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  • Foren-Beitrag von Gubanov im Thema



    Der Kommissar: Die Pistole im Park

    Zitat von Der Kommissar: Die Pistole im Park
    Auf den Erpresserbrief, der dem Kaufmann Wegener 100’000 Mark abzutrotzen versuchte, folgen Pistolenschüsse. Fast hätte Wegener seinen Unwillen, zu zahlen, mit dem Leben beglichen. Die Polizei bietet ihm Personenschutz an, doch Wegener meint, seine Angestellten könnten auf ihn Acht geben. Am nächsten Tag liegt sein Gärtner tot im Park. Robert Heines zieht in die Villa ein und spürt eine sonderbar angespannte Atmosphäre. Der Bedrohte verhält sich schroff und unfreundlich, die Sekretärin verheimlicht etwas und die früher so devote Haushälterin agiert plötzlich sonderbar aufmüpfig. Von welcher Seite droht hier die Gefahr?


    Die Besprechung enthält leichte Spoiler.

    Erpresserbriefe, die der Polizei angezeigt werden, und noch stärker missglückte Mordversuche lenken den Verdacht des geübten Krimikenners stets in eine ganz bestimmte Richtung. Dadurch und durch die unverhohlene Überheblichkeit, die Georg Wegener vor allem im Umgang mit Robert Heines und seiner Haushälterin Frau Hicks an den Tag legt, weil er sie für „Menschen zweiter Klasse“ hält, steht einschließlich des Hausherrn jeder unter Verdacht, sobald die Kugeln des vermeintlichen Erpressers ein Ziel gefunden haben und die Ermittlungen in Park und Villa des Unternehmers verlegt werden. Das ist auch nötig, denn die an diesem Krimi beteiligten Gastdarsteller lassen sich an einer Hand abzählen – gerade weil der eigensinnige Wegener nicht verheiratet ist und Herbert Reinecker aus der Macht- und Eifersuchtsgeschichte, obwohl es nahegelegen hätte, kein Familiendrama strickte. Stattdessen stehen ausschließlich Wegener und seine Angestellten bzw. Geschäftsbeziehungen im Mittlerpunkt. Eine interessante Abwechslung bildet die Paarung aus Peter van Eyck und Marianne Koch als Chef und Sekretärin, wobei der Gedanke, es könne zwischen beiden geknistert haben, zwar durchgespielt, aber letztlich verworfen wird. Gerade Koch agiert völlig verschlossen und lässt den Zuschauer bis zu den letzten Minuten nicht hinter die abweisende Fassade ihrer Figur blicken. Sie erhöht damit natürlich den Suspense-Faktor, verhindert aber gleichfalls jedes Aufkommen einer Chemie mit dem ins Haus eingezogenen Robert Heines oder gar eine Identifikation des Publikums mit ihrer letztlich doch recht tragischen Rolle. Sie bleibt ausschließlich ein kalter Fisch, erfüllt damit die Bedingungen des Drehbuchs, bleibt aber hinter ihren differenzierteren schauspielerischen Möglichkeiten zurück.

    Hermann Lenschau und Richard Rüdiger fügen sich unauffällig in das Getriebe der Zahnräder ein, das der Mord an Gärtner Eichner in Gang setzt. Rose Renée Roth setzt wie üblich auf subtiles Overacting, was man ihr aufgrund ihrer unterdrückten Haushälterinnenrolle nicht übelnimmt. Offensichtlich freut sie sich diebisch darüber, ihrem herrischen Chef nun endlich etwas entgegensetzen zu können bzw. eine geheime Handhabe gegen ihn zu haben, was in einer absolut spannungsgeladenen Szene kurz vor der Auflösung fast ihr Ende bedeutet. Zum Mordversuch an ihrer harmlos-tütteligen Frau Hicks wird so intensiv hingeleitet, dass es richtiggehend enttäuschend wirkt, als die Polizei dem Mörder letztlich kurz vor knapp einen Strich durch die Rechnung macht.

    Im Zentrum des Falles steht von Anfang bis Ende Peter van Eyck als Georg Wegener, der sich nicht nur namentlich, sondern auch darstellerisch als einer der größten Glücksgriffe der „Kommissar“-Serie entpuppt. Van Eycks tiefe Bassstimme und sein markantes Gesicht passen hervorragend zu Wegeners zunächst unumstößlich scheinender Selbstsicherheit und seinen verbalen Angriffen auf alles und jeden. Die schließlich einsetzende Wandlung hin zu Zögerlichkeit, Unsicherheit und Aufgebrachtheit erfüllt der Schauspieler meisterlich; auch seine Interaktion mit Erik Ode und Reinhard Glemnitz ist bemerkenswert. – Schaut man sich van Eycks Filmografie an, so findet man nach seinem „Kommissar“-Auftritt (Erstsendung am 21.3.1969) nur noch einen Spielfilm, das Kriegsdrama „Die Brücke von Remagen“ (amerikanische Uraufführung am 25.6.1969). In Anbetracht der Tatsache, dass „Remagen“ schon im Juni 1968 gedreht wurde und die Parkaufnahmen in dieser „Kommissar“-Folge eher nach Hoch- oder Spätsommer aussehen, könnte man es hier durchaus mit van Eycks letzter Rolle überhaupt zu tun haben. Die Todesumstände des beliebten Schauspielers bleiben bis heute mysteriös; auch das Hamburger Abendblatt berichtete zur Ausstrahlung der „Pistole im Park“ von van Eycks unerklärlicher Erkrankung:

    Zitat von Peter van Eyck unter Mordverdacht, Hamburger Abendblatt, 21.03.1969, S. 12
    Aus Spanien, wo er mit Brigitte Bardot und Sean Connery den Western „Shalako“ drehte, brachte er eine Viruskrankheit mit, die die Ärzte im Zürcher Kantonspital vor schwierige Probleme stellte. Seit Dezember lag er ununterbrochen im Krankenhaus. Vor zwei Wochen wurde er zu Ehefrau Ingeborg und Töchtern Christina (14) und Claudia (7) ins familieneigene Barockschlösschen St. Margarethen entlassen. Kein Arzt hat genau feststellen können, an welchem Virus der Schauspieler erkrankt war. Der Rekonvaleszent will vorläufig vom Geschäft nichts hören, erst einmal ausspannen und ins Engadin fahren. „Ich bin schrecklich müde“, sagt er.


    Es ist ein Jammer, dass van Eyck bereits im Juli 1969 einen Tag vor seinem 56. Geburtstag starb, weil zum Virus noch eine Lungenentzündung und eine Embolie hinzugekommen waren. Man bedenke, wie viele Rollen er noch in gewohnter Präsenz hätte ausfüllen können! Seine Pläne waren offensichtlich auch groß: „Spätestens im Mai will er wieder voll einsteigen“, beendete das Abendblatt – leider zu optimistisch – seinen Bericht.

    Diesem edlen, mit hervorragendem Spannungsaufbau versehenen „Kommissar“ drückt Peter van Eyck seinen Stempel voll und ganz auf. Er stellt zugleich verfehltes Opfer, Tatverdächtigen Nummer 1 und Zweifelstreuer gegen alle anderen Beteiligten dar. Wolfgang Becker kleidet van Eycks intensives Spiel in hochwertige Schattenspiel- und Gegenlichtbilder, scheint mit Marianne Koch aber weniger anfangen zu können. Die Auflösung ist nicht die überraschendste, aber exzellent in Szene gesetzt.

    (4,5 von 5 Schnapsgläsern)


    Der überzeugendste Ermittler: Kommissar Herbert Keller kann mit einem großen Fisch wie Wegener besser umgehen als Heines
    ||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Kommissar Herbert Keller (Erik Ode)
    ||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Inspektor Walter Grabert (Günther Schramm)
    ||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Inspektor Robert Heines (Reinhard Glemnitz)
    ||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Kriminalhauptmeister Harry Klein (Fritz Wepper)
    ||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Kriminalhauptmeister Erwin Klein (Elmar Wepper)

    Besprechung 92: Episode 6 der TV-Kriminalserie, BRD 1969. Regie: Wolfgang Becker. Drehbuch: Herbert Reinecker. Auf der Seite des Gesetzes: Erik Ode, Günter Schramm, Reinhard Glemnitz, Fritz Wepper, Emely Reuer, Helma Seitz. Unter Verdacht: Peter van Eyck, Marianne Koch, Rose Renée Roth, Hermann Lenschau, Richard Rüdiger u.a. Erstsendung: 21. März 1969.


    PS: Ein völliges Unikum ist die Angabe im Abspann, Inge Brauner sei für die Kostüme verantwortlich gewesen, obwohl nicht ihr Mann Theodor, sondern Wolfgang Becker im Regiestuhl saß.

  • Foren-Beitrag von Gubanov im Thema



    Der Kommissar: Keiner hörte den Schuss

    Zitat von Der Kommissar: Keiner hörte den Schuss
    Ewald Kersky, Angestellter eines Juweliers, wird am helllichten Tag auf einem Parkplatz mitten in München erschossen. Baulärm übertönt den Knall der Pistole; der Mörder kann unbemerkt flüchten. Kersky hatte Rohdiamanten im Wert von 450’000 Mark in der Tasche, die nun fehlen. Doch das Verhalten seiner Ehefrau nährt Zweifel daran, dass es sich wirklich um einen Raubmord handelt. Sie zeigt keine Trauer und zieht gleich nach der Tat mit dem Sohn des Juweliers zusammen. Auch ein weiterer Liebhaber benimmt sich verdächtig. Für Robert Kersky, den Vater des Toten, ist es eine Selbstverständlichkeit, dass seine Schwiegertochter in den Mord verwickelt ist. Er fragt sich, warum Kommissar Keller sie nicht gleich verhaftet!


    Den Jahrgang 1969 entnimmt man dieser „Kommissar“-Folge überaus deutlich der abgedrehten Modenschau, die Wolfgang Becker in dem für ihn typischen Regiestil zum Musikstück „On the Road Again“ von Canned Heat inszeniert. Der ausführliche Einblick in die Avantgarde-Präsentation Londoner Hippie-Mode dient nicht allein dazu, Erika Pluhar in der Hauptrolle dem Zuschauer vorzustellen, sondern der Folge eine unverwechselbare Signatur aufzuprägen, die sie von konservativeren Fällen im „Kommissar“-Kosmos unterscheidet. Sie setzt ein Ausrufezeichen und verkündet, dass man sich hier auf einem Parkett mit Hedonisten und Sarkasten, Lebemännern und -frauen sowie ihren Feinden bewegt – in einer Welt, in der eine Affäre, eine Abhängigkeitsbeziehung und ein Säckchen mit wertvollen Rohdiamanten immer nur einen Griff entfernt ist und die Verlockung höher bewertet wird als die Standfestigkeit.

    Pluhar präsentiert sich eisköniginnenhaft als skrupelloses Zentrum dieser Gesellschaft, um das Liebe und Verachtung der ihr entgegentretenden Männer zirkeln. Die streitbare Figur wird in Reineckers Kurzgeschichtenversion, die im gleichnamigen Sammelband im Fischer-Verlag erschien, wie folgt beschrieben:

    Zitat von Herbert Reinecker: Keiner hörte den Schuss, Fischer Verlag, 2015 (E-Book), Quelle
    Eva Kersky wandte ihr Gesicht dem Kommissar zu. Ein klares Gesicht, ein schönes Gesicht. Es verriet Rasse, unglaubliche Intensität. [...] Eva Kersky hatte von dem Mord an ihrem Mann gerade erst erfahren. Sie hatte ihre Teilnahme an der Vorführung sofort abgesagt. Sie sah den Kommissar und Heines mit klaren Augen an. Sie war bleich, aber sie war nicht bis ins Mark getroffen. Den Eindruck machte sie nicht. Und sie wollte ihn auch nicht machen. Sie sprach mit großer Mühe, aber ohne Verwirrung, setzte ihre Worte gewählt. Sie hatte einen fabelhaften Verstand. [...] Sie hielt sich sehr im Zaum und zeigte eine bewundernswerte Beherrschung.


    Die Wiener Schauspielerin ist sich dieser auf dem Papier entworfenen Wirkung in jeder Geste bewusst und stellt Eva Kersky als umtriebigen Vamp mit vorgeschobener Gefühlskälte dar. Die Folge widmet der schwierigen Ergründung ihrer emotionalen Abgründe mehrere Szenen und zahlreiche Großaufnahmen, in denen sie ‘mal verschlagen, ‘mal bemitleidenswert wirkt, sodass das Publikum sich nie darüber im Klaren sein kann, ob Ernst Fritz Fürbringers lauthals vorgebrachte Anschuldigungen, Eva Kersky sei ein Luder und eine Mörderin, der Wahrheit entsprechen und / oder sie zutiefst verletzen. Fürbringer gibt den Schwiegervater als aufgebrachten Schreihals, der eine einfache Erklärung für den Tod seines Sohnes sucht und sie in dem Umstand findet, dass er Eva für moralisch verkommen hält. Selbst nachdem die Schuld eines Anderen bewiesen ist, keifert er noch: „Sie hat dich dazu getrieben!“ und man merkt, dass es ihm nicht um gerechte Sühne, sondern um die Bestätigung seiner eigenen Vorurteile geht. Es ist äußerst bedauerlich, dass Fürbringer – obwohl er noch bis 1986 Fernsehrollen übernahm – sich kein zweites Mal mehr beim „Kommissar“ die Ehre gab.

    Der fortwährende Verdacht, der auf Eva Kersky lastet, macht „Keiner hörte den Schuss“ zu einem durchweg spannenden Krimi, der auch deshalb so gut funktioniert, weil mit Walter Rilla, Peter Fricke, Marianne Hoppe, Michael Hinz und Horst Sachtleben (letzterer wird von Ode sogar geduzt) eine umfangreiche und brillant besetzte Schar in den Fall verstrickter Personen aufgeboten wird. Mit der Integration des Diamantenschleifers Kinast, der neben dem Juwelier und dem Toten als einziger vom Transport der Rohdiamanten wusste und der damit auch auf der Liste der Verdächtigen stehen sollte, hätte man den Dunstkreis der Ermittlungen sogar noch zusätzlich erweitern können. Aber auch ohne ihn stellt sich der Hauptteil überaus kurzweilig und abwechselnd dar, weil die cleveren Kombinationen von Keller und Heines sich im gefühlten Minutentakt mit dem Streit um Eva Kersky abwechseln. Im Treppenhaus der Kersky-Wohnung kommt es zwischenzeitlich sogar zu tumultartigen Szenen – das erste Highlight von „Keiner hörte den Schuss“, bevor Reinecker mit seiner elaboraten Auflösungssequenz zu einem zweiten Höhenflug ansetzt. Die Versammlung aller Beteiligten auf dem Revier und die Unklarheit darüber, warum der Kommissar für alle gut sichtbar den Wagen des Toten in der Auffahrt zum Präsidium parken ließ, garantieren während der letzten Minuten schweißnasse Hände, wenngleich als Täter gemäß alter Krimiregeln leider wieder die unscheinbarste Figur entlarvt wird.

    Sauberer Krimi im modernen Gewand, in dem die Gier nach Geld, nach Nähe und nach Rache im Mittelpunkt steht. Erika Pluhar ist ungeheuer gut als Frau des Toten, doch zu behaupten, sie stehle den anderen die Schau, wäre auch falsch, denn der Rest der Besetzung (vor allem Fürbringer, Hoppe und Sachtleben) behauptet sich ebenfalls auf Oberklasse-Niveau. Nur bei Kleinigkeiten besteht noch Luft nach oben, vom Unterhaltungswert hingegen spielt „Keiner hörte den Schuss“ ganz vorn mit.

    (4,5 von 5 Schnapsgläsern)


    Der überzeugendste Ermittler: Inspektor Robert Heines und sein emsiges Wetteifern mit „dem Alten“, wie er Keller nennt
    ||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Kommissar Herbert Keller (Erik Ode)
    ||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Inspektor Walter Grabert (Günther Schramm)
    ||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Inspektor Robert Heines (Reinhard Glemnitz)
    ||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Kriminalhauptmeister Harry Klein (Fritz Wepper)
    ||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Kriminalhauptmeister Erwin Klein (Elmar Wepper)

    Besprechung 91: Episode 7 der TV-Kriminalserie, BRD 1969. Regie: Wolfgang Becker. Drehbuch: Herbert Reinecker. Auf der Seite des Gesetzes: Erik Ode, Günter Schramm, Reinhard Glemnitz, Fritz Wepper, Helma Seitz. Unter Verdacht: Erika Pluhar, Ernst Fritz Fürbringer, Marianne Hoppe, Michael Hinz, Walter Rilla, Peter Fricke, Horst Sachtleben, Amanda Lear u.a. Erstsendung: 18. April 1969.

  • Foren-Beitrag von Gubanov im Thema



    Der Kommissar: Der Tod fährt 1. Klasse

    Zitat von Der Kommissar: Der Tod fährt 1. Klasse
    Nicht mehr Komfort, sondern erhöhte Lebensgefahr erwartet weibliche Fahrgäste in der ersten Klasse des Nachtschnellzugs von Dortmund über Frankfurt nach München. Immer am ersten Samstag des Monats schlägt ein Lustmörder zu und würgt seine Opfer, die allein in ihren Abteilen sitzen. Als Verdächtige kommen neben den 1.-Klasse-Fahrgästen auch die Reisenden im benachbarten Schlafwagen in Frage – und tatsächlich kann die Mordkommission drei Männer ausmachen, die auf jeder der tödlichen Fahrten dabei waren. Behindert werden die Ermittlungen vom Freund der letzten Toten, der die Tat aus Trotz seinem herrischen Vater gegenüber gesteht. Um der Unklarheit ein Ende zu bereiten, stellt sich Helga als Lockvogel zur Verfügung ...


    Herbert Reineckers Vorliebe für ausgefallene Einzelfiguren und sozialkritische Stoffe führte dazu, dass vielen „Kommissar“-Folgen das Milieu des kleinen Mannes, das Mitleid mit Opfer und Angehörigen oder die Aufmerksamkeit für gesellschaftliche Probleme wichtiger war als der eigentliche Kriminalfall. Die frühen „Kommissar“-Fälle weichen von diesem Muster noch auf eine angenehm detektivkrimilastige Weise ab, wobei vor allem „Der Tod fährt 1. Klasse“ als Musterbeispiel demonstriert, wie überzeugend eine Episode nach dem genau umgekehrten Strickmuster ausfallen kann. Hier kombinierte der Autor die Taten eines Serienmörders mit der elegant-unverbindlichen Atmosphäre eines Fernverkehrszugs und reichlich solider Ermittlungsarbeit für Keller und die Assistenten, sodass man sich direkt an einen Polizeifilm alter Schule erinnert fühlt und von einem der stärksten Fälle der gesamten Reihe sprechen kann.

    Im Gegensatz zu anderen TV-Krimis, die Eisenbahnflair verheißen und dann nach Auffinden der Leiche dem Verkehrsmittel den Rücken zukehren, bleibt „Der Tod fährt 1. Klasse“ von Anfang bis Ende im Bahnermilieu verhaftet und zieht daraus zusätzlich zum inhaltlich überzeugenden Aufbau nostalgische Pluspunkte. Die Morde, die in den separaten Abteilen des schwach ausgelasteten Nachtzuges geschehen, eine Verfolgungsjagd über die verschneiten Abstellgleise an der Münchner Hackerbrücke, Befragungen missmutiger Schaffner und ein Finale auf der Schiene, bei dem der Killer auf frischer Tat ertappt werden soll, rufen das Ambiente immer wieder in Erinnerung und sorgen für ein gleichbleibend hohes Spannungsniveau, das selbst durch die exzentrischen Falschaussagen Nikolaus Parylas mit Mittelteil der Folge nicht weiter gestört wird. Paryla spielt den rebellischen Sprössling eines überfürsorglichen Vaters, der in erster Linie dazu dient, falschen Verdacht aufkommen zu lassen. Man sieht an dem Vater-Sohn-Rollengespann aber auch gut, wie die verschiedenen Mitarbeiter der Mordkommission mit ihren manchmal recht sonderbaren Verdächtigen umgehen – von Verständnis über Misstrauen bis Ablehnung spiegeln sich im Umgang mit den Abingers die unterschiedlichen Persönlichkeiten der Beamten.

    Reinecker gelang es in dieser Folge überhaupt vorzüglich, das gesamte Team um Kommissar Keller sinnvoll einzubinden und dabei trotz ungewohnter Eigenmächtigkeiten der Untergebenen eine große Loyalität zu ihrem Chef zu verdeutlichen (abzulesen an der Szene, in der sie sich spätabends ohne Absprache alle in dessen Wohnung einfinden, um sich gegen Presseangriffe und die Kritik des Kriminalrats zu beraten). Der hohe Anteil echter Recherchearbeit, natürlicher, unaufgesetzter Humor sowie der waghalsige Undercover-Einsatz im Finale sind große Aktivposten der Folge. Obwohl die Polizisten bis kurz vor dem Showdown in eine völlig falsche Richtung ermitteln, ziehen sie mit ihren Erkundigungen die Schlinge um den Hals des Mörders unwissentlich immer enger zu. Die Täterauflösung bietet damit auch einen gelungenen Twist, der die unheimlichen Schlussszenen an Bord des Zuges bzw. in der Wohnung des Mörders in ihrer Wirkung noch verstärkt. Wolfgang Beckers Regie und die versierte Schwarzweiß-Kamera von Rolf Kästel, die die klaustrophobische Nachtstimmung mit vereinzelt vorbeihuschenden Lichtquellen unterbricht, tragen gleichfalls großen Anteil am Gelingen der Lockvogel-Szenen. Sie bieten zudem eine willkommene Gelegenheit für Emely Reuer, ihre Helga-Lauer-Rolle über die einer bloßen Stenotypistin hinaus zu erweitern.

    Die eher unspektakuläre Gastbesetzung hilft der Folge, sich auf das Wesentliche – den Inhalt – zu konzentrieren. Neben Paryla und Filmvater Hans Jaray überzeugt vor allem Martin Lüttge in der wendigen Rolle eines Zugkellners, der sich von mürrischen Kollegen wie dem schnodderigen Wolfrid Lier zunächst angenehm abhebt. Einmalig blieb auch der Auftritt von Franz Schafheitlin, der hier (in leisen Anklängen an seinen Auftritt als Sir John im Edgar-Wallace-Krimi „Die toten Augen von London“) als Kriminalrat und damit als Vorgesetzter von Kommissar Keller installiert wird. Da der Serie jedoch üblicherweise nicht daran gelegen war, die Autorität des väterlichen Kommissars zu hinterfragen, ließ man Schafheitlin später nicht mehr wiederkehren.

    Wer sich vom „Kommissar“ erst noch überzeugen lassen will, sollte zu dieser Folge als Einstieg greifen, weil sie nicht nur eine spannende Mordserie schildert, sondern auch alle Ermittler von ihrer besten Seite zeigt. Die Wolfgang-Becker-Inszenierung ist zudem atmosphärisch ausgesprochen stimmig und nutzt das winterliche Eisenbahn-Umfeld für bedrückende, stellenweise regelrecht atemberaubende Szenen. „Der Tod fährt 1. Klasse“ ist selbst wie ein Eilzug und lässt keine Verschnaufpause aufkommen.

    (5 von 5 Schnapsgläsern)


    Der überzeugendste Ermittler: Kriminalhauptmeister Harry Klein, der sich in die Gepäckablage quetscht, um Lockvogel Helga zu beschützen
    ||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Kommissar Herbert Keller (Erik Ode)
    ||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Inspektor Walter Grabert (Günther Schramm)
    ||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Inspektor Robert Heines (Reinhard Glemnitz)
    ||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Kriminalhauptmeister Harry Klein (Fritz Wepper)
    ||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Kriminalhauptmeister Erwin Klein (Elmar Wepper)

    Besprechung 90: Episode 8 der TV-Kriminalserie, BRD 1969. Regie: Wolfgang Becker. Drehbuch: Herbert Reinecker. Auf der Seite des Gesetzes: Erik Ode, Günter Schramm, Reinhard Glemnitz, Fritz Wepper, Emely Reuer, Helma Seitz, Rosemarie Fendel. Unter Verdacht: Nikolaus Paryla, Hans Jaray, Franz Schafheitlin, Martin Lüttge, Wolfrid Lier, Harry Engel, Leo Bardischewski, Tony Stahl u.a. Erstsendung: 2. Mai 1969.

  • Hokuspokus (1953)Datum09.09.2018 23:44
    Foren-Beitrag von Gubanov im Thema

    Ein interessanter Vergleich zwischen den beiden bekannten Filmversionen dieses Stoffs. An die 1953er-Version von "Hokuspokus" knüpfe ich sehr wohlige Erinnerungen, auch wenn ich den Film seit 2010 nicht mehr gesehen habe. Seit 2012 liegt mir auch das 1966er-Remake vor, doch ich habe es noch immer nicht gesichtet. Dank deiner Berichte und der Empfehlung für die Rühmann-Fassung werde ich die DVD wohl nicht mehr lange vor mir herschieben können.

  • Krieg, Kameradschaft, KatastrophenDatum09.09.2018 14:30
    Foren-Beitrag von Gubanov im Thema



    Canaris (Ein Leben für Deutschland – Admiral Canaris)

    Kriegsdrama, BRD 1954. Regie: Alfred Weidenmann. Drehbuch: Erich Ebermayer, Herbert Reinecker. Mit: O.E. Hasse (Admiral Canaris), Barbara Rütting (Irene von Harbeck), Adrian Hoven (Hauptmann Althoff), Martin Held (Obergruppenführer Heydrich), Wolfgang Preiss (Oberst Holl), Peter Mosbacher (Fernandez), Charles Regnier (Baron Trenti), Franz Essel (Beckmann), Alice Treff (Sekretärin Fräulein Winter), Herbert Wilk (Oberst Degenhard) u.a. Uraufführung: 30. Dezember 1954. Eine Produktion der Fama F.A. Mainz Film im Atlas-Filmverleih Düsseldorf.

    Zitat von Canaris
    Schon vier Jahre vor Kriegsbeginn misstrauen Admiral Canaris, Chef der Abwehr, und Obergruppenführer Heydrich vom SD einander aufs Tiefste. Als auffliegt, dass Canaris, der sich schon häufig kritisch gegenüber dem Regime geäußert hat, dem Dissidenten von Harbeck zur Flucht verhalf, beschließt Heydrich, die Tochter des Aufgegriffenen als Spionin auf Canaris anzusetzen. Trotz strenger Überwachung gelingt es Canaris und einem engen Stamm Vertrauter, ein Komplott gegen Hitler zu schmieden, das allerdings im letzten Moment misslingt. Auch Beginn und Verlauf des Krieges bestärken Canaris, weiter heimlich gegen den Strom zu schwimmen – selbst wenn das eine große Gefahr für ihn persönlich und für Irene von Harbeck bedeutet ...


    Wilhelm Franz Canaris leitete nach langjähriger Militärkarriere und Geheimagententätigkeit im Ersten Weltkrieg von 1935 bis 1944 die Abwehr, den militärischen Geheimdienst der Wehrmacht. Weil herauskam, dass er sich im Geheimen mit Widerstandskämpfern organisiert hatte, wurde er im September 1944 von Karl Dönitz entlassen, verhaftet und im Februar 1945 – u.a. zusammen mit den anderen Widerständlern Hans Oster und Dietrich Bonhoeffer – im KZ Flossenbürg hingerichtet. Die filmische Aufarbeitung seiner angeblichen Verbrechen gegen das Deutsche Reich gilt allerdings als umstritten. Während die Norddeutsche Zeitung anlässlich der Uraufführung schrieb, der Film sei „dazu angehalten, Aufklärungsarbeit zu leisten im Sinne der geschichtlichen Wahrheit“, spricht das Filmportal von „Geschichtsfälschung à la 1950er Jahre“; der Filmdienst nennt „Canaris“ ein „[s]tark idealisierendes, publikumswirksam oberflächlich inszeniertes Drama“. Das starke Eintreten für eine im Gegensatz zu anderen Verschwörern geschichtlich zwiespältige Person in einer Art Rehabilitationsfilm stützt sich rückblickend laut Volker Helbigs Einordnung von „Herbert Reineckers Gesamtwerk“ (Deutscher Universitäts-Verlag) in erster Linie auf eine „damals schlechte Quellenlage“, wurde im konservativen Adenauer-Deutschland aber wohl auch gerade wegen des überdeutlichen Kontrasts zwischen dem „guten“ Canaris und dem „bösen“ Heydrich so begeistert aufgenommen (vier Bundesfilmpreise).

    O.E. Hasse und Martin Held füllen diese Antagonistenrollen, die zwar am gleichen Apparat beteiligt sind, aber charakterlich und in ihrem Menschenbild nicht weiter voneinander entfernt sein könnten, mit dem von ihnen zu erwartenden schauspielerischen Talent, stellenweise aber auch mit explizitem Pathos aus. Sie stehen einerseits für die Vereinnahmung etablierter gesellschaftlicher Kreise durch das allgegenwärtige Nazitum, andererseits zeigt sich an ihnen der Unterschied zwischen abwägend-verantwortlichem Handeln und rücksichtslosem Karrierismus. In seiner lesenswerten Analyse von „Canaris“ zeichnet Tobias Temming ein genaueres, aufmerksameres Bild der Hauptfigur als jenes, das rundheraus ablehnende Kritiken wie die des Filmportals propagieren. Er belegt damit, dass Vorwürfe der unreflektierten Idealisierung Canaris’ nicht gänzlich gerechtfertigt sind:

    Zitat von Tobias Temming. Widerstand im deutschen und niederländischen Spielfilm. Berlin: de Gruyter, 2016. S. 100f
    Deutlich bemüht sich der Film bereits im ersten Akt, den Kontrast zwischen den verbrecherischen Methoden des nationalsozialistischen Regimes, als dessen herausgehobener Vertreter Heydrich auf der einen Seite fungiert, und Canaris als traditionellem, an bürgerlich-preußischen Werten orientiertem Patrioten auf der anderen Seite herauszuarbeiten. [...] So einfach es gewesen wäre, Canaris als konsequenten Widerständler darzustellen, der seine hohe Position dazu nutzt, seine eigene Tätigkeit und die seiner Mitverschwörer zu decken, erliegen die Produzenten des Films dieser Versuchung nicht. Bereits im Vorfeld der Premiere kündigte die FAMA [die] Canaris-Figur eben nicht als schematischen Widerstandshelden an, sondern als mit sich ringende und schließlich gebrochene Figur, die sich im „tragischen Konflikt zwischen dem Fahneneid und seiner Verantwortung als Christ und guter Deutscher“ nicht zur Tötung Hitlers durchringen kann.




    Authentizität versucht Weidenmanns Film vor allem durch die Einbildung historischer Wochenschaubilder zu erzielen, die zum Beispiel den Anschluss Österreichs oder das Kriegsgeschehen an der Ostfront zeigen. Sie werden in zunehmendem Umfang immer wieder in die Spielfilmhandlung hineingemischt und illustrieren damit den zehn Jahre überbrückenden Zeitraum zwischen erster und letzter Szene. Stellenweise überträgt sich das Gefühl der quälenden Unsicherheit und Warterei, das von Canaris Besitz ergriffen hat, nur zu deutlich auf den Zuschauer, für den die Übermacht und Propaganda der Nazis ebenfalls zu einer Geduldsprobe werden.

    Dass der Film trotz dieser fast dokumentarischen Elemente dennoch im Endeffekt nicht wie seriöses Historiengut wirkt, liegt an den privaten und romantischen Einsprengseln, auf die Drehbuch und Regie in Anbetracht der romanzenseligen 1950er-Jahre-Kinokonventionen nicht verzichten wollten. Schon die in den Vorspann eingebaute Tafel warnt: „Alle Personen jedoch, die nicht der Zeitgeschichte angehören, sind frei erfunden“. Die weniger charmante Übersetzung dieser Zeilen könnte lauten: „Wir haben zusätzlich zur historischen Aufarbeitung die Leidens- und Liebesgeschichte einer attraktiven jungen Frau in den Film eingebaut, um auch das weibliche Publikum ins Kino zu locken.“ Die erst seit zwei Jahren in der Kinobranche mitwirkende Barbara Rütting verkörpert diese Rolle der Irene von Harbeck, deren regimekritischer Vater sie zur Zielscheibe einer Erpressung durch Heydrich macht und die sich im Film erwartungsgemäß in Canaris’ attraktivsten Mitstreiter, Oberleutnant Althoff (Adrian Hoven), verliebt. Für diese Nebenhandlung werden ebenfalls reichlich wertvolle Filmminuten geopfert, die den eigentlichen Schwerpunkt – Canaris’ Widerstandsaktionen – aus dem Fokus geraten lassen. Insgesamt wäre es anzuraten gewesen, das Tempo deutlich anzuziehen und die epische Laufzeit von 108 Minuten auf einen 20 Minuten kürzeren Standardwert einzudampfen.

    Von der übergroßen Geste der Inszenierung abgesehen, kann Weidenmann attestiert werden, geschmackvoll an die Umsetzung des bedeutsamen Stoffes gegangen zu sein. In der Zusammenarbeit mit Kameramann Franz Weihmayr schlägt sich die jahrzehntelange Erfahrung beider Filmschaffender (die ironischerweise auch selbst an NS-Propagandafilmen beteiligt waren) nieder und beschert dem Zuschauer hochattraktive Bildchoreografien, denen der monumentale Score des Neulings Siegfried Franz die entsprechende Wucht verleiht. Wenn O.E. Hasse grübelnd hinter regennassen Fensterscheiben steht und in das Dunkel der Nacht hinausschaut, während sich die Kamera ihm langsam nähert und die Orchesterbegleitung düster aufbrandet, dann spürt man die Ambitionen der Macher, ein hochwertiges Endprodukt abzuliefern, in jedem Detail.

    Die heute umstrittene Großproduktion zeigt einen vielleicht zu positiv dargestellten, aber dennoch plastischen und zweifelnden Wilhelm Canaris, dem O.E. Hasse ein ehrwürdiges Gesicht verleiht. Martin Held ist von der eindimensionalen Bösartigkeit seiner Rolle eindeutig unterfordert; auch andere Filmcharaktere reichen nicht an die Komplexität der Titelfigur heran. Dadurch ergeben sich stellenweise Längen, doch als Zeitdokument sehenswert ist der Film allemal. 3,5 von 5 Punkten.

  • Foren-Beitrag von Gubanov im Thema



    Der Kommissar: Geld von toten Kassierern

    Zitat von Der Kommissar: Geld von toten Kassierern
    Statt eines geregelten Arbeitstags erwartet die Sparkassenangestellten in der Waldstraße die Leiche ihres Filialleiters. Ein Einbrecher hatte sich den Weg ins Schlafzimmer des Bankbeamten gebahnt, ihn zum Aufschließen des Safes gezwungen und dann erschossen. Bis auf den letzten, tödlichen Schritt erkennt Kommissar Keller darin genau die Methode des Bankräubers Louis Kranz ... und tatsächlich ist Kranz vor Kurzem aus der Haft entlassen worden, die ihm der Ermittler vor sechs Jahren eingebrockt hatte. Der Ex-Knacki schwört, auf dem Wege der Besserung zu sein, doch sein Alibi ist höchst unglaubwürdig und er hantiert plötzlich mit blutbeflecktem Geld ...


    Dass Siegfried Lowitz aufgrund seiner langjährigen Popularität als „Der Alte“ ein gern gesehener Gast in anderen Krimiserien ist, in denen er als Abwechslung zu seinem Kommissar Köster verschiedene Grade der Illegalität austarieren konnte, ist nur logisch – vor allem vor dem Hintergrund, dass seine Auftritte die entsprechenden Episoden oft veredeln (wie etwa die spätere „Kommissar“-Folge „Rudek“ oder die „Derrick“-Fälle „Stiftungsfest“ und „Eine Art Mord“). In „Geld von toten Kassierern“ erscheint seine Rolle jedoch nicht als gleichwertiges Gegengewicht zu den genannten Titeln. Sein Louis Kranz ist ein jovialer, gut zu leidender Gewohnheitsverbrecher, doch die Frage, ob er etwas mit den aktuellen Einbrüchen zu tun hat, bei denen nicht nur aufs Geld, sondern auch auf Menschen losgegangen wird, entwickelt sich sehr rasch zu einem gimmick-haften, teils albern ausgestalteten Selbstzweck. Der Ex-Sträfling macht sich freiwillig so verdächtig, wie er es realistischerweise überhaupt nicht wagen würde. Wenn Lowitz zum Beispiel ungeniert sein Blutgeld zückt oder gegenüber dem Kommissar feixt, er habe in der Tatnacht zufällig schon wieder einen Umtrunk mit 30 Zeugen veranstaltet und würde auch demnächst wieder bis 5 Uhr in seinem Alibi-Lokal sitzen, so wirken diese Einfälle wie gezielte, konstruierte Provokationen, die der Glaubwürdigkeit der Folge ebenso wenig gut tut wie Lowitz’ bemüht klingender Berliner Akzent.

    Die zentrale Frage des Reinecker-Drehbuchs – Auf welche Weise steckt Louis Kranz mit den Neuauflegern seiner Methode unter einer Decke? – verliert auch deshalb schnell an Reiz, weil man viele der Vorgänge, die sich zu seiner Haftzeit abgespielt haben müssen, leicht erahnen kann. Sie ist deshalb zu uninteressant, um die gesamte Folge auf hohem Spannungsniveau zu tragen. „Geld von toten Kassierern“ weicht alsdann logischerweise auf Nebenschauplätze aus, die zwar von Interesse für ein authentisches Milieubild sind, aber wenig Krimirelevanz haben: Der aus dem Knast zurückgekehrte Kranz wird als seiner Familie und vor allem seinen Kindern fremder Mann skizziert, der aus der Erkenntnis heraus, als Vater versagt zu haben, zu Jähzorn und Unüberlegtheit neigt. In diesen Momenten spielt Lowitz seine Stärke als Charakterdarsteller aus – allein: Sie sind eben für den Fall an sich vernachlässigbar. Hätte man sich anstelle des Kranz’schen Familienschicksals mehr auf die Sparkasseneinbrüche konzentriert, wäre nicht nur der Titel der Folge vielleicht weniger deplatziert ausgefallen (weder gibt es mehrere Mordopfer, noch ist der eine Tote überhaupt ein Kassierer); auch hätten mehr Einbruchsszenen mit entsprechenden Spannungsmomenten im Dunkeln bei gleichzeitig versierterer Inszenierung z.B. im Stile Wolfgang Beckers für einen besseren Gesamteindruck gesorgt. Georg Tressler gestaltete die Folge sehr schlicht – auch optisch wirkt sie weniger attraktiv als die meisten anderen „Kommissar“-Inszenierungen, die selbst den einfachsten Milieus noch reizvolle Bilder und Stimmungen entlockten (vgl. z.B. „Die Schrecklichen“ oder „... wie die Wölfe“).

    Kommissar Keller steht wieder einmal im Mittelpunkt, während das Team um ihn herum hauptsächlich Handlangertätigkeiten erledigt und Harry sogar gänzlich zu Hause bleibt. Keller übernimmt dann auch die Demaskierung des Bankräubers vor allen Verdächtigen in einem spannenden Finale, das den letzten Eindruck, den man von der Folge im Kopf behalten wird, noch einmal zum Positiven lenkt. Es gibt einige unverhoffte Überraschungen, die fast an Reineckers Wallace-Zeit anknüpfen und den Kommissar vor das Dilemma eines nicht mehr für seine Taten zu bestrafenden Täters stellen. Der Grund, weshalb die Ode-Rolle aber dennoch nicht als überzeugendster Ermittler der Folge gelten kann, ist seine unverschämte Maßregelung Helga gegenüber, sie solle beim Observieren in der Kneipe gefälligst nichts trinken, sonst werde sie entlassen. Als gefühlermaßen versoffenster Ermittler der TV-Geschichte, der auch in dieser Folge wieder genüsslich Schnaps und Bier im Dienst hinunterstürzt, lässt Keller mit diesem Fingerzeig eine unangenehme Doppelmoral durchblitzen, die man bei einem gescheiterten Kriminellen wie Kranz ganz charmant finden mag, zum Hüter der Gerechtigkeit aber so gar nicht passt. Pfui, Herr Kommissar!

    Dieser eher betuliche Fall verlässt sich in zu großem Maße auf seinen Hauptdarsteller Siegfried Lowitz, der zu Trick 17 greifen muss, um die Episode zu füllen. Man hätte sich mehr Fokus auf die Raubzüge in den Sparkassen sowie eine raffiniertere Inszenierung gewünscht – dann hätte „Geld von toten Kassierern“ zumindest im oberen Mittelfeld mitspielen können. Was Keller übrigens vor sechs Jahren mit einem Prozess gegen einen Einbrecher und Bankräuber, der nie jemanden verletzte oder gar tötete, zu tun gehabt haben soll, schwingt als ungeklärtes Rätsel mit ...

    (3 von 5 Schnapsgläsern)


    Der überzeugendste Ermittler: Inspektor Robert Heines liefert sich einen gefährlichen Kampf mit dem Einbrecher
    ||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Kommissar Herbert Keller (Erik Ode)
    ||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Inspektor Walter Grabert (Günther Schramm)
    ||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Inspektor Robert Heines (Reinhard Glemnitz)
    ||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Kriminalhauptmeister Harry Klein (Fritz Wepper)
    ||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Kriminalhauptmeister Erwin Klein (Elmar Wepper)

    Besprechung 89: Episode 9 der TV-Kriminalserie, BRD 1969. Regie: Georg Tressler. Drehbuch: Herbert Reinecker. Auf der Seite des Gesetzes: Erik Ode, Günter Schramm, Reinhard Glemnitz, Emely Reuer, Helma Seitz, Rosemarie Fendel. Unter Verdacht: Siegfried Lowitz, Eva Brumby, Monika Zinnenberg, Götz Burger, Hartmut Reck, Kurt Jaggberg, Eduard Linkers, Hanna Seiffert u.a. Erstsendung: 16. Mai 1969.

  • Foren-Beitrag von Gubanov im Thema

    Ach stimmt, der läuft ja mittlerweile schon. Ist jemand aus dem Forum unter den 11'628 Zuschauern, die ihn sich angesehen haben?

  • Foren-Beitrag von Gubanov im Thema



    Der Kommissar: Schrei vor dem Fenster

    Zitat von Der Kommissar: Schrei vor dem Fenster
    Die Theaterschauspielerin Irene Pauli schlüpft gerade aus dem Kostüm der Maria Stuart, als sie den verzweifelten Schrei ihres Sohnes Berthold vor dem Fenster der Garderobe hört. Der Sohn verschwindet zwar sofort wieder in der Nacht, aber Irene Pauli wird schnell klar, in welcher Zwangslage er steckt: Ihr Mann ist erschossen worden und Berthold soll angeblich der Mörder sein! Ein Augenzeuge hat ihn fliehen sehen. Die Mutter entwickelt übermenschliche Kräfte, um die Polizei vom Gegenteil zu überzeugen. Doch dabei hilft nicht unbedingt, dass Berthold mit der geladenen Tatwaffe durchs nächtliche München läuft und sich immer wieder der Festnahme entzieht ...


    Eine bessere Rolle hätte es für einen alternden Star wie Maria Schell nicht geben können: Ihre Irene Pauli ist eine willensstarke Frau, eine kämpferische Mutter und obendrein spielt Schell sich in dieser Rolle auch noch selbst – eine Schauspielerin, die ihre Überzeugungskraft bis ins kleinste Detail perfektioniert hat und situativ von ihr Gebrauch zu machen versteht. Hinzu kommt, dass die gesamte Episode um sie herum aufgebaut ist und sie in „Schrei vor dem Fenster“ noch prominenter herausgestellt wird als Erik Ode – das will schon etwas heißen! Dementsprechend wird sie schon in der Eröffnungseinstellung in Großaufnahme in Szene gesetzt. Ein klares Zeichen, worauf die Folge in der kommenden Stunde hinaus will. Da Schell die Rolle jedoch mit Inbrunst und Glaubwürdigkeit anlegt, gibt es keinen Grund, ihr diese ungeteilte Aufmerksamkeit zu neiden; im Gegenteil: Ihr ist es zu verdanken, dass „Schrei aus dem Fenster“ trotz einiger Tempoprobleme stets im Fluss und interessant anzusehen bleibt. Sie entlockt ihrer Figur Facetten der Verzweiflung, aber auch des selbstsicheren Verlassens auf die eigenen Fähigkeiten bzw. das Beherrschen der Situation.

    Obwohl sich die Ereignisse aufgrund des üblichen schnellen Leichenfunds und des unüblich klaren Tatverdächtigen anfänglich eigentlich überstürzen müssten, gestaltet Dietrich Haugk den Einstieg eher zögerlich-zurückhaltend. Beinah hätte ich „gemütlich“ geschrieben, doch das stimmt nicht: Irene Pauli befindet sich von Anfang an in nervöser, äußerst ungemütlicher Zitterspannung, aber sie tastet sich nur langsam an die Herausforderung, Privatverteidigerin für ihren Sohn zu spielen, heran, wirkt zunächst wie in Trance. Erst als sie den Hausmeister, der die belastende Aussage tätigt, von seiner eigenen Unzurechenbarkeit zu überzeugen versucht und sich die Ereignisse kurz darauf in die schwesterliche Wohnung verlegen, nimmt der Plot wirklich an Fahrt auf. Dabei gibt es auch im weiteren Verlauf bis kurz vor Ende keine Wendungen oder Überraschungen; „Schrei vor dem Fenster“ ist absolut geradlinig auf die gutherzige Löwenmutter zugeschnitten. Reinecker bevorzugte oft Figuren, die den Kommissar oder später Oberinspektor Derrick penetrant von der Schuld einer bestimmten Person zu überzeugen versuchten – hier jedoch ist sein Zauberrezept die Umkehr dieser Formel in eine Kämpferin für einen Unschuldigen (z.B. gegen Robert, der gern mit Polizeihunden Jagd auf Berthold machen würde ...).

    So eindeutig er und Harry sich dazu äußern, der Fall sei praktisch von Anfang an schon gelöst, ist jedem Zuschauer klar, dass Berthold Thiemel auf keinen Fall der wahre Täter sein kann. Die Anzahl der anderen Verdächtigen ist überschaubar, wird jedoch durch ein qualitativ hochwertiges, familiär aufspielendes Ensemble ausgeglichen. Neben Schells Dauerpräsenz genießen vor allem Eva-Ingeborg Scholz, Veit Relin und Doris Kiesow ihre jeweils fünf Minuten Rampenlicht. Mit zunehmender Laufzeit wird das Rätsel, wer Irene Paulis Mann tötete, von dem Rätsel, welches Geheimnis ihre Garderobiere hütet, abgelöst, wobei beide – man kann es sich denken – eng miteinander verknüpft sind. In den Szenen in Laura Wedekinds Wohnung steigert sich die Spannung ins beinah Unermessliche. Doch bevor Kommissar Keller die Wahrheit enthüllt, steht noch eine letzte Verfolgungsjagd auf den flüchtigen Berthold aus – eine, die von Dietrich Haugk absolut exzellent eingefangen wurde. Sie führt das ungeschickte Muttersöhnchen geradewegs in einen Rohbautunnel der Münchner U-Bahn, der dann eine spektakuläre Kulisse für die Familienzusammenführung und die Täterüberführung bildet. Sie bindet Irene Paulis Theaterrolle effektvoll mit ein und kaschiert mit diesem theatralischen Effekt, dass der Kommissar jegliche Beweise für seine letztlich präsentierte „Theorie“ schuldig bleibt.

    Zwischendurch gibt es einige wenige Szenen, die vom straffen Aufbau ablenken. Stellvertretend sei jene im Freudenhaus genannt, wo Berthold Thiemel in seiner hilflosen Art eine Prostituierte als Geisel zu nehmen versucht. Diese hustet dem Jüngling jedoch etwas und verpfeift ihn an ihre Kolleginnen – ein Moment peinlicher Komik, den man der Figur (und sich selbst) lieber erspart hätte. Dass solche Szenen durchaus gefährlich hätten wirken können, beweisen zeitgleich am anderen Ende Deutschlands gedrehte St.-Pauli-Krimis. Löblich zu erwähnen ist hingegen die Abwesenheit von Rehbein und Helga, die mit dem kompletten Verzicht auf Büroszenen einhergeht, was der Suche nach dem Mörder eine besondere Dringlichkeit verleiht.

    Zwei Personalien – Maria Schell und Dietrich Haugk – verwandeln eine vergleichsweise simple Geschichte in ein zunehmend spannendes und inszenatorisch anspruchsvolles Familiendrama, das in der „Kommissar“-Fangemeinde oft unter Wert verkauft wird. Trotz kleinerer Macken und der nicht allerschnellsten Erzählweise der Folge geht von der Schauspielerin, die eine Schauspielerin spielt und als solche ihr Talent einsetzt, um ihren Sohn zu verteidigen, eine kuriose Faszination aus.

    (4,5 von 5 Schnapsgläsern)


    Der überzeugendste Ermittler: Kommissar Herbert Keller stellt der Schauspieldiva Irene Pauli die größte Lebenserfahrung entgegen
    ||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Kommissar Herbert Keller (Erik Ode)
    ||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Inspektor Walter Grabert (Günther Schramm)
    ||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Inspektor Robert Heines (Reinhard Glemnitz)
    ||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Kriminalhauptmeister Harry Klein (Fritz Wepper)
    ||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Kriminalhauptmeister Erwin Klein (Elmar Wepper)

    Besprechung 88: Episode 10 der TV-Kriminalserie, BRD 1969. Regie: Dietrich Haugk. Drehbuch: Herbert Reinecker. Auf der Seite des Gesetzes: Erik Ode, Günter Schramm, Reinhard Glemnitz, Fritz Wepper. Unter Verdacht: Maria Schell, Eva-Ingeborg Scholz, Veit Relin, Doris Kiesow, Gunther Beth, Hans Hermann Schaufuß, Stella Mooney, Renate Schmidt u.a. Erstsendung: 6. Juni 1969.

  • Die drei Gerechten (1926)Datum07.09.2018 14:10
    Foren-Beitrag von Gubanov im Thema

    Stimmt, das sind gute Punkte, die damals tatsächlich einen pragmatischen Ausschlag gegen eine "drei Gerechten"-Verfilmung gegeben haben könnten. Dass die "Gerechten", die bei Bedarf als ungesetzliche Racheengel eingreifen, nicht zeigbar gewesen wären, muss aber gar nicht mal sein, denn beim "Hexer" hatte man auch keine Probleme mit einer ganz ähnlichen Rollenanlage. Aber naja, da hatte man ja auch eine gänzlich positive Hauptfigur, mit der man Henry Arthur Milton kontrastieren konnte.

    Ich habe gestern das Hörspiel prompt nochmal gehört und mich wieder bestens unterhalten gefühlt.

  • Foren-Beitrag von Gubanov im Thema



    Der Kommissar: Die Schrecklichen

    Zitat von Der Kommissar: Die Schrecklichen
    Zwei Mädchen finden am Isarwehr einen Toten. Der Mann ist nicht der erste, der sich zunächst be- und an dieser Stelle anschließend ertrinkt. Da die Wasserleichen immer auch ausgeraubt wurden und zudem ein Unbekannter das Auto des aktuellen Opfers nach dessen Tod am Ostbahnhof abstellte, schlussfolgert die Polizei Mord. Schnell stellt sich heraus, dass der Getötete – ein Vertreter aus Nürnberg – seinen Durst in der Schwabinger Gaststätte zur Seerose gelöscht hatte. Wurde er dort auch ermordet? Der Wirt Panse verhält sich jedenfalls ebenso seltsam wie seine Tochter Herta, der alkoholkranke Stammgast Wegsteiner und die Animierdame Hilde ...


    Für seinen Einstand in die „Kommissar“-Serie wurde dem unkonventionellen Tschechen Zbynek Brynych ein Titel zugeteilt, der vieles von dem, was den unbedarften Zuschauer in seinen Arbeiten überraschen wird, ganz treffend beschreibt: „Die Schrecklichen“ – die schrecklichen Marotten des Herrn Brynych, sozusagen. Doch man werfe einen genauen Blick auf diesen im Vergleich zu „Der Papierblumenmörder“ oder „Tod einer Zeugin“ oft vernachlässigten Fall, bevor man vorschnell urteilt: Was Brynych hier einen Hauch weniger exaltiert als in seinen anderen drei Arbeiten und dennoch mit unverkennbar eigenem Stempel in Szene setzte, ist ein dicht atmosphärisches, inhaltlich sicher nicht übermäßig komplexes, aber ansprechend gestaltetes Rätsel von teilweise abstrakter Qualität. Die Morde, von denen hier die Rede ist, sind keine abgeschmackten Sextaten oder alterprobte Beziehungskisten, sondern eine frische Variation, die Herbert Reineckers Faszination für renitente Rentner mit den Ergebnissen einer Mordserie à la „tote Augen von London“ kombiniert. Doch nicht nur an Edgar Wallace (sozusagen an bayerischen Pendants von Themse und Themsegasthaus) fühlt man sich erinnert – auch „Stahlnetz“ meldet gewisse Parallelen an. Denn dass eine „Kommissar“-Folge mit semidokumentarischem Off-Kommentar einsteigt, der über suchend unruhige Einstellungen Münchner Sehenswürdigkeiten und Alltagsszenen gelegt wird, darf prompt als weitere Ungewöhnlichkeit auf der Checkliste vermerkt werden.

    Den Hauptteil der Episode dominiert das mysteriöse Etablissement „Zur Seerose“, dessen idyllischer Name von Dirk Dautzenbergs panischem Sauf- und Lustlokal nicht weiter entfernt sein könnte. In herrlich verkommenen Einstellungen wird es zu den Tönen des leider unveröffentlicht gebliebenen Peter-Thomas-Schlagers „Corinna“ als Hort der Unmoral und des verschworenen Schweigens gezeichnet, sodass vor allem Keller und Heines auch nach dem x-ten Besuch noch immer Rückschläge einstecken müssen. Sie ziehen alsdann ihre Geheimwaffe – den jungen Harry – und setzen ihn auf die todtraurige Wirtstochter an, die von Helga Anders ausnahmsweise einmal nicht mit überbordender puppenhafter Aufdringlichkeit, sondern angenehm natürlich dargestellt wird. Neben Dautzenberg passt auch Anita Höfer perfekt in die düstere Szenerie; ihre dreiste Laszivität bietet ein provokantes Gegenstück zur Verzweiflung des dauerbetrunkenen Karl Walter Diess. All das setzt Brynych mit dem ihm eigenen Trara um, ohne dabei jedoch den Bogen zu überspannen.

    Gefährlicher sieht es in dieser Hinsicht mit den alten Leuten, den titelgebenden „Schrecklichen“, aus, die in einigen Szenen in einer Art halbvernachlässigten Parallelhandlung Münchens Straßen unsicher machen. Unter der Ägide des üblicherweise querulant besetzten Hans Schweikart erhebt der Altherrenverein seine eigene Dummheit und Beschäftigungslosigkeit zur Rechtfertigung für ein aufmüpfiges Terrorregime, das glücklicherweise nur sehr vereinzelt in Bild und Ton umgesetzt wird. So schaden diese „verstörenden“ Szenen dem Gesamteindruck nur wenig, weil sie im Endeffekt trotz Tatrelevanz nur wie eine von Brynychs vielen effektreichen Schnapsideen wirken. Da er davon eine ganze Menge in petto hat, hat man hier also im Gegensatz zu dezidierten Altersarmut-Dramen wie „Tod eines Ladenbesitzers“ oder „Ein Anteil am Leben“ vergleichsweise wenig auszustehen.

    Zitat von Oliver Nöding: „Der Kommissar“, Episoden 11 bis 17, Remember It for Later, 30. Dezember 2016, Quelle
    Nicht nur, dass die Episode angereichert ist mit surrealen Elementen, Brynych unterstreicht diese auch inszenatorisch mit weiter verfremdenden Stilmitteln. [...] Hervorstechendstes Merkmal sind aber die Titelhelden, die Bande der Senioren, übellaunige Anarchisten, deren kurze Dialoge auch aus der Feder Becketts stammen könnten und fast an absurde Poesie heranreichen. [...] Die Schrecklichen sind jeder Menschlichkeit beraubt, eine fast schon dämonisch zu nennende Bande asozialer Geschöpfe, die erkannt haben, dass Menschlichkeit nichts bringt und deshalb nach Gesetzen leben, die ihnen die Laune diktiert. Sie sind nicht so sehr gewöhnliche Schurken als vielmehr ein Zeichen des drohenden Niedergangs. Den können Keller und seine Leute bestenfalls bremsen, aber gewiss nicht aufhalten. Es müsste ein großer Regen kommen und den ganzen Dreck wegspülen ...


    Was Zbynek Brynych in seinem allerersten „Kommissar“ anbietet, geht über ein mit Gerechtigkeitsfantasien aufbereitetes Kneipenstück hinaus und hinterlässt den Eindruck eines mit schrägen Vögeln bevölkerten, aber dennoch ernstzunehmenden Vielschicht-Krimis. Schöne Einsätze für alle Ermittler runden den Fall zusätzlich ab und machen „Die Schrecklichen“ damit zum Besten, was der Tscheche für die schwarzweiße ZDF-Serie ablieferte.

    (4 von 5 Schnapsgläsern)


    Der überzeugendste Ermittler: Kriminalhauptmeister Harry Klein erkundigt sich bei Helga, wie man es mit einer Siebzehnjährigen macht
    ||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Kommissar Herbert Keller (Erik Ode)
    ||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Inspektor Walter Grabert (Günther Schramm)
    ||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Inspektor Robert Heines (Reinhard Glemnitz)
    ||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Kriminalhauptmeister Harry Klein (Fritz Wepper)
    ||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Kriminalhauptmeister Erwin Klein (Elmar Wepper)

    Besprechung 87: Episode 11 der TV-Kriminalserie, BRD 1969. Regie: Zbynek Brynych. Drehbuch: Herbert Reinecker. Auf der Seite des Gesetzes: Erik Ode, Günter Schramm, Reinhard Glemnitz, Fritz Wepper, Emely Reuer. Unter Verdacht: Dirk Dautzenberg, Helga Anders, Anita Höfer, Karl Walter Diess, Hans Schweikart, Albert Hörrmann, Karl Hellmer, Kurt Grundmann u.a. Erstsendung: 17. Juli 1969.

  • Die drei Gerechten (1926)Datum06.09.2018 15:52
    Foren-Beitrag von Gubanov im Thema

    Zitat von Dr. Oberzohn im Beitrag Der Mann von Marokko (1926)
    Da müssen die "Drei Gerechten" samt ihrem fürchterlichen Widersacher noch ein wenig warten ...

    Schön, dass du dich jetzt wirklich den "drei Gerechten" gewidmet hast, @Dr. Oberzohn! Ich bin der Meinung, den Roman auch gelesen zu haben, doch in meiner Erinnerung dominiert ganz klar die sehr gelungene Hörspielfassung von EUROPA, die ich noch vor dem eigentlichen Buch und auch vor allen anderen "Gerechten"-Krimis kannte. Ausgehend von dieser Umsetzung habe ich mich schon immer gefragt, warum man den Stoff nie in Reinform fürs Kino verfilmt hat. Er ist sehr spannend und absolut "typisch Wallace".
    Zitat von Dr. Oberzohn im Beitrag #1
    Eine deutsche Edgar-Wallace-Verfilmung des besprochenen Romans gibt es nicht. Allerdings wurden Elemente dieses Buches in die Verfilmung von Der Zinker von 1963 übernommen. Die äußerst maue Buchvorlage musste unbedingt noch "aufgepeppt" werden, so bringt denn der Killer seine Opfer auf eine ähnliche zweifelhafte Methode mit Schlangengift um, wie es Dr. Oberzohn zusammen mit seinen Gehilfen tat. Weniger offensichtlich, aber trotzdem auffällig, ist die im Roman Der Zinker nicht vorkommende Figur des geistesgestörten Helfers Krischna, der unbedingt an Gurther erinnert. Denn eines ist klar: Wenn die Drei Gerechten damals verfilmt worden wären, so wäre Sven Gurther eine Paraderolle für Klaus Kinski gewesen...

    Kurios ist dabei auch, dass in der EUROPA-Hörspielserie "Der Zinker" direkt auf "Die drei Gerechten" folgt. Und man merkt bei den Hörspielen, dass "Die drei Gerechten" der stärkere und unheimlichere Krimi ist. Im Gegensatz dazu ist die "Zinker"-Verfilmung natürlich über alle Zweifel erhaben - nicht zuletzt aufgrund der hier entnommenen Gruselelemente.

  • Foren-Beitrag von Gubanov im Thema



    Der Kommissar: Die Waggonspringer

    Zitat von Der Kommissar: Die Waggonspringer
    Diebstahl auf freier Strecke: Eine Bande von Waggonspringern erleichtert Güterzüge zwischen Frankfurt / Main und München um wertvolle Ladungen, die anschließend so geschickt weiterverkauft werden, dass die Bahnpolizei den Schurken nicht auf die Schliche kommen kann. Doch plötzlich schaltet sich die Mordkommission ein: Einer der Waggonspringer wird mit tödlichen Verletzungen in einem Abteil im Münchner Rangierbahnhof gefunden. Auch wenn seine Komplizen versuchen, den Leichnam verschwinden zu lassen, so können sie Keller & Co. doch nicht abschütteln. Zumal die Verlockung neuer Beutezüge selbst nach dem Tod des Kameraden zu groß ist ...


    „Die Waggonspringer“ eröffnete seinerzeit die zweite „Kommissar“-Saison und ging im November 1969 nach der ersten Sommerpause der Serie über den Äther. Zuschauer wurden nach der langen Wartefrist mit dynamischen Bildern eines durch die Nacht ratternden Güterzugs begrüßt. In einer Langsamfahrstelle springen die Diebe im wahrsten Sinne des Wortes auf die Trittbretter eines Waggons auf, um sich lukrative Beute zu sichern. Sie gehen dabei ein großes Risiko ein, das sogleich einen Schwerverletzten fordert (die Szene, in der der Kopf des Verletzten zwischen den Waggons eingekeilt wird, geht einem ordentlich an die Nieren). Die gesamte Exposition verrät, dass es sich einerseits um eine gut organisierte Bande junger Männer handelt, die andererseits dazu bereit sind, ohne Bedenken und Vorsicht ihre Gesundheit für die schnelle Mark aufs Spiel zu setzen. Das macht sie willfährig – vor allem ihrem Anführer Graffe gegenüber, der seine Handlanger nicht nur zu immer neuen Diebeszügen anhält, sondern sie auch psychisch an der Kandare hält. Seine finstere Übermacht über seine Befehlsempfänger soll wohl an düstere Zeiten totalen Gehorsams erinnern – allein die Besetzung mit dem recht jungen, recht schmalbrüstigen und eher in sympathischen Rollen überzeugenden Erik Schumann wirkt (trotz seines vernarbten Gesichts) zu wenig herrisch und beeindruckend.

    Aber vermutlich braucht es nicht einmal einen Überschurken von großem Format, da die Graffe unterstellte Bande nun einmal ebenfalls keine ehrgeizigen Meisterverbrecher, sondern durchschnittliche, eher harmlose Hobby-Profiteure sind. Typische Jungmimen, die bei Ringelmann immer wieder zwielichtige Charaktere zu bedienen hatten, machen dem Stammzuschauer klar, in welche Richtung „Die Waggonspringer“ tendiert: mit Ralf Schermuly, Ulli Kinalzik und Andreas Seyferth jedenfalls in keine spektakuläre. So fragt man sich gelegentlich, ob man bei diesem Fall statt in einem ernsthaften „Kommissar“ eher in einer lauen Vorabendserienfolge gelandet ist, bei der Raub aufgrund tumben Gruppenzwangs und ein zufälliger Unfall schon das Höchste der Gefühle darstellen. Die Einschätzung des Hamburger Abendblatts, es handele sich um die „bisher härteste“ Episode, erscheint vor diesem Hintergrund völlig an den Haaren herbeigezogen. Theodor Grädler versucht, mit stimmungsvollen Schwarzweißkontrasten und einer leichtfüßigen Umsetzung der pfiffigen Ideen zur Involvierung des Ermittlerteams (Harry und Helga in der Disco, Robert im Freibad) von der Harmlosigkeit der „Waggonspringer“ abzulenken; aber sie setzt sich letztlich doch immer wieder durch. Trotz ordentlichen Erzähltempos und der zufriedenstellenden Spiegelung von Auftakt- und Finalszene bleibt der Fall eine mittelmäßige Angelegenheit, bei der nicht klar wird, warum ausgerechnet dieser Fall als Auftakt für die zweite „Kommissar“-Staffel ausgewählt wurde.

    Vor allem erscheint es unlogisch, dass die zuständigen Behörden nicht schon vorher auf die Idee verfielen, in Frage kommende Waggons zu überwachen, wenn die Täter immer wieder auf derselben Strecke zuschlugen und es jedes Mal auf hochpreisige Transportgüter absahen. Eventuell wäre es der Episode zugute gekommen, hätte man die eigentlichen Waggonspringer schon früher im Verlauf der Folge gefasst und sich dann auf eine schwierigere Suche nach den Hintermännern Schumann und Neusser konzentriert. Dann wäre das Rezept, von Anfang an mit offenen Karten zu spielen, was die Organisationsstrukturen der Diebesbande betrifft, auch besser aufgegangen. Ein echter Mord, z.B. am Angsthasen Pasche, hätte ebenfalls mehr Tiefe in die harmlosen Ereignisse bringen können. So jedoch wird eine Folge in Erinnerung bleiben, die hauptsächlich mit ihren ausdrucksvollen Nachtaufnahmen am Bahndamm und auf der Müllkippe (als Vorbote von Alfred Vohrers Szenekrimi „Perrak“?) überzeugen kann, die aber sonst über eine lediglich solide Machart nicht hinauskommt.

    Ein Action-„Kommissar“ mag eine nette Abwechslung gegenüber verkopfteren Geschichten aus der Reinecker-Schmiede sein, doch dem hohen Anteil der Bandenszenen hätte ein härterer, weniger augenfälliger Handlungsablauf beiseite gestellt werden müssen, um zu überzeugen. „Die Waggonspringer“ bleibt im unteren Serienmittelfeld stecken, auch weil Erik Schumann als Chef der kriminellen Clique eher lauwarm aufspielt. Die übrigen Darsteller überzeugen im Rahmen des Möglichen.

    (3 von 5 Schnapsgläsern)


    Der überzeugendste Ermittler: Kriminalhauptmeister Harry Klein, der auch dann cool bleibt, wenn eine Waffe auf ihn gerichtet wird
    ||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Kommissar Herbert Keller (Erik Ode)
    ||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Inspektor Walter Grabert (Günther Schramm)
    ||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Inspektor Robert Heines (Reinhard Glemnitz)
    ||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Kriminalhauptmeister Harry Klein (Fritz Wepper)
    ||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Kriminalhauptmeister Erwin Klein (Elmar Wepper)

    Besprechung 86: Episode 12 der TV-Kriminalserie, BRD 1969. Regie: Theodor Grädler. Drehbuch: Herbert Reinecker. Auf der Seite des Gesetzes: Erik Ode, Reinhard Glemnitz, Fritz Wepper, Emely Reuer, Helma Seitz, Rosemarie Fendel. Unter Verdacht: Erik Schumann, Peter Neusser, Ralf Schermuly, Ulli Kinalzik, Andreas Seyferth, Rüdiger Bahr, Thomas Astan, Leo Bardischewski u.a. Erstsendung: 7. November 1969.

  • "Derrick" oder: das andere KonzeptDatum05.09.2018 20:10
    Foren-Beitrag von Gubanov im Thema

    Auf mich wirkt es eher so, dass hier das klare Konzept fehlte, was man mit diesen Assistentenrollen eigentlich anfangen wollte / sollte - im Gegensatz zum "Kommissar", wo von Anfang an fein abgestimmte Teamarbeit zu beobachten war. Dort funktionierte das Konzept Kooperation vor allem deshalb, weil die Charaktere aufeinander aufbauen und verschiedene individuelle Stärken haben, die sich ergänzen. Bei "Derrick" hingegen war es eigentlich immer egal, wer hinter Tappert in der zweiten Reihe herumstapft, weil sich die Assistenten nicht wesentlich unterscheiden. Also konnte man das auch ganz einfach auf die eine Harry-Figur kondensieren, aus der sich dann ein sehr schönes Zusammenspiel Tappert-Wepper ergab, das sich vor allem in den späten zweistelligen und der ersten Hälfte der Hunderterfolgen perfekt eingespielt hat.

  • Café Wernicke (1979/80, TV)Datum05.09.2018 20:05
    Foren-Beitrag von Gubanov im Thema

    Ich war fest davon überzeugt, diese Serie zu mögen, aber die Pilotfolge hat mich leider überhaupt nicht angesprochen. Das ganze Flair wirkte auf mich künstlich und interessante zeitrelevante Passagen verplapperten sich zwischen Kaffee und Kuchen. Dabei ist die Besetzung eigentlich spannend (na gut, Juhnke muss man halt mögen) und Autor Rolf Schulz bei mir wegen "Kommissariat 9" hoch angesehen.

  • Das Mädchen mit den Katzenaugen (1958)Datum05.09.2018 20:04
    Foren-Beitrag von Gubanov im Thema

    Zitat von Percy Lister im Beitrag #51
    Gert Fröbe wirkt mit seiner Rolle überfordert: einerseits soll er glaubhaft den Abstieg eines ehemals redlichen Mannes zeigen, andererseits unberechenbar bleiben und somit ein Schwachpunkt im Umfeld der Gangster. Leider trägt er stellenweise zu dick auf und lässt seine Rolle zu einer unfreiwillig komischen Figur verkommen. Eugen York wusste offensichtlich nicht, wie er Fröbes Spiel in überzeugende Bahnen lenken sollte.

    Die Fröbe-Rolle in "Das Mädchen mit den Katzenaugen" wird ja sehr unterschiedlich bewertet; ich würde dir hier eher zustimmen als dem häufig gelesenen Lobgesang. Dennoch lohnt heute ein Blick zurück auf die gelungenen und weniger gelungenen Rollen des "Lieblingsschurken", der genau heute vor 30 Jahren in München verstarb. Havi hatte eine umfangreiche Doku des MDR bereits verlinkt; hier ist noch ein ganz kurzer, kondensierter Rückblick auf Fröbe aus der täglichen Reihe "As Time Goes by" von Radio Bremen.

    Das Urteil seines feinfühligen Biografen Michael Strauven zu "Katzenaugen" (ebenso wie zu den forenrelevanten Filmen "Das Herz von St. Pauli", "Grabenplatz 17", "Nick Knattertons Abenteuer" und den drei Mabuse-Filmen: schlichtweg "Uninteressant!" (das Ausrufezeichen darf nicht fehlen) bzw. in ausformulierter Form deutlich substanzieller: "Unsäglicher deutscher Gangsterfilm."

  • Krieg, Kameradschaft, KatastrophenDatum02.09.2018 14:15
    Foren-Beitrag von Gubanov im Thema



    In jenen Tagen (Geschichten eines Autos)

    Episodisches Drama, D-West 1946/47. Regie: Helmut Käutner. Drehbuch: Helmut Käutner, Ernst Schnabel. Mit: Erich Schellow (Karl), Gert Schäfer (Willi), Winnie Markus (Sybille), Karl John (Peter Kaiser), Alice Treff (Elisabeth Buschenhagen), Hans Nielsen (Wolfgang Grunelius), Willy Maertens (Wilhelm Bienert), Ida Ehre (Frau S. Bienert), Erica Balqué (Dorothea Wieland), Evi Gotthardt (Ruth), Hermann Speelmans (August Hintze), Fritz Wagner (Leutnant), Isa Vermehren (Erna), Margarete Haagen (Baronin von Thorn), Carl Raddatz (Josef), Bettina Moissi (Marie) u.a. Uraufführung: 13. Juni 1947. Eine Produktion der Camera-Filmproduktion Hamburg für den Britischen Atlas-Filmverleih Hamburg.

    Zitat von In jenen Tagen
    Zwei Lebenskünstler schlachten nach dem Krieg das Wrack eines Autos aus, das sie zwischen den Ruinen finden. Während die Männer wertvolle Materialteile sichern und dabei existenzielle Fragen erörtern, wirft der Zuschauer einen Blick auf die wechselvolle Geschichte des Autos und seiner früheren Besitzer – vom Monat seiner Produktion, der zugleich der Monat der Machtergreifung Hitlers war, über Episoden im zunehmend gefährlichen Nazideutschland bis hin zum Kriegseinsatz des Wagens. Welche Freude, welches Leid, welche Risiken haben Fahrer und Beifahrer erlebt und doch nicht immer überlebt?


    Keinen Film vom Schlachtfeld oder den grünen Tischen brauner Machtpolitik drehte Helmut Käutner mit „In jenen Tagen“, sondern eine Geschichte aufrüttelnder Menschenschicksale, in denen die Zivilgesellschaft in einem humanen Fokus steht und Zeitgeschehnisse nur bittere Rahmungen sind, innerhalb derer sich Leben und Lieben, Glück und Pech abspielt. Die Vermenschlichung (dabei aber keinesfalls die Klitterung) der letzten zwölf Jahre macht in diesem ersten Nachkriegsfilm aus der britischen Besatzungszone selbst vor einem Gebrauchsgegenstand wie einem Auto nicht halt, gibt ihm eine reflektierte Stimme – die des Regisseurs –, um seine Erfahrungen mit dem angeblich „tausendjährigen Reich“ preiszugeben, und rückt die mit Machtergreifung, Gleichschaltung und Krieg verbundenen Ereignisse in verdauliche, überschaubar lebensgroße Relationen. Auch wenn Käutners Film deshalb oft etwas schwülstig wirkt und die Off-Monologe des Autos manchmal über das Ziel des einfühlsamen Philosophierens in einen eher pathetischen Bereich hinausschießen, ist es letztlich angenehm, auch einmal einen NS-Verarbeitungsfilm zu sehen, der nicht aus vollen Rohren gegen (Mit-)Täter schießt, sondern ohne Vergeltungsgefühle ausschließlich den Opfern einen aufmerksamen Blick widmet.

    Genaugenommen sind es sieben Blicke, sieben kurze Geschichten, die ausgewählte Lebensepisoden aus den Jahren 1933 bis 1945 illustrieren. Was die Besitzer des Wagens erleben, beginnt oft im betulich Privaten, in das der Zeitkontext dann unvermittelt eine zynische Wendung hineinwirft. Das Auto sieht manche Liebe am Politischen zerbrechen oder erstarken, doch oft erscheint das Persönliche – in Relation zu den nur fragmenthaft enthüllten gesellschaftlichen Umwälzungen oder militärischen Pflichten gesetzt – letztlich nur wie eine Nebensächlichkeit, ein Bauernopfer.

    Zitat von Falk Schwarz: Sieben Mal Schicksal, „In jenen Tagen“ auf Filmportal.de, 30. August 2014, Quelle
    Dabei ist es der Trick Käutners, dass der Wagen nur eine sehr begrenzte Perspektive hat: Vieles erzählt er nicht, weil er es nicht weiß, und der Zuschauer muss es sich selbst zusammenreimen. Käutner lässt die Fantasie der Zuschauer mitspielen. Stärkste Episode ist die Geschichte des Ehepaares Bienert, einer Mischehe, in der Frau Bienert (Ida Ehre) ihrem Mann anbietet, sich scheiden zu lassen, damit er sein Geschäft weiterführen kann. Er weigert sich und als sie die Reichskristallnacht hautnah im Auto erleben, beschließen sie, nicht mehr [leben zu wollen].




    Ida Ehre verleiht ihrer schwierigen Rolle im Zwielicht der Nacht eine rätselhafte Aura im Spannungsfeld zwischen Kampfeslust und Selbstaufgabe. Weitere schauspielerische Höhepunkte sind in der Episode um den Komponisten Wolfgang Grunelius zu finden, die sich von einem stillen Ehebruch-Drama in ein Plädoyer gegen das Verbot entarteter Kunst verwandelt. Hans Nielsen und Alice Treff sowie die junge Gisela Tantau umschleichen einander hier in fast traumgleicher Entrückung, sodass der zeitpolitische Knall, der die Künstlerseelen wieder auf den Boden der Tatsachen zurückholt, fast wie eine Bombe in die Runde einschlägt. Die letzte Erzählung präsentiert sich ähnlich idyllisch als Gleichnis auf Josefs und Marias Reise nach Bethlehem; das Kleinkind, das die Flüchtende im Arm trägt – diesmal in Hoffnung einer friedlicheren Zukunft ein Mädchen – symbolisiert den Aufbruch in eine neue, optimistischere Zeitrechnung. In diesen und anderen Episoden (vor allem der Russland-Geschichte mit Hermann Speelmans und Fritz Wagner) macht sich ein in späteren deutschen Filmen kaum mehr anzutreffender Naturalismus bemerkbar, der sich aus der nur langsam auflösenden Taubheit nach Stunde null sowie aus den schwierigen Produktionsumständen ergibt.

    Zitat von Markus Münch, Simone Utler: Drehort Hamburg, be.bra Verlag, Berlin 2009, S. 30
    Als im August 1946 die Dreharbeiten begannen, fehlte es an allen Ecken und Enden. Erfindungsreichtum und Improvisation waren gefragt. Die Produktionsgesellschaft bestand aus einem Schreibtisch, einem Telefon und einem „Gläubig-Besessenen“, nämlich Käutner. Die technische Ausrüstung musste das Filmteam zusammenpumpen, auf halblegalem Weg organisieren oder zu hohen Preisen auf dem Schwarzmarkt kaufen. Das Auto stellte eine Firma zur Verfügung – allerdings ohne Reifen. Die mussten teuer zugekauft werden. „Wir hatten eine alte Kamera, die bei Außenaufnahmen der Ufa irgendwo im Distrikt liegengeblieben war“, erinnerte sich Käutner später. Sie war im Besitz der britischen Besatzer, der Regisseur bekam sie für seinen Film geliehen. Passend zum Film dienten zur Beleuchtung Autoscheinwerfer. [...] Käutner drehte fast alles unter freiem Himmel, denn in Hamburg gab es keine Ateliers.


    Bedenkt man die nicht weniger als zehn Monate lange Drehzeit und den harschen Winter 1946/47, kann man sich noch immer ein Bild von den Entbehrungen machen, unter denen der Film entstand. Käutner gelang es trotzdem, ein bewegendes Drama abzuliefern, das in seinen Übergängen manchmal unrund und unbeholfen wirkt, aber von der ihm eigenen symbolischen Schwermut durchdrungen ist, die es als Zeitdokument auch entgegen einigen Unkenrufen überdauern lassen wird.

    „Was ist ein Mensch?“ zieht sich als Leitfrage durch den Film und wird nicht auf philosophische, sondern auf sehr anschauliche Weise in sieben Kurzgeschichten beantwortet, die einem unmenschlichen Regime ein auf das Individuum konzentriertes Spiegelbild vorhalten. Sich an den wesentlichen Entwicklungsschritten der zwölf Nazijahre entlanghangelnd, zeichnet „In jenen Tagen“ ein manchmal erdrückendes, manchmal hoffnungsvolles Bild und scheut sich dabei nicht vor einer ordentlichen Portion Kitsch. Unvollkommenheiten verleihen dem Film Charme, doch manchmal hätte man sich ein längeres Verweilen bei den einzelnen Protagonisten gewünscht. 3,5 von 5 Punkten.

  • "Derrick" oder: das andere KonzeptDatum01.09.2018 22:14
    Foren-Beitrag von Gubanov im Thema

    Zitat von Ray im Beitrag #878
    Ich möchte hier nicht ernsthaft einen Zusammenhang konstruieren, aber gefühlt setzt der Qualitätsabfall so ziemlich mit dem unfreiwilligen Ausstiegs Günther Stolls ein.

    Diesen Zusammenhang würde ich so auch nicht schlussfolgern, sondern eher sagen: Auch wenn es einen traurigen Hintergrund hat, ist es dramaturgisch ein Zugewinn, dass der überflüssige Assistenten-Ballast langsam abfällt und die Serie sich mehr auf ihre Kernprotagonisten konzentriert. Wir sind ja hier nicht beim "Kommissar". Einen womöglichen Qualitätsabfall würde ich eher bei der in der zweiten Hälfte von Box 3 überbordend häufigen Verpflichtung von Helmuth Ashley als Regisseur verorten; aber das siehst du vermutlich anders, wenn ich mir deine (überraschende) Spitzenreiterfolge ansehe.

  • Rosen für den Staatsanwalt (1959)Datum01.09.2018 21:00
    Foren-Beitrag von Gubanov im Thema



    Rosen für den Staatsanwalt

    Tragikomödie, BRD 1959. Regie: Wolfgang Staudte. Drehbuch: Georg Hurdalek. Mit: Martin Held (Oberstaatsanwalt Dr. Wilhelm Schramm), Walter Giller (Rudi Kleinschmidt), Ingrid van Bergen (Lissy Flemming), Camilla Spira (Hildegard Schramm), Roland Kaiser (Werner Schramm), Burghard Ortgies (Manfred Schramm), Werner Peters (Otto Kugler), Paul Hartmann (Gerichtspräsident Diefenbach), Wolfgang Preiss (Generalstaatsanwalt), Ralf Wolter (Herr Hessel) u.a. Uraufführung: 24. September 1959. Eine Produktion der Kurt-Ulrich-Film Berlin im Neuen Filmverleih München.

    Zitat von Rosen für den Staatsanwalt
    Dem Soldaten Rudi Kleinschmidt wird kurz vor Kriegsende für nichts Gewichtigeres als den Diebstahl von Schokolade von Kriegsgerichtsrat Dr. Schramm das Todesurteil ausgesprochen. Aufgrund der Wirren des Jahres 1945 kann es jedoch nicht vollstreckt werden, sodass Ankläger und Angeklagter den Krieg lebendig überstehen. Fast 15 Jahre später stehen sie sich plötzlich wieder gegenüber – Schramm konnte seine Karriere unter Verschweigen seiner NS-Tätigkeit lückenlos fortsetzen. Rudi Kleinschmidt könnte ihm gefährlich werden, doch dieser hat eher Augen für die Pensionswirtin Lissy als für bittere Rache. Bis er eines Abends ein Schaufenster einschlägt, wieder Schokolade stiehlt und wieder vor Schramm auf der Anklagebank landet ...


    Politische Sünden werfen lange Schatten. Das Aufarbeitungskino der bundesrepublikanischen 1950er Jahre widmete verschiedenen Berufsfeldern, deren Geschicke sich zwischen 1933 und 1945 mit der Allgegenwärtigkeit des totalitären Regimes überkreuzten, Filme, in denen Funktionsträger von damals in ihren gegenwärtigen (unwesentlich veränderten) Positionen mit begangenem Unrecht konfrontiert werden. Was im Rückblick womöglich den Anschein eines konsequenten Kampfes gegen braunes Gedankengut erweckt, zeigt bei genauerer Betrachtung im Gegenteil vielmehr auf, wie verflochten alte und neue Gesellschaft noch immer waren und dass eine BRD, in der „ehrwürdige“ Eminenzen an allen Schaltpositionen des jungen Staates saßen, eine saubere Entnazifizierung gar nicht durchgeführt haben konnte. Gerade dass „Rosen für den Staatsanwalt“, für den im Vorspann bloß eine Idee von Wolfgang Staudte als Grundlage genannt wird, eigentlich auf zwei wahren Fällen beruht (der Verurteilung des Studienrats Zind und dem Disziplinarverfahren gegen Senatspräsident Wöhrmann), verdeutlicht die Dringlichkeit, einen solchen Film auch gegen die bekannten Einwände einer von der NS-Thematik übersättigten Filmbranche zu erzählen.

    Staudtes Tragikomödie ist in ihrer Grundform ein klassisches Duell, das seine Zuschauer allerdings dadurch verblüfft, dass einer der Duellanten es (zunächst) gar nicht auf einen Zweikampf abgesehen hat. Man wundert sich letztlich auch nicht, warum; denn gegen den von Martin Held gespielten Altnazi mit gefestigter gesellschaftlicher Position, beruflichem Einfluss und kühl präparierten Abwehrmaßnahmen zum Schutz der eigenen Immunität sieht die in den Tag hineinlebende, ohne Ziel und Fokus agierende Giller-Rolle trotz kompromittierender Leidensgeschichte lange keinen Stich. Staudte gelingt es, in dieser Konstellation den Unterschied zwischen dem kleinen Paulus und dem elitären Saulus prägnant herauszuarbeiten und trotz der stellenweise stammtischartigen Rhetorik von vorab entschiedener Chancenlosigkeit oder dem beliebten Kontrast zwischen „denen da oben und uns hier unten“ nicht nur Schattenrisse aufzuzeichnen. Das liegt vor allem daran, dass von Rudi Kleinschmidt trotz seiner offenkundigen Harmlosigkeit eine gewisse passiv subversive Art ausgeht, durch die sich Dr. Schramm in unbegründeter Panik herausgefordert sieht. Erst dessen eigenes deshalb veranlasstes Intrigenspiel (Verweis der Stadt, Abnahme der Straßenhändlerlizenz) veranlasst eine Eskalation der Situation – hier wird die Vergeltung des Unrechts also zuvorderst durch das schlechte Gewissen des zu Bestrafenden und nicht durch Rachegefühle des Geschädigten befördert.



    Auch wenn der Film heute noch immer mit seiner gesellschaftskritischen Aussage überzeugt, so erweisen sich gerade jene Elemente, auf die Produzent Kurt Ulrich wegen publikumsfördernder Wirkung drängte, als eher störend. Das Anpreisen gezinkter Kartenspiele oder fliegender Krawatten auf offener Straße steht mehr als einmal zu lang und zu laut im Mittelpunkt. Auch die von der Nebenhandlung zum zweiten Parallelstrang beförderte „Romanze unter umgekehrten Vorzeichen“, die sich zwischen Giller und Ingrid van Bergen entwickelt, hält das eigentliche Anliegen des Films unnötig auf und zeigt bieder-ulkige Tendenzen, die nicht auf dem Niveau des sonst so pointiert geschriebenen Klassikers spielen. Ganz anders die Szenen im Hause des Oberstaatsanwalts, die spannend geschrieben sind, weil über ihnen ein verbissen revanchistisch-autoritäres Flair liegt, das von der treuherzigen Camilla Spira immer wieder aufgebrochen wird, um sich dann in den wütenden Ausbrüchen des Familienoberhaupts immer wieder eruptiv zu erneuern. Gleichsam lässt sich das Ende des Films nicht ganz mit seiner pessimistischen Grunddisposition zum Thema Erneuerungswille der Institutionen in Übereinklang bringen und scheint mit der Flucht Martin Helds aus dem Gerichtsgebäude eher dem Wunsch nach einem politisch korrekten Schluss entsprungen zu sein, mit dem man das Publikum beruhigt nach Hause gehen lassen konnte. Es wäre konsequent, aber wohl gegenüber der Zuschauerschaft 1959 nicht zu vertreten gewesen, wenn Dr. Schramm durch Filz und Bleibewille den lauen Presseskandal und das Pro-forma-Disziplinarverfahren unbeschadet in Amt und Würden überstanden hätte. Wie sagte er noch: „Da muss schon sehr viel passieren, ehe einem Staatsanwalt etwas passiert.“

    Inszenatorisch ist „Rosen für den Staatsanwalt“ recht nüchtern gehalten; Staudte ging offenbar ganz im Inhalt auf und stellte die Form dahinter zurück. Als wichtig für die Sogwirkung des Films erweist sich allerdings die ausgesprochen atmosphärische „Rückblende“ in der Prätitelsequenz, die das Verfahren gegen Kleinschmidt vor dem NS-Kadi sowie die gescheiterte Hinrichtung zeigt. Eine modern-luftige Fotografie, die sich hier an den Errungenschaften des Wirtschaftswunders labt und dort bitterböse aufzeigt, wie diese teilweise durch Wegsehen und Kumpanei verdient werden, sowie ein cleverer Schnitt und die auf Fučíks „Einzug der Gladiatoren“ basierende Musikuntermalung sorgen für einen Fortbestand der ansprechenden Aufmachung, die jedoch nie selbstzweckhaft in den Vordergrund tritt.

    In seiner Prioritätensetzung nicht ganz ausgewogener, aber wichtiger und kritischer Nachkriegsfilm mit anhaltend fesselndem Zeitbezug. Martin Held brilliert am Rande des Overacting, Walter Giller überschreitet diese Grenze manchmal etwas unbedarft. Ihr Duell tragen die „Gladiatoren“ mit Waffen aus, die unterschiedlicher nicht sein könnten und den Kontrast zwischen alter und neuer Zeit vor Augen führen. 4 von 5 Punkten.

    PS: Ein ausführlicher Artikel zur Entstehung des Films kann in der Spiegel-Ausgabe 36/1959 unter dem Titel „Die Mörder sind über uns“ (S. 72/73) nachgelesen werden.

  • Edgar Wallace AusstrahlungenDatum01.09.2018 17:30
    Foren-Beitrag von Gubanov im Thema

  • Edgar Wallace AusstrahlungenDatum01.09.2018 16:44
    Foren-Beitrag von Gubanov im Thema

    Vielen Dank für die Erinnerung. Ich hatte dummerweise vergessen, die übrigen Termine hier zu veröffentlichen. Für nächste Woche kann festgehalten werden:

    06.09., 20:15 Uhr: Das Verrätertor
    06.09., 21:40 Uhr: Der Bucklige von Soho
    06.09., 23:10 Uhr: Das Verrätertor (Wdh.)
    [keine Wdh. "Der Bucklige von Soho"]

    Kann jemand der Vollständigkeit halber noch die genauen Termine vom 30.8. nachreichen?

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