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 Film- und Fernsehklassiker national
Prisma Offline




Beiträge: 7.571

28.08.2022 16:59
Zuckerbrot und Peitsche (1968) Zitat · Antworten



ZUCKERBROT UND PEITSCHE


● ZUCKERBROT UND PEITSCHE (D|1968)
mit Helga Anders, Roger Fritz, Jürgen Jung, Helmut Hanke, Dieter Augustin, Monika Lundi, Walter Gnilka und Harald Leipnitz
als Gäste: Werner Enke und Jürgen Draeger
eine Rob Houwer Film Produktion | im Constantin Filmverleih
ein Film von Marran Gosov







»Geht das in dein Hühnergehirn rein?«



Aus purer Frustration überfällt Roger (Roger Fritz), der eigentlich als Model arbeitet, Bankhäuser und Juweliere. Seine Beutezüge können sich zwar sehen lassen, doch kosten schon bald mehrere Unbeteiligte das Leben. Helga (Helga Anders), die wesentlich jüngere und vollkommen vernachlässigte Frau des bekannten Galeriebesitzers Robert Arnold (Harald Leipnitz), schließt sich dem jungen Mann als Zeugin eines Raubüberfalls an, da sie sich nach Abwechslung, Anerkennung und Spannung in ihrem Leben sehnt, und ist ihm fortan behilflich. Allerdings zeigt das Gangsterleben schon bald seine unzumutbaren Kehrseiten...

Ein bizarres Werbe-Szenario, gleich zu Beginn dieses mit großer Spannung zu erwartenden End-60ers des aus Bulgarien gebürtigen Regisseurs Marran Gosov, weist auf eine bestimmte Richtung hin, die hier unausweichlich auf das Publikum zusteuern wird, welches bereit war für derartige Filme, die sich den Tugenden des deutschen Films zwar in vielerlei Hinsicht bedienen, sich ihren Hemmschuhen allerdings elegant entledigen konnten. Style over substance wird unter Gosovs Regie oft in style within style umgewandelt, und es scheint tatsächlich völlig unerheblich zu sein, ob man die nahezu immer geforderte Substanz innerhalb der Dramaturgie findet. Diese mehr als erstaunliche Vakanz verhilft "Zuckerbrot und Peitsche" zu einer kaum zu beschreibenden Schwerelosigkeit, die mit einer Bildsprache unterlegt und in ihr begründet ist, die für Furore sorgen wird. Die Dialoge bahnen sich ihren Weg frei Schnauze heraus, also ohne umständliche Umwege und vermeiden sprachliche Klippen, die andernorts allzu oft einen gehobenen Esprit zu verbreiten versuchten, welcher sich jedoch vornehmlich aus der technischen Finesse oder beispielsweise der Brauchbarkeit der angebotenen Charaktere ergeben sollte. Das wechselseitige Touchieren zweier unterschiedlicher Welten bringt die Geschichte mit simplen Kniffen in Gang, die thematisch bemüht ist, im Hier und Jetzt zu bleiben, sich allerdings gleichzeitig sträubt, sich als Äquivalent der Realität herzugeben. Für bare Münze ist die simple Tatsache zu nehmen, dass der Mythos der richtigen Zeit und des richtigen Orts seine volle Richtigkeit, aber ebenso Brisanz besitzt. Charmante Versatzstücke aus dem unmittelbar zuvor entstandenen Hit "Bonny & Clyde" werden als eigenständige Ideen, beinahe Erfindungen wahrgenommen, sodass aus dem beiden Protagonisten kurzerhand "Helga & Roger" werden kann, die separat schon über eine bestechende Aura verfügen, im Doppelpack jedoch ihresgleichen suchen dürfen.

Diese besondere und mitreißende Chemie der beiden Hauptdarsteller bringt den Verlauf zum Funktionieren und stattet ihn fernab der Gangster-Thematik mit einer satten Stringenz aus, die sich aus der Dreieckskonstellation mit Harald Leipnitz ergibt. Bizarre Allüren der Hautevolee finden Anwendung, damit sie nicht als das entlarvt wird, was sie in Wirklichkeit ist: bürgerlich. So kommt es zu entsprechenden Anstrichen, die überaus bourgeois und extravagant wirken, aber quälende Lieder der Langeweile singen. Helga ist in dieser mit viel Bling-Bling, Pelzen und glänzenden Schuhen ausstaffierten aber völlig farblosen Welt gefangen und tut schließlich das, was alle Damen tun: sich schmücken und bis zur Unkenntlichkeit bemalen, ver- und entstellen, was im gehobenen Volksmund schließlich salonfähig genannt wird. Ein Tag wie jeder andere entwickelt sich in einem Juwelier-Geschäft zur einmaligen Chance, sich mit einem Mal aus dieser Blase zu befreien. Helga wird Zeugin eines Überfalls mit Todesfolge, doch wer denkt, sie sei entsetzt und abgeschreckt, hat sich getäuscht. Begeistert und bewundernd blickt sie dem Kriminellen und Mörder nach, bis sie sich schließlich an Roger heranhängt, um ihm bei seinen blutigen Coups zu unterstützen. Adrenalin und Nervenkitzel wiegen in diesem Fall offensichtlich Gold und Juwelen auf, sodass sich eine klassische Partners-in-crime-Geschichte entwickeln kann, die das Publikum ungläubig in Atem hält. Szenen aus dem Hause Arnold dokumentieren, warum sich die junge Frau überhaupt in Resignation und gähnender Langeweile verlieren konnte, deren Ursache ein der Anforderung der Rolle entsprechend gut aufgelegter Harald Leipnitz ist. Es ist kein Wunder, dass sich Helga zu dem jungen, agilen, attraktiven, unkonventionellen und vor allem wesentlich maskuliner wirkenden Roger hingezogen fühlt, wenngleich in dieser Liaison dangereuse nicht Sex sondern originellerweise Crime im Vordergrund steht.

Marran Gosov zeigt sich sehr begabt beim Kreieren dieser Psychogramme, denn er bedient sich eines erfrischenden Pragmatismus. Gewürzt und forciert wird das Ganze durch Übertreibungen, der Zugabe landläufig kursierender Klischees und einer Prise Märchenstoff, sodass es zu der simplen Reaktion kommt, das Publikum mit einfachen Mitteln zu fesseln; Mittel, die seinerzeit in dieser Fasson noch nicht allzu häufig auf Zelluloid gebracht wurden, wohlgemerkt im bundesdeutschen Film. Gesellschaftskritische Ansätze erzielen ihre volle Wirkung, indem dieser angeprangerten Gruppe, die den meisten unbekannt sein dürfte, ein brüchiger Spiegel vorgehalten wird, dessen Sprünge die verzerrtesten und hässlichsten Fratzen zeigen. Der Zuschauer kann sich allerdings auch auf einen Unterhaltungsfilm stützen, der seine Stärken innerhalb des angebotenen Spektakels und der soliden Action findet. Es ist davon auszugehen, dass dieses Konstrukt ohne die Leistungen von Roger Fritz, Harald Leipnitz und insbesondere Helga Anders nur halb so effizient funktioniert hätte, da die Vertreter dieses Trios separat und charakteristisch für die erforderlichen Besonderheiten im Spektrum der Emotionen stehen, den Zuschauer aber ebenso spielend auf ihre Seite ziehen können, da jede dieser Personen Charakteristika, materielle Vorzüge oder beides besitzt, was letztlich eine merkwürdige Anziehungskraft aufzubauen vermag. Ist der Film zu Ende, bleiben es weitgehend Fantasiefiguren und Schicksale sowie Situationen, die vornehmlich in das Reich der Mythen verwiesen werden dürfen. Oder doch nicht? Genau hier liegt die Krux dieses bemerkenswert aufgebauten und leichtfüßigen Films, der trotz bleischwerer Inhalte kaum in gerne bemühte (da einfach auszuschlachtende) Bereiche vordringt, die im Film fließbandartig Verwendung fanden. Unterlegt mit Musik aus träumerischen Sphären, kann Marran Gosov für ein mit frischem Blut angereichertes Erlebnis sorgen, auf das der deutsche Film immer wieder heimlich gewartet hat.

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