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Dieses Thema hat 16 Antworten
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 Film- und Fernsehklassiker national
Seiten 1 | 2
Dr. Oberzohn Offline



Beiträge: 732

07.02.2026 17:22
Karl May - Reise ins Pulverfass Balkan Zitat · Antworten

Der Schut (1964)

Neben den Prärien und Gebirgen des Westens Nordamerikas war der sogenannte Orient der zweite große Handlungsort von Geschichten aus der Feder Karl Mays. Hier gibt es aus Brauners Filmwerkstatt drei auf Zelluloid gebannte Abenteuer, die sich mehr oder weniger lose an entsprechenden Buchtiteln orientieren.
Stets mit dabei ist wieder Lex Barker als Kara Ben Nemsi, bewaffnet mit Henrystutzen, Bärentöter und geübten Fäusten wie in den Ländern des roten Mannes. Daneben auch wieder Ralf Wolter als sein Gefährte Hadschi mit dem langen Namen. Der spleenige Lord Lindsay wird gespielt von Dieter Borsche, sein Butler Archie von Chris Howland. Ansonsten ist Marie Versini immer mit von der Partie, beim Schut in der Rolle der Tschita. Erwähnenswert ist natürlich noch der Schut, die erste und imposante Hauptrolle für Rik Battaglia. Und natürlich spielen noch etliche andere teils bekannte Akteure mit, auch viele aus dem ehemaligen Jugoslawien.
Der Schut ist neben Old Shatterhand mit knapp zwei Stunden der längste Karl-May-Film der sechziger Jahre, und mit Der Ölprinz hat er gemein, dass die negative Hauptfigur für den Titel steht.


Handlung:

Am Rande des großen Osmanischen Reiches, im Lande der Skipetaren, wie man früher die Bewohner Albaniens nannte, leben wüste Gesellen und es tut sich so einiges – kein Wunder, dass es alle möglichen Abenteurer dorthin zieht. Weil ihm der Westen nicht wild genug war, treibt sich die alte Schmetterhand nun im Orientalischen herum. Jetzt mit dem Synonym Kara Ben Nemsi. Damit er nicht ganz so alleine ist, findet sich praktischerweise ein Vetter vom alten Sam Hawkens in der weit entfernten Gegend an, der nicht nur genau so aussieht, sondern auch ähnlich mehr oder wenig Scherzhaftes von sich gibt und auch an einer gewissen Selbstüberschätzung leidet. Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawuhd al Gossarah heißt Karas treuer Begleiter, einen gleichwertigen auf allen Gebieten überlegenen Gefährten wie seinen Blutsbruder Winnetou jenseits des Großen Wassers gibt es hier für „Charley“ nicht. Jedenfalls stürzt sich Kara gleich in sein nächstes Abenteuer, denn das Unrecht ist wieder groß, und es schreit gerade nach einem blonden Helden aus Allemanistan, der mal ordentlich aufräumt. Auch in dieser unheimlichen Gegend trifft der Heroe wie im wilden Westen auf ulkige Engländer mit mehr als reichlich Geld und Tagesfreizeit im Gepäck. Diese Burschen suchen bekanntermaßen entweder seltene Schmetterlinge, aber auch mal verschollene biblische Artefakte oder schlicht und einfach schöne Abenteuer. Hier sind es gleich zwei Stück, der steinreiche Lord Lindsay zusammen mit seinem treuen Butler Archie, so verschroben wie nur vorstellbar. Die beiden Burschen eröffnen auch den Reigen, indem sie auf Marschall Titos Privatjacht einen eleganten Kaufmann empfangen. Nirwan handelt mit Teppichen, ein orientalischer Berufsstand, der häufig automatisch mit marktschreierischen Sonderangeboten und ganzjährigen Ausverkaufsgelegenheiten in Verbindung gebracht wird. Nirwan dagegen weiß eine Atmosphäre der Gediegenheit zu verbreiten, doch er bringt auch schlechte Kunde, der Franzose Galingré wurde von einem besonderen Finsterling der hiesigen Gegend entführt – dem „Schut“. Der so seiner Freiheit Beraubte ist ein Freund des Lords als auch besonders von Kara Ben Nemsi. Zusammen wollten alle zusehen, wie der neuerbaute Suezkanal sein erstes Wasser führen würde. Das wird nun nichts.
Kara und Halef bekommen Wind von der Sache und machen sich auf zur Befreiung des Franzosen, begleitet werden sie von Galingrés Frau Anette und dem rachsüchtigen Omar, der seine ebenfalls entführte Braut Tschita wieder aus den Klauen des Schut reißen will. Auf ihrem Weg stellen ihnen dessen Handlanger immer wieder Fallen. Selbstverständlich können diese jedes Mal überwunden werden. Wobei sich die Reihen der Schurken konstant lichten. Damit vergeht im Prinzip ein großer Teil der Handlung, ein Mörder namens Barud wird unschädlich gemacht, der zwielichtige heilige Mübarek als Schwindler entlarvt oder die beiden Aladschys besiegt, zwei irgendwie kindlich wirkende Raufbolde, die aber bärenstark und die gefürchtetsten Mordgesellen weit und breit sein sollen. Nebenbei wird noch ein amoklaufender Braunbär abgestochen und in einer Parallelhandlung werden Lord Lindsay und sein Diener vom Schut gefangengesetzt und befreien sich wieder auf britische Art und Weise.
Nun ist die Deckadresse des Schuts endlich bekannt. Es ist, oh Wunder, der Kaufmann Nirwan. Der Pate des Balkans sitzt wie die Spinne im Netz in seinem luxuriösen Anwesen in Rugova. Von hier aus dirigiert er seine Schergen, hier sind auch seine Gefangenen in Kellerverliesen eingesperrt und die junge Tschita hat er auch dorthin gebracht, um sie sich gefügig zu machen.
Unglücklicherweise ist die Korruption im Lande weit verbreitet, bei einem Versuch, die örtlichen Polizeikräfte zur Hilfe zu rufen, werden Kara und die Seinen von ebendiesen gefangengenommen und an den „Gelben“, den Schut, ausgeliefert. Aber Gottseidank kommt Halef, der noch in Freiheit ist, diesmal ein Geistesblitz…
Das Ende bietet nochmal einige Dramatik, Spannung und auch Wehmut, und der Recke aus dem viele Meilen entfernten Deutschland zieht wieder alleine nach Haus.


Bewertung:

Der so bezeichnete Orientzyklus wurde von May schon recht früh in den achtziger Jahren als Fortsetzung für eine Zeitschrift geschrieben und später nochmal auf Wunsch eines Verlegers überarbeitet in ein sechsbändiges Werk von Büchern gefügt. Viele Abenteuer erleben Kara Ben Nemsi und sein Diener und späterer Freund Halef, das Geschehen beginnt in Afrika und verlagert sich dann über Vorderasien in die Region von Südosteuropa. Der Schut als Großschurke tritt das erste Mal ab ungefähr der Hälfte des Gesamtwerks in Erscheinung, tatsächlich sind in den Film zahlreiche Handlungselemente der letzten drei Bände integriert. Der allerletzte Roman trägt dann auch den Titel Der Schut, als der Konflikt zu seinem Abschluss eskaliert.
Natürlich konnte man sich bei der Umsetzung auf die Leinwand nur auf einige signifikante und dazu vereinfachte Akzente der literarischen Abenteuer beschränken. Neben „realen“ Figuren treten auch hinzugedichtete auf, etwa Archie als Butler mit der zauberhaften Reisetasche oder auch die tatkräftige Ehefrau Galingrés. Tschita, die für so eine muslimische Gegend sehr selbstbewusste junge Braut des Mitstreiters Omar, tritt in einem anderen May-Epos auf, wenngleich auch dort der Orient eine Rolle spielt.
Ein großer Pluspunkt des Filmes ist mit Sicherheit die musikalische Untermalung durch die Kompositionen von Martin Böttcher. Weiterhin wurde ja auch wieder in Jugoslawien gedreht, also im Prinzip diesmal fast an Originalschauplätzen. Die Ausstattung und Staffagen werden häufig mal kritisiert, was ich jetzt nicht so nachvollziehen kann. Hätte eigentlich ein richtig guter Film sein können.

Leider gibt es halt auch Minuspunkte. Die zwei Stunden Laufzeit sind etwas gemächlich, allerdings ist das nicht unbedingt als nur schlecht anzusehen. Störend für mich sind die sehr schlecht geschnittenen Action-Einlagen. Einmal liegen Banditen vor einer gefährlichen Brücke im Hinterhalt, ein andermal oberhalb eines Floßes, mit dem die Gefährten friedlich einen Fluss entlangschippern. Eigentlich wirklich Todesfallen für die Helden, doch treffen die Bösewichter höchstens mal einen unbeteiligten Floßführer im geballten Beschuss ihrer Feinde. Dagegen picken sich die Kugeln von Kara Ben Nemsis Zaubergewehr höchst präzise ihre hinter allerlei Gestein in Deckung liegenden Ziele heraus. Und außerdem hat der mächtige Teutone noch genug mit der Rettung seiner in zusätzlicher Gefahr schwebenden Gefährten zu tun, ob nun einer an der halb abgestürzten Brücke hängt oder die Dame tief ins Wasser gefallen ist. Omar springt in einem Moment in den Fluss, im nächsten hat er die Felsen schon auf halber Höhe erklettert, und dann wieder schmeißt er den Boss der Angreiferbande nach unten in die ewige Verdammnis. Wie sind die Bedrohten nun eigentlich aus der Bredouille gekommen? Tja. Offenbar sind auch hier wieder besonders ungeschickte Übeltäter am Werk gewesen.
Besser gemacht ist schon die Befreiung Halefs aus der Gewalt der Schurken in ihrer Hütte. Natürlich sollte man hier und auch generell nicht zu viel Logik erwarten. Trotz der Dunkelheit findet Kara in der kargen Gegend Spuren, die ihn flinken Fußes direkt zum Zielort führen, er lockt die tölpelhaften Entführer mit einem simplen Trick hinaus und dann eins zwei drei, steht die Hütte plötzlich in Flammen. Aber es ist eine spannende und gut gemachte Szene.
Auch beim Schusstest mit dem Mübarek würde ich doch mal das eine oder andere starke Bedenken angeben, Karas „Kugelfestigkeit“ entspringt auch einer Menge Glück.
Das Gespann Lindsay/Archie ist halt auch speziell. Einerseits wirklich lustig, andererseits schon arg übertrieben. Lindsay muss durchaus ein harter Kerl sein, wenn er unbeschadet durch die Falltür ins Steinverlies rauscht. Der Ausbruch der zwei Engländer aus ihrem Kerker kann sicher auch zu einigem Kopfschütteln führen. Dass der tumbe Verräter an seinem Herrn auf so eine Geschichte mit dem vergrabenen Goldschatz hereinfällt, gibt zu denken. Warum regt Lindsay noch extra an, Hilfen herbeizuholen, die doch eine geplante Flucht der beiden noch schwieriger machen würden? Wie sollte der Fluchtplan überhaupt aussehen, denn den plötzlich auftauchenden gefräßigen Bären konnte man ja nicht vorhersehen. Wo hatten die Herren überhaupt den Honig her, der sie dann retten sollte? Und ja, der Bär, wieso hat der irgendwelches Geschirr am Hals, aus dem Zirkus ausgebrochen? Warum geht Kara auf Bärenjagd, lässt aber ausgerechnet seinen Bärentöter bei Halef, der ja doch nicht damit umgehen kann?
Nein, man sollte hier wirklich nicht alles genauer hinterfragen.

Wirklich witzig ist dagegen immer wieder der Namensvergleich von Halef und Archie, ein Höhepunkt des Films. Das Verhältnis von Kara zu seinem redseligen arabischen Begleiter ist nicht ungetrübt, er wirkt oft regelrecht grob zu ihm, weil der kleine Aufschneider eben ab und an auch gar zu sehr Unsinn verzapft. Doch es gibt auch hier lustige Szenen. Die Diskussion über die Vor- und Nachteile der Zivilisation ist schon putzig, doch will uns der Halef einreden, dass Steuern im Osmanischen Reich unbekannt sind? Täte ich mal stark anzweifeln.
Der Schut im Film ist ein großartiger und glaubhafter Oberschurke, Battaglia spielt den Part wirklich professionell. Problematisch finde ich jedoch die Struktur seines weitverzweigten Verliessystems, die Gefängniskammer unter seinem Haus führt dann direkt in die große Höhle mit den anderen Gefangenen. Trotzdem braucht die Kutsche mit der von dort entlaufenen Tschita doch eine größere Strecke, um wieder ins Hauptquartier des „Gelben“ zurückzukommen. Das ist irgendwie schluderig inszeniert.
Am Schluss wurde leider auch die Gelegenheit vertan, eine effektvolle Schießerei zu veranstalten, wie sonst eher üblich. Durfte Kara Ben Nemsi bisher auch körperliche Schwäche zeigen (er humpelt mit einem verletzten Bein lange Zeit durchs Bild) so lässt er sich von seinem Feind an einem Wagen eine weite Strecke am Boden entlangschleifen. Keine Schramme sieht man ihm an, keine Falte trübt seinen Anzug, als er dann erlöst ist, nein, sofort macht er sich an die Verfolgung seines Peinigers.
Das Ende ist sehr sentimental geraten, was nicht mal kritisch gemeint ist. Karas Lieblingshengst Rih fällt einer Kugel zum Opfer, der Held lässt sich hier sogar zu ein paar vergossenen Tränen hinreißen (später beim Hinscheiden seines roten Blutsbruders sollte er das nicht machen). Tierliebe ist schon eine eigene Sache. Und er zieht nach Halefs Verabschiedung wirklich sehr einsam von dannen, vielleicht in seiner Glaubwürdigkeit ein Hinweis auf den wahren Lex Barker?

Der Schut ist ein Streifen, der einen zwiespältigen Eindruck hinterlassen kann. Innerhalb der Orient-Trilogie sticht er meiner Ansicht nach klar heraus und behauptet auch in der ganzen Karl-May-Reihe seinen Platz. Trotzdem ist er nicht so der ganz große Wurf geworden. Ein bisschen weniger Klamauk, mehr logische Abläufe und sorgfältigere Schnitttechnik hätten den Film um Welten besser gemacht.

Fabi88 Offline



Beiträge: 4.131

09.02.2026 09:44
#2 RE: Karl May - Reise ins Pulverfass Balkan Zitat · Antworten

Eine treffende Kritik - "schluderig inszeniert" ist tatsächlich das Stichwort. Man merkt dem Film leider an, dass Robert Siodmak hier bereits 64 Jahre alt war und nur noch unregelmäßig Filme drehte - vor allem keine in dieser Größenordnung. Bereits bei "normalen" Szenen gibt es etliche Anschlussfehler und Holprigkeiten (die teils auch schlicht nicht einmal mehr mit "sorgfältigerer Schnitttechnik" zu retten gewesen wären), bei den Action-Szenen entgleitet ihm vieles dann leider komplett. Ob der eigentlich vorgesehene Jürgen Roland das besser im Griff gehabt hätte?
Dass die Produktionsumstände und Brauners bekannter Sparzwang nicht gerade halfen, ist aber auch klar. Beispielsweise nahm man für Nachdrehs im Berliner Studio dann einfach ein braunes Pferd als Rih.
Im Endeffekt ist der Film aber das, was er sein sollte - Familienunterhaltung mit opulenter Kulisse, allen wesentlichen Stars der Rialto-May-Reihe und recht kurzweilig.
Die Zuschauerzahlen gaben Brauner und Co Recht und an so etwas wie Wiederaufführungen, TV oder gar VHS, DVD, Blu-Ray oder Streaming dachte damals niemand, sonst hätte man vielleicht hier und da ein wenig mehr Sorgfalt walten lassen.
Die Logiklöcher stören mich bei dieser Art Film zum Beispiel gar nicht. Solange es zügig erzählt ist, man markanten Schauspielern zuschaut und es Schauwerte gibt, denke ich nicht mehr als nötig über die Handlung nach.

Savini Offline



Beiträge: 1.047

09.02.2026 15:18
#3 RE: Karl May - Reise ins Pulverfass Balkan Zitat · Antworten

Zitat von Dr. Oberzohn im Beitrag #1
Auch in dieser unheimlichen Gegend trifft der Heroe wie im wilden Westen auf ulkige Engländer mit mehr als reichlich Geld und Tagesfreizeit im Gepäck. Diese Burschen suchen bekanntermaßen entweder seltene Schmetterlinge, aber auch mal verschollene biblische Artefakte oder schlicht und einfach schöne Abenteuer. Hier sind es gleich zwei Stück, der steinreiche Lord Lindsay zusammen mit seinem treuen Butler Archie, so verschroben wie nur vorstellbar.

Innerhalb der Orient-Filme scheint man sich allerdings nicht naz entscheiden zu können, ob Lord (bzw. Sir David) Lindsay und Archie nun Engländer oder Schotten sind.
Zitat von Dr. Oberzohn im Beitrag #1
Zusammen wollten alle zusehen, wie der neuerbaute Suezkanal sein erstes Wasser führen würde.

Ebenso wie beim Azteken-Zweiteiler lassen sich der "Schut" und seine beiden Nachfolger (deren Handlung offenbar nur kurze Zeit danach spielt) damit auf ein konkretes Jahr datieren, in diesem Fall 1869. Einerseits bedeutet das, dass zumindest "Winnetou I" (und "Old Firehand" klar davor eingeordnet werden müssen; andererseits ist Lindsays Grammophon dadurch natürlich ein fetter Anachronismus.
Zitat von Dr. Oberzohn im Beitrag #1
Problematisch finde ich jedoch die Struktur seines weitverzweigten Verliessystems, die Gefängniskammer unter seinem Haus führt dann direkt in die große Höhle mit den anderen Gefangenen. Trotzdem braucht die Kutsche mit der von dort entlaufenen Tschita doch eine größere Strecke, um wieder ins Hauptquartier des „Gelben“ zurückzukommen.

Ob diese Gewölbe vom selben Architekt entworfen wurden wie die unterhalb des "Mekka" im "Gasthaus", was die Größe im Verhältnis zum Gebäude oberhalb und der umliegenden Umgebung angeht?
Zitat von Dr. Oberzohn im Beitrag #1
Trotzdem ist er nicht so der ganz große Wurf geworden. Ein bisschen weniger Klamauk, mehr logische Abläufe und sorgfältigere Schnitttechnik hätten den Film um Welten besser gemacht.

Ähnlich urteilt auch der Karl-May-Experte Michael Petzel in seinem "Filmbuch":„Einer der besten Karl-May-Filme, obwohl für heutigen Geschmack die komischen Elemente zu sehr überwiegen.“
Der schon öfter erwähnte Rezensent X, der Produktionen der CCC (auch jenseits von Karl May) gegenüber generell sehr kritisch eingestellt ist, lobt den "Schut" als einen der besten Karl-May-Filme.
Deutlich kritischer fällt dagegen der Tenor dieser Besprechung aus:https://www.ofdb.de/film/7525,23935,Der-Schut/review/

Savini Offline



Beiträge: 1.047

09.02.2026 15:27
#4 RE: Karl May - Reise ins Pulverfass Balkan Zitat · Antworten

Zitat von Fabi88 im Beitrag #2
Man merkt dem Film leider an, dass Robert Siodmak hier bereits 64 Jahre alt war und nur noch unregelmäßig Filme drehte - vor allem keine in dieser Größenordnung. Bereits bei "normalen" Szenen gibt es etliche Anschlussfehler und Holprigkeiten (die teils auch schlicht nicht einmal mehr mit "sorgfältigerer Schnitttechnik" zu retten gewesen wären), bei den Action-Szenen entgleitet ihm vieles dann leider komplett. Ob der eigentlich vorgesehene Jürgen Roland das besser im Griff gehabt hätte?
Dass die Produktionsumstände und Brauners bekannter Sparzwang nicht gerade halfen, ist aber auch klar.

So "unregelmäßig" war Siodmak zu dieser Zeit nicht unbedingt aktiv; bei IMDB ist von ihm bis 1965 meist mindestens ein Film pro Jahr verzeichnet:
https://www.imdb.com/de/name/nm0802563/
Die Schuld für Regiefehler etc. würde ich auch hier beim Sparzwang und Zeitdruck der CCC sehen, ähnlich wie beim Azteken-Zweiteiler.
Zitat von Fabi88 im Beitrag #2
Die Zuschauerzahlen gaben Brauner und Co Recht und an so etwas wie Wiederaufführungen, TV oder gar VHS, DVD, Blu-Ray oder Streaming dachte damals niemand, sonst hätte man vielleicht hier und da ein wenig mehr Sorgfalt walten lassen.

Zumindest Wiederaufführungen dürfte man damals aber schon fest einkalkuliert haben, gerade weil die anderen von dir aufgezählten Einnahmemöglichkeiten noch nicht zur Debatte standen und nicht vorstellbar waren.
Zitat von Fabi88 im Beitrag #2
Die Logiklöcher stören mich bei dieser Art Film zum Beispiel gar nicht. Solange es zügig erzählt ist, man markanten Schauspielern zuschaut und es Schauwerte gibt, denke ich nicht mehr als nötig über die Handlung nach.

Allerdings macht es auch immer wieder Spaß und kann für zusätzliches Vergnügen sorgen, gerade wenn man Filme mehrmals in Augenschein nimmt.

Dr. Oberzohn Offline



Beiträge: 732

09.02.2026 16:38
#5 RE: Karl May - Reise ins Pulverfass Balkan Zitat · Antworten

Zitat von Fabi88 im Beitrag #2
Die Logiklöcher stören mich bei dieser Art Film zum Beispiel gar nicht. Solange es zügig erzählt ist, man markanten Schauspielern zuschaut und es Schauwerte gibt, denke ich nicht mehr als nötig über die Handlung nach.

Ja, das braune Pferd zum Schluss ist auch so ein Ding. Ich muss sagen, dass mich diese ganzen extrem offensichtlichen Fehler schon als Kind mächtig gestört haben, obwohl ich da nun wesentlich unkritischer war.
Irgendwie lässt man sich ja auf die im Grunde gut gemachte Illusion des Filmes ein, und dann führen einen im Prinzip solche Schnitzer in die Wirklichkeit zurück...
Zitat von Savini im Beitrag #3
Ebenso wie beim Azteken-Zweiteiler lassen sich der "Schut" und seine beiden Nachfolger (deren Handlung offenbar nur kurze Zeit danach spielt) damit auf ein konkretes Jahr datieren, in diesem Fall 1869. Einerseits bedeutet das, dass zumindest "Winnetou I" (und "Old Firehand" klar davor eingeordnet werden müssen; andererseits ist Lindsays Grammophon dadurch natürlich ein fetter Anachronismus.

Ja, wohl wahr. Kann sich zu dem Teddy in Winnetou 2 gesellen. Wobei dort die gezeigte recht professionelle Ölproduktion in dem bezeichneten Gebiet der nördlichen-mittleren Staaten der USA auch schon geschichtlich gesehen recht dünnes Eis sein dürfte.
Generell denke ich mal, dass viele Waffen zu der Zeit, gerade im Orient bei den dort wohnenden Stämmen, noch Vorderlader waren, Halefs alter Prügel mit Sicherheit (und auch Shatterhands/Karas Bärentöter). Man sieht sie aber nie beim Nachladen von vorne Kugeln stopfen, wenn überhaupt, hantieren sie mit Patronen herum. Die in der Form von Metallhülsen auch noch recht selten waren. Das findet man aber häufig in Filmen.

Savini Offline



Beiträge: 1.047

10.02.2026 13:35
#6 RE: Karl May - Reise ins Pulverfass Balkan Zitat · Antworten

Zitat von Dr. Oberzohn im Beitrag #5
Generell denke ich mal, dass viele Waffen zu der Zeit, gerade im Orient bei den dort wohnenden Stämmen, noch Vorderlader waren, Halefs alter Prügel mit Sicherheit (und auch Shatterhands/Karas Bärentöter). Man sieht sie aber nie beim Nachladen von vorne Kugeln stopfen, wenn überhaupt, hantieren sie mit Patronen herum. Die in der Form von Metallhülsen auch noch recht selten waren. Das findet man aber häufig in Filmen.

Generell sind Waffen (besonders Schusswaffen) im Film ein Klassiker, was Anachronismen angeht. Ebenso wie bei (im 20. Jahrhundert spielenden Filmen) der Gebrauch bestimmter Autotypen, deren Baujahr oft nicht dem der Filmhandlung entspricht. Oder speziell bei den Darstellerinnen oft eine Frisur, die nicht in die dargestellte Epoche passt.

Fabi88 Offline



Beiträge: 4.131

11.02.2026 10:48
#7 RE: Karl May - Reise ins Pulverfass Balkan Zitat · Antworten

Zitat von Savini im Beitrag #4
Zitat von Fabi88 im Beitrag #2
Die Zuschauerzahlen gaben Brauner und Co Recht und an so etwas wie Wiederaufführungen, TV oder gar VHS, DVD, Blu-Ray oder Streaming dachte damals niemand, sonst hätte man vielleicht hier und da ein wenig mehr Sorgfalt walten lassen.

Zumindest Wiederaufführungen dürfte man damals aber schon fest einkalkuliert haben, gerade weil die anderen von dir aufgezählten Einnahmemöglichkeiten noch nicht zur Debatte standen und nicht vorstellbar waren.

Es gab damals Nachspielkinos oder Zweitverwertungen in Bahnhofskinos und Co, wo bestehende Kopien für verschwindend geringe Eintrittspreise kaputt genudelt wurden.
Aber wirkliche Wiederaufführungen im Sinne von relativ flächendeckenden Großeinsätzen mit neu gezogenen Kopien, teilweise neu erstelltem Werbematerial und Co waren längst nicht Gang und Gäbe.
Bei den Rialto Karl May-Filmen startete man ja 1971 - 3 Jahre nach "Im Tal der Toten" als letztem neuen May-Film im Kino - eine Wiederaufführungswelle. In diesem Zuge kam dann auch "Der Schut" noch einmal zu einer Wiederaufführung - aber erst 1977 und wohl (erneut) nur als Reaktion auf Rialtos Erfolge. Das dürfte bei der Produktion 1964 also noch nicht Teil der Kalkulation gewesen sein.
Kinofilme wurden bis in die 70er so kalkuliert, dass sie ihre Kosten bei der Erstauswertung an der Kinokasse einspielen konnten, bzw. dort Gewinne machten. Für die Produzenten von Filmen der 50er und 60er Jahre waren/sind Wiederaufführungen, TV-Auswertungen und Super8, später VHS, Laserdisc und Co Bonus. Zumal zumindest bei TV und Heimkino ja wiederum Kosten für die Erstellung neuer Master anfielen/anfallen. Die Kosten für Werbematerial und neue Kopien trugen ja in der Regel (zum Großteil) die Verleiher.
Phänomene wie "Der weiße Hai" der in den Jahrzehnten nach seiner Erstaufführung 1975 weiterhin ständig in Programmkinos, Filmreihen und Co lief oder "Blade Runner", der im Kino floppte und erst im Zuge der VHS-Veröffentlichungen sowie des späteren Director's Cuts zum Kultfilm wurde (und jede Menge Geld einspielte) gab es erst später.

Savini Offline



Beiträge: 1.047

11.02.2026 14:46
#8 RE: Karl May - Reise ins Pulverfass Balkan Zitat · Antworten

Danke für diesen genaueren Einblick in die Wiederaufführungspraxis!

Fabi88 Offline



Beiträge: 4.131

12.02.2026 10:01
#9 RE: Karl May - Reise ins Pulverfass Balkan Zitat · Antworten

"Der Schut" ist in sofern auch ein spannendes Projekt, weil er mit über 3 Millionen Besuchern nachwies, dass Karl May im Kino auch ohne Winnetou funktioniert. Brauner machte ja direkt Nägeln mit Köpfen und ließ nicht nur Siodmak mit "Der Schatz der Azteken" und "Die Pyramide des Sonnengottes" direkt einen Zweiteiler in einem wiederum neuen Karl May-Setting drehen, sondern beauftragte auch Franz-Josef Gottlieb mit zwei Orient-Fortsetzungen.
Da auch die Rialto selbst zu dieser Zeit noch etwa zwei-drei Karl May-Filme im Jahr in die Kinos brachte, gab es definitiv schon ein Überangebot an Karl May-Filmen. Dazu kamen ja auch noch die Wolf C. Hartwig-Western "Die Goldsucher von Arkansas" und "Die schwarzen Adler von Santa Fe" sowie andere Epigone und nicht zuletzt begann ja auch die Welle der Italo-Western mit Leones "Für eine handvoll Dollar".
Ich überlege manchmal, was gewesen wäre, wenn es Brauners May-Filme nicht gegeben hätte und sich die Rialto auf einen Karl May-Film im Jahr beschränkt hätte. Vielleicht wäre selbst parallel zu den Italo-Western eine lang laufende Winnetou-Reihe möglich gewesen? So hat man sein Pulver quasi aus allen Rohren innerhalb von knapp fünf Jahren verschossen.

Savini Offline



Beiträge: 1.047

12.02.2026 14:13
#10 RE: Karl May - Reise ins Pulverfass Balkan Zitat · Antworten

Zitat von Fabi88 im Beitrag #9
Brauner machte ja direkt Nägeln mit Köpfen und ließ nicht nur Siodmak mit "Der Schatz der Azteken" und "Die Pyramide des Sonnengottes" direkt einen Zweiteiler in einem wiederum neuen Karl May-Setting drehen, sondern beauftragte auch Franz-Josef Gottlieb mit zwei Orient-Fortsetzungen.

Die Frage wäre, ob man bereits beim Dreh des "Schuts" konkrete Pläne zu weiteren Orient-Abenteuern hatte oder sich erst nach dem Erfolg des Film dafür entschied. Immerhin wählte man gleich den Abschluss des Zyklus´als Vorlage und das Ende ist so inszeniert, dass man nicht unbedingt mit einer Fortsetzung rechnet.
Zitat von Fabi88 im Beitrag #9
Ich überlege manchmal, was gewesen wäre, wenn es Brauners May-Filme nicht gegeben hätte und sich die Rialto auf einen Karl May-Film im Jahr beschränkt hätte. Vielleicht wäre selbst parallel zu den Italo-Western eine lang laufende Winnetou-Reihe möglich gewesen? So hat man sein Pulver quasi aus allen Rohren innerhalb von knapp fünf Jahren verschossen.

So wie wir sie kennen, konnte die Reihe der Rialto eigentlich nur bis maximal 1965 existieren, da sich die Kinolandschaft danach zu rapide änderte. Beim "Halbblut" und noch stärker bei "Old Firehand" machte man ja Versuche, sich an die veränderte Situation anzupassen, indem es "härter" zuging - was speziell beim zweiten Film vom Publikum quittiert wurde und dazu führte, dass die Rialto die Serie einstellte; aufgrund der immensen Kosten durch Dreharbeiten in Jugoslawien und Besetzungen aus diversen Ländern wären weitere Flops ein zu großes Risiko gewesen.
Als Brauner ein paar Jahre später das "Tal der Toten" herausbrachte, dürfte dieser Film schon reichlich anachronistisch gewirkt haben.
Hätte man es ab 1962 tatsächlich bei einem Film pro Jahr belassen, wäre es wohl beim "Silbersee" und der "Winnetou"-Trilogie geblieben. Aber zumindest anfangs war die Begeisterung des Publikums einfach zu groß, um diese Kuh nicht erstmal weiter zu melken.

Savini Offline



Beiträge: 1.047

12.02.2026 15:07
#11 RE: Karl May - Reise ins Pulverfass Balkan Zitat · Antworten

Nun habe ich mir den Film mal wieder gegeben und hätte ein paar Anmerkungen zu den Anmerkungen:

Zitat von Dr. Oberzohn im Beitrag #1
die beiden Aladschys besiegt, zwei irgendwie kindlich wirkende Raufbolde, die aber bärenstark und die gefürchtetsten Mordgesellen weit und breit sein sollen.

Beim Sehen fragt man angesichts der offensichtlichen Blödheit der beiden, wie sie bloß zum Schrecken für die ganze Gegen werden konnten. So dämlich, wie sie sich verhalten, müsste es doch eigentlich ein Leichtes sein, sie in eine Falle zu locken, trotz ihrer physischen Stärke.
Zitat von Dr. Oberzohn im Beitrag #1
Aber Gottseidank kommt Halef, der noch in Freiheit ist, diesmal ein Geistesblitz…

Immerhin erfreulich, dass die Rettung im Grunde durch ihn und nicht allein durch Karas Stärke ermöglicht wird! Ebenfalls eine erfreuliche Abwechslung ist, dass Lord Lindsay und Archie sich zumindest einmal selbst befreien können, wobei ihnen natürlich sowohl Glück als auch die Dummheit ihres Bewachers zugute kommen.
Zitat von Dr. Oberzohn im Beitrag #1
Neben „realen“ Figuren treten auch hinzugedichtete auf, etwa Archie als Butler mit der zauberhaften Reisetasche oder auch die tatkräftige Ehefrau Galingrés. Tschita, die für so eine muslimische Gegend sehr selbstbewusste junge Braut des Mitstreiters Omar, tritt in einem anderen May-Epos auf, wenngleich auch dort der Orient eine Rolle spielt.

Gerade Galingrés Frau wirkt innerhalb der Karl-May-Verfilmungen untypisch, da sie weder das "love interest" einer der Heldenfiguren ist noch von jemandem beschützt/gerettet werden muss, sondern sich umgekehrt freiwillig an der Rettung ihres Mannes beteiligt. Auch Tschita kann sich in manchen Situationen durchaus ihrer Haut wären; natürlich nicht so weit, um sich selbst zu befreien (dann bräuchte man ja keine Helden mehr zu ihrer Rettung), aber sie ist eben auch keine reine "damsel in distress".
Zitat von Dr. Oberzohn im Beitrag #1
Besser gemacht ist schon die Befreiung Halefs aus der Gewalt der Schurken in ihrer Hütte. Natürlich sollte man hier und auch generell nicht zu viel Logik erwarten. Trotz der Dunkelheit findet Kara in der kargen Gegend Spuren, die ihn flinken Fußes direkt zum Zielort führen, er lockt die tölpelhaften Entführer mit einem simplen Trick hinaus und dann eins zwei drei, steht die Hütte plötzlich in Flammen. Aber es ist eine spannende und gut gemachte Szene.

Leider reißt mich hier das Phänomen der "amerikanischen Nacht" ziemlich heraus: Die Szenen (ein kleiner Handlungsstrang von mehreren Minuten) soll mitten in der Nacht spielen, wurde aber offensichtlich tagsüber gedreht und EXTREM schlecht gedimmt. Von einem so erfahrenen Regisseur wie Siodmak sollte man eigentlich Besseres erwarten können.
Zitat von Dr. Oberzohn im Beitrag #1
Auch beim Schusstest mit dem Mübarek würde ich doch mal das eine oder andere starke Bedenken angeben, Karas „Kugelfestigkeit“ entspringt auch einer Menge Glück.

Sollte er eventuell über hellseherische Fähigkeiten verfügen? Oder wie konnte er sonst die Möglichkeit ausschließen, dass der Mübarek nicht einfach einen zweiten Schuss mit der "echten" Kugel auf Kara (oder Halef) abfeuert?
Zitat von Dr. Oberzohn im Beitrag #1
Lindsay muss durchaus ein harter Kerl sein, wenn er unbeschadet durch die Falltür ins Steinverlies rauscht.

Ähnlich robust sollten ja ein Jahr später auch der Inspektor und sein Assistent im "unheimlichen Mönch" sein.
Zitat von Dr. Oberzohn im Beitrag #1
Wie sollte der Fluchtplan überhaupt aussehen, denn den plötzlich auftauchenden gefräßigen Bären konnte man ja nicht vorhersehen. Wo hatten die Herren überhaupt den Honig her, der sie dann retten sollte?

Vielleicht war der Plan ursprünglich, den Bewachern im passenden Augenblick eins über den Schädel zu geben? Was den Honig angeht: Wer weiß, was Archie noch so alles aus seiner Tasche herausholen könnte ...
Zitat von Dr. Oberzohn im Beitrag #1
Und ja, der Bär, wieso hat der irgendwelches Geschirr am Hals, aus dem Zirkus ausgebrochen?

Um ein Wildtier scheint es sich nicht zu handeln, da in einer Szene ja ein Halter erzählt, dass ihm der Bär entlaufen sei. Ob der Mann zu einem Wanderzirkus gehört oder ein Schausteller ist, wird aber nicht erklärt.
Zitat von Dr. Oberzohn im Beitrag #1
Warum geht Kara auf Bärenjagd, lässt aber ausgerechnet seinen Bärentöter bei Halef, der ja doch nicht damit umgehen kann?

Er weiß eben, dass er nur seine bloßen Hände und ein Messer braucht, um mit einem solchen Tier fertigzuwerden. Normale Sterbliche wie Halef können dann das Gewehr behalten, um sich sicherer zu fühlen.
Falls diese Episode im Orient-Zyklus nicht vorkommen sollte, hätte Drehbuchautor Marischka hier eine Szene aus dem Roman "Winnetou I" geschickt eingefügt: Dort gibt es ja eine Stelle, in der Old Shatterhand einen wütenden Bären mit einem Messer erledigt, worauf später ein Aufschneider behauptet, das Tier erschossen zu haben, bevor er als Hochstapler enttarnt wird.
Zitat von Dr. Oberzohn im Beitrag #1
Das Verhältnis von Kara zu seinem redseligen arabischen Begleiter ist nicht ungetrübt, er wirkt oft regelrecht grob zu ihm, weil der kleine Aufschneider eben ab und an auch gar zu sehr Unsinn verzapft. Doch es gibt auch hier lustige Szenen.

Die Interaktion zwischen Herr udn Diener steht in einem auffallenden Kontrast zu Karas Umgang mit seinem Hengst, der jedes seiner Worte zu verstehen und Halef in dieser Hinsicht überlegen zu sein scheint.
Zitat von Dr. Oberzohn im Beitrag #1
Der Schut im Film ist ein großartiger und glaubhafter Oberschurke, Battaglia spielt den Part wirklich professionell.

Man könnte sich allerdings auch fragen, wie er es zu so viel Macht und Reichtum bringen und seine Identität so lange geheim halten konnte, obwohl seine Bande offenbar (bis auf El Bascha) überwiegend aus Dummköpfen oder miserablen Schützen besteht.
Zitat von Dr. Oberzohn im Beitrag #1
Durfte Kara Ben Nemsi bisher auch körperliche Schwäche zeigen (er humpelt mit einem verletzten Bein lange Zeit durchs Bild)

Daneben scheint sogar er kurz an die Grenze seiner Superkräfte zu gelangen, als er allein (!) die Aladschy-Brüder (immerhin zwei große und bullige Kerle) an einem Seil emporzieht.
Ungewöhnlich erscheint mir, dass er kurz vor dem Finale einen Fluchtversuch unternimmt, der zwar heroisch wirkt, aber sofort kläglich scheitert.

Dr. Oberzohn Offline



Beiträge: 732

19.02.2026 11:34
#12 RE: Karl May - Reise ins Pulverfass Balkan Zitat · Antworten

Durchs wilde Kurdistan (1965)

Handlung:

Kara Ben Nemsi macht nochmal kurz Zwischenstopp beim Padischah, dem großen und gütigen Herrscher aller Rechtgläubigen in diesem Teil der Welt. Er bekommt viel Lob für seinen Sieg über den bösen Schut und gleich mit eine wohlgeformte Tänzerin als zusätzliches Reisegepäck zugeteilt. Kara, der feinfühlige Diplomat, verschiebt die Mitnahme seines delikaten Präsents auf den nächsten Besuch, doch eine andere Schöne in Gestalt von Ingdscha, der Tochter eines Chaldäerführers, bekundet ebenfalls Interesse am hübschen blonden Mannsbild. Aber der begibt sich erst mal weiter alleine durchs Wüstenland zu seinem Freund Halef, bevor es endgültig zurück in die alte Heimat gehen soll. Leider hat sich gerade Schlimmes ereignet. Ahmet el Corda, der Sohn des Scheichs von Halefs Stamm der Haddhedin und altem Freund von Kara, wurde bei einer Auseinandersetzung um eine Wasserstelle vom türkischen Machredsch von Mossul gefangengenommen und soll bald hingerichtet werden. Da muss der große Allemanne eben seine Heimfahrt nochmal verschieben und sich ins nächste Abenteuer stürzen. Mit einem Sohn seines erschossenen Hengstes Rih unter dem Hintern und seinem Kumpel Halef an der Seite geht es los. Mohammed Emin, der Vater Ahmets, kommt mit.
Sie begegnen recht ungeschickten Jesiden, die sie unbegreiflich mühelos übertölpeln können, und nochmal taucht ein alter Freund vom Kara auf, der Chef des Stammes. Man erfährt, dass auch der im Clinch mit dem ungehobelten Machredsch liegen. Dieser will ungesetzlicherweise viel zu viel Steuern für die eigene Tasche abpressen und bei erfolgter Verweigerung am besten den ganzen Stamm mit Kanonen zusammenschießen. Glücklicherweise platzen die beiden ulkigen Briten Lord Lindsay und Butler Archie in die Vorbereitungen, werden gefangengenommen, versuchen sich zu befreien und können immerhin ungewollt Kara und die Seinen vorm bevorstehenden Angriff warnen. Die Kanonen wechseln bei einem Überfall die Besitzer, und der eigentliche Angriff des Machredschs gerät unter Kara Ben Nemsis weiser und tapferer Führung zum Fiasko für die Türken. Wutschnaubend zieht der Machredsch von dannen und lässt sich von seinem fiesen Mitstreiter Durek überreden, lieber nicht zum Padischah zurückzukehren und fürderhin von inoffiziellem Raub und Mord zu leben. Da wird erst mal wieder eine Reisegesellschaft überfallen, die Engländer werden wieder mal überwältigt und tun sich mit Ingdscha und ihrer Dienerin zusammen, die zufällig auch grade alle vorbeikamen… usw. Die Abfolge von Gefangennahmen, Befreiungen, Überfällen und Wiedergefangennahmen ist schon beachtlich, einen roten Faden hierbei im Gedächtnis zu behalten gar nicht so einfach. Jedenfalls treffen die drei hauptsächlichen Helden irgendwann in Borusco ein, wo el Corda im berüchtigten Gefängnis sitzt und auf seine Hinrichtung wartet. Kara schleicht sich in das Vertrauen des von Werner Peters drollig gespielten Mütesselins ein, so eine Art örtlicher Polizeipräfekt. Der Bursche scheint sich nicht alle Weisungen des Propheten zu Herzen zu nehmen, seine maßlose Trunksucht aber ermöglicht es den Verschwörern, Zugang zu Ahmet zu finden und ihn letztlich auch buchstäblich schon mit dem Strick um den Hals aus den Klauen der Türken zu befreien. Die sich auch hier wieder unglaublich dämlich anstellen, wie konnten die wohl ein so großes Reich erobern, wenn sie sich von nur drei beherzten Burschen ihren wichtigen Gefangenen vom Schafott weg entführen lassen?
Ach ja, vorher mussten auch Mohammed, Halef und ihr Anführer nochmal kurz eine Falle des abtrünnigen Machredsch überstehen, ein Wirrwar, das nun nicht besser wird, denn nach ihrer Flucht zu den Chaldäern werden sie auch hier auf perfides Betreiben des abgesetzten Machredsch gefangengesetzt, vor Gericht gestellt und blicken schon wieder auf die Henkerschlingen eines Galgens. Gottseidank kommt nun wieder im letzten Moment die smarte Ingdscha angeritten, die sich auch zusammen mit Dienerin, Lord und Butler aus einer x-ten Gefangenschaft befreit hatte. Der Machredsch ist nun selber in der Klemme und wird von Kara bei einem wilden Faustkampf einen Felsen hinuntergeworfen. Ob das nun das Ende ist?


Bewertung:

Der Orient will den guten Kara Ben Nemsi einfach nicht gehen lassen. Anders ist es wohl nicht zu erklären, dass sich kaum nach Erledigung des superschurkischen Schut schon wieder ein neuer Übeltäter findet, der es im Laufe der Zeit durchaus schaffen kann, in die Fußstapfen des „Gelben“ treten zu können. Die beiden Antipoden Kara Ben Nemsi und Machredsch von Mossul treffen denn ein erstes Mal aufeinander, es steht fest, das Großosmanische Reich ist zu klein für alle beide. Hinterhältigerweise kann sich der Bösewicht diesmal lange Zeit noch auf seine Uniform eines hochrangigen Befehlshabers der türkischen Armee berufen, um seine Ziele zu erreichen. (Der Jugoslawe Djordje Nenadović mit dem vornehmer klingenden Pseudonym George Heston gibt einen ganz passabel auftretenden Hauptgegner ab). Kara Ben Nemsi versucht es erst mal mit so einer Art Schadensbegrenzung, nachdem man in einem doch ziemlich brutalen Massaker einen Teil der Soldaten des macht- und geldgierigen Offiziers hingemetzelt hatte. Natürlich vergeblich, der schlechte Kerl wird jetzt auch noch von Rachsucht angetrieben und versucht immer wieder, seinen Feinden eins auszuwischen. Damit vergeht eigentlich, wie schon weiter oben beschrieben, die Handlung des Films. Gefangennehmen, Befreien, Freunde treffen, ein paar Menschen umbringen, … dann alles wieder von vorne. Der eigentliche Zweck von Karas Mission wird zwischendurch auch noch abgehandelt und Ahmed el Corda befreit, bald darauf muss dessen Erzeuger bei einem Überfall ins Gras (oder besser Sand) beißen, so dass wieder ein Trio unterwegs ist.
Die Tölpelhaftigkeit vieler gegnerischer Krieger und Soldaten ist wirklich auffällig. Und der britannische Lord mit seinem Getreuen ist wieder unterwegs und sorgt für einige Lacher. Der liebe Herrgott scheint die beiden Faxenmacher auch besonders zu lieben, so oft, wie sie allerlei Überfälle und Gefangennahmen ohne einen Kratzer überleben. Und immer die rechte Haltung bewahren. Diesmal allerdings hat man es doch zu weit getrieben. Das anachronistische Grammophon im Gepäck wurde ja schon mal weiter oben im Threat erwähnt, ebenso das anfängliche Auftreten der beiden Helden im Schottenrock, wobei sie doch stets als „Engländer“ bezeichnet werden. Darüber kann man sicher getrost wegsehen. Aber die Mary-Poppins-Zaubertasche, die die beiden mit sich führen, ist ein gutes Beispiel dafür, wie man einen eigentlich gelungenen Running Gag totreiten kann. Natürlich weiß jeder, dass nicht alles in die Tasche passen kann, was da so im Laufe der Zeit herausgeholt wird, doch in einem verträglichen Rahmen sorgt so ein harmloser Nonsens eben doch für ein paar wohlwollende Schmunzler. Wenn aber dann ein kompletter Heißluftballon einschließlich Gondel, Sandsäcken und sonstigem Zubehör ausgepackt wird, ist das einfach nur kompletter Blödsinn. Mit einem Blasebalg wird dann schnell noch das ganze Ding aufgepustet, los geht’s… Hätte man sich nun wirklich schenken können, die sehr billig wirkenden Trickaufnahmen machen den Quatsch auch nicht besser.
Positiv dagegen ist hier das Zusammenspiel zwischen Barker und Ralf Wolter als „Siddhi“ und „Beschützer“. Die Stimmung zwischen beiden ist nicht so gereizt wie beim Schut, sondern viel harmonischer, Kara ist einiges gelassener, und Halef macht nicht ganz so viel Unsinn. Dessen hochgewachsene Frau Hanneh und eine ausgelassene Kinderschar kann man anfangs auch bestaunen, es gibt noch ein Leben für den Wüstensohn abseits seines bewunderten Freundes. Apropos „Wüstensohn“, eigentlich stammt der literarische Halef ja aus Afrika, trotzdem ist er dann schnell im weit entfernten Kurdistan, irgendwie seltsam.
Die Ingdscha, die den Shatterhand-Kara-Kämpfer mit einem schnellen Ritt vor der Hinrichtung bei ihren eigenen Leuten bewahren will, dürfte für die Schauspielerin Marie Versini ein Deja-vu-Erlebnis aus einer ähnlichen Szene beim ersten Winnetou-Teil sein.
Rosenbergers Filmmusik ist auch so was, was man unter „Geschmackssache“ verbuchen kann. Dass in Spanien gedreht wurde, kommt der Authentizität der Landschaft durchaus zupass.
Der Film an sich ist ganz unterhaltsam, aber meiner Ansicht nach kein Vergleich zu den meisten Winnetou-Streifen.

Savini Offline



Beiträge: 1.047

19.02.2026 14:15
#13 RE: Karl May - Reise ins Pulverfass Balkan Zitat · Antworten

Und wieder eine schöne Besprechung eines schön trashigen Films!

Zitat von Dr. Oberzohn im Beitrag #12
und nochmal taucht ein alter Freund vom Kara auf, der Chef des Stammes

Beeindruckend, wie viele Freunde er selbst in den entlegensten Gegenden zu haben scheint!
Zitat von Dr. Oberzohn im Beitrag #12
Die Abfolge von Gefangennahmen, Befreiungen, Überfällen und Wiedergefangennahmen ist schon beachtlich, einen roten Faden hierbei im Gedächtnis zu behalten gar nicht so einfach.

Aber wenn das (und das heimliche Belauschen von Plänen nicht echt "Karl May" ist - was dann?
Zitat von Dr. Oberzohn im Beitrag #12
Der Bursche scheint sich nicht alle Weisungen des Propheten zu Herzen zu nehmen, seine maßlose Trunksucht

Er scheint über eine immens wichtige Position zu verfügen und dieser auch sehr sicher zu sein, da er nicht einmal versucht, seinen Alkoholismus vor irgendjemandem zu verheimlichen!
Zitat von Dr. Oberzohn im Beitrag #12
Die sich auch hier wieder unglaublich dämlich anstellen, wie konnten die wohl ein so großes Reich erobern, wenn sie sich von nur drei beherzten Burschen ihren wichtigen Gefangenen vom Schafott weg entführen lassen?

Gleiches könnte man sich z. B. auch über die Franzosen im Azteken-Zweiteiler fragen; oder in Bezug auf die trotz ihrer Dämlichkeit so gefürchteten Aladschy-Brüder im "Schut" (siehe einen früheren Beitrag).
Zitat von Dr. Oberzohn im Beitrag #12
das anfängliche Auftreten der beiden Helden im Schottenrock, wobei sie doch stets als „Engländer“ bezeichnet werden

Abgesehen vielleicht von Halef im "Schut", der Archie an einer Stelle als "Sohn eines geizigen Schotten" bezeichnet. Aber auch hier scheint man sich nicht entscheiden zu können, ob Lindsay ein "Lord" oder "Sir" ist; selbst wenn er über beide Adelstitel verfügen sollte, wäre es sicher anstößig, ihn mit dem niedrigeren anzusprechen.
Zitat von Dr. Oberzohn im Beitrag #12
Hätte man sich nun wirklich schenken können, die sehr billig wirkenden Trickaufnahmen machen den Quatsch auch nicht besser.

Hier merkt man wieder deutlich, dass man sich in einem Film der CCC befindet! Bekanntlich wurden die Szenen mit dem Ballon auf dem Teufelsberg in Berlin gedreht.
Zitat von Dr. Oberzohn im Beitrag #12
Rosenbergers Filmmusik ist auch so was, was man unter „Geschmackssache“ verbuchen kann.

Ähnlich wie BEI Ortolanis Kompositionen zu "Old Shatterhand" würde man auch hier vom bloßen Hören wohl nie darauf kommen, dass diese zu einem Karl-May-Film gehört.
Zitat von Dr. Oberzohn im Beitrag #12
Der Film an sich ist ganz unterhaltsam, aber meiner Ansicht nach kein Vergleich zu den meisten Winnetou-Streifen.

Aber dafür eignet er sich bestens zur Unterhaltung an einem verregneten Wochenende, wenn man nichts Besseres vorhat (so wie neulich in meinem Fall).
Nachzutragen wäre vielleicht noch, dass der Film immerhin auf Feindseligkeiten unter den verschiedenen Ethnien des osmanischen Reiches eingeht.
Das Thema Romantik kommt speziell im Vergleich zu den ersten beiden "Winnetou"-Teilen sehr kurz, was aber kein Nachteil ist.

Mal sehen, wie die Besprechung des Nachfolgers ausfallen wird!

Dr. Oberzohn Offline



Beiträge: 732

20.02.2026 19:45
#14 RE: Karl May - Reise ins Pulverfass Balkan Zitat · Antworten

Im Reiche des silbernen Löwen (1965)

Handlung:

Teufel noch Mal, da hatte man doch gedacht, dass die rabenschwarze Seele des Machredschs von Mossul nach seinem tiefen Fall jetzt in der untersten Etage der Dschehenna schmachten muss. Dabei hat der Finsterling glatt und unbeschadet überlebt. Nur mit den genreüblichen Gummiknochen ist das alles nicht zu erklären, die anderen Organe müssen auch eine immense Verschleißfestigkeit aufzuweisen gehabt haben.
Leider hat der Himmelssturz nicht wie bei anderen Betroffenen wie etwa Gandalf oder James Bond zu einer geistigen Neuorientierung oder gar Läuterung geführt, nein, der Machredsch bleibt weiter durch und durch böse und meuchelt erst mal zwei arglose Reisende, die gerade vorbeikommen. Mit deren Sachen macht er sich auf zu neuen Untaten.
Von all dem wissen die Chaldäer noch nichts, die zu Ehren Kara Ben Nemsis und ihren Gästen und nach all den bestandenen Gefahren des Vorgängerfilms ein großes Fest geben. Hier ist erst mal heftige Menschelei angesagt. Die schöne Ingdscha klimpert beim Tanze ihren Reisegefährten Ahmet el Corda mit ihren Schmachtaugen an, dass es nur so knistert, Kara Ben Nemsi kommt ihr wohl doch etwas zu platonisch vor. Lord Lindsay möchte unbedingt die Geheimnisse des Orients in Gestalt der bezaubernden Dienerin Brenda in aller Tiefe ergründen - ausgelassene Fröhlichkeit allüberall. Mittenhinein platzt allerdings leider ein Kundschafter des Stammes mit schlechter Kunde. Er hat den Räuber Abu Seif und einen vorläufig noch Unbekannten belauscht, die ausgerechnet jetzt den Schatz der christlichen Chaldäer aus dem Berg Nedjir klauen wollen. Und die Leiche des Machredsch‘ ist immer noch nicht gefunden – Kara schwant auch hier Übles.
Ein neues Abenteuer mit viel Gefangennehmen, Befreien, Kämpfen, Pläne schmieden kann beginnen.

Bald wird nun zur Gewissheit, dass der Totgeglaubte noch weiterhin sein irdisches Dasein fristet und sich mit dem „Herrn des Säbels“, Abu Seif, verbündet hat. Kara, Halef, Ahmet und Ingdscha werden auf ihrem Weg zur Chaldäerfestung bald auch von Abu Seif in eine Herberge gelockt, überfallen und die junge Prinzessin wird entführt. Die restlichen Gefährten machen sich auf zur Durchquerung einer Salzwüste, auch hier lauern ihnen die Schurken unter Führung des Machredsch auf. Nach einem Schusswechsel ziehen die Angreifer in der Sonnenglut wieder ab, die anderen werden dem Verschmachten überlassen, wie sie glauben. Nicht nur wurde Ahmet verwundet, auch der Führer ist tot, doch der treue Schäferhund Dorjan, der Kara schon die ganze Zeit begleitet, versucht nun, die Zurückgelassenen aus der Todesfalle herauszuführen. Dieser Teil der Erzählung ist meiner Ansicht nach am besten geraten, zumindest sind es diese Bilder, die in Erinnerung bleiben. Glücklicherweise werden die fast Verdursteten von vorüberziehenden Reitern unter Führung von Scheich Zedar gefunden und wieder gesundgepflegt.
Indes haben Abu Seif und der Machredsch das Problem aller Silberrücken-Schurken. Zwei sind schlichtweg einer zuviel, man misstraut sich heftig, der Machredsch entführt Ingdscha, mit der er ihre Großmutter Marah Duhrimeh, die Hüterin des Chaldäerschatzes, alleine erpressen will. Irgendwann fällt sie dann doch wieder in des Säbelmannes Hände, doch der Machredsch zieht gerade einen schlauen Coup durch. Er wirft sich dem alten Padischah zu Füßen, schiebt alle Schuld der Vergangenheit auf den ungläubigen Allemannen und schwört alle Eide, die dem zweifelnden Oberhaupt der Gläubigen gerade einfallen. Letzterer ist wohl doch ein wankelmütiger Geselle oder er hat einfach einen schlechten Tag, jedenfalls kann der Machredsch jetzt wieder in vollen Amt und Würden und blitzblanker neuer Uniform an der Spitze einer Reiterschar Soldaten von dannen reiten. „Nur wer die Tiefe kennt, weiß die Höhe zu schätzen.“, gibt der alte weise Gebieter dem in jeder Hinsicht gefallenen Manne noch mit auf den Weg, aber bei dem sind ja solche Reden komplett verschwendet ! Seine Handlung ist es nun, seinen Erzfeind Kara Ben Nemsi von Zedar ausliefern lassen und zum Padischah zurück zu schleppen. Kara ist böse in der Klemme, aber ein Gottesurteil, das Allah, der Unfehlbare, zugunsten des deutschen Musterhelden ausfallen lässt, bringt wieder eine Wende, die alten Verhältnisse von Gut und Böse sind wiederhergestellt. Kara darf jetzt wieder offiziell seinen ewigen Widersacher jagen.
Wie man sieht, das übliche Her und Hin. Lord Lindsay und Archie trotteln sich auch immer mal durch die Szenerie, stoßen aber am Ende nach vielen herrlichen Abenteuern zu den Guten. Abu Seifs erste Attacke auf den heiligen Berg der Christen geht daneben und er selber muss den Löffel abgeben, doch die geschlagenen Überreste seiner Banditen verbünden sich erneut mit dem Machredsch, der sie jetzt zusammen mit seinen Truppen zum Zielort der Wünsche zurückführt. Mit List und Tücke versucht er noch einen brutalen Angriff auf Marah Durimehs Felsenburg, doch glücklicherweise ist noch rechtzeitig die kluge Schmetterhand aufgetaucht und erweist sich als guter Stratege, so dass der Oberschurke wieder alleine um sein Leben flüchten muss. Noch ein Zweikampf der Giganten schließt das Abenteuer ab, diesmal stürzt der Bösewicht so unglücklich, dass ihm die Gummiknochen nichts mehr helfen können – ein wohlverdientes Ende. Nach ein paar schönen und rührseligen Worten und Verabschiedungen ist auch diese Geschichte ausgestanden.

Fortsetzung folgt

Dr. Oberzohn Offline



Beiträge: 732

20.02.2026 21:37
#15 RE: Karl May - Reise ins Pulverfass Balkan Zitat · Antworten

Bewertung:

War der erste Teil um die Saga um den Kampf zwischen dem Machredsch einerseits und Kara Ben Nemsis andererseits noch über den Titel Durchs wilde Kurdistan mit dem Orientzyklus Karl Mays verknüpft, so ist der Nachfolger Im Reiche des silbernen Löwen zwar ebenfalls im Namen identisch mit einer späteren Buchreihe des sächsischen Erfolgsschriftstellers, welche allerdings in anderer Zeit und Grundhandlung angesiedelt ist, obwohl dort auch Kara und Halef mitspielen. Außer ein paar Namen soll es überhaupt keine Ähnlichkeit mehr mit der Buchvorlage geben. Was es mit dem „silbernen Löwen“ wohl auf sich hat, bleibt ewig ein Rätsel. Aber darum geht es ja auch nicht bei der Art von Filmen.
Die Entscheidung, ob nun der erste oder der zweite Teil (die im Fernsehen auch mal für sich alleine gezeigt wurden) besser ist, fällt bei mir je nach Wochentag und Jahreszeit anders aus. Tendenziell aber geht die Vorliebe doch eher in Richtung auf den Silberlöwen.

Der wie aus dem Nichts auftauchende räuberische Abu Seif, gespielt von Sieghard Rupp, ist eine gelungene Bereicherung, der fast das Zeug hat, dem Machretsch die Show zu stehlen. Schlechte Kerle gibt es auch noch andere, den als die rechte Hand des Machretsch‘ dienenden Durek zum Beispiel, der sich auch aus dem Kurdistan-Film herübergerettet hat und nun die gefangene Ingdscha im Auftrag seines düsterblickenden Herrn und Meisters bewachen soll. „Wir sind hier auf arabischem Gebiet. Hier sagt nur der Mann etwas, die Frau schweigt.“, fasst Durek für heutige Zeiten politisch vollkommen unkorrekt die Verhältnisse im dortigen Ländle zusammen, woran sich seine kratzbürstige Geisel natürlich nicht halten will. Kurz darauf gibt sie ihm bei erstbester Gelegenheit eins über die Rübe und flüchtet, nur um dem um die nächste Ecke kommenden Abu Seif in die Arme zu reiten. Falls es Durek gelingen sollte, ohne sein geklautes Pferd aus der kargen Steppe zu kommen, dürfte er einer der wenigen größeren Schurken sein, die auch mal einen Karl-May-Film überleben, jedenfalls hört man nichts mehr von ihm. Solche Nebendetails fallen einem nur auf, wenn man mal drauf achtet. Bei ihrem Marsch etwa durch die Salzwüste haben Kara und seine Mannen auch noch einen gefangenen Räuber bei sich, der aber nach dem Überfall plötzlich verschwunden ist. Haben die den armen Kerl einfach zurückgelassen, Gauner hin oder her? Wäre gar nicht so edel wie sonst immer.
Lord Lindsay und sein Butler sind wie immer für ein paar Scherze gut. Der Lord ist immer noch auf der Suche nach der Arche Noah, die er aus irgendwelchen Gründen an der einen oder anderen Stelle dieser wilden Gegend vermutet, seine oder besser gesagt Archies Ausgrabungen führen allerdings zu gar keinem Erfolg. Der arme Dienstbote schwankt zunehmend zwischen Auflehnung und Resignation im Dienste seines spleenigen und stets besserwisserischen Herren, irgendwie machen sich erste Auflösungserscheinungen an seiner britisch-korrekten Fassade bemerkbar. Dagegen harmonieren Kara und Halef immer besser miteinander, der arabische „Beschützer“ seines verehrten Idols macht tatsächlich im Laufe der drei Orient-Filme eine Art Entwicklung durch und erweist sich tatsächlich als nützlicher Gefährte, ein wahrscheinlich eher unbewusster Anklang an Karl Mays Bücher. Außerdem hat ja "Karl, der Sohn des Deutschen" bei seinem langen Marsch in der Fremde auch noch einen richtigen Deutschen Schäferhund an der Seite, fast schon eine Begleitung symbolhaft-mythischen Charakters, die vielleicht mal eines Tages noch irgendein Filmfreund entschlüsseln kann, aber auf jeden Fall ein sehr nützliches und treues Geschöpf.

Die über hundertjährige Marah Durimeh, die im letzten Orient-Streifen ihren Auftritt gibt, hatte für ihren Schöpfer Karl May offenbar eine größere Bedeutung, sie erscheint immer wieder in den literarischen Orient-Werken und hilft Kara Ben Nemsi mit Weisheit, Güte und Toleranz oft weiter. Ist ihr filmischer Widerpart nun dementsprechend? Um das zu wissen, müsste man die ganzen Orient-Bücher gelesen haben, was bei mir (leider ???) nicht der Fall ist. Aber die Frau im Film sprüht geradezu vor Menschenliebe, Gläubigkeit, Vergebung und Toleranz, ganz im Gegenteil zu Abu Seif etwa, der die einzige Bastion der Christenheit weit und breit am liebsten auch noch islamisieren will. Natürlich geht es ihm aber genauso wie dem Machretsch in erster Linie um den Schatz, der dort bewahrt wird, für seine Bewacher ein hoher ideller Wert, für das Raubgesindel nur eine Menge Gold, Silber und Edelstein. Immerhin beweist der Machretsch als Muselmann doch eine gewisse Bibelfestigkeit, denn der Trick mit den Haustieren, die das Feuer in die Behausungen ihrer Besitzer schleppen, stammt in seinen Grundzügen aus dem Alten Testament. Als letzte Untat schießt er die arme Marah Durimeh noch aus nächster Nähe in den Kopf, nur gut, dass es in den sechziger Jahren noch keinen Splatteranteil in Filmen gab, aber trotzdem richtig brutal. Die Vergeltung lässt nicht lange auf sich warten. Beim Endkampf mit dem verhassten Kara in der Gondel über dem Abgrund hat der Unmensch einmal eine Mütze auf und bei den Nahaufnahmen nicht, das ist wirklich dämlich, aber Mütze hin oder her, beim Abgang nach unten hilft die halt auch nicht viel.
Zum Schluss dann gibts nochmal viel Positives zu sehen, Freundschaft zwischen Gläubigen und Ungläubigen, Liebe zwischen Christen und Arabern, genauso märchenhaft schön und wirklichkeitsfern wie die Erlebnisse des großen Helden in den Ländern des roten Mannes auf der anderen Erdseite. Aber man kann ja immerhin mal von einer schöneren Welt träumen, oder?

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