In Londons berühmtem Amüsierviertel ist schwer was los. Die holde Weiblichkeit räkelt sich mit rapide abnehmender Bekleidung auf den Bühnen verrufener Clubs und Lokale herum, Striptease heißt das begehrte Laster, dem die Männerwelt frönt. Eine der jungen Frauen, die mit derartigen Darbietungen ihre Brötchen verdienen (und nicht mal schlecht), ist Della Morris. Ihr Terminplan ist sehr straff, es geht hier im Minutentakt, sie eilt von Lokalität zu Lokalität, um alles zu schaffen – ein anstrengender Job ! Leider wird sie von einem alten Bekannten der Kriminalpolizei behelligt, der sie zu einer Aussage über eine berüchtigte Gestalt der Unterwelt drängen will. Endlich hat er ihre Zusage, später in der Nacht will sie sich mit ihm treffen. Doch es kommt, wie es kommen muss. Kurz vor Sergeant Bellamys Haustür wird die Bedauernswerte erstochen. Der Täter kann entkommen – Mr. King hat wieder zugeschlagen. Der Unbekannte ist eine kriminelle Größe, er verdient eine Menge Geld mit leichten Mädchen einerseits als auch an einer Menge Erpressungen an passenden Kunden, die einen guten Ruf zu verlieren haben. Vor dem inneren Auge läuft hier ein klassischer Bryan-Edgar-Wallace-Film der damaligen Zeit ab, doch jetzt wechselt der Schauplatz erst mal.
Man trifft auf den scheinbar erfolgreichen Börsenmakler Mike Hilton, der nach außen hin Wohlstand und Sicherheit verkörpert. Doch nach einem heftigen Streit ist ihm die Frau davongelaufen, die gemeinsame Tochter starb tragischerweise ein Jahr vorher. Privat ist er also auf heftigem Schlingerkurs, da läuft ihm schicksalhafterweise die sehr attraktive Selby Brooks über den Weg. Bald ist seine Ex Ruth vergessen, er trifft sich mit seiner neuen Flamme auf deren in einer ländlichen Gegend verankerten Hausboot. Doch ihm kommen erste Zweifel bei seiner neuen Romanze. Beim zweiten Treffen ist er zu spät dran, denn er hat noch in einer halsbrecherischen Aktion einem kleinen Jungen geholfen, seinen irregeleiteten Spielzeugdrachen von einem Baum herunterzuholen. Ein Schock steht ihm bevor. Selby ist kurz vorher ermordet worden, erdrosselt mit ihrem beachtlichen Zopf. Mike sieht sich plötzlich in einen Mordfall verstrickt, und langsam aber sicher scheinen alle Indizien auf ihn hinzudeuten. Chefinspektor O’Day vom Yard nimmt ihn ordentlich in die Zange, wenigstens Inspektor Craddock von der örtlichen Polizei ist aufgrund einer alten Freundschaft noch auf seiner Seite. Doch der kleine Junge, dem er geholfen hatte, scheint sein einziges Alibi zu sein. Aber der Bursche scheint spurlos verschwunden und nie existiert zu haben… Wenigstens seine Ruth tritt wieder auf den Plan, gemeinsam suchen sie den Jungen. Eine Menge Personen werden noch mal interviewt, der schwatzhafte Werkstattbesitzer Chatsworth, der erfolgreiche Gebrauchtwagenhändler Freeman, der nervöse Maler Chris Benson, der ruhige Buchhändler Dubinsky. Und die ältere aber liebebedürftige Ruby, die auch mit dem Opfer bekannt war, wie die anderen. Plötzlich findet sich seltsamerweise der Papierdrachen wieder an, es meldet sich noch ein Erpresser, und man findet noch ein neues, schrecklich zugerichtetes Opfer. Längst schon steht der Verdacht auch bei den offiziellen Ordnungshütern im Raum, dass der ominöse Mr. King in der schrecklichen Affäre seine schmutzigen Finger im Spiel hat. Mike will die Polizei auf eine Spur setzen, aber die zeigt sich recht unlustig, so dass er und seine versöhnte Partnerin auf eigene Faust vorgehen, was fast hätte ins Auge gehen können... Natürlich nur fast, denn es geht alles gut aus, der mordende Unhold bekommt seine Strafe und der in Verdacht geratene Mike kann sich endlich entspannen.
Einen starken Einstieg in sein neues Werk kann man dem Autor durchaus bescheinigen. Das harte Leben einer Stripteasetänzerin wird authentisch beschrieben, er scheint hier wirklich recherchiert zu haben. Soho ist ein trefflicher Sündenpfuhl mit allerlei nacktem Fleisch, auch sonst gibt es nicht das betuliche Paul-und Steve-Geplänkel, sondern schon „Deftigeres“, ohne natürlich allzu detailverliebt zu werden. Es ist generell eine versuchte Hinwendung zu mehr Realismus zu spüren. Das Mordopfer des zentralen Verbrechens ist keine „Parfümleiche“, die Grausamkeit einer solchen Tat wird nicht verharmlost. Man erfährt so einiges über den Ablauf einer polizeilichen Ermittlung. Chefinspektor O’Day ist kein gutmütiger Tropf, eher schon ein kalter und karrierebewusster Charakter, der nicht gerne von der einmal verfolgten Beute ablässt. Die Falle, in die Mike Hilton getappt ist, klingt schon glaubwürdig, hätte mehr oder weniger jedem passieren können. Eine Menge ansonsten unwichtiger Kleinigkeiten bekommen plötzlich unter dem Aspekt „Mordverdacht“ eine neue Bedeutung und brauen sich zu einer unheilvollen Wolke über dem Kopf des recht sympathischen Helden wider Willen zusammen. Die Beziehungen der Personen zueinander sind für die Handlung entsprechend sorgfältig herausgearbeitet, ohne in Zeilenschinderei abzudriften. Die Frage für Mike bleibt, ob die schöne Selby diesmal tatsächlich ein wenig verliebt war oder nur wie üblich in ihm ein neues Opfer für ihre Erpressungen gesucht hat, wie es die Polizei behauptet. Der wahre Täter musste wohl auch eine Bedrohung in ihr gesehen haben, das ist klar. Und stand der in einer näheren Beziehung zu dem kleinen Burschen, der Mike hätte ein Alibi verschaffen können? Hat er Mike in eine sorgfältig vorbereitete Falle gelockt, um den Verdacht von ich abzulenken? Alle diese Fragen werden nach und nach aufgeworfen. Doch leider enttäuscht das Ende des Krimis doch an einigen Stellen. Bei mir sind hinsichtlich der sinnvollen Auflösung ein paar dicke Fragezeichen in der Luft hängengeblieben. Eine Nähe zu einem Christie-Plot kann man beim besten Willen nicht bescheinigen. Außerdem entpuppt sich der Bösewicht des Stückes ausgerechnet als derjenige, auf den doch alle Hinweise schon gedeutet hatten. Man hofft förmlich, dass es kurz vor Schluss noch eine Volte in Richtung auf eine gänzlich andere Person gibt. Das hat Mr. Durbridge schon besser hinbekommen. Eine uninspirierte wenig sinnvolle Action-Einlage auf den letzten Metern sollte die Spannung steigern, macht aber den bemühten Realismus des vorherigen Geschehens wieder zunichte. Wobei der harmoniebedürftige Leser mit dem Ausblick auf neue familiäre Wonnen bei den Hiltons verwöhnt wird, bei ehrlicher Betrachtung reichlich aufgetragener Kitsch, der aber keinesfalls wehtut.
Im Schatten von Soho ist ein routiniert verfasstes und spannend zu lesendes Buch, wen man sich gut unterhalten lassen will und keine zu hohen kriminalistischen Erwartungen hat. Mein Leseexemplar ist eine Goldmann-Ausgabe von 2000, ein Neuauflage der Erstübersetzung von 1969, mit ca. 190 Seiten, ein typisches zerlesenes Flohmarkt-Produkt, das seinen Zweck erfüllt. Eine gründliche Neuübersetzung scheint es hier noch gar nicht zu geben (??)
Doch, ist als DER ZOPFMORD geplant. Der Roman THE PIG-TAIL MURDER (dt. IM SCHATTEN VON SOHO) ist die Verschriftlichung des Drehbuchs SCHRITT INS DUNKEL (als Buch bei Williams & Whiting 2022 erschienen), das Durbridge den dt. Produzenten verkaufte und die daraus ohne sein Wissen PICCADILLY NULL UHR ZWÖLF machten, in dem aber bis auf 4 Namen nichts übrigblieb. Ist alles im umfangreichen Vorwort zu SCHRITT INS DUNKEL nachzulesen.
Das schwache Ende resultiert im Roman daraus, dass es für einen optischen Showdown im Film gedacht war, der natürlich im Buch nicht so wirken kann.
Im Übrigen schlug Durbridges Übersetzerin dem Autor um 1966 vor, daraus einen deutschen TV-Film zu machen. In großen Buchstaben hat Durbridge auf ihren Brief NO geschrieben.
Seltsamerweise ist in der vorliegenden Buchübersetzung nicht direkt von einem "Zopf" die Rede, sondern "Haarteil" oder so ähnlich. Ich habe erst gedacht, dass die bedauernswerte Selby eine Perücke aufhat. Das schwache Ende - ja, prinzipiell ist ja gegen ein knalliges Ende nichts einzuwenden, wie bei "Tim Frazer weiß Bescheid" zum Beispiel. Nur hat es da eben dazu gepasst. Beim hiesigen Titel haben die Hiltons ja nicht nur einen Einbruch, sondern wenigstens gefährliche Körperverletzung mit Todesfolge begangen, schwerlich glaubhaft, dass sie sich einfach so ins Auto setzen und unbeschwert einem neuen Familienglück entgegenfahren können. Natürlich ist es für einen Film geeigneter, da fallen Logikfehler sowieso nicht so auf...
Bei den Übersetzungen ist das so eine Sache. Bei dem von Dir genannten "Tim Frazer weiß Bescheid" - erscheint in wenigen Wochen übrigens als Neuübersetzung unter dem Titel TIM FRAZER III: DAS MELYNFFOREST-RÄTSEL - war in der alten Übersetzung doch auch von einem "Brieföffner" die Rede, obwohl es sich im Original um einen asiatischen Dolch handelte. Auch das "Halstuch" ist ja falsch übersetzt, es müsste korrekt "Der Schal" heißen.
Die Pigtail-Murder-Geschichte hat mich persönlich als Roman nie so vom Hocker gerissen, interessanterweise war das beim Originaldrehbuch anders. Dort passte das "filmische" Ende auch viel besser. Und ja, diesen von Dir angesprochenen Logikfehler gibt es ...