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Dieses Thema hat 23 Antworten
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 Off-Topic
Seiten 1 | 2
Dr. Oberzohn Offline



Beiträge: 330

27.03.2020 20:31
Denkmaschinen, Snobs und Eierköpfe - die literarischen Detektive des klassischen Golden Age Zitat · Antworten

Nachdem die harten Burschen der amerikanischen Krimi-Schule ihre Besprechungen erhalten haben, sollen auch ihre klassischen und immer ein wenig verachteten Kollegen der zumeist englischen Rätselfraktion ihre Würdigung erfahren, die oft gar nicht so unrealistisch sind. Und selbst wenn - den Lesegenuss trübt das nicht unbedingt, im Gegenteil, auch die Flucht in eine wohlgordnete gerechte Scheinwelt ist mitunter Balsam fürs Gemüt.
Vielleicht kann hier ja immer mal was zu Christie, Sayers, Doyle, Allingham usw. gepostet werden.

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Agatha Christie (1890 – 1976)


Die Autorin und ihre Bücher:

Als Agatha Mary Clarissa Miller Ende des 19. Jahrhunderts das Licht der Welt erblickte, wurde sie in eine zu diesem Zeitpunkt recht wohlhabende amerikanisch-englische Familie hineingeboren, die lange Zeit in Torquay lebte. Wie es sich für Damen der Oberschicht gehörte, begann sie bei Ausbruch des ersten Weltkrieges als Krankenschwester und Apothekenhelferin zu arbeiten, wo sie einiges über Gifte lernte. Sie heiratete den Fliegeroffizier Archibald Christie, mit dem sie später ihre einzige Tochter hatte.
In den zwanziger Jahren begann sie sich einen Namen als Kriminalschriftstellerin zu machen, eine persönliche Krise warf sie kurzzeitig aus der Bahn, später ehelichte sie ihren zweiten Mann, den einiges jüngeren Archäologen Max Mallowan, den sie auch bei seinen Ausgrabungen im Nahen Osten tatkräftig unterstützte. Ihre Karriere als Autorin kam wieder in Schwung, bis zu ihrem Tod schrieb sie über 60 Kriminalromane, zahlreiche Geschichten, Theaterstücke und sonstige Bücher, darunter eine Autobiographie.

Bekannteste Helden ihrer Geschichten sind der aus Belgien stammende Privatdetektiv Hercule Poirot mit seinen "kleinen grauen Zellen" sowie die altjüngferliche Miss Jane Marple, die für alles in der Welt immer ein Beispiel aus ihrer dörflichen Nachbarschaft hat. Weiterhin verfasste Christie auch ein paar Bücher mit dem Detektiv-Ehepaar Bedford sowie mit anderen Protagonisten, manche sind eher abenteuerlich oder behandeln Verschwörungen. Unter Pseudonym veröffentlichte sie auch eine Handvoll Liebesromane.
Zweifellos ist der überraschende Plot bei den klassischen Kriminalerzählungen von Agatha Christie das dominierende Element, auf den die Handlung zusteuert, doch sind viele Figuren ihrer Bücher sehr lebensnah und mitunter auch psychologisch recht tiefgründig beschrieben, während sie überbordende Gesellschaftskritik und "Realismus" lieber anderen überließ. Wie bei allen Schriftstellern gibt es mehr oder weniger gelungene Stoffe, die Leser bekamen (und bekommen) das, was sie erwartet haben, immerhin gilt sie immer noch als erfolgreichste Schriftstellerin der Welt.


Leseempfehlungen:

Die Morde des Herrn ABC (Original: The A.B.C. Murders - Erstveröffentlichung: 1936)

Hercule Poirot bekommt ein schwieriges Problem: Ein Serienmörder bringt seine Opfer nach Alphabet um und verspottet zudem noch den berühmten Detektiv. Zusammen mit seinem Freund Captain Hastings ermittelt Poirot auch im Umfeld der Opfer, befragt Angehörige und kommt langsam einem seltsamen Mann auf die Spur, der immer an den Tatorten aufgetaucht ist. Doch die Wahrheit hinter den Verbrechen ist auch hier viel komplexer als gedacht. Bekannter Poirot-Krimi, der immer wieder -hoffentlich nur literarische- Nachahmer fand.


Das Sterben in Wychwood (Original: Murder is Easy - Erstveröffentlichung: 1939)

Der nach England zurückgekehrte Luke Fitzwilliam trifft im Zug eine alte Dame, die ihm von einer unheimlichen Mordserie in ihrem Heimatdorf berichtet. Wenig später ist sie durch einen "Verkehrunfall" umgekommen. Luke begibt sich nach Wychwood, beginnt private Ermittlungen, verliebt sich in die sportliche Bridget, Sekretärin des reichen Lord Whitfield, und deckt langsam eine Menge unnatürlicher Todesfälle auf. Wer ist der Mörder und das nächste Opfer ? Die Auflösung kommt gerade noch rechtzeitig. Relativ unbekannter Non-Poirot/Marple-Roman.


Die Schattenhand (Original: The Moving Finger - Erstveröffentlichung: 1943)


Jerry Burton und seine Schwester ziehen in die Kleinstadt Lymstock. Dort treibt ein Verfasser von anonymen Briefen sein Unwesen, der (oder besser die ?) allerhand Anstößiges über die Einwohner behauptet. Nachdem eine bekannte Dame des Ortes wegen der Anschuldigungen scheinbar Selbstmord begangen hat und es bald noch einen zweiten Todesfall gibt, ohne dass die Polizei weiterkommt, bittet eine Ortsansässige ihre Bekannte Miss Marple um Hilfe. Der gelingt schließlich die geniale Überführung des mörderischen Briefeschreibers. Trotz viel Liebe ein recht düsterer und guter Krimi.






Buchbesprechung: Das fahle Pferd


Originaltitel: The Pale Horse
Erstveröffentlichung: 1961



Hauptpersonen:

Mark Easterbrook - Historiker auf kriminalistischen Pfaden
Hermia Redcliffe - seine ernste Langzeit-Freundin
Katherine "Ginger" Corrigan - junge lebensfrohe Frau
Inspektor Lejeune - ermittelnder Polizeibeamter
Mr.Venables - reicher und gelehrter Mann im Rollstuhl
Zachariah Osborne - Apotheker und aufdringlicher Zeuge
Mrs. Calsthrop - Vikarsgattin
Jim Corrigan - Polizeiarzt
Ariadne Oliver - berühmte Kriminalschriftstellerin
Thomasina Tuckerton - plötzlich verstorbene junge Frau
Pamela "Poppy" Stirling - nicht sehr intelligente Floristin
Rhoda Despard - nette Cousine von Mark
Pater Gorman - beliebter katholischer Priester
David Ardingly - Freund von Mark
Mrs. Davis - Mitarbeiterin einer Marktforschungsgesellschaft
Mr. Bradley - verschlagener Rechtsanwalt
Thyrza Grey -
Sybil Stamfordis - die "drei Hexen"
Bella -


Handlung:

Mark Easterbrook, ein im Londoner Stadtteil Chelsea lebender Historiker, der wohl nicht so genau auf das Geld schauen muss, bemerkt in einer Kaffeebar einen Streit zwischen zwei jungen Mädchen, der mit ausgerissenen Haarbüscheln endet. Thomasina Tuckerton, so hieß das Haar-Opfer, ist wenig später plötzlich gestorben, wie Mark aus der Zeitung erfährt. Etwa zur gleichen Zeit wird der vielbeschäftigte Pater Gorman zu einer Frau gerufen, die nach kurzer Krankheit im Sterben liegt und ihm kurz vor ihrem Tod mühsam noch einige erstaunliche Dinge offenbart. In der selben nebligen Nacht wird der Geistliche in einem Seitenweg grausam erschlagen. Inspektor Lejeune bezweifelt, dass es ein Raubmord gewesen ist, der Täter war möglicherweise hinter einer Liste mit Namen her, welche Gorman versteckt am Körper trug. Er rätselt zusammen mit dem Polizeiarzt Jom Corrigan über den Sinn der Namensliste nach. Was hatte die verstorbene Mrs. Davis dem Pater mitgeteilt? Als einziger Zeuge hat sich ein Apotheker namens Osbourne gemeldet, der einen Mann gesehen haben will, der dem Opfer kurz vor seiner Tötung hinterher gegangen sein soll.
Derweil trifft sich Easterbrook mit seinem Freund David Ardingly sowie dessen neuester Flamme, einer hübschen, aber strohdummen Person, die "Poppy" genannt wird, zu einem gemeinsamen Abendessen. Die nicht ganz ernst genommene Poppy schnappt in ihrem Umkreis eine Menge Dinge auf, plötzlich kommt ihre Rede auf das Fahle Pferd, und die junge Dame verstummt plötzlich angstvoll.
Mark erfährt über seinen Bekannten Jim Corrigan von der ominösen Liste mit den Nachnamen. Darauf stehen unter anderem sowohl Tuckerton, das unglückliche Mädchen aus der Kneipe, als auch ein weiterer ihm bekannter seltener Name, dessen Trägerin ebenfalls plötzlich verstorben war. Als sich der junge Mann mit der befreundeten Kriminalschrifstellerin Ariadne Oliver bei seiner Cousine Rhoda und deren Gatten auf einem Dorffest trifft, kommt die Rede auf drei wundersame Frauen, die in einem ehemaligen Gasthaus wohnen. Das fahle Pferd - so hieß die Lokalität früher und dient den drei Weibern, die in der Gegend als Hexen verschrien sind, als Wohnhaus sowie auch Stätte für allerlei dunkle Magie. Es sind die sachlich-dominierende Thyrza Grey, die einfältige, aber medial begabte Sybil Stamfordis sowie die okkultistische Köchin Bella. Thyrza macht Mark ein verschleiertes unheimliches Angebot, betreffend der Beseitigung einer unliebsamen Person mittels Fernwirkung durch Hexerei.
Der verwirrte Easterbrook besucht mit seinen Gefährten den in der Nähe wohnenden Mr. Venables, eine faszinierende und sehr gelehrte Persönlichkeit, der aber noch im Alter an Kinderlähmung erkrankte und seither im Rollstuhl sitzen muss. Trotzdem behauptet der mittlerweile umgezogene Apotheker Osbourne bei der Polizei, dass ausgerechnet Venables der Mann gewesen sei, den er damals in der Mordnacht hinter Pater Gorman hat hergehen sehen.
Mark hat mittlerweile den Verdacht, dass das Fahle Pferd für eine Reihe von Sterbefällen verantwortlich ist. Auftragsmord durch Schwarze Magie ? Keiner, mit dem er darüber spricht, will ihm glauben, auch seine hübsche und kultivierte Dauerfreundin Hermia Redcliffe nicht, die ihn eher wie einen kleinen Buben behandelt. Nur die Vikarsgattin Mrs. Calthrop ermutigt ihn. Eine echte Mitstreiterin findet er schließlich in der jungen rothaarigen Galeristin "Ginger", welche er bei seinem Besuch bei Cousine Rhoda kennen gelernt hatte. Sie bringt sogar einen fragwürdigen Anwalt in Erfahrung, bei dem man "Wetten" auf das Weiterleben von Personen abschließen kann. Nun beschleunigt sich die Handlung, in Abstimmung mit Inspektor Lejeune bieten sich Easterbrook und Ginger als Köder an, Mark macht seine Wette auf das Leben seiner angeblichen ungeliebten Ehefrau Ginger, wohnt einer gruseligen okkultistischen Sitzung bei den drei Dorfhexen bei und glaubt nicht wirklich an den Erfolg des abergläubischen Rituals. Doch dann wird Ginger plötzlich krank...
Mark ist verzweifelt, doch wer würde schon ernsthaft eine Frau wie Thyrza Grey samt ihren Gehilfinnen wegen Verhexung vor Gericht bringen ? Steckt wirklich der vielleicht gar nicht gelähmte und vermögende Venables hinter allem, wie der kleine Osbourne hartnäckig behaupt? Erst eine Bemerkung der zerstreuten, aber klugen Mrs. Oliver bringt Easterbrook im letzten Moment auf die Spur, die Morde werden aufgeklärt und der Hintermann entlarvt, auch die eigentliche Bedeutung der Fahlen Pferdes wird gegeben. Mark hat Ginger gerettet, dass er sich zwischenzeitlich in sie verliebt hat, macht das Ganze nur noch schöner...


Bewertung:

Das Buch ist anders als die konventionellen Kriminalromane der Christie. Diesmal kein privater und dutzendmal verschachtelter Mord am reichen Erbonkel, sondern eine Nummer größer, Beseitigung unliebsamer Personen en gros. Eine Organisation, die gegen entsprechendes Entgeld Auftragsmorde begeht, kann aber bei der Queen of Crime einfach nicht aus harten Burschen mit Hüten und langen Mänteln und Maschinenpistolen als Tatwaffe bestehen, es muss schon etwas verschrobener und englischer zugehen. Hier kommt ein Thema auf den Tisch, mit dem sich Lady Agatha als junge Frau, wie viele ihrer Schicht, ernsthafter beschäftigte: Okkultismus. In ihren frühen Geschichten hatte sie sich übersinnlichen Phänomenen manchmal noch einfach als Lust am Grusel gewidmet, auch in ihrem Krimi Das Geheimnis von Sittaford wurde eine spiritistische Sitzung mit in die Handlung verwoben. Drei Jahrzehnte später nahm sie, auch als gerade wieder aktuellen Zeitbezug, den Glauben an und die Wirksamkeit von finsteren abergläubischen Ritualen als einen zentralen Punkt für ihren neuesten Krimi wieeder auf. Die drei unheimlichen Frauen mit ihren vorgegebenen teuflischen Kräften sind eine deutliche Referenz auf den auch im Buch erwähnten Shakespeare-Macbeth, wo auch drei Hexen vorkommen, mal abgesehen von aller möglichen sonstigen Mythologie, wie etwa den drei weissagenden Nornen im Nibelungenlied usw. Das Anspielen auf vor allem Klassiker der englischen Literatur oder Theaterkunst findet man bei der gebildeten Autorin häufig, auch die Verwendung von Kinderreimen oder, wie im vorliegenden Roman, von Bibelzitaten: Das fahle Pferd - einer der apokalyptischen Reiter saß darauf, nämlich Freund Hein selber, und hatte den Tod und Zerstörung im Gefolge. Auch moderne Psychologie wird im Buch angeschnitten, der sogenannte "Todestrieb" des Menschen wird wohl hier stimuliert, wie es aussieht...
Der Roman ist meist in der personalisierten Form von Mark Easterbrook als Erzähler geschrieben, ein paar Absätze zu Beginn sind in der dritten Person verfasst, vor allem, wenn sie die Erlebnisse von Inspektor Lejeune behandeln. Hier vermeinte die Autorin wohl ein wenig experimentieren zu müssen, obwohl ihr das Neue nicht sonderlich behagte, wie sie selber auch in Gestalt von Mrs. Oliver (die autobiographische Züge trägt) zugibt. Mit der Beatnik-Generation kann sie nicht mehr viel anfangen, die jungen Mädchen kleiden sich einfach furchtbar, die Sprache ist ihr fremd, weiterhin sieht sie die zunehmende Mechanisierung des Alltags kritisch, überall Maschinen, die uns vorgeblich die Arbeit erleichtern sollen, doch irgendwann mal ein Eigenleben führen werden ? Was hätte Lady Agatha wohl zu den heutigen jungen Frauen gesagt (tättowiert, gepierct, Farbtopf-Haarpracht, schlampige Klamotten) und zum neuesten Stand der Technik mit Smart-Technologie an jeder Ecke, Haushaltsgeräte, die scheinbar mit uns kommunizieren, Smartphones, um die sich das ganze Leben zu drehen scheint ? Sicher kann man das als Gebrabbel einer alt werdenden Frau abtun, die die Welt nicht mehr versteht, doch ich kann ihre Bedenken, die übrigens sehr humorvoll verpackt sind, schon gut nachvollziehen.
Außerdem macht sie auch in Sachen Liebe eine Konzession an die neue Zeit, der sich selbstlos um die Aufklärung der mörderischen Affäre bemühende (und offensichtlich nicht in Geldnot steckende) Held gibt seiner wohlerzogenen konservativen und furchtbar langweiligen Freundin Hermia den Laufpass und nimmt lieber die unkonventionellere und lebensfrohere Ginger.
Ansonsten muss man zugeben, dass die Autorin rein logikmäßig die Geduld des Lesers schon arg strapaziert. Hier hat sie es gemacht wie weiland der selige Edgar Wallace, Zufall an Zufall gereiht, die Personen kennen sich unglaubwürdigerweise alle untereinander, und wenn Mark Easterbrook mal nicht weiter weiß, fragt er die dumme Poppy, die trotz ihres Hohlkopfes auf alles eine Antwort weiß ... (?) Nein, diesbezüglich hat sie wesentlich Besseres geschrieben.
Die Passagen mit den bösartigen Zauberritualen einschließlich einer technischen Vorrichtung zur Verstärkung der schwarzen Energien sind wahrlich unheimlich geraten und liebevoll ausgeschmückt. Am besten gefällt mir die Einführung des schmierigen und rhetorisch abgebrühten Anwaltes Bradley als Mitglied der Mörderorganisation in Birmingham mit seinen rechtlich unbedenklichen Wetten auf den vorzeitigen Tod der jeweiligen Zielperson, die Sache klingt wirklich originell und man fragt sich, ob es in Wirklichkeit so funktionieren könnte.
So richtig Verdächtige gibt es diesmal wenig, der unklar zu Vermögen gekommene Mr. Venables, der in einer Mußestunde schon mal vom die anderen beherrschenden "Übermenschen" philosophiert, wäre durchaus ein geeigneter Kandidat als Organisator, wurde sogar in der Nähe des Gorman-Mordes gesehen, doch er ist ja nun an den Rollstuhl gefesselt, oder...
Der kleine geschwätzige Apotheker Osbourne ist übrigens einem realen Berufskollegen nachempfunden, in dessen Geschäft die Schriftstellerin während ihrer Kriegs-Aushilfe gearbeitet hatte und der ihr stets unheimlich und unangenehm vorkam (er konnte auch seine Hände nicht so recht bei sich halten).
Letzten Endes weiß Mrs. Christie auch, was sie ihrem aufgeklärten Publikum schuldig ist, die übersinnlichen Morde erfahren am Ende eine rationale Erklärung. Dabei kommt auch wieder etwas Modernes ins Geschehen, Marktforschung in Form von Kaufverhaltensbefragungen von Leuten, das Sammeln von persönlichen Daten schien der Autorin auch nicht so recht zu gefallen.
Natürlich ist ihre Vorstellung einer organisierten Verbrecherorganisation samt ihres egomanischen Anführers liebenswert schrullig und unrealistisch, doch das erwartet man doch auch von ihr, oder ?
Das fahle Pferd ist ein ungewöhnlicher Christie-Krimi mit Stärken und Schwächen, aber für Fans auf jeden Fall zu empfehlen.


Leseexemplar:

Scherz-Verlag; Sonderausgabe 1998; ca. 190 Seiten

Die Originalfassung der Übersetzung von Margaret Haas wurde laut Anmerkung überarbeitet. Ist halt ein Christie-Roman, kein literarischer Hochgenuss, aber gut lesbar, wahrscheinlich etwas modernisiert.


Verfilmung:

Das Buch wurde erst relativ spät, 1996, das erste Mal für das britische Fernsehen verfilmt, einige Änderungen inklusive. Vor zehn Jahren wurde die Geschichte noch einmal für einen Miss-Marple-Fall für eine englische Fernsehserie verarbeitet. Auch die auf den Christie-Fällen basierende französische Serie "Mörderische Spiele" hat eine Fahle-Pferd-Episode dabei.

schwarzseher Offline



Beiträge: 557

28.03.2020 11:41
#2 RE: Denkmaschinen, Snobs und Eierköpfe - die literarischen Detektive des klassischen Golden Age Zitat · Antworten

Super Idee ...aber warum der negative Einstieg ? verachtet ? Rätselfraktion ,Scheinwelt ......genau diese Rätselscheinwelt hat viele von uns doch erst zu Bücherwürmer werden lassen.Ich will rätseln, ich will zig verdächtige ,ich will .....alles was Christie /Sayers /Doyle usw. uns/mir bieten. Ohne diese Welt zum Abschalten wäre ich wohl kein so großer Krimi Fan geworden.Wenn ich Realismus will schaue ich Dokus .Auch die Sam Spades dieser Krimiwelt sind doch eine Scheinwelt, nur eben etwas anders.
In vielen späteren Krimis werden Blutorgien/Massenmörder / pseudo psycholgischer Blödsinn / hunderte Seiten Roman verlängernde Nebenstränge usw usw. als super duper Krimi ( am besten noch literarisch ) verkauft ......
In Wirklichkeit gibt es nur ganz wenige die in die großen Fußstapfen der Christies und co treten können ( zB. Ann Granger ?)

Nicht umsonst werden die Storys immer wieder neu verfilmt ....aber das ist dann wieder ein anderes Thema. ZB: die Angewohnheit in Christie Storys mit anderen Ermittlern Miss Marple herein zuschreiben halte ich für nicht glücklich.

Für mich war und ist es die nie mehr erreichte goldene Krimi Zeit.

Dr. Oberzohn Offline



Beiträge: 330

29.03.2020 15:23
#3 RE: Denkmaschinen, Snobs und Eierköpfe - die literarischen Detektive des klassischen Golden Age Zitat · Antworten

Ich teile die negativen Assoziationen in Bezug auf die Krimi-Klassiker keinesfalls. Ist halt der der allgemeine Konsens, auch sehr interessante Anthologien über den Kriminalroman, wie die von Julian Symmons oder auch das Mammutwerk Gangster, Opfer, Detektive schlagen leider in diese Kerbe.
Hängt sicher auch mit der geschichtlichen Entwicklung zusammen, die harten oder noir-Krimis wurden sicher als Befreiung von damaligen Konventionen gesehen, auch Raymond Chandlers wenig schmeichelhafte und damals vielbeachtete Äußerungen über Christie (die von einem großen Teil Neid herrühren) mögen da noch hineinspielen. Aber auch das ist schon lange her.
Ja, mittlerweile wird der Markt überschwemmt mit blutrünstigen Machwerken, geistesgestörte sadistische literarische Serienkiller feiern Hochkonjunktur, auch ein Schlaglicht darauf, wie es um unsere Gesellschaft grad bestellt ist. Eigentlich auch furchtbar langweilig, da lob ich mir eine schöne verschachtelte Geschichte mit den üblichen Motiven, Gier, Neid, Rachsucht usw. Doch die dickleibigen modernen Bücher mit gebrochenen Ermittlern und endlos ausgewälzten privaten und gesellschaftlichen Problemen, die eine dünne und klischeehafte Story überwuchern, vermögen mich persönlich auch nicht vom Hocker zu werfen. Bin da bei Leseversuchen fast jedes Mal enttäuscht wurden.
Da lob ich mir wirklich die Klassiker, da kriegt man sogar recht niveauvolle Kost mit einer meist witzigen, manchmal spannenden Handlung. Außerdem sind darin eben doch allerlei Grundlagen des menschlichen Denkens und Empfindens verknüpft, dass auch scheinbar zu verzwickte Probleme lösbar sind, dass schlimme Verbrechen auch hart bestraft gehören, dass die Gerechtigkeit siegt usw., mal abgesehen von einem entschleunigten Tempo. Sicher ist es eine Scheinwelt , die aber wohl mehr im Kurs zu stehen scheint als gedacht, warum immer wieder Christie-Verfilmungen, oder immer wieder neue Insoektor-Barnaby-Filme, die eine nie real existierende England-Welt bis heute hinüber retten (?).
Hat mir neulich beim Flohmarkt auch ein Händler bestätigt, die Klassiker-Taschenkrimis sind wieder sehr begehrt.

Wirklich ein interessantes Thema, über das man noch eine Weile philosophieren könnte. Naja, ist ja wohl grad ein bisschen mehr Zeit als sonst...

schwarzseher Offline



Beiträge: 557

30.03.2020 17:41
#4 RE: Denkmaschinen, Snobs und Eierköpfe - die literarischen Detektive des klassischen Golden Age Zitat · Antworten

Das ablehnen bzw. belächeln der "alten " Garde hat doch oft einfach damit zu tun das viele es einfach nicht schaffen Spannung zu erzeugen ohne ins Metzgergewerbe abzudriften.War bei Durbridge noch die Kette,der Handschuh oder bei Christie irgendein kleiner Fehler der nächste Fingerzeig , so musste bei den weniger Begabten schon direkt ein abgetrenntes Körperteil das "Rätsel" einleiten.
Das suhlen in Wiederlichkeiten steht oft im Vordergrund und das Ende weiß oft keinen anderen Grund als Geisteskrankheit als Motiv.
Natürlich taucht auch bei den alten schon mal ein Kopf in einer Kiste auf ( oder war das bei BEW ?) aber doch irgendwie in der Story und nicht als einziges tragende Merkmal der ganzen Story.

Dr. Oberzohn Offline



Beiträge: 330

01.04.2020 18:00
#5 RE: Denkmaschinen, Snobs und Eierköpfe - die literarischen Detektive des klassischen Golden Age Zitat · Antworten

Cyril Hare (1900 – 1958)


Der Autor und seine Bücher:

Alfred Alexander Gordon Clarke wurde in der Grafschaft Surrey geboren und lebte auf dem Land. Mitte der zwanziger Jahre wurde er nach einem Jurastudium Anwalt. Er heiratete, gründete eine Familie und arbeitete lange Zeit als Jurist, auch als Richter und während des Krieges bei einer staatlichen Behörde. Er galt als brillanter und geistreicher Redner.
Um seinen schriftstellerischen Ambitionen unbeschadet frönen zu können, wählte er ein Pseudonym – Cyril Hare. Sein literarisches Erbe ist recht schmal - er schrieb neben einem Kinderbuch und einem Theaterstück eine Anzahl Kriminalgeschichten und neun Kriminalromane. Eine nicht richtig ausgeheilte Tuberkulose war Ursache für seinen frühen Tod.

In Cyril Hares Krimis ermitteln meist der bodenständige Inspektor Mallet und/oder der ältliche Anwalt Francis Pettigrew. Die Romane zeichnen sich durch eine ausführliche und durchdachte Handlung aus, die Lösung liegt oft in den Fallstricken des englischen Rechts verborgen. Die Kriminalstories dagegen sind oft kurz und von schwarzem Humor.


Leseempfehlungen:

Tragödie im Gerichtssaal (Original: Tragedy at Law – Erstveröffentlichung: 1942)

Der Richter Sir William Barber reist rechtsprechend durch das Land. Nachdem er einen Unfall mit Personenschaden verursacht, sinnt das kaltgestellte Opfer auf Rache. Bald bekommt er handfeste Drohungen ins Haus, irgendwann geht die Sache tödlich aus… Inspektor Mallett und Anwalt Pettigrew sorgen am Ende für eine überraschende Auflösung. Bekanntester Hare-Roman.


Erschlagen bei den Eiben (Original: That Yew Tree’s Shade – Erstveröffentlichung: 1954)

Der spät verheiratete Anwalt Francis Pettigrew lässt sich in einer kleinen englischen Ortschaft nieder und beobachtet das tägliche Treiben. Da wird seine Nachbarin Mary Rose bei einer uralten Eibe erschlagen aufgefunden, alle Tatverdächtigen aus der Umgegend hätten den zentralen Platz erreichen können. Wieder ist es eine juristische Spitzfindigkeit, die den Mörder zu seiner Tat trieb. Schöner klassischer Krimi.


Mörderglück und andere Detektivgeschichten (Original: Best Detective Stories of Cyril Hare – Erstausgabe: 1959 -posthum-)

Eine Sammlung mit allerlei meist makabren und pointierten Kriminalgeschichten, ganz im Stile von Henry Slesar oder Roald Dahl. Es geht um Mörder, Erpresser, Betrüger, Diebe und andere Zeitgenossen, die Moral ist eher „Wer andern eine Grube gräbt…“, die Gerechtigkeit trägt nicht immer den Sieg davon. Sehr kurzweilig und unbedingte Schmöker-Empfehlung !






Buchbesprechung: Mord made in England


Originaltitel: An English Murder

Erstveröffentlichung: 1951


Hauptpersonen:

Lord Warbeck – todkranker Besitzer von Warbeck Hall
Roger Warbeck – sein missratener Sohn
Julius Warbeck – sein Vetter und britischer Schatzkanzler
Camilla Prendergast – Rogers unglückliche Verlobte
Mrs. Carstairs – ehrgeizige Politikergattin
Mr. Briggs – altgedienter Butler
Susan Briggs – seine Tochter
Dr. Bottwink – deutscher Historiker
Sergeant Roberts – Polizist und Aufpasser


Handlung:

Auf Warbeck Hall, einem ehrwürdigen typisch englischen Landsitz, hat der dort ansässige und im Sterben liegende Lord zu einer letzten gemeinsamen Weihnachtsfeier gerufen. Das letzte Fest ist es nicht nur wegen des Gesundheitszustandes des alten Mannes, sondern auch wegen der nicht mehr bezahlbaren Steuern und Abgaben, die neuerdings (es ist die Zeit nach dem zweiten Weltkrieg) erhoben werden, das Gut wird nicht mehr zu halten sein.
Die Familie ist überschaubar und könnte gegensätzlicher nicht sein. Da ist zum ersten der Sohn Robert, vor einiger Zeit zum Führer der neofaschistischen Liga für Freiheit und Recht mutiert. Das enfant terrible der Sippe hasst den Rest der Gäste, besonders Sir Julius Warbeck, einen Vetter des alten Lords, der Mitglied der Sozialisten ist und als Schatzkanzler auch für die neuen Gesetze mitverantwortlich. Der eitle und redselige Sir Julius teilt die gegenseitige Antipathie, in seinem Gefolge ist der unerschütterliche Sergeant Roberts als staatlich bestellter bodyguard. Auch eine entfernte Verwandte, Lady Camilla Prendergast, reist zu dem Treffen. Bei ihr kommen sehr persönliche Gründe mit dazu, war sie doch lange Zeit mit Robert verlobt, welcher sich aber schon seit einiger Zeit von ihr zurückgezogen hatte. Camilla will klare Verhältnisse schaffen. Weiterhin kommt noch eine alte Bekannte der Familie dazu, die geschwätzige und nervtötende Mrs. Carstairs, deren Mann ebenfalls in der Politik mitmischt und sich Hoffnungen auf Sir Julius‘ Posten macht. Was auch seine übermutterartige Frau gerne sehen würde.
Und dann ist da noch, selbstverständlich, der quasi schon immer in Diensten stehende Butler Briggs. Stets zur Stelle, wenn man ihn braucht, der weiß, wo sein Platz in der Welt ist, natürlich nur ein Bediensteter, aber kein Sklave ! Als zweiter Außenseiter neben dem Polizisten Roberts treibt sich auf Warbeck Hall noch der jüdische Historiker Dr. Bottwink herum, ein Überlebender der deutschen Konzentrationslager und passionierter Historiker. Er sammelt mit freundlicher Genehmigung des alten Lords in alten Familienchroniken Material für sein Geschichtswerk über die englische Verfassung.
Nachdem nun alle Gäste eingetrudelt sind und auch so wichtige Dinge wie Dr. Bottwinks Sitzplatz an der Tafel durch Butler Briggs dezent geklärt wurden, kann die Feier beginnen, doch die steht unter keinem guten Stern. Robert benimmt sich unmöglich. Er streitet sich mit Sir Julius, beleidigt Dr. Bottwink und brüskiert seine ihn immer noch liebende Verlobte Camilla äußerst bösartig. Außerdem hat auch Briggs ein Wörtchen mit dem irregeleiteten Spross seines verehrten Herrn zu reden, denn der ist der Butlertochter Susan recht nahe gekommen – zu nahe, wie der kleine Schreihals beweist, den sie vor kurzem auf die Welt brachte. Ist Robert nun endlich mal bereit, sich seiner Verantwortung zu stellen ?
Während des Abendessens will Robert die anderen mit einer sensationellen Mitteilung überraschen, doch er bricht kurz darauf tot zusammen. In seinem Wein war Zyankali gewesen. War es Selbstmord, oder Schlimmeres ? Eigentlich hätte nun die Polizei benachrichtigt werden müssen, doch starke Schneefälle haben das unmöglich gemacht und auch Warbeck Hall ist komplett eingeschneit, die Wege unpassierbar.
Sergeant Roberts beginnt eher widerstrebend vertretungsweise mit den Ermittlungen, auch Dr. Bottwink macht sich seine eigenen Gedanken. Doch Eile tut Not, denn es gibt weitere Todesfälle…
So geht denn das kurzweilige Krimi-Spiel weiter, nicht nur die Umstände sind typisch englisch, sondern auch letztlich das Motiv des zum Schluss entdeckten Mörders, das es so wohl nur in Großbritannien geben konnte.


Bewertung:

Das Buch führt in eine Welt, die spätestens mit dem zweiten Weltkrieg eigentlich passe war. Der englische Landhauskrimi, zudem noch in der klaustrophobischen Variante, ist nur noch ein Anachronismus, als welcher er auch begriffen und geistreich parodiert wird. Die gute alte Zeit ist vorüber, die Gesellschaft im Umbruch, der Adel muss Federn lassen, sogar durch Betreiben von Angehörigen seiner eigenen Klasse wie Sir Julius. Was dem alten Lord Warbeck eher Gelassenheit abnötigt, treibt seinen Sohn in die Arme der Radikalen. Robert war nicht immer so gewesen, eigentlich ein ganz anständiger Kerl, aber die Entwicklung nach dem Krieg hat ihn verbittert werden lassen. Doch Faschismus war in England nie sonderlich populär, der auf Abwege geratene Sohn hat sich durch seine Nazi-Liga ausgegrenzt, den Rest tut noch sein vorsätzlich boshaftes Auftreten.
Kaum jemand, mit dem er es sich nicht verscherzt, Mordmotive hätten wohl einige. Nur auf den stoischen Sergeant Roberts, der Symbolfigur des unerschütterlichen britischen Rechts, machen seine Anfeindungen keinen Eindruck. Als Robert ihm eröffnet, dass nach der Machtübernahme kein Platz für solche Polizei-Typen wie ihn wären, entgegnet der Beamte ruhig, dass er das gleiche auf den früheren Veranstaltungen von Sir Julius schon gehört hätte. Tja, Personenschützer werden in der Politik immer gebraucht.
Aber auch der sozialistische Julius ist nicht gerade eine Lichtgestalt. Von persönlichen Neidkomplexen getrieben, hat er kein Problem damit, das Geld anderer Leute ausgeben, will aber selbstredend keinesfalls an den eigenen Privilegien rütteln. Dummerweise hat der narzisstische Schatzkanzler in dem Polizisten Roberts einen „Schatten“, der von seiner Wichtigkeit vollkommen unbeeindruckt ist, ihm dann aber im Ernstfall bei einem Ausbruchversuch aus Warbeck Hall bei Tauwetter das Leben rettet. Aber warum wollte der Politiker unbedingt weg, war es eine Flucht ?
Und die anderen ? Cyril Hare treibt das Spiel mit den am Tatort versammelten unterschiedlichen Charakteren gekonnt fast auf die Spitze. Die mehrfach gedemütigte Verlobte etwa, hat sie Rache geübt ? Dabei hätte auch der alte Lord die liebenswerte und hübsche moderne junge Frau gerne als Schwiegertochter gesehen. Oder der Butler Briggs, dessen an der unstandesgemäßen folgenreichen Liason nicht ganz unschuldige Tochter heimlich mit auf dem Familiensitz lebt ? Er ist sich seiner Rolle als besserer Diener natürlich bewusst, doch auch der als verantwortungsvoller Vater, der die etwas zweifelhafte Ehre seiner Tochter unnachgiebig zu verteidigen gedenkt. Sind dem Guten ob Roberts Abfälligkeiten mal kurz die Sicherungen ausgebrannt ? Und was ist mit der nicht gerade zartfühlenden Mrs. Carstairs, die Robert mit offenkundiger Verachtung bedachte ?
So gerät jeder unter Verdacht, sogar Dr. Bottwink, der ob seiner Vorgeschichte für Figuren wie Robert Warbeck wohl keine Sympathien haben dürfte. Doch der kleine Historiker schnüffelt in den kalten Gemäuern selbst ein wenig herum, erst recht, nachdem nun auch der alte Lord gestorben ist, fraglich, ob da nicht jemand nachgeholfen hatte…
Bottwink, ein profunder Kenner der englischen Geschichte, hat einen Verdacht, der nach dem dritten Opfer zur Gewissheit wird. Tatsächlich kann man dem handfesten Sergeant Roberts keinen Vorwurf machen, auf ein solches Motiv für die Verbrechen kann wohl kaum ein normaler Mensch kommen. So ist die heikle Affäre bei Wiederherstellung einer Verbindung zur Außenwelt überstanden, ein klassisches Happyend gibt es trotz allem nicht, diesmal haben sich keine liebenden Herzen zueinander gefunden, doch das wird auch gar nicht groß vermisst.

Mord made in England ist ein witzig und unterhaltsam geschriebener Roman mit viel englischem Flair, der routiniert mit den Zutaten des klassischen country house mystery spielt und überraschend zeitlose Bezüge zu Politik und menschlichen Verhaltensweisen aufweist. Für Fans dieser Sorte Literatur zu empfehlen.


Leseexemplar:

Diogenes Verlag ; 1993 ; ca. 230 Seiten

Die Übertragung ins Deutsche von Klaus Prost liest sich sehr angenehm.


Verfilmung:

Ein Film über die Geschichte existiert nicht, wohl aber ein Theaterstück und eine frühe Radioserie.

Count Villain Offline




Beiträge: 4.283

02.04.2020 22:36
#6 RE: Denkmaschinen, Snobs und Eierköpfe - die literarischen Detektive des klassischen Golden Age Zitat · Antworten

Zitat von Dr. Oberzohn im Beitrag #1
Weiterhin verfasste Christie auch ein paar Bücher mit dem Detektiv-Ehepaar Bedford


Beresford bitte.

Dr. Oberzohn Offline



Beiträge: 330

03.04.2020 11:36
#7 RE: Denkmaschinen, Snobs und Eierköpfe - die literarischen Detektive des klassischen Golden Age Zitat · Antworten

Richtig. Thomas und Prudence (Tuppence) Beresford. Namen sind nicht grad meine starke Seite...

Dr. Oberzohn Offline



Beiträge: 330

04.04.2020 20:45
#8 RE: Denkmaschinen, Snobs und Eierköpfe - die literarischen Detektive des klassischen Golden Age Zitat · Antworten

Victor Gunn (1889 - 1965)


Der Autor und seine Bücher:

Der gebürtige Londoner Ewry Searles Brooks begann schon in seiner Jugend zu schreiben. Er heiratete, hatte eine Vorliebe für schnittige Autos und verdiente seinen Lebensunterhalt als Schriftsteller, wobei er unter verschiedenen Pseudonymen über 1000 Romane und Erzählungen sowie unzählige Kurzgeschichten für Zeitschriften veröffentlichte. Am erfolgreichsten waren aber die über vierzig Bücher über Inspektor Cromwell von Scotland Yard, die unter dem Autorennamen Victor Gunn auf den Markt kamen.

Der Autor war ein ähnlicher Vielschreiber wie Edgar Wallace, er bediente sich in seinen Krimis gerne auch der üblichen Versatzstücke, wie Nebelnächte, maskierte Schurken und raffinierte Mordanschläge, zudem stets noch aufgesetzter wirkender Liebesgeschichten, um auch die Bedürfnisse des weiblichen Lesepublikums zu bedienen. Allerdings sind die Romane nicht so phantasiereich, dagegen wird mehr Wert auf einen schlüssigen Plot gelegt, dem Whodunit-Verlangen wird Rechnung getragen. Und selbstverständlich handeln die Victor-Gunn-Krimis ausschließlich nur von dem oft übelgelaunten Chefinspektor Cromwell samt seinem verbindlicherem Sergeanten Lister als ständig auftretende Hauptpersonen, die Story ist meist solider englischer Krimistoff ohne allzu komplexe Rätsel. Vor einigen Jahrzehnten hatten die Bücher auch in Deutschland eine große Leserschaft, doch mittlerweile sind sie wohl weitgehend (leider) in Vergessenheit geraten.


Leseempfehlungen:

Die Treppe zum Nichts (Original: The Crooked Staircase - Erstveröffentlichung: 1954)

Nach dem plötzlichen Tod des alten Richard fallen auch seine beiden nichtnutzigen Söhne einem mehr als seltsamen "Unfall" zum Opfer, nur seine Nichte überlebt knapp den ausgefallenen Anschlag. Ist hier ein mörderischer Erbschleicher am Werk, oder gibt es ein anderes Motiv ? Inspektor Cromwell ermittelt souverän in der Bevölkerung des Dorfes, mit viel Erfahrung und Kombinationsgabe gelingt es ihm, den immer noch gefährlichen Mörder rechtzeitig unschädlich zu machen. Hat Schauerflair.


Das Wirtshaus von Dartmoor (Original: The Painted Dog - Erstveröffentlichung: 1955)

Der abgeschieden lebende Wirt Charley Widden wird in seinem am Rande von Dartmoor stehenden Gasthaus The Painted Dog in seinem verschlossenen Zimmer erschossen aufgefunden. Inspektor Cromwell kann viele Verdächtige ausmachen, die sich in der Gegend herumtreiben, es bleibt nicht bei der einen Missetat, doch letzten Endes führt die Spur in die dunklen Tage der V-Waffen-Angriffe auf London zurück. Solider Gunn-Krimi, der es sogar zu einer (völlig andersgearteten) deutschen Verfilmung geschafft hat.


Die Lady mit der Peitsche (Original: Castle Dangerous - Erstveröffentlichung: 1957)

Die herrische Lady Angela, Besitzerin des als Ferienhotel dienenden Schlosses Gleniston, wird mit einem Hammer erschlagen. Der Erstverdächtige hat ein Alibi, Inspektor Cromwell muss unter den Angestellten und Gästen seine komplizierten Ermittlungen anstellen, wobei er einiges Überraschendes zu Tage fördert. Doch der Mörder ist auch nicht untätig und schlägt wieder zu, die letztendliche Entlarvung kommt plötzlich und logisch daher. Sehr populäres Buch des Autors.






Buchbesprechung: Das achte Messer


Originaltitel: The Golden Monkey
Erstveröffentlichung: 1957



Hauptpersonen:

Bill Cromwell ("Ironsides") - Chefinspektor von Scotland Yard
Johnny Lister - Sergeant und sein Assistent
George "Valentine" Pavlos - arroganter Bauchredner
Rex Dillon - Messerwerfer
Nina Dillon - seine Frau und Partnerin
Guy Wallis - Varité-Inspizient
Bill Bishop - sein Assistent
Kit Barlowe - Opernsängerin
Jim Sales - Requisitenverwalter
Howard Eccles - Varité-Direktor
Jerry Bowers - Portier
Ned Harris - Nachtwächter
George Pretty - Inspektor der örtlichen Polizei
Vick - ein gelehriger Schimpanse


Handlung:

Chefinspektor Cromwell, in Anlehnung an die gepanzerten Garden seines berühmten Namensvetters auch "Ironsides" oder einfach nur "Old Iron" genannt, hat schlechte Laune. Übellaunigkeit ist der natürliche Aggregatzustand dieses Mannes (auch der dreihundert Jahre eher lebende Oliver war kein sonderlich angenehmer Zeitgenosse), doch momentan ist es in Ermangelung anspruchsvoller Kriminalfälle besonders schlimm. Sein Mitarbeiter, Freund und Wohngenosse Sergeant Johnny Lister schleift ihn zur Hebung der Moral in das Varitétheater Olymp. Tatsächlich schafft es der Anblick der spärlich bekleideten Tänzerinnen, Old Irons Stimmung etwas zu heben, er ist immerhin menschlich. Auch eine besonders gelungene Bauchrednernummer mit einem Schimpansen versetzt nicht nur ihn in Entzücken, doch bei einer raffinierten Messerwerfereinlage ist dann plötzlich Schluss mit lustig. Das achte Wurfmesser trifft die bikinitragende Schönheit auf der Bühne mitten in den Hals - Exitus !
Gottseidank ist Cromwell ein Mann der schnellen Entschlüsse, er reißt sofort die Tatortsicherung und die Ermittlungen an sich, zum Nachsehen des später eintreffenden Inspektors Pretty, der eigentlich zuständig wäre. Denn Cromwell kann nach kurzer Zeit beweisen, erstens, dass es kein Unfall, sondern Mord war, zweitens, dass der Messerwerfer Rex Dillon unschuldig ist, obwohl er ein handfestes Motiv gehabt hätte. Die Getötete, seine Gattin, hatte neben vielen unangenehmen Charaktereigenschaften auch einen gehörigen Männerveschleiß außerhalb der ehelichen Gemeinschaft vorzuweisen, wobei sie Vergnügen mit Geschäft verband. Doch der mittlerweile voll in seinem Element lebende Chefinspektor kann belegen, dass eine andere Person zeitgleich mit der eigentlichen Nummer aus dem Dunkel des Bühnenhintergrunds heraus das Mordwerkzeug geworfen hatte. In Verdacht gerät der überhebliche Bauchredner George Pavlos, genannt "Valentine", dessen Darbietung zusammen mit dem synchron die Lippen bewegenden Affen Vick eine wahre Goldgrube ist. The Golden Monkey, wie der Originaltitel des Buches heißt, wird hier zu The Golden Donkey, zum Goldesel. Doch Valentine hat etwas zu verbergen, er benimmt sich sehr verdächtig. Und das Varité kommt nicht zur Ruhe, auf den Nachtwächter Ned Harris und den Inspizienten Guy Wallis werden brutale Überfälle verübt, versiegelte Zimmer durchwühlt. Cromwell und sein nicht übermäßig heller Sergeant stoßen auf die Opernsängerin Kit Barlowe, die der Ermordeten zum Verwechseln ähnlich sieht - kein Wunder, ist sie doch die Zwillingsschwester des Opfers. Ihre Ähnlichkeit ist nur äußerlich, ihr Wesen ist völlig anders geartet, kein Wunder, dass der so plötzlich verwitwete (und noch nicht ganz verdachtfreie) Rex Dillon für sie entflammt ist. Aber der unbekannte Killer versucht wiederholt, auch dieser Schönen das Lebenslicht auszublasen, wieder gerät Valantine in starken Verdacht, verknüpft ihn doch ein Geheimnis mit der Messerwerfer-Familie, welches aber die Beteiligten nur nach äußersten Bemühungen des knurrigen Cromwell bereit sind zu enthüllen. Nun wird auch noch der Schimpanse Vick entführt, der arrogante Bauchredner ist außer sich... Die Handlung schlägt noch einige Haken, jetzt geraten auch die anderen Mitglieder des Unterhaltungstheaters in den Fokus, auch der Requisitenverwalter Jim Sales, dann Bill Bishop, der junge Assistent des Inspizienten, sowie auch der Chef des Ganzen, Direktor Eccles. Denn das Motiv der kriminellen Geschehnisse liegt in der Vergangenheit, da ist sich Chefinspektor Cromwell sicher. Auch Jerry Bowers, der Portier, scheint in seinen Zeugenaussagen etwas zu verbergen. Oder führen die Spuren doch wieder zu Valentine ? Gerade als der geübte Kriminalist Cromwell denkt, er hätte das Rätsel gelöst, gibt es wieder einen Toten, der ihn völlig durcheinanderbringt. Schlussendlich kann Ironsides aber auch diesmal wieder eine logische Erklärung geben, die grausigen Ereignisse im Olymp werden restlos aufgeklärt, und die Gerechtigkeit hat wieder gesiegt, mal abgesehen von zwei liebenden Herzen, die den Weg zueinander gefunden haben...


Bewertung:

Nach langen Jahren Gunn-Abstinenz muss ich gestehen, dass ich von der Lektüre der Affen-Messer-Geschichte sehr positiv überrascht war. Anstatt wie üblich trotteligen Dorfpolizisten unter die Arme zu greifen oder auch in den unheilbringenden Großstadtstraßen Londons zu ermitteln, bewegt sich Cromwell in eher ungewohntem Terrain. Varités waren so eine Mischung zwischen Theater und Zirkus, mit allerlei Künstlern und Artisten als Akteuren. Zum Glück besteht die Handlung im Prinzip weniger aus den ewigen Eifersüchteleien der Darsteller auf beruflicher und privater Ebene, wie sie meistens bei Krimis in diesem Milieu angesiedelt sind, es geht hier handfester zur Sache, so profane Dinge wie Betrug, Erpressung, Geldgier und sogar sexuelle Nötigung spielen als mögliche und tatsächliche Motive für die Gewalttaten eine Rolle. Die Handlung ist ungewöhnlich brutal und turbulent, der Täter ist eine aktive (von Angst getriebene) Person. Er muss auch Verbindungen zum Zirkus haben, wer bringt es schließlich einfach so fertig, ein Wurfmesser heimlich und zielgenau synchron mit der Darbietung auf die "Zielperson" schleudern ? Nebenher kann der Unhold auch noch seine Stimme verstellen, Personen telefonisch an ihn genehme Orte locken und manipulieren, schleicht mit einem Wurfmesser seinem nächsten Opfer durch neblige Straßen hinterher und überfällt es mit einer Maske vor dem Gesicht - auch auf diese schon weiter oben erwähnten liebgewonnenen Grusel-Zutaten muss der Leser nicht verzichten, da es auch Ereignisse außerhalb des Olymp gibt. Ein Doppelmord-Versuch ist sogar aus der Sicht des Killers beschrieben, er geht fehl, weil der Bösewicht nicht an die Funktionsweise alter Gasherde denkt. Anstatt den Gasverbrauch elektronisch auszulesen, in unverständliche Einheiten umzurechnen und daraus noch unverständlichere Rechnungen zu fabrizieren, über die man sich dann bei Bedarf noch lange Zeit herumstreiten kann, genügte es damals, ein Geldstück einzuwerfen, das Gas brannte dann solange, bis der Betrag aufgebraucht war. Genial einfach und gut für die potenziellen Opfer, dass vom Schilling nicht mehr viel übrig war...
Chefinspektor Cromwells Grobheit ist oft auch nur ein Mittel zum Zweck, auf diese Weise versucht er, ohne langes Federlesens sinnvolle Aussagen von den Beteiligten zu bekommen, obwohl er sich diesmal fast die Zähne daran ausbeißt. Für seine Berufskollegen hat er, wie immer, nicht viel Positives zu vermerken, nicht mal sein Vorgesetzter traut sich, ihm den Fall wieder wegzunehmen und an Inspektor Pretty zurückzuschieben, der nun zähneknirschend mehr oder weniger Handlangerdienste verrichten darf. Doch Old Iron kann sehr wohl auch nett und väterlich sein, wenn er es für angezeigt hält, schließlich gibt es auch ungestüme junge Burschen und sittsame junge Maiden, die man nicht zu hart anfassen darf. Der kauzige Chefinspektor hat tatsächlich ein Ohr und Auge für Dinge und Aussagen, die anderen entgehen würden. Sein ewiger zweiter Mann, der elegante und nette Johnny Lister, der zu seinem Leidwesen nie eine der begehrenswerten Damen in den Büchern abbekommt, stellt sich in seiner Begriffsstutzigkeit aber auch zu arg an ("Gott gebe, dass du nie mal einen eigenen Fall bekommst !", grantelt Ironsides grob aber gerecht), dagegen war Dr. Watson eine wahre Intelligenzbestie. Apropos, genau wie Watson wohnt auch er mit seinem Herrn und Meister in einer Junggesellenbude zusammen, eine seltsame Konstellation, über die schon allerlei Anrüchiges vermutet wurde...
Rex Dillon und die hübsche Kit Barlowe sind die beiden füreinander bestimmten Seelen, die love story wirkt neben der zupackenden Kriminalhandlung noch kitschiger als sonst, war aber offenbar eine Pflichtübung. Kit und Nina waren einer der Fälle von äußerlich gleichaussehenden (wie praktisch für Rex), aber charakterlich grundverschiedenen Zwillingen. Der männermordende Vamp Nina, der ja auch fast gerechterweise eine schlimme Strafe bekommen hatte, findet seinen Gegensatz in der viktorianisch-jungfernhaften Kit, die eher in die Sherlock-Holmes-Zeit gepasst hätte, dazu passt ihr ständiges Erröten bei geringfügigen und Ohnmächtigwerden bei schlimmeren Anlässen. Von den anderen Figuren wird nur Valentine ausgiebig beleuchtet, ein begabter, aber unangenehmer Typ, mit zweifellos schmutzigen Geheimnissen in seiner Vita - oder ist alles nur ein großer "Roter Hering" ? Ansonsten sind die restlichen Mitwirkenden die übliche Krimi-Staffage, hinskizzierte Charaktere, alle irgendwie verdächtig. Doch diesmal, das ist bei Victor Gunn eher ungewöhnlich, ist es wirklich kaum möglich, den Mörder zu erraten, nicht mal das bei geübten Krimi-Lesern untrügliche Bauchgefühl will sich einstellen, dazu trägt auch der letzte Mord noch bei. Obwohl das sichtliche Bemühen des Autors, die Handlung zu strecken, durchaus auffällt, hat das Ganze schon was von einem Pageturner an sich, man will wirklich wissen, wie es nun ausgeht. Sicher, alles in allem ist die klischeehafte Story an den Haaren herbeigezogen, doch das tut der Lesefreude keinen Abbruch.

Das achte Messer ist ein durchaus spannender und wendungsreicher Krimi mit einer überraschenden Auflösung, für den routinierten Handwerker Ewry Searles Brooks alias Victor Gunn durchaus im oberen Bereich liegend, dem literarischen Erbe dieses Herren wäre auch jetzt noch durchaus wieder mehr öffentliche Aufmerksamkeit zu wünschen.


Leseexemplar:

Goldmann-Verlag ; Veröffentlichung ??? ; über 180 Seiten

Die Übersetzung von Ruth Kempner ist die Standardausgabe für Goldmann, liest sich dem nicht unbedingt hochliterarischen Original entsprechend ganz gefällig. Meine Taschenbuchausgabe hat auf dem Einband die attraktive Suzy Kendall inklusive neben ihr steckendem Wurfmesser, aus dem Wallace-Film Das Rätsel des silbernen Dreieck. Tatsächlich erinnert dessen Handlung auch ein klein wenig an den Krimi von Victor Gunn.


Verfilmung:

Ein Film nach dem besprochenem Roman existiert meines Wissens nach nicht.

Georg Offline




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04.04.2020 21:00
#9 RE: Denkmaschinen, Snobs und Eierköpfe - die literarischen Detektive des klassischen Golden Age Zitat · Antworten

Die Geschichten von Cyril Hare, Margery Allingham, Julian Symons und Patrick Quentin wurden auch fürs deutsche TV innerhalb einer Reihe verfilmt, die von Staffel zu Staffel dummerweise andere Titel hatte: Detektiv Quarles, Die Kriminalnovelle, DIe Kriminalerzählung und Mr. Carlis und seine abenteuerlichen Geschichten:

http://krimiserien.heimat.eu/k/die_kriminalerzaehlung.htm

Die Cyril Hare-Folgen beispielsweise hatten Walter Jokisch als Protagonisten und Wolfgang Staudte führte Regie.

In Gastrollen waren u. a. Albert Lieven, Ivan Desny, Eva Pflug, Ingrid van Bergen, Raimund Harmstorf, Rolf Schimpf, Rose-Renée Roth, Heinz Meier, Werner Schumacher und andere zu sehen.

schwarzseher Offline



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05.04.2020 10:58
#10 RE: Denkmaschinen, Snobs und Eierköpfe - die literarischen Detektive des klassischen Golden Age Zitat · Antworten

Bei amazon kann man Victor Gunn Romane von "Apex Crime" bestellen ,weis zufällig jemand ob diese Neuauflagen empfehlenswert sind ? bzw. neu Übersetzt oder sind das die alten Goldmann Sachen .
Danke .

Dr. Oberzohn Offline



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06.04.2020 13:11
#11 RE: Denkmaschinen, Snobs und Eierköpfe - die literarischen Detektive des klassischen Golden Age Zitat · Antworten

Zitat von Georg im Beitrag #9
Die Geschichten von Cyril Hare, Margery Allingham, Julian Symons und Patrick Quentin wurden auch fürs deutsche TV innerhalb einer Reihe verfilmt, die von Staffel zu Staffel dummerweise andere Titel hatte: Detektiv Quarles, Die Kriminalnovelle, DIe Kriminalerzählung und Mr. Carlis und seine abenteuerlichen Geschichten:

Das klingt ja richtig gut. Gibt es diese Serie auch auf DVD ? Obwohl es schon eine eigenartige Mischung zu sein scheint, die letzten Fälle sind ja sozusagen aus Klassikern der Weltliteratur entlehnt. Aber warum auch nicht ?
Auch Patrick Quentin (waren das nicht zwei Autoren ?) hat ganz Brauchbares geschrieben. Auch Margery Allingham und Julian Symons sind relativ bekannte Schriftsteller.
Eigentlich schade, dass diese Filme wohl fast vergessen sind, die Vorlagen sind gut, die Schauspieler top, was will man mehr... ?


[quote="schwarzseher"|p7398541]Bei amazon kann man Victor Gunn Romane von "Apex Crime" bestellen ,weis zufällig jemand ob diese Neuauflagen empfehlenswert sind ? bzw. neu Übersetzt oder sind das die alten Goldmann Sachen .
Danke .


Wie ich das sehe, sind das die Erstübersetzungen, also schon von Goldmann, die noch etwas modernisiert worden sind. Sieht man an den Namen der Übersetzer, war auch bei dem Bryan-Edgar-Wallace-Buch so, das ich mir da gekauft habe. Allerdings war ganz schön viel Buchstabensalat dabei. Wäre mal interessant zu wissen, ob die Texte jetzt sorgfältiger Korrektur gelesen werden. Wollte mir auch noch ein paar Klassiker besorgen.

Dr. Oberzohn Offline



Beiträge: 330

07.04.2020 15:26
#12 RE: Denkmaschinen, Snobs und Eierköpfe - die literarischen Detektive des klassischen Golden Age Zitat · Antworten

Ngaio Marsh (1895 – 1982)


Die Autorin und ihre Bücher:

Die gebürtige Neuseeländerin wurde sehr künstlerisch ambitioniert erzogen und ausgebildet, das Theater blieb ihre lebenslange und auch beruflich engagierte Leidenschaft. Nebenher schrieb sie ab 1934 über einen Zeitraum von fast fünf Jahrzehnten gut dreißig Kriminalromane und einige Geschichten über ihren Scotland-Yard-Helden Roderick Alleyn. Die nie verheiratete Ngaio Marsh lebte in mehrmaligem Wechsel zwischen Neuseeland und ihrer Wahlheimat Großbritannien. Sie erhielt für ihr schriftstellerisches Werk, aber auch ihren Einsatz für das Theater hohe Ehrungen.

Ihr kultivierter Held Roderick Alleyn ist zwar Polizeibeamter, hat aber, wie viele der damaligen Literaturdetektive, einen adeligen Hintergrund. Viele seiner Fälle spielen im Theaterbereich.
Die Romane zeichnen sich meist durch die Einführung glaubhafter Charaktere, ausführliche Befragungen aller Beteiligter und die logische Auflösung des zu Beginn erfolgten Mordfalles aus. Der Spannungsbogen kann nicht immer durchgängig gehalten werden, Schwerpunkt wird auf die Figurenzeichnung gelegt.


Leseempfehlungen:

Das Todesspiel (Original: A Man Lay Dead – Erstveröffentlichung: 1934)

Auf dem Wohnsitz von Sir Handesley wird wieder eine Wochenendgesellschaft gegeben, diesmal mit einem „Mörderspiel“ zur Belustigung. Doch plötzlich gibt es tatsächlich einen Toten. Alleyn ermittelt zwischen allerlei unterschiedlichen Figuren, untreuen Ehefrauen, gehörnten Gatten, rücksichtslosen Anarchisten… Mit Hilfe eines Reporters kommt die Wahrheit ans Licht. Recht aktionsreicher Erstling.


Ein Schuss im Theater (Original: Enter A Murderer – Erstveröffentlichung: 1935)

Aus dem Kriminalstück im Unicorn-Theater wird plötzlich blutiger Ernst. Ein Schauspieler bricht tot zusammen, der Theaterrevolver war mit echten Patronen geladen. Wer hat sie umgetauscht ? Chefinspektor Alleyn bringt im Laufe seiner Ermittlungen eine Menge Zwischenmenschliches zur Oberfläche, doch erst ein zweites Verbrechen kann den Mörder überführen… Gut lesbar.


Feines Ohr für falsche Töne (Original: Last Ditch – Erstveröffentlichung: 1977)

Ist die hübsche Dulcie wirklich bei einem Reitunfall gestorben ? Ricky Alleyn, Sohn des berühmten Kriminalisten, stellt eigene Ermittlungen an, die ihn in arge Bedrängnis bringen. Doch sind die aufgedeckten ungesetzlichen Machenschaften mit dem Todesfall verknüpft ? Aufklärung bringt hier wieder der Herr Papa. Spannendes und realistischeres Spätwerk der Autorin.






Buchbesprechung: Der Hyazinthenmörder


Originaltitel: Singing in the Shrouds

Erstveröffentlichung: 1959


Hauptpersonen:

Roderick Alleyn (Mr. Broderick) – Chefinspektor von Scotland Yard
Kapitän J. Bannerman – störrischer Schiffsführer
Mrs. Dillington-Blick – mondäne Verführerin
Pater Jourdain - Geistlicher
Aubyn Dale – bekannter Fernsehmoderator
Mr. Merryman – pensionierter Lehrer
Mr. Cuddy – ältlicher Tuchhändler
Mrs. Cuddy – seine Frau
Mr. MacAngus – zerstreuter Junggeselle
Timothy Makepiece – Arzt und Psychiater
Jemima Carmichael – junge kummervolle Dame
Miss Abbott – männlich wirkende Jungfer
Dennis – Schiffsteward


Handlung:

In London treibt ein Serienmörder sein Unwesen, der Frauen erdrosselt, ihnen einen Strauß Blumen, meist Hyazinthen, auf die Brust legt und dabei noch ein Liedchen trällern soll. Sein neuestes, mittlerweile drittes Opfer wird kurz vor Auslaufen des auch Passagiere transportierenden Schiffes Cape Farewell von einem Polizisten entdeckt. Der Rest einer Fahrkarte sowie andere Umstände lassen darauf schließen, dass der Mörder auf der Cape Farewell mit Kurs auf südlichere Gefilde eingecheckt hat. Kapitän Bannerman bekommt Order, im Hafen von Portsmouth einen neuen Passagier an Bord zu nehmen, den inkognito als Mr. Broderick mitfahrenden Chefinspektor Alleyn. Das gefällt dem alten Seebären überhaupt nicht, ständige Streitereien sind vorprogrammiert. Doch der verdeckte Ermittler setzt sich mit Besonnenheit durch und lernt seine Mitreisenden kennen. Ist einer von ihnen ein Killer ? Da gibt es den gebildeten Pater Jourdain, den quengelnden Lehrer a. D. Mr. Merryman, den fahrigen und seltsamen Schotten Mr. MacAngus, weiterhin den berühmten Fernsehstar und Moderator Aubyn Dale. Weiter ist noch das sich etwas proletenhaft gebende Ehepaar Mr. und Mrs. Cuddy mit an Bord. Der nette Schiffsarzt Dr. Makepiece hat offenbar eine Auge auf die junge Miss Jemima Carmichael geworfen, welche von einem geheimen Kummer bedrückt wird. Da geht es ihr genau wie der ältlichen grobknochigen Miss Abbott, die schon viele Reisen gemacht hat und kaum Gegenstand männlichen Interesses sein dürfte. Ganz im Gegensatz zu der auffallenden Mrs. Dillington-Blick, die es innerhalb kürzester Zeit schafft, dass ihr das Schiffspersonal, angefangen vom Kapitän bis hin zum jungen Steward Dennis, sowie ein Großteil ihrer (männlichen) Mitreisenden, verfallen sind.
Eine illustre Gesellschaft, und während Alleyn einerseits versucht, potenzielle Opfer unter den Damen ausfindig zu machen sowie die Alibis vor allem unter den Männern zu sondieren, steht er andererseits weiter mit der Heimat in Verbindung und lässt, so gut möglich, die Vorgeschichten der Passagiere ermitteln und ihre Alibis bei sämtlichen Mordfällen des blumenliebenden Täters prüfen. Zwischen Personal und Passagieren untereinander brechen Spannungen aus, allerlei Neid und Missgunst findet seinen Platz im beengten Raum des Dampfers. Spielerisch versucht der Detektiv, auch und gerade die Alibis für den letzten Mord sowie das Vorhandensein einer beschädigen Schiffsfahrkarte zu überprüfen, doch es bleibt sinnlos, keiner kann ausgeschlossen werden. Dabei gerät der mittlerweile enttarnte Alleyn in Zeitnot, denn der Abstand der Verbrechen betrug in der Vergangenheit immer zehn Tage, so dass ihm nicht viel Frist bleibt. Immer noch besteht Hoffnung, dass sich der Bösewicht doch nicht an Bord befindet, die aber arg ramponiert wird, als eine auffällig gekleidete lebensgroße Puppe (ein Geschenk an Mrs. Dillington-Blick) in eindeutigem Zustand an Deck aufgefunden wird. Nur ein schlechter Scherz des dafür berüchtigten Aubyn Dale, oder eher ein Versehen des frauenmordenden Übeltäters ? Die Anzeichen für den Wahnsinnigen an Bord häufen sich, Alleyn tut sein Möglichstes, um die Mitreisenden zu schützen, doch er kann nicht verhindern, dass der nächste Anschlag nicht nur einer Puppe an die Kehle geht…
Obwohl es ihm gelingt, den Kreis der Verdächtigen einzugrenzen, gelingt ihm die Klärung des Falles erst nach großer Anstrengung, aber schließlich hatte der Täter auch einen unbedachten Fehler gemacht. Als das Schiff in Kapstadt einläuft, ist ein dingfest gemachter Mörder mit an Bord.


Bewertung:

Mit Ausnahme der Eröffnungskapitel spielt die Handlung des Krimis auf der begrenzten „Bühne“ eines kleineren Dampfers auf seiner Reise nach Südafrika. Eigentlich ein gern verwendetes Thema, im Prinzip einer Variation des von der Außenwelt abgeschnittenen Landhauses oder ähnlicher isolierter Orte. Obwohl das Verbrechen an der armen Blumenzustellerin zu Beginn ja außerhalb der Cape Farewell passiert und von der Anwesenheit des Täters an Bord nicht mit Sicherheit ausgegangen werden kann (für den Leser stellt sich diese Frage nicht, sonst würde wohl kaum ein so langer Roman geschrieben werden). Brisanz erfährt die Geschichte eben durch die mutmaßliche Anwesenheit eines Serienmörders an Bord, der jederzeit wieder zuschlagen kann, die üblichen privaten kriminalistischen Motive kommen hier kaum zur Geltung. Ngaio Marsh gelingt es sehr gut, die einzelnen gegensätzlichen Personen herauszuarbeiten, die Beschreibung des Alltags auf dem Schiff aus der vorrangigen Perspektive der Passagiere würde sich auch ohne Krimihandlung amüsant lesen. Fast vergisst man bei den kleinen und großen Zänkereien und Selbstdarstellungen der Reisenden, dass ja auch ein triebgestörter Mörder darunter ist. Allerdings bleiben die Ermittlungen von „Mr. Broderick“ alias Alleyn stets präsent, vom widerwilligen Kapitän Bannerman halbherzig unterstützt, bringt er die Rede immer wieder auf den Blumenmörder, wie er von der Presse genannt wird. Seine Gedanken vertraut er oft den Briefen an seine geliebte Frau Troy an, ein guter Schachzug der Autorin, den Leser am jeweiligen Ermittlungsstand teilhaben zu lassen, denn er steht ja auch laufend mit Scotland Yard in Verbindung. Die Atmosphäre auf dem Schiff wird langsam, aber sicher immer bedrohlicher, die Anwesenheit und Unkontrollierbarkeit des Mörders immer wahrscheinlicher. Plötzlich tauchen überall mal Hyazinthen, das Markenzeichen des Unholds, auf – ein Vorzeichen der Gefahr.
Marshs Charakterstudien wecken Interesse, obwohl ihr schlechtgesonnene Menschen wohl eine gewisse Vorurteilsbehaftetheit vorwerfen könnten, etwa, was ältere Männer angeht, die bei ihr mit einer Unmenge von Komplexen durch die Gegend laufen, seien es der mäkelige und tyrannische Expädagoge Merryman, der schüchterne und zerstreute Briefmarkensammler MacAngus oder der lange und unzufrieden verheiratete Mr. Cuddy. Der eitle und oberflächliche Fernsehstar Dale, der dem Alkohol gerne zuspricht, ist ebenfalls kein Sympathieträger, dagegen eher schon der gereifte Geistliche Jourdain. Sein Leben im Zölibat wird auch diskutiert – liegt hier der Schlüssel ? Einzig der junge Schiffsarzt Dr. Makepeace scheint ein normaler Mann zu sein, er ist halt auch das „Opfer“ für die zum Glück nicht im Vordergrund stehende Liebesgeschichte mit der hübschen alleinreisenden Miss Carmichael. Die muss aus ihrem Liebeskummer erlöst werden, auch ein Klischee, das sich ebenfalls auf die unattraktive Miss Abbott erstreckt. Hat die eventuell gar ein lesbisches Geheimnis ? Oder Probleme mit anderen Frauen ?
Gar keine Probleme, zumindest mit Männern, hat dagegen die etwas füllige, aber sehr frauliche Mrs. Dillington-Blick. Für die aggressiven Forderungen von Feministinnen würde der Dame wohl jedes Verständnis fehlen, sie ist Meisterin darin, sich in der bösen männerdominierten Welt „das Reisen angenehm“ zu machen und einen „Hofstaat“ um sich zu scheren. Wozu ist man schließlich attraktiv und weiblich ? Selbstredend hat auch Mrs. Dillington-Blick eine weniger anziehende „beste“ Freundin, in deren Bewunderung sie sich suhlt, auch die an den Rand gedrängten anderen Frauen an Bord müssen ihr doch eine widerwillige Aufmerksamkeit zugestehen. Natürlich bekommt sie ihren Platz am Tisch beim gockelhaften Kapitäns.
Doch die Koketterie der drallen Venus hat auch ihre Schattenseiten, das sorglose Spiel mit dem Eros ist gefährlich, wenn ein Lustmörder mit auf Reise ist… Chefinspektor Alleyn versucht, mit Hilfe der Besatzung die Gefahr zu bannen, hat aber nicht mit Dillington-Blicks Schalk und der hündischen Ergebenheit des Stewards Dennis gerechnet – mit tödlichen Folgen.
Nachdem der Mörder schließlich doch gestellt ist, wirkt die Erklärung für seine Taten recht hausbacken. Ein Kindheitserlebnis, das Eins zu Eins in die Gegenwart umgesetzt wird, daneben noch immer zum richtigen Zeitpunkt zur Verfügung stehende Opfer, die alle gewünschten Merkmale haben – das klingt dann zu weit hergeholt und etwas unbefriedigend. Macht aber nichts, ansonsten ist es ein guter Krimi, in dieser Form hätte Frau Marsh alle ihre Bücher schreiben sollen, die mitunter in ewigen Befragungen, Dialogen und Wiederholungen zu erstarren drohen.

Der Hyazinthenmörder ist ein gelungener Kriminalroman der Autorin, mit psychologischer Ausleuchtung ihrer Hauptfiguren und zunehmend gesteigertem Spannungsaufbau. Empfehlenswert.


Leseexemplar:

Eduard Kaiser Verlag ; Sammelausgabe mit zwei anderen Romanen 1970 ; ca. 190 Seiten

Die lizensierte Übersetzung aus dem Scherz-Verlag liest sich angenehm.


Verfilmung:

Eine filmische Umsetzung des Geschehens scheint es nicht zu geben.

Dr. Oberzohn Offline



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13.04.2020 19:48
#13 RE: Denkmaschinen, Snobs und Eierköpfe - die literarischen Detektive des klassischen Golden Age Zitat · Antworten

John Dickson Carr (1906 – 1977)


Der Autor und seine Bücher:

Als gebürtiger Amerikaner heiratete Carr während eines Auslandstudiums in Europa eine Engländerin und übersiedelte nach Großbritannien. Mit seiner Familie zog er einige Jahre nach Ende des zweiten Weltkrieges wieder kurz und dann Ende der fünfziger Jahre endgültig in die USA zurück. Er verfasste über achtzig Kriminalromane, etliche Geschichten sowie Sachbücher. Die meisten seiner Romane spielen in Europa, für das er eine lebenslange Faszination hegte. Nebenher schrieb er auch Vorlagen für Radiokrimis und propagandistische Sendungen während des Krieges. In den angelsächsischen Ländern galt (und gilt ?) er als einer der berühmtesten Vertreter des Golden Age der Kriminalliteratur.

Carrs Werke sind ganz bewusst in einer Welt angesiedelt, in der der Realismus nichts zu suchen hat, die Handlung ist immer ganz auf das jeweilige kniffelige Rätsel zugeschnitten. Dabei gelingt es ihm meisterhaft, das scheinbar Übernatürliche und Schauerliche in die Handlung einzubauen, welches am Ende eine rationale (und nicht immer sinnvoll restlos befriedigende) Aufklärung erfährt. Außerdem war er ein Meister des locked room mystery, in dem Roman The Hollow Man (deutsch: Der verschlossene Raum) widmet er sich sogar in einem gerne zitierten extra Kapitel den zahlreichen Varianten dieser Spielart des Genres. Neben einigen frühen Werken über Henri Bencolin, den Chef der Pariser Polizei, führte er die von G. K. Chesterton inspirierte Figur des dicken Dr. Fell ein, etwas später noch Sir H. Merrivale, eine Anspielung auf Winston Churchill. Er befasste sich auch mit Conan Doyle und schrieb möglicherweise die ersten Historio-Krimis. Die besten Werke von ihm sind phantasievolle, dezent gruselige und schlichtweg klassische Detektivromane.


Leseempfehlungen:

Der Club der Masken (Original: The Corpse in The Waxworks – Erstveröffentlichung: 1932)

Eine Frauenleiche in der Seine sowie eine weitere Tote in einem schaurigen Wachsfigurenkabinett fordern die ganze Aufmerksamkeit des Pariser Polizeipräfekten Bencolin. Die Spur führt zum „Club der Masken“ – einer Art Swingerclub der feinen Gesellschaft, geführt vom Großkriminellen Galant. Doch wer ist der Mörder und warum? Phantasiereiche frühe Erzählung des Schriftstellers.


Die Tür im Schott (Original: The Crooked Hinge – Erstveröffentlichung: 1938)

Ein unklarer adliger Erbe, ein scheinbar unmöglicher Mord, Hexerei, ein „lebender“ Schachautomat, sogar der Untergang der Titanic sind Zutaten dieses Romanes. Der Autor erzeugt eine gekonnte Atmosphäre des schönen Schauders, wenngleich der dicke und ächzende Dr. Fell auch diesmal wieder eine logische Aufklärung am Ende gibt. Sehr guter Carr-Krimi.


Die Toten wecken (Original: To Wake The Dead – Erstveröffentlichung: 1937)

Aufgrund einer absurden Wette schleicht sich der Schriftsteller Kent in ein Hotelzimmer und stößt auf eine ermordete Frau. Nicht nur, dass die ihm sehr bekannt vorkommt, auch deren Gatte wurde in seinem Haus getötet. Dr. Fell muss wieder mal ermitteln, die Affäre endet auf einem einsamen nächtlichen Friedhof… Diesmal keine übernatürliche, aber sehr klassische Kriminalhandlung.






Buchbesprechung: Fünf tödliche Schachteln


Originaltitel: Death In Five Boxes

Erstveröffentlichung: 1938



Hauptpersonen:

Henry Merrivale - Geheimdienstchef und Hobbykriminiloge
Humphrey Masters - Chefinspektor von Scotland Yard
Felix Haye - scherzhafter Börsenmakler
Dr. John Sanders - Toxikologe und Gerichtsmediziner
Dennis Blystone - bekannter Gehirnchirurg
Marcia Blystone - seine schöne Tochter
"Judy" Blystone - seine unzufriedene Ehefrau
Bonita Sinclair - verfüherische Kunsthändlerin
Bernard Schumann - Inhaber einer Importfirma
Peter Ferguson - sein zweifelhafter Angestellter
Nizam El Hakim - noch ein zwielichtiger Angestellter
Charles Drake - Juniorpartner einer Anwaltsfirma
Timothy Riordan - Hausmeister
Robert Pollard - Sergeant der Kriminalpolizei
Judith Adams - ehrbare Schriftstellerin


Handlung:

Als der Toxikologe Dr. John Sanders spätabends auf dem Weg nach Hause ist, wird er von einer wildfremden, aber gutaussehenden jungen Frau angesprochen, die ihn bittet, ihn in eine der oberen Etagen eines altehrwürdigen Miethauses zu begleiten. Der sonst wissenschaftlich und logisch vorgehende Sanders entscheidet sich für ihn vollkommen untypisch, ganz spontan dem Wunsch der hübschen Dame, einer gewissen Marcia Blystone, zu folgen - der Beginn eines bizarren Abenteuers. Nach der Entdeckung eines blutbefleckten Schirmdegens im Treppenhaus und dem Auftauchen eines seltsamen Angestellten einer im ersten Stockwerk residierenden anglo-ägyptischen Importfirma schwant den beiden nichts Gutes, als sie sich in die darüberliegende Wohnung des Börsenmaklers Felix Haye begeben. Die Vorahnung war richtig. Vier Menschen, drei Männer und eine Frau, sitzen bewegungslos um einen Tisch herum. Sanders erkennt gleich, dass sie vergiftet wurden. Drei von ihnen sind noch am Leben, doch der vierte, der Wohnungsinhaber, ist tot - erstochen.
Chefinspektor Masters steht vor einem Rätsel. Die mit Atropin betäubten anderen Opfer sind der Vater von Marcia, der hochangesehene Gehirnchirurg Dennis Blystone, die überaus attraktive Kunsthändlerin Bonita Sinclair sowie der ältere Mr. Schumann, der Inhaber der im unteren Stockwerk gelegenen Importgesellschaft. Alle Beteiligten haben seltsame Gegenstände in ihren Taschen stecken, Taschenuhren, ein Weckeruhrwerk oder Ätzkalk und Phosphor. Von Sir Dennis und Bonita Sinclair ist bekannt, dass sie eine Liason miteinander haben, sehr zum Missfallen von Tochter Marcia, von Mrs. Blystone nicht zu reden. Aber wie hängen die anderen Personen zusammen, und vor allem: wie war es möglich, das Gift in die Cocktails zu schütten? Die ersten Vernehmungen ergeben, dass eigentlich keiner der am Treffen Beteiligten das heimlich gemacht haben konnte, aber einer von ihnen muss schließlich der Täter sein. Masters wird zusätzlich noch verwirrt, weil der sich so merkwürdig benehmende Angestellte der Importgesellschaft, ein gewisser Ferguson, plötzlich aus dem polizeilich gesicherten Tathaus verschwunden ist, obwohl er als Zeuge festgehlten wurde.
Durch einen grotesken Unfall stoßen die Ermittler auf den allseits bekannten Sir Henry Merrivale, der der Chef des militärischen Geheimdienstes ist und eine Vorliebe für "unlösbare" Kriminalfälle hat. Merrivale und Masters vom Yard leben in einer ständigen, nicht allzu ernst gemeinten Rivalität. Der dicke Sir Henry, meist H.M. genannt (auch als His Majesty übersetzbar), vom Äußeren her Churchill sehr ähnlich, ist ein lauter und leutseliger Geselle, ein alter Freund von Dennis Blystone und beginnt nun ebenfalls nachzuforschen. Dabei stößt man auf immer neue Verwicklungen, das Vorleben der Verdächtigen betreffend. Die verwitwete Mrs. Sinclair ist in undurchsichtige und grenzlegale Kunstgeschäfte verwickelt, der ältere Mr. Schumann soll soger in eine finstere Mord- und Brandstiftungsaffäre verstrickt sein, sogar der angesehene Sir Dennis Blystone hat ein dunkles Geheimnis. Musste Felix Haye deshalb sterben ? Klingt wahrscheinlich, denn er hatte in seiner Rechtsanwaltskanzlei fünf Päckchen hinterlegt, die die Beweise für die Untaten seiner potenziellen Mörder enthalten sollten. Das wird dem Sergeanten Pollard von der Kriminalpolizei vom Juniorpartner der Firma, Charles Drake erklärt. Nur dumm, dass jemand in der Mordnacht bei den Rechtsanwälten eingebrochen ist und die geheimnisvollen Boxen gestohlen wurden...
Auch die mittlerweile schwer verliebten Dr. Sanders und Marcia Blystone machen sich auf die Spur und stöbern eher zufällig den verschwundenen und hochverdächtigen Ferguson auf (auch ein Name auf einem der gestohlenen Päckchen) , ein sehr unangenehmes Individuum, welcher den jungen Doktor mit einer großkalibrigen Luftpistole malträtiert. Doch die (unfreiwillige) Rettung bringt diesmal zum Großteil der unbekannte Mörder, auch Ferguson bekommt seine Dosis Atropin, ohne dass es letzlich der ebenfalls anwesende Merrivale verhindern kann, wobei der Täter wieder entkommt.
Immer neue Details der Mitglieder der seltamen Hayeschen Abendgesellschaft kommen ans Tageslicht, Mrs. Sinclair und Ferguson waren besser miteinander bekannt als gedacht, Schumann sowieso, der auch in merkwürdiger Beziehung zu einem anderen seiner Angestellten steht, dem undurchsichtigen El Hakim, dessen Rolle in der Angelegenheit ständig eine neue Betrachtung erfährt. Und wer ist eigentlich die immer noch unbekannte Judith Adams, deren Name das fünfte verschwundene Päckchen zierte ? Hängt sie mit dem Buch Die Höhle des Drachen zusammen, das der scheinbar so phlegmatische Hausmeister Timothy Riordan dem Mordopfer Haye geliehen hatte ?
Getreu den Konventionen des klassischen Krimis versammelt Henry Merrivale alle Verdächtigen bzw. Beteiligten in der Wohnung des Mordopfers, wo er nicht nur alle Rätsel aufklärt, etwa wie das Gift in die Getränke gekommen ist, sondern auch den Mörder entlarvt. Wer hätte wohl auf den getippt ? Doch nicht nur der Übeltäter im Hintergrund hat die Maske fallen lassen, auch die meisten Anwesenden haben sich als etwas völlig anderes herausgestellt, als sie in ihrem normalen bürgerlichen Leben darstellen, ein verquerer Verweis auf das tatsächliche Sein außerhalb der Scheinwelt des Rätselkrimis. Und zumindest für wenigstens zwei Menschen wird das private Lebensglück gefunden, womöglich sogar mehr.


Bewertung:

In gewisser Weise ist das Buch eher untypisch für Carr, denn es gibt keine bedrohlichen Familienflüche, verfallenen Schlösser und sonstige Zutaten des gothic novel, die sonst für die typische Schauerspannung sorgen. Auch vom Rätsel des Verbrechens im verschlossenen Raum ist nur eine kleine Abart übrig geblieben, das Verschwinden des zwielichtigen Ferguson aus dem polizeilich gesicherten Haus, in dem der Mord geschah. Die eigentlich nicht sonderlich spektakuläre Auflösung gibt Sir Henry mal zwischendurch, das passiert ständig, neben dem Mord als zentralem Problem tauchen immer wieder mal neue kleinere und oft eher groteske Rätsel auf, welche dann nach einigen diversen Erklärungsversuchen tatsächlich geklärt werden. Hauptsächlich wird gerätselt und gemutmaßt, wie und wann denn der unbekannte Täter das Gift in die Alkoholika der Gesellschaft gemixt hat. Auch hier ist die Auflösung nicht ganz so sensationell, als geübter Krimi-Konsument hat man so was schon mal gesehen, wenngleich es zur Zeit der Entstehung des Romans sicher noch neu war. Hier spielt der Autor irgendwie auch nicht so ganz fair, die Hinweise an den Leser sind doch sehr dürftig. Daneben erfahren die merkwürdigen Gegenstände in den Taschen der Vergifteten ihre sinnvolle Erklärung, die Polizisten wissen hier schon immer mehr, handelt es sich doch um Gaunertricks. Ansonsten entspinnt Carr ein fast undurchdringliches Gewirr von Beziehungen der beteiligten Personen, immer wenn man denkt, einen Sachverhalt zu kennen, stellt er sich im nächsten Kapitel wiederum völlig neu dar. Darin ist er tatsächlich ein Meister mit unerschöpflicher Phantasie. Der Leser erfährt nebenbei auch einiges Interessante, etwa über Mrs. Sinclairs Tätigkeit, die mit der im Buch behaupteten Manier der alten Malerei-Künstler zusammenhängt, von ihren Meisterwerken noch Kopien anzufertigen und diese mehrfach zu verkaufen, um nebenher noch ein bisschen Geld zu machen. Alte Ganoventricks werden erklärt, etwa das Schwärzen von Fensterscheiben von innen, um ungestört beim Einbruch zu sein. Auch die gefährliche lautlose Luftpistole ist mit von der Partie, von der schon Doyle und Wallace berichtet haben. Und, als typische Referenz an den Zeitgeschmack, darf auch der love interest nicht fehlen.
Sir Henry Merrivale, beleibt und laut, soll Carrs Lieblingsfigur gewesen sein, er entspricht in vielem seiner anderen häufig gebrauchten Schöpfung, dem ebenfalls sehr dicken Dr. Fell, der aber körperlich nicht so aktiv wie Merrivale ist und sich nur mit Stöcken fortbewegen kann. Merrivale als Geheimdienstchef sollte für seine privaten Detektivspielereien eigentlich keine Zeit haben, aber es ist halt ein Buch, er kann immerhin so einige illegale Sachen anstellen, etwa das junge Liebespaar bei einem Einbruch unterstützen, um an Beweise zu kommen.
Die amtlichen Polizisten werden hier nicht so dumm wie in anderen Erzählungen dieser Zeit hingestellt, Chefinspektor Masters ist ein hart arbeitender und sehr methodisch vorgehender Mann, auch Sergeant Pollard ist erstaunlich gebildet, kann etwa französisch, wenngleich er ganz unprofessionell rettungslos den Reizen der etwas lasziven Bonita Sinclair verfallen ist.
Sind die Personen, deren Namen auf den fünf Schachteln prangten, wirklich alle Mörder oder andere schlimme Verbrecher ? Was hatte sich der zu merkwürdigen und kindischen Späßen neigende Haye überhaupt gedacht, als er die seltsame Abendrunde zusammenrief, an welcher noch nicht mal alle Betreffenden teilnahmen ? Wann wurde der Einbruch bei den Rechtanwälten Drake & Rogers & Drake durchgeführt ? Und und und... Merrivale gibt die Erklärung im Kreise nicht nur der engsten Verdächtigen, sondern auch mit ein paar Außenstehenden dazu, irgendwie ein Bruch mit der üblichen strengen Handhabung, wobei auch die Entlarvung des Übeltäters nicht wie sonst daherkommt. Lobenswerterweise gibt Sir Henry eine zwar sehr lang währende, aber dafür zumindest was den "mechanischen" Anteil des Komplotts angeht, restlos zufriedenstellende Aufklärung. Hier wird nicht etwa wie bei Wallace die Hälfte vergessen, sondern tatsächlich erfährt auch das kleinste Detail seine Erörterung. Natürlich muss man an derlei Klauberei seine Freude haben, bei Carrs Büchern braucht man mitunter einen etwas längeren Atem.
Doch am Ende sind alle zufrieden, fast alle, wie es mit Dennis Blystone und seinen Damen weitergeht, kann man nur erahnen (und das beste hoffen).

Fünf tödliche Schachten ist ein schöner klassischer Kriminalroman, bei dem auch die "Verspieltheit", die die Stoffe des Autors auszeichnet, gut zum Tragen kommt. Für Liebhaber des Genres eine Empfehlung.


Leseexemplar:

DuMont Verlag ; Ausgabe 2004 ; ca. 270 Seiten

Übersetzt ist das Buch von Karl H. Schneider, wie bei allen im DuMont Verlag erschienenen Carr-Titeln sehr sorgfältig geschehen. Außerdem wie stets mit einem sehr ansprechendem Einband und einem interessanten Nachwort, das man auch am Anfang lesen kann. Wirklich liebenswert ! Gilt im Prinzip für alle Titel des Autors in diesem Verlag, die mittlerweile für wenig Geld antiquarisch zu haben sind.


Verfilmung:

Zu einigen wenigen Romanen des Schriftstellers hat es auch Filme gegeben, zum hier besprochenen jedoch nicht.

Dr. Oberzohn Offline



Beiträge: 330

22.04.2020 09:11
#14 RE: Denkmaschinen, Snobs und Eierköpfe - die literarischen Detektive des klassischen Golden Age Zitat · Antworten

Dorothy L. Sayers (1893 – 1957)


Die Autorin und ihre Bücher:

Als Tochter eines Pfarrers, mütterlicherseits dem Landadel zugehörig, erlebte die junge Dorothy Leigh Sayers eine wohlbehütete Kindheit. Sie war eine der ersten Frauen, die in Oxford ein Studium abschloss.
Sie hatte einen unehelichen Sohn und heiratete Mitte der zwanziger Jahre einen kriegstraumatisierten Journalisten. Beruflich arbeitete sie als Lehrerin und später einige Jahre als Werbetexterin.
Als Kriminalschriftstellerin veröffentlichte sie ein Dutzend Romane und einige Geschichtensammlungen. Etwa zu Beginn des zweiten Weltkriegs sagte sie sich endgültig von der Kriminalliteratur los und verfasste nur noch Werke, die sich mit religiösen Themen beschäftigten.

Bekannt geworden ist sie mit der Figur des adligen und finanziell unabhängigen Amateurdetektivs Lord Peter Wimsey, der in fast allen ihrer Romane und vielen Geschichten die Hauptrolle spielt. Neben kriminalistischer Aufklärung von Verbrechen spielen auch detaillierte Milieuschilderungen und humorvolle Personenbeschreibungen eine große Rolle in ihrem Werk. Der reiche und gebildete Wimsey mag ihrem Ideal eines Mannes entsprochen haben, wenngleich sie dessen Hang zu albernem Smalltalk durchaus karikiert und auch seine im Krieg erlittenen seelischen Verletzungen thematisiert. Eher unüblich, macht sich der Held auch Gedanken über die Folgen seines Handelns, die auch mit dem Tod des überführten Täters enden können.


Leseempfehlungen:

Der Mann mit den Kupferfingern (Geschichtensammlung DDR-Verlag Volk und Welt ; ca. 1928 – 1939)

Eine geschmackvolle Auswahl von gut übersetzten Kriminalgeschichten. Natürlich mit Lord Peter, etwa auf den Spuren einer Geisterkutsche, einer obskuren Verbrecherorganisation oder einer bizarren Skulptur. Aber auch mit dem detektivischen Weinhändler Montague Egg sowie weiteren Figuren, wie einem findigen Friseur, einer mörderischen Leopardendame oder einem magenschmerzgeplagtem Ehemann.


Der Tote in der Badewanne / Ein Toter zu wenig (Original: Whose Body ? ; Erstveröffentlichung: 1923)

Ein nur mit einem Kneifer bekleideter Toter in der Badewanne eines Architekten ist der Beginn eines Kriminalfalles, der über vertauschte Leichen zu einem raffiniertem Mord und dessen Aufklärung führt. Erster und vom Plot ziemlich makabrer, ansonsten gut aufgebauter und witziger Lord-Peter-Roman. Ein sehr guter Serieneinstieg.


Die neun Schneider / Der Glocken Schlag (Original: The Nine Tailors ; Erstveröffentlichung: 1934)

Peter Wimsey hilft in einem kleinen Dorf eher zufällig beim Neujahrsläuten aus. Einige Zeit später muss er sich an diesem Ort mit einer grausam zugerichteten Leiche beschäftigen, die Spur führt zu einem jahrelang zurückliegenden Schmuckdiebstahl und mysteriösen Identitätswechseln während des Krieges. Etwas langwierig, aber sehr verwickelt.






Buchbesprechung: Mord braucht Reklame


Originaltitel: Murder Must Advertise

Erstveröffentlichung: 1933



Hauptpersonen:

Lord Peter Death Bredon Wimsey – adliger Detektiv und Werbetexter
Charles Parker – Chefinspektor von Scotland Yard
Mr. Pym – Besitzer einer Werbeagentur
Mr. Armstrong – erster Direktor bei Pym‘s
Mr. Hankin – zweiter Direktor bei Pym’s
Mr. Tallboy – Werbeleiter
Mr. Willis - Werbetexter
Victor Dean – Werbetexter
Pamela Dean – seine Schwester
Miss Meteyard - Werbetexterin
Miss Rossiter - Sekretärin
Miss Parton – Sekretärin
Mr. Ingleby – Werbetexter
Mr. Copley – Werbetexter
Mrs. Johnson – Versandleiterin
Mr. Daniels – Gruppensekretär
Mr. Smayle – Werbetexter
Jack Milligan – krimineller Major a. D.
Dian de Momerie – leichtlebige junge Dame
Hector Puncheon – Reporter
Horace Mountjoy – wohlhabender Mann

und viele mehr…


Handlung:

Kaum ist der Werbetexter Victor Dean bei Pym’s Werbeagentur bei einem internen Treppensturz tödlich verunglückt, sitzt schon sein Nachfolger mit Namen Death Bredon auf seinem Platz. Der Neue interessiert sich offenbar sehr für den scheinbaren Unfall seines Vorgängers. Dem redegewandten und gutgekleideten Bredon gelingt es schnell, seine Kolleginnen mit seinem Charme zu umgarnen und auch bei den meisten Herren eine gute Figur zu machen. Derer gibt es viele, die Werbefirma unter der Leitung des altehrwürdigen Mr. Pym zählt über hundert Leute, über zwei Etagen verteilt. Angefangen von den Botenjungen (einer von denen wird von Bredon bald ins besondere Vertrauen gezogen) über alle möglichen Mitarbeiter von Versand, Bildgestaltung, Fotografie und den Werbetextern erstreckt sich der Personalbereich zu den Sekretärinnen Miss Rossiter und Miss Parton und den Direktoren Mr. Armstrong und Mr. Hankin hin. Bredons Bereich aber sind die Werbetexter, da gibt es den etwas schnöseligen Mr. Tallboy als Bereichsleiter, das überkorrekte Urgestein Mr. Copley, den zynischen Mr. Ingleby, die schlanke und intelligente Miss Meteyard, weiter noch den kumpelhaften Mr. Smayle und den eher reservierten Mr. Daniels sowie viele mehr, einschließlich des jungen Mr. Willis, welcher auf Bredon eifersüchtig ist, da dieser in gutem Kontakt zur Schwester Pamela des Unfallopfers Dean zu stehen scheint. Willis hat selber ein Auge auf die aparte Dame geworfen und befürchtet auch, dass Bredon sie wie ihr Bruder auf die schiefe Bahn ziehen will. Denn der stand auch in Verbindung mit einer Clique von verantwortungslosen Leuten, die unbeschreibliche Orgien feiern und mit Rauschgift zu tun haben. Bredon macht während der Mittagspause Versuche mit einer Steinschleuder auf dem Dach, bringt immer wieder dezent den reichlichen Klatsch und Tratsch auf den kürzlich Verstorbenen und schnüffelt auch in privaten Unterlagen herum. Recht bald wird dem Leser zur Gewissheit, was er schon vermutet hat: Death Bredon ist der inkognito ermittelnde Lord Peter Wimsey, dessen Deckname sogar ein Teil seines richtigen Namens ist. Nach kurzer Zeit ist der vom Werbechef eingeschleuste Detektiv überzeugt, dass Victor Dean ermordet wurde. Die berüchtigte Stahltreppe, auf der es zum Todessturz kam, war nur Mittel zum Zweck. Doch Mr. Pym interessieren mehr die Hintergründe der Tat, irgendetwas scheint in seiner Firma nicht mit rechten Dingen zuzugehen. War Dean ein Erpresser oder noch Schlimmeres ? Bredons Nachforschungen sind bei jemandem nicht erwünscht, wie ein missglückter Mordanschlag auf Wimseys Freund Chefinspektor Parker beweist, der offensichtlich doch eher dem Amateurdetektiv gegolten hatte. Doch der tief in die Tätigkeiten der Werbebranche eintauchende und das erste Mal richtig arbeitende Wimsey hat noch ein „zweites“ Leben. Als schwarzweiß gewandeter und überaus sportlicher Harlekin verkleidet, erweckt er die Begierde der leichtlebigen und –sinnigen Dian de Momerie, die die unbeschreiblichen Orgien gibt, auf denen schon Victor Dean mit zugange war. Der junge Mann trug sich sogar mit Heiratsabsichten, doch für die hübsche Dian war er nur ein erbärmlicher Spießer, den sie bösartigerweise auf die dunkle Seite des Lebens zog. Augenblicklich ist die männermordende Schönheit mit Major a.D. Milligan liiert, einem skrupellosen Rauschgifthändler. Doch wie hängen die Kokaindealer und Pym’s miteinander zusammen ? Bredon–Wimsey geht in seinen beiden Identitäten auf, dem angestrengt arbeitenden Werbetexter sowie dem gedankenlosen Nachtschwärmer, wobei Mrs. Sayers den Schwerpunkt eindeutig auf das Werbebüro legt.
Haben die Anzeigen für Nutrax-Nervennahrung etwas mit der Sache zu tun, wegen der sich Mr. Tallboy und Mr. Copley mächtig in die Haare geraten und fast die gesamte Abteilung in zwei Lager spalten (das Vorkommnis ging als der „große Nutrax-Krach“ in die Firmengeschichte ein) ? Weitere Zwistigkeiten sind die Folge. Doch auch der bisher ergebnislos dem Rauschgiftring hinterher ermittelnde Chefinspektor Parker hat endlich einen ersten Erfolg. Durch einen Zufall gerät der eifrige Reporter Puncheon in den Verteilerkreis der Kriminellen, die bei dem Handel mit den Drogen nach einem bestimmten Schema vorgehen. Rücksicht gibt es nicht, enttarnte oder fahrlässige Mitglieder der Organisation, wie der scheinbar nichtstuende Mr. Mountjoy, werden gnadenlos beseitigt.
Die Kriminellen werden durch Parker (mit Wimseys Hilfe) in die Enge getrieben, man tastet sich zum Kopf der Bande vor (auch Milligan ist nur ein Handlanger), während Wimsey den Mörder in der Werbefirma zum Geständnis bringt. Schließlich löst sich auch die kunstvolle Verknüpfung zwischen Pym’s Agentur und den Rauschgifthändlern auf, und zum Ende kann Peter Wimsey noch erleben, wie seine selbstkreierte Werbekampagne ein Erfolgserlebnis wird.


Bewertung:

Zum wohl einzigen Mal verdient Lord Peter Wimsey seinen Lebensunterhalt selber, nicht dass er das nötig hätte. Bei der Beschreibung der Zustände in der Textabteilung einer Werbeagentur kann die Autorin aus dem Vollen schöpfen, arbeitete sie doch selber längere Zeit in diesem Metier. Deshalb sind die Milieuschilderungen besonders lebensnah und witzig geraten. Sicher ist heutzutage vieles anders, die Arbeit am Computer macht vieles überflüssig, Layoutgestaltung und Fotoeinbindung kann vom Textetüftler gleich mit erledigt werden. Keine Ahnung, ob das bei großen Unternehmen noch weiter unterteilt wird. Aber schon irgendwie lustig zu lesen, wie wenig Bezug die Schöpfer der Lobpreisungen für bestimmte Produkte doch zu ihren „Kindern“ haben, meistens nutzen sie dienstlich oder privat dann doch eher Erzeugnisse der Konkurrenz. Der ganze Bürotratsch der Angestellten wird hier im Buch liebevoll geradezu zelebriert, wenngleich diese sich doch auch gegenseitig oft Anregungen geben und sehr kollegial verhalten. Aber natürlich gibt es auch die üblichen Ränke und Gehässigkeiten, die kleine Welt im Pym’s Agentur ist alles andere als perfekt. Immer wieder wird von den Werbeprofis auch die Frage der Ethik gestellt, wenn man Erzeugnisse anpreist, von deren Schädlichkeit oder Wirkungslosigkeit man selbst überzeugt ist. Aber – es ist halt ein Job, und die Wirtschaft muss dazu auch in Schwung gehalten werden. Sogar Wimsey findet Gefallen an seiner Tätigkeit, als er den "Laden" nach Erledigung seines Detektivauftrages verlässt, wird gerade seine initiierte Whiffeln-Kampagne mit großem Aufwand in Gang gesetzt. Wenn in den USA Edward Bernays (der Vater der Manipulation) daran Schuld war, dass sich das schädliche Zigarettenrauchen so stark auch bei den Frauen ausbreitete, so scheint das gleiche in Großbritannien auf Lord Peters Konto zu gehen…
Allerdings geht die detailreiche Beschreibung des Büroalltags durchaus auch etwas auf Kosten der Spannung. Der Kriminalfall tritt mitunter, besonders am Anfang, zurück. Auch bei der Beschreibung eines Cricket-Matches zum Ende hin lässt sich Mrs. Sayers zu sehr zu einer ausführlichen Ausschmückung des Spielverlaufes hinreißen. Da wäre weniger sich wahrlich mehr gewesen. Aber auch hier ist der Umstand interessant, dass man schon damals Kundenbindung und Teamzusammenhalt durch gemeinsame Sportevents, Gesellschaftsabende und Firmenveranstaltungen zu erreichen suchte, alles keine Erfindungen heutiger Tage.
Wie Bredon-Wimsey dem Mörder von Dean auf die Spur kommt, ist schon gewitzt, ein Skarabäus spielt dabei eine Rolle sowie ein genaues Studium der Aussagen der Beteiligten und eigene Ermittlungen, auch mit Hilfe von „Rotschopf“, dem frechsten der Botenjungen. Lord Peters Nebenrolle als Harlekin, der die gewissenlose Dian de Momerie verführen soll, ist irgendwie etwas albern geraten. Sicher auch ein Stilmittel, um deren maßlose Orgien mit Koks, Alkohol und nackten Frauen in einen bewussten Kontrast zur Wirklichkeit der Masse zu setzen, die in den Jahren nach dem Schwarzen Freitag nicht viel zu lachen hatte. Doch die leichtsinnige junge Dame und ihre ebenso gearteten Freunde samt Major Milligan scheinen in Dorothy Sayers Gunst nicht sehr hoch zu liegen. In ihrer christlichen Weltanschauung stehen Rauschgifthändler nicht zu Unrecht wohl an oberster Sünderstelle. Sie finden dann im letzten Drittel des Buches allesamt ein schnelles gewaltsames Ende, eine Abrechnung unter Verbrechern, die eher nebenbei erwähnt und auch gar nicht weiter verfolgt wird. De Momeries Rauschträume, in denen der Harlekin als Henker auftritt, haben da schon prophetischen Charakter und bieten sicherlich Raum für allerlei Interpretationen…
Der etwas reißerische Teil mit dem Drogenring erinnert ein bisschen an Edgar Wallace, den die Schriftstellerin übrigens zwei Mal wörtlich erwähnt und auf dessen gerne verwendete Zutaten, wie den geheimnisvollen Chinesen oder das verfolgte blonde Mädchen, sie sich auch gerne ironisch bezieht. Vielleicht war es ja auch für die gebildete und in gewissem Sinne recht anspruchsvolle Dorothy Sayers unmöglich, von dem im Vorjahr verstorbenen Edgar Wallace nicht gefesselt zu sein...
Dabei hat es der adlige Nobeldetektiv gar nicht so leicht, seine beiden Rollen auch strikt zu trennen, denn immer wieder muss Lord Peter weitschweifig die Legende von seinem ungeliebten Vetter Death Bredon in die Welt setzen, dem angeblichen schwarzen Schaf der Familie mit der signifikanten Ähnlichkeit. Wie glaubwürdig das nun ist, sei dahingestellt.
Wenn dann der Verteilmechanismus der Kokainpäckchen an die Zwischenhändler aufgeklärt ist, sieht man sich einem sehr komplizierten Räderwerk mit markierten Telefonbüchern, Erkennungszeichen bzw. - schlagworten usw. gegenüber, wobei mann sich schon etwas irritiert fragt, wieso das Ganze so aufgebauscht ist, dabei ist der unfreiwille Beitrag von Pym's Reklameanzeigen quasi das random-Prinzip der Sache, um der Polizei keinen Anhaltspunkt für den nächsten Verteilort zu liefern. Erinnert an ein paar phantasiereiche Agentengeschichten.
Zum Schluss hat Deans Mörder eine Aussprache mit Wimsey, der kann ihm seine eigene Version anbieten, wie die Gerechtigkeit ihren Lauf nehmen soll, eine schaurige Lösung, welche dem Detektiv selber auf den Magen schlägt.
Aber nun ist sein Ausflug in die Welt der arbeitenden Klassen vorbei, während die Werbung weiterhin das Tagesgeschehen steuert.

Mord braucht Reklame gefällt mir von allen bisher gelesenen Wimsey-Krimis am besten, das Buch verbindet einen klassischen Kriminalfall mit scharfsinniger Betrachtung des Innenlebens einer Firma, eingebettet in eine für Sayerssche Verhältnisse wilde Rahmenhandlung. Daran können auch ein paar als solche empfundene Längen nichts ändern.


Leseexemplar:

Rowohlt-Verlag (zusammen mit "Fünf falsche Fährten" von der selben Autorin ; 1993 ; ca.330 Seiten)

Die Übersetzung von Otto Bayer soll sich sehr nahe an das englische Original halten und auch zahlreiche Zitate und Sprüche sinngemäß wiedergeben. Außerdem hat sie den großen Vorteil der Vollständigkeit. Daneben gibt es auch noch eine Goldmann-Übersetzung von Martin Esslin. Die ist -wieder mal- doch recht stark gekürzt, zumindest fallen einem holperige und sinngemäße Fehlstellen beim Lesen auf, wenngleich man sicher diese Version vielleicht höchstens Konsumenten empfehlen kann, die größeren Wert auf die Kriminalhandlung und weniger auf das Drumherum legen.


Verfilmung:


Innerhalb der britischen Serie über die Fälle von Lord Peter Wimsey mit Ian Carmichael gibt es eine fünfteilige Verfilmung von Mord braucht Reklame aus dem Jahre 1973.

schwarzseher Offline



Beiträge: 557

22.04.2020 19:32
#15 RE: Denkmaschinen, Snobs und Eierköpfe - die literarischen Detektive des klassischen Golden Age Zitat · Antworten

Ich habe DS bzw Lord Peter immer sehr begeistert gelesen zB." Diskrete Zeugen "und "Ärger im Bellona Club " u.a. spielen wirklich in der ersten Roman Liga mit, mit einigen Kurzgeschichten kann ich eher weniger anfangen.Auch Langweiler wie zB. "Hochzeit kommt vor dem Fall" sind dabei,aber die hatte ja jeder Autor mal im Angebot.
D. L. Sayers zählt zu den ganz Großen nach meinem Geschmack.
Natürlich hat auch Ian Carmichael seinen Anteil daran das man Lord Peter Wimsey beim lesen quasi vor sich sieht.Eine top Film Besetzung .

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