Zitat von Dr. Oberzohn im Beitrag #151
Zitat von Fabi88 im Beitrag #148
Schon da hat sich das Bild einer vermeintlichen "Mehrheit" verfestigt, am Ende waren es bei den Demos zu Spitzenzeiten zwar immerhin auch mal 20.000 Leute, aber selbst im Vergleich zu so etwas wie den Bauernprotesten war die Beteiligung gering. Im Vergleich zu einer wirklich großen Mehrheitsbewegung wie den Demos zur "Brandmauer" dann sogar marginal.
Du willst hier ernsthaft behaupten, die "Mehrheitsbewegung gegen die Brandmauer" hätte mehr Leute auf die Beine gebracht als die Corona-Demos? Mit Verlaub, aber das ist schon eine sehr steile These. Ich habe von so einer Bewegung noch nie was gehört, was nun aber nichts heißen will, da ich aus einer ganz anderen "Blase" komme.
Ich wohne in einer nach außen hin sehr linksgrün dominierten Gegend, aber letztlich bleiben die dauernden Demos der Linken definitiv hinter der Masse der Leute zur Corona-Zeit zurück, es sei denn, sie werden massenweise mit Bussen von sonst woher herangekarrt. Eigene Anschauung hilft hier mal deutlich, irgendwelche Propaganda von welcher Seite auch immer als solche zu erkennen.
Ja, die eigene Anschauung hilft sehr - sprich weg vom Handy/Internet, raus aus (digitalen) Blasen und mal raus auf die Straße. Oder Zahlen zur Hand nehmen, die nicht von den Veranstaltern selbst herausposaunt werden.
Die Google-KI fasst wie folgt zusammen:
"In Deutschland haben seit Anfang 2024 Millionen von Menschen unter dem Motto der „Brandmauer“ gegen Rechtsextremismus demonstriert.
Hier sind die aktuellen Zahlen im Überblick:
Gesamtzahl (bis Mitte 2024): Bis Juni 2024 nahmen bereits über drei Millionen Menschen an mehr als 1.200 Kundgebungen teil, was diese Proteste zur größten Demonstrationsserie in der Geschichte der Bundesrepublik macht.
Großdemonstrationen 2024: Ein zentraler Höhepunkt war die Aktion „Wir sind die Brandmauer“ im Februar 2024 in Berlin, bei der über 150.000 Menschen eine Menschenkette um das Reichstagsgebäude bildeten.
Protestwelle 2025: Nach einer gemeinsamen Abstimmung von CDU und AfD im Bundestag flammten die Proteste Anfang 2025 erneut auf.
Am ersten Februarwochenende 2025 demonstrierten bundesweit etwa eine halbe Million Menschen.
Allein in Berlin versammelten sich Anfang Februar 2025 rund 160.000 Menschen (laut Polizei) bzw. bis zu 250.000 (laut Veranstaltern) für den Erhalt der Brandmauer.
Kurz vor der Bundestagswahl im Februar 2025 waren an einem einzigen Wochenende rund 315.000 Menschen bundesweit auf der Straße."
Veranstalter schönen ja gern Zahlen, da sprach man an einigen Tagen gern sogar von insgesamt über 1 Million Menschen auf den Straßen, für die es aber keinerlei Belege gibt. Aber als jemand, der berufsmäßig auf Demos gegen Corona, Gaza-Krieg und vieles mehr war, kann ich sagen, dass ich bisher in NRW keine größere Demo erlebt habe, als die "Brandmauer"-Demo, an der ich selbst im Februar 25 in Köln Teil genommen habe.
Es gab übrigens große Kritik an den öffentlich-rechtlichen Sendern, die Brennpunkte zu Bauernprotesten und Co sendeten, bei den Brandmauer-Demos aber lapidar von "zehntausenden auf den Straßen" berichteten. Dass es sich da um die größten Demonstrationen seit Bestehen der Bundesrepublik handelte, sah, las und hörte man so gut wie nie. Das auch einmal zur Einordnung, Kritik an den ÖR gäbe es nur von rechts.
Bei den Corona-Demos hingegen kam es besonders zu Beginn des Jahres 2022 bei den Teilnehmerzahlen zum Zenit. An einzelnen Montagen im Januar demonstrierten bundesweit zwischen 300.000 und 350.000 Menschen gleichzeitig an hunderten verschiedenen Orten. Ich korrigiere mich also gern, das war schon eine große Menge an Menschen. Da ging es wohl ganz explizit um die "Impf-Pflicht"-Thematik, womit auch ein breiteres Klientel mobilisiert werden konnte.
Gegen andere Maßnahmen, bzw. im Zeitraum 2020/2021 gab es zwar über 2.700 einzelne Demonstrationen gegen die Corona-Politik, Teilnehmerzahlen lassen sich dazu jedoch kaum finden, was für eher geringe Teilnehmerzahlen bei vielen, verstreuten Demos spricht. Das kommt natürlich zum Teil auch durch Verbote und Auflagen zu Stande, das will ich gar nicht negieren.
Hinzu kommt aber auch noch, dass potentielle Gegendemos, die eine tatsächliche öffentliche Meinung differenziert möglich machen würden, rein logisch nicht möglich waren. Wer nicht gegen die Maßnahmen war, hielt sich ja einfach dran und blieb zuhause, das kann man aber in Zahlen schwerlich messen.

Verbürgt ist jedenfalls eine große Diskrepanz zwischen (online) verlautbarter Bereitschaft zum Demonstrieren gegen Corona-Maßnahmen und den dann tatsächlich auf den Straßen zu findenden. Von den 10-15 Prozent, die bei Abstimmungen Unzufriedenheit äußerten, war man bezüglich der Beteiligung bei Demos weit entfernt.
Ich kann da leider nur anekdotische Stichproben bieten: In meiner Geburtstagsstadt Jever (Familienmitglieder kamen wegen Einkauf und Co an den Demos vorbei) nahmen 20/21 etwa 5-10 Leute an den Demos Teil, hier in Köln Ehrenfeld auf dem Neptunplatz standen in dem Zeitraum mal 10-20 Leute vor einer Bühne mit Lautsprecher. Auch bei den Demos, die ich beruflich begleitet habe, waren es keine Massen an Teilnehmern.
Und hier kommen wir dann wieder zur Diskrepanz Social Media-News und polizeilich ermittelte Zahlen:
Einzelne Großdemonstrationen, wie etwa in Berlin im August 2020, sorgten für stark voneinander abweichende Angaben. Während die Polizei von rund 17.000 bis 38.000 Teilnehmenden sprach, behaupteten Veranstalter teils Millionenwerte, was jedoch von Faktencheckern widerlegt wurde.
Einigen wir uns also darauf, dass ich die Zahlen unterschätzt habe. Von einer Mehrheit ist das Alles aber wirklich weit, weit entfernt. Die Mehrheit hat die meisten Maßnahmen toleriert bis begrüßt. Und bei der "Impf-Pflicht", die im Übrigen wohl nie ernsthaft auf dem Tisch lag, wäre auch ich dagegen gewesen.
Ich glaube übrigens, dass Du intelligent genug bist, dass Du es nicht nötig hättest solchen Unsinn wie "Busse, die bezahlte Demonstranten herankarren" weiterzuerzählen.
Zitat von Dr. Oberzohn im Beitrag #151
Zitat von Fabi88 im Beitrag #148
...die im Interesse bestimmter Parteien, Interessensgruppen oder Nationen wie Russland, den USA, China oder sonstwem die öffentliche Meinung in Deutschland beeinflussen wollen.
Das mag nun alles sein oder auch nicht. Versuchte Einflussnahme auf die alternativen Medien über ausländische Geldgeber ist mit Sicherheit gegeben. Das würde ich gar nicht abstreiten. Fakt ist aber auch, dass unsere Staatsmedien (als die betrachte ich die ÖR) schon lange Zeit durch die ständigen Verflechtungen in der sogenannten Atlantikbrücke im Sinne der angelsächsischen Mächte beeinflusst werden. Ebenso, wie die großen Medienkonzerne Springer, Bertelsmann, Burda usw. Hier eine Unabhängigkeit in der Berichterstattung zu sehen, ist auch fragwürdig, die gab es in dem Sinne noch nie.
Ich finde den Zirkelschluss "ÖR=Staatsmedien" immer etwas schwierig, weil laute Kritik ja gerade von der Union kommt, die nun einmal leider selbst aktuell regiert. Scheinbar ist dort sehr vielen der öffentlich-rechtliche Rundfunk nicht staatsnah, bzw. wohlwollend genug. Mir sind viele Berichte auch zu wenig regierungskritisch, dass man da aber nur 24/7 Merz' oder Spahns Agenda sendet, sehe ich wiederum auch nicht. Es stellt sich dann ja auch die Frage, was daraus folgt, wenn man endlich regierungskritischer ist, bzw. die Themen tiefer beleuchtet. Das würde eher nicht der AFD helfen, die in vielen Punkten der CDU ja sehr nahe steht, nur weitaus drastischere Lösungen bevorzugt.
Und was die von Dir angesprochene Amerika-Nähe betrifft: Ich empfinde die Berichterstattung von ARD und ZDF zu Trump und Co zunehmend kritischer. Man leistet durchaus einen Beitrag zur angemahnten Eigenständigkeit von Europa. Dass man da (noch immer!) im Sinne der Atlantikbrücke arbeitet, sehe ich also nicht unbedingt. Springer (BILD, Welt und Co) tanzt da mittlerweile relativ einsam auf weiter Flur.
Die Unabhängigkeit der Öffentlich-rechtlichen war zeitweise übrigens zumindest so groß, dass die CDU unter Helmut Kohl unbedingt ein privates Fernsehen für Gegenstimmen etablieren wollte, es hat sie also definitiv mal gegeben.

Zitat von Dr. Oberzohn im Beitrag #151
Zitat von Fabi88 im Beitrag #148
Gibt es keine zweite Quelle, kann in vielen Fällen (erst einmal) zu bestimmten Themen von seriösen (!) Medien keine Berichterstattung erfolgen oder eben nur mit Einschränkungen.
Wenn ich schon "seriöse" Medien lese. Es gibt interessante Literatur von Insidern dazu, wie es in der "seriösen" Medienwelt mittlerweile zugeht und wie weit man sich von Standards entfernt hat, die es da früher mal gab. Alleine der Rechercheaufwand wird auf Minimum runtergefahren, es werden nur die vorgefertigten Texte von Organisationen, Politikern oder was auch immer übernommen. Deswegen klingt auch alles gleich, was du so zu lesen oder zu hören kriegst. Mal abgesehen davon, dass auch die Nachrichten im ÖR gerne mal auf Bilder oder Filme zurückgreifen, die es schon vor zwei Jahren gab. Hauptsache irgendwo brennt ein Auto, und schon hat man Bilder über den Aufstand im Lande Irgendwo.
Das Wort "seriös" ist sehr schwammig und lässt sich meiner Ansicht nach für einige (nicht für alle) alternative Medien wesentlich besser anwenden als die Mainstream-Medien. Ansichtssache.
Du sprichst da viele wichtige Punkte an. Vor allem sehe ich endlich einmal Argumente und konkrete Handlungsvorschläge!
Man hat sich zu sehr von Standards entfernt? Dann muss man sich ihnen wieder annähern um die selbstbehauptete Seriösität auf stabile Beine zu stellen.
Dass der Rechercheaufwand heruntergefahren wurde, stimmt und hat vor allem seine Gründe im dauernden Sparen. Will man Kosten senken, ist dies bei Infrastruktur, Technik und Pensionsansprüchen und Co kaum möglich. Jede Einsparung findet im laufenden Programm statt. Die Folge sind nur noch freie Autoren (teils auch für andere Sender oder private Unternehmen tätig) und Honorare, bei denen Langzeit-Recherchen kaum finanziell angemessen abgebildet werden. Natürlich ist es dann leicht einfach einen Print-Artikel aus einer großen Tageszeitung zu bebildern - überspitzt formuliert.
Man kann dann aber leider nicht steigende Effizienz und weniger Finanzbedarf fordern, aber gleichzeitig höhere Qualitätsanforderungen etablieren. Dies ginge nur, wenn man sich beispielsweise entscheiden würde, teure Sportrechte fallen zu lassen und das Geld in Information umzuschichten. Über so etwas darf man diskutieren, ich habe aber leise Zweifel, weil die Werbeeinnahmen in diesem Umfeld sehr hoch sind und sich der ÖR mit den hohen Quoten dort in gewisser Weise ja auch seine Daseinsberechtigung legitimieren kann.
Wenn Recherche und eigener (!) Themensetzung eine weitaus gewichtigere Rolle zukommen würde, würde ich das sofort unterschreiben.
Dass man Archivbilder wie ein brennendes Auto unmarkiert als neues Material für neue Ereignisse verwendet, ist dann aber wieder ein haltloses Fake News-Gerücht. Das lässt kein CVD durchgehen und falls doch, gibt es Rügen vom Presserat und man würde öffentlichkeitswirksam davon erfahren.
Natürlich können auch alternative Medien "seriös" sein. Wie Du aber richtig schreibst, gehören dazu die Einhaltung von Pressestandards und viel Recherche. Beides kostet Erfahrung und Geld - etwas, was alternative Medien nur selten haben. Dass die wenigsten Blogs oder Social Media-Journalisten über Infrastruktur und Kapital verfügen um Orte des Geschehens selbst aufzusuchen und Recherchen an diversen Orten durchzuführen, liegt auf der Hand. Dass die Wahrscheinlichkeit größer ist, dass ein Artikel in der Süddeutschen Zeitung oder FAZ gut recherchiert ist, daher auch.
Am Ende ist dann also, wie du sagst, Ansichtssache. Wenn man etwas glauben möchte und es gut ins Weltbild passt, kann man natürlich sogar XY bei Twitter oder NIUS für seriös halten.
Zitat von Dr. Oberzohn im Beitrag #151
Zitat von Fabi88 im Beitrag #148
damit die veröffentlichte der (angenommenen) "öffentlichen Meinung" entspricht?
Immer wieder die "öffentliche Meinung". Was ist das überhaupt und wie entsteht die? Schon vor hundert Jahren haben sehr einflussreiche Propagandisten wie Lippmann oder Bernays darüber geschrieben, wie man "die öffentliche Meinung" im Sinne einer "gelenkten Demokratie" über die Medienmacht beeinflussen kann. Selbstverständlich war bisher genug Zeit, die Dinge noch zu verfeinern und durch die technischen Möglichkeiten ist es auch leichter geworden.
Man sollte sich bei allem fragen, ob es tatsächlich die eigene Meinung ist, die da im Kopf ist, worauf die Meinung beruht und wie vertrauenswürdig die Quellen sind und mit eigenem Erleben deckt. Das ist natürlich unbequem und anstrengend. Irgendwas zu glauben ist dagegen leicht.
Ja, und da wir die Zeit des Nationalsozialismus ständig aufs Brot geschmiert kriegen, die Mehrheit hat ja nun offenbar an das geglaubt, was "von oben" vorgegeben wurde - wie so oft-, und lag falsch damit. Noch weiter zurück haben die Leute an Hexen, Fegefeuer und ähnliche Dinge geglaubt, die ihnen sehr medienwirksam von der Kirche präsentiert wurden, und wir tollen aufgeklärten Jetztzeitler machen uns darüber lustig.
Was die "gelenkte" Mehrheit denkt, muss also nicht unbedingt richtig sein. Das war früher so, ist heute so, und wird auch in Zukunft so sein. Jedenfalls ist es sicher kein KO-Kriterium.
Ich habe mich explizit auf Julia Klöckners Aussagen bezogen. Sie sprach von diesem diffusen Schlagwort "öffentliche Meinung", daher habe ich selbst es in Anführungsstrichen verwendet.
Meiner Meinung nach gibt es so etwas wie die "öffentliche Meinung" ebenso wenig wie es eine "politische Mitte" gibt. Ansichten wandeln sich quasi minütlich - was heute gesellschaftlich Standard ist, kann morgen schon (wieder) verachtet werden. Und es gab wohl nie so viele veröffentlichte Meinungen wie heute, wo es keine Gatekeeper mehr gibt, die mit Druckerpressen oder der Kontrolle der Ausspielwege entscheiden welcher Journalist etwas schreiben/sagen kann und welcher nicht. Der Endnutzer ist heute auch gleichzeitig Redakteur - und das macht das Ganze so problematisch, weil Medienkompetenz in weiten Teilen der Bevölkerung nicht existent ist und viele nicht in der Lage sind, den Wert einer Statistik des Bundesamts von einer Wordtabelle in Comic Sans aus der Telegram-Gruppe zu unterscheiden.
Eigene Anschauung schön und gut, aber man kann von einer alleinerziehenden Mutter, die Schichten an der Kasse des Discounters schiebt und sich Abends kurz informieren will, nicht erwarten, dass sie sich durch Print-Medien, öffentlich-rechtliches Angebot und "Alternativmedien" wühlt um zu irgendeiner Erkenntnis zu gelangen.
Dass Medien auch heute (wie in der NS-Zeit) eine große Rolle beim Umbau von Staatsformen spielen, sehen wir eindrücklich in den USA. Wenn auch hierzulande Angriffe von Politikern auf Medien gefahren werden, sollte uns das Sorgen machen. Für mich ist das eher ein Appell die von Dir angesprochenenen Kritikpunkte beim Öffentlich-Rechtlichen nachzubessern, weil wir ihn vielleicht stärker brauchen denn je.
Politiker raus aus den Rundfunkräten, Kürzen bei Unterhaltung, mehr Geld in Information und die Standards bei Recherche und Co erhöhen - Alles Punkte, die ich sofort unterschreibe.
