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Dieses Thema hat 34 Antworten
und wurde 1.427 mal aufgerufen
 Off-Topic
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Dr. Oberzohn Offline



Beiträge: 401

20.06.2020 16:08
#31 RE: Denkmaschinen, Snobs und Eierköpfe - die literarischen Detektive des klassischen Golden Age Zitat · Antworten

Margery Allingham (1904-1966)


Die in London geborene Tochter eines schriftstellerisch bzw. journalistisch arbeitenden Elternpaares erhielt eine frühe Ausbildung im Geschichtenschreiben. Sie begann auch in jungen Jahren Theaterstücke, Zeitschriftenartikel, Filmrezensionen oder auch eine Piratengeschichte zu schreiben, 1927 folgte dann ihr erster Kriminalroman. Nach ihrer Heirat mit einem Maler war es ihre Rolle, durch das Krimi-Schreiben eine feste Einnahmequelle zu bekommen. Ihrem Seriendetektiv Albert Campion blieb sie bis zu ihrem Tod treu, ihr Ehegatte schrieb den letzten Roman fertig sowie auch noch Folgebücher.

Von Allinghams über 30 veröffentlichten Büchern sind neben ein paar anderen Werken die meisten Kriminalromane oder -geschichtensammlungen. Ihr Hauptprotagonist, Albert Campion, war ursprünglich wohl eher als Parodie auf Dorothy Sayers‘ Lord Peter Wimsey gedacht. Doch er mauserte sich trotz seiner aufgesetzten Albernheit mit der Zeit zu einem ernstzunehmenden Privatdetektiv (selbstverständlich mit adeligem, wenngleich unklarem familiären Hintergrund), wobei er auch alterte und sich persönlich weiterentwickelte. Auffällig sind bei ihren Erzählungen die eher seltenen klassischen Plotmomente wie bei Agatha Christie, sondern mehr phantasievolle Einsprengsel und häufig auch das Auftreten organisierter Verbrecherbanden.


Leseempfehlungen:

Gefährliches Landleben (Original: Mystery Mile – Erscheinungsjahr: 1930)

Der amerikanische Richter Lobbett ist einer gehäuften Anzahl von Mordanschlägen gerade noch entgangen. In England wird er von Albert Campion auf dem Lande versteckt, doch auch dort beginnen die dunklen Umtriebe. Denn ein legendärer Verbrecher namens „Simister“ ist der rücksichtslose Gegner, der auch Campion an den Kragen will… Heiter-gruselige Story.


Tänzer in Trauer (Original: Dancers in Mourning – Erscheinungsjahr: 1937)

Der erfolgreiche Tänzer Jimmy Soutane leidet unter einer Menge boshafter Streiche. Dann geschieht ein Mord. Campion beginnt wieder im Umfeld von Soutanes Angestellten und Bekannten zu ermitteln. Plötzlich gibt es einen blutigen Bombenanschlag – nicht die letzte Untat. Ein Whodunit mit ernsterer Handlung, nach etwas schleppender Eröffnung sehr spannend.


Die Spur des Tigers (Original: The Tiger in the Smoke – Erscheinungsjahr: 1952)

Der Schwerverbrecher Jack Havoc bricht aus dem Gefängnis aus. Er will einen Schatz bergen, von dem er während seiner Soldatenzeit erfahren hat. Dabei zieht er eine Blutspur hinter sich her. Können ihn Campion und die Polizei aufhalten ? Nicht herausragend, aber ein interessantes Beispiel, wie weit nach dem Krieg der klassische englische Krimi zum Gangsterthriller mutierte.



Buchbesprechung: Schlag mich mit Blindheit



Originaltitel: Hide My Eyes
Erstveröffentlichung: 1958



Hauptpersonen:

Albert Campion – gealterter Privatdetektiv
Charles Luke – frischgebackener Superintendent bei Scotland Yard
Richard Waterfield – junger hoffnungsvoller Mann
Annabelle Tassie – hübsche junge Frau
Margaret Tassie – liebenswerte ältere Dame ; Tante von Anabelle
Gerald „Gerry“ Hawker – zwielichtiger charmanter Hochstapler
Edna Carter – Geschäftsführerin eines Clubs
Matthew Phillipson - Rechtsanwalt
Mr. Vick – neugieriger Friseur
Chief Superintendent Yeo – von der Polizei
Superintendent Cullingford – von der Polizei
Constable Bullard – von der Polizei
Constable Picot – von der Polizei


Handlung:

Ein seltsames Verbrechen geschieht in London. Es sieht so aus, als wäre ein alter Geldverleiher in seinem Büro in der Nähe eines Theaters umgebracht und mit einem Autobus wegtransportiert worden. Von der Leiche fehlt jede Spur, ebenso von dem ungewöhnlichen Transportmittel.
Das ist der Stand, den Superintendent Charles Luke seinem alten Freund Albert Campion, dem berühmten Detektiv, eines Morgens auseinandersetzt. Doch Luke behauptet noch viel mehr. In den letzten Jahren hat es eine Serie von unaufgeklärten Morden oder Fällen gegeben, in denen Personen verschwunden sind. Dabei ging es stets um eher kleinere Beträge, nichts Spektakuläres, doch es scheint ein vollkommen skrupelloser Raubmörder am Werk zu sein, der keine Spuren hinterlassen will. Behauptet zumindest Charles Luke, seine Kollegen, Vorgesetzten und nicht zuletzt auch Campion denken eher, dass er einem Phantom hinterherjagt. Luke weiß sogar, wo sein eingebildeter Serienmörder sitzt: in Garden Green, einem etwas herunter gekommenen Viertel in London, in der Mitte all der bisherigen Tatorte gelegen, sogar eine der wenigen hinterlassenen Spuren des Täters stammt von dort. Viele sind es nicht, zurückgelassene Handschuhe, eine Ring, eine Brieftasche, alles kleine Artefakte.
Ehe Campion weiter eine ablehnende Haltung einnehmen kann, geschieht das Unglaubliche - das extra angeschaffte Telefon mit Direktverbindung zum Polizeirevier Garden Green läutet...
Szenenwechsel. Ein sehr hübsches blutjunges Fräulein vom Lande wird in Garden Green von einem alten Bekannten abgeholt. "Alter" Bekannter ist wohl nicht der richtige Ausdruck, der erst vor kurzem aus der Armee entlassene und jetzt als Angestellter in der großen Stadt arbeitende Richard Waterfield zählt auch nicht mehr als zweiundzwanzig Lenze, noch ein paar mehr als seine betörende Kindheitsfreundin Annabelle Tassie. Irritiert muss er feststellen, dass diese rein körperlich wahrlich kein kleines Mädchen mehr ist, auch sonst ist sie wohl reifer geworden, hat aber noch immer ihre kindliche Unbekümmertheit. Annabelles Geschichte ist mysteriös. Eine entfernte Tante von ihr, Margaret Tassie, wollte eigentlich ihre ältere Schwester zu sich holen für eine nicht näher definierte Aufgabe. Doch die ist nun mittlerweile verheiratet, also kam dann pragmatischerweise Annabelle. Richard gefällt die Sache gar nicht, er will auf das Mädchen aufpassen und sie begleiten. Als Annabelle ihre Tante Margaret trifft, sind sich die beiden gleich sympathisch. Margaret, genannt "Polly", ist Besitzerin eines netten Häuschens mit Garten und einem "Privatmuseum", einem Erbstück ihres seligen Mannes, vollgestopft mit allerlei Kuriositäten, besonders Tiermöbeln, Wachsfiguren und anderen Dingen, die die Welt nicht braucht. Aber die ältere Dame kümmert sich rührend darum. In ihrem Haushalt scheint dann und wann ein noch recht junger Mann Anfang Dreißig zu wohnen, Gerald Hawker, gutaussehend und charmant, ein Frauentyp und dem ersten Anschein nach auch sehr nett.
Annabelle beschließt zu bleiben, während der eifersüchtige Richard heimlich dem schönen "Gerry" Hawker folgt. Während eines Friseurbesuchs bei Mr. Vick sieht sich Richard unvermittelt von Gerries Redseligkeit eingewickelt, er wird von diesem eingeladen und unternimmt eine Tour durch verschiedene Kneipen mit ihm. Während Richard noch nicht so ganz klar wird, was der andere damit bezweckt, lernt er immer mehr den wahren Charakter dieses Mannes kennen - ein notorischer Lügner, Verführer und Hochstapler, der auf Menschen beiderlei Geschlechts anziehend wirkt, doch offenbar einige recht dunkle Seiten hat. Der Leser hat mittlerweile mehrere geschickte Hinweise bekommen, dass zwischen Gerry und den Verbrechen von Superintendent Lukes schwarzem Mann ganz offensichtlich eine Verbindung bestehen muss. Gerry und Richard sind irgendwann im Midget Club einer gewissen Edna Carter gelandet, wo der angebliche Major wohlbekannt ist. Richard merkt bald, dass die nach außen so gestrenge Mrs. Carter dem lebenslustigen Gerry regelrecht verfallen ist, der sie, wie immer, auf später vertröstet und offen anlügt. Sein Gegenüber wird immer unsympathischer und ist plötzlich verschwunden. Jetzt dämmert ihm auch, was Gerry von ihm will, nämlich ihn als Kronzeuge für ein Alibi benutzen. Alibi wofür ? Richard weiss noch nicht, dass gerade Matthew Phillipson, der alte Rechtsanwalt der lieben Mrs. Tassie, erschossen wurde...
Auf der anderen Seite beginnen Campion und Luke mit ihren Nachforschungen, besuchen die (scheinbar) arglose Mrs. Tassie und ihre Nichte, plaudern ein wenig und sehen sich unverhofft spätabends auf einem Schrottplatz am anderen Ende Londons wieder, wo auch der unermüdliche Richard auf der Suche nach dem abhanden gekommenen Gerry aufgetaucht ist. Hier gibt es eine geheime Werkstatt mit vielen verdächtigen Einzelheiten zu besichtigen, auch einen zufällig aufgetauchten ausrangierten Bus mit einem verschollenen Wachspuppenpaar in der Nähe... Aber der zähe Kriminalist Luke ist noch nicht zufrieden, er sucht immer noch Beweise für eine Verurteilung des Mörders. Mehrere Personen aus Gerry Hawkers Bekanntschaft werden verhört, während der immer dringender Verdächtige gerade dabei ist, die Beseitigung der nächsten Personen vorzubereiten. Es wird ein Wettlauf, der mit einem brennenden Haus endet - aber natürlich auch mit einem guten Ausgang der Geschichte.


Bewertung:

Wie es aussieht, hatte der klassische Whodunit im Schaffen der Mrs. Allingham in den fünfziger Jahren ausgedient. Waren ihre Bücher anfangs noch recht unbekümmerte phantasievolle Produkte, so tendierten sie später mehr zu detektivischen Verrenkungen wie die ihrer berühmten Kolleginnen Christie und Sayers, aber der Krieg, das Lebensalter und sicher auch allgemeine Entwicklungen in der Kriminalliteratur führten zu einer anderen Art von Erzählungen. Ihr Held Albert Campion, der ehemals so töricht stammelnde bebrillte junge Mann, ist über die Jahre ein Großvater geworden, der den nachstrebenden jüngeren Polizisten gerne das Feld überlässt. Im hiesigen Fall ist sein Part besonders blass geraten, eigentlich fungiert er nur als gelegentlicher Stichwortgeber für den zum Superintendenten beförderten Charles Luke, einem sehr männlichen und zupackenden Vertreter von Scotland Yard, der auf der Seite der Ermittler eindeutig die Hauptrolle spielt. Ein paar andere Polizeibeamte, niedriger, höher oder gleich auf der Karriereleiter stehend wie Luke, tummeln sich auch noch hin und wieder herum in dieser Geschichte, die bis auf das erste Kapitel fast nur an einem Tag samt angeschlossener Nacht spielt. Lange Zeit werden nur die Aktionen des immer zweifelhafter werdenden Gerald Hawker beschrieben, die er zusammen mit dem nicht zufällig ausgewählten Richard Waterfield und dann auch ohne ihn begeht. Alles, was Gerry tut, ist berechnet, während Richard ja nur mal in Erfahrung bringen wollte, mit welchen Leuten seine alte Freundin Annabelle zusammen ist. Bald weiß der Leser, dass Gerry wahrlich nicht koscher ist. Der vom einsamen Luke vermutete rücksichtslose Mehrfach-Killer ist keine Einbildung. Auch der armen alten Polly, die für den schmeichelhaften Gauner mütterliche Gefühle empfindet, dämmert endgültig, was ihr Zögling, den sie mit ihrer hübschen Nichte verkuppeln wollte, in Wirklichkeit für eine Partie ist. Kleine Diebstähle, Scheckfälschungen, aber auch in der Zeitung wiedererkannte Gegenstände von einem zurückliegenden Kapitalverbrechen - alles das wollte die Gute nicht wahrhaben ("Hide My Eyes"). Doch der bisher immer auf der Glücksseite stehende Gerald hat diesmal wirklich Pech, seine Alibis brechen zusammen, er wird sogar von seinem neugierigen Frisör verfolgt, die Polizei wird auf ihn aufmerksam, sein Schlupfwinkel wird entdeckt. Er ist offensichtlich unter seiner schillernden Oberfläche ein gefühlloses Monster, ein eiskalter berechnender Mörder, der mit den Menschen spielt und sie ausnutzt, wo er kann. Die Szenen auf dem dunklen Schrottplatz in einer verfallenen Hütte sind schön schaurig geraten, überall fragwürdige Überreste von Gegenständen, die den Opfern gehört haben könnten, dann noch ein stinkendes Loch in der Erde, geleerte Säurefässer in der Nähe... Erinnerungen an den berüchtigten Serienmörder Haigh werden wach, der vor einem Jahrzehnt aus ähnlich unglaublichen Motiven sein Unwesen trieb und wohl das reale Vorbild für Hawker war und der auch mehrfach erwähnt wird. Ein weiterer Bezug auf damals aktuelle Geschehnisse in Großbritannien ist wohl der homicide act vom Vorjahr, welcher die Verhängung der Todesstrafe erheblich erschwerte. Unter anderem gilt sie immer noch für Mehrfachmörder aus niederen Motiven, wobei Gerald Hawker durchaus noch ein geeigneter Kandidat wäre. Hier tritt Margery Allingham in die Fußstapfen ihrer berühmten Kollegen Edgar Wallace und Agatha Christie, welche offen Sympathien für diese strenge Form der Bestrafung bei Tötungsverbrechen hatten. Sogar der sonst so milde Albert Campion möchte den Übeltäter baumeln sehen, und Luke treibt erhebliche Sorge, genügend stichhaltige Beweise für eine Verurteilung vor Gericht zusammenzubekommen, damit der Schurke nicht seiner Strafe auf dem Schafott entgeht; wie sollte man das der Bevökerung erklären ? Damals galten offensichtlich noch andere Maßstäbe. Allerdings reitet Allingham immer wieder auf dem Aspekt der einwandfreien Beweisführung herum, schließlich gab es auch immer wieder Justizirrtümer.
Auch wenn es kein Rätselraten vor versammelter Endrunde im Familienkreis mit überraschender Enttarnung des Täters mehr gibt, ist den polizeilichen Ermittlungen einschließlich Campions sporadischen Geistesblitzen noch genug Raum gegeben, während der Leser in mancher Hinsicht immer ein wenig mehr weiß, denn er ist ja auch direkt an der Seite des mutmaßlichen Massenmörders. Irgendwie schon eine Prise Patricia Highsmith, mit einem Psychogramm des Mörders. Natürlich darf die Liebe auch nicht fehlen, zumindest ist da etwas zwischen Richard und Annabelle am Köcheln. Der junge Held rettet seine Maid zum Schluss ganz klassisch aus den Fängen des Bösewichts; auch hier erweist sich Mrs. Allingham nicht unbedingt als Ausbund des Feminismus, da sie aufgrund ihrer eigenen nicht immer positiven Erfahrungen in ihrer Ehe tatkräftige Männer durchaus zu schätzen schien. Annabelles märchenhafte Einführung bei ihrer netten Tante hat denn bald ein ernüchterndes Ende, hier war die Autorin realistisch genug. Und wenn der Bösewicht des Stückes zu guter Letzt eine ihm nahestehende Person rettet, so bestehen immer noch Zweifel, ob er das in einem Anfall aus Gutherzigkeit oder nur aus kühler Berechnung getan hat, wie er auch selber behauptet.
Als Thriller kann man den Roman eher nicht bezeichnen, dazu ist er etwas zu behäbig. Ist eher eine Mischung aus verschiedenen Stilrichtungen, die nicht immer, aber an vielen Stellen durchaus zu interessieren vermag. Es scheint so, als balle sich an einem Tag so viel zusammen wie sonst in einem Jahr, aber das soll es ja geben. Mir hat das ganze durchaus gefallen, doch der Freund von typischen englischen Krimis sollte es vielleicht eher mit den früheren Werken der Autorin versuchen.


Leseexemplar:

Diogenes-Verlag ; 1994 ; ca. 280 Seiten

Übersetzt ist das Buch von Gert van Bebber aus der Mitte der sechziger Jahre, sehr gefällig zu lesen.


Verfilmung:

Einen Film über die Fabel von Hide My Eyes gibt es nicht.

schwarzseher Offline



Beiträge: 606

29.06.2020 18:29
#32 RE: Denkmaschinen, Snobs und Eierköpfe - die literarischen Detektive des klassischen Golden Age Zitat · Antworten

Habe nochmal ein bischen bei D. L. Sayers rein gelesen und es fiel mir wieder auf das fast alles von Lord Peter abweichende eher langatmig /langweilig ist .Sobald sie versucht zB. Harriet Vane mehr Spielraum zu geben.ZB.bei "Aufruhr in Oxford " zig Seiten langweiliges Gerede über Briefe ,weibliche Studenten usw. usw...gähn....... Sayers ist eigentlich nur "gut" wenn sich alles direkt und hauptsächlich um Lord Peter und Bunter dreht.

Da hat A. Christie eine etwas breiter Spannweite mit Marble und Poirot usw. und was (für mich )auch wichtig ist ...sie verzettelt sich nicht so in allzu belangloses......Seitenauffüllmaterial.

Dr. Oberzohn Offline



Beiträge: 401

29.06.2020 20:33
#33 RE: Denkmaschinen, Snobs und Eierköpfe - die literarischen Detektive des klassischen Golden Age Zitat · Antworten

Tja, Mrs. Sayers hat nun mal auch den Anspruch gehabt, intellektuellere und ambitionierte Kriminalromane zu schreiben. Ich gebe zu, dass mir ihre früheren Bücher auch besser gefallen, später, als Lord Peter dann auch noch in den Stand der Ehe trat etc., da war es wirklich viel aufgeblasenes Brimborium ohne kriminalistische Substanz darin. "Aufruhr in Oxford" wird ja immer als ihr bestes Werk bezeichnet, da hab ich bisher einen Bogen drum gemacht, vielleicht nicht ohne Grund...
Später schrieb Dorothy Sayers ja nur noch über religiöse Themen, lag ihr wahrscheinlich mehr, hat aber in einem guten Krimi nichts zu suchen. Die Kriminalliteratur war nur Broterwerb für sie, hat sie ja auch zugegeben.
Obwohl auch Agatha Christie mitunter endlose Schwafeleien verzapft hat, gerade zum Schluss hin, hängt vielleicht auch mit dem Alter zusammen, dass man da irgendwie als Autor mit philosophieren anfängt und ab und an den Faden verliert. Aber das meiste aus ihrer Feder ist schon topp.

Dr. Oberzohn Offline



Beiträge: 401

17.09.2020 20:43
#34 RE: Denkmaschinen, Snobs und Eierköpfe - die literarischen Detektive des klassischen Golden Age Zitat · Antworten

Louis Weinert-Wilton (1875 – 1945)


Der Sudetendeutsche Alois Weinert war der Spross einer gutbürgerlichen Familie in der k.u.k.-Monarchie, der nach einer begonnenen militärischen Laufbahn später als Redakteur einer deutschen Zeitung in Prag und in einer leitenden Position am Deutschen Theater arbeitete. Neben einigen Theaterstücken schrieb er auch Kriminalromane. Sein Tod in einem tschechischen Internierungslager nach Kriegsende ist tragisch, wie vieles zu dieser Zeit.

Weinert-Wiltons Krimis sind deutlich von Edgar Wallace beeinflusst, den der Schriftsteller wohl sehr geschätzt zu haben scheint. Ab 1929 verfasste er in einem Jahrzehnt ein knappes Dutzend Romane, mal mehr, mal weniger in diesem Stil. Die besten reichen wohl an das große Vorbild heran, natürlich entscheidet hier der Geschmack des Lesers. Wer Wallace nicht mag, kann mit Weinert-Wilton erst recht nichts anfangen.


Leseempfehlungen:

Die weiße Spinne (Erstveröffentlichung: 1929)

Weinerts Erstling mit einem Drahtschlingenmörder, der unter verschiedenen Masken agiert, erinnert noch sehr stark an Wallace. Alle Zutaten sind vorhanden: Doppelidentitäten, bedrohte Frauen, verruchte Schurken, Spielclubs, Mordanschläge und Intrigen – bar jeglicher Realität. Aber spaßig zu lesen.






Buchbesprechung: Der schwarze Meilenstein


Erstveröffentlichung: 1935


Hauptpersonen:

Alf Duncan – junger, etwas zwielichtiger Mann
Isabel Longden – hübsche Frau mit dunklem Geheimnis
Chefinspektor Perkins – Beamter von Scotland Yard
Guy Fielder – Vorsitzender einer Wohltätigkeitsstiftung
Mrs. Reid – seine Sekretärin
Mrs. Drew – vorbestrafte ältere «Dame»
Molly Drew – ihre ähnlich geartete Tochter
Mrs. Hingley – Gasthofbetreiberin
Mr. William – Geschäftsführer
Mr. Gwynne - Pensionsgast
Dan Kaye – ehemaliger Sträfling
James Marwel – erfinder und Ex-Zuchthäusler
Charles Barres – Mann im Hintergrund
Mr. Hunter - Unterinspektor von Scotland Yard
Mr. Bell – Sergeant von Scotland Yard
Mr. Webb – Makler
ein namenloser Polizeiarzt


Handlung:

Im guten alten Märchenkrimi-England ist wieder mal einiges los: Auf der Chaussee von London nach Hampstead inmitten eines Gehölzes, direkt am Meilenstein mit der Nummer 39.5, sind in der letzten Zeit schon sechs Autofahrer tödlich verunglückt, immer an derselben Stelle. Niemand kann sich erklären warum. Eine Zeitlang hat sogar der Automobilclub die Stelle bewacht. Doch das ist nicht das einzige Mysteriöse im Umkreis des Landgasthofes Zum Reitenden Postillon, der durch die tragischen Geschehnisse am „Schwarzen Meilenstein“ einen unerwarteten Besucherandrang bekommen hat.
Hier ist wohl zuallererst ein gewisser Alf Duncan zu nennen, ein sehr gutaussehender und gepflegter junger Bursche, dem aber schon ein Ruf als Herzensbrecher mit unlauteren Absichten in Bezug auf das Vermögen der auserkorenen Damen vorauseilt und der der Polizei gut bekannt ist. Sein gegenwärtiges Opfer scheint die aus Amerika stammende und selbstverständlich ebenfalls sehr hübsche Isabel Longden zu sein, doch die hat noch ganz andere Probleme. Ein furchtbar dunkles Geheimnis hat sie dazu gebracht, sich vor der Welt auf einem vergammelten Anwesen in der Nähe zu verstecken. Dort in Alderscourt wohnt eine Mrs. Drew, die ihre Tochter zu sich geholt hat, beide mit dem Gesetz schon in Konflikt geraten und somit für den Unbekannten im Hintergrund willige und nützliche Helferinnen, um die verzweifelte Isabel zu betreuen bzw. zu bewachen.
Der Landgasthof in der Nähe wird von der resoluten Wirtin Mrs. Hingsley geführt, einer mittlerweile dreifachen Witwe, die immer noch zu romantischen Gefühlen neigt und ihren Lieblingsgast Duncan damit überhäuft. Ein weiterer Gast ist der angebliche Künstler Mr. Gwynne. Der recht neue Geschäftsführer Mr. William erweist sich nicht gerade als besonders tüchtige Kraft, scheint sogar zu nichts weniger geeignet. Alle benehmen sich ziemlich verdächtig, doch das Geschehen kommt erst so richtig in Fahrt, als der eben entlassene schwere Junge Dan Kaye den kleinen glotzäugigen Mr. Fielder in London besucht, dessen wohltätiger Verein für Gestrauchelte diesen den Wiedereinstieg in ein ehrliches Leben erleichtern soll. Kaye sucht einen vor ihm entlassenen Mitgefangenen namens James Marwel, was sowohl Mr. Fielder als auch dessen ansehnliche Sekretärin Miss Reid irgendwie zu beunruhigen scheint. Das patente Frauenzimmer hat einen heimlichen Geliebten, der Charles Barres heißt und irgendwie mit in der Sache hängt. Ganz schön viele Personen, aber die Reihen lichten sich im Laufe der Zeit, als erster muss Kaye als nächstes Opfer des Meilensteines dran glauben. Nun schlagen auch die übrigen Personen im Gasthof der tüchtigen Mrs Hingsley auf, ein fröhliches Hin und Her, das sich auch mal ein bisschen in das schon erwähnte verlotterte Alderscourt zu den Drews und der unglücklichen Isabel verlagert, aber auch in einen ebenfalls in der Nähe gelegenen Steinbruch samt Buschhaus, von dem aus der Schurke des Stückes ebenfalls seine kriminellen Fäden zieht. Die Ermittlungen liegen in den Händen von Chefinspektor Perkins, einem alten Hasen von Scotland Yard. Er steht mit dem schnieken Alf Duncan auf recht vertrautem, fast schon freundschaftlichen Fuße, obwohl er tiefe Komplexe wegen dessen guter Universitätsausbildung hat, welche dem einfachen Polizisten versagt blieb.
Die Handlung geht ihren verwirrenden turbulenten Gang, allerlei Morde und Mordanschläge passieren, sogar mittels Kontaktgift und selbstgebautem Kanonenrohr. Ein eifriger Polizist muss ebenso mehr als nur Federn lassen wie die ränkevolle Miss Reid, der unbekannte Strippenzieher geht wahrlich über Leichen und beginnt auch allmählich, seine Schlupfwinkel recht drastisch vom Erdboden zu vertilgen. Aber wer ist der Unbekannte, und wo liegt das Motiv hinter allem ? Zuguterletzt werden nicht nur der Täter und alle seine (übriggebliebenen) Helfer enttarnt, sondern auch eine Menge Identitäten geklärt, die Geheimnisse aller Personen aufgedeckt sowie, natürlich, auch liebende Herzen ordnungsgemäß unter die Haube gebracht. Ende gut - alles gut.


Bewertung:

Die Zutaten der Krimi-Story sind gleichermaßen bunt wie hanebüchen. Eine Kette von Unfällen, Dollarfälschungen, Erpressungen, gegenseitigen Bespitzelungen, Unfallflucht, fantasievollen Morden, Scheinidentitäten und Verbrecherschlupfwinkeln wechseln sich in wilder Folge ab, dass man schon ein wenig Konzentration benötigt, um dem Geschehen folgen zu können. Die Lösung der Ursache der Unfallserie am berüchtigten Meilenstein 39.5, die mit dem Verschwinden des Erfinders James Marwel zusammenhängt, hat schon den Hauch des Wissenschaftlich-Phantastischen. Immer wieder kehrt man zum Landgasthof der älteren, aber ziemlich lüsternen Mrs. Hingsley zurück, ein Frauentyp, für den der Autor wohl eine besondere Vorliebe zu haben schien. Einige Personen kennt man nur aus dem Off, aus Erzählungen der anderen, da sie schon ziemlich früh aus dem Wege geräumt wurden. Alle ziehen ihre Ränke, obwohl es schon früh klar sein dürfte, dass der umtriebige scheinbar vorbestrafte Alf Duncan, der dem dankbaren Chefispektor Perkins immer mal ein paar Happen hinwirft, doch gar nicht so böse sein kann wie gedacht. Aber wer ist nun der Hauptschurke ? Der griesgrämige Dauergast Mr. Gwynne, der seltsame unfähige Geschäftsführer Mr. William oder eher der fischäugige Mr. Fielder aus London, der allerdings selber einem Anschlag am Meilenstein nur knapp entgeht ? Welche Süppchen kochen die anderen Personen, besonders die gar nicht so treue Angestellte Miss Reid, die die Begehrlichkeit der etwas simpler gestrickten Männer des Buches zu wecken versteht ? Fragen über Fragen, auch was die sich vor der Öffentlichkeit verbergende Miss Langdon nun ausgefressen hat, kommt allmählich ans Licht, doch eigentlich war ja alles ganz anders. Die beiden Drew-Weiber erscheinen etwas überzeichnet, sind auch so klassische Stereotype aus einem Wallace-Roman. Eine Zeit lang ist der Steinbruch in der Nähe ein Hauptort der Handlung, der wird dann aber drastisch "herausgebombt".
Irgendwie sind es der Geheimnisse und Verwicklungen etwas reichlich, ob nun alles glaubhaft und sinnvoll zusammenhängt, darf man getrost in Frage stellen. Zum Ende fügt sich alles logisch zusammen, was man nicht abstreiten kann, woher die Ermittler ihr Wissen haben, kann man nicht immer sagen. Der Haupttäter hat mehrere Eisen im Feuer gehabt und sich ganz offensichtlich übernommen.
Man kann sich auch des Eindrucks nicht erwehren, dass die London-Beschreibungen von Weinert-Wilton mehr an Prag erinnern, die englische Heidelandschaft hat wohl eher den Charakter der lieblichen böhmischen Landschaft, und die beiden als Verstärkung herbeibeorderten Polizisten Mr. Hunter und Mr. Bell, genannt "die Ajaxe", kommen einem eher wie Karikaturen der berühmten tschechischen Humoristen (Hasek und Co.) vor. Weinert-Wiltons Herkunft lässt sich nun mal nicht verleugnen.
Das große Vorbild aus England steht als Silhouette stets im Hintergrund, manches ist vielleicht ein bisschen moderner.
Es wäre unfair, das Ganze nur als Abklatsch zu bezeichnen, die Geschichte hat durchaus eigenständige Handlungsfäden, außerdem kommt beim Lesen keine Langeweile auf, was ja manchmal bei dem Autor kritisiert wird.
Dieser Roman wird Fans der klassischen Edgar-Wallace-Welten sicher auch gefallen, ein guter Krimi in einer so nie existierenden Welt.



Leseexemplar:

Hier war die Lesevorlage von 2019 ein sehr kleinbuchstabiger Druck auf ca. 110 übergroßen Seiten von OK-Publishing, einem neuen Verlag. Man hat sich sichtlich bemüht, die Zahl der Druckfehler zu begrenzen, wobei freilich immer noch fraglich ist, warum diese überhaupt sein müssen. Scheint eine ungekürzte Ausgabe zu sein.


Verfilmung:

Obwohl sicher eines der besseren Weinert-Wilton-Bücher, fand die Fabel um den Schwarzen Meilenstein keinen Eingang in die kurzlebige Filmreihe nach den Krimis des sudetendeutschen Schriftstellers. Allerdings scheint man hier, ähnlich wie bei einigen Wallace-Filmen, zumindest einige Elemente in einen der gedrehten Streifen transportiert zu haben. Die zwielichtige Rolle des berüchtigten attraktiven Heiratschwindlers und Undercover-Polizisten Ralph Hubbard bei Die weiße Spinne gab es so im Roman gar nicht, desgleichen wurde wohl auch der gar nicht so fleckenlose Verein zur Unterstützung von ehemaligen Strafgefangenen übernommen, bei dem die junge Mrs. Irvine anstatt eines Warenhauses als Leiterin unterkam.

Lord Peter Offline




Beiträge: 523

18.10.2020 15:23
#35 RE: Denkmaschinen, Snobs und Eierköpfe - die literarischen Detektive des klassischen Golden Age Zitat · Antworten

Zitat von Dr. Oberzohn im Beitrag #8
Victor Gunn (1889 - 1965)


(...)

Buchbesprechung: Das achte Messer


Originaltitel: The Golden Monkey
Erstveröffentlichung: 1957


(...)

Leseexemplar:

Goldmann-Verlag ; Veröffentlichung ??? ; über 180 Seiten

Die Übersetzung von Ruth Kempner ist die Standardausgabe für Goldmann, liest sich dem nicht unbedingt hochliterarischen Original entsprechend ganz gefällig. Meine Taschenbuchausgabe hat auf dem Einband die attraktive Suzy Kendall inklusive neben ihr steckendem Wurfmesser, aus dem Wallace-Film Das Rätsel des silbernen Dreieck. Tatsächlich erinnert dessen Handlung auch ein klein wenig an den Krimi von Victor Gunn.



Witzig, die Ausgabe habe ich auch. Die Dame auf dem Cover ist fraglos attraktiv, allerdings handelt es sich nicht um Suzy Kendall (wie auch fälschlicherweise im Impressum angegeben), sondern um Margaret Lee.

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