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  • Foren-Beitrag von Gubanov im Thema



    Der Kommissar: Das Messer im Geldschrank

    Zitat von Der Kommissar: Das Messer im Geldschrank
    Den besten Ruf hat die Sherbini-Bar nicht gerade, aber eine erstochene Animierdame erregt selbst dort die Gemüter. Niemand kann sich erklären, wer Rosa, genannt Nina, ermordet haben und wohin das Messer verschwunden sein könnte. Sowohl der zwielichtige Betreiber Mirko Brandič als auch der Barpianist Benitz scheinen wertvolle Informationen zurückzuhalten. Harry und Kommissar Keller halten sich deshalb an die beste Freundin der Toten, Marion, die ebenfalls im Sherbini angestellt ist und trotz ihrer Trauer über Nina am nächsten Abend schon wieder Gäste beturtelt. Sie ist der Schlüssel zur Lösung, und auch die Tatwaffe taucht auf ungewöhnliche Weise im Laufe der Ermittlungen auf ...


    Die Sherbini-Bar ist ein Musterbeispiel für elegante Vergnügungslokale, wie sie in späteren „Derrick“-Folgen zwar zuhauf zu finden, beim „Kommissar“, der lieber Morde in einfachen Gastwirtschaften und Studentenkneipen aufklärte, eher rar sind. In dieser Folge der Freitagabendserie hinterlassen die schwarzweiße Bar und die darin angehäuften deprimierten Charaktere beinah den Eindruck von Maigret-Krimis, denen es manchmal virtuos gelingt, die Fassade des erotischen Amüsierbetriebs mit ernüchternden Bildern davon beeinflusster Beziehungen zu kontrastieren. Nichts anderes tut auch „Das Messer im Geldschrank“, das vor allem für Marion Hinze Mitleid aufkommen lässt. Das für seinen Beruf nicht genügend abgebrühte Nachtgeschöpf darf zunächst gegenüber Harry auf stur schalten und dann später (in den erfahreneren Armen des Kommissars, der prompt seine Frau bzgl. seiner nächtlichen Ermittlungen anlügt) ihren Schutzpanzer eindrucksvoll öffnen.

    Dem Frischling Harry soll zu Beginn der Episode Raum für eigenständige Ermittlungen gewährt werden, wozu man Robert und Walter mit einer unerklärlichen anderweitigen Tätigkeit von der Bildfläche fegte und den Kommissar fieberkrank im Bett liegen ließ. Nach seiner Weigerung, während des Unwetters in „Toter Herr im Regen“ Galoschen zu tragen, ist dies nun eine gerechte Strafe für den eigenwilligen Ermittler und stellt eines der wenigen episodenübergreifenden Handlungskonstrukte der Reihe dar. Die Erkrankung hält ihn allerdings nicht davon ab, sich anfänglich per Telefon und später in persona in Harrys Ermittlungen einzumischen und ihm Ratschläge zu geben, weil sie sonst zu wenig führen würden. Die Leine ist für den Assistenten Klein also von Anfang an bewusst kurz gehalten, was sich auch in abschätzigen Kommentaren der anderen beiden Ermittler und darin niederschlägt, dass sich Harry sogar von der braven Helga belehren lassen muss.

    Die Geschichte vom „Messer im Geldschrank“ wird in angemessenem Tempo erzählt und da der Whodunit über eine recht hohe Qualität verfügt, lohnt es sich, die Details bis zum Ende mit großer Aufmerksamkeit zu verfolgen. Wolfgang Beckers Regie wirkt noch nicht ganz so ausgereift wie bei späteren Serienfolgen, setzt aber bereits einige dominante Akzente, die diesmal weniger musikalischer als vielmehr bildgestalterischer Natur sind. Das Lichtspiel im Lokal ist atmosphärisch und wurde mit großem Bedacht in Szene gesetzt, weil es sogar über inhaltliche Relevanz verfügt. Auch Momente wie der aus dem Dunkel tretende Benitz mit funkelnden Brillengläsern oder Marions und Kommissar Kellers Spaziergang durch eine menschenleere Parklandschaft im Morgengrauen tragen zum Rätsel- bzw. Gemütsfaktor der Episode bei. Als durchschnittlich erfolgreich muss man Beckers Schauspielführung einschätzen, denn einer der eigentlich interessantesten Verdächtigen (der schweigsame Bruder des Barbetreibers) bleibt in seiner Inszenierung völlig blass und austauschbar. Auch Wolfgang Völz kann sich nicht so recht in seine Rolle einleben, die nach einer schmierigeren, weniger kumpelhaften Interpretation verlangt hätte, als sie der gutmütige Akteur hier ablieferte.

    Die übrigen Schauspielerleistungen rangieren von gut bis exzellent. Ann Smyrner schafft es im Rahmen ihrer Möglichkeiten, der zentralen Rolle der Marion einen glaubwürdigen, wechselvollen Anstrich zu verpassen. Auch Lukas Ammann überzeugt in der Rolle des halbseidenen Geschäftsmanns ohne Einschränkungen. Dass man aus ihm einen Jugoslawen machte, ist in Anbetracht der Rollenzeichnung eine nicht unbedingt schmeichelhafte Angelegenheit. Den Vogel schießt aber Herbert Bötticher ab, der als tonlos sprechender, dauerhaft Sonnenbrille tragender und unfassbar mysteriöser Pianist dem Niveau deutscher Fernsehkrimis in jeder Szene direkt zu entwachsen scheint. Selbst beim Entenfüttern stiehlt er dem übrigen Cast die Schau und auch die letzte Szene beherrscht er mit unaufgeregter Präsenz.

    Reinecker und Becker schufen eine effektive Mischung aus oldschool-Krimi und modernem Psychogramm, die vielleicht nicht zu den spektakulärsten oder erfindungsreichsten Episoden der Reihe gehört, aber sauber konstruiert und ansprechend umgesetzt ist. Man muss allerdings sagen, dass, obwohl diese Folge zuerst gedreht wurde, „Toter Herr im Regen“ doch die bessere Wahl für den Ausstrahlungsstart war.

    (4 von 5 Schnapsgläsern)


    Der überzeugendste Ermittler: Kriminalhauptmeister Harry Klein, denn für ihn ist der Mordfall Sherbini-Bar die Feuertaufe
    ||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Kommissar Herbert Keller (Erik Ode)
    ||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Inspektor Walter Grabert (Günther Schramm)
    ||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Inspektor Robert Heines (Reinhard Glemnitz)
    ||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Kriminalhauptmeister Harry Klein (Fritz Wepper)
    ||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Kriminalhauptmeister Erwin Klein (Elmar Wepper)

    Besprechung 96: Episode 2 der TV-Kriminalserie, BRD 1969. Regie: Wolfgang Becker. Drehbuch: Herbert Reinecker. Auf der Seite des Gesetzes: Erik Ode, Günter Schramm, Reinhard Glemnitz, Fritz Wepper, Emely Reuer, Helma Seitz, Rosemarie Fendel. Unter Verdacht: Ann Smyrner, Lukas Ammann, Wolfgang Völz, Herbert Bötticher, Michael Maien, Trude Breitschopf, Sadi Metzger u.a. Erstsendung: 17. Januar 1969.

  • Wallace-Tour in BerlinDatum17.09.2018 23:25
    Foren-Beitrag von Gubanov im Thema

    Zitat von zinker84 im Beitrag Auflistung Drehorte - hier: Die seltsame Gräfin
    Bezüglich Lizzys Haus war für mich die Nr. 263 ausschlaggebend. Ich bin der Meinung, selbst in (West-)Berlin gibt es nicht allzu viele Straßen mit derart hohen Hausnummern. Eine kleine Recherche brachte mich zu der Clayallee 263. Ich denke, das sieht sich sehr ähnlich.

    Nachdem @zinker84 nun den Drehort von Lizzys Wohnung aus "Die seltsame Gräfin" enttarnt hat, habe ich mich heute gleich 'mal in der Clayallee umgeschaut:



    Dieser wichtige Drehort hat uns lange Zeit umgetrieben. Toll, dass wir die geplanten systematischen Auflistungen der Wallace-Drehorte nun gleich mit diesem Fund beginnen können! Die Häuserreihe ist aufgrund des Vorgartenbewuchses nicht mehr so klar einsehbar wie 1961, aber die Änderungen seit damals sind sonst 'mal wieder erstaunlich gering. Der größte Unterschied ist, dass das Emailleschild mit der Hausnummer 263 mittlerweile nicht mehr neben dem Gartenwegtor, sondern dem Tor zur Garageneinfahrt hängt. Es ist aber noch im Originalzustand erhalten, siehe Foto.

  • Foren-Beitrag von Gubanov im Thema

    Genial, @zinker84! Das war eine harte Nuss; schön, dass sie nun geknackt ist.

  • Der gläserne Turm (1957)Datum16.09.2018 14:30
    Foren-Beitrag von Gubanov im Thema

    Vielen Dank für den Hinweis. Aufgrund deiner positiven Beurteilung habe ich mir den Film auch gleich angesehen und bin hin und weg. Wieder ein absoluter Knüller des anspruchsvollen Nachkriegskinos. Aber was will man bei einem Harald-Braun-Film auch sonst erwarten ... Dem Wunsch nach einer offiziellen Veröffentlichung (z.B. im Rahmen von Concordes „Classic Selection“) kann ich mich nur anschließen!



    Der gläserne Turm

    Kriminaldrama, BRD 1957. Regie: Harald Braun. Drehbuch: Odo Krohmann, Wolfgang Köppen, Harald Braun. Mit: Lilli Palmer (Katja Fleming), O.E. Hasse (Robert Fleming), Peter van Eyck (John Lawrence), Brigitte Horney (Frau Dr. Brüning), Hannes Messemer (Dr. Krell), Ludwig Linkmann (Herr Blume), Gerd Brüdern (Staatsanwalt), Fritz Hintz-Fabricius (Gerichtspräsident), Else Ehser (Frau Wiedecke), Werner Stock (Herr Wendland) u.a. Uraufführung: 24. Oktober 1957. Eine Produktion der Bavaria-Filmkunst AG München.

    Zitat von Der gläserne Turm
    Sie fühlt sich wie ein Vogel im goldenen Käfig: Katja Fleming wird von ihrem Mann Robert mit Luxus überschüttet; zugleich verlangt der strenge Geschäftsmann von ihr die totale Aufgabe eines eigenen Lebens. Vor ihrer Ehe war Katja Schauspielerin – nun erhält sie wieder ein reizvolles Angebot, das sie in Roberts Abwesenheit zu übernehmen beschließt. Über das Stück und Katjas Zuneigung zu dessen Autor John Lawrence entzweien sich die Eheleute zunehmend. Katja wird sogar auf ihren Gesundheitszustand hin untersucht. Doch am Ende ist nicht sie es, für die das Drama ein tödliches Ende bereithält. Sie findet sich vielmehr unvermittelt als Angeklagte in einem Mordprozess wieder ...


    „Er liebte sie als Bestätigung seiner selbst. Er liebte sich selbst in der Frau.“

    Harald Brauns Drama „Der gläserne Turm“ verbindet Elemente eines Gerichtskrimis mit einer fesselnden Dramenhandlung, welche die von Krieg, Unsicherheit, Wiederaufbau und zerstörerischer Desillusionierung umgetriebenen Charaktere in einer spannenden Variation der klassischen Dreiecksgeschichte aufeinandertreffen lässt. Unumwunden klingen die unschönen Seiten des Wirtschaftswunders an, dessen glänzende, gläserne Architekturbeweise über die noch immer zu dampfen scheinenden Ruinen Berlins emporwachsen. Eben jene luftige, luxuriöse Nachkriegsarchitektur mit ihren Glaswänden, der zelebrierten Offenheit und der verschwenderischen Überwindung noch immer naheliegender Notjahre verdeutlicht in eindrucksvollen Szenen die Gefangenschaft, in die sich die ehemalige Schauspielerin Katja Fleming in ihrer Ehe mit einem Wirtschafts- und Finanzmagnaten hineinbegeben hat. Ihr Gatte ist kein gewalttätiges Monster oder ein notorischer Fremdgeher, doch gerade seine biedere, nüchterne Art, sie zu umklammern und als sein willenloses Eigentum anzusehen, ist es, die Katja zunehmend ersticken lässt und dem Zuschauer die Ausweglosigkeit dieser maliziösen Abhängigkeit vor Augen führt.

    Für Staractrice Lilli Palmer bot sich mit der Rolle der in die psychische Labilität getriebenen Schauspielerin die willkommene Gelegenheit, nicht nur wieder wie in dem in einem ähnlichen Genre beheimateten Film „Teufel in Seide“ nuancierte Gefühlspaletten in überzeugender Abstufung abzurufen, sondern gleichzeitig in ihrer Position als von dem Ehevormund an ihrer Arbeit gehinderter Frau kritische Töne in Bezug auf die gesellschaftliche Stellung ihrer Geschlechtsgenossinnen in der beginnenden dritten Amtsperiode der Adenauer’schen Kanzlerschaft anzustimmen. Ihre Passion wird in den ersten zwei Dritteln ausführlich in den Mittelpunkt gerückt, bevor im letzten Teil des Films dann kriminalistische Motive die Oberhand gewinnen. Der umfangreiche Dramenanteil stützt sich ebenso stark wie auf Palmers Schultern zugleich auf jene der zwei Männer, zwischen denen sich Katja Fleming zerrieben fühlt. Peter van Eyck setzt die beruhigende Tiefe seiner Stimme höchst effektvoll ein und geriert sich darüber hinaus sowohl als Stimme des Herzens als auch der Vernunft. Ihm entgegnet O.E. Hasse ein ausgeprägtes Anspruchsdenken, wobei sich der Unternehmer durchaus ebenfalls zu einer abgerundeten tragischen Figur entwickelt, weil er neben seinen negativen Eigenschaften eben auch eine echte, starke Liebe zu Katja an den Tag legt. Hasse gelingt es hervorragend, dieses Spannungsfeld sichtbar zu machen und seinen Robert Fleming in keine Richtung zu überzeichnen.



    In kleineren, aber essenziellen Rollen unterstützen Hannes Messemer als hilfreicher, aber dem Willen des Gatten letztlich nicht gewachsener Arzt sowie Brigitte Horney als Verteidigerin vor Gericht die Hauptdarsteller. Für eine Dosis Heimeligkeit sorgt Ludwig Linkmann, der als Faktotum den ungemütlichen Haushalt der Flemings nach seinen Kräften mit Leben erfüllt und außerdem am Ende eine wichtige Zeugenaussage zu machen hat. Die unangefochtene Hauptrolle neben allen menschlichen Akteuren spielen jedoch Filmbauten und Ausstattung. Architekt Walter Haag zauberte Studioräumlichkeiten, die weit, ja monumental wirken, fließend in eine freie Außenwelt übergehen und trotz allem aufgrund der Charaktere eine restriktive, bedrohliche Aura entfalten. Die Kamera von Friedl Behn-Grund unterstützt diesen Zweiklang der Gefühle durch geschickte Aufnahmen, wobei die wohl kunstvollste eine Spiegelung von Hasse und Palmer in den Scheiben des gläsernen Turms zeigt, während in Hasses Brust sich das lodernde Kaminfeuer reflektiert, beide Figuren über die Weite der Stadt hinausschauen und einander nur mehr wenig zu sagen haben. Ebenfalls hochwertig und dramaturgieförderlich die Musik von Werner Eisbrenner, die je nach Situation Lieblichkeit oder Einschüchterung mitschwingen lässt.

    Der Name des Regisseurs Harald Braun verrät, dass man es bei „Der gläserne Turm“ nicht mit einem bloßen Schmonzettenfilm zu tun bekommt. Verantwortlich unter anderem für das 1949er-Meisterwerk „Nachtwache“, choreografiert Braun auch in „Der gläserne Turm“ jede Szene bis zur Perfektion und wendet die gleiche Verfahrensweise an, Referenzen zur Filmspielhandlung in ein imaginäres, für sie zentales Theaterstück einzubauen. Katja Flemings Lebenswille gewinnt durch die Mitwirkung an John Lawrence’ Bühnendrama an Kraft, das sich ebenso wie der Film um eine jäh aus gewohnten Bahnen und emotionalem Verzicht gerissene Frau dreht. Der junge Autor Wolfgang Köppen – später mit allen erdenklichen Literaturpreisen der Bundesrepublik geehrt – zeichnet hier in seinem einzigen Kinoexkurs für einen Löwenanteil des Drehbuchs verantwortlich und verleiht der Geschichte, auch wenn sie letztlich beziehungslastig bleibt, eine universellere Aussage, als man es aus vergleichbaren Zeitstoffen gewöhnt ist. Auch die Zweideutigkeit der Schlussszene, die oberflächlich betrachtet ein Happy End zwischen Palmer und van Eyck darstellt, letztlich aber nur zeigt, wie sich Katja Fleming erneut einer Fremdbestimmung ergibt, spricht für die Weitsichtigkeit des Schriftstellers.

    „Der gläserne Turm“ ist nicht nur einer der am hochwertigsten aussehenden deutschen Filme der 1950er Jahre, sondern auch eine Zusammenarbeit inhaltlich ambitionierter Kreativschaffender mit einer crème de la crème-Besetzung und damit (zumindest für Liebhaber klassischer Themen) unbedingt sehenswert. 5 von 5 Punkten.

  • Foren-Beitrag von Gubanov im Thema

    Vielen Dank für das nette Feedback, @Chinesische Nelke! Das lese ich natürlich gern und es freut mich, wenn meine Besprechungen dazu führen, dass die jeweiligen Folgen wieder angesehen werden.

    Die übrigen zwei Reviews zu "Geldschrank" und "Regen" folgen am Montag und Dienstag; dann werde ich den "Kommissar" endlich abgehakt haben. Nicht im Sinne von "endlich kommt nichts mehr", sondern weil sich in die Besprechungsreihe, die dann genau fünfeinhalb Jahre gedauert haben wird, einige überlange Pausen eingeschlichen haben. Dennoch kann ich dem endgültigen Fazit schonmal vorwegnehmen: In den aller-, allermeisten Fällen haben die "Kommissar"-Sichtungen ordentlich Spaß gemacht und ich hoffe, das liest man aus den Berichten auch heraus.

  • "Der Rächer" auf DVD von FilmjuwelenDatum15.09.2018 20:47
    Thema von Gubanov im Forum Edgar-Wallace-Forum

    Filmjuwelen hat angekündigt, den Edgar-Wallace-Krimi "Der Rächer" am 22. Februar 2019 auf DVD neu aufzulegen. Damit geht auch dieser vorher von Kinowelt ausgewertete Film nun den Weg ins Filmjuwelen-Programm. Es bleibt abzuwarten, ob die Qualität identisch mit der alten Scheibe sein oder besser ausfallen wird. Eine Blu-ray wurde jedenfalls noch nicht angekündigt, also wird es sich wohl kaum um eine ganz taufrische Abtastung handeln.

    Der Link zum Vertrieb: https://alive-ag.de/index.php?page=artikel&ArtikelNr=6418985

  • Foren-Beitrag von Gubanov im Thema



    Der Kommissar: Ratten der Großstadt

    Zitat von Der Kommissar: Ratten der Großstadt
    In Theo Heinichens Kneipe bekommen Münchens schlimmste Alkis schon am frühen Vormittag ihre nötige Dosis. Zumindest solange, bis Heinichen eines Tages – erschlagen mit einer seiner profitablen Flaschen – tot hinterm Tresen liegt. Die Tochter sagt aus, man solle sich doch einmal den Tagelöhner „Mozart“ genauer anschauen. Dieser, der sich einer Gruppe anderer Stadtstreicher angeschlossen hat, will von nichts wissen. Doch indem sie Walter als angeblichen Ex-Knacki in die Clique einschleusen, finden die Ermittler Hinweise darauf, dass Mozart doch nicht so unbeteiligt gewesen sein könnte. Oder ist das nur ein geschicktes Täuschungsmanöver?


    Die Besprechung enthält Spoiler.

    Nicht nur hinterlässt dieser frühe „Kommissar“ einen der abgewracktesten Eindrücke aller Serienfolgen, auch beginnt die Spurensuche des Keller-Teams diesmal mit einem Indiz von unübertroffener kriminalistischer Brillanz. Der Wirt hat sich vor seinem Tod mit seinem potenziellen Mörder am Fenster unterhalten, was die Tochter belauschte. Der Wortlaut der Szene, in der sie ihr Wissen der Kripo mitteilt, ist preisverdächtig:

    Zitat von Ratten der Großstadt
    Harry: „Ihr Vater hat das Fenster aufgemacht, heruntergesehen und hat sogar heruntergerufen.“ – Hanna: „‚Kannst du nicht warten, du Saufkopp?‘“ – Harry: „Sie weiß nicht, wen er damit gemeint haben könnte.“ – Keller: „Na, ‚Saufkopp‘, das ist doch schon etwas. – Harry: „Sie meint, da unten gibt es nur Saufköppe.“


    Besagte Saufköppe werden in Gestalt der „Ratten“-Bande anschließend ausführlichst vorgestellt und ausstaffiert. Besetzt wurden sie mit einer illustren Bande bekannter TV-Gesichter, von denen Klaus Schwarzkopf und Horst Frank die größten Vorschusslorbeeren zukommen. Tatsächlich bleibt Schwarzkopf die gesamte Folge über aber sonderbar unbeteiligt und man fragt sich, warum Ringelmann seine Gage überhaupt bezahlte, wenn die Folge letztlich auch ohne ihn den gleichen Effekt gemacht hätte. Horst Frank dagegen trumpft mit diabolischer Präsenz auf und gibt den Anführer der Bande sehr effektiv. Manchmal jovial und manchmal hintergründig aufspielend, ist Franks „Bimbo“ Krass zugleich das Herrchen seines willenlosen Adjutanten „Mozart“ und auch besonders skeptisch, was Walter Graberts Undercover-Identität angeht. Gen Ende obliegt ihm die Aufgabe, beide Umstände subtil zusammenzubringen, indem er dem längst durchschauten Grabert Vertrauen vorgaukelt und ihm gleichzeitig den zurückgebliebenen „Mozart“ als Täter unter die Nase reibt. Beides geschieht auf eine wunderbar doppeldeutige Weise, die den Zuschauer lange im Unklaren lässt.

    Der Twist, dass es eben nicht „Mozart“ war, der Heinichen erschlug, sondern dass außer ihm jede andere Ratte an der Tat beteiligt war, ist eine recht lahme Idee und erweckt den Eindruck, als wolle Reinecker ein Pauschalurteil über die asozialen Subjekte aussprechen, die er da in ihrer ganzen Abscheulichkeit erschaffen hat. Kaschiert wird dies durch die enorm spannende Zuspitzung im Finale, das wirklich Sorgen um Walter aufkommen lässt, der enttarnt und scheinbar hilflos am einsamen Isarufer der aggressiven, unberechenbaren Fünfergruppe gegenübersteht. Grädler inszeniert hier mit ordentlich Zug und scheut nicht vor roher Gewalt zurück, die übrigens auch dem trägen Anfang (Mord am Wirt) gut getan hätte.

    Neben Frank erweist sich Gerd Baltus als profiliertester Tagedieb. Er spielt Manni Bender, einen Trinker im Endstadium, der alles dafür tun würde, ans nächste Getränk zu kommen. Keller gibt sich ihm gegenüber entsprechend menschlich und füttert ihn mit einem Wasserglas voller Cognac an, bevor er ihm die Aussage abnimmt (konsumiert das gleiche aber ebenfalls in beeindruckender Geschwindigkeit). Diese Szene ist typisch für „Ratten der Großstadt“ – eine Folge voller kurzweiliger Kuriositäten, die fast schon an das spätere Regie-Enfant terrible Zbynek Brynych denken lassen und die zugleich ungeschminkte Blicke auf eine dysfunktionale Gesellschaft werfen. Sie lassen den eher belanglosen Fall in den Hintergrund treten und geben den „Ratten“ sowie der Fake-Ratte Grabert die Gelegenheit, die dicken Maxen zu markieren.

    Ein in jeder Hinsicht ungewöhnlicher Fall, der nach erster Angewöhnungszeit besser und besser wird. Vergnügen bereitet gerade seine unkonventionelle Art, doch auch geschickte Besetzungsentscheidungen sowie Theodor Grädlers typischer geschickter Umgang mit den Akteuren sprechen für „Ratten der Großstadt“. Man sollte nur tunlichst davon absehen, kriminalistische Ansprüche zu stellen oder gute Einsätze anderer Ermittler als Walter zu erwarten.

    (3,5 von 5 Schnapsgläsern)


    Der überzeugendste Ermittler: Inspektor Walter Grabert trägt als Spitzel, der möglichst unerkannt bleiben will, ein Unterhemd von der Polizeischule
    ||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Kommissar Herbert Keller (Erik Ode)
    ||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Inspektor Walter Grabert (Günther Schramm)
    ||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Inspektor Robert Heines (Reinhard Glemnitz)
    ||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Kriminalhauptmeister Harry Klein (Fritz Wepper)
    ||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Kriminalhauptmeister Erwin Klein (Elmar Wepper)

    Besprechung 95: Episode 3 der TV-Kriminalserie, BRD 1969. Regie: Theodor Grädler. Drehbuch: Herbert Reinecker. Auf der Seite des Gesetzes: Erik Ode, Günter Schramm, Reinhard Glemnitz, Fritz Wepper, Emely Reuer, Helma Seitz. Unter Verdacht: Horst Frank, Klaus Schwarzkopf, Fred Haltiner, Gerd Baltus, Werner Pochath, Hilde Volk, Ilona Grübel, Heini Göbel u.a. Erstsendung: 31. Januar 1969.

  • Foren-Beitrag von Gubanov im Thema



    Der Kommissar: Die Tote im Dornbusch

    Zitat von Der Kommissar: Die Tote im Dornbusch
    Leichenfund an der Autobahn: Irmgard Panofsky liegt erwürgt in einem Dornbusch an der Straßenböschung. Ihr Ehemann, Betreiber einer nahegelegenen Raststätte, ist völlig aufgelöst, zumal er sehr unter dem Verhältnis litt, das seine Frau zu einem Lastwagenfahrer unterhielt. Auf dessen Ladefläche wird der zweite Schuh der Toten gefunden. Wurde Irmgard Panofskys Leiche in seinem Wagen an den Fundort transportiert? Die Ermittler verhören alle Angestellten der Raststätte, um mehr Details über die Tat in Erfahrung zu bringen und Informationen über die pikanten Beziehungen der Toten aus verschiedenen Perspektiven anzuhören. Dabei geraten auch die Kellner Schreiber und Wagner sowie der Koch Möhringer ins Visier ...


    Wie unter einem Mikroskop nimmt „Die Tote im Dornbusch“ die durch und durch bürgerlichen Lebensumstände von Fernfahrern, Rasthausbetreibern und Kellnern in Augenschein und zeigt dem Zuschauer vielfältige Reibungspunkte einer Gruppe Menschen auf, die nicht zwischen Berufs- und Privatleben unterscheiden können. Nicht nur dem Kommissar-Keller-Team fällt augenblicklich auf, dass Irmgard Panofsky eine ausnehmend hübsche Leiche ist; auch unter den männlichen Gastcharakteren findet sich kaum einer, der zu ihren Lebzeiten keine Affäre mit der unverbindlichen Wirtin aufgenommen hat. Reinecker kehrt hier also wieder zum dauerhaft gepflegten Motiv der unmoralischen Frau zurück, die für ihre Umtriebe von einem entweder moralisch oder emotional verletzten Täter bestraft wird. Dieser Plot wickelt sich in einem hauptsächlich von Zeugenbefragungen dominierten und damit äußerst dialoglastigen Ablauf auf; auch die Schauplätze an der Autobahn und der Raststätte bringen nur in jeweils kurze Erfrischung in die sonst von Zigarettenqualm und Essensgeruch bestimmten Innenaufnahmen (neben dem Gastraum des Rasthofs sind auch die Polizeikantine und eine Stadtkneipe zu sehen; manchmal folgen mehrere unterschiedliche Lokalszenen sogar unmittelbar aufeinander).

    Man muss Georg Tressler zugute halten, dass diese wenig spektakuläre Grundstruktur durch das Drehbuch bedingt war und ihm nur geringe kreative Ausbrüche ermöglichte. Dementsprechend zieht sich der Mittelteil etwas in die Länge, bevor am Ende noch einmal Spannung aufkommt. Dazu trägt die abschließende Aufklärung, die diesmal Walter übernehmen soll (der dann aber doch wieder nur Worte von Kommissar Keller in den Mund gelegt bekommt), ebenso bei wie die zuvor stattfindende Szene in der Wohnung der Toten, in der ihr Ehemann einen unbekannten Mitverschwörer, der sich vor der Tür befindet, gerade noch vor der Anwesenheit der Polizei warnen kann. Hier werden Möglichkeiten, die Dramaturgie zu steigern, tatsächlich auch ausgelotet, wohingegen andere vielversprechende Chancen (der anfängliche Verdacht gegen Brummifahrer Wiegand oder die nur angedeutete Erpressung des Täters durch den Koch Möhringer) sozusagen rechts im Dornbusch liegengelassen wurden.

    Als ansprechend und einprägsam kann die Besetzung bezeichnet werden: Paul Albert Krumm ist als wehleidiger Witwer gänzlich in seinem Element und geht in der für ihn typischen Rolle zwischen depressiver Zurückgezogenheit und versoffener Heimtücke gut auf. Jan Hendriks und Sigurd Fitzek unterstützen ihn nach Kräften als Verdächtige, auch wenn ihre Rollen nicht viel Fleisch auf den Rippen haben. Ellen Umlauf und Thomas Astan vervollständigen die Raststättenbelegschaft. Arthur Brauss’ Rolle als Liebhaber Wiegand hat sich nach einigen wenigen Szenen bereits wieder erledigt und wird schnell beiseite geschoben. Ebenfalls nur wenige Szenen haben Walter Ladengast als verrückter Leichenhallen-Beamter und Alice Treff als nachsichtige Mutter der Toten. Ihre Begründung für den Lebensstil von Irmgard Panofsky ist der einzige Moment der Trauer und des Verständnisses, der in der Episode aufkommt.

    Die Ermittleranteile sind diesmal sehr ungleich verteilt; auf Robert (hier als Advokat polizeilicher Gewalt zu erleben), Harry und Rehbein hätte man diesmal eigentlich auch verzichten können. Helga erhält einige nette Einsätze, die über Handlangertätigkeiten allerdings nicht hinausgehen. Walter hingegen übernimmt den Fall federführend und soll laut Kommissar Keller anhand der Untersuchungen unter Beweis stellen, dass ihm „Frauen besser liegen“. Eine etwas verquere Logik in Anbetracht der Tatsache, dass das einzige für den Mord relevante weibliche Wesen bereits tot im Dornbusch liegt ...

    Lange Gespräche mit Verdächtigen und Angehörigen fallen stellenweise etwas dröge aus; auch die Umgebung dieser Folge zählt nicht unbedingt zu den beeindruckendsten. Man wird mit einem soliden Fall (aber einer etwas unglaubwürdigen Auflösung) sowie guten Darstellerleistungen belohnt, hätte sich aber manchmal etwas mehr aktive Handlung und weniger Kasseler mit Rotwein gewünscht.

    (3,5 von 5 Schnapsgläsern)


    Der überzeugendste Ermittler: Inspektor Walter Grabert wird von Kommissar Keller geradezu liebevoll protegiert
    ||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Kommissar Herbert Keller (Erik Ode)
    ||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Inspektor Walter Grabert (Günther Schramm)
    ||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Inspektor Robert Heines (Reinhard Glemnitz)
    ||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Kriminalhauptmeister Harry Klein (Fritz Wepper)
    ||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Kriminalhauptmeister Erwin Klein (Elmar Wepper)

    Besprechung 94: Episode 4 der TV-Kriminalserie, BRD 1969. Regie: Georg Tressler. Drehbuch: Herbert Reinecker. Auf der Seite des Gesetzes: Erik Ode, Günter Schramm, Reinhard Glemnitz, Fritz Wepper, Emely Reuer, Helma Seitz. Unter Verdacht: Paul Albert Krumm, Jan Hendriks, Sigurd Fitzek, Arthur Brauss, Ellen Umlauf, Thomas Astan, Fritz Schmiedel, Alice Treff u.a. Erstsendung: 21. Februar 1969.

  • Foren-Beitrag von Gubanov im Thema



    Der Kommissar: Ein Mädchen meldet sich nicht mehr

    Zitat von Der Kommissar: Ein Mädchen meldet sich nicht mehr
    Vater Stein ist entsetzt, als er die Leiche seiner Tochter in deren Studentenwohnung in München-Schwabing findet und außerdem entdeckt, dass er von ihrem Leben in der Großstadt kaum etwas weiß. Die Studentin scheint in einen Drogenhandel verwickelt gewesen zu sein und ihre Freunde leugnen sogar, sie genauer zu kennen. Vor allem der angehende Mediziner Berthold Wasner und seine Freundin Vera Kusska wollen unter allen Umständen ihre Involvierung unter den Teppich kehren. Sie zeigen mit dem Finger auf „Tanieff“, einen Rauschgiftsüchtigen, der in verzweifelten Situationen dazu neigt, anderen an den Hals zu gehen. Und auch der Wirt Proschitz kommt als Mörder in Frage, denn in seiner Kneipe wird das Rauschgift umgeschlagen ...


    Der erste „Kommissar“-Fall im Studentenmilieu beinhaltet bereits die meisten Insignien, die Reinecker für derartige Stoffe bis in die Neunzigerjahre immer wieder gern neu arrangierte. Von den Hörsälen ist es kein weiter Weg zu den Studentenkneipen und von dort kein weiter in die LSD- und Marihuanasucht. Junge Menschen mit ungefestigtem Charakter – gern auch aus weltfremden dörflichen Elternhäusern – kommen mit den Verlockungen einer zwanglosen Großstadtwelt in Kontakt und erkennen deren Gefahren nicht. So auch Gerda Stein, deren lebloser Körper in einer atmosphärischen Auftaktsequenz gefunden wird. Überhaupt verfügt die Folge, der zugegebenermaßen nicht das höchste Tempo oder der packendste Plot beschieden ist, über viele Szenen, welche in erster Linie aufgrund ihrer Rahmungen und ihrer Einblicke in eine einmalige Subkultur im bzw. kurz nach dem Jahr ‘68 zu überzeugen wissen. Reinecker reiht Schweigen, Enthüllungen und Komplikationen routiniert aneinander, ohne allzu großen Leerlauf aufkommen zu lassen, und Theodor Grädler unterstützt diese Tröpfchen-Strategie mit einer Inszenierung, die selbst ein bisschen betäubt und ziellos wirkt, aber gerade deshalb stimmig zum Thema passt. Oft werden schäbige Schauplätze oder zwielichtige Ausleuchtungen betont, was zur dauerhaften Kooperationsverweigerung der Studenten passt. Kommissar Keller seufzt nicht ohne Grund: „Es ist schade, dass die jungen Leute heutzutage uns so gar nicht erlauben, sie zu begreifen.“

    Zwei dieser verstockten Exemplare sind mit Monika Peitsch und Til Erwig ansprechend besetzt. Peitsch wird zwar stellenweise etwas zu sehr aus dem Fokus verloren, trumpft aber am Ende noch einmal mit glaubwürdiger Angst und Unentschlossenheit auf. Aufgrund ihres Verhaltens bei der vorgegaukelten ersten Überführung auf dem Revier – ein cleverer Schachzug, der das Ende ausnehmend spannend macht – bleibt ihre Vera Kusska letztlich als eine zwiespältige Figur in Erinnerung. Auch Til Erwig behält keine gänzlich reine Weste, darf seine Wendigkeit dafür aber in einer höheren Anzahl substanzieller Szenen unter Beweis stellen. Er teilt sich den Hauptverdächtigenposten mit Peter Chatel und Günther Ungeheuer, der als Kneipier und Unterweltkönig alte Klischees aufwärmt und auch später in Folge 22, „Tod eines Klavierspielers“, nicht wesentlich anders auftrat. Nachdem er Mitte der 1960er Jahre vor allem unter der Regie von Jürgen Roland einige famose Rollen erhalten hatte, wurde er in Folge oft auf ein vergleichbares Fach bei wesentlich geringerer Qualität der charakterlichen Ausarbeitung festgelegt. Sein Wirt Proschitz kann einem eleganten Gentleman-Verbrecher nach Art von Alexander Ford („Vier Schlüssel“) jedenfalls nicht das Wasser reichen.

    Im Gegensatz zu ZDF-Drogenkrimis der 1970er und 1980er Jahre wirkt der Handlungsstrang, der sich um Proschitz’ Rauschgifthandel dreht, noch amüsant naiv und weniger um anstrengende Härte bemüht. Dies lässt den verschiedenen interessanten Hinweisen im Mordfall Stein (der zweite Schlüssel, die wechselnden Beziehungen, Tanieffs Unberechenbarkeit) mehr Raum, sodass ein insgesamt ausgewogenerer Eindruck entsteht, zumal das eifrig gegen den Teufel THC argumentierende Ermittlerteam wieder einmal ohne Unterlass an Wein- und Cognacgläsern sowie handelsüblichen Glimmstängeln zu sehen ist.

    Wer tötete Gerda Stein? Hinter einer Fassade aus Studenten- und Drogenkrimi verbirgt sich ein grundsolider Whodunit, der mit seiner überschaubaren Figurenkonstellation und der doppelten Auflösung punktet. Dank Theodor Grädlers Regie hält sich das Lotterleben der „jungen Leute heutzutage“ in jenen überschaubaren und durchaus unterhaltsamen Grenzen, die sich ein noch nicht gar so demoralisierter Herbert Reinecker am Schreibtisch vorstellen konnte.

    (4 von 5 Schnapsgläsern)


    Der überzeugendste Ermittler: Inspektor Walter Grabert will Bergsteigerstiefel steckbrieflich suchen, aber Harry nicht allein auf die Straße lassen
    ||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Kommissar Herbert Keller (Erik Ode)
    ||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Inspektor Walter Grabert (Günther Schramm)
    ||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Inspektor Robert Heines (Reinhard Glemnitz)
    ||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Kriminalhauptmeister Harry Klein (Fritz Wepper)
    ||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Kriminalhauptmeister Erwin Klein (Elmar Wepper)

    Besprechung 93: Episode 5 der TV-Kriminalserie, BRD 1969. Regie: Theodor Grädler. Drehbuch: Herbert Reinecker. Auf der Seite des Gesetzes: Erik Ode, Günter Schramm, Reinhard Glemnitz, Fritz Wepper, Emely Reuer, Helma Seitz. Unter Verdacht: Monika Peitsch, Til Erwig, Peter Chatel, Günther Ungeheuer, Josef Fröhlich, Rudolf Schündler, Wolfgang Engels, Eduard Linkers u.a. Erstsendung: 14. März 1969.


    PS: Zu den ersten fünf Folgen „Der Kommissar“ gibt es im Blog von SoFiFe Berlin ausführliche Podcasts, in denen die altmodischen Krimis von zwei hippen Berliner Stadtpflanzen genüsslich auseinandergenommen werden. Man muss die Zeit investieren wollen, sich ihren Ulk anzuhören, aber es ist ziemlich unterhaltsam. Hier der Link zu „Ein Mädchen meldet sich nicht mehr“.

  • Eure DVDsDatum13.09.2018 18:21
    Foren-Beitrag von Gubanov im Thema

    FILM

    • Berlin-Alexanderplatz
      (D 1931, mit Heinrich George, Maria Bard, Bernhard Minetti u.a.; Zweitausendeins / Kinowelt)
    • In jenen Tagen
      (D-West 1946/47, mit Erich Schellow, Winnie Markus, Alice Treff u.a.; Zweitausendeins / Kinowelt)
    • Die Sünderin
      (BRD 1950, mit Hildegard Knef, Gustav Fröhlich, Robert Meyn u.a.; Zweitausendeins / Kinowelt)
    • Canaris
      (BRD 1954, mit O.E. Hasse, Barbara Rütting, Martin Held u.a.; Zweitausendeins / Kinowelt)
    • Teufel in Seide
      (BRD 1955, mit Lilli Palmer, Curd Jürgens, Winnie Markus u.a.; Zweitausendeins / Kinowelt)
    • Jonas
      (BRD 1956/57, mit Robert Graf, Elisabeth Bohaty, Dieter Eppler u.a.; Zweitausendeins / Kinowelt)
    • Nachts, wenn der Teufel kam
      (BRD 1957, mit Claus Holm, Mario Adorf, Hannes Messemer u.a.; Zweitausendeins / Kinowelt)
    • Rosen für den Staatsanwalt
      (BRD 1959, mit Martin Held, Ingrid van Bergen, Walter Giller u.a.; Zweitausendeins / Kinowelt)
    • Schachnovelle
      (BRD 1960, mit Curd Jürgens, Hansjörg Felmy, Mario Adorf u.a.; Zweitausendeins / Kinowelt)
    • Lina Braake
      (BRD 1974/75, mit Lina Carstens, Fritz Rasp, Herbert Bötticher u.a.; Zweitausendeins / Kinowelt)
    TV
    • Kommissar Beck - Teil 1
      (SE / BRD 1993, mit Gösta Ekman, Kjell Bergqvist, Rolf Lassgård u.a.; Universal HE / Tobis)
      enthält: Alarm in Sköldgatan; Der Mann auf dem Balkon
    • Kommissar Beck - Teil 2
      (SE / BRD 1993, mit Gösta Ekman, Kjell Bergqvist, Rolf Lassgård u.a.; Universal HE / Tobis)
      enthält: Die Tote aus dem Göta-Kanal; Der Polizistenmörder
    • Kommissar Beck - Teil 3
      (SE / BRD 1993, mit Gösta Ekman, Kjell Bergqvist, Rolf Lassgård u.a.; Universal HE / Tobis)
      enthält: Und die Großen lässt man laufen; Stockholm-Marathon

  • Der Stahlnetz-GrandprixDatum13.09.2018 08:54
    Foren-Beitrag von Gubanov im Thema

    Nach längerer Zeit ist das "Stahlnetz" mal wieder zu Gast im TV. Am späten Abend des 3.10. werden zwei frühe Episoden im SWR gezeigt - mal sehen, ob weitere folgen oder es eine reine Feiertagsprogrammierung ist.

    03.10., 23:30 Uhr, SWR: Die blaue Mütze
    04.10., 00:15 Uhr, SWR: Das Alibi
    04.10., 03:55 Uhr, SWR: Die blaue Mütze (Wdh.)
    04.10., 04:40 Uhr, SWR: Das Alibi (Wdh.)

  • Krieg, Kameradschaft, KatastrophenDatum12.09.2018 21:15
    Foren-Beitrag von Gubanov im Thema

    Vielen Dank für die kundige Rückmeldung zu "Canaris" und den biografischen Hintergründen der Hauptfigur. Je mehr man über Canaris liest, desto deutlicher wird, dass der Tenor der jeweiligen Texte über ihn aufgrund der schwierigen Faktenlage immer direkt mit der politischen Grundhaltung des jeweiligen Autors korreliert.

    Heute jährt sich übrigens der Todestag von O.E. Hasse, der am 12. September 1978 starb, zum 40. Mal. Hasse selbst war auch während der NS-Zeit im deutschen Film aktiv, wirkte aber hauptsächlich in harmlosen Unterhaltungsfilmen mit. Ausnahme ist der Propagandastreifen über die Luftwaffe, "Stukas", von 1941, wo er als Oberarzt zu sehen war. Wäre auch ein interessanter Kandidat für diesen Thread, habe ich aber leider verpasst, als er letztes Jahr in der gleichen Filmreihe im Babylon-Kino zu sehen war wie "Besatzung Dora". Davon ab bereicherte er den Nachkriegsfilm um eine Vielzahl an brillant gespielten Auftritten in hochwertigen Produktionen. Grund genug, sich zu diesem Anlass mal wieder einen Film mit O.E. Hasse anzusehen - ich empfehle einen seiner gelungen Krimis, z.B. "Dr. Crippen an Bord" (1942), "Der Täter ist unter uns" (1943/44), "Epilog - Das Geheimnis der Orplid" (1950), "Ich beichte" (1953) oder "Alibi" (1955) bzw. seine späten TV-Auftritte in "Sanfter Schrecken" (1976/77) oder "Der Alte: Konkurs" (1977).

  • Foren-Beitrag von Gubanov im Thema



    Der Kommissar: Die Pistole im Park

    Zitat von Der Kommissar: Die Pistole im Park
    Auf den Erpresserbrief, der dem Kaufmann Wegener 100’000 Mark abzutrotzen versuchte, folgen Pistolenschüsse. Fast hätte Wegener seinen Unwillen, zu zahlen, mit dem Leben beglichen. Die Polizei bietet ihm Personenschutz an, doch Wegener meint, seine Angestellten könnten auf ihn Acht geben. Am nächsten Tag liegt sein Gärtner tot im Park. Robert Heines zieht in die Villa ein und spürt eine sonderbar angespannte Atmosphäre. Der Bedrohte verhält sich schroff und unfreundlich, die Sekretärin verheimlicht etwas und die früher so devote Haushälterin agiert plötzlich sonderbar aufmüpfig. Von welcher Seite droht hier die Gefahr?


    Die Besprechung enthält leichte Spoiler.

    Erpresserbriefe, die der Polizei angezeigt werden, und noch stärker missglückte Mordversuche lenken den Verdacht des geübten Krimikenners stets in eine ganz bestimmte Richtung. Dadurch und durch die unverhohlene Überheblichkeit, die Georg Wegener vor allem im Umgang mit Robert Heines und seiner Haushälterin Frau Hicks an den Tag legt, weil er sie für „Menschen zweiter Klasse“ hält, steht einschließlich des Hausherrn jeder unter Verdacht, sobald die Kugeln des vermeintlichen Erpressers ein Ziel gefunden haben und die Ermittlungen in Park und Villa des Unternehmers verlegt werden. Das ist auch nötig, denn die an diesem Krimi beteiligten Gastdarsteller lassen sich an einer Hand abzählen – gerade weil der eigensinnige Wegener nicht verheiratet ist und Herbert Reinecker aus der Macht- und Eifersuchtsgeschichte, obwohl es nahegelegen hätte, kein Familiendrama strickte. Stattdessen stehen ausschließlich Wegener und seine Angestellten bzw. Geschäftsbeziehungen im Mittlerpunkt. Eine interessante Abwechslung bildet die Paarung aus Peter van Eyck und Marianne Koch als Chef und Sekretärin, wobei der Gedanke, es könne zwischen beiden geknistert haben, zwar durchgespielt, aber letztlich verworfen wird. Gerade Koch agiert völlig verschlossen und lässt den Zuschauer bis zu den letzten Minuten nicht hinter die abweisende Fassade ihrer Figur blicken. Sie erhöht damit natürlich den Suspense-Faktor, verhindert aber gleichfalls jedes Aufkommen einer Chemie mit dem ins Haus eingezogenen Robert Heines oder gar eine Identifikation des Publikums mit ihrer letztlich doch recht tragischen Rolle. Sie bleibt ausschließlich ein kalter Fisch, erfüllt damit die Bedingungen des Drehbuchs, bleibt aber hinter ihren differenzierteren schauspielerischen Möglichkeiten zurück.

    Hermann Lenschau und Richard Rüdiger fügen sich unauffällig in das Getriebe der Zahnräder ein, das der Mord an Gärtner Eichner in Gang setzt. Rose Renée Roth setzt wie üblich auf subtiles Overacting, was man ihr aufgrund ihrer unterdrückten Haushälterinnenrolle nicht übelnimmt. Offensichtlich freut sie sich diebisch darüber, ihrem herrischen Chef nun endlich etwas entgegensetzen zu können bzw. eine geheime Handhabe gegen ihn zu haben, was in einer absolut spannungsgeladenen Szene kurz vor der Auflösung fast ihr Ende bedeutet. Zum Mordversuch an ihrer harmlos-tütteligen Frau Hicks wird so intensiv hingeleitet, dass es richtiggehend enttäuschend wirkt, als die Polizei dem Mörder letztlich kurz vor knapp einen Strich durch die Rechnung macht.

    Im Zentrum des Falles steht von Anfang bis Ende Peter van Eyck als Georg Wegener, der sich nicht nur namentlich, sondern auch darstellerisch als einer der größten Glücksgriffe der „Kommissar“-Serie entpuppt. Van Eycks tiefe Bassstimme und sein markantes Gesicht passen hervorragend zu Wegeners zunächst unumstößlich scheinender Selbstsicherheit und seinen verbalen Angriffen auf alles und jeden. Die schließlich einsetzende Wandlung hin zu Zögerlichkeit, Unsicherheit und Aufgebrachtheit erfüllt der Schauspieler meisterlich; auch seine Interaktion mit Erik Ode und Reinhard Glemnitz ist bemerkenswert. – Schaut man sich van Eycks Filmografie an, so findet man nach seinem „Kommissar“-Auftritt (Erstsendung am 21.3.1969) nur noch einen Spielfilm, das Kriegsdrama „Die Brücke von Remagen“ (amerikanische Uraufführung am 25.6.1969). In Anbetracht der Tatsache, dass „Remagen“ schon im Juni 1968 gedreht wurde und die Parkaufnahmen in dieser „Kommissar“-Folge eher nach Hoch- oder Spätsommer aussehen, könnte man es hier durchaus mit van Eycks letzter Rolle überhaupt zu tun haben. Die Todesumstände des beliebten Schauspielers bleiben bis heute mysteriös; auch das Hamburger Abendblatt berichtete zur Ausstrahlung der „Pistole im Park“ von van Eycks unerklärlicher Erkrankung:

    Zitat von Peter van Eyck unter Mordverdacht, Hamburger Abendblatt, 21.03.1969, S. 12
    Aus Spanien, wo er mit Brigitte Bardot und Sean Connery den Western „Shalako“ drehte, brachte er eine Viruskrankheit mit, die die Ärzte im Zürcher Kantonspital vor schwierige Probleme stellte. Seit Dezember lag er ununterbrochen im Krankenhaus. Vor zwei Wochen wurde er zu Ehefrau Ingeborg und Töchtern Christina (14) und Claudia (7) ins familieneigene Barockschlösschen St. Margarethen entlassen. Kein Arzt hat genau feststellen können, an welchem Virus der Schauspieler erkrankt war. Der Rekonvaleszent will vorläufig vom Geschäft nichts hören, erst einmal ausspannen und ins Engadin fahren. „Ich bin schrecklich müde“, sagt er.


    Es ist ein Jammer, dass van Eyck bereits im Juli 1969 einen Tag vor seinem 56. Geburtstag starb, weil zum Virus noch eine Lungenentzündung und eine Embolie hinzugekommen waren. Man bedenke, wie viele Rollen er noch in gewohnter Präsenz hätte ausfüllen können! Seine Pläne waren offensichtlich auch groß: „Spätestens im Mai will er wieder voll einsteigen“, beendete das Abendblatt – leider zu optimistisch – seinen Bericht.

    Diesem edlen, mit hervorragendem Spannungsaufbau versehenen „Kommissar“ drückt Peter van Eyck seinen Stempel voll und ganz auf. Er stellt zugleich verfehltes Opfer, Tatverdächtigen Nummer 1 und Zweifelstreuer gegen alle anderen Beteiligten dar. Wolfgang Becker kleidet van Eycks intensives Spiel in hochwertige Schattenspiel- und Gegenlichtbilder, scheint mit Marianne Koch aber weniger anfangen zu können. Die Auflösung ist nicht die überraschendste, aber exzellent in Szene gesetzt.

    (4,5 von 5 Schnapsgläsern)


    Der überzeugendste Ermittler: Kommissar Herbert Keller kann mit einem großen Fisch wie Wegener besser umgehen als Heines
    ||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Kommissar Herbert Keller (Erik Ode)
    ||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Inspektor Walter Grabert (Günther Schramm)
    ||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Inspektor Robert Heines (Reinhard Glemnitz)
    ||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Kriminalhauptmeister Harry Klein (Fritz Wepper)
    ||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Kriminalhauptmeister Erwin Klein (Elmar Wepper)

    Besprechung 92: Episode 6 der TV-Kriminalserie, BRD 1969. Regie: Wolfgang Becker. Drehbuch: Herbert Reinecker. Auf der Seite des Gesetzes: Erik Ode, Günter Schramm, Reinhard Glemnitz, Fritz Wepper, Emely Reuer, Helma Seitz. Unter Verdacht: Peter van Eyck, Marianne Koch, Rose Renée Roth, Hermann Lenschau, Richard Rüdiger u.a. Erstsendung: 21. März 1969.


    PS: Ein völliges Unikum ist die Angabe im Abspann, Inge Brauner sei für die Kostüme verantwortlich gewesen, obwohl nicht ihr Mann Theodor, sondern Wolfgang Becker im Regiestuhl saß.

  • Foren-Beitrag von Gubanov im Thema



    Der Kommissar: Keiner hörte den Schuss

    Zitat von Der Kommissar: Keiner hörte den Schuss
    Ewald Kersky, Angestellter eines Juweliers, wird am helllichten Tag auf einem Parkplatz mitten in München erschossen. Baulärm übertönt den Knall der Pistole; der Mörder kann unbemerkt flüchten. Kersky hatte Rohdiamanten im Wert von 450’000 Mark in der Tasche, die nun fehlen. Doch das Verhalten seiner Ehefrau nährt Zweifel daran, dass es sich wirklich um einen Raubmord handelt. Sie zeigt keine Trauer und zieht gleich nach der Tat mit dem Sohn des Juweliers zusammen. Auch ein weiterer Liebhaber benimmt sich verdächtig. Für Robert Kersky, den Vater des Toten, ist es eine Selbstverständlichkeit, dass seine Schwiegertochter in den Mord verwickelt ist. Er fragt sich, warum Kommissar Keller sie nicht gleich verhaftet!


    Den Jahrgang 1969 entnimmt man dieser „Kommissar“-Folge überaus deutlich der abgedrehten Modenschau, die Wolfgang Becker in dem für ihn typischen Regiestil zum Musikstück „On the Road Again“ von Canned Heat inszeniert. Der ausführliche Einblick in die Avantgarde-Präsentation Londoner Hippie-Mode dient nicht allein dazu, Erika Pluhar in der Hauptrolle dem Zuschauer vorzustellen, sondern der Folge eine unverwechselbare Signatur aufzuprägen, die sie von konservativeren Fällen im „Kommissar“-Kosmos unterscheidet. Sie setzt ein Ausrufezeichen und verkündet, dass man sich hier auf einem Parkett mit Hedonisten und Sarkasten, Lebemännern und -frauen sowie ihren Feinden bewegt – in einer Welt, in der eine Affäre, eine Abhängigkeitsbeziehung und ein Säckchen mit wertvollen Rohdiamanten immer nur einen Griff entfernt ist und die Verlockung höher bewertet wird als die Standfestigkeit.

    Pluhar präsentiert sich eisköniginnenhaft als skrupelloses Zentrum dieser Gesellschaft, um das Liebe und Verachtung der ihr entgegentretenden Männer zirkeln. Die streitbare Figur wird in Reineckers Kurzgeschichtenversion, die im gleichnamigen Sammelband im Fischer-Verlag erschien, wie folgt beschrieben:

    Zitat von Herbert Reinecker: Keiner hörte den Schuss, Fischer Verlag, 2015 (E-Book), Quelle
    Eva Kersky wandte ihr Gesicht dem Kommissar zu. Ein klares Gesicht, ein schönes Gesicht. Es verriet Rasse, unglaubliche Intensität. [...] Eva Kersky hatte von dem Mord an ihrem Mann gerade erst erfahren. Sie hatte ihre Teilnahme an der Vorführung sofort abgesagt. Sie sah den Kommissar und Heines mit klaren Augen an. Sie war bleich, aber sie war nicht bis ins Mark getroffen. Den Eindruck machte sie nicht. Und sie wollte ihn auch nicht machen. Sie sprach mit großer Mühe, aber ohne Verwirrung, setzte ihre Worte gewählt. Sie hatte einen fabelhaften Verstand. [...] Sie hielt sich sehr im Zaum und zeigte eine bewundernswerte Beherrschung.


    Die Wiener Schauspielerin ist sich dieser auf dem Papier entworfenen Wirkung in jeder Geste bewusst und stellt Eva Kersky als umtriebigen Vamp mit vorgeschobener Gefühlskälte dar. Die Folge widmet der schwierigen Ergründung ihrer emotionalen Abgründe mehrere Szenen und zahlreiche Großaufnahmen, in denen sie ‘mal verschlagen, ‘mal bemitleidenswert wirkt, sodass das Publikum sich nie darüber im Klaren sein kann, ob Ernst Fritz Fürbringers lauthals vorgebrachte Anschuldigungen, Eva Kersky sei ein Luder und eine Mörderin, der Wahrheit entsprechen und / oder sie zutiefst verletzen. Fürbringer gibt den Schwiegervater als aufgebrachten Schreihals, der eine einfache Erklärung für den Tod seines Sohnes sucht und sie in dem Umstand findet, dass er Eva für moralisch verkommen hält. Selbst nachdem die Schuld eines Anderen bewiesen ist, keifert er noch: „Sie hat dich dazu getrieben!“ und man merkt, dass es ihm nicht um gerechte Sühne, sondern um die Bestätigung seiner eigenen Vorurteile geht. Es ist äußerst bedauerlich, dass Fürbringer – obwohl er noch bis 1986 Fernsehrollen übernahm – sich kein zweites Mal mehr beim „Kommissar“ die Ehre gab.

    Der fortwährende Verdacht, der auf Eva Kersky lastet, macht „Keiner hörte den Schuss“ zu einem durchweg spannenden Krimi, der auch deshalb so gut funktioniert, weil mit Walter Rilla, Peter Fricke, Marianne Hoppe, Michael Hinz und Horst Sachtleben (letzterer wird von Ode sogar geduzt) eine umfangreiche und brillant besetzte Schar in den Fall verstrickter Personen aufgeboten wird. Mit der Integration des Diamantenschleifers Kinast, der neben dem Juwelier und dem Toten als einziger vom Transport der Rohdiamanten wusste und der damit auch auf der Liste der Verdächtigen stehen sollte, hätte man den Dunstkreis der Ermittlungen sogar noch zusätzlich erweitern können. Aber auch ohne ihn stellt sich der Hauptteil überaus kurzweilig und abwechselnd dar, weil die cleveren Kombinationen von Keller und Heines sich im gefühlten Minutentakt mit dem Streit um Eva Kersky abwechseln. Im Treppenhaus der Kersky-Wohnung kommt es zwischenzeitlich sogar zu tumultartigen Szenen – das erste Highlight von „Keiner hörte den Schuss“, bevor Reinecker mit seiner elaboraten Auflösungssequenz zu einem zweiten Höhenflug ansetzt. Die Versammlung aller Beteiligten auf dem Revier und die Unklarheit darüber, warum der Kommissar für alle gut sichtbar den Wagen des Toten in der Auffahrt zum Präsidium parken ließ, garantieren während der letzten Minuten schweißnasse Hände, wenngleich als Täter gemäß alter Krimiregeln leider wieder die unscheinbarste Figur entlarvt wird.

    Sauberer Krimi im modernen Gewand, in dem die Gier nach Geld, nach Nähe und nach Rache im Mittelpunkt steht. Erika Pluhar ist ungeheuer gut als Frau des Toten, doch zu behaupten, sie stehle den anderen die Schau, wäre auch falsch, denn der Rest der Besetzung (vor allem Fürbringer, Hoppe und Sachtleben) behauptet sich ebenfalls auf Oberklasse-Niveau. Nur bei Kleinigkeiten besteht noch Luft nach oben, vom Unterhaltungswert hingegen spielt „Keiner hörte den Schuss“ ganz vorn mit.

    (4,5 von 5 Schnapsgläsern)


    Der überzeugendste Ermittler: Inspektor Robert Heines und sein emsiges Wetteifern mit „dem Alten“, wie er Keller nennt
    ||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Kommissar Herbert Keller (Erik Ode)
    ||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Inspektor Walter Grabert (Günther Schramm)
    ||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Inspektor Robert Heines (Reinhard Glemnitz)
    ||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Kriminalhauptmeister Harry Klein (Fritz Wepper)
    ||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Kriminalhauptmeister Erwin Klein (Elmar Wepper)

    Besprechung 91: Episode 7 der TV-Kriminalserie, BRD 1969. Regie: Wolfgang Becker. Drehbuch: Herbert Reinecker. Auf der Seite des Gesetzes: Erik Ode, Günter Schramm, Reinhard Glemnitz, Fritz Wepper, Helma Seitz. Unter Verdacht: Erika Pluhar, Ernst Fritz Fürbringer, Marianne Hoppe, Michael Hinz, Walter Rilla, Peter Fricke, Horst Sachtleben, Amanda Lear u.a. Erstsendung: 18. April 1969.

  • Foren-Beitrag von Gubanov im Thema



    Der Kommissar: Der Tod fährt 1. Klasse

    Zitat von Der Kommissar: Der Tod fährt 1. Klasse
    Nicht mehr Komfort, sondern erhöhte Lebensgefahr erwartet weibliche Fahrgäste in der ersten Klasse des Nachtschnellzugs von Dortmund über Frankfurt nach München. Immer am ersten Samstag des Monats schlägt ein Lustmörder zu und würgt seine Opfer, die allein in ihren Abteilen sitzen. Als Verdächtige kommen neben den 1.-Klasse-Fahrgästen auch die Reisenden im benachbarten Schlafwagen in Frage – und tatsächlich kann die Mordkommission drei Männer ausmachen, die auf jeder der tödlichen Fahrten dabei waren. Behindert werden die Ermittlungen vom Freund der letzten Toten, der die Tat aus Trotz seinem herrischen Vater gegenüber gesteht. Um der Unklarheit ein Ende zu bereiten, stellt sich Helga als Lockvogel zur Verfügung ...


    Herbert Reineckers Vorliebe für ausgefallene Einzelfiguren und sozialkritische Stoffe führte dazu, dass vielen „Kommissar“-Folgen das Milieu des kleinen Mannes, das Mitleid mit Opfer und Angehörigen oder die Aufmerksamkeit für gesellschaftliche Probleme wichtiger war als der eigentliche Kriminalfall. Die frühen „Kommissar“-Fälle weichen von diesem Muster noch auf eine angenehm detektivkrimilastige Weise ab, wobei vor allem „Der Tod fährt 1. Klasse“ als Musterbeispiel demonstriert, wie überzeugend eine Episode nach dem genau umgekehrten Strickmuster ausfallen kann. Hier kombinierte der Autor die Taten eines Serienmörders mit der elegant-unverbindlichen Atmosphäre eines Fernverkehrszugs und reichlich solider Ermittlungsarbeit für Keller und die Assistenten, sodass man sich direkt an einen Polizeifilm alter Schule erinnert fühlt und von einem der stärksten Fälle der gesamten Reihe sprechen kann.

    Im Gegensatz zu anderen TV-Krimis, die Eisenbahnflair verheißen und dann nach Auffinden der Leiche dem Verkehrsmittel den Rücken zukehren, bleibt „Der Tod fährt 1. Klasse“ von Anfang bis Ende im Bahnermilieu verhaftet und zieht daraus zusätzlich zum inhaltlich überzeugenden Aufbau nostalgische Pluspunkte. Die Morde, die in den separaten Abteilen des schwach ausgelasteten Nachtzuges geschehen, eine Verfolgungsjagd über die verschneiten Abstellgleise an der Münchner Hackerbrücke, Befragungen missmutiger Schaffner und ein Finale auf der Schiene, bei dem der Killer auf frischer Tat ertappt werden soll, rufen das Ambiente immer wieder in Erinnerung und sorgen für ein gleichbleibend hohes Spannungsniveau, das selbst durch die exzentrischen Falschaussagen Nikolaus Parylas mit Mittelteil der Folge nicht weiter gestört wird. Paryla spielt den rebellischen Sprössling eines überfürsorglichen Vaters, der in erster Linie dazu dient, falschen Verdacht aufkommen zu lassen. Man sieht an dem Vater-Sohn-Rollengespann aber auch gut, wie die verschiedenen Mitarbeiter der Mordkommission mit ihren manchmal recht sonderbaren Verdächtigen umgehen – von Verständnis über Misstrauen bis Ablehnung spiegeln sich im Umgang mit den Abingers die unterschiedlichen Persönlichkeiten der Beamten.

    Reinecker gelang es in dieser Folge überhaupt vorzüglich, das gesamte Team um Kommissar Keller sinnvoll einzubinden und dabei trotz ungewohnter Eigenmächtigkeiten der Untergebenen eine große Loyalität zu ihrem Chef zu verdeutlichen (abzulesen an der Szene, in der sie sich spätabends ohne Absprache alle in dessen Wohnung einfinden, um sich gegen Presseangriffe und die Kritik des Kriminalrats zu beraten). Der hohe Anteil echter Recherchearbeit, natürlicher, unaufgesetzter Humor sowie der waghalsige Undercover-Einsatz im Finale sind große Aktivposten der Folge. Obwohl die Polizisten bis kurz vor dem Showdown in eine völlig falsche Richtung ermitteln, ziehen sie mit ihren Erkundigungen die Schlinge um den Hals des Mörders unwissentlich immer enger zu. Die Täterauflösung bietet damit auch einen gelungenen Twist, der die unheimlichen Schlussszenen an Bord des Zuges bzw. in der Wohnung des Mörders in ihrer Wirkung noch verstärkt. Wolfgang Beckers Regie und die versierte Schwarzweiß-Kamera von Rolf Kästel, die die klaustrophobische Nachtstimmung mit vereinzelt vorbeihuschenden Lichtquellen unterbricht, tragen gleichfalls großen Anteil am Gelingen der Lockvogel-Szenen. Sie bieten zudem eine willkommene Gelegenheit für Emely Reuer, ihre Helga-Lauer-Rolle über die einer bloßen Stenotypistin hinaus zu erweitern.

    Die eher unspektakuläre Gastbesetzung hilft der Folge, sich auf das Wesentliche – den Inhalt – zu konzentrieren. Neben Paryla und Filmvater Hans Jaray überzeugt vor allem Martin Lüttge in der wendigen Rolle eines Zugkellners, der sich von mürrischen Kollegen wie dem schnodderigen Wolfrid Lier zunächst angenehm abhebt. Einmalig blieb auch der Auftritt von Franz Schafheitlin, der hier (in leisen Anklängen an seinen Auftritt als Sir John im Edgar-Wallace-Krimi „Die toten Augen von London“) als Kriminalrat und damit als Vorgesetzter von Kommissar Keller installiert wird. Da der Serie jedoch üblicherweise nicht daran gelegen war, die Autorität des väterlichen Kommissars zu hinterfragen, ließ man Schafheitlin später nicht mehr wiederkehren.

    Wer sich vom „Kommissar“ erst noch überzeugen lassen will, sollte zu dieser Folge als Einstieg greifen, weil sie nicht nur eine spannende Mordserie schildert, sondern auch alle Ermittler von ihrer besten Seite zeigt. Die Wolfgang-Becker-Inszenierung ist zudem atmosphärisch ausgesprochen stimmig und nutzt das winterliche Eisenbahn-Umfeld für bedrückende, stellenweise regelrecht atemberaubende Szenen. „Der Tod fährt 1. Klasse“ ist selbst wie ein Eilzug und lässt keine Verschnaufpause aufkommen.

    (5 von 5 Schnapsgläsern)


    Der überzeugendste Ermittler: Kriminalhauptmeister Harry Klein, der sich in die Gepäckablage quetscht, um Lockvogel Helga zu beschützen
    ||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Kommissar Herbert Keller (Erik Ode)
    ||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Inspektor Walter Grabert (Günther Schramm)
    ||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Inspektor Robert Heines (Reinhard Glemnitz)
    ||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Kriminalhauptmeister Harry Klein (Fritz Wepper)
    ||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Kriminalhauptmeister Erwin Klein (Elmar Wepper)

    Besprechung 90: Episode 8 der TV-Kriminalserie, BRD 1969. Regie: Wolfgang Becker. Drehbuch: Herbert Reinecker. Auf der Seite des Gesetzes: Erik Ode, Günter Schramm, Reinhard Glemnitz, Fritz Wepper, Emely Reuer, Helma Seitz, Rosemarie Fendel. Unter Verdacht: Nikolaus Paryla, Hans Jaray, Franz Schafheitlin, Martin Lüttge, Wolfrid Lier, Harry Engel, Leo Bardischewski, Tony Stahl u.a. Erstsendung: 2. Mai 1969.

  • Hokuspokus (1953)Datum09.09.2018 23:44
    Foren-Beitrag von Gubanov im Thema

    Ein interessanter Vergleich zwischen den beiden bekannten Filmversionen dieses Stoffs. An die 1953er-Version von "Hokuspokus" knüpfe ich sehr wohlige Erinnerungen, auch wenn ich den Film seit 2010 nicht mehr gesehen habe. Seit 2012 liegt mir auch das 1966er-Remake vor, doch ich habe es noch immer nicht gesichtet. Dank deiner Berichte und der Empfehlung für die Rühmann-Fassung werde ich die DVD wohl nicht mehr lange vor mir herschieben können.

  • Krieg, Kameradschaft, KatastrophenDatum09.09.2018 14:30
    Foren-Beitrag von Gubanov im Thema



    Canaris (Ein Leben für Deutschland – Admiral Canaris)

    Kriegsdrama, BRD 1954. Regie: Alfred Weidenmann. Drehbuch: Erich Ebermayer, Herbert Reinecker. Mit: O.E. Hasse (Admiral Canaris), Barbara Rütting (Irene von Harbeck), Adrian Hoven (Hauptmann Althoff), Martin Held (Obergruppenführer Heydrich), Wolfgang Preiss (Oberst Holl), Peter Mosbacher (Fernandez), Charles Regnier (Baron Trenti), Franz Essel (Beckmann), Alice Treff (Sekretärin Fräulein Winter), Herbert Wilk (Oberst Degenhard) u.a. Uraufführung: 30. Dezember 1954. Eine Produktion der Fama F.A. Mainz Film im Atlas-Filmverleih Düsseldorf.

    Zitat von Canaris
    Schon vier Jahre vor Kriegsbeginn misstrauen Admiral Canaris, Chef der Abwehr, und Obergruppenführer Heydrich vom SD einander aufs Tiefste. Als auffliegt, dass Canaris, der sich schon häufig kritisch gegenüber dem Regime geäußert hat, dem Dissidenten von Harbeck zur Flucht verhalf, beschließt Heydrich, die Tochter des Aufgegriffenen als Spionin auf Canaris anzusetzen. Trotz strenger Überwachung gelingt es Canaris und einem engen Stamm Vertrauter, ein Komplott gegen Hitler zu schmieden, das allerdings im letzten Moment misslingt. Auch Beginn und Verlauf des Krieges bestärken Canaris, weiter heimlich gegen den Strom zu schwimmen – selbst wenn das eine große Gefahr für ihn persönlich und für Irene von Harbeck bedeutet ...


    Wilhelm Franz Canaris leitete nach langjähriger Militärkarriere und Geheimagententätigkeit im Ersten Weltkrieg von 1935 bis 1944 die Abwehr, den militärischen Geheimdienst der Wehrmacht. Weil herauskam, dass er sich im Geheimen mit Widerstandskämpfern organisiert hatte, wurde er im September 1944 von Karl Dönitz entlassen, verhaftet und im Februar 1945 – u.a. zusammen mit den anderen Widerständlern Hans Oster und Dietrich Bonhoeffer – im KZ Flossenbürg hingerichtet. Die filmische Aufarbeitung seiner angeblichen Verbrechen gegen das Deutsche Reich gilt allerdings als umstritten. Während die Norddeutsche Zeitung anlässlich der Uraufführung schrieb, der Film sei „dazu angehalten, Aufklärungsarbeit zu leisten im Sinne der geschichtlichen Wahrheit“, spricht das Filmportal von „Geschichtsfälschung à la 1950er Jahre“; der Filmdienst nennt „Canaris“ ein „[s]tark idealisierendes, publikumswirksam oberflächlich inszeniertes Drama“. Das starke Eintreten für eine im Gegensatz zu anderen Verschwörern geschichtlich zwiespältige Person in einer Art Rehabilitationsfilm stützt sich rückblickend laut Volker Helbigs Einordnung von „Herbert Reineckers Gesamtwerk“ (Deutscher Universitäts-Verlag) in erster Linie auf eine „damals schlechte Quellenlage“, wurde im konservativen Adenauer-Deutschland aber wohl auch gerade wegen des überdeutlichen Kontrasts zwischen dem „guten“ Canaris und dem „bösen“ Heydrich so begeistert aufgenommen (vier Bundesfilmpreise).

    O.E. Hasse und Martin Held füllen diese Antagonistenrollen, die zwar am gleichen Apparat beteiligt sind, aber charakterlich und in ihrem Menschenbild nicht weiter voneinander entfernt sein könnten, mit dem von ihnen zu erwartenden schauspielerischen Talent, stellenweise aber auch mit explizitem Pathos aus. Sie stehen einerseits für die Vereinnahmung etablierter gesellschaftlicher Kreise durch das allgegenwärtige Nazitum, andererseits zeigt sich an ihnen der Unterschied zwischen abwägend-verantwortlichem Handeln und rücksichtslosem Karrierismus. In seiner lesenswerten Analyse von „Canaris“ zeichnet Tobias Temming ein genaueres, aufmerksameres Bild der Hauptfigur als jenes, das rundheraus ablehnende Kritiken wie die des Filmportals propagieren. Er belegt damit, dass Vorwürfe der unreflektierten Idealisierung Canaris’ nicht gänzlich gerechtfertigt sind:

    Zitat von Tobias Temming. Widerstand im deutschen und niederländischen Spielfilm. Berlin: de Gruyter, 2016. S. 100f
    Deutlich bemüht sich der Film bereits im ersten Akt, den Kontrast zwischen den verbrecherischen Methoden des nationalsozialistischen Regimes, als dessen herausgehobener Vertreter Heydrich auf der einen Seite fungiert, und Canaris als traditionellem, an bürgerlich-preußischen Werten orientiertem Patrioten auf der anderen Seite herauszuarbeiten. [...] So einfach es gewesen wäre, Canaris als konsequenten Widerständler darzustellen, der seine hohe Position dazu nutzt, seine eigene Tätigkeit und die seiner Mitverschwörer zu decken, erliegen die Produzenten des Films dieser Versuchung nicht. Bereits im Vorfeld der Premiere kündigte die FAMA [die] Canaris-Figur eben nicht als schematischen Widerstandshelden an, sondern als mit sich ringende und schließlich gebrochene Figur, die sich im „tragischen Konflikt zwischen dem Fahneneid und seiner Verantwortung als Christ und guter Deutscher“ nicht zur Tötung Hitlers durchringen kann.




    Authentizität versucht Weidenmanns Film vor allem durch die Einbildung historischer Wochenschaubilder zu erzielen, die zum Beispiel den Anschluss Österreichs oder das Kriegsgeschehen an der Ostfront zeigen. Sie werden in zunehmendem Umfang immer wieder in die Spielfilmhandlung hineingemischt und illustrieren damit den zehn Jahre überbrückenden Zeitraum zwischen erster und letzter Szene. Stellenweise überträgt sich das Gefühl der quälenden Unsicherheit und Warterei, das von Canaris Besitz ergriffen hat, nur zu deutlich auf den Zuschauer, für den die Übermacht und Propaganda der Nazis ebenfalls zu einer Geduldsprobe werden.

    Dass der Film trotz dieser fast dokumentarischen Elemente dennoch im Endeffekt nicht wie seriöses Historiengut wirkt, liegt an den privaten und romantischen Einsprengseln, auf die Drehbuch und Regie in Anbetracht der romanzenseligen 1950er-Jahre-Kinokonventionen nicht verzichten wollten. Schon die in den Vorspann eingebaute Tafel warnt: „Alle Personen jedoch, die nicht der Zeitgeschichte angehören, sind frei erfunden“. Die weniger charmante Übersetzung dieser Zeilen könnte lauten: „Wir haben zusätzlich zur historischen Aufarbeitung die Leidens- und Liebesgeschichte einer attraktiven jungen Frau in den Film eingebaut, um auch das weibliche Publikum ins Kino zu locken.“ Die erst seit zwei Jahren in der Kinobranche mitwirkende Barbara Rütting verkörpert diese Rolle der Irene von Harbeck, deren regimekritischer Vater sie zur Zielscheibe einer Erpressung durch Heydrich macht und die sich im Film erwartungsgemäß in Canaris’ attraktivsten Mitstreiter, Oberleutnant Althoff (Adrian Hoven), verliebt. Für diese Nebenhandlung werden ebenfalls reichlich wertvolle Filmminuten geopfert, die den eigentlichen Schwerpunkt – Canaris’ Widerstandsaktionen – aus dem Fokus geraten lassen. Insgesamt wäre es anzuraten gewesen, das Tempo deutlich anzuziehen und die epische Laufzeit von 108 Minuten auf einen 20 Minuten kürzeren Standardwert einzudampfen.

    Von der übergroßen Geste der Inszenierung abgesehen, kann Weidenmann attestiert werden, geschmackvoll an die Umsetzung des bedeutsamen Stoffes gegangen zu sein. In der Zusammenarbeit mit Kameramann Franz Weihmayr schlägt sich die jahrzehntelange Erfahrung beider Filmschaffender (die ironischerweise auch selbst an NS-Propagandafilmen beteiligt waren) nieder und beschert dem Zuschauer hochattraktive Bildchoreografien, denen der monumentale Score des Neulings Siegfried Franz die entsprechende Wucht verleiht. Wenn O.E. Hasse grübelnd hinter regennassen Fensterscheiben steht und in das Dunkel der Nacht hinausschaut, während sich die Kamera ihm langsam nähert und die Orchesterbegleitung düster aufbrandet, dann spürt man die Ambitionen der Macher, ein hochwertiges Endprodukt abzuliefern, in jedem Detail.

    Die heute umstrittene Großproduktion zeigt einen vielleicht zu positiv dargestellten, aber dennoch plastischen und zweifelnden Wilhelm Canaris, dem O.E. Hasse ein ehrwürdiges Gesicht verleiht. Martin Held ist von der eindimensionalen Bösartigkeit seiner Rolle eindeutig unterfordert; auch andere Filmcharaktere reichen nicht an die Komplexität der Titelfigur heran. Dadurch ergeben sich stellenweise Längen, doch als Zeitdokument sehenswert ist der Film allemal. 3,5 von 5 Punkten.

  • Foren-Beitrag von Gubanov im Thema



    Der Kommissar: Geld von toten Kassierern

    Zitat von Der Kommissar: Geld von toten Kassierern
    Statt eines geregelten Arbeitstags erwartet die Sparkassenangestellten in der Waldstraße die Leiche ihres Filialleiters. Ein Einbrecher hatte sich den Weg ins Schlafzimmer des Bankbeamten gebahnt, ihn zum Aufschließen des Safes gezwungen und dann erschossen. Bis auf den letzten, tödlichen Schritt erkennt Kommissar Keller darin genau die Methode des Bankräubers Louis Kranz ... und tatsächlich ist Kranz vor Kurzem aus der Haft entlassen worden, die ihm der Ermittler vor sechs Jahren eingebrockt hatte. Der Ex-Knacki schwört, auf dem Wege der Besserung zu sein, doch sein Alibi ist höchst unglaubwürdig und er hantiert plötzlich mit blutbeflecktem Geld ...


    Dass Siegfried Lowitz aufgrund seiner langjährigen Popularität als „Der Alte“ ein gern gesehener Gast in anderen Krimiserien ist, in denen er als Abwechslung zu seinem Kommissar Köster verschiedene Grade der Illegalität austarieren konnte, ist nur logisch – vor allem vor dem Hintergrund, dass seine Auftritte die entsprechenden Episoden oft veredeln (wie etwa die spätere „Kommissar“-Folge „Rudek“ oder die „Derrick“-Fälle „Stiftungsfest“ und „Eine Art Mord“). In „Geld von toten Kassierern“ erscheint seine Rolle jedoch nicht als gleichwertiges Gegengewicht zu den genannten Titeln. Sein Louis Kranz ist ein jovialer, gut zu leidender Gewohnheitsverbrecher, doch die Frage, ob er etwas mit den aktuellen Einbrüchen zu tun hat, bei denen nicht nur aufs Geld, sondern auch auf Menschen losgegangen wird, entwickelt sich sehr rasch zu einem gimmick-haften, teils albern ausgestalteten Selbstzweck. Der Ex-Sträfling macht sich freiwillig so verdächtig, wie er es realistischerweise überhaupt nicht wagen würde. Wenn Lowitz zum Beispiel ungeniert sein Blutgeld zückt oder gegenüber dem Kommissar feixt, er habe in der Tatnacht zufällig schon wieder einen Umtrunk mit 30 Zeugen veranstaltet und würde auch demnächst wieder bis 5 Uhr in seinem Alibi-Lokal sitzen, so wirken diese Einfälle wie gezielte, konstruierte Provokationen, die der Glaubwürdigkeit der Folge ebenso wenig gut tut wie Lowitz’ bemüht klingender Berliner Akzent.

    Die zentrale Frage des Reinecker-Drehbuchs – Auf welche Weise steckt Louis Kranz mit den Neuauflegern seiner Methode unter einer Decke? – verliert auch deshalb schnell an Reiz, weil man viele der Vorgänge, die sich zu seiner Haftzeit abgespielt haben müssen, leicht erahnen kann. Sie ist deshalb zu uninteressant, um die gesamte Folge auf hohem Spannungsniveau zu tragen. „Geld von toten Kassierern“ weicht alsdann logischerweise auf Nebenschauplätze aus, die zwar von Interesse für ein authentisches Milieubild sind, aber wenig Krimirelevanz haben: Der aus dem Knast zurückgekehrte Kranz wird als seiner Familie und vor allem seinen Kindern fremder Mann skizziert, der aus der Erkenntnis heraus, als Vater versagt zu haben, zu Jähzorn und Unüberlegtheit neigt. In diesen Momenten spielt Lowitz seine Stärke als Charakterdarsteller aus – allein: Sie sind eben für den Fall an sich vernachlässigbar. Hätte man sich anstelle des Kranz’schen Familienschicksals mehr auf die Sparkasseneinbrüche konzentriert, wäre nicht nur der Titel der Folge vielleicht weniger deplatziert ausgefallen (weder gibt es mehrere Mordopfer, noch ist der eine Tote überhaupt ein Kassierer); auch hätten mehr Einbruchsszenen mit entsprechenden Spannungsmomenten im Dunkeln bei gleichzeitig versierterer Inszenierung z.B. im Stile Wolfgang Beckers für einen besseren Gesamteindruck gesorgt. Georg Tressler gestaltete die Folge sehr schlicht – auch optisch wirkt sie weniger attraktiv als die meisten anderen „Kommissar“-Inszenierungen, die selbst den einfachsten Milieus noch reizvolle Bilder und Stimmungen entlockten (vgl. z.B. „Die Schrecklichen“ oder „... wie die Wölfe“).

    Kommissar Keller steht wieder einmal im Mittelpunkt, während das Team um ihn herum hauptsächlich Handlangertätigkeiten erledigt und Harry sogar gänzlich zu Hause bleibt. Keller übernimmt dann auch die Demaskierung des Bankräubers vor allen Verdächtigen in einem spannenden Finale, das den letzten Eindruck, den man von der Folge im Kopf behalten wird, noch einmal zum Positiven lenkt. Es gibt einige unverhoffte Überraschungen, die fast an Reineckers Wallace-Zeit anknüpfen und den Kommissar vor das Dilemma eines nicht mehr für seine Taten zu bestrafenden Täters stellen. Der Grund, weshalb die Ode-Rolle aber dennoch nicht als überzeugendster Ermittler der Folge gelten kann, ist seine unverschämte Maßregelung Helga gegenüber, sie solle beim Observieren in der Kneipe gefälligst nichts trinken, sonst werde sie entlassen. Als gefühlermaßen versoffenster Ermittler der TV-Geschichte, der auch in dieser Folge wieder genüsslich Schnaps und Bier im Dienst hinunterstürzt, lässt Keller mit diesem Fingerzeig eine unangenehme Doppelmoral durchblitzen, die man bei einem gescheiterten Kriminellen wie Kranz ganz charmant finden mag, zum Hüter der Gerechtigkeit aber so gar nicht passt. Pfui, Herr Kommissar!

    Dieser eher betuliche Fall verlässt sich in zu großem Maße auf seinen Hauptdarsteller Siegfried Lowitz, der zu Trick 17 greifen muss, um die Episode zu füllen. Man hätte sich mehr Fokus auf die Raubzüge in den Sparkassen sowie eine raffiniertere Inszenierung gewünscht – dann hätte „Geld von toten Kassierern“ zumindest im oberen Mittelfeld mitspielen können. Was Keller übrigens vor sechs Jahren mit einem Prozess gegen einen Einbrecher und Bankräuber, der nie jemanden verletzte oder gar tötete, zu tun gehabt haben soll, schwingt als ungeklärtes Rätsel mit ...

    (3 von 5 Schnapsgläsern)


    Der überzeugendste Ermittler: Inspektor Robert Heines liefert sich einen gefährlichen Kampf mit dem Einbrecher
    ||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Kommissar Herbert Keller (Erik Ode)
    ||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Inspektor Walter Grabert (Günther Schramm)
    ||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Inspektor Robert Heines (Reinhard Glemnitz)
    ||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Kriminalhauptmeister Harry Klein (Fritz Wepper)
    ||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Kriminalhauptmeister Erwin Klein (Elmar Wepper)

    Besprechung 89: Episode 9 der TV-Kriminalserie, BRD 1969. Regie: Georg Tressler. Drehbuch: Herbert Reinecker. Auf der Seite des Gesetzes: Erik Ode, Günter Schramm, Reinhard Glemnitz, Emely Reuer, Helma Seitz, Rosemarie Fendel. Unter Verdacht: Siegfried Lowitz, Eva Brumby, Monika Zinnenberg, Götz Burger, Hartmut Reck, Kurt Jaggberg, Eduard Linkers, Hanna Seiffert u.a. Erstsendung: 16. Mai 1969.

  • Foren-Beitrag von Gubanov im Thema

    Ach stimmt, der läuft ja mittlerweile schon. Ist jemand aus dem Forum unter den 11'628 Zuschauern, die ihn sich angesehen haben?

  • Foren-Beitrag von Gubanov im Thema



    Der Kommissar: Schrei vor dem Fenster

    Zitat von Der Kommissar: Schrei vor dem Fenster
    Die Theaterschauspielerin Irene Pauli schlüpft gerade aus dem Kostüm der Maria Stuart, als sie den verzweifelten Schrei ihres Sohnes Berthold vor dem Fenster der Garderobe hört. Der Sohn verschwindet zwar sofort wieder in der Nacht, aber Irene Pauli wird schnell klar, in welcher Zwangslage er steckt: Ihr Mann ist erschossen worden und Berthold soll angeblich der Mörder sein! Ein Augenzeuge hat ihn fliehen sehen. Die Mutter entwickelt übermenschliche Kräfte, um die Polizei vom Gegenteil zu überzeugen. Doch dabei hilft nicht unbedingt, dass Berthold mit der geladenen Tatwaffe durchs nächtliche München läuft und sich immer wieder der Festnahme entzieht ...


    Eine bessere Rolle hätte es für einen alternden Star wie Maria Schell nicht geben können: Ihre Irene Pauli ist eine willensstarke Frau, eine kämpferische Mutter und obendrein spielt Schell sich in dieser Rolle auch noch selbst – eine Schauspielerin, die ihre Überzeugungskraft bis ins kleinste Detail perfektioniert hat und situativ von ihr Gebrauch zu machen versteht. Hinzu kommt, dass die gesamte Episode um sie herum aufgebaut ist und sie in „Schrei vor dem Fenster“ noch prominenter herausgestellt wird als Erik Ode – das will schon etwas heißen! Dementsprechend wird sie schon in der Eröffnungseinstellung in Großaufnahme in Szene gesetzt. Ein klares Zeichen, worauf die Folge in der kommenden Stunde hinaus will. Da Schell die Rolle jedoch mit Inbrunst und Glaubwürdigkeit anlegt, gibt es keinen Grund, ihr diese ungeteilte Aufmerksamkeit zu neiden; im Gegenteil: Ihr ist es zu verdanken, dass „Schrei aus dem Fenster“ trotz einiger Tempoprobleme stets im Fluss und interessant anzusehen bleibt. Sie entlockt ihrer Figur Facetten der Verzweiflung, aber auch des selbstsicheren Verlassens auf die eigenen Fähigkeiten bzw. das Beherrschen der Situation.

    Obwohl sich die Ereignisse aufgrund des üblichen schnellen Leichenfunds und des unüblich klaren Tatverdächtigen anfänglich eigentlich überstürzen müssten, gestaltet Dietrich Haugk den Einstieg eher zögerlich-zurückhaltend. Beinah hätte ich „gemütlich“ geschrieben, doch das stimmt nicht: Irene Pauli befindet sich von Anfang an in nervöser, äußerst ungemütlicher Zitterspannung, aber sie tastet sich nur langsam an die Herausforderung, Privatverteidigerin für ihren Sohn zu spielen, heran, wirkt zunächst wie in Trance. Erst als sie den Hausmeister, der die belastende Aussage tätigt, von seiner eigenen Unzurechenbarkeit zu überzeugen versucht und sich die Ereignisse kurz darauf in die schwesterliche Wohnung verlegen, nimmt der Plot wirklich an Fahrt auf. Dabei gibt es auch im weiteren Verlauf bis kurz vor Ende keine Wendungen oder Überraschungen; „Schrei vor dem Fenster“ ist absolut geradlinig auf die gutherzige Löwenmutter zugeschnitten. Reinecker bevorzugte oft Figuren, die den Kommissar oder später Oberinspektor Derrick penetrant von der Schuld einer bestimmten Person zu überzeugen versuchten – hier jedoch ist sein Zauberrezept die Umkehr dieser Formel in eine Kämpferin für einen Unschuldigen (z.B. gegen Robert, der gern mit Polizeihunden Jagd auf Berthold machen würde ...).

    So eindeutig er und Harry sich dazu äußern, der Fall sei praktisch von Anfang an schon gelöst, ist jedem Zuschauer klar, dass Berthold Thiemel auf keinen Fall der wahre Täter sein kann. Die Anzahl der anderen Verdächtigen ist überschaubar, wird jedoch durch ein qualitativ hochwertiges, familiär aufspielendes Ensemble ausgeglichen. Neben Schells Dauerpräsenz genießen vor allem Eva-Ingeborg Scholz, Veit Relin und Doris Kiesow ihre jeweils fünf Minuten Rampenlicht. Mit zunehmender Laufzeit wird das Rätsel, wer Irene Paulis Mann tötete, von dem Rätsel, welches Geheimnis ihre Garderobiere hütet, abgelöst, wobei beide – man kann es sich denken – eng miteinander verknüpft sind. In den Szenen in Laura Wedekinds Wohnung steigert sich die Spannung ins beinah Unermessliche. Doch bevor Kommissar Keller die Wahrheit enthüllt, steht noch eine letzte Verfolgungsjagd auf den flüchtigen Berthold aus – eine, die von Dietrich Haugk absolut exzellent eingefangen wurde. Sie führt das ungeschickte Muttersöhnchen geradewegs in einen Rohbautunnel der Münchner U-Bahn, der dann eine spektakuläre Kulisse für die Familienzusammenführung und die Täterüberführung bildet. Sie bindet Irene Paulis Theaterrolle effektvoll mit ein und kaschiert mit diesem theatralischen Effekt, dass der Kommissar jegliche Beweise für seine letztlich präsentierte „Theorie“ schuldig bleibt.

    Zwischendurch gibt es einige wenige Szenen, die vom straffen Aufbau ablenken. Stellvertretend sei jene im Freudenhaus genannt, wo Berthold Thiemel in seiner hilflosen Art eine Prostituierte als Geisel zu nehmen versucht. Diese hustet dem Jüngling jedoch etwas und verpfeift ihn an ihre Kolleginnen – ein Moment peinlicher Komik, den man der Figur (und sich selbst) lieber erspart hätte. Dass solche Szenen durchaus gefährlich hätten wirken können, beweisen zeitgleich am anderen Ende Deutschlands gedrehte St.-Pauli-Krimis. Löblich zu erwähnen ist hingegen die Abwesenheit von Rehbein und Helga, die mit dem kompletten Verzicht auf Büroszenen einhergeht, was der Suche nach dem Mörder eine besondere Dringlichkeit verleiht.

    Zwei Personalien – Maria Schell und Dietrich Haugk – verwandeln eine vergleichsweise simple Geschichte in ein zunehmend spannendes und inszenatorisch anspruchsvolles Familiendrama, das in der „Kommissar“-Fangemeinde oft unter Wert verkauft wird. Trotz kleinerer Macken und der nicht allerschnellsten Erzählweise der Folge geht von der Schauspielerin, die eine Schauspielerin spielt und als solche ihr Talent einsetzt, um ihren Sohn zu verteidigen, eine kuriose Faszination aus.

    (4,5 von 5 Schnapsgläsern)


    Der überzeugendste Ermittler: Kommissar Herbert Keller stellt der Schauspieldiva Irene Pauli die größte Lebenserfahrung entgegen
    ||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Kommissar Herbert Keller (Erik Ode)
    ||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Inspektor Walter Grabert (Günther Schramm)
    ||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Inspektor Robert Heines (Reinhard Glemnitz)
    ||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Kriminalhauptmeister Harry Klein (Fritz Wepper)
    ||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Kriminalhauptmeister Erwin Klein (Elmar Wepper)

    Besprechung 88: Episode 10 der TV-Kriminalserie, BRD 1969. Regie: Dietrich Haugk. Drehbuch: Herbert Reinecker. Auf der Seite des Gesetzes: Erik Ode, Günter Schramm, Reinhard Glemnitz, Fritz Wepper. Unter Verdacht: Maria Schell, Eva-Ingeborg Scholz, Veit Relin, Doris Kiesow, Gunther Beth, Hans Hermann Schaufuß, Stella Mooney, Renate Schmidt u.a. Erstsendung: 6. Juni 1969.

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