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  • "Derrick" oder: das andere KonzeptDatum08.04.2018 09:00
    Foren-Beitrag von Gubanov im Thema



    Derrick: Herr Widanje träumt schlecht

    Episode 253 der TV-Kriminalserie, BRD 1995. Regie: Alfred Weidenmann. Drehbuch: Herbert Reinecker. Mit: Horst Tappert, Fritz Wepper sowie: Gudrun Landgrebe (Agnes Voss), Eleonore Weisgerber (Gerda Widanje), Edwin Noël (Kergel), Julia Brendler (Dina), George Lenz (Hans), Henry van Lyck (Widanje), Philipp Moog (Dr. Dahlau), Dirk Galuba (Victor Eppler) u.a. Erstsendung: 17. November 1995, ZDF.

    Zitat von Derrick: Herr Widanje träumt schlecht
    Seine Frau ist heilfroh, dass er tot ist: Herr Widanje liegt erschossen auf seiner eigenen Schwelle – getötet von einer Person, die ihn aus dem Haus heraus erschoss. Frau Widanje erhält von einer guten Freundin, einer mit Derrick bekannten Psychologin, ein Alibi. Frau Dr. Voss versorgt den Oberinspektor dann auch mit Videobändern, die die Abgründe des Herrn Widanje offenlegen: Dieser pflegte seine andauernden Vergewaltigungsfantasien nämlich nicht selten in die Tat umzusetzen. Sowohl bei seiner Gattin als auch bei der Tochter seines Angestellten Kergel ...

    Zitat von G. Walt: „Herr Widanje träumt schlecht“ bei Zauberspiegel Online, Quelle
    Er träumte nicht wirklich schlecht. Er träumte nur davon Frauen zu vergewaltigen und das war eben schlecht. Für ihn war es die reinste Wonne.


    Das paradoxe Wortspiel, das Reinecker zum Titel der Episode erhebt, kennzeichnet sowohl die abstoßende Selbstverständlichkeit, mit der der Ermordete seinen Lüsten nachgeht, als auch die einhellige Bewertung seiner Macke durch die übrigen Handlungsträger. Obwohl völlig mit sich selbst im Reinen und deshalb ein ganz beruhigter Schläfer, war Herr Widanje doch ein Mann, der seine Feinde wie an einer Perlenschnur aufzieht. Seine Besetzung mit dem schon immer zwielichtigen, aber nie wirklich bedrohlichen Henry van Lyck fällt deshalb etwas enttäuschend aus und man wünscht sich, er und „Derrick“-Veteran Dirk Galuba, der als Widanjes Prokurist zu sehen ist, hätten die Rollen getauscht. Mit Galuba als Titelfigur wäre für den nötigen Sleaze mit Sicherheit gesorgt gewesen ...

    Dabei sind schmutzige Details gar nicht das Anliegen der Alfred-Weidenmann-Folge. Sie konzentriert sich in sauber-gesittetem Rahmen auf die psychologischen Auswirkungen des Widanje-Triebs, die vor allem von Gudrun Landgrebes Psychologin Dr. Agnes Voss in Worte gepackt werden. Ihr zweiter und leider schon letzter „Derrick“-Auftritt konfrontiert den Oberinspektor nach „Die Ungerührtheit der Mörder“ zum zweiten Mal in unmittelbarer Folge mit einer mit Derrick recht vertrauten Psychologin, die bis zur Halskrause in den Fall verstrickt ist. Landgrebe legt ihr Spiel ruhig und konzentriert an und kann sich deshalb als wichtige Informationsquelle profilieren, obwohl letztlich durchscheint, dass sie nicht die volle Wahrheit preisgibt. Neben ihr fallen der altgediente Edwin Noël, der vorsichtig aufmüpfige George Lenz und die zurückhaltende Julia Brendler positiv auf, während Eleonore Weisgerber als verheult durch die Szenerie schlafwandelndes Ehephantom etwas zu dick aufträgt und Philipp Moog als junger Staatsanwalt ein wenig deplatziert wirkt.

    Einen Sonderstatus reklamiert die Folge insofern, als der Täter nicht eindeutig benannt wird und sich Derrick am Ende der einstündigen Laufzeit in einer Sackgasse wiederfindet. Die Spuren des Falles Widanje laufen, obwohl ein Geständnis vorliegt, ins Leere, was den Ausgang der Episode ungewohnt offen gestaltet. Das Publikum, das sich von einem Krimi eigentlich abschließende Klarheit erwartet, wird hier bewusst hingehalten – ein Stilmittel, das nach dem jahrzehntelangen Dauererfolg des Oberinspektors nun ganz bewusst von Reinecker eingesetzt wird, um Realitätsnähe zu schaffen (vgl. auch „Offener Fall“ oder „Eines Mannes Herz“). Derrick fällt dazu das dienstbeflissene Fazit: „Es gibt immer wieder Fälle, die nie ganz gelöst werden. Es bleiben immer wieder offene Fragen. Und ich werde immer wieder versuchen, sie zu beantworten.“ Vorbildlich!

    Zwar erscheinen gewisse Handlungselemente offenkundig konstruiert (die Videos der Psychologin, der mit einem Job gekaufte Vater des Vergewaltigungsopfers) – aber dennoch überzeugt das Gesamtbild von „Herr Widanje träumt schlecht“ durch einen interessanten Mord, ein schillerndes Opfer und ein spannendes Täterrätsel. Gudrun Landgrebe liefert eine sehr einnehmende Darstellung ab; hinter ihr reihen sich diesmal erstaunlich viele altbekannte Gesichter, die etwas Nostalgie aufkommen lassen. 4 von 5 Punkten.

  • Foren-Beitrag von Gubanov im Thema



    Der Kommissar-Countdown: Zwischenwertung Box 2

    Ich kann nur ein wenig entgeistert auf die Zahlen blicken, wenn ich bedenke, dass ich geschlagene dreieinhalb Jahre gebraucht habe, um mich durch die „Kommissar-Kollektion 2“ durchzuackern (Beginn im September 2014). Mehrfach hatte ich die Serie über lange Zeiträume aus der Hand gelegt, um sie dann wieder mit positiver Überraschung zur Hand zu nehmen. Das, was Ringelmann und Reinecker präsentieren, ist nämlich fast durchweg gute Krimi-Unterhaltung mit einigen absoluten Highlights („Der Moormörder“, „Traum eines Wahnsinnigen“), wobei sich in dieser Kollektion stärker als in ihren Vorgängern auch einige wenige wirklich schwache Folgen bemerkbar machen. Meine Rangliste bildet folglich das komplette Spektrum ab – jede mögliche Punktzahl habe ich in den 25 letzten „Kommissar“-Ermittlungen mindestens einmal vergeben. Meine zeitliche Prognose bezüglich eines möglichen „Kommissar“-Grandprix – vom Juni 2013! – muss ich allerdings selbst ob des Vorhabens, mir mit Kollektion 1 nicht so viel Zeit zu lassen, deutlich nach hinten korrigieren:

    Zitat von Gubanov im Beitrag #416
    Mit 97 Folgen? Ein Grandprix-Marathon wäre das. Und bitte erst, wenn ich mit der Serie durch bin. Dürfte so in zirka eins, zwei Jahren der Fall sein.



    Dies ist meine persönliche Hitliste für die Fälle der zweiten Kollektion (Hut ab, Herr Becker!):

    Platz 01 | ★★★★★ | Folge 43 | Traum eines Wahnsinnigen (Becker)
    Platz 02 | ★★★★★ | Folge 29 | Der Moormörder (Becker)
    Platz 03 | ★★★★★ | Folge 34 | Der Tote von Zimmer 17 (Becker)

    Platz 04 | ★★★★☆ | Folge 32 | Die Anhalterin (Staudte)
    Platz 05 | ★★★★☆ | Folge 49 | Ein Amoklauf (Becker)
    Platz 06 | ★★★★☆ | Folge 40 | Der Tod des Herrn Kurusch (Grädler)
    Platz 07 | ★★★★☆ | Folge 45 | Schwester Ignatia (Haugk)

    Platz 08 | ★★★★★ | Folge 26 | Die kleine Schubelik (Tressler)
    Platz 09 | ★★★★★ | Folge 42 | Ein rätselhafter Mord (Staudte)
    Platz 10 | ★★★★★ | Folge 27 | Anonymer Anruf (Käutner)
    Platz 11 | ★★★★★ | Folge 39 | Als die Blumen Trauer trugen (Haugk)
    Platz 12 | ★★★★★ | Folge 46 | Überlegungen eines Mörders (Haugk)

    Platz 13 | ★★★☆★ | Folge 35 | Lisa Bassenges Mörder (Staudte)
    Platz 14 | ★★★☆★ | Folge 30 | Besuch bei Alberti (Staudte)
    Platz 15 | ★★★☆★ | Folge 28 | Drei Tote reisen nach Wien (Haugk)
    Platz 16 | ★★★☆★ | Folge 41 | Kellner Windeck (Ode)

    Platz 17 | ★★★★★ | Folge 44 | Die Tote im Park (Staudte)
    Platz 18 | ★★★★★ | Folge 25 | Der Mord an Frau Klett (Haugk)
    Platz 19 | ★★★★★ | Folge 33 | Lagankes Verwandte (Becker)
    Platz 20 | ★★★★★ | Folge 47 | Tod eines Schulmädchens (Grädler)

    Platz 21 | ★★☆★★ | Folge 36 | Tod eines Ladenbesitzers (Staudte)
    Platz 22 | ★★☆★★ | Folge 48 | Toter gesucht (Grädler)

    Platz 23 | ★★★★★ | Folge 38 | Grau-roter Morgen (Grädler)

    Platz 24 | ★☆★★★ | Folge 31 | Ende eines Tanzvergnügens (Staudte)

    Platz 25 | ★★★★ | Folge 37 | Die andere Seite der Straße (Grädler)

  • Foren-Beitrag von Gubanov im Thema



    Der Kommissar: Der Mord an Frau Klett

    Zitat von Der Kommissar: Der Mord an Frau Klett
    Man hat sie weggeworfen wie eine alte Puppe: Die arbeits- und antriebslose Frau Klett, die zur Untermiete bei Nachtklubkellner Wachsner wohnte, wurde zunächst mit mehreren Messerstichen getötet und dann in einem Abfallcontainer entsorgt. Es zeigt sich, dass Wachsner und seine andere Mieterin, Frau Schilp, nach Frau Kletts Tod nun eine Heidenangst haben und falsche Angaben machen. Was ist ihr Geheimnis? Ein zweiter Weg zum Mörder führt über die Familie von Frau Klett, die sich in den letzten Jahren völlig auseinandergelebt hatte. Während ihr Mann sich mit dem Nachahmen von Tierstimmen über Wasser hält, sinnt ihr Sohn nach Rache für den Tod seiner Mutter ...


    Es wird dem Zuschauer dieser Folge schwer gemacht, Mitleid für die Personen des gezeigten schäbigen Milieus zu entwickeln, da diese ihren Platz am unteren Ende der Gesellschaft nicht zu Unrecht einnehmen. Ihnen ist kein höheres Unrecht widerfahren; es ist ihre eigene Kraft- und Charakterlosigkeit, die sie in einem Ellenbogensystem nach unten „durchrutschen“ lässt. Frau Klett, ihr Mann und ihr Sohn gehören zu jenen Menschen, die bass erstaunt sind, wenn man ihnen die Frage stellt, warum sie eigentlich nicht arbeiten – weil sie auf diese Idee aus reiner Bequemlichkeit nie gekommen wären. So schlagen sie sich eher schlecht als recht durchs Leben und finden ihre „Endstation“ entweder auf dem Parkplatz des Tierparks Hellabrunn, unter der Wittelsbacher Brücke oder in der Wohnung von Kellner Wachsner, den Alfred Balthoff derart schmierig-wehleidig und dabei zugleich hinterhältig-verschlagen porträtiert, dass man ihm noch 40 weitere Leidensjahre als Kellner an den Hals wünscht.

    Die tristen Lebensumstände werden leider in einer etwas provokanten Art vor die Kamera gehalten, sodass sie wie gewolltes Beiwerk wirken, was vor allem in den langen Monologen deutlich wird, die Balthoff auf dem Revier vor der Pensionsempfängerin in spe Rehbein hält. Sie bringen weder den Fall voran, noch tragen sie auf positive Weise zum Ausbau bestimmter Figuren bei. Was hingegen gut gelungen ist, ist die Verdeutlichung der Angst, die sich nach Frau Kletts Tod bei Herrn Wachsner und Frau Schilp bemerkbar macht. Schon das dreimalige Klingeln an der Tür – ein untrügliches Zeichen dafür, dass jemand zu Frau Klett will – versetzt sie in Aufruhr. Die Fragen der Polizei beantworten sie fahrig und ausweichend, greifen zu offensichtlichen Lügen und Verschleierungen. Hier wird ein solides Mysterium aufgebaut, das allerdings letztlich in eine Thematik mündet, die man beim „Kommissar“ zu häufig gesehen hat und die hier – auch dank schwacher Hintermänner – wenig beeindruckend wirkt.

    Ebenso wie in „Das Ende des Humoristen“ spielt neben Balthoff auch hier bereits Hanns-Ernst Jäger eine tragisch-abgewrackte Rolle, die der des depressiven Komikers nicht unähnlich ist. Auch diesmal schreckt Jäger vor totaler Selbsterniedrigung nicht zurück und reist schon in seiner ersten Szene weit den Mund auf, um das Schreien eines Esels nachzumachen. Filmsohn Vadim Glowna spult eher unmotiviert das typische Sohn-will-Tod-des-Verwandten-rächen-Programm ab; seine Glanzstunde früher „Kommissar“-Tage ist eindeutig eher in „Auf dem Stundenplan: Mord“ zu verankern. Im Vergleich dazu prägt sich Mordopfer Ursula Klett, gespielt von Else Knott, deutlich mehr ein, weil ihre Fotografie immer wieder gezeigt wird und sie auch ein paar herbe, nicht wirklich vorteilhafte Kurzauftritte in Rückblenden hat.

    Inmitten der Trostlosigkeit sucht das Team um Kommissar Keller nach Zerstreuung und Aufheiterung, nachdem ihnen die übel zugerichtete Leiche im Müllcontainer auf den Magen geschlagen ist. Vielleicht etwas zu verspielt, machen sie aus der Wahrheitsfindung diesmal einen Wettbewerb, in dem der Senior gegen seine Assistenten um den schnellsten Weg zur Lösung antritt. Stellenweise wähnen sich Walter, Robert und Harry uneinholbar weit im Vorsprung – Harry versteigt sich sogar zur Aussage „Es sieht ganz so aus, als sitzt der Chef auf dem falschen Dampfer“, was von Rehbein mit dem Kommentar „Das wäre das erste Mal“ abgebügelt wird. Am Ende müssen die jungen Büßer reuig feststellen, dass die Weisheit ihres Chefs wie üblich keine Grenzen kennt und viele Wege zur gleichen Zeit nach Rom – oder vielmehr in den Nachtklub „Remise“ – führen.

    Die Geschichte einer Verliererin, die ihr Leben verwirkte, als sie an das große Geld kam, wird von Dietrich Haugk erstaunlich unrund präsentiert. Zwar liefert er am Ende ein temporeiches Finale, doch die Folge erweckt in Gänze wenig Anteilnahme oder Mitfiebern. Ein möglicher Grund hierfür ist der eher höhepunktslose Cast, dessen einzelne Mitwirkende man in anderen Folgen eindrucksvoller sah. Die markanten Klänge aus Peter-Thomas-Feder reichen nicht, um dem drögen Plot genug Leben einzuhauchen.

    (3 von 5 Schnapsgläsern)


    Der überzeugendste Ermittler: Kriminalhauptmeister Harry Klein, der ob der Kaltblütigkeit des Mörders Trost bei Rehbein und einem großen Bier sucht
    ||||| ||||| ||||| ||||| Kommissar Herbert Keller (Erik Ode)
    ||||| ||||| ||||| ||||| Inspektor Walter Grabert (Günther Schramm)
    ||||| ||||| ||||| ||||| Inspektor Robert Heines (Reinhard Glemnitz)
    ||||| ||||| ||||| ||||| Kriminalhauptmeister Harry Klein (Fritz Wepper)
    ||||| ||||| ||||| ||||| Kriminalhauptmeister Erwin Klein (Elmar Wepper)

    Besprechung 73: Episode 25 der TV-Kriminalserie, BRD 1970. Regie: Dietrich Haugk. Drehbuch: Herbert Reinecker. Auf der Seite des Gesetzes: Erik Ode, Günther Schramm, Reinhard Glemnitz, Fritz Wepper, Helma Seitz. Unter Verdacht: Alfred Balthoff, Hanns-Ernst Jäger, Vadim Glowna, Else Knott, Hilde Volk, Laurence Bien, Siegfried Kretschmer, Ursula Barlen u.a. Erstsendung: 9. Oktober 1970.

  • Foren-Beitrag von Gubanov im Thema

    Gern!

  • Foren-Beitrag von Gubanov im Thema

    Morgen geht es los! Ich habe weitere mögliche Interessenten per PM angeschrieben. Es würde mich freuen, wenn hier noch der eine oder andere dazu käme. Für die Übersichtlichkeit habe ich für die oben aufgeführten Produktionen, die im Grandprix zur Bewertung stehen, eine kleine Übersicht mit Links zu Georgs Krimi-Homepage (für Inhalt und Besetzung) sowie zu den deutschen DVD-Auswertungen (falls noch Nachholbedarf besteht) erstellt:

    TV-Krimis von NWRV, WDR und SDR:

    Paul-Temple-Kinofilme:
    Andere Durbridge-Kinofilme:
    TV-Krimis aus Großbritannien und DDR:
    TV-Krimi-Einteiler von ZDF und HR:

  • Foren-Beitrag von Gubanov im Thema



    Der Kommissar: Die kleine Schubelik

    Zitat von Der Kommissar: Die kleine Schubelik
    Leichenfund im Schrebergarten: Der als unverbesserlicher Trinker und Schläger bekannte Schubelik wurde mit einem Kissen erstickt, während er seinen Rausch ausschlief. Kommissar Keller und seine Assistenten verhören sowohl die schon lange fortgelaufene Frau Schubelik als auch deren siebzehnjährige Tochter Inge, die offiziell noch immer beim Vater wohnte. In letzter Zeit schlief sie jedoch oft bei einem tschechischen Gastarbeiter. Auch Schubeliks Trinkkumpanen bringen sich in Verdacht, doch ihre Handschrift trägt der Mord nicht. Wissen sie, was in der tödlichen Nacht geschah?


    Durch die Augen von Georg Tressler erzählt „Die kleine Schubelik“ ein Familiendrama der proletarischen Sorte, das jedoch keineswegs belanglos ausfällt. Obwohl die Trostlosigkeit der Gartenhütte und ihrer Bewohner jederzeit greifbar ist, steigt man diesmal nicht ungern in biergeschwängerte, testosterongesteuerte, frauenfeindliche Gefilde herab, denn sie ergeben ein schonungsloses Zeitbild, das nur zu Beginn an übereifrigem Zeigefingereinsatz krankt. Hätte Kommissar Keller Herrn Schubelik schon gekannt, hätte er sich den belehrenden Kommentar, man möge einen Menschen doch nicht nach seiner Wohnung beurteilen, gleich gespart. Der Tote war schließlich genauso heruntergekommen wie seine Bleibe – ein Kerl, um den es nicht wirklich schade ist. Über den Mord wird gesagt: „Was war denn?“„Nichts!“ Und so erwächst das Interesse an den Ermittlungen im Wesentlichen aus den Reaktionen des Schubelik’schen Umfelds auf dessen Kapriolen und weniger aus der Motiv- oder Täterfrage.

    Obwohl Reinecker die Tochter des Toten, die zweifellos am meisten unter der Situation zu leiden hatte, zur Titelfigur machte, räumte er ihr praktisch keinen Raum ein, ihre Erfahrungen mit dem Publikum zu teilen. Dies ist vielleicht schade, bewahrt die Folge aber auch vor kitschigen Sentimentalitäten, da sie sich nicht auf berichtetes Leid stützt, sondern die Geschichte eher naturalistisch anpackt. Die junge Inge Schubelik ist von Ereignissen der Mordnacht, die über weite Strecken im Halbdunkel liegen, traumatisiert. Deshalb wird von verschiedenen Personen für sie gesprochen, anstatt sie selbst zu Wort kommen zu lassen. Einen kleinen Schnitzer beging Reinecker in dem Unterfangen, der pragmatischen Mutter den schwarzen Peter für die familiären Entwicklungen zustecken zu wollen. Die Geschichte von der die alleinige Verantwortung fürs Häusliche tragenden Frau, die sich schuldig aus dem Staub macht, geht im Kontext der Schubelik-Laube nicht auf – die Frau kann von Glück reden, da herausgekommen zu sein, wenngleich sich die Frage stellt, warum sie sich nicht etwas besser um ihre Tochter kümmerte. Erni Mangold liefert eine gute Leistung ab, während Filmtochter Susanne Schaefer (die am Ausstrahlungstag mit dem „Kommissar“ gegen einen TV-Film ihrer echten Mutter Eva Brumby antrat) eher blass bleibt.

    Großes Kino hingegen bietet Ur-Bösewicht Peter Kuiper, der sein Können regelmäßig als ausgewachsener homme terrible in diversen Ringelmann-Produktionen unter Beweis stellte (man denke z.B. auch an „Das Kriminalmuseum: Die Mütze“ oder seine „Derrick“-Auftritte in „Tod am Bahngleis“ oder „Der Untermieter“). In diesem Fall verleiht Kuiper einem prolligen Saufkumpanen ein glaubhaftes Gesicht, der nicht nur ein wichtiger Tatverdächtiger, sondern auch durch und durch notgeil, misogyn und geltungsbedürftig ist. Eine perfekte Mischung – Kuiper wie auf den übergroßen Leib geschrieben, die der Vollblutschauspieler auch prompt mit Ekel erregender Inbrunst (einschließlich gieriger Blicke und Schweißflecken unter den Achseln) umsetzte. Sowohl die häuslichen Szenen der Klenzes mit Margarete von Trotta als gequältem Arbeitstier mit Ehering als auch die Befragung, in der der Schwerenöter der offensiven Helga Lauer beinah auf den Schoß springt, verfehlen ihre Wirkung nicht.

    Apropos Helga Lauer: Für Emely Reuer war „Die kleine Schubelik“ der letzte Auftritt als Bestandteil des „Kommissar“-Teams, das von da an außer Faktotum Rehbein in gänzlich männlicher Hand war, nachdem sich nur zwei Folgen vorher auch „Frau Keller“ Rosemarie Fendel aus der Serie verabschiedet hatte. Dieser Umbau bei den Regulars sowie der hier zum letzten Mal aufscheinende Hinweis auf das Fernsehstudio München im Abspann und das Ende der Zusammenarbeit mit Regisseur Georg Tressler legen nahe, dass „Die kleine Schubelik“ produktionshistorisch gewissermaßen das Ende der frühen „Kommissar“-Phase markiert. Was dieser Abschlussfolge an Grandezza fehlt, macht sie durch Offenheit und auch durch Coolness (Walters Kampfkunsttrick, Applaus für Kuipers Nagel-Vorführung, Rehbeins 1945-Spruch, Keller und Klein als Law and Order-Männer im Ausländerwohnheim) wieder wett.

    Als Krimi ist „Die kleine Schubelik“ zwar kein großer Wurf; Flair und erstklassige Gastrollen hat sie aber zur Genüge. Leider gestaltet sich der Ablauf bisweilen etwas tempoarm, sodass man auf die kuriosen Siebzigerjahreeinfälle sowie die engagierten Darsteller zählen muss. Diese liefern aber so zuverlässig wie der Bierfahrer, der die Leiche findet.

    (4 von 5 Schnapsgläsern)


    Der überzeugendste Ermittler: Inspektor Walter Grabert als muskelprotz-umlegender Frauenversteher
    ||||| ||||| ||||| ||||| Kommissar Herbert Keller (Erik Ode)
    ||||| ||||| ||||| ||||| Inspektor Walter Grabert (Günther Schramm)
    ||||| ||||| ||||| ||||| Inspektor Robert Heines (Reinhard Glemnitz)
    ||||| ||||| ||||| ||||| Kriminalhauptmeister Harry Klein (Fritz Wepper)
    ||||| ||||| ||||| ||||| Kriminalhauptmeister Erwin Klein (Elmar Wepper)

    Besprechung 72: Episode 26 der TV-Kriminalserie, BRD 1970. Regie: Georg Tressler. Drehbuch: Herbert Reinecker. Auf der Seite des Gesetzes: Erik Ode, Günther Schramm, Reinhard Glemnitz, Fritz Wepper, Emely Reuer, Helma Seitz. Unter Verdacht: Erni Mangold, Susanne Schaefer, Peter Kuiper, Margarethe von Trotta, Josef Fröhlich, Joseph Vinklar, Sigfrit Steiner, Tommi Piper u.a. Erstsendung: 30. Oktober 1970.

  • Foren-Beitrag von Gubanov im Thema

    Meine Güte, ist mein letzter „Kommissar“ schon lang her! Höchste Zeit, wieder einmal in die Ettstraße der frühen Siebziger zu äugen. Rehbein bietet diesmal sogar eine Wolldecke für Übernachtungen im Präsidium an ...



    Der Kommissar: Anonymer Anruf

    Zitat von Der Kommissar: Anonymer Anruf
    An einem einzigen Abend ändert sich das Leben von Kurt Gersdorf von Grund auf. Zuerst erhält er einen anonymen Anruf, der seine Frau der Untreue bezichtigt. Gersdorf rast zum Haus seines Onkels, der der Liebhaber sein soll, nur um dort in dessen Ermordung verwickelt zu werden. Jemand hat ihm eine ganz geschickte Falle gestellt. Alle Indizien weisen auf Gersdorf, sogar die verwendete Pistole gehört ihm selbst. Dem Kommissar ist der Fall zu offensichtlich. Der Tote, Gregor Stein, hatte schließlich eine ganze Reihe von Feinden. Gut möglich, dass einer von ihnen auf die Idee kam, Stein aus der Welt zu schaffen und Gersdorf als Sündenbock herhalten zu lassen ...


    Wie zufällig lässt Helmut Käutner die Kamera über das schummrige Münchner Häusermeer gleiten, bevor sie sich ein Dachfenster aussucht und hinter diesem den Auftakt eines soliden Krimirätsels in Szene setzt. Die erste Szene etabliert einen jener Kriminalfälle, in denen der Zuschauer der Polizei insofern voraus ist, als er die unwahrscheinliche Aussage des Hauptverdächtigen aus eigener Anschauung heraus bestätigen kann, was ihn zu einem Verbündeten gegen die Ermittler macht. Kurioserweise wird aus dieser Ausgangslage jedoch wenig Profit geschlagen, da Kommissar Keller – obwohl sich Kurt Gersdorfs Geschichte wahrlich abenteuerlich anhört – sofort bereit ist, dem wenig vertrauenswürdigen Martin Lüttge zu glauben. Dieser weist mit langen Haaren und studentischem Arbeits- und Geldmangel diverse Insignien eines unzuverlässigen Tunichtguts auf, erscheint aber durch die perfide Falle, in die er gelockt wurde, in einem durchaus positiven Licht. Lüttge spielt sich in den Szenen, in denen er merkt, dass es ihm an den Kragen zu gehen droht, regelrecht in Rage und scheut nicht die offene Auseinandersetzung mit Kontrahenten, noch bevor diese ihrer Gegnerschaft überhaupt in Worte fassen können.

    Ein wenig bedauerlich ist, dass man sich ob des Drehorts der Villa Ahlsen als wenig kreativ erwies, obwohl diese im Komplott gegen Kurt Gersdorf gewissermaßen eine heimliche Hauptrolle spielt. Man sieht ausgiebige Aufnahmen des mittlerweile abgerissenen Gebäudes in der Thalkirchner Heilmannstraße 23, die auch bereits der Folge 23, „Tödlicher Irrtum“, ihren prägnantes Flair verlieh. Auch anderweitig demonstrieren weder Reinecker noch Käutner besonderen Erfindungsreichtum, sondern stützen sich auf erprobte Kniffe des Genres, z.B. einen hohen Anteil an Befragungsarbeit, das Einbeziehen typischer Verdächtigenfiguren und Motive sowie eine Aufklärungsszene, in der Kommissar Keller alle Beteiligten am Tatort versammelt und nacheinander mögliche Schuldszenarien andeutet. Das ist stimmungsvoll, aber auch ein bisschen trocken und wirkt stellenweise bemüht – gerade dort, wo sich kleinere Stolperfallen auftun, wie etwa beim erst im letzten Moment aus dem Hut gezauberten wahren Grund für den Mord an Gregor Stein.

    Neben Lüttge drücken vor allem Gerlinde Locker mit dem stillen Porträt einer ungewöhnlich „aufopferungsvollen“ Gattin sowie Friedrich Joloff als amüsierter Erzfeind Steins und Hanne Hiob in der Rolle einer zunächst sehr verhuschten und später dann verdächtig selbstsicheren Haushälterin der Folge ihren Stempel auf. Gern hätte man auch Szenen mit einem noch lebenden Gregor Stein gesehen, um selbst überprüfen zu können, ob dieser so ekelhaft war, wie die Beschreibungen der Verdächtigen es vermuten lassen. Auch das Ehepaar Busse, dargestellt von Jürgen Goslar und einer von Rose-Marie Kirstein nachsynchronisierten Dunja Rajter, hätte etwas mehr Fleisch auf die Rippen gehängt bekommen können, um nicht ganz so offensichtlich als Hüter einer eher mittelmäßig versteckten Wahrheit aus dem Gesamtbild zu ragen. Bleibt Paul Edwin Roth, der als geschäftsreisender Lüstling alte „Kommissar“-Klischees bedient und in der Ausstrahlungsreihenfolge Zuschauer schon einmal auf die erotischen Ausflügler der kommenden Folge vorbereitete.

    Abschließend ein Blick zurück auf den Titel: Der „anonyme Anruf“ baut eine sehr interessante Stimmung auf, wenngleich findige Stimmkenner das Telefonat freilich als Spoiler bezüglich der Täteridentität empfinden werden. Wer nicht gar so stimmaffin ist, dem wird der Anrufer nicht sofort bekannt sein, zumal zwischen dem anfänglichen Gespräch und dem ersten „richtigen“ Auftritt der entsprechenden Figur ausreichend Zeit ins Land geht. Dadurch bewahrt sich die Folge ihren Rätselfaktor, von dem sie als klassischer Whodunit ohne wirklich mutige Besonderheiten auch großteils lebt.

    Heutzutage hätte die Nummernanzeige seines Telefons Kurt Gersdorf gewarnt: Bei einer unbekannten Rufnummer kann am anderen Ende der Leitung nur ein Werbetreibender oder ein heimtückischer Mörder lauern. Martin Lüttge lernt die Lektion auf hartem Wege, während die Ermittler um Kommissar Keller ihre Routine im Umgang mit einem süffisanten Joloff, einer geflissentlichen Hiob und einer offenkundig lügenden Rajter demonstrieren.

    (4 von 5 Schnapsgläsern)


    Der überzeugendste Ermittler: Inspektor Robert Heines bleibt einen Moment am Apparat (ganz un-anonym, versteht sich)
    ||||| ||||| ||||| ||||| Kommissar Herbert Keller (Erik Ode)
    ||||| ||||| ||||| ||||| Inspektor Walter Grabert (Günther Schramm)
    ||||| ||||| ||||| ||||| Inspektor Robert Heines (Reinhard Glemnitz)
    ||||| ||||| ||||| ||||| Kriminalhauptmeister Harry Klein (Fritz Wepper)
    ||||| ||||| ||||| ||||| Kriminalhauptmeister Erwin Klein (Elmar Wepper)

    Besprechung 71: Episode 27 der TV-Kriminalserie, BRD 1970. Regie: Helmut Käutner. Drehbuch: Herbert Reinecker. Auf der Seite des Gesetzes: Erik Ode, Günther Schramm, Reinhard Glemnitz, Fritz Wepper, Helma Seitz. Unter Verdacht: Martin Lüttge, Gerlinde Locker, Jürgen Goslar, Dunja Rajter, Hanne Hiob, Friedrich Joloff, Paul Edwin Roth u.a. Erstsendung: 20. November 1970.

  • Eure FilmbücherDatum02.04.2018 17:16
    Foren-Beitrag von Gubanov im Thema

    Zu Ostern erweitert sich die Filmbuchsammlung in Richtung Amerika:

    Paul Duncan, Jürgen Müller (Hrsg.): Film Noir
    Taschen Bibliotheca Universalis
    Taschen Verlag, Köln 2017, 648 Seiten


    Kleinformatig, aber massiv präsentiert sich die Reihe Bibliotheca Universalis, in der neben dem hier bereits erwähnten Band über Horrorfilme auch ein Standardwerk zu den Noir-Filmen erschienen ist. Trotz stattlichen Umfangs kostet das Buch nur 15 Euro und ist damit für Einsteiger wie auch Experten zu empfehlen.

    Es fährt sozusagen doppelgleisig, indem zunächst in allgemeinen thematischen Aufsätzen inhaltliche Schwerpunkte von Hollywoods Schwarzer Serie analysiert werden, bevor im anschließenden Hauptteil 50 einzelne Filme ausführlich beschrieben und analysiert werden. Man kennt die Bücher des Taschen-Verlags als recht bildlastig, was auch hier der Fall ist, aber der Textanteil ist deshalb nicht zu vernachlässigen und macht einen substanziellen Eindruck. Dadurch, dass sowohl die Klassiker des Genres als auch unbekanntere Filme angesprochen werden, werden auch Fortgeschrittene hier noch ganz neue Anregungen finden. Gespickt ist das Buch zudem mit griffigen Zitaten aus Filmen und weiteren Sekundärquellen, die die Professionalität des Bandes untermauern. Die Druckqualität ist wie bei Taschen gewohnt sehr hochwertig; der auf der Rückseite abgedruckte Slogan "Nie sahen Krimis besser aus" bewahrheitet sich beim Durchblättern auf jeden Fall.

    Die auf dem Cover angekündigte Film-Noir-Top-50 besteht aus eben jenen genau beleuchteten Filmen und ist chronologisch angeordnet, sodass sie keinen Fan vor den Kopf stößt. Sie macht zudem deutlich, warum sich dieser Band der Bibliotheca-Universalis-Reihe eher lohnt als andere Bücher des Verlags über den Film Noir: Die Autoren beschränkten sich ausschließlich auf Filme der Jahre 1940-60 und damit auf lupenreine Film-Noir-Infos, anstatt wertvollen Platz auf Nebenschauplätze wie Proto-, Post- oder Neo-Noir zu ver(-sch-)wenden.

    Mehr Infos unter https://www.taschen.com/pages/de/catalog...s.film_noir.htm

  • Neue Wallace-Buch-AusgabenDatum02.04.2018 16:56
    Foren-Beitrag von Gubanov im Thema

    Die Folio-Bücher sind wirklich immer ausnehmend hübsch. Im Band "Crime Stories from the Strand", der mittlerweile nur noch antiquarisch erhältlich ist, war auch bereits eine Wallace-Gerechten-Geschichte ("The Man with the Canine Teeth" aus "The Law of the Three Just Men") enthalten.

  • 1875–2015: 140 Jahre Edgar WallaceDatum02.04.2018 16:05
    Foren-Beitrag von Gubanov im Thema

    Leider gibt es wenig Grund zum Feiern. Mir ist jedenfalls keine Aktion und kein Artikel aufgefallen, der an den Geburtstag erinnert hätte. Auch das vergangene Jahr war in puncto Wallace-Ereignisse mit Ausnahme neuer Blu-ray-Veröffentlichungen, die aber auch eher wenig Echo hervorrufen, recht schwach aufgestellt.

  • Eure DVDsDatum01.04.2018 21:36
    Foren-Beitrag von Gubanov im Thema

    Hamburg-Urlaub und Osterfest erweitern die Sammlung:

    FILM

    • Der Schimmelreiter
      (D 1934, mit Mathias Wieman, Marianne Hoppe, Ali Ghito u.a.; Universum-Film)
    • Der Schlitzer von London (The Lodger) (Classic Cinema Collection)
      (USA 1944, mit Laird Cregar, Merle Oberon, George Sanders u.a.; Savoy-Film / Intergroove)
    • Der Leichendieb (The Body Snatcher) (Arthaus Retrospektive)
      (USA 1945, mit Boris Karloff, Bela Lugosi, Henry Daniell u.a.; Studio Canal / Arthaus)
    • Schwarzer Kies (Classic Selection)
      (BRD 1961, mit Helmut Wildt, Ingmar Zeisberg, Hans Cossy u.a.; Concorde HE)
    • Der Teufel mit der weißen Weste (Le doulos)
      (FR / IT 1962, mit Jean-Paul Belmondo, Serge Reggiani, Jean Desailly u.a.; Studio Canal)
    • Wer die Nachtigall stört (To Kill a Mockingbird)
      (USA 1962, mit Gregory Peck, John Megna, Frank Overton u.a.; Universal HE)
    TV
    • Sanfter Schrecken (Unheimliche Geschichten am Kamin) (Pidax Film-Klassiker)
      (BRD 1977, mit Wolf Roth, Johanna von Koczian, Klaus Schwarzkopf u.a.; Pidax-Film)

  • Frohe OsternDatum01.04.2018 21:25
    Foren-Beitrag von Gubanov im Thema

    Besser spät als nie: Auch von mir beste Grüße und Wünsche. Ihr hattet hoffentlich einen angenehmen und einigermaßen entspannenden Ostersonntag und setzt das morgen gleich fort (vielleicht mit Wallace- oder anderweitigem Krimiprogramm).

  • Foren-Beitrag von Gubanov im Thema

    Ich habe die DVD aus der US-Komplettbox gecheckt. @Markus: Bei der ersten Stelle bin ich mir nicht sicher, ob dich deine Erinnerung nicht täuscht. Es gibt sowohl vor als auch nach der Einstellung mit den Gläsern in Nahaufnahme Rückblenden, aber nicht ganz direkt im Umschnitt, sondern ein paar Einstellungen eher bzw. früher. Für die zweite Stelle lautet der Originaldialog: "The idea thrills me. But I expect you've been on it millions of times." - "Not once. But I must."

    Die Laufzeit von "The Mystery of the Blue Train" beträgt auf der US-DVD 98:05 (NTSC); das entspricht in PAL 94:04 Minuten.

  • Der New-York-Ripper (1982)Datum27.03.2018 23:30
    Foren-Beitrag von Gubanov im Thema

    Okay, auf Zombiepfade habe ich zugegebenermaßen mich noch nicht begeben.

  • Der New-York-Ripper (1982)Datum27.03.2018 23:10
    Foren-Beitrag von Gubanov im Thema

    Danke!

    Über Fulcis besten Giallo dürften die Meinungen ja auseinandergehen. Für mich ist das "The Psychic", für dich bestimmt nicht. Welchen packst du an die Spitze?

  • "Derrick" oder: das andere KonzeptDatum27.03.2018 00:15
    Foren-Beitrag von Gubanov im Thema



    Derrick: Die Ungerührtheit der Mörder

    Episode 252 der TV-Kriminalserie, BRD 1995. Regie: Helmuth Ashley. Drehbuch: Herbert Reinecker. Mit: Horst Tappert, Fritz Wepper sowie: Marion Kracht (Sophie Lauer), Wolf Roth (Dr. Weiland), Michael Mendl (Ali Klais), George Lenz (Geißler), Mario Irrek (Johannes Keller), Melanie Rühmann (Hanna), Petra Bischoff (Ingeborg Noll), Renate Grosser u.a. Erstsendung: 6. Oktober 1995, ZDF.

    Zitat von Derrick: Die Ungerührtheit der Mörder
    Gymnasiallehrer Dr. Weiland glaubt, ein für seine Oberstufenschüler geeignetes Aufsatzthema gefunden zu haben: die Vorgänge, die sich im Gehirn eines Mörders abspielen. Er vereinbart mit der Haftanstalt, dass der Frauenmörder Ali Klais unmittelbar nach seiner Entlassung zu einer Fragestunde in die Schule eingeladen wird. Die Fragerunde entpuppt sich jedoch als Tribunal, das die Schüler hoffnungslos überfordert. Sie beginnen, sich an Klais’ Fersen zu heften und geraten ebenso wie die mit Derrick befreundete Psychologin Sophie Lauer unter Verdacht, als Klais plötzlich selbst erschossen wird ...


    Das Maximiliansgymnasium ist zwar seit den Lümmelbank-Komödien mit Hansi Kraus zumindest filmisch nicht für pädagogische Mustergültigkeit bekannt; die Gebahren, die Lehrer Weiland an den Tag legt, sind aber noch um einiges kruder als die von Knörzerich, Blaumeier und Co. In dem Versuch, das Klassenzimmer für eine „hautnahe Begegnung mit einem Problem unserer Zeit“ zu öffnen und dabei mehr über das „Steuergerät“ Gehirn zu erfahren, in dem sich „wahre Blitzgewitter“, wenn auch keine „Menschheitssonnenaufgänge“ zutragen, lädt Weiland seine Klasse zum ungezwungenen Mörder-Talk ein. Der einzige, der auf diese Weise die Schwere eines Mordes verharmlost, ist dabei paradoxerweise der Lehrer selbst, der eigentlich gegen eine Verrohung der Gesellschaft eintreten möchte. Der Gefängnisdirektor betrachtet dies lapidar als eine Folge der Unterhaltungsindustrie und Weilands Vorstoß als eine Schnapsidee – und soll damit Recht behalten.

    Auch wenn Helmuth Ashley das Gespräch zwischen Schülern und Lehrern sehr eindringlich auf den Bildschirm bringt, muss die wortkarge, einfältige Verhaltensweise von Ali Klais doch als ärgerlich bezeichnet werden. Reinecker ging es wohl darum, unterschwellig nicht nur eine Ungerührtheit, sondern auch eine Dummheit der Mörder zu suggerieren. Michael Mendl steht dieses zurückgebliebene Auftreten nicht wirklich, sodass es die ohnehin schwierige Glaubwürdigkeit der Folge weiter strapaziert. Überzeugender als er wirkt seine Schwester, als die Renate Grosser in ihrem letzten „Derrick“-Auftritt noch einmal punktgenaue Akzente – einschließlich Wutausbruch – setzen darf. Auch Wolf Roth als spinniger Lehrer leistet wie üblich passgenaue Arbeit, während die Besetzung der Schüler mit bis zu 28-jährigen Schauspielern wieder einmal etwas weit hergeholt erscheint.

    Einen ganz großen Schwerpunkt bildet diesmal der Auftritt von Marion Kracht als mit Derrick offenbar sehr eng befreundete Psychologin. Da in den Akten des ZDF als offizielle Freundinnen des Oberinspektors nur die Charaktere von Johanna von Koczian und Margot Medicus geführt werden, darf von einer rein platonischen Beziehung zwischen dem eher väterlichen Ermittler und der über ihre mangelnde Lebenserfahrung grübelnden Sophie Lauer ausgegangen werden. Immerhin ist sie aber schon so weit gediehen, dass Derrick für die Dame die eingestaubten Spaghetti aus seinem Küchenschrank zückt und sie ihm im Gegenzug von einer Vergewaltigung im Kindesalter erzählt. Man muss folglich eine Involvierung Lauers in den Fall befürchten, für den sie sich so fieberhaft interessiert – ein cleverer Schachzug des Drehbuchs, welcher der sonst sehr geschwätzigen Folge eine markante Besonderheit verleiht und Derrick umso affektiver am Schicksal von Klais, Weiland und dessen Schülern teilhaben lässt. Tappert erhielt nicht in jeder Folge so ausführliche Gelegenheit, sein schauspielerisches Talent unter Beweis zu stellen. Wer Derrick hauptsächlich seinetwegen sieht, wird dieser Folge besonders viel abgewinnen können.

    Leider trifft das auf den Mord an Klais sowie dessen Aufklärung nicht wirklich zu. Sie ist wie so oft im späteren Serienverlauf nur Standardware, die sich leicht vorausahnen lässt und genauerer Betrachtung nur mit Mühe und Not standhält. Immerhin zieht der erfahrene und moralisch gefestige Oberinspektor einen passenden Schlussstrich unter die Episode: Wer einen Mörder tötet, ist kein „besserer Mörder“ als derjenige, der einen Unschuldigen auf dem Gewissen hat. Wir können über diese Weisheit nachdenken, während der Abspann mit Eberhard Schoeners depressiver – pardon: „seelisch erkälteter“ – Musik über Tapperts bedeutungsschwangeres Gesicht läuft.

    Weder das Verhalten des Pädagogen noch das seiner Schüler dürfte besonders nah an der Realität angesiedelt sein. Auch Michael Mendls Mörder bleibt eher eine Scherenschnittfigur. Nichtsdestoweniger und auch trotz verschiedentlichen Predigtgeschwafels verfügt „Die Ungerührtheit der Mörder“ über ein anrührendes Moment mit großem Tiefgang. Derricks persönliche Involvierung tut ihr Übriges dazu. Gute 3,5 von 5 Punkten – das sollte in Box 17 eigentlich für einen Platz in der besseren Hälfte reichen.

  • Foren-Beitrag von Gubanov im Thema

    Diese VÖ wird gekauft. Zwar leider wieder eine dieser Pastiche-Produktionen, in denen alle "Klischeefiguren" wie Moriarty und Mycroft auftauchen, aber immerhin ein recht angesehener Versuch mit stilsicher wirkender Besetzung.

  • "Derrick" oder: das andere KonzeptDatum26.03.2018 00:35
    Foren-Beitrag von Gubanov im Thema

    @Georg: Danke für die Hintergrundinfos. Spannender Klatsch! Dass Tögel so negativ über Tappert berichtet, legt nahe, dass seine Perspektive nicht die einzige ist, die man in dieser Causa kennen sollte ...


    @Jan: Ich vermute, du meinst "Die Tote im Park" aus der "Kommissar"-Reihe? Da lief der Mord auch nach dem beschriebenen Schema ab. In "Dein Bruder, der Mörder" wird allerdings noch in der gleichen Szene klar, dass der Mord eigentlich nicht durchs Mundzuhalten begangen wurde, sondern weil Randolf Basler die Prostituierte würgte. So oder so: Reinecker hätte gut daran getan, dem Mörder und seiner Motivation etwas mehr Fleisch auf die Rippen zu hängen.

  • Der New-York-Ripper (1982)Datum25.03.2018 20:40
    Foren-Beitrag von Gubanov im Thema



    Der New-York-Ripper (Lo squartatore di New York)

    Thriller, IT 1982. Regie: Lucio Fulci. Drehbuch: Gianfranco Clerici, Lucio Fulci, Vincenzo Mannino, Dardano Sacchetti. Mit: Jack Hedley (Lieutenant Fred Williams), Paolo Malco (Dr. Paul Davis), Almanta Keller (d.i. Almanta Suska) (Fay Majors), Andrew Painter (d.i. Andrea Occhipinti) (Peter Bunch), Howard Ross (Mickey Scellenda), Alexandra Delli Colli (Jane Forrester Lodge), Laurence Welles (d.i. Cosimo Cinieri) (Dr. Lodge), Cinzia de Ponti (Rosie), Daniela Doria (Kitty), Zora Kerova (Eva) u.a. Uraufführung (IT): 4. März 1982. Uraufführung (BRD): 10. Juni 1982.

    Zitat von Der New-York-Ripper
    Lieutenant Williams von der New Yorker Polizei hat einen neuen Lieblingsfeind: einen brutalen Mörder, der mit Spring-, Küchen- oder Rasiermesser junge Frauen bestialisch hinrichtet. Die Vermieterin der ersten Toten kann einen wichtigen Hinweis geben: Die Frau hatte vor der Tat einen Anruf bekommen, in dem sich der Killer mit verzerrter Stimme meldete. Seine Stimme klang wie die einer Ente! Dies erlebt Lieutenant Williams auch bald am eigenen Leibe, denn sein Geltungsbedürfnis verleitet den New-York-Ripper dazu, der Polizei seine nächsten Taten anzukündigen. Wie lange wird er sein tödliches Spiel unbehelligt treiben und Williams an der Nase herumführen können?


    Offenbar nachhaltig von Disneys Zeichentrickfigur verstört, erweckte Lucio Fulci zehn Jahre nach seinem bis dato umstrittensten Giallo „Don’t Torture a Duckling“ die düstere Seite von Donald Duck zu neuem Leben. Erneut wird der Enterich zum Symbol für Mord und Gewalt, die in „The New York Ripper“ in großzügiger Dosierung und provokanter Verbindung zu sexuellen Abarten zum Einsatz kommt. Diesmal ist es der titelgebende Ripper – ein wahrer Metzger vom Schlage eines Londoner Jack –, der sich übers Telefon mit verzerrter Donald-Duck-Stimme bei Opfern und Polizeihäschern meldet. Seine arroganten Überlegenheitsäußerungen gehen mit seiner perfiden Machtausübung mit Messer und Klinge einher und machen ihn zu einer besonders bedrohlichen Mördergestalt, obwohl ihm das typische Mantel-, Maske- und Handschuhe-Outfit seiner früheren Genre-Kollegen abgeht. Auch der inszenatorische Fokus hat sich seit den Giallo-Frühwerken drastisch verändert: weg von der langen, spannungsvollen Ankündigung eines drohenden Unheils hin zu plötzlich hereinbrechendem Verderben, bei dem es zuvorderst auf blutige Details und das Überschreiten von Grenzen ankommt. Fulci lässt genüsslich draufhalten, wenn ein Opfer eine abgebrochene Flasche zwischen die Beine gerammt bekommt oder die Rasierklinge des Rippers bei einem anderen quer durch Brustwarze und Augapfel schneidet. Zartbesaitete sollten diesen Film definitiv meiden.

    Zitat von „Der New-York-Ripper“ bei Film Freak Central, Oktober 2009, Quelle
    The New York Ripper’s main claim to fame is its reputation as a sadistic, gory, and generally misogynist giallo [...], featuring authentic location photography in scuzzy New York locales that strongly recall images from films like Taxi Driver and Cruising [...]. Fulci’s killer stalks New York women and mutilates them with an unmistakably sexual aggression, although he’s apparently not a rapist. He’s a stock genre character except for one thing: he talks like Donald Duck, complete with frenzied quacking noises. (I am not making this up.) And there’s nothing fantastic about the murders on screen, except in the sense that Fulci stages them so well, with moments that occasionally evoke a real sensation of terror, confusion, isolation – before the inevitable death occurs.




    Die Vorwürfe, der Film demonstriere aufgrund der abenteuerlichen Verquickung von Sex und Gewalt eine frauenfeindliche Grundhaltung, übersehen einige interessante Ansätze, mit denen der Film den selbstzweckhaften Einsatz dieser Genre-Merkmale aufbricht. Als besonders zentral erweist sich die unterschwellige Aussage, dass alle Charaktere des Films – seien sie Täter oder Opfer, schuldig oder unschuldig – Dreck am Stecken und gleichfalls in der Fantasie haben, dass jede Figur in gewisser Weise lasterhaft oder gebrochen ist und auch den Überlebenden nur pessimistische Aussichten auf ein unerfülltes Leben bleiben. New York wird als düsteres Moloch gezeigt, das seine Einwohner unbarmherzig Düsternis und Gefahr aussetzt. Die Handlungsträger setzen sich auf ihre Weise zur Wehr – mit mehr oder weniger harmlosen Perversionen, und sei es nur das Walkman-Hören und Bonbon-Naschen des Gerichtsmediziners, während er die Hinterlassenschaften des Rippers wieder notdürftig zusammennäht.

    Jack Hedley zeichnet seinen Ermittler als entsprechend harten Hund, der krasse Fälle gewöhnt ist, den die besondere Brutalität des Ripper aber besonders mitnimmt und darüber hinaus geradezu verbissen macht, das Duell gegen ihn gewinnen zu wollen. In klassischer Whodunit-Form konzipiert, fällt der Verdacht zunächst auf Schleimbeutel-Legende Howard Ross, der jedoch bald als zu verdächtig aus der möglichen Täterriege ausscheidet. Paolo Malco, Andrea Occhipinti, Almanta Keller und Laurence Welles ergänzen sie aber äußerst effektiv, sodass bis zum letzten Moment mitgerätselt werden kann. Mag man von der Aufmachung also halten, was man will – unter einem reinen Krimi-Aspekt ist „The New York Ripper“ in Aufbau und Struktur sehr gut gelungen. Dabei werden einzelne Figuren von mehreren Seiten beleuchtet; insbesondere die verschiedenen Facetten, die das Drehbuch den Rollen von Paolo Malco und Almanta Keller entlockt, sind als für Giallo-Verhältnisse durchaus überdurchschnittlich einzuordnen.

    Ebenfalls kommen dem Film seine offensichtlich guten Produktionswerte zugute, die es erlaubten, ihn ausschließlich an Originalschauplätzen zu drehen und in den wichtigen Departments Kamera und Musik auf A-Klasse-Personal zurückzugreifen, das sein Handwerk versteht (Luigi Kuveiller und Francesco de Masi). Sie sorgen gemeinsam mit der stets druckvollen, temporeichen und milieusicheren Regie für kurzweilige Unterhaltung, die hartgesottenen Genrefreunden gefallen sollte.

    Wer sich nicht an kunstfertig aufgeschnittenen Filmpuppen und Unmengen an Kunstblut stört, wird in „The New York Ripper“ eine düstere Zustandsbeschreibung einer degenerierten Großstadt finden, in denen die Spleens einzelner Personen so wenig auffallen wie ein Baum im Wald. Ernstliche Spannung und eine treffsichere Be- und Umsetzung machen aus dem Thriller mehr als ein wildes Gemetzel. 4 von 5 Punkten.

  • Foren-Beitrag von Gubanov im Thema



    Großstadtmelodie

    Liebesdrama, D 1942/43. Regie: Wolfgang Liebeneiner. Drehbuch: Wolfgang Liebeneiner, Géza von Cziffra, Astrid von dem Busche. Mit: Hilde Krahl (Renate Heiberg), Werner Hinz (Dr. Rolf Bergmann), Karl John (Klaus Nolte), Viola Zarell (Tänzerin Viola), Hilde Weissner (Frau Hesse), Will Dohm (Dr. Pauske), Otto Graf (Chefredakteur Dr. Werner), Paul Henckels (Verlagsdirektor Heinze), Peter Mosbacher (Katejan Orff), Josef Eichheim (Alois Huber) u.a. Uraufführung: 4. Oktober 1943. Eine Produktion der Berlin-Film für den Deutschen Filmvertrieb Berlin.

    Zitat von Großstadtmelodie
    Ein zufälliger Schnappschuss bringt die junge Fotografin Renate Heiberg aus der bayerischen Provinz ganz groß heraus. Sie reist nach Berlin, um dort eine Anstellung als professionelle Pressefotografin zu suchen, muss jedoch zunächst mehrere Rückschläge einstecken. Der gerade noch so freundliche Publizist Rolf verhält sich abweisend und ihr erster Auftrag für eine große Agentur erweist sich als großer Reinfall. Ohne die Hilfe des flapsigen Berliner Fotoreporters Klaus Nolte wäre Renate vielleicht wieder in die Heimat zurückgekehrt, doch nun ist sie fest entschlossen, alle Hindernisse zu überwinden. Und tatsächlich schafft sie es mit Mühe und Beharrlichkeit, zu einer der angesehensten Fotografinnen der Großstadt zu avancieren!


    Seit jeher zirkelt der Film, wie ein Kritiker anlässlich der Premiere von „Großstadtmelodie“ anmerkte, eher um die städtischen als die ländlichen Lebensthematiken, nicht zuletzt weil das enge Zusammenleben und -arbeiten von Millionen auf begrenztem Raum zwangsläufig andere Konflikte aufwirft als in der Provinz. Als politische, künstlerische und einwohnerstarke Hauptstadt nahm Berlin dabei sowohl zu Zeiten der Weimarer Republik als auch des Dritten Reichs eine Sonderstellung ein. So beriefen sich Filmmacher und Presse sowohl auf Walther Ruttmanns „Berlin: Die Sinfonie einer Großstadt“ (1927) als auch auf Volker von Collandes „Zwei in einer großen Stadt“ (1941/42), als mit „Großstadtmelodie“ eine weitere Ehrerbietung an die Spreestadt in die Kinos kam. Der große Vorteil der „Großstadtmelodie“ besteht darin, den schamlos unverhüllten Dokumentationscharakter des erstgenannten Vorbilds mit einer flüssigen, natürlich erscheinenden Spielhandlung aufzubrechen und letztere nicht so wirken zu lassen, als sei sie nur eben das – bruchstück- oder selbstzweckhaft. Der Berliner Lokal-Anzeiger jubilierte über die geschickte Verquickung von Flair und Story am 5. Oktober 1943 wie folgt:

    Zitat von Manfred Hobsch. Film im „Dritten Reich“. Alle deutschen Spielfilme von 1933 bis 1945. Berlin: Schwarzkopf & Schwarzkopf, 2010. Band 2, S. 406
    Die glückliche, journalistisch-reportagehafte Form, die Wolfgang Liebeneiner dem Drehbuch gab (nach einer Idee der Berliner Journalistin Else Feldbinder geschrieben), erschloss die Vielfalt optischer Möglichkeiten. Ließen sich doch in den Lebensweg der jungen Pressefotografin, die Wasserburg am Inn, ihre Heimat, mit Berlin vertauscht, viele typische Szenen und Bilder aus dem Leben Berlins harmonisch einfügen und durch die Handlung motivieren. [...] Liebeneiner führte auch Regie, brachte dabei die Melodie Berlins zum Klingen, wie man es im eigenen Herzen spürte. Im Tempo steht der Film der Bewegtheit des Berliner Lebens nicht um Sekunden nach. Bis ins Feinste stufte Wolfgang Liebeneiner Sprache und Bild, wie er sie der Stadt und ihren Menschen genau, geduldig und in ihren charakteristischen Momenten ablauschte. Jeder Satz traf ins Schwarze der Berliner Dialektik, die Bilder waren wirklichkeitsgetreues Berlin, aus unserem Alltag lebenswahr gegriffen und von Walter Pindter, Richard Angst und Leo de Laforgue rhythmisch fotografiert [...].




    Die zur Sprache kommende Geschichte vom Landmädchen in der Großstadt ist dabei alles andere als neu, wird aber mit geschicktem Gespür für die Merkmale der Zeit erzählt. So wird das Märchen von der Stadt Berlin zugleich zu einem Märchen der beruflichen Selbstverwirklichung außerhalb provinziell-vorurteilsbelasteter Familien, das Märchen vom sozialen Aufstieg eines von dauerhafter harter Arbeit mit dem pendelnden Wechsel zwischen strahlenden Erfolgen und bitteren Niederlagen. Märchen sind es vor allem deshalb, weil das alles zu pittoresk ist, um wahr zu sein, und einzelne Einsprengsel politischer Wirklichkeiten nicht einmal andeuten, dass sich Deutschland zum Zeitpunkt der Herstellung in einem tobenden Krieg befand, der die schöne Stadt, der hier ein Denkmal gesetzt wird, bald in Schutt und Asche legen würde. Kurze Exkursionen, zum Beispiel bei einer Sportpalastrede von Goebbels oder dem Anschluss Österreichs ans Deutsche Reich, offenbaren, dass man, um unbehelligtes Schönwetterkino drehen zu können, die Filmhandlung um fünf Jahre in Friedenszeiten zurückverlegte. Zugleich wird der Film heutzutage als der letzte beworben, der „das alte Berlin“ in seiner ganzen Pracht vor dem Bombenhagel zeige. Die Wirkung dieser Bilder ist freilich traumhaft und ermöglicht eine Zeitreise, die Werner Fiedler von der Deutschen Allgemeinen Zeitung schon im Produktionsjahr mit einem ungemein treffenden Satz beschrieb:

    Zitat von Manfred Hobsch. Film im „Dritten Reich“. ebd.
    Der Filmheld Berlin ist ein gefährlicher Partner; er spielt leicht alle anderen an die Wand.


    Dabei spielen sämtliche menschlichen Darsteller aufs Überzeugendste auf. Hilde Krahl kombiniert in ihrem strahlenden Auftritt ländliche Naivität mit unbedingtem Durchsetzungswillen und durchläuft als Renate Heiberg eine bemerkenswerte und glaubwürdige Charakterwandlung. Werner Hinz wird als Mann ihrer Träume dagegen eher durch ihre Projektionen als durch sein eigenes Handeln attraktiv; er stellt einen glitschigen, strebsamen Arbeitsmenschen dar, der seine Gefühle bestmöglich unterdrückt und nicht recht zu der emotionsgeladenen Heldin passen möchte. Dementsprechend zweideutig bleibt das Happy End, das eher einen weiteren Beziehungsversuch andeutet als eine bodenständige Heimehe. Eine auflockernde Kaltschnäuzigkeit legt indes Karl John an den Tag, der als Mann der offenen Wahrheit, als Filou und als komische Entlastung zugleich dient. Er, der typischste aller Berliner Originale des Films, stellt sich in einem schwachen Moment als geborener Danziger heraus und bestätigt im gleichen Atemzug eine Kalenderweisheit: „Was, Sie sind kein geborener Berliner?“„Nee, jelernter Berliner. Jeborene sind sehr selten, die stehen unter Denkmalschutz.“

    Eine Prise Selbstfindung, ein Hauch Drama, eine Teespitze Liebelei und viel Weltstadtatmosphäre: Dieser Film ist so übervoll an Eindrücken, dass man ihn sich gut zwei- oder dreimal ansehen und jedes einzelne Mal die Flucht in eine zwiespältige, auf der Leinwand aber geradezu harmonisch-naive Zeit genießen kann. Insbesondere mit Hilde Krahl und Karl John sowie den zahlreichen Spitzen gegen die Hauptstadt, die bis heute wahr bleiben, macht das immensen Spaß. 4,5 von 5 Punkten.

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