwesentlich veränderten) Positionen mit begangenem Unrecht konfrontiert werden. Was im Rückblick womöglich den Anschein eines konsequenten Kampfes gegen braunes Gedankengut erweckt, zeigt bei genauerer Betrachtung im Gegenteil vielmehr auf, wie verflochten alte und neue Gesellschaft noch immer waren und dass eine BRD, in der „ehrwürdige“ Eminenzen an allen Schaltpositionen des jungen Staates saßen, eine saubere Entnazifizierung gar nicht durchgeführt haben konnte. Gerade dass „Rosen für den Staatsanwalt“, für den im Vorspann bloß eine Idee von Wolfgang Staudte als Grundlage genannt wird, eigentlich auf zwei wahren Fällen beruht (der Verurteilung des Studienrats Zind und dem Disziplinarverfahren gegen Senatspräsident Wöhrmann), verdeutlicht die Dringlichkeit, einen solchen Film auch gegen die bekannten Einwände einer von der NS-Thematik übersättigten Filmbranche zu erzählen.

    Staudtes Tragikomödie ist in ihrer Grundform ein klassisches Duell, das seine Zuschauer allerdings dadurch verblüfft, dass einer der Duellanten es (zunächst) gar nicht auf einen Zweikampf abgesehen hat. Man wundert sich letztlich auch nicht, warum; denn gegen den von Martin Held gespielten Altnazi mit gefestigter gesellschaftlicher Position, beruflichem Einfluss und kühl präparierten Abwehrmaßnahmen zum Schutz der eigenen Immunität sieht die in den Tag hineinlebende, ohne Ziel und Fokus agierende Giller-Rolle trotz kompromittierender Leidensgeschichte lange keinen Stich. Staudte gelingt es, in dieser Konstellation den Unterschied zwischen dem kleinen Paulus und dem elitären Saulus prägnant herauszuarbeiten und trotz der stellenweise stammtischartigen Rhetorik von vorab entschiedener Chancenlosigkeit oder dem beliebten Kontrast zwischen „denen da oben und uns hier unten“ nicht nur Schattenrisse aufzuzeichnen. Das liegt vor allem daran, dass von Rudi Kleinschmidt trotz seiner offenkundigen Harmlosigkeit eine gewisse passiv subversive Art ausgeht, durch die sich Dr. Schramm in unbegründeter Panik herausgefordert sieht. Erst dessen eigenes deshalb veranlasstes Intrigenspiel (Verweis der Stadt, Abnahme der Straßenhändlerlizenz) veranlasst eine Eskalation der Situation – hier wird die Vergeltung des Unrechts also zuvorderst durch das schlechte Gewissen des zu Bestrafenden und nicht durch Rachegefühle des Geschädigten befördert.



    Auch wenn der Film heute noch immer mit seiner gesellschaftskritischen Aussage überzeugt, so erweisen sich gerade jene Elemente, auf die Produzent Kurt Ulrich wegen publikumsfördernder Wirkung drängte, als eher störend. Das Anpreisen gezinkter Kartenspiele oder fliegender Krawatten auf offener Straße steht mehr als einmal zu lang und zu laut im Mittelpunkt. Auch die von der Nebenhandlung zum zweiten Parallelstrang beförderte „Romanze unter umgekehrten Vorzeichen“, die sich zwischen Giller und Ingrid van Bergen entwickelt, hält das eigentliche Anliegen des Films unnötig auf und zeigt bieder-ulkige Tendenzen, die nicht auf dem Niveau des sonst so pointiert geschriebenen Klassikers spielen. Ganz anders die Szenen im Hause des Oberstaatsanwalts, die spannend geschrieben sind, weil über ihnen ein verbissen revanchistisch-autoritäres Flair liegt, das von der treuherzigen Camilla Spira immer wieder aufgebrochen wird, um sich dann in den wütenden Ausbrüchen des Familienoberhaupts immer wieder eruptiv zu erneuern. Gleichsam lässt sich das Ende des Films nicht ganz mit seiner pessimistischen Grunddisposition zum Thema Erneuerungswille der Institutionen in Übereinklang bringen und scheint mit der Flucht Martin Helds aus dem Gerichtsgebäude eher dem Wunsch nach einem politisch korrekten Schluss entsprungen zu sein, mit dem man das Publikum beruhigt nach Hause gehen lassen konnte. Es wäre konsequent, aber wohl gegenüber der Zuschauerschaft 1959 nicht zu vertreten gewesen, wenn Dr. Schramm durch Filz und Bleibewille den lauen Presseskandal und das Pro-forma-Disziplinarverfahren unbeschadet in Amt und Würden überstanden hätte. Wie sagte er noch: „Da muss schon sehr viel passieren, ehe einem Staatsanwalt etwas passiert.“

    Inszenatorisch ist „Rosen für den Staatsanwalt“ recht nüchtern gehalten; Staudte ging offenbar ganz im Inhalt auf und stellte die Form dahinter zurück. Als wichtig für die Sogwirkung des Films erweist sich allerdings die ausgesprochen atmosphärische „Rückblende“ in der Prätitelsequenz, die das Verfahren gegen Kleinschmidt vor dem NS-Kadi sowie die gescheiterte Hinrichtung zeigt. Eine modern-luftige Fotografie, die sich hier an den Errungenschaften des Wirtschaftswunders labt und dort bitterböse aufzeigt, wie diese teilweise durch Wegsehen und Kumpanei verdient werden, sowie ein cleverer Schnitt und die auf Fučíks „Einzug der Gladiatoren“ basierende Musikuntermalung sorgen für einen Fortbestand der ansprechenden Aufmachung, die jedoch nie selbstzweckhaft in den Vordergrund tritt.

    In seiner Prioritätensetzung nicht ganz ausgewogener, aber wichtiger und kritischer Nachkriegsfilm mit anhaltend fesselndem Zeitbezug. Martin Held brilliert am Rande des Overacting, Walter Giller überschreitet diese Grenze manchmal etwas unbedarft. Ihr Duell tragen die „Gladiatoren“ mit Waffen aus, die unterschiedlicher nicht sein könnten und den Kontrast zwischen alter und neuer Zeit vor Augen führen. 4 von 5 Punkten.

    PS: Ein ausführlicher Artikel zur Entstehung des Films kann in der Spiegel-Ausgabe 36/1959 unter dem Titel „Die Mörder sind über uns“ (S. 72/73) nachgelesen werden.

  • Edgar Wallace AusstrahlungenDatum01.09.2018 17:30
    Foren-Beitrag von Gubanov im Thema

  • Edgar Wallace AusstrahlungenDatum01.09.2018 16:44
    Foren-Beitrag von Gubanov im Thema

    Vielen Dank für die Erinnerung. Ich hatte dummerweise vergessen, die übrigen Termine hier zu veröffentlichen. Für nächste Woche kann festgehalten werden:

    06.09., 20:15 Uhr: Das Verrätertor
    06.09., 21:40 Uhr: Der Bucklige von Soho
    06.09., 23:10 Uhr: Das Verrätertor (Wdh.)
    [keine Wdh. "Der Bucklige von Soho"]

    Kann jemand der Vollständigkeit halber noch die genauen Termine vom 30.8. nachreichen?

  • DVD Tausch/VerkaufDatum01.09.2018 16:28
    Foren-Beitrag von Gubanov im Thema

    Bei mir steht wieder eine Box zum Verkauf, diesmal mit vier bekannten Filmen von Curd Jürgens aus den 1950er und frühen 1960er Jahren:

    - Des Teufels General
    - Schachnovelle
    - Der Schinderhannes
    - Teufel in Seide

    Das Angebot findet ihr unter https://www.ebay.de/itm/153162362312

  • Die Waffe, die Stunde, das Motiv (1972)Datum27.08.2018 13:09
    Foren-Beitrag von Gubanov im Thema

    Mit dem Lesen scheinen es hier einige nicht so genau zu nehmen. Sonst wäre aufgefallen, dass in allen verlinkten und zitierten Definitionen, die ja völlig richtig und sinnvoll (und, ich nehme an, jedem Leser hinlänglich bekannt) sind, davon gesprochen wird, dass Giallo-Filme diese typischen Merkmale (über die keinerlei Dissens besteht) oft, häufig, in der Regel aufweisen. Im Klartext: Sie können in beliebiger Anzahl vorhanden sein, müssen aber nicht zwingend.

    Ich würde mich dann eben nicht hinstellen, wie Cäsar den Daumen heben oder senken und sagen: "Hier ist nur eins von sieben Merkmalen erfüllt; das kann kein Giallo sein." Solche Klassifizierungen anhand einer Strichliste von potentiellen, keinesfalls aber verpflichtenden Indizien sind eben individuelle und für meine persönlichen Begriffe - ich muss es so deutlich sagen - kleinkarierte Auslegungen einer breiter gefassten Definition, die den Sachgehalt der Definition von "sie beinhalten oft ..." in "sie müssen verfügen über ..." ändern. So beraubt man den Zuschauer der Verpflichtung, sich ein wirklich mündiges Urteil zu bilden, das vielmehr durch die Rezeption des Gesamteindrucks unter maßvoller Berücksichtigung von Genremerkmalen und Produktionshintergründen entsteht.

  • Thema von Gubanov im Forum Giallo Forum

    Zitat von Enrico Rosseni im Beitrag Gialli und Polizei- / Gangsterfilme aus Italien
    Body Puzzle
    → Ein gelungener Neo-Giallo, der ziemlich spannend geraten ist. Empfehlenswert!

    Dann wird es höchste Zeit, dass „Body Puzzle“ auch endlich seinen eigenen Thread erhält:



    Body Puzzle – Mit blutigen Grüßen (Body Puzzle / Misteria)

    Thriller, IT 1992. Regie: Lamberto Bava. Drehbuch: Bruce Martin, Lamberto Bava, Teodoro Agrimi (d.i. Teodoro Corrà) (Story: Teodoro Corrà, Domenico Paolella). Mit: Joanna Pacula (Tracy), Tomas Arana (Michele), François Montagut (Abe), Gianni Garko (Polizeichef), Erika Blanc (Dr. Corti), Matteo Gazzolo (Gigli), Susanna Javicoli (Mrs. Consorti), Bruno Corazzari (Professor Brusco), Ursula von Bächler (Katia Lelli), Giovanni Lombardo Radice (Morangi) u.a. Uraufführung (IT): 20. März 1992. Uraufführung (BRD): 6. April 1993.

    Zitat von Body Puzzle – Mit blutigen Grüßen
    Die junge Witwe Tracy ist entsetzt, als sie in ihrem Kühlschrank ein abgetrenntes menschliches Ohr findet. Ein Einbrecher, der einen Schlüssel zu ihrer Wohnung hatte, muss es dort platziert haben. Es gehört zum Leichnam eines Patisseurs, der am Vortag brutal getötet wurde und damit nur das erste Opfer einer ganzen Mordreihe darstellt. Zu allem Überfluss stahl der Killer in der Nacht auch die Leiche von Tracys Ehemann Abe aus dessen Grab. Der Verdacht des Ermittlers, der sich in Tracy verliebt, fällt auf Abes besten Freund Tim. Doch warum sollte Tim diese schrecklichen Taten begehen und was bewegt ihn dazu, die Ermordeten so auszunehmen wie seinerzeit Jack the Ripper?


    Als einer der spätesten Gialli von echtem Schrot und Korn verlegt „Body Puzzle“ das gelbe Krimiflair nicht nur in die frühen 1990er Jahre, sondern trotz stolzer Rom-Kulisse fast schon in ein räumliches Vakuum, das die internationale Vermarktbarkeit des Films in den Videotheken Europas und der USA beträchtlich steigern sollte. Auch wenn man Lamberto Bavas Filmfiguren auf den Campo di Verano, ins Cinecittà due oder vor den Eingang zum Giardino Biologico folgt, so tragen die Protagonisten doch amerikanische Namen, und natürlich war auch der Plot auf diejenigen Zuschauer zugeschnitten worden, die schon ganz an die Funktionsweise von US-Slasherfilmen gewohnt waren. Das bedeutet auch, dass man den Killer von Anfang an kennt und ihn unverhohlen bei seinen blutdurstigen, von klassischer Musik untermalten Ausflügen begleitet, die sich inhaltlich zwar sehr brutal anhören (er entfernt jeweils ein äußeres Körperteil, um es Tracy „darzubieten“, und entnimmt außerdem ein inneres Organ, mit dem er düstere Pläne verfolgt), in der tatsächlichen Umsetzung aber nicht an die Härte anderer Gialli heranreichen. Einige Momente wirken recht teuflisch, weil der offensichtlich geisteskranke Täter die Machtposition gegenüber seinen Opfern genüsslich auskostet (z.B. als er eine Frau auf einer öffentlichen Toilette überfällt) – Szenen, in denen man sieht, wie das Messer in den Körper eindringt, gibt es aber tatsächlich kaum, sodass auch zarter besaitete Zuschauer nicht in Ohnmacht fallen sollten.



    Auch wenn seine Identität (vermeintlich) klar ist, enthüllt „Body Puzzle“ die wahren Beweggründe des Killers nur zögerlich und gibt dem Ermittler Michele (Tomas Arana) so genügend Gelegenheiten zur intensiven Befragung von Tracy sowie zum Einholen anderer Informationen von Zeugen und Bekannten des Killers. Hierbei fallen vor allem Erika Blanc in einer gereiften Rolle als Psychiaterin, Bruno Corazzari als Klinikarzt sowie Giovanni Lombardo Radice als homosexueller Pferdewirt auf; auch Gianni Garko, der Michele als Vorgesetzter bissig zu Erfolgsmeldungen anhält, liefert Momente, die jeweils kurzfristig an frühere Filme des Genres erinnern. Das Hauptdarstellerpaar mit seinen Fönfrisuren steht dagegen ganz für die Gegenwart der beginnenden 1990er Jahre; Arana und Partnerin Joanna Pacula überzeugen als überarbeitete bzw. bedrohte Einzelgänger, die in den gemeinsamen Szenen mit Charme und Anstand umeinander scharwenzeln und offenbar überlegen, ob sie das abgedroschene Klischee der Ermittler-verliebt-sich-in-Zeugin-Erzählweise aus den Siebzigerjahrefilmen reaktivieren sollen. Sie tun es zögerlich, aber überzeugend – und doch lässt Polizist Michele die traumatisierte Tracy am Ende allein zurück.

    Offensichtlich mit großem Aufwand und auf hohem handwerklichen Niveau gedreht, führt „Body Puzzle“ den Zuschauer dank der kenntnisreichen Regie von Lamberto Bava und der ästhetischen Kameraführung von Luigi Kuveiller („Rosso – Die Farbe des Todes“) zu diversen Spannungshöhepunkten. Erwähnt seien nur die gelungene Rahmung des Films mit parallelen Szenen von Verkehrsunfällen, der bitterböse Mord an einer Blindenlehrerin „vor den Augen“ ihrer ahnungslosen Schüler, die versuchte Entführung einer Schwangeren aus dem Krankenhaus und eine eiskalte Überraschung in einer Tiefkühltruhe. Kaum eine Szene des Films zieht sich länger als nötig, immer wieder passieren neue Scheußlichkeiten oder werden Puzzleteile des Rätsels zusammengefügt; auf Atempausen muss man also weitgehend verzichten. Dass der Film und seine Handlung dennoch nicht restlos überzeugen, liegt an seinen massiven Verstößen gegen jede Wahrscheinlichkeitsrechnung. Man kann vielleicht nicht einmal so weit gehen, die Enthüllungen im letzten Viertel als unlogisch zu bezeichnen, aber erratbar und naheliegend waren sie andererseits auch keinesfalls. Man fühlt sich deshalb ein wenig von Bava verschaukelt, was den positiven Gesamteindruck ein wenig drückt, aber nicht genug der Ärgerlichkeit ist, um nicht auch die positiven Seiten eines Films würdigen zu können, der bis zum Schluss einen hochwertigen, wirklich fast amerikanischen Eindruck hinterlässt.

    Auch wenn man es nicht unbedingt mit einem zweiten Jack the Ripper zu tun bekommt, so steckt in François Montaguts erregter Mörderdarstellung doch so viel abgedrehte Perfidität, dass gehörige Angst um Joanna Paculas Tracy und die anderen Opfer entsteht. „Body Puzzle“ ist ein später und recht modern wirkender Giallo, dessen Edelatmosphäre sich ein wenig mit seiner unwahrscheinlichen Handlung beißt, den man aber als weiteren Könnensbeweis von Lamberto Bava gut und gern auf die Sichtungsliste setzen darf. 4 von 5 Punkten.

  • Foren-Beitrag von Gubanov im Thema

    Jetzt habe ich den Film gesehen und muss eindeutig den Schilderungen von @Percy Lister und @Ray beipflichten. „Epilog“ ist ein faszinierender Film, der mich ungleich mehr gepackt hat als „Der dritte Mann“, auf den @Jan verweist. Der Vergleich mit „Mörderspiel“ ist ganz treffend – zwar sind beide Filme im Resultat völlig unterschiedlich, aber sie zeigen durch ihre Herangehensweise, wie man in der Nachkriegszeit dem alten Krimi bzw. Thriller ein modernes, unkonventionelles Gewand überstülpen konnte. Und gleichzeitig ist damit auch ganz gut beschrieben, auf welcher qualitativen Ebene wir uns bei „Epilog“ bewegen ...



    Epilog (Das Geheimnis der Orplid)

    Thriller, BRD 1950. Regie: Helmut Käutner. Drehbuch: Robert A. Stemmle, Helmut Käutner. Mit: Horst Caspar (Peter Zabel), Bettina Moissi (Leata), O.E. Hasse (Dr. Mannheim), Hans Leibelt (Kurt E. Beckmann), Irene von Meyendorff (Conchita), Hilde Hildebrand (Eleanor Hoopman), Fritz Kortner (P.L. Hoopman), Peter van Eyck (Stephan Lund), Hans-Christian Blech (Martin Jarzombeck), Carl Raddatz (Aldo Siano) u.a. Uraufführung: 7. September 1950. Eine Produktion der CCC-Filmkunst Berlin im Allianz-Filmverleih Frankfurt / Main.

    Zitat von Epilog (Das Geheimnis der Orplid)
    Ein eifriger Reporter deckt aus Zufall die Geschichte eines geplanten Attentats auf die verschwundene Yacht Orplid auf, auf der ein Waffenschieber von einem politischen Fanatiker und einem FBI-Agenten verfolgt wird. Mithilfe einer Überlebenden der Orplid rekonstruiert der Zeitungsmann die Todesfahrt des Schiffes, der Reisenden und der Besatzung. Nach und nach muss allen an Bord klar geworden sein, dass die Gesellschaft auf einer tickenden Bombe saß. Doch niemand der Anwesenden wusste, wo diese versteckt ist, nachdem sich der Attentäter abgesetzt hatte. Der Reporter bietet den in seinem Manuskript bis zum bitteren Ende geschilderten Bericht einer Zeitung an, die ihn als zu heißen und verwickelten Stoff ablehnt ...


    Vier Jahre liegt der Zweite Weltkrieg in der Vergangenheit, als die Orplid von Hamburg aus in Richtung Schottland ablegt. Und doch haben Friedensabkommen, internationale Zusammenarbeit und Entnazifizierung nicht zu einer Rundum-Sorglos-Gesellschaft geführt: Waffenfabrikanten und -händler, Attentäter mit radikaler politischer Gesinnung, verdeckte Agenten und Biedermänner, unter deren Frackwesten sich zumindest noch die Geisteshaltung einer SS-Uniform versteckt, belasten nach wie vor die Geschicke der Völker und geben sich auf diesem Schiff wie in einem eigenen Mikrokosmos gegenseitig die Klinke in die Hand. Auch wenn sie ihre schmutzigen Geschäfte unter dem Deckmantel einer Hochzeitsgesellschaft abwickeln, so durchbricht kein Lachen von Frischvermählten die maliziöse Stimmung. Vielmehr ähneln die Schurken und ihre Entourage in ihrer angespannten Lauerhaltung einem Verbrechersyndikat, dessen Mitglieder zu einem unbestimmten, aber ausweglosen Tode verurteilt wurden.

    Bevor man diese „reizenden“ Persönlichkeiten kennenlernt, vergeht zunächst eine Viertelstunde – Helmut Käutners Versuch, den Zuschauer sich zunächst mit einem Reporter verbrüdern zu lassen, welcher die Vorfälle in einer großen Rückblende aufwickelt. Bevor es soweit ist, begleiten wir Peter Zabel in subjektiver Sichtweise – quasi durch seine Augen hindurch – beim Einholen jener Informationen, die aus dem Verschwinden der Orplid ein noch unerklärlicheres Rätsel formen. In dokumentarischem Stil greift Käutner hier auf ein teilweise untertiteltes Sprachengemisch sowie auf Techniken zurück, wie sie später typischerweise bei Jürgen Rolands „Stahlnetz“ eingesetzt werden. Umso erstaunter sind wir, wenn Zabel in Gestalt von Horst Caspar dann auch vor die Kamera tritt und die Funktion eines allwissenden Erzählers einnimmt, der die Vorfälle detailreich rekonstruiert. „Mir geht es um die Wahrheit“, verteidigt Zabel sein Enthüllungsmanuskript gegenüber einem herablassenden Redakteur – eine interessante Äußerung aus dem Munde des Darstellers Horst Caspar, dessen letzte große filmische Überzeugungsrede die des Generalfeldmarschall Gneisenau zur Verteidigung von Kolberg gegen Napoleon im gleichnamigen Kriegsdurchhalteepos von 1943/44 gewesen war. An dieser Stelle transzendiert die Filmhandlung von den unsauber abgeschnittenen Zöpfen des alten Regimes, die unbestraft ihre gleichen alten Tätigkeiten fortsetzen, auf einmal aus dem Bereich der wilden Fiktion ins beängstigend Reale.



    Caspar bleibt aber, wenn er auch den Takt vorgibt, nur eine darstellerische Randerscheinung in einem exzellent besetzten Film. Vor allem die Reisenden auf der Orplid prägen sich als markante Charaktere trotz ihrer vergleichbaren Vielzahl tief ins Gedächtnis des Zuschauers ein. Während der Großteil der Gesellschaft auf Veranlassung des Waffenschmugglers Hoopman an Bord ist, nehmen Peter van Eyck als Steward (und FBI-Spitzel) sowie Carl Raddatz als Pianist (und politischer Extremist) Außenseiterrollen ein, die einander aufmerksam umschleichen und wie in einem anhaltenden Katz-und-Maus-Spiel ihre Kräfte – bzw. die ihrer Auftraggeber und Hintergrundorganisationen – miteinander messen. Fritz Kortner als Hoopman und Irene von Meyendorff als Braut Conchita spielen wie von einem anderen Stern; an ihren starken Persönlichkeiten beißen sich Hilde Hildebrand, Hans-Christian Blech und Arno Assmann in teilweise melodramatischen, teilweise ernstlich erschütternden Szenen die Zähne aus. Mitleid empfindet man vor allem für das Malaienmädchen Leata, das einem Spielball in den Händen der anderen Anwesenden gleicht und es in einer ironischen Wende des Schicksals eben dieser Harmlosigkeit verdankt, die Fahrt mit der Orplid als einzige bis zum Ende anwesende Person (auf ungeklärte Weise) überleben zu dürfen. Bettina Moissi – offenbar eine Favoritin von Helmut Käutner und als solche bereits in „In jenen Tagen“ und „Der Apfel ist ab“ zu sehen gewesen – gelingen als stummer Tatzeugin einige Gänsehautmomente, die sich nicht zuletzt auf ihr mysteriöses, leidendes Äußeres stützen.

    Im Gegensatz zur Großzahl der anderen deutschen Filme gehen Eindruck und Bedeutung von „Epilog“ über das explizit Gesagte weit hinaus. Die Handlung gestaltet sich so fantastisch und verwickelt, dass sie gut daran tut, nicht jedes aufgeworfene Rätsel bis ins Kleinste auszuleuchten. Dass Fragen offenbleiben, sich beim Zuschauer ein bruchstückhafter, ja stellenweise auch unbefriedigender Eindruck einstellt, wird von Käutner auf kunstvolle Weise von einem Formfehler zu einem Stilmittel weiterentwickelt. Manche Momente haben eher allegorische als unmittelbar inhaltlich sinnvolle Qualitäten, drehen sich um Schuld und Sühne der jüngsten Vergangenheit, um die Unverbesserlichkeit des Menschen und um die Unmöglichkeit, dem selbst geschaufelten Grab zu entgehen. So entpuppt sich „Epilog“ als düsteres Filmwerk, als pessimistische Zeitkritik am Neuanfang nach 1945 und bei der Seriosität aller dieser Anliegen zugleich als effektiver Thriller, der sich nicht scheut, vom Wirkeffekt reißerischer Sensationen zu profitieren. Kommt das bekannt vor? Ja, aus der amerikanischen schwarzen Serie, die auch optisch von Käutner und Kameramann Werner Krien einfallsreich evoziert wird.

    Zitat von Ekkehard Knörer: Es kommt zu Hauen und Stechen, taz., 19. März 2015, Quelle
    Helmut Käutner hat sich bei diesem Film ausdrücklich nicht als Künstler begriffen, er wollte nur gutes Handwerk abliefern. Das ist sehr gut so, denn künstlerisch hieß bei ihm schnell mal verschmockt. Und verschmockt ist hier nichts. Epilog ist illusionslos, fast schon noir, dabei auf engem Raum virtuos inszeniert. Am Ende schließt sich im Paternoster der Kreis: Die Binnenhandlung attackiert die Rahmenerzählung. Gut aus geht es hier wie da nicht.


    Ein einsames Schiff, eine Gruppe Todgeweihter und ein Reporter, der diese furiose Geschichte aufwickelt und dadurch selbst in Gefahr gerät – die Zutaten von „Epilog“ könnten auch die eines spekulativen Abenteuerstreifens sein. Dank des vor und hinter der Kamera versammelten Talents sowie des Anspruchs, einen packenden Noir mit Zeitkritik abzuliefern, wird dem packenden Unterhaltungswert des Films auch eine atmosphärische Dichte zur Seite gestellt, die ihresgleichen sucht und 5 von 5 Punkten wert ist.

    PS: Eine ausführliche Lektüre zu „Epilog“ bietet das Buch „Framing the Fifties: Cinema in a Divided Germany“. Dort befasst sich ein ganzes Kapitel (S. 59-73) von Yogini Joglekar mit dem Käutner-Film und ordnet diesen als antidetective-Krimi ein. Wer Interesse hat, kann bei Google Books hineinlesen. Ebenfalls lohnenswert die Analyse von Matthias Merkelbach auf seiner fantastischen Seite „der Film Noir“.

  • Die Waffe, die Stunde, das Motiv (1972)Datum26.08.2018 14:56
    Foren-Beitrag von Gubanov im Thema

    Würde ich Havis Kommentare noch ernst nehmen, so müsste ich mich wirklich fragen, wo ich hier gelandet bin. "Die Waffe, die Stunde, das Motiv" als Giallo zu verstehen, ist kein faktischer Fehler, vor dem gewarnt werden muss, sondern gängiger Konsens, der von der Strichliste, was nach Georgs individueller Genredefinition hier angeblich alles fehlt, keineswegs widerlegt wird. Eher sollte man einmal nachhaken, ob es nicht faktisch falsch ist, Argentos und Dallamanos Filmmachart der Jahre 1969-1975 als einzige Schablone dafür, was Giallo sein und haben muss, anzulegen. Nicht überall wird das Genre nämlich wie hier aus naheliegender Gewohnheit so einseitig von den Konventionen der späten Edgar- und Bryan-Edgar-Wallace-Filmen her aufgezäumt.

    Wenn man sich Koch Medias erste Giallo-Box anschaut, könnte man bei "Femina Ridens" ja womöglich noch eine Diskussion zum Giallo-Gehalt anstoßen, aber es hier zu tun, ist einfach nur albern.

  • Top Job – Diamantenraub in Rio (1967)Datum24.08.2018 18:59
    Foren-Beitrag von Gubanov im Thema

    Die deutschen Produktionsanteile dürften sich abseits einer finanziellen Beteiligung der Constantin in engen Grenzen gehalten haben. Wenn man den Drehstab hinter der Kamera betrachtet, findet man dort keine deutschen Namen. Und sowohl Hoffmann als auch Kinski traten damals mehrfach sogar in rein italienischen Produktionen auf.

  • Das dritte Auge (1966)Datum24.08.2018 17:36
    Foren-Beitrag von Gubanov im Thema

    Vielen Dank für den informativen Bericht! Die Querverweise auf "Psycho" sind ja nun nichts Seltenes, aber immer vielversprechend. Da ich Franco Nero sehr schätze, steht "Das dritte Auge" nun auch bei mir weit oben auf der Sichtungsliste. Er scheint hier den Beschreibungen nach eine Rolle abbekommen zu haben, die seinen späteren deutlich entgegensteht.

    Der Film wäre aber wirklich 'mal ein Kandidat für eine gewissenhafte Neuauswertung, denn die DVD von E-M-S, die dann unverändert nochmal von Carol Media aufgelegt wurde, enthält nur eine gekürzte Fassung mit ausschließlich deutschem Ton. Das geht besser!

  • Die Waffe, die Stunde, das Motiv (1972)Datum24.08.2018 17:27
    Foren-Beitrag von Gubanov im Thema

    Ich denke, so einfach kann man sich die Erklärung für das schlechte Abschneiden von "Waffe / Stunde / Motiv" auch nicht machen. Verallgemeinert würde das schließlich bedeuten, dass reinrassige Gialli prinzipiell gut und Filme, die von Schema F abweichen, schlecht ankommen. Gut, eine gewisse Enttäuschung oder ein Fremdeln der Genre-Fans mag damals mitgeschwungen haben, aber das erklärt sicher nicht alles. "Giallo-Faktor" war damals schließlich nur eine von sieben verschiedenen Wertungskategorien und sogar eine, bei der der Film eine seiner "besseren" Platzierungen landen konnte. Man sieht insgesamt, dass die Wertungen für alle Kategorien mies ausfallen, dem Film also unabhängig von seiner Zählung zum Genre eine elegante Regieführung, eine spannende Geschichte sowie überzeugende Darsteller und Instrumentierung fehlen. Ich würde daher behaupten: Er hätte auch in einer anderen Veranstaltung, in der er sich nicht mit "Handschuhe" oder "Stecknadel" messen muss, nicht besser abgeschnitten, weil er in so ziemlich jeder Beziehung eine Gurke ist.

    Generell finde ich es eher grenzwertig, sich an superengen Genredefinitionen entlangzuhangeln und bei gewissen Verstößen gleich zu postulieren "Du gehörst nicht dazu" - gerade beim Giallo, der so vielfältig sein kann, dass wahnsinniger Handschuhmörder, Messer, Tier, Farbe und Blutbeutel nicht immer zwangsläufig nötig sind. Das sieht auch die Literatur so: "Die Waffe, die Stunde, das Motiv" wird sowohl im Buch von Bruschini & Tentori als auch in dem von Bruschini & Piselli behandelt; im erstgenannten sogar mit dem zugegeben abenteuerlichen Kommentar: "Francesco Mazzei's The Weapon, the Hour & the Motive (1973 [sic!]) also follows a similar path as Argento-style thrillers."

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