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Dieses Thema hat 3 Antworten
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 Romane
Dr. Oberzohn Offline



Beiträge: 720

14.02.2025 20:31
Neues vom Hexer (1929) Zitat · Antworten

Neues vom Hexer

Originaltitel: Again the Ringer
Erscheinungsjahr: 1929


Hauptpersonen:

Henry Arthur Milton – Der Hexer
Chefinspektor Bliss – Hauptermittler bei Scotland Yard
Inspektor Mander – Bliss‘ unsympathischer Untergebener


Handlung:

Der Hexer ist ein Mann, der sich der Selbstjustiz verschrieben und in dieser Funktion am Ende eines längeren (fast schon langatmigen) Romans einen verabscheuungswürdigen Rechtsanwalt mit dem Stockdegen aufgespießt hatte. Mit Hilfe seiner Frau war der Vigilant sogar der offiziellen Justiz entkommen. Waren für diese Tat ausschließlich noch private Rachemotive ausschlaggebend, so zeigen die siebzehn Geschichten um den „Ringer“ im wenige Jahre später erschienenen Folgeband einen Mann, für den Nachhilfe in Sachen Gerechtigkeit generell eine große Rolle spielt und der Zeit und Geld im Überfluss hat, um seiner Leidenschaft zu frönen. Dabei geht der Hexer nicht zimperlich vor. Seine Verkleidungskunst ist legendär, er schlüpft gerne in verschiedene Rollen. Sein Gegenspieler in den Reihen der Kriminalpolizei, der ältere knarzige Chefinspektor Bliss, behauptet dann, dass der Hexer tatsächlich die jeweilige Person ist. Es gelingt ihm trotz seiner Schläue nicht, den selbsternannten Rächer zu erwischen. Noch weniger Chancen hat Bliss‘ ungelittener Mitarbeiter Inspektor Mander, ein großsprecherischer Karrierist.

Milton bekommt es bei seinen Aktionen mit allerlei Gelichter zu tun:
Ein reicher Lebemann ist für den Tod einer jungen Schauspielerin verantwortlich, sein vieles Geld nützt ihm bei der Pariser Polizei, aber nicht beim unbarmherzigen Hexer!
Ein unschuldig zum Tode Verurteilter soll beim galligen und unwilligen Innenminister Aufschub bekommen, das dem auch so ist, bedarf der tatkräftigen Nachhilfe Mr. Miltons.
Trotz einer nachdrücklichen Warnung missbraucht ein brutaler und eitler Raubmörder weiterhin den Namen des Hexers. Das kann letztlich nur eine Konsequenz haben!
Ein Mutter-Sohn-Gespann betreibt einen florierenden Mädchenhandel. Der Hexer sorgt dafür, dass die beiden ähnliche Schicksale erleiden wie ihre Opfer, die entführten Töchter und ihre Eltern.
Unter den Augen der Polizei nimmt Milton Rache an einem Großbetrüger, indem er den Mann in seinem Hotelzimmer selbst trickreich seines wertvollen Schmuckes beraubt.
Besonders verhasst sind dem Hexer Erpresser, mit einem derartigen üblen Exemplar macht er schließlich kurzen Prozess und verschönert gleichzeitig ein Blumenbeet.
Wenn ein hartherziger Vermieter und Spekulant sich mit Arthur Milton anlegt, dann gibt er nicht nur unfreiwillig ein großes Weihnachtsessen für seine Mieter aus, sondern wird viel ärmer.
Es gibt in London einen gewitzten Safeknacker, der auch seinen Totschläger nach Meinung Miltons zu gerne benutzt. So erwartet ihn bei seiner (endgültig) letzten Tresoröffnung eine böse Überraschung.
Eine junge Dame hat mit Erpressungen von ungestümen Mannsbildern ein gutes Auskommen. Doch der Hexer findet ihren Schwachpunkt und führt die Widersträubende nachdrücklich auf die rechte Bahn.
In den Schweizer Alpen sucht sich eine Kartenbetrügerbande ihr neuestes Opfer. Arthur Milton ist auch hier nicht weit und verhilft dem Boss zu einem Skiausflug mit unangenehmem Ende.
Chefinspektor Bliss‘ Pflichten ziehen die Rache eines verliebten Geldfälschers auf ihn. Es kostet den Hexer einige Mühe, das Leben des Kriminalisten zu retten und den Hintermann bloßzustellen.
Während Bliss einer Falschgeldbande auf der Spur ist, will der vorlaute Mander mit Hilfe eines diensteifrigen Constables eine Falle für den Hexer stellen. Das geht natürlich erheblich schief.
Das zufällig geknipste Foto des unmaskierten Hexers will eine betrügerische Hobbyfotografin für ihre Rache verwenden. Doch ihr ebenfalls krimineller Ehemann macht den Plan unfreiwillig zunichte.
Milton kommt einem erbschleichenden Arzt und Mehrfachmörder auf die Schliche. Nach dem letzten Verbrechen kann er der Polizei die Beweise für die Hinrichtung des Unholds liefern.
Zwei brutalen Schlägern gibt der Hexer die gleiche „bittere Medizin“ zu kosten wie einem rücksichtslosen Pistolenheld. Ihre Rachegelüste führen sie zusammen, wobei es nur einen lachenden Dritten geben kann !
Arthur Milton hält einen Mann vorm Selbstmord ab und verschafft ihm mit halbseidenen Methoden nicht nur das geprellte Erbe zurück, sondern sich selbst auch eine große Genugtuung.
Inspektor Mander hat sich endgültig bei Milton in Misskredit gebracht, genauso wie ein nichtsnutziger schweinezüchtender Herzog. Hexers Rache an den beiden ist boshaft, aber gerecht.

Der Hexer bleibt stets auf freiem Fuß, jedes der gut zehn Seiten umfassenden Abenteuer lässt ihn als Sieger hervorgehen. Es gibt sozusagen auch hier ein Happyend.


Bewertung:

Nach dem enormen Erfolg, den das Theaterstück und auch der Roman über den Hexer hatten, schob Edgar Wallace noch weitere Erlebnisse seines Helden hinterher. Die Geschichten sind grundsätzlich gut lesbar, qualitativ gibt es halt Unterschiede, doch die Dichte und Atmosphäre seiner Schreibe ist stets gegeben. Es gibt keine Liebesqualen auszustehen, ein großer Pluspunkt. Auch Wenigleser werden sich aufgrund der Kürze der einzelnen Stories an das Buch heranwagen können.
Der Hexer ist ein Mann, der unter sehr vielen Identitäten an sehr vielen verschiedenen Orten lebt. Der Polizei gelingt es nur selten einmal, eine seiner Tarnadressen zu ermitteln, da ist der Gesuchte aber schon über alle Berge. Sogar in Arabien hat Milton ein Versteck, Erinnerung an den Weltkrieg. Wie ein einzelner Mann ein solches Pensum bewältigen kann, ist schon erstaunlich, denn nebenher hat er ja auch noch Zeit, seine Vorstellungen von besserer Justizia umzusetzen. Durch seine vielen Kontakte erfährt der ringer aber auch von allerlei Unrecht. Meistens sind es Nachbarn, Mitmieter, Vermieter, Freunde oder schlicht sympathische Zufallsbekanntschaften, die er unter einer Deckadresse kennenlernt und denen Schlimmes widerfährt. Sie sind in der ungleichen Gesellschaft nicht in der Lage, sich angemessen zu wehren. Da springt dann Mr. Milton ein, neben seinem allgemeinen Gerechtigkeitsempfinden sind auch hier oft private Motive zumindest der Auslöser, sich mit dem ursächlich jeweiligen vom rechten Tugendpfade abgekommenen Zeitgenossen näher zu beschäftigen. Eine Hotelmitbewohnerin, die tödlich „verunglückt“, eine Vermieterin, die erpresst wird, eine Freundin seiner Ehefrau, die geschlagen wird – der Hexer interessiert sich für ihr Schicksal ebenso wie für das des Mannes, der ihm mal bei einem Autounfall gerettet und nun erpresst wird oder für das seiner Nachbarin mit Kleinkind, die von einem hartherzigen Hausbesitzer im Stich gelassen wird. Für die Verursacher brechen nun schlechte Zeiten an...
Eine Gruppe von Menschen, die Milton besonders reizt, sind Kritiker an der Polizei, die häufig Briefe an Zeitungen schreiben und sich über die Erfolglosigkeit bei der Hexerjagd beschweren. Wie sich herausstellt, haben diese Leute oft einige Leichen im Keller. Ihnen vergibt das Objekt ihrer Abscheu genauso wenig wie Zeitgenossen, die den Hexer persönlich angreifen.
Das Ethos des Rächers der Armen und Enterbten ist durchaus hoch. Er richtet nur selber Menschen (mitunter völlig „hin“), wenn es keine Möglichkeit gibt, die offizielle Justiz dazu zu gebrauchen. Allerdings nimmt er es damit nicht immer so ganz genau, etwa den Beschmutzer seines Namens findet man aufgehängt mit einem beigefügten Geldschein für das ausgefallene Salär des Henkers.
Obwohl der Hexer ein Meister der Verwandlung ist, kann man es logiktechnisch sehr kritisch sehen, wenn er bekannte Persönlichkeiten imitiert und auch erfahrene Polizisten damit täuscht. So gut kann doch nun keine Maskierung sein ! Schon eher wahrscheinlich ist seine Begabung im Zusammenhang mit der Darstellung „neuer“ Identitäten. Es gibt die Erzählung über einen Schweizer Oberkellner, wo Wallace sogar den Leser gekonnt aufs Glatteis führt. Andere Stories enttäuschen eher wegen ihrer doch zutage tretenden Unwahrscheinlichkeit, etwa wie der Meister der Täuschung ein ganzes Hotel voller Polizisten an der Nase herumführt. Die schaurig-grausame Begebenheit dagegen mit dem unheimlichen Dr. Lutteur, der es auf das Erbe hochbetagter Senioren abgesehen hat und einige seiner Frauen umbringt, ist sehr kompakt und dramatisch geschildert und wäre sicher guter Stoff für eine längere Erzählung gewesen.
Auf Seite von Scotland Yard gibt es als Hauptperson den sehr knurrigen Chefinspektor Bliss, der trotzdem das Herz auf dem rechten Fleck hat. Ein zäher Ermittler, wenn er schon keine Sympathie für Henry Arthur Milton hat, so doch wenigstens Achtung vor dessen Ehrgefühl. Dagegen verabscheut er seinen Mitarbeiter Inspektor Mander, teilt diese Abneigung mit dem Hexer. Mander ist ein großmäuliger Narzisst, karriereversessen und hinterhältig, zumindest aber von gewisser Tüchtigkeit und Tapferkeit. Die verbalen Wortgefechte zwischen Bliss und seinem unbeliebten Mitstreiter sind sehr humorvoll gehalten, dabei zieht Mander stets den kürzeren. Manders Neigung, peinliche Briefe an Zeitungen zu schreiben, sorgt immer wieder für Erheiterung. Auch der Hexer schreibt gerne Briefe, er setzt sowohl die Polizei als auch seine Opfer in spe über seine Ziele in Kenntnis, ist aber einfach zu clever.
Bei seinen Aktionen ist er mitunter sehr rücksichtslos, er setzt seine Pläne konsequent um. Man möchte ihn lieber nicht zum Feind haben. Mord, gefährliche Körperverletzung, schwerer Diebstahl, Betrug und Urkundenfälschung sind nur die augenfälligsten Delikte, die man ihm vorwerfen kann. Natürlich sieht er sein Handeln selbst nicht so, und sein Schöpfer Edgar Wallace hat ihn mit unverhohlener Sympathie bedacht. Man könnte ihn mit einiger Berechtigung im Vergleich zu den populären Büchern eines französischen Autorenduos als eine Art Gegen-Fantomas auffassen.

Die Kurzgeschichten um den berühmt-berüchtigten Hexer lassen sich in einem Rutsch weg lesen, oder auch wohldosiert, je nach Geschmack.


Leseexemplar:

Den ersten Kontakt zu Henry Arthur Miltons Abenteuern hatte ich mit dem Büchlein Geschichten vom Hexer aus dem Kinderbuchverlag der DDR. Ich denke mal, die Übersetzung ist da sehr werkgetreu, aber es sind nur dreizehn Geschichten samt Nachwort darin versammelt.
Weiterhin gibt es als letzte Wallace-Neuübersetzung für den Heyne-Verlag gleichlautend zu Goldmann das Buch Neues vom Hexer. Darin sind alle siebzehn Stories enthalten, die Übersetzung ist möglicherweise etwas sorgfältiger als die der jetzt gelesenen Goldmann-Jubiläumsausgabe von 1990 mit ca. 180 Seiten Text, die offiziell noch von Friedrich Pütsch stammt, aber sicher schon „überarbeitet“ ist. Vor allem fehlt darin das Kapitel über das wohlverdiente Ende des brutalen Schränkers Mr. Bash vollständig.


Verfilmung:

Der zum Buchtitel gleichnamige Film aus dem Jahre 1965 ist in der Nachfolge des ersten Hexer-Films der Rialto zu sehen. Neues vom Hexer bietet eine schaurig-schöne Geschichte über einen Bösewicht im Hintergrund, welcher seine ungeliebte Familie ausrotten lassen will. Über den adeligen Curtains scheint ein Fluch zu liegen. Erst findet man den alten Lord erschossen an seinem Schreibtisch vor, kurz nachdem ein Schuss mit langem Todesschrei ertönte. Dann erwischt es die Lady, später den Neffen, der sich selbst schon mordend in den Fängen des Unbekannten verstrickt hatte. Auf den Sohn des Paares im Kindesalter sowie auf eine entfernte Nichte werden Mordanschläge verübt. Der Hexer ist emsig dabei, die Untaten des Oberschurken samt seiner gedungenen Helfershelfer zu vereiteln, denn man hatte versucht, ihm das erste Verbrechen in die Schuhe zu schieben. Das geht mal gar nicht !
Wieder ist Rene Deltgen als Hexer zu sehen (für meinen Geschmack ist der zu alt für diesen Part), Margit Trooger als Cora Ann Milton -die stets ironische Ehefrau-, Eddi Arent als Finch und Diener des Pärchens sowie Heinz Drache als forscher Polizei-Ermittler Wesby sowie Siegfrid Schürenberg als unvermeidlicher Sir John. Klaus Kinski bleibt als killender Butler der geschundenen Familie Curtain in Erinnerung, ebenso Brigitte Horney als nach allen Seiten hin undurchschaubare Schwägerin Lady Aston. Barbara Rütting ist Margie, die arme, aber eigenständige Verwandte, die trotzdem mit in den Strudel gezogen wird. Der Kinderdarsteller Teddy Naumann hat einen besonders imposanten Auftritt als unfreiwilliger Raubtierbändiger. Auch sonst sind viele gute Schauspieler mit im Rennen. Die Handlung wechselt von kammerspielartigen Szenen auch mal in mehr actionbetontere Bereiche, wie einer Schießerei in einem Lagerhaus mit gefährlichen exotischen Tieren. Es kommt zwischendurch sogar zu einem Bündnis des inoffiziellen Verbrecherjägers mit seinen staatsangestellten Konkurrenten.
Der Film hat wirklich eine gewisse bedrohliche Atmosphäre. Klaus Kinski erhebt sich zu Beginn dracula-mäßig aus einem Sarg (warum auch immer er das tut…), ein Toter fährt im Rollstuhl auf Schienen in einen Fahrstuhl, Kinski spielt Harfe mit baldiger spektakulärer Ermordung von Lord und Lady… Vieles bleibt im Gedächtnis haften. Albern und unglaubwürdig sind die vielen Maskeraden des Hexers, aber auch die von anderen Personen. Großer und vieldiskutierter Minuspunkt ist sicher auch das Fehlen eines klassischen Whodunits, denn der am Ende vom Hexer zur Strecke gebrachte Hintermann ist ein völlig neues Gesicht.

Wieviel vom Buch steckt noch im Film? Im Prinzip Nullkommairgendwas. Das unverzeihliche Delikt eines Kriminellen, den Namen des Hexers für die eigenen Verbrechen zu kopieren, ist aus der dritten Story des Buches entnommen, der kaltblütige räuberische Killer Joseph Ellroyd findet sein Pendant im rachsüchtigen Serienmörder Philipp Curtain im Film. Das war es im Prinzip auch schon. In der zweiten literarischen short story über den Hexer findet sich der recht eigensinnige und böswillige Innenminister mit dem schönen Namen Strathpenner, welcher von Milton gefesselt in einem Nebenraum sitzt, während der in des Ministers Verkleidung einen Urteilsaufschub in einem fragwürdigen Fall durchsetzen will. Die filmische Anspielung ist meiner Ansicht nach in der Gerichtsverhandlung mit dem von Meyerink verkörperten Richter Matthews gegeben, wo eine ähnliche Konstellation vorliegt.
Übereinstimmungen von Personennamen in Buch und Film sind durchaus möglich, aber nicht auffällig. Hab ich nicht drauf geachtet. Der Hinweis im Film auf die Seite 104 im Buch ist eine komplett falsche Spur, es geht in der Goldmann-Ausgabe dort jedenfalls nicht um einen Mordanschlag auf eine nette Person, die dem Hexer am Herzen liegt, sondern um das Falschspieler-Trio, das diesmal in der Schweiz mit gezinkten Karten zocken will und an den Falschen gerät.
Leider hat man die beiden Scotland-Yard-Beamten Bliss und Mander völlig außen vor gelassen. Neben Sir John schnüffelt stattdessen Inspektor Wesby herum, ein Überbleibsel aus dem ersten Hexer-Film, den es im gleichlautenden Roman auch gegeben hat, allerdings nicht mit australischem Hintergrund. Man könnte die beiden mit gutem Willen so als glattgebügeltes Bliss-Mander-Gespann durchgehen lassen.
Miltons Diener und Mitstreiter Finch ist immer noch eine Erfindung. Im Film nimmt auch Mrs. Milton einen breiten Raum ein, während sie ihr Ehemann im Buch nur mal kurz erwähnt und sie dann in der letzten Geschichte noch einen kleinen Auftritt hat, als "Honigfalle" für den blasierten Inspektor Mander.
Obwohl die Fabel des zweiten Filmes über Wallace' Selbstjustizhelden kaum mehr was zu tun hat mit seinen Auftritten im Buch Neues vom Hexer, so atmet der Streifen doch zumindest immer noch den Geist der klassischen Schwarzweiß-Ära der Serie.

Savini Offline



Beiträge: 1.025

17.02.2025 16:11
#2 RE: Neues vom Hexer (1929) Zitat · Antworten

Zitat von Dr. Oberzohn im Beitrag #1
Der Hexer ist ein Mann, der sich der Selbstjustiz verschrieben und in dieser Funktion am Ende eines längeren (fast schon langatmigen) Romans einen verabscheuungswürdigen Rechtsanwalt mit dem Stockdegen aufgespießt hatte. Mit Hilfe seiner Frau war der Vigilant sogar der offiziellen Justiz entkommen. Waren für diese Tat ausschließlich noch private Rachemotive ausschlaggebend, so zeigen die siebzehn Geschichten um den „Ringer“ im wenige Jahre später erschienenen Folgeband einen Mann, für den Nachhilfe in Sachen Gerechtigkeit generell eine große Rolle spielt und der Zeit und Geld im Überfluss hat, um seiner Leidenschaft zu frönen.

Wobei er ja schon vor seinem Feldzug gegen Maurice Messer (laut Dossier) einige Male Selbstjustiz geübt hatte, ohne dass es ihn persönlich betraf.
Zitat von Dr. Oberzohn im Beitrag #1
Ein Mutter-Sohn-Gespann betreibt einen florierenden Mädchenhandel. Der Hexer sorgt dafür, dass die beiden ähnliche Schicksale erleiden wie ihre Opfer, die entführten Töchter und ihre Eltern.

Interessant, dass hier (ebenso wie in einer Geschichte aus dem Sammelband um das "silberne Dreieck") das Thema Mädchenhandel bei Wallace selbst auftaucht, dass bei den Rialto-Filmen ab 1964 bekanntlich auch öfter vorkommen sollte.
Zitat von Dr. Oberzohn im Beitrag #1
Auch Wenigleser werden sich aufgrund der Kürze der einzelnen Stories an das Buch heranwagen können.

Für mich war übrigens dieses Buch zusammen mit dem "roten Kreis" der Einstieg in Sachen Wallace-Lektüre, noch vor der systematischen Sichtung der Filme.
Zitat von Dr. Oberzohn im Beitrag #1
Obwohl der Hexer ein Meister der Verwandlung ist, kann man es logiktechnisch sehr kritisch sehen, wenn er bekannte Persönlichkeiten imitiert und auch erfahrene Polizisten damit täuscht. So gut kann doch nun keine Maskierung sein!

Solche Verkleidungen wirken schon im Buch mitunter unglaubwürdig, im Hörspiel oder Film natürlich noch viel mehr. Entweder, weil jemand selbst unter der Maske noch zu erkennen ist (wie in der "weißen Spinne"), oder weil man bis zur Demaskierung jemand anders spielen lässt und so suggeriert, jemand habe nicht nur dieselbe Größe und Statur, sondern könne auch noch Gang und Stimme perfekt imitieren, so dass darauf selbst die hereinfallen, die das "Original" seit Jahren kennen.
Zitat von Dr. Oberzohn im Beitrag #1
Andere Stories enttäuschen eher wegen ihrer doch zutage tretenden Unwahrscheinlichkeit, etwa wie der Meister der Täuschung ein ganzes Hotel voller Polizisten an der Nase herumführt.

Generell kontrastiert die Darstellung von Scotland Yard als unfähig hier sehr mit Wallace´ sonstigem Werk; aber wenn die Identifikationsfigur jemand ist, der außerhalb des Gesetzes steht, lässt sich das wohl nicht vermeiden.
Zitat von Dr. Oberzohn im Beitrag #1
Man könnte ihn mit einiger Berechtigung im Vergleich zu den populären Büchern eines französischen Autorenduos als eine Art Gegen-Fantomas auffassen

... oder auch als eine Ein-Mann-Version des A-Teams, da er Menschen hilft, die von übermächtig erscheinenden oder vom Gesetz nicht zu belangenden Gegnern bedroht werden, dabei aber selbst stets auf der Flucht ist.
Zitat von Dr. Oberzohn im Beitrag #1
In der zweiten literarischen short story über den Hexer findet sich der recht eigensinnige und böswillige Innenminister mit dem schönen Namen Strathpenner, welcher von Milton gefesselt in einem Nebenraum sitzt, während der in des Ministers Verkleidung einen Urteilsaufschub in einem fragwürdigen Fall durchsetzen will.

Eine Randnotiz: Es fällt auf, dass bei Wallace trotz aller patriotischen Elemente britische Politiker (wenn sie denn mal vorkommen) nicht unbedingt gut wegkommen. Weitere Beispiele neben Strathpenner wären ein unsympathischer Staatssekretär, der im "roten Kreis" nur mit Glück einen Mordanschlag überlebt oder ein als herzlos und selbstherrlich gezeichneter Minister, der den "vier Gerechten" zum Opfer fällt. Übrigens zeichnet dieser Debütroman auch sonst kein sehr vorteilhaftes Bild der Politik, da die Abgeordneten des Parlaments sich von einer Bombenattrappe ins Bockshorn jagen lassen und in Panik die Flucht ergreifen.
Zitat von Dr. Oberzohn im Beitrag #1
Leider hat man die beiden Scotland-Yard-Beamten Bliss und Mander völlig außen vor gelassen. Neben Sir John schnüffelt stattdessen Inspektor Wesby herum, ein Überbleibsel aus dem ersten Hexer-Film, den es im gleichlautenden Roman auch gegeben hat, allerdings nicht mit australischem Hintergrund. Man könnte die beiden mit gutem Willen so als glattgebügeltes Bliss-Mander-Gespann durchgehen lassen.

Schon im Vorgänger war Wesby im Grunde ein Bliss unter anderem Namen, da auch er dort verdächtigt wurde, der Hexer zu sein und dem "offiziellen" Helden der Geschichte stets einen Schritt voraus war.
Gerade angesichts der knurrigen Art von Bliss hat man beim Lesen durchaus Heinz Drache vor Augen, auch wenn dieser natürlich keinen Bart trug.

Dr. Oberzohn Offline



Beiträge: 720

28.02.2025 12:30
#3 RE: Neues vom Hexer (1929) Zitat · Antworten

Zitat von Savini im Beitrag #2
Interessant, dass hier (ebenso wie in einer Geschichte aus dem Sammelband um das "silberne Dreieck") das Thema Mädchenhandel bei Wallace selbst auftaucht, dass bei den Rialto-Filmen ab 1964 bekanntlich auch öfter vorkommen sollte.

Ich glaube sogar, im Zusammenhang mit sämtlichen Erzählungen um die Drei Gerechten wird das Mädchenhandel-Thema mehrmals erwähnt.
Die Problematik war wohl auch so ein Schreckgespenst des beginnenden 20. Jahrhunderts. Weiße Mädchen bzw. junge Frauen, die in Bordelle ins Ausland verschleppt wurden, auch nach Südamerika, besonders Argentinien. Hab vor längerer Zeit da mal was gelesen, viele Fälle sind dokumentiert. Naja, Menschenhandel ist auch heute noch ein besonders einträgliches Geschäft der Schattenmächte.

Zitat von Savini im Beitrag #2
Solche Verkleidungen wirken schon im Buch mitunter unglaubwürdig, im Hörspiel oder Film natürlich noch viel mehr. Entweder, weil jemand selbst unter der Maske noch zu erkennen ist (wie in der "weißen Spinne"), oder weil man bis zur Demaskierung jemand anders spielen lässt und so suggeriert, jemand habe nicht nur dieselbe Größe und Statur, sondern könne auch noch Gang und Stimme perfekt imitieren, so dass darauf selbst die hereinfallen, die das "Original" seit Jahren kennen.

Im Prinzip wird das ja noch verschärft durch die Verwendung von Masken, besonders dann in den sechziger Jahren in allerlei Filmen. Sieht wie ein damals beliebter Gag aus.

Zitat von Savini im Beitrag #2
Generell kontrastiert die Darstellung von Scotland Yard als unfähig hier sehr mit Wallace´ sonstigem Werk; aber wenn die Identifikationsfigur jemand ist, der außerhalb des Gesetzes steht, lässt sich das wohl nicht vermeiden.

Deshalb auch die besondere Abneigung des Hexers gegen Polizeikritiker. Er sieht sich selbst auch nur als letzte Alternative, die gewissermaßen berechtigt ist, klüger als Scotland Yard sein zu müssen. Das wird auch sehr deutlich von Wallace so rübergebracht.
Eher ungewöhnlich ist das Auftreten des unsympathischen Inspektor Mander. Der auch Protektion durch Beziehungen bei seinen Vorgesetzten hat. In einer Geschichte erwähnt Edgar Wallace auch mal wieder das Auftreten von schwarzen Schafen bei den Hütern für Recht und Ordnung. Ansonsten bezichtigt er gleich unbekümmert in der ersten Hexer-Story die Pariser Polizei hochgradiger Bestechlichkeit bis in die Spitzen, gefolgt von dem moralisierenden Fingerzeig, dass solcherlei Vorgänge im guten alten England undenkbar wären.

Zitat von Savini im Beitrag #2
... oder auch als eine Ein-Mann-Version des A-Teams, da er Menschen hilft, die von übermächtig erscheinenden oder vom Gesetz nicht zu belangenden Gegnern bedroht werden, dabei aber selbst stets auf der Flucht ist.

Möglicherweise auch ein beliebtes Thema (?). Gab da mal irgendso eine Ami-Serie, ein Gesetzloser, der selber Gesetzlose jagt.

Zitat von Savini im Beitrag #2
Eine Randnotiz: Es fällt auf, dass bei Wallace trotz aller patriotischen Elemente britische Politiker (wenn sie denn mal vorkommen) nicht unbedingt gut wegkommen...

Stimmt schon. Der lüsterne Mr. Willings beim Roten Kreis ist besonders auffällig. Inspektor Parr steht auch auf der Seite der Opposition zum Premierminister, entsprechend kühl ist auch die Atmosphäre.
Im Roman Der jüngste Tag agiert der Ministerpräsident regelrecht diktatorisch. Und die anderen hochrangigen Mitglieder der Regierung sind da nicht besser.
In den Afrika-Erzählungen werden die Regierungsmitglieder, wenn es sie mal in die fernen Gegenden verschlägt, stets als unfähig hingestellt.
Interessanterweise wollte Wallace aber selber auch in die Politik gehen. Seine Bemühungen für die Liberalen Anfang der dreißiger Jahre endeten aber eher in einem Desaster.

Savini Offline



Beiträge: 1.025

28.02.2025 14:53
#4 RE: Neues vom Hexer (1929) Zitat · Antworten

Zitat von Dr. Oberzohn im Beitrag #3
Interessanterweise wollte Wallace aber selber auch in die Politik gehen. Seine Bemühungen für die Liberalen Anfang der dreißiger Jahre endeten aber eher in einem Desaster.

Ähnlich war es einige Jahrzehnte zuvor Arthur Conan Doyle ergangen, dessen Versuch, eine politische Karriere zu starten, an einer Diffamierungskampagne scheiterte; im Nachhinein war er deren Urheber dafür sehr dankbar.

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