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  • Foren-Beitrag von Gubanov im Thema

    Es scheint keine offizielle DVD-Veröffentlichung zu geben. Auch das Exemplar mit italienischem Ton und englischen Untertiteln, das man beim Googlen ziemlich schnell findet, sieht verdächtigst nach einem Bootleg aus. Es stellt sich auch die Frage, ob es überhaupt eine englische Synchro gibt (von einer deutschen will ich gar nicht erst reden, denn es gibt keinen deutschen Filmtitel).

    Die Filmhandlung erinnert mich von einer Inhaltsangabe her aber frappierend an "Das indische Tuch":

    Zitat
    Gathered in the great family villa for listening to the last will of a very rich owner of diamond mines that has just been killed, his relatives – that hate each other heartily – find that they have to spend a whole month in the vast estate, so that the pretenders to the legacy cut down from seven to three ...


    Während der Regisseur und die Besetzung später keine Genregrößen wurden, fällt der Name des Drehbuchautors Ernesto Gastaldi umso positiver ins Auge.

  • Foren-Beitrag von Gubanov im Thema

    Hallo @Birdfeeder und herzlich Willkommen im Forum. Schön, dass sich 'mal wieder ein Giallo-Interessent hier anmeldet. Dieser Bereich verdient eindeutig mehr Aktivität.

    Was die Frage angeht, ob "Das Geheimnis der weißen Nonne" ein Giallo ist, würde ich einen Mittelweg zwischen deiner Entschlossenheit und Patricks Skepsis vorschlagen. Prinzipiell handelt es sich um ein sehr weitläufiges, durch gewisse Normen, die aber nicht immer alle auf jeden Film zutreffen müssen, bestimmtes Genre. Einige wenige Rahmenbedingungen würde ich aber durchaus als notwendig erachten - und dazu gehört sehr wohl die Beteiligung einer italienischen Produktionsfirma. Dein Gegenbeispiel mit "Das Versteck" (den ich auch eher als giallo-beeinflusst denn als echten Giallo sehen würde) taugt zudem nicht als Argument, da dieser sowohl zeitlich als auch räumlich näher an typischen Beiträgen des Giallo-Kanon dran ist als "Das Geheimnis der weißen Nonne".

    Die "Nonne" fällt vielmehr in die Kategorie der Wegbereiter des Genres, gerade weil sie zu einem Zeitpunkt entstand, als sich der Giallo in dem Sinne, in dem wir ihn benutzen - nämlich als typischer 70er-Jahre-Krimi im Stil von Mario Bava, Dario Argento oder Sergio Martino - noch in einer sehr frühen Konsolidierungsphase befand. So dürfte unstrittig sein, dass die Wallace-Filme in ihrer Gänze einen durchaus stilprägenden Einfluss auf spätere Gialli hatten.

    In der "Nonne" zeigen sich einige später typische Giallo-Motive, z.B. der Killer mit der Maske und den schwarzen Handschuhen, die üppige Farbigkeit, die sexuellen Momente und Untertöne (gerade in der Verbindung mit dem Nonnenthema) sowie die Umkehrung der Geschlechterrollen in der Auflösung. Genauso finden sich aber auch Parallelen zur zunehmenden Actionfilmwelle (Heist-Motive, Banküberfall mit futuristischen Methoden) oder zum klassischen Krimi (traditioneller Scotland-Yard-Ermittler, Setting auf dem Schloss, degenerierte Adelsfamilie etc.). Die "Nonne" ist also ein Hybrid und kein reiner Giallo, aber sicher einer der gialloeskesten Wallace-Filme vor 1971.

    PS: Den Threadtitel habe ich 'mal etwas präzisiert.

  • "Derrick" oder: das andere KonzeptDatum24.01.2019 16:30
    Foren-Beitrag von Gubanov im Thema



    Derrick: Hölle im Kopf

    Episode 272 der TV-Kriminalserie, BRD 1997. Regie: Helmuth Ashley. Drehbuch: Herbert Reinecker. Mit: Horst Tappert, Fritz Wepper sowie: Martin Benrath (Armin Terza), Michaela Rosen (Hulda Brandecker), Marion Kracht (Sophie Lauer), Götz Hellriegel (Manuel Bonte), Will Danin (Carlo Bonte), Michael Cock (Bruno Brandecker), Peter Bertram, Adela Florow u.a. Erstsendung: 20. Juni 1997, ZDF.

    Zitat von Derrick: Hölle im Kopf
    Als seine zehnjährige Enkelin entführt, für mehrere Tage gefangen gehalten und vergewaltigt und schließlich ermordet wurde, befand sich Armin Terza gerade in Spanien. Erst nach seiner Rückkehr erfährt er die erschütternde Nachricht vom Tod der kleinen Carina. Sich vorzustellen, wie das Mädchen gelitten haben muss, bereitet ihm eine regelrechte „Hölle im Kopf“. Am Fundort ihrer Leiche kommt er ins Gespräch mit einem jungen Mann, der Blumen niederlegt, aber verstört wegrennt, als er erfährt, wer Terza ist. Hat der Unbekannte etwas mit Carinas Ermordung zu tun? Oder wird Terza den Täter vielmehr in der nahen Wohnsiedlung finden?


    Nicht zu selten schon hat Herbert Reinecker Familienangehörige oder Freunde von Mordopfern als (über-)eifrige Ermittlungshelfer ins Geschehen eingreifen lassen, wo sie zumeist als irrationale Racheengel negativ auffielen. In „Hölle im Kopf“ agiert Martin Benrath in der Rolle des Armin Terza ganz ähnlich, genießt aber aufgrund der Schwere der Verbrechen die größere Duldsamkeit des Publikums. Zum ersten Mal seit über 250 Folgen (nämlich seit Alfred Vohrers Schocker „Schock“) fiel wieder ein Kind einem heimtückischen Mord zum Opfer und litt darüber hinaus scheußliche Qualen, über die in teils mitleidiger, teils eiskalter Weise detailreich informiert wird. Man kann in Anbetracht des Martyriums der zehnjährigen Carina die Hölle in Terzas Kopf sowie sein bestimmtes Auftreten, das wegen seiner Traumatisierung als liebender Großvater aber irgendwie auch einem obskuren Tunnelblick gleicht, recht gut nachvollziehen und rollt deshalb nicht so schnell in gewohnter „Diese Masche kennen wir schon“-Manier mit den Augen.

    Dennoch strapaziert die Episode besonders in ihrer ersten Hälfte die Geduld des Zuschauers in gewisser Weise. Terza äußert sich stellenweise in der üblichen gestelzten Spät-Reinecker-Art und die Gespräche mit der Psychologin Sophie Lauer, die hier zum letzten Mal mit dabei ist, wirken teilweise aufgesetzt. Auch andere Aspekte der Episode führen zu Missklängen: Die von Jana Kilka gespielte Carina sowie ihre Filmmutter Adela Florow sprechen ihre wenigen Zeilen auf dem Camcorder-Video mit der Überzeugungskraft von pappigem Toastbrot – und die Art und Weise, wie die Vergewaltigung des Mädchens auf unsaubere Weise mit der boomenden Pornobranche in Verbindung gebracht wird, spricht deutlichere Bände über Reineckers spießige Moral als über den Zustand der Gesellschaft. Dennoch erfüllt „Hölle im Kopf“ letztlich nicht nur die selbstgesteckten Ziele, sondern auch einen allgemeinen Mitfieber- und Unterhaltungsanspruch. Der Auftritt des rätselhaften jungen Mannes am Fundort der Leiche im Wald, Michaela Rosens zynischer Auftritt als Mutter eines Verbrechers und das Flair der Bedrohung durch unkontrollierte Impulstäter (ähnlich wie in „Waldweg“) sorgen gemeinsam mit dem intensiven Finale im Keller der Mörder für gute Unterhaltung trotz der Abstriche.

    Die zentrale Frage trotz seiner alles in allem gebührend verständnislosen Performance lautet letztlich, ob es nach dem überaus schwachen Fall „Mordecho“ noch einen weiteren so zeitnahen Auftritt von Martin Benrath bei „Derrick“ gebraucht hätte. Zugunsten einer noch stärkeren Darstellervielfalt hätte Ringelmann in einer der beiden Episoden gern zu einer Alternativbesetzung greifen dürfen. Mit (eher darstellerischer als charakterbezogener) Wertschätzung nimmt man hingegen das letzte „Derrick“-Mitwirken von Will Danin zur Kenntnis, der in der zweiten Hälfte der Serie kriminelle oder unsympathische Kleinrollen verlässlich übernahm. Kurioserweise war bei Danins erstem Serienauftritt in „Mordfall Goos“ aus dem Jahr 1987 Martin Benrath ebenfalls mit von der Partie. So schließt sich der Kreis ebenso wie bei den Ermittlungen im Fall Terza, der sicher kein „Derrick“ für alle Tage ist, aber den von der Radikalität des Bösen betroffenen Zuschauer recht wirkungsvoll in seinen Bann zieht.

    Kindesentführung, -missbrauch und -mord bilden einen für Verhältnisse der ZDF-Serie fast schon zu düsteren Hintergrund, der den Tenor einer klassisch gestrickten, etwas zu langatmigen, aber letztlich doch überzeugenden Episode bestimmt. Von Ashley einfühlsam in Szene gesetzt und von Benrath kompetent, wenngleich nicht sonderlich einfallsreich getragen ist mir „Hölle im Kopf“ gute 3,5 von 5 Punkten wert.

  • Foren-Beitrag von Gubanov im Thema

    Hmm, einige Besprechungen lesen sich so, als müsste man sich für das, was Wallace-Filme so typisch macht, regelrecht schämen. Ich halte es da mit @Jan: Was stört mich der Affe, wenn die Szene in Stalettis Labor doch so herrlich theatralisch ist? Dafür gibt es aus meiner Warte dicke Extrapunkte statt Punktabzug. (Ganz abgesehen davon, dass meine zoologischen Kenntnisse offenbar zu wünschen übrig lassen und ich bis heute nicht gecheckt habe, ob der Primat nun eine Kostümierung oder ein echtes Tier ist.)

    @greaves: Die Prätitelsequenz muss schon vor Kinostart entfernt worden sein, sonst wäre sie bei der DVD-Rekonstruktion wieder eingefügt worden. Wo die Szene vor Havelocs Büro gedreht wurde, hat @florian hier festgestellt; unbekannt ist noch der Drehort der Innenaufnahme mit dem Paternoster.

  • Foren-Beitrag von Gubanov im Thema

    Bin gerade bei eBay über ein sehr atmosphärisches Plakatmotiv gestolpert, das ich so noch nicht kannte. Drache sieht nur leider etwas komisch gezeichnet aus.
    https://www.ebay.de/itm/Affiche-PORTE-AU...6gAAOSwqu9VLHEt

  • Foren-Beitrag von Gubanov im Thema



    Edgar Wallace: Die Tür mit den 7 Schlössern (La porte aux sept serrures)

    Kriminalfilm, BRD / FR 1962. Regie: Alfred Vohrer. Drehbuch: Harald G. Petersson, Johannes Kai, Gerhard F. Hummel (Romanvorlage „The Door with Seven Locks“, 1926: Edgar Wallace). Mit: Heinz Drache (Inspektor Richard Martin), Sabina Sesselmann (Sybil Lansdown), Hans Nielsen (Warren D. Haveloc), Gisela Uhlen (Emely Cody), Werner Peters (Bertram Cody), Pinkas Braun (Dr. Antonio Staletti), Jan Hendriks (Tom Cawler), Eddi Arent (Kriminalassistent Holmes), Klaus Kinski (Lew Pheeny), Siegfried Schürenberg (Sir John), Ady Berber (Giacco), Friedrich Joloff (Hausmeister Burt), Horst Breitkreuz (Sergeant am Bahnhof), Eva Ebner (Ansagerin am Flughafen), Arthur Schilsky (Peter Livingston) u.a. Uraufführung (BRD): 19. Juni 1962. Uraufführung (FR): 6. Februar 1963. Eine Produktion der Rialto-Film Preben Philipsen Hamburg und der Les Films Jacques Leitienne Paris im Constantin-Filmverleih München.

    Zitat von Die Tür mit den 7 Schlössern
    Die Verbindung zwischen zwei Morden, welche an völlig unterschiedlichen Orten in London begangen werden, erkennt Scotland Yard nur dadurch, dass die beiden Opfer beinah identische Schlüssel bei sich trugen. Diese passen zu der mit insgesamt sieben Schlössern verriegelten Familiengruft der Selfords, um welche sich tödliche Machenschaften ranken. Auch Lew Pheeny, ein Einbruchsspezialist, der sein Können an der Tür zur Gruft erfolglos versuchte, wird getötet; auf den ermittelnden Inspektor Martin und seinen Assistenten Holmes werden mehrere Mordanschläge verübt. Welcher der Schlüsselbesitzer steckt hinter den Verbrechen und hofft, am Ende der Mordserie als einziger Überlebender den Selford’schen Familienschatz zu bergen?


    „Wer es wagt, mich daran zu hindern, mein Werk zu vollenden, stirbt.“

    Oft werden die Edgar-Wallace-Filme als „Märchenkrimis“ verlacht, deren überzogene und übermäßig vereinfachte Handlungsstränge Kritiker nicht recht ernstzunehmen in der Lage waren und sind. Während man gerade in den frühen Jahren der Rialto-Reihe durchaus vielfältige Gegenbeispiele harter oder innovativer Thriller findet, saßen die Macher im Laufe der Jahre zunehmend den selbstverbreiteten Klischees auf. „Die Tür mit den 7 Schlössern“ begründet in gewisser Weise jenen Abschnitt der Reihe, in dem besonders großzügig auf vorgefertigte Schablonen für typische Krimi- und Gruselmomente zurückgegriffen wird. So steht zum Beispiel eine Erbschaftsgeschichte im Mittelpunkt des Geschehens; angereichert wird sie durch den Macguffin der verstreuten Schlüssel, die ausgerechnet eine Gruft öffnen können, durch ein Ungeheuer mit übermenschlichen Kräften, einen größenwahnsinnigen Medizinscharlatan und unheimliche Szenen auf verschiedenen Schlössern bzw. Landsitzen sowie in deren Kellern oder Dachböden. Alfred Vohrers zweite Wallace-Arbeit wird aufgrund dieser nicht unbedingt revolutionären Melange üblicherweise deutlich unterhalb der vergleichsweise unverbrauchten „toten Augen“ einsortiert; ein den traditionellen Zutaten zugeneigter Zuschauer muss aber dennoch feststellen, dass die Mischung so effektiv zündet wie ein gutes Feuerwerk.

    Dankenswerterweise basiert „Die Tür mit den 7 Schlössern“ auf einem außerordentlich starken Roman des King of Crime und transferiert dessen morbide Spannung recht buchnah auf die Kinoleinwand. Vohrer erweist sich hier noch als geschmackvoller Geisterbahnchef, der Schreckensmomente gut abstimmt und gleichzeitig zielstrebig durch die relativ komplexe Krimihandlung um den flüchtigen Lord Selford und sein Familiengeheimnis führt. Allein der Einstieg erscheint aufgrund der unverständlichen Entscheidung, die gedrehte Prätitelsequenz vor Kinostart zu entfernen und gleichzeitig auf eine einprägsame Titelmusik zu verzichten, ein wenig unrund. Sobald aber der zweite Schlüsselbesitzer auf waghalsige Weise von den Galgenvögeln Friedrich Joloff und Pinkas Braun ins Jenseits befördert wird, gleich beide besagte Schlüssel und die Zeichnung eines Wappens auftauchen und Lew Pheeny in Gestalt Klaus Kinskis seine Geschichte vom unaufbrechbaren Gruftschloss vorträgt, schraubt sich der Rätselfaktor in angenehme Höhen. Dort verbleibt er auch für den Rest des Films, denn selten hatte ein Wallace-Krimi eine derart illustre Schurkenrunde zu bieten: Neben Joloff brillieren ein verunsicherter Werner Peters und eine hartherzige Gisela Uhlen in ihren jeweils ersten Verpflichtungen der Reihe, wohingegen Pinkas Braun seine eher geradlinige Darstellung aus der „Orchidee“ in diesem Streifen massiv erweitern und zu einem regelrechten Frankenstein-Verschnitt ausbauen darf. Als Herrscher über Leben und Tod verleiht sein Dr. Staletti der „Tür mit den 7 Schlössern“ eine gewisse chillige Horrornote, die auch ein willkommenes Wiedersehen mit Ady Berber – Stalettis monströser Kreatur und damit einem ähnlich beängstigenden Part wie dem des „blinden Jack“ – ermöglicht.

    Ähnlich wie die verwickelten Mysterien der Selfords und die Intrigen, welche die Codys und Staletti spinnen, wird auch die tragische Geschichte hinter dem operierten Giacco erst nach und nach enthüllt. Um der Wahrheit zum Sieg zu verhelfen, stellen sich mit Heinz Drache und Jan Hendriks zwei sehr unterschiedliche Persönlichkeiten in den Dienst der Verbrechensaufklärung. Draches Inspektor Martin manifestiert umgehend den Ruf des neuen Blacky-Ersatzdarstellers als cooler, flapsiger und manchmal etwas ruppiger Zeitgenosse, der im Vergleich zum etablierten Serienhelden deutlich weniger Schwiegermutterqualitäten besitzt, wohingegen Hendriks als Tom Cawler nominell zwischen Gesetz und Verbrechen steht, aber aufgrund seines guten Charakters schließlich die helfende Hand ausstreckt, wo sie benötigt wird. Sabina Sesselmann erweist sich an der Seite beider Darsteller als starke Besetzung, denn sie kann ihre Leistung aus „Das Geheimnis der gelben Narzissen“ ebenfalls vertiefen und damit auch ihre Sympathiewerte steigern. Dass sie danach nicht mehr in einem Edgar-Wallace-Film zu sehen war, erscheint ebenso verwunderlich wie die Tatsache, dass man Hans Nielsens zurückhaltend allwissende Darstellung des Anwalts Haveloc nicht zum Anlass nahm, ihm mehr und bessere Rollen in den Nachfolgeproduktionen anzubieten.

    Obwohl es sich bei „Die Tür mit den 7 Schlössern“ um jenen Film handelt, in dem Siegfried Schürenberg zum ersten Mal seine Leib- und Magenrolle als Polizeichef Sir John ausfüllte, erscheint der Humor, für den hauptsächlich er und Arent verantwortlich sind, keineswegs überzeichnet. Noch agiert Sir John ähnlich seriös wie Schürenbergs Major Staines in „Der Rächer“ und auch Arents Humorration wurde im Vergleich mit „Das Rätsel der roten Orchidee“ wieder zurückgefahren und in trockenere Bahnen gelenkt (unvergessen sein „Schade, ich hatte ihn gerade erst vollgetankt“, als der mit Martin gemeinsam befahrene Wagen aufgrund einer heimtückischen Falle im Themsewasser der Havel untergeht). Apropos Havel: Für die Entdeckung, die Berliner Pfaueninsel zum Wallace-Drehort zu machen, gebühren Alfred Vohrer und Horst Wendlandt noch bei heutigen Sichtungen stehende Ovationen. Gerade vor dem Hintergrund der gediegenen Märchenhaftigkeit dieses Filmexemplars bieten Lennés englische Gartenlandschaften und die für Friedrich Wilhelm II. im Ruinenstil erbauten Landmarken wie Schloss, Kavaliershaus und Jacobsbrunnen eine optimale Ausbeute, die noch weiter durch gekonnte Ergänzungen wie das Gruft-Studioset sowie gekonnte Karl-Löb-Aufnahmen bei Nacht oder im fahlen Tageslicht der Drehmonate Februar – März veredelt werden.

    Die „Tür“ lässt wenige Stereotype eines Edgar-Wallace-Krimis aus, bedient diese aber noch auf hochwertigem und nicht lediglich selbstreferenziellem Niveau. Gemeinsam mit einer löwenstarken Besetzung und einem reizvollen Plot kommt es deshalb zu einem abgerundeten Filmvergnügen, bei dem man stellenweise meint, die pure Essenz der Reihe vor sich zu haben. Minimale Abzüge für Musik, Anfangssequenz und das Fehlen einer Haupttäteralternative stören das Sichtungsvergnügen nur in unwesentlichem Umfang.

  • "Derrick" oder: das andere KonzeptDatum18.01.2019 23:00
    Foren-Beitrag von Gubanov im Thema

    DERRICK Collector’s Box 19 (Folgen 271-281, 1997-98)





    Derrick: Fundsache Anja

    Episode 271 der TV-Kriminalserie, BRD 1997. Regie: Dietrich Haugk. Drehbuch: Herbert Reinecker. Mit: Horst Tappert, Fritz Wepper sowie: Daniel Friedrich (Walter Ahrens), Katja Woywood (Anja Kajunke), Irene Clarin (Frau Kajunke), Franjo Marincic (Kajunke), Sarah Deissenböck (Milly Kajunke), Regine Leonhardt (Anneliese Lünnhof), Klaus Höhne, Inge Schulz u.a. Erstsendung: 23. Mai 1997, ZDF.

    Zitat von Derrick: Fundsache Anja
    Schreckensstarr warten Frau Kajunke und ihre Töchter Anja und Milly auf die Rückkehr des Familienvaters Alfred. Dieser betrinkt sich regelmäßig in seiner Stammkneipe und vergeht sich anschließend im Suff an seinem älteren Kind. Manchmal schickt Frau Kajunke Anja daher vorsorglich aus dem Haus. An einem dieser Abende sucht die 18-Jährige Unterschlupf im Gartenhaus einer Villa, deren Besitzer sie entdeckt und für ihre missliche Lage großes Verständnis aufbringt. Zum ersten Mal hat Anja einen Zufluchtsort, an dem sie sich sicher fühlen kann. Vier Wochen später wird Herr Kajunke erstochen aufgefunden. Derrick ermittelt sowohl im Umfeld der Kajunkes als auch in der Villa von Walter Ahrens ...


    Dietrich Haugk hatte nicht nur den Vorteil, von der ersten „Derrick“-Stunde an (mit Unterbrechungen) dabei gewesen, sondern inszenatorisch noch etwas beweglicher als einige seiner alternden oder neu hinzugestoßenen Kollegen zu sein. So entwickelt sich „Fundsache Anja“ zu genau dem, wofür Reinecker-Serien eigentlich so beliebt sind – einem guten, altmodischen Familiendrama mit sozialkritischem Einschlag. Den Dämon Alkohol hatte der Autor schon gelegentlich gegeißelt (man denke etwa an den Problem-„Kommissar“ „Fährt der Zug nach Italien?“); hier wird die Gefahr, die vom volltrunkenen Vater für dessen Frau und Töchter ausgeht, aber so greifbar und real dargestellt wie selten sonst. Ein völlig abgewrackter Franjo Marincic erweist sich dabei ebenso als Idealbesetzung wie eine überfordert-verhuschte Irene Clarin sowie die von ihren Lebensumständen völlig traumatisierte Katja „Anja“ Woywood. Diese gibt sich zurückhaltend verstört, ohne mit übertriebenem Spiel die Nerven der Zuschauer zu strapazieren – stattdessen kann man sich mit ihr und ihrem „Retter“ (ebenfalls sehr sympathisch: Daniel Friedrich) vollauf identifizieren, gerade wenn sie wie ein verfolgtes Reh ins Scheinwerferlicht blickt.

    Der Aufbau der Episode erweist sich in mehreren Aspekten als ungewöhnlich. Zwar hat sich das lange Ausbreiten der Vorgeschichte mittlerweile zum beliebten Stilmittel in „Derrick“-Episoden entwickelt, aber ein mittels Texteinblendung erläuterter Zeitsprung von vier Wochen sowie Derricks nicht gerade alltägliche, sich auf Rückblenden stützenden Befragungen in der zweiten Hälfte verleihen „Fundsache Anja“ eine markante, teilweise traum- oder märchenartige Eigentümlichkeit. Dabei wird geschickt durch den Einsatz einer subjektiven Kamera, einer unterschwelligen Musikuntermalung des Gastkomponisten Wolfgang Pillinger sowie intensiver, aber völlig philosophiefreier Dialoge ein beträchtlicher Suspense geschürt. Und obwohl das Motiv für den Mord an Herrn Kajunke offen auf der Hand liegt, bereitet die Täterfrage doch gehöriges Kopfzerbrechen bis zum letzten Moment.

    Altgediente Serienfreunde erfreuen sich an einer verhältnismäßig präsenten Rolle für Fritz Wepper sowie an einigen regelrecht klassischen Verrücktheiten am Rande: So will sich Derrick gerade ins Kino verabschieden, um einen Krimi zu sehen, als Kajunkes Leiche gemeldet wird. Auf welchen sehenswerten Film er es anno 1997 wohl abgesehen hatte? Zudem präsentiert sich Serienveteran Klaus Höhne in einer kleinen Rolle als neugieriger Nachbar und Leichenfinder, dem Derrick mehrfach im Treppenhaus begegnet und der sich dessen Namen partout nicht merken kann. Diese kleine humoristische Brechung tut dem in sonstigen Belangen sehr ernsthaften Fall durchaus gut.

    Haugk findet nicht nur in puncto Humor eine ordentliche Balance, sondern verknüpft auch galant unterschiedliche Milieus miteinander, sodass Anjas Leidensgeschichte vom Missbrauchsopfer zur Walter Ahrens’ Sozialexperiment gewisse „Cinderella“-Qualitäten entwickelt. Haugk legt dabei genau die richtige Mischung aus einer schonungslosen Offenheit, die durch das fortgeschrittene Produktionsjahr in Bezug auf das Notzuchtthema ermöglicht wird, und angemessener Zurückhaltung an den Tag. „Fundsache Anja“ unterscheidet sich von Zeigefinger-Folgen auf wohltuende Weise, zumal sich alle Beteiligten dazu entschlossen, die Protagonisten zu einigermaßen abgerundeten Personen anstatt zu Schattenrissen auszuprägen.

    Starke Spätfolge, die sich auf eindrückliche Weise des Missbrauchs von Alkohol und Schutzbefohlenen annimmt. Sie profitiert von passender Besetzung und einer Umsetzung, die von Fingerspitzengefühl und einem genauen Abwägen zwischen dramatischen Effekten und Pietät gleichermaßen zeugt und dabei auch noch gehörig Spannung aufbaut. 4,5 von 5 Punkten.

  • Foren-Beitrag von Gubanov im Thema

    Die Szene, auf die sich Dr. Oberzohn bezieht, ist Bestandteil der Bandenkämpfe nach dem ersten, erfolglosen Treffen von Kerkie Minelli und dem schönen Steve sowie ihrer Gefolgsmänner. Nachdem sie festgestellt haben, dass es zu keiner gütlichen Einigung kommt, jagt zuerst eine Autobombe einen von Steves Kumpanen in die Luft und anschließend messert ein anderer Gauner den am Spielautomat stehenden F.G. Beckhaus. In dieser Szene (beginnt kurz vor der 49-Minuten-Marke) erklingt der besagte Schlager:

    "Lass mich doch bitte nie mehr allein,
    Denn ohne dich kann ich nicht sein.
    Drum sei doch immer sehr lieb zu mir,
    Mein Herz gehört immer nur dir."

    Weiß jemand, ob es sich um einen echten Schlager aus der damaligen Zeit oder um eine reine Filmkomposition von Peter Thomas handelt? Ich konnte spontan bei der Suche nach den Lyrics keine Übereinstimmung finden.

  • "Derrick" oder: das andere KonzeptDatum18.01.2019 20:53
    Foren-Beitrag von Gubanov im Thema

    Vor einer Woche gab es das überraschende Ableben von Fritz Weppers 76-jähriger Ehefrau Angela aufgrund einer Hirnblutung zu beklagen. Die Ehe war 1979 geschlossen worden; es ging auch die gemeinsame Tochter und Schauspielerin Sophie Wepper daraus hervor. Für die Klatschpresse ist nun neben Angela Weppers Tod vor allem das Verhalten von Weppers zeitweiliger Geliebter Susanne Kellermann interessant, über deren Verhältnis zur verstorbenen Angela Wepper unterschiedliche, teils recht blumige Berichte kursieren.

    RTL.de: Fritz Weppers Frau Angela ist im Alter von 76 Jahren verstorben
    Bunte.de: Angela Wepper – Die Wahrheit über ihren Tod
    Bunte.de: Angela Wepper – Drama um ihre Beerdigung

  • "Derrick" oder: das andere KonzeptDatum15.01.2019 00:10
    Foren-Beitrag von Gubanov im Thema



    Derrick: Gesang der Nachtvögel

    Episode 270 der TV-Kriminalserie, BRD 1997. Regie: Wigbert Wicker. Drehbuch: Herbert Reinecker. Mit: Horst Tappert, Fritz Wepper sowie: Nikolaus Gröbe (Lorenz Rosenfeld), Roswitha Schreiner (Marga Weinding), Jacques Breuer (Bernd Weinding), Gertraud Jesserer (Frau Rosenfeld), Hans Peter Hallwachs (Dr. Rosenfeld), Raphael Wilczek (Rubin), Michael Zittel (Carossa), Christian A. Koch (Kaselke) u.a. Erstsendung: 18. April 1997, ZDF.

    Zitat von Derrick: Gesang der Nachtvögel
    Als Student ist Lorenz Rosenfeld eine Niete und auch im Umgang mit anderen Menschen macht er sich wenige Gedanken. Er lernt Marga Weinding kennen, mit der er eine Affäre beginnt, ohne zu ahnen, dass hinter Marga eine sektenartige Vereinigung steht, die es auf das Geld seines Vaters abgesehen hat. Sobald die Strippenzieher ihn für weichgekocht genug halten, töten sie Lorenz’ Vater, den Besitzer einer florierenden Computerfirma, indem sie einen Verkehrsunfall vortäuschen. Lorenz selbst lassen sie eine Vollmacht unterschreiben, die einem zur Sekte gehörenden Anwalt die volle Verfügungsgewalt über das Erbe erteilt ...


    „Gesang der Nachtvögel“ fügt der typischen Student-auf-Abwegen-Handlung einen interessanten Twist hinzu, denn selten wurde einem der unselbstständigen und beeinflussbaren Reinecker-Jugendlichen so perfide mitgespielt wie in dieser Episode. Dabei wahrt man eine ungewöhnliche Balance zwischen offener Bedrohungslage sowie Täterkonstruktion und einem zunächst noch unbekannten Motiv und konzentriert sich einerseits auf das Umwerben des potenziellen Opfers und andererseits auf dessen familiäre Probleme. Die Exposition zum Mord gelingt also sehr interessant und auch die Tat an sich wurde von Wigbert Wicker mit Gespür für Action in Szene gesetzt.

    Nikolaus Gröbe ist normalerweise auf reflektiertere Rollen abonniert und überrascht deshalb als ungelenker Leichtfuß. Man hätte hier vielleicht trotz seines hohen Sympathiewerts einen anderen Darsteller verpflichten können. Wiederum harmoniert er gut mit Roswitha Schreiner, bei der lange unklar bleibt, in welchem Ausmaß sie in die Hintergründe des Ränkespiels eingeweiht ist. Leider obliegt es ausgerechnet Schreiner, die verqueren Ideen der Sekte dem Publikum zu präsentieren. Anstatt eine gefährlich wirkende, vereinnahmende Glaubensgemeinschaft zu skizzieren, beschränkte sich Reinecker auf eine recht zahnlos wirkende Wahrheitssucher-Sekte, die sich in dubiosen, aber harmlosen philosophischen Fragen ergeht. Schreiner muss folglich solche Sätze äußern wie „Themen haben kein Sitzfleisch. Sie kommen auf Flügeln und wenn sie einen verlassen, gehen sie am Stock“ oder „Wir sind Blinde, ohne blind zu sein, und rennen herum mit geschlossenen Augen in einer Traumwelt uralter Bilder“. Das weckt zwar intuitiv den Wunsch, sich die Ohren mit Seife auszuwaschen, aber nicht unbedingt die beabsichtigten tiefgehenden Abneigungen gegenüber Rubins und Weindings ruchloser Community.

    So gestaltet sich insbesondere der Ermittlungsprozess etwas zahnlos; hier hätte gern mit ordentlichen kriminalistischen Indizien, z.B. Lack- oder Reifenspuren des Tatwagens, gearbeitet werden dürfen, anstatt die Täter (ein sehr passendes Duo aus „Derrick“-Veteran Jacques Breuer und dem distanzierten Raphael Wilczek) in blanker Selbstüberschätzung ins offene Messer rennen zu lassen. Derricks Anstrengungen, die Herren und ihren Handlanger festzunehmen, halten sich jedenfalls in engen Grenzen. Einen bitteren Nachgeschmack hinterlässt auch das Finale, in dem sich Gröbe und Schreiner nach erfolgter Verhaftung der Hintermänner nach wie vor mit romantischer Naivität im Arm liegen, als wäre das Brainwashing der beiden nie passiert. Derrick flüchtet sich bei solcher Blauäugigkeit in religiöse Wagnis und wünscht den beiden Turteltauben, „der Herr möge ihnen beistehen auf der Suche nach Wegweisern“. Gleiches könnte man auch den „Derrick“-Machern für ihre letzten zwei Jahrgänge erwidern.

    Ein gut angedachter Plot krankt an einer etwas zu oberflächlichen Umsetzung. Mit etwas mehr Pfeffer hätte die Sektenhandlung noch unangenehmer gewirkt und wäre mit den rauen Mitteln der Verblendeten, Geld für die „gute Sache“ zu organisieren, besser in Übereinstimmung zu bringen gewesen. So bleibt es bei 3,5 von 5 Punkten, die sich hauptsächlich auf eine solide Besetzung und die nachfühlbare Situation des umgarnten, gedankenlosen Studenten stützen.



    Ist es Zufall oder eine selbsterfüllende Prophezeiung? Die erste Collector’s Box, an der Theodor Grädler nicht mehr beteiligt war, erhält von mir die bis dato schwächste Durchschnittswertung. Oder sehe ich einfach nur Gespenster und die Folgen nahmen einfach generell qualitativ ab – so wie alle „Derrick“-Kenner mich geflissentlich vorgewarnt haben? Naja, das Spitzenfeld von Box 18 ist jedenfalls sehr dünn, bevor ein großer Batzen solider, aber nicht wirklich begeisternder Mittelfeld-Folgen einsetzt. Es zeigt sich, dass viele Fälle nicht mehr den Schwung haben, um die traditionelle „Derrick“-Stimmung in ausreichendem Maße aufkommen zu lassen, was manchmal an schwachen Drehbüchern und manchmal an der Verpflichtung neuer, serienunerfahrener Regisseure liegt. Von diesen Neulingen hebt sich einzig Peter Deutsch als teilweiser Erfolg ab, denn seine Episode „Der Verteidiger“ ist „Derrick“-Kost auf gewohnt hohem Niveau. Sonst gelang vor allem den alten Hasen Tappert und Goslar mit ihren einzigen Arbeiten der Box, eine zufriedenstellende Mischung zu finden. Nichtsdestoweniger bewahrt sich der etwas aus der Zeit gefallene Derrick auch in seinen späten Jahren eine einzigartige Faszination, die auch über schwächere Momente hinweghilft.

    Platz 01 | ★★★★★ | Folge 263 | Der Verteidiger (Deutsch)

    Platz 02 | ★★★★☆ | Folge 261 | Das leere Zimmer (Tappert)

    Platz 03 | ★★★★★ | Folge 259 | Mädchen im Mondlicht (Goslar)

    Platz 04 | ★★★☆★ | Folge 267 | Eine kleine rote Zahl (Itzenplitz)
    Platz 05 | ★★★☆★ | Folge 257 | Ruth und die Mörderwelt (Ashley)
    Platz 06 | ★★★☆★ | Folge 265 | Zeuge Karuhn (Deutsch)
    Platz 07 | ★★★☆★ | Folge 270 | Gesang der Nachtvögel (Wicker)

    Platz 08 | ★★★★★ | Folge 264 | Das dunkle Licht (Weidenmann)
    Platz 09 | ★★★★★ | Folge 266 | Bleichröder ist tot (Deutsch)
    Platz 10 | ★★★★★ | Folge 268 | Gegenüberstellung (Itzenplitz)
    Platz 11 | ★★★★★ | Folge 256 | Einen schönen Tag noch, Mörder (Weidenmann)

    Platz 12 | ★★☆★★ | Folge 269 | Verlorener Platz (Weidenmann)
    Platz 13 | ★★☆★★ | Folge 258 | Frühstückt Babette mit einem Mörder? (Itzenplitz)

    Platz 14 | ★★★★★ | Folge 262 | Riekes trauriger Nachbar (Itzenplitz)
    Platz 15 | ★★★★★ | Folge 260 | Mordecho (Ashley)

  • Foren-Beitrag von Gubanov im Thema

    Dass man O'Connor so leicht erkennt, ist natürlich ein klarer Minuspunkt, denn durch diese Inszenierung verrät der Film völlig unnötigerweise ein Geheimnis, welches das Drehbuch, das wiederum klar auf einen Whodunit angelegt ist, eigentlich zu hüten versucht. Offenbar wollte Ashley im Gegensatz zu den anderen Wallace-Filmen in der Orchidee "Fairplay" gegenüber dem Zuschauer betreiben, was aber übel nach hinten losging. Wenn man den Haupttäter trotz Whodunit offen zeigt, muss man es geschickter und weniger platt angehen, sodass dem Zuschauer z.B. gar nicht bewusst ist, dass er ihn gesehen hat (vgl. etwa "Profondo Rosso"). Nachsynchronisationen hatten sich darüber hinaus im Rahmen der Wallace-Reihe eigentlich bereits als probates Mittel erwiesen, auf das man zur Verschleierung der Täteridentität zurückgreifen konnte, ohne das Publikum zu verärgern.

    Bei den "Narzissen" ist es wieder ein anderer Fall, weil dort nicht nur die Stimme nicht passt, was akzeptabel oder eben sogar wünschenwert ist, sondern auch das Gesicht offenkundig nicht dem echten Täter gehört. Das ist dann einfach Betrug am Zuschauer, aber in meinen Augen nicht gar so schwerwiegend wie der Fehlgriff mit der übertriebenen Offenheit in "Das Rätsel der roten Orchidee".

    Counts Vorschlag mit der nachträglichen Nachsynchronisation ist zwar lieb und nett (und wahrscheinlich nicht ganz ernst gemeint), aber kommt knapp 60 Jahre zu spät. Jetzt, wo der Film ohnehin schon den größten Teil seines Publikums gefunden hat, braucht man die verschüttete Milch auch nicht mehr aufzuwischen versuchen.

  • Eure DVDsDatum12.01.2019 22:18
    Foren-Beitrag von Gubanov im Thema

    Meine Neuzugänge im Dezember und Januar:

    FILM

    • Das Feuerzeug (Märchen-Klassiker)
      (DDR 1959, mit Rolf Ludwig, Heinz Schubert, Rolf Defrank u.a.; Icestorm)
    • Suddenly, Last Summer (Columbia Classics)
      (GB / USA 1959, mit Elizabeth Taylor, Katharine Hepburn, Montgomery Clift u.a.; Columbia Tristar HE [GB-Import])
    • Das Urteil von Nürnberg (Judgment at Nuremberg)
      (USA 1961, mit Spencer Tracey, Burt Lancaster, Richard Widmark u.a.; Capelight Pictures)
    • König Drosselbart (Märchen-Klassiker)
      (DDR 1965, mit Karin Ugowski, Manfred Krug, Martin Flörchinger u.a.; Icestorm)
    • Allein gegen das Gesetz (Il vero e il falso)
      (IT 1972, mit Terence Hill, Martin Balsam, Paola Pitagora u.a.; Koch Media)
    • Schneeweißchen und Rosenrot (Märchen-Klassiker)
      (DDR 1978, mit Julie Juristová, Kartin Martin, Pavel Trávnicek u.a.; Icestorm)
    • Der (wirklich) allerletzte Streich der Olsenbande (Olsen Bandens sidste stik)
      (DK 1998, mit Ove Sprogøe, Poul Bundgaard, Morten Grunwald u.a.; Icestorm)
    TV
    • Das Millionending (Pidax Serien-Klassiker)
      (BRD 1966, mit Helmut Wildt, Horst Bollmann, Gerhard Hartig u.a.; Pidax-Film)
    • Mord ist ihr Hobby (Staffel 6, Teil 1) (Murder, She Wrote)
      (USA 1989, mit Angela Lansbury, Ron Masak, William Windom u.a.; Universal HE)
    • Mord ist ihr Hobby (Staffel 6, Teil 2) (Murder She Wrote)
      (USA 1990, mit Angela Lansbury, Ron Masak, William Windom u.a.; Universal HE)
    • Das Babylon-Komplott (Pidax Film-Klassiker)
      (AT / BRD 1993, mit Franco Nero, Andrea Jonasson, Hannelore Elsner u.a.; Pidax-Film)

  • Foren-Beitrag von Gubanov im Thema



    Edgar Wallace: Das Rätsel der roten Orchidee

    Kriminalfilm, BRD 1961/62. Regie: Helmuth Ashley. Drehbuch: Trygve Larsen (d.i. Egon Eis) (Romanvorlage „When the Gangs Came to London“, 1932: Edgar Wallace). Mit: Adrian Hoven (Inspektor Weston), Marisa Mell (Lilian Ranger), Christopher Lee (Captain Allerman), Pinkas Braun (Edwin Tanner), Eric Pohlmann (Kerkie Minelli), Christiane Nielsen (Cora Minelli), Klaus Kinski (der „schöne Steve“), Eddi Arent (Todesbutler Parker), Fritz Rasp (Mr. Tanner), Wolfgang Büttner (Chefinspektor Tetley), Edgar Wenzel (Babyface), Herbert A.E. Böhme (Oberst Drood), Günther Jerschke (Mr. Shelby), Sigrid von Richthofen (Mrs. Moore), Hans Paetsch (Lord Arlington) u.a. Uraufführung: 1. März 1962. Eine Produktion der Rialto-Film Preben Philipsen Hamburg im Constantin-Filmverleih München.

    Zitat von Das Rätsel der roten Orchidee
    Zur gleichen Zeit versuchen zwei amerikanische Gangsterbanden ihr Glück in London: Beide operieren nach dem Schutzgeldprinzip, erpressen Geld von ihren Opfern und drohen ihnen bei Nichtbezahlung mit dem Tode. Da derlei Sitten in London noch nicht etabliert sind und die Banden sich erst einmal Respekt verschaffen müssen, fallen mehrere Mitglieder der High Society den Drohungen der Gangster zum Opfer. Einer der Männer hinter dem Spuk ist der geborene Italiener Kerkie Minelli; sein großer Konkurrent, der Gaunerboss O’Connor, starb aber angeblich ein Jahr zuvor in Chicago einen brutalen Kugeltod. Wer also macht Minelli das neue Territorium streitig? Scotland Yard zieht FBI-Captain Allerman hinzu und findet heraus, dass alle Spuren in die Dorris-Bank führen, bei der die ebenfalls bereits erpresste Lilian Ranger angestellt ist ...


    „In Amerika, da mag so etwas möglich sein. Das ist ein wildes Land. Aber bei uns in London?“

    Bekanntermaßen pflegte Edgar Wallace eine Vorliebe für wilde Ganovenstories und auch für die mafiösen Herren, die in auffälligen Nadelstreifenanzügen und hinter solch organisiertem Verbrechen im Land der unbegrenzten Möglichkeiten steckten. Im Jahr 1929 hatte er Al Capone kennengelernt und auf Grundlage dieses Treffens das Theaterstück „On the Spot“ verfasst. Seit Beginn des Tonfilmzeitalters erfreuten sich zudem in Hollywood schonungslose Filme über Bandenkriminalität großer Beliebtheit. Die Hauptverbrecher Minelli und O’Connor in diesem Streifen ähneln sowohl Capone als auch den typischen Rollenklischees damaliger Gangsterfilme in hohem Maße. Dennoch ist es schade, dass Helmuth Ashley und Egon Eis mit „Das Rätsel der roten Orchidee“ keinen Film zuwege brachten, der an Klassiker wie „Der kleine Caesar“, „Der öffentliche Feind“ oder „Narbengesicht“ anknüpft, womit er durchaus eine ernstzunehmende Bereicherung für die Vielfalt der Rialto-Reihe gewesen wäre. Stattdessen tappten Autor und Regisseur, die hier offenbar einen Kontrapunkt zu den klassischen Vehikeln „Fälscher“ und „Gräfin“ setzen wollten, in die Falle starker humoristischer Überspitzung, welche die aus den USA importierten Verbrechen lächerlich wirken lässt.

    Es ist keinesfalls so, als verfüge der mit nur 81 Minuten ohnehin sehr kurze Film nicht über ein hohes Tempo und eine dichte Abfolge an Morden und Einschüchterungen. Die Härten, die gezeigt werden, verlieren sich aber in einem generell eher albernen, teilweise gar slapstick-haften Duktus – und ähnlich wie bei „Der grüne Bogenschütze“ wirkt sich die Ironisierung des Geschehens auch hier eindeutig negativ auf den Gesamteindruck aus. So erreichen fast alle Handlanger der beiden Hauptschurken nur karikatives Niveau, die Erpressungen leiden unter der unwahrscheinlichen Figur des bei allen Opfern angestellten „Todesbutlers“ und auch der Zweikampf zwischen den Banden wirkt eher amüsant als dramatisch. Hauptanteil am Umstand, dass man das Geschehen eher grinsend als mitfiebernd verfolgt, trägt auch die allzu leichtherzige musikalische Untermalung von Peter Thomas, während Franz Xaver Lederle mit seiner Kameraarbeit das Wallace-Universum um einige ikonische Momente (Auftaktszene in Chicago, Überfall auf den falschen Bankier Dorris im Zug, Spiegelung des Angreifers in der Wohnung von Babyface, Lilian Rangers nächtlicher Ausflug in den Tresorraum der Bank) bereicherte. Die spezielle Natur einiger Morde (Einsatz von Maschinengewehren und Rasiermessern) sowie die anfängliche Einblendung von Textinserts zu den Schauplätzen knüpfen zudem durchaus authentisch an us-amerikanische Stilistiken an.

    Nicht nur thematisch, auch darstellerisch schlug man neue Wege ein. Als gefährliches Unterfangen stellt sich einmal mehr der Verzicht auf Joachim Fuchsberger in der Ermittlerrolle heraus; Adrian Hoven erscheint im Vergleich als eher unbefriedigender Ersatz, der ebenso wie Filmpartnerin Marisa Mell zwar „nett und adrett“ auftritt, aber die Frage aufwirft, warum man hier nicht wie üblich prominente und zugkräftige Schauspieler aus der ersten Garde wählte. Diese treten eher in kleineren Rollen auf und bereichern in dieser Funktion ausgewählte Szenen, so zum Beispiel die erprobten Charakterdarsteller Hans Paetsch, Fritz Rasp oder Klaus Kinski. Pinkas Brauns erster Edgar-Wallace-Auftritt gerät noch nicht so ikonisch wie seine späteren Rollen; auch bei Eddi Arent und Christopher Lee fand Ashley es offenbar schwer, die richtige Dosierung zu finden. Weniger aufdringliche Juxereien des Erstgenannten und zugleich ein präsenteres Auftreten des Zweiten wären dem Film gut zupass gekommen. Lee, dem man den Amerikaner vielleicht noch weniger abnimmt als den Chinesen, stellt trotz einiger gekünstelter Momente (Abschießen eines nächtlichen Verfolgers mit zwei Revolvern) seine Co-Ermittler im Handumdrehen in den Schatten, wirkt aber ein wenig wie ein teuer eingekaufter Special Guest, mit dessen Drehtagen man wegen des Budgets eng haushalten musste. Sehr präzise gelang die Besetzung der Minelli-Rolle, denn obwohl man seinen österreichischen Akzent deutlich durchhört, wirkt der stattliche Eric Pohlmann – stellenweise gemütlich leutselig, dann wieder gefährlich unnahbar – wie der ideale Obergangster.

    „Das Rätsel der roten Orchidee“ bewegt sich in großen Schritten (und nicht nur wegen des signifikanten Humoranteils) weg von den ernstzunehmenden Krimithrillern der Wallace-Frühphase und hin zu den leichtherzigen Fantasiegeschichten späterer Phasen. Neben größeren Freiheiten in Bezug auf die Romanvorlage schlägt sich dies vor allem in dem Umstand nieder, dass der Film zu keiner Zeit gruselig oder bedrohlich wirkt; seine komplettes Augenmerk setzte Ashley stattdessen auf Unterhaltsamkeit und Kurzweil, der sich Logik und Glaubwürdigkeit häufiger als sonst beugen müssen. Als problematisch erweist sich vor diesem Hintergrund allerdings das Spielen mit offenen Karten, das es dem Publikum mangels Nachsynchronisation erlaubt, die Identität von O’Connor sofort zu enttarnen, und damit den voll auf Whodunit gebürsteten Showdown enttäuschend verpuffen lässt. Unterm Strich wirkt „Das Rätsel der roten Orchidee“ deshalb wie ein unkonventioneller und durchaus einfallsreicher Serienbestandteil, der aber formal und in Bezug auf Spannung und Identifikation nicht auf dem Niveau der meisten anderen Filme spielt.

    Als die Gangster nach London kamen, drehten sie so manche Prinzipien bisheriger Wallace-Filme auf den Kopf. Da in den meisten Punkten jedoch Verschlimmbesserungen der üblichen Formel dabei herauskamen, blieb „Das Rätsel der roten Orchidee“ verständlicherweise ein Unikum, dessen Stil, Hauptdarsteller und Regisseur fürs Erste nicht mehr zur Wallace-Reihe zurückkehrten. Der Film ist dynamisch, schön anzusehen und bietet vor allem Lee, Kinski, Pohlmann und Wenzel dankbare Rollen, wäre aber besser in ernsthafter, harter und international vorzeigbarer Façon umgesetzt worden.

  • "Derrick" oder: das andere KonzeptDatum11.01.2019 00:10
    Foren-Beitrag von Gubanov im Thema



    Derrick: Verlorener Platz

    Episode 269 der TV-Kriminalserie, BRD 1997. Regie: Alfred Weidenmann. Drehbuch: Herbert Reinecker. Mit: Horst Tappert, Fritz Wepper sowie: Christiane Hörbiger (Lore Lenau), Klausjürgen Wussow (Gregor Lenau), Holger Handtke (Martin Lenau), Irina Wanka (Herta Lenau), Natali Seelig (Marietta Lenau), George Lenz (Richard Lenau), Gabriele Dossi (Maria Wendeguth), Norbert Goth u.a. Erstsendung: 14. März 1997, ZDF.

    Zitat von Derrick: Verlorener Platz
    Herta Lenau, die Frau des Boutiquebesitzers Gregor Lenau, wurde vor der Bank beim Einwerfen der Wocheneinnahmen erwürgt. Vom Geld fehlt jede Spur. Gregor Lenau ist so schockiert über den Tod seiner deutlich jüngeren Frau, dass er ins Krankenhaus eingewiesen werden muss. Da nimmt sich seine erste Gattin wieder seiner an: Lore Lenau ist im Gegensatz zu ihrem geschiedenen Mann eine sehr entschlossene Frau, die alles daran setzt, den verlorenen Platz in der Familie wieder in Besitz zu nehmen. Würde sie soweit gehen, dafür auch einen Mord zu verüben?


    Wie so oft in der Abschlussphase bei „Derrick“ bekommt man es bei „Verlorener Platz“ mit einer Episode zu tun, die nicht uninteressant beginnt, aber nach und nach in künstlicher Schwere versinkt. Während man das Ableben von Herta Lenau und die Schockstarre ihres Mannes über das Verbrechen gespannt verfolgt, verliert man mit dem Auftreten der Ehevorgängerin in Gestalt Christiane Hörbigers recht schnell das Interesse am Verlauf der Folge. Obwohl Hörbiger eigentlich eine gute Schauspielerin ist, ist sie diesmal ähnlich wie in „Derricks toter Freund“ mit einer unvorteil- und ausgesprochen schwatzhaften Rolle bedacht worden. Der Titel spielt auf ihre Verdrängung aus dem luxuriösen Hause Lenau durch die jüngere Konkurrentin an und es erfordert keinen besonders geschulten detektivischen Verstand, um sich die Hintergründe über das Verbrechen binnen weniger Augenblicke zusammenzupuzzeln. Reinecker und Weidenmann erfüllen dann auch voll und ganz die (niedrigen) Erwartungen und schlachten in endlosen Monologen über die Situation der Frau die durchschaubare Fall- und Figurenkonstellation aus.

    Der eigentlich immer gern gesehene Klausjürgen Wussow wird von Hörbiger an den Rand der Bedeutungslosigkeit gedrängt, denn die Frau bemächtigt sich nicht nur wieder der Wohnung und des Geschäfts, die ihr einst auch zu Teilen gehörten, sondern beantwortet im Namen ihres Mannes auch gleich noch alle von Derricks Fragen. Gleiches gilt für die Rollen ihrer Kinder, die offenbar nur dem einen Zweck dienen, noch etwas Unsicherheit über den Täter ins Spiel zu bringen. Das missglückt aber gründlich, denn welcher Sprössling die Tat letztlich verübte, ist in Ermangelung individueller Persönlichkeiten und unterscheidbarer Motive völlig egal. Immerhin einen Grund zur Freude gibt es bei der Lenau’schen Baggage: In den letzten Serienjahren muss man sich nach und nach von vielen jahrelangen Weggefährten aus dem „Derrick“-Universum verabschieden und oft ist es schade, bemerken zu müssen, dass mittlerweile sehr vertraute Namen zum letzten Mal an einer Folge mitwirken. In diesem Fall darf man aber die Halleluja-Fanfare auspacken: Holger Handtke gibt hier in „Verlorener Platz“ seinen Ausstand aus der Reihe! Das ewige Trauma-Kind meist absolut unterdurchschnittlicher „Derrick“-Episoden bekommt hier noch eine letzte Rolle ganz auf die eigene altgediente Rollenschublade zugeschnitten und ist dann – Ringelmann sei’s gedankt – endlich weg vom Fenster.

    Die einzig verbleibende Unklarheit – wo nämlich das verschwundene Geld geblieben ist, das sich vor ihrer Ermordung im Besitz der Toten befand – beschäftigt den Zuschauer nicht weiter, weil ein Raubmord als Ablenkungsmanöver (gelinde gesprochen) auf tönernen Füßen steht. Selbst Harry bekommt von Anfang an mit, dass familiäre Gründe für den Mord vorliegen müssen – und das ist eigentlich der beste Indikator dafür, dass es sich Reinecker hier ein ganzes Stück zu leicht mit der Handlung machte. Man freut sich folglich auf den Abspann, der – das sei zur Ehrenrettung erwähnt – von einem angenehm dezenten Duval-Stück begleitet wird.

    Gähnend lange Monologe einer Frau und Mutter, die man nicht zum Feind haben will: Christiane Hörbiger kämpft offensiv (zu offensiv?) gegen eine krude Rolle und gleichsam eine misslungene Folge an, in der das einzige Rätsel, dessen Derrick sich annehmen sollte, darin besteht, ob man nicht ein besseres Drehbuch hätte hervorzaubern können. 2,5 von 5 Punkten.

  • Wallace & Blu-rayDatum10.01.2019 22:22
    Foren-Beitrag von Gubanov im Thema

    Oh je, da sieht der (ab-)geneigte Käufer gleich, was ihn erwartet. Sehr schwache Zusammenstellung mit "Zimmer 13" als Einäugigem unter den Blinden.

  • "Derrick" oder: das andere KonzeptDatum10.01.2019 20:00
    Foren-Beitrag von Gubanov im Thema



    Derrick: Gegenüberstellung

    Episode 268 der TV-Kriminalserie, BRD 1997. Regie: Eberhard Itzenplitz. Drehbuch: Herbert Reinecker. Mit: Horst Tappert, Fritz Wepper sowie: Volker Lechtenbrink (Robert Kaltenbach), Stefan Kolosko (Andy Klenze), Ronald Nitschke (Arnold Leskow), Julia Richter (Helga Klenze), Renata Zednikova (Anna), Katharina Hoffmann (Lisa Klenze), Holger Petzold, Jürgen Schilling u.a. Erstsendung: 31. Januar 1997, ZDF.

    Zitat von Derrick: Gegenüberstellung
    Die Streifenpolizisten Robert und Andy werden in ein Lokal gerufen, in das sich eine junge Osteuropäerin vor zwei maskierten Männern geflüchtet hat. Als die beiden ankommen, verschwinden die Unbekannten gerade mit der Frau in ihrem Wagen. Robert und Andy nehmen die Verfolgung bis zu einem abgelegenen Hof auf, wo einer der Vermummten die Frau erschießt und von Andy die Maske vom Gesicht gerissen bekommt. Bei Routineermittlungen stoßen Derrick und Harry auf einen möglichen Täter, auf den die von Andy abgegebene Beschreibung genau passt. Bei der Gegenüberstellung will ihn der Polizist aber plötzlich nicht mehr wiedererkennen. Was Derrick nicht weiß: Andys Familie wird von den Verbrechern bedroht ...


    Als Zuschauer von „Gegenüberstellung“ findet man sich mitten in der organisierten Münchner Verbrecherwelt wieder, in der es die Polizei nicht mit harmlosen Amateuren, sondern mit Profis ohne Gewissen zu tun bekommt. Der Krimi dreht damit sozusagen die (für die Seite der Gerechtigkeit normalerweise erfolgversprechende) Prämisse auf den Kopf, dass die Polizei mit einem Erfahrungsvorsprung in den Kampf gegen die Verbrecher geht. Der hier im Mittelpunkt stehende junge Streifenpolizist Andy ist nämlich alles andere als ein abgeklärter Experte. Ihm setzt die regelrecht mafiös aufgezogenen Verbrecherbande, gegen die er plötzlich kämpfen muss, stark zu und überfordert ihn letztlich völlig, als sie auch noch Drohgebärden gegenüber seiner im Kindergartenalter befindlichen Tochter anwenden.

    Obwohl „Gegenüberstellung“ damit sowohl über einen hohen Action- und Spannungsanteil (besonders in den Auftaktminuten) und über psychologisch interessante Momente verfügt, reißt die Folge dennoch nicht in dem Ausmaß mit, welches das Drehbuch vielleicht hergegeben hätte. Das liegt an mehrfachen unfreiwillig komischen Augenblicken, die das Publikum immer wieder unabsichtlich aus der atmosphärischen Geschichte herausreißen – sei es das alberne Verhalten der Maskierten im Lokal, wo einer von ihnen noch ein mit Glassplittern versetztes Sektglas leeren will, das stellenweise peinliche Overacting von Jungdarsteller Stefan Kolosko oder das ungeschickt konzipierte Finale in der Tiefgarage. Da diese Fehler nicht zuletzt dem in seiner Schauspielerführung häufig eher fahrigen Regisseur Itzenplitz anzulasten sind, dessen „Derrick“-Arbeiten mehrheitlich auch ziemlich schwach ausfallen, hätte man sich eine Person wie Dietrich Haugk im Regiestuhl gewünscht, um mehr aus der Episode herauszuholen.

    Neben dem geckenhaften Kolosko wirkt der in einer erfahreneren Polizistenrolle auftretende Volker Lechtenbrink latent unterfordert – man hätte ihn ebenso wie die Gangster gern stärker in mehreren Szenen involviert gesehen. So hätte es vielleicht einen spannenderen und bedrohlicheren Weg gegeben, die Gefahr für die kleine Lisa Klenze zu vergegenwärtigen, als ein bloßes Foto, in dem ihr Gesicht ausgekreuzt ist. Erstaunlich modern hingegen präsentiert sich die Folge gen Ende, als ein Handy eine wichtige Rolle spielt und Tappert (daraufhin bekennender Werbeträger für D2 Mannesmann) den Satz in den Mund gelegt bekommt: „Harry, ich brauche eine Handynummer!“ Kurioserweise schien der auf dem Gebiet der Technik fortschrittsfeindliche Herbert Reinecker zu denken, die Polizei habe keine Möglichkeiten, Handyanschlüsse zentral zu erfragen, sodass Harry daraufhin Andy Klenzes Schwiegermutter um die Nummer geradezu anbetteln muss – eine weitere Gelegenheit, die Potenzial zur Nachbesserung offenbart.

    Das in Anbetracht des Ausgangsverbrechens naheliegende Thema des Menschenhandels wird letztlich kaum berührt; über die Strukturen und Hintergründe der Ganoven erfährt man nur wenig. Auch über den Gewissenskonflikt des jungen Polizeibeamten zwischen Aufrichtigkeit bei der Gegenüberstellung oder ein Einknicken für den Schutz seiner Familie geht Andy Klenze eine Spur zu rasch hinweg. Ausgiebig wird dagegen schon zum zweiten Mal in Folge das Ausheben eines ganzen Verbrecherkartells im Rahmen einer polizeilichen Großaktion mit Sondereinsatzkommando in Szene gesetzt – typisch für den Zeitgeschmack der Neunzigerjahre.

    Herbert Reineckers grundsätzlich gutes Drehbuch hätte stellenweise einer anderen Akzentsetzung und zudem einer professionelleren Umsetzung bedurft, um zu einer wirklich guten „Derrick“-Episode zu gedeihen. So bleibt „Gegenüberstellung“ im Itzenplitz’schen Mittelmaß stecken, was nicht zuletzt auch der etwas gewöhnungsbedürftigen Besetzung der Gasthauptrolle anzulasten ist. 3 von 5 Punkten.

  • "Derrick" oder: das andere KonzeptDatum10.01.2019 13:50
    Foren-Beitrag von Gubanov im Thema



    Derrick: Eine kleine rote Zahl

    Episode 267 der TV-Kriminalserie, BRD 1997. Regie: Eberhard Itzenplitz. Drehbuch: Herbert Reinecker. Mit: Horst Tappert, Fritz Wepper sowie: Ulrich Matthes (Harald Breuer), Pierre Sanoussi-Bliss (Andreas Zeisig), Peter Roggisch (Herr Breuer), Catherine Flemming (Renate Winzer), Gert Burkard, Franjo Marincic, Randolf Kronberg, Alexander Duda u.a. Erstsendung: 3. Januar 1997, ZDF.

    Zitat von Derrick: Eine kleine rote Zahl
    In der hart umkämpften Münchner Drogenszene erschießt der Dealer Andy Zeisig einen lästigen Konkurrenten, der ihm sein Revier streitig zu machen versucht. Auf der Flucht vor der Polizei steigt Zeisig mit vorgehaltener Waffe ins Auto des zufällig anwesenden Harald Breuer. Dieser lässt sich in seinem betrunkenen Zustand zur Komplizenschaft überreden – nicht zuletzt weil Breuer ein Versager ist, der zwar von seinem Vater gestützt wird, aber nun mit einer Falschaussage für den polizeilich einschlägig bekannten Dealer zum ersten Mal einen großen Batzen Geld verdient. Obwohl Derrick nichts anderes übrig bleibt, als Breuers Aussage zunächst zu akzeptieren, will sich das Drogenkartell hinter Zeisig des unsicheren Zeugen lieber schnell entledigen ...


    Wenig vielversprechend blendet die Episode mit einer Hinterhofszenerie auf, in der eine Gruppe abgewrackter Twens um eine Feuertonne herumsteht, während Passanten, die seltsamerweise auf diesen ungemütlichen Wegen verkehren, einander zuraunen: „Was sind das für Leute?“„Das siehst du doch, Süchtige sind das.“ Ungelenker könnte ein Auftakt kaum ausfallen, doch überraschenderweise ändern sich die Eindrücke recht schnell, denn Drogen übernehmen in diesem Fall höchstens eine verschämte Macguffin-Funktion und dienen dazu, den schnell, aber nicht unstimmig über die Bühne gebrachten Mord leidlich zu begründen. Gespannt verfolgt man statt einer Gruppe geisterbahnverdächtiger Junkies alsbald hautnah den Mörder und Drogenhändler, bei dessen Namen man ganz sicher nicht auf Zeisig getippt hätte.

    „Eine kleine rote Zahl“ erfreut sich an derlei krude-kuriosen Besetzungsentscheidungen, die Reinecker beim Verfassen seines Scripts so ganz sicher nicht vor Augen hatte. So ist Zeisig in Gestalt des Ostberliners Pierre Sanoussi-Bliss ein androgyn angehauchter Mulatte und sein Sparringspartner Breuer – der übliche unschlüssig-erfolglose „Derrick“-Student – wird von einem dauerbetüdelten Ulrich Matthes in dessen 38. Lebensjahr verkörpert. Wohl gerade deswegen funktionieren die beiden Hauptfiguren aber wirklich gut miteinander. Sowohl Matthes als auch Sanoussi-Bliss geben ihren Charakteren eine gewisse Weichheit, bei der man nie ganz sicher sein kann, ob aus der ungewöhnlichen Zweckgemeinschaft (Geld gegen Alibi) nicht auch eine merkwürdige Freundschaft erwächst. Zeisig gibt sich seinen Komplizen gegenüber zwar unbeeindruckt, setzt sich aber dafür ein, dass Breuer zunächst von seinem drohenden Schicksal als toter Mitwisser verschont wird. Beide Figuren entsprechen damit nicht ganz den typischen Schwarz-Weiß-Denkmustern und halten die Episode ohne unnötige philosophische Einlagen durchweg interessant.

    Auf seine unnachahmliche Weise interessiert sich auch Derrick für Breuer. Als wisse er als alter Hase sofort, dass er aus dem abgebrühten Zeisig nichts herausbekommen werde, stürzt sich Derrick mit Genuss auf dessen unerfahrenen, offensichtlichen Komplizen und macht diesen mit dauerhaften Telefonanrufen und Gewissensappellen langsam mürbe. Unanständigen Angeboten wie dem Zerreißen der zu Protokoll gegebenen Aussage gegenüber dem verdutzten Breuer folgt ein lustiger Trotzanfall auf dem Revier, in dem Derrick sich bei Harry darüber beschwert, dass sich Breuer nicht so einfach von ihm belehren lasse. Harry nimmt es wie immer mit stoischer Ruhe hin – er weiß, dass er mittlerweile nur mehr fürs Ausweise-Hinhalten und als Telefonfräulein gebraucht wird. Tapperts ironischer Elan in der Folge ist aber wirklich bemerkenswert und veredelt mehrere Szenen, z.B. auch im Zusammenspiel mit Catherine Flemming.

    Etwas ungelenk und abstrakt wirkt die den Episodentitel erklärende Einbindung des Breuer’schen Vaters, welcher seinen Sohn eher als geschäftlichen Verlust denn als lebendiges Wesen abstempelt. Es hätte vielleicht auch weniger plakative Möglichkeiten gegeben, Breuer-juniors Unsicherheit zu erklären als diese. Auch gleitet die Episode in der zweiten Hälfte wieder in etwas langwierige Gefilde ab, fängt sich aber bald wieder zu einem recht beeindruckenden Finale, in dem die Polizei mit ganz großen Geschützen auffährt. Unterm Strich bekommt man es also bei der Einstiegsfolge ins Ausstrahlungsjahr 1997 mit einem für die aktuelle Serienphase leicht überdurchschnittlichen Fall zu tun, der aber nicht frei von Fehlern ist und wahrscheinlich auch abseits seiner guten Unterhaltungsfunktion nicht auf die logische Goldwaage gelegt werden sollte (warum fahren z.B. alle Hintermänner des Drogenrings gemeinsam zum abschließenden Treffen, nur um dort bequemerweise lückenlos ausgehoben werden zu können?).

    „Eine kleine rote Zahl“ überrascht mit einem über weite Strecken recht fesselnden Handlungsablauf, in den sich zwar einige Klischees, aber nur vereinzelte Fremdschämmomente und Längen verirren. Die einigermaßen sonderbare Besetzung der Gasthauptrollen verleiht der Folge einen markanten, recht modernen Anstrich, zumal man keine Glaubwürdigkeitspunkte abziehen muss. Gute 3,5 von 5 Punkten.

  • Foren-Beitrag von Gubanov im Thema

    @Ray: Mit dem Englisch von Dagover und den regelrecht traumatischen Keller-Szenen in der Irrenanstalt hast du zwei Szenen herausgepickt, die mich an der "Gräfin" schon immer besonders beeindruckt haben - wenn auch aus ganz unterschiedlichen Gründen. Anstatt den Film für diese Momente zu kritisieren (gerade wo die Vorliebe für eine deutsche Aussprache in den Wallace-Krimis in den Bewertungsthreads sonst immer wieder bemängelt wird), habe ich ihretwegen vielmehr einen halben Wohlfühlpunkt vergeben.

    @Jan: Interessante Gedanken bzgl. Jürgen Roland! Die Ahrensburg-Szenen halten sich ja aber wirklich sehr in Grenzen. Ich glaube aber nicht, dass Wendlandt sich beim Ausfall eines Regisseurs allein auf dessen Regieassistenten verlassen würde, der noch nie einen eigenen Film inszeniert hatte - vor allem nicht bei einem so wichtigen Projekt wie einem Wallace-Krimi. Runze kann deshalb nur eine Interimslösung gewesen sein. Die räumliche Frage, warum man nach Bakys Ausfall keinen Berliner Regisseur an Rolands Stelle buchte, ist vielleicht damit zu erklären, dass die Rialto trotz Drehs in den Tempelhofer Studios ihren Sitz zum damaligen Zeitpunkt noch in Hamburg hatte und dort vielleicht einfach besser vernetzt war. Oder man wollte - warum auch immer, Baky hatte sie schließlich auch nicht - unbedingt einen Ersatzregisseur mit Wallace-Erfahrung?

    Unabhängig von den Kommentaren möchte ich 'mal betonen, wie großartig ich das Studioset des großen Schlosssaals mit der Freitreppe finde. Hier merkt man direkt den Aufwand, den man sich in den Tempelhofer Ateliers machte, und außerdem eine Abkehr von der recht plüschigen, tlw. kramigen Ausstattung der Matthies-Schmidt-Filme, was mir sehr zusagt. Nicht erst zu sprechen von den späteren (wie sag' ich's am freundlichsten?) sehr "simplistischen" Vorwerg-Kutz-Kulissen.

  • Foren-Beitrag von Gubanov im Thema

    Ich musste nach der Sichtung auch nachfragen und mir wurde gesagt, es handele sich um Basil Hale.

  • Foren-Beitrag von Gubanov im Thema



    Edgar Wallace: Die seltsame Gräfin

    Kriminalfilm, BRD 1961. Regie: Joseph von Baky, Jürgen Roland. Drehbuch: Robert A. Stemmle, Curt Hanno Gutbrod (Romanvorlage „The Strange Countess“, 1925: Edgar Wallace). Mit: Joachim Fuchsberger (Mike Dorn), Brigitte Grothum (Margaret Reedle), Lil Dagover (Lady Eleonora Moron), Marianne Hoppe (Mary Pinder), Rudolf Fernau (Dr. Tappatt), Klaus Kinski (Stuart Bresset), Edith Hancke (Lizzy Smith), Eddi Arent (Lord Selwyn Moron), Fritz Rasp (Rechtsanwalt Shaddle), Richard Häußler (Chesney Praye), Reinhard Kolldehoff (Butler John Addams), Albert Bessler (Gefängnisdirektor), Eva Brumby (Zimmermädchen Mary), Werner Buttler (Sanatoriumsdiener Mackenzie), Alexander Engel (Patient) u.a. Uraufführung: 8. November 1961. Eine Produktion der Rialto-Film Preben Philipsen Hamburg im Constantin-Filmverleih München.

    Zitat von Die seltsame Gräfin
    Seltsame Drohanrufe versetzen Margaret Reedle, die gerade in eine neue Stellung als Sekretärin bei der Gräfin Eleonora Moron wechseln will, in Angst und Schrecken. Und es bleibt nicht bei leeren Versprechungen: Im jeweils letzten Moment kann der mysteriöse Mike Dorn sie vor verschiedenen Anschlägen beschützen. Sie hängen offenbar mit Margarets Entdeckung zusammen, dass sie die Tochter der verurteilten Mörderin Mary Pinder ist. Auch auf dem Schloss der Gräfin setzen sich die bedenklichen Ereignisse fort: Die frisch gebackene Sekretärin stürzt beinahe vom Balkon und der Butler Addams stirbt bei einem scheinbaren Juwelendiebstahl. In einen Nervenzusammenbruch getrieben, findet sich die verstörte Margaret im Sanatorium des Scharlatans Dr. Tappatt wieder – ebenso wie Mary Pinder und ihr mehrfacher Attentäter Stuart Bresset ...


    „Ich bin es – die Stimme ...“

    Erfolgreich widersetzt sich „Die seltsame Gräfin“ der Einteilung in bestimmte Wallace-Schubladen. Die achte Serienproduktion der Rialto und gleichsam die fünfte, der im Jahr 1961 in den Kinos startete, ist sowohl ein Land- als auch ein Stadt-Krimi, sowohl ein Berlin- als auch ein Hamburg-Film, sowohl von altmodischer Gediegenheit als auch von kreativem Erfindungsreichtum und damit eine ähnlich attraktive Pralinenschachtel wie jene, die Mike Dorn wegen ihres zu hohen Blausäuregehalts nachts aus Margarets Schlafzimmer stehlen muss. Obwohl ähnlich wie in „Der Fälscher von London“ kein Mord den Ausgangspunkt der Handlung bildet, wird der Zuschauer hier aufgrund der wüsten Bedrohung, die sich scheinbar willkürlich über Margaret Reedles Leben legt, ungleich besser abgeholt – auch weil Akteurin Brigitte Grothum nicht nur glaubwürdig, sondern aufrichtig sympathisch und bodenständig wirkt. Sowohl die Tragödie ihrer Filmfigur als auch ihre Interaktionen mit Edith Hancke und Joachim Fuchsberger bringt sie unkapriziös auf den Punkt – eine hervorragende Leistung in einem dankbaren, aber deshalb nicht weniger anspruchsvollen Part, der ihr Angst und Entsetzen, Unsicherheit und Entschlossenheit abverlangt.

    Mit Josef von Baky und Robert A. Stemmle zeichneten zwei Veteranen des alten deutschen Films für „Die seltsame Gräfin“ verantwortlich, was den Streifen aber keineswegs zu einer angestaubten oder in die Jahre gekommenen Angelegenheit macht. Im Gegenteil: Dadurch, dass die „Gräfin“ als erster Film-Wallace auf das Element des Whodunit verzichtet und stattdessen die Verantwortlichen für die düsteren Vorgänge entweder am Anfang oder recht zeitig nach ihrem jeweils ersten Auftreten kenntlich macht, gelang ihnen ein veritabler Psychothriller, der auf die Einschüchterung und das Mürbemachen Margarets abzielt und dieses vor allem durch den irren Stuart Bresset sehr eindrucksvoll umsetzt. Die Rolle des Anstaltsinsassen, der regelmäßig ausbüchsen darf, um anderer Leute schmutzige Arbeit zu verrichten, ist Klaus Kinski wie auf den Leib geschrieben; in Kombination mit Grothums Ahnungslosigkeit, den kreativen Anschlagsmethoden, der unterschwellig-bedrohlichen Musik von Peter Thomas und sowie der exzellenten Kameraführung von Richard Angst wird um ihn eine sehr spannende Atmosphäre geschaffen, in welcher die Schlinge um Margarets Hals immer enger gezogen wird, bis der Gipfel der Fiesheiten in jener Szene erreicht wird, in der sie mit dem baufälligen Balkon durchbricht. Man merkt, wie gut die Geschichte konstruiert ist, zum Beispiel daran, dass Dr. Tappatt zwar vorher erwähnt wird, aber erst nach diesem traumatischen Ereignis und einem darauffolgenden Nervenzusammenbruch zum ersten Mal auf Schloss Cornerflat aufschlägt und sich dabei, als er eigentlich Trost und Beruhigung spenden soll, sofort als Scharlatan zu erkennen gibt. Rudolf Fernau genießt die Darstellung des abseitigen Psychiaters, der selbst offenbar nicht mehr alle Gitterstäbe vor den Fenstern hat, sichtlich – ihm fällt es übungsbedingt nicht schwer, eine Crippen’sche und mabusische Diabolität an den Tag zu legen, hinter der sogar die Verschlagenheit der Gräfin zurücksteht. Diese wird von Lil Dagover mit stark akzentuiertem Spiel, aber genau der richtigen Portion Noblesse und Weltfremdheit gegeben, mit der sie ihre Darstellung von profaneren Drachen in anderen Wallace-Filmen deutlich abzugrenzen versteht.

    Die Vielseitigkeit der Schauplätze hält den Film von Anfang bis Ende interessant, denn im Gegensatz zu „Der grüne Bogenschütze“ oder „Der Fälscher von London“ handelt es sich nicht um einen hauptsächlichen Schloss- und Gothickrimi, sondern um eine emanzipierte Mischung altmodischer und moderner Versatzstücke. Neben der Gemütlichkeit der Lizzy-Smith-Wohnung fällt vor allem das karge, düstere Set der Irrenanstalt auf, das hier noch nicht zu einem abgegriffenen, einfallslosen Klischee verkommen ist, sondern auf sehr beängstigende Weise – sowohl in den Zellen als auch besonders in den Gitterräumen des Kellers – Erinnerungen an die schockierenden Horrormomente von „Die toten Augen von London“ wachruft. Auf ein ausführliches Zeigen des Scotland-Yard-Apparats wird dagegen verzichtet, was logisch ist, da es diesmal nicht viel zu ermitteln, sondern hauptsächlich zu überwachen gibt. Dennoch enthält die Handlung mit den Rückbezügen auf den Mord der Mary Pinder vor zwanzig Jahren ein sehr ansprechendes Rätselmoment, das vor allem Marianne Hoppe auskostet. Sie spielt ihre Szenen so intensiv, dass man ihre Begegnung mit Filmtochter Grothum im Gefängnis gern noch einmal sehen würde, ohne vorher zu wissen, dass es sich um ihre Filmtochter handelt.

    Pluspunkte sammelt „Die seltsame Gräfin“ nicht nur im klugen Aufbau einer konsequenten Steigerung der Unannehmlichkeiten für Margaret (und zunehmend auch Mike Dorn), die auf völlig natürlichem Wege zu einem etwas melodramatischen, aber gerade deshalb spektakulären Finale führen, sondern auch in dem Umstand, dass es Autoren und Regie gelang, Humor im Vergleich zur Romanvorlage sogar zu stutzen und sehr dezent einzusetzen. Edith Hancke verkommt auf diese Weise nicht zur plumpen Ulknudel und Eddi Arent setzt als nomineller Hausherr unterm Pantoffel seiner Frau Mama stillere und auch darstellerisch gekonntere Akzente als sonst. Kleinere Eigenarten wie der Verzicht auf eine Prätitelsequenz oder eine unnötige Schlussszene nach der Auflösung prägen der „Gräfin“ einen unverkennbaren Stempel auf. Es ist ein Film, der unwesentlichen Ballast abwirft und dafür Nervenkitzel, ein beinahe familiäres Drama und bösartige Intriganten in Reinform präsentiert. Was mehr kann man sich von einem Wallace-Film wünschen?

    Der völlig andere Aufbau dieses Films, der sich nicht mit der Frage nach dem Wer befasst, sondern gleich zur Frage überschwenkt, ob die Protagonistin den Film in Anbetracht skrupelloser Gegner überlebt, verleiht der „seltsamen Gräfin“ eine treibende, hypnotische Kraft. Ein Ensemblekrimi mit hervorragenden handwerklichen Attributen, der kein Geheimnis um die alte Schule seiner Mitwirkenden macht, aber dennoch wie eine frische Produktion des Jahres 1961 wirkt und dabei beachtliche Reißerqualitäten aufweist.

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