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Dieses Thema hat 36 Antworten
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 Off-Topic
Seiten 1 | 2 | 3
Dr. Oberzohn Offline



Beiträge: 595

20.06.2020 16:08
#31 RE: Denkmaschinen, Snobs und Eierköpfe - die literarischen Detektive des klassischen Golden Age Zitat · Antworten

Margery Allingham (1904-1966)


Die in London geborene Tochter eines schriftstellerisch bzw. journalistisch arbeitenden Elternpaares erhielt eine frühe Ausbildung im Geschichtenschreiben. Sie begann auch in jungen Jahren Theaterstücke, Zeitschriftenartikel, Filmrezensionen oder auch eine Piratengeschichte zu schreiben, 1927 folgte dann ihr erster Kriminalroman. Nach ihrer Heirat mit einem Maler war es ihre Rolle, durch das Krimi-Schreiben eine feste Einnahmequelle zu bekommen. Ihrem Seriendetektiv Albert Campion blieb sie bis zu ihrem Tod treu, ihr Ehegatte schrieb den letzten Roman fertig sowie auch noch Folgebücher.

Von Allinghams über 30 veröffentlichten Büchern sind neben ein paar anderen Werken die meisten Kriminalromane oder -geschichtensammlungen. Ihr Hauptprotagonist, Albert Campion, war ursprünglich wohl eher als Parodie auf Dorothy Sayers‘ Lord Peter Wimsey gedacht. Doch er mauserte sich trotz seiner aufgesetzten Albernheit mit der Zeit zu einem ernstzunehmenden Privatdetektiv (selbstverständlich mit adeligem, wenngleich unklarem familiären Hintergrund), wobei er auch alterte und sich persönlich weiterentwickelte. Auffällig sind bei ihren Erzählungen die eher seltenen klassischen Plotmomente wie bei Agatha Christie, sondern mehr phantasievolle Einsprengsel und häufig auch das Auftreten organisierter Verbrecherbanden.


Leseempfehlungen:

Gefährliches Landleben (Original: Mystery Mile – Erscheinungsjahr: 1930)

Der amerikanische Richter Lobbett ist einer gehäuften Anzahl von Mordanschlägen gerade noch entgangen. In England wird er von Albert Campion auf dem Lande versteckt, doch auch dort beginnen die dunklen Umtriebe. Denn ein legendärer Verbrecher namens „Simister“ ist der rücksichtslose Gegner, der auch Campion an den Kragen will… Heiter-gruselige Story.


Tänzer in Trauer (Original: Dancers in Mourning – Erscheinungsjahr: 1937)

Der erfolgreiche Tänzer Jimmy Soutane leidet unter einer Menge boshafter Streiche. Dann geschieht ein Mord. Campion beginnt wieder im Umfeld von Soutanes Angestellten und Bekannten zu ermitteln. Plötzlich gibt es einen blutigen Bombenanschlag – nicht die letzte Untat. Ein Whodunit mit ernsterer Handlung, nach etwas schleppender Eröffnung sehr spannend.


Die Spur des Tigers (Original: The Tiger in the Smoke – Erscheinungsjahr: 1952)

Der Schwerverbrecher Jack Havoc bricht aus dem Gefängnis aus. Er will einen Schatz bergen, von dem er während seiner Soldatenzeit erfahren hat. Dabei zieht er eine Blutspur hinter sich her. Können ihn Campion und die Polizei aufhalten ? Nicht herausragend, aber ein interessantes Beispiel, wie weit nach dem Krieg der klassische englische Krimi zum Gangsterthriller mutierte.



Buchbesprechung: Schlag mich mit Blindheit



Originaltitel: Hide My Eyes
Erstveröffentlichung: 1958



Hauptpersonen:

Albert Campion – gealterter Privatdetektiv
Charles Luke – frischgebackener Superintendent bei Scotland Yard
Richard Waterfield – junger hoffnungsvoller Mann
Annabelle Tassie – hübsche junge Frau
Margaret Tassie – liebenswerte ältere Dame ; Tante von Anabelle
Gerald „Gerry“ Hawker – zwielichtiger charmanter Hochstapler
Edna Carter – Geschäftsführerin eines Clubs
Matthew Phillipson - Rechtsanwalt
Mr. Vick – neugieriger Friseur
Chief Superintendent Yeo – von der Polizei
Superintendent Cullingford – von der Polizei
Constable Bullard – von der Polizei
Constable Picot – von der Polizei


Handlung:

Ein seltsames Verbrechen geschieht in London. Es sieht so aus, als wäre ein alter Geldverleiher in seinem Büro in der Nähe eines Theaters umgebracht und mit einem Autobus wegtransportiert worden. Von der Leiche fehlt jede Spur, ebenso von dem ungewöhnlichen Transportmittel.
Das ist der Stand, den Superintendent Charles Luke seinem alten Freund Albert Campion, dem berühmten Detektiv, eines Morgens auseinandersetzt. Doch Luke behauptet noch viel mehr. In den letzten Jahren hat es eine Serie von unaufgeklärten Morden oder Fällen gegeben, in denen Personen verschwunden sind. Dabei ging es stets um eher kleinere Beträge, nichts Spektakuläres, doch es scheint ein vollkommen skrupelloser Raubmörder am Werk zu sein, der keine Spuren hinterlassen will. Behauptet zumindest Charles Luke, seine Kollegen, Vorgesetzten und nicht zuletzt auch Campion denken eher, dass er einem Phantom hinterherjagt. Luke weiß sogar, wo sein eingebildeter Serienmörder sitzt: in Garden Green, einem etwas herunter gekommenen Viertel in London, in der Mitte all der bisherigen Tatorte gelegen, sogar eine der wenigen hinterlassenen Spuren des Täters stammt von dort. Viele sind es nicht, zurückgelassene Handschuhe, eine Ring, eine Brieftasche, alles kleine Artefakte.
Ehe Campion weiter eine ablehnende Haltung einnehmen kann, geschieht das Unglaubliche - das extra angeschaffte Telefon mit Direktverbindung zum Polizeirevier Garden Green läutet...
Szenenwechsel. Ein sehr hübsches blutjunges Fräulein vom Lande wird in Garden Green von einem alten Bekannten abgeholt. "Alter" Bekannter ist wohl nicht der richtige Ausdruck, der erst vor kurzem aus der Armee entlassene und jetzt als Angestellter in der großen Stadt arbeitende Richard Waterfield zählt auch nicht mehr als zweiundzwanzig Lenze, noch ein paar mehr als seine betörende Kindheitsfreundin Annabelle Tassie. Irritiert muss er feststellen, dass diese rein körperlich wahrlich kein kleines Mädchen mehr ist, auch sonst ist sie wohl reifer geworden, hat aber noch immer ihre kindliche Unbekümmertheit. Annabelles Geschichte ist mysteriös. Eine entfernte Tante von ihr, Margaret Tassie, wollte eigentlich ihre ältere Schwester zu sich holen für eine nicht näher definierte Aufgabe. Doch die ist nun mittlerweile verheiratet, also kam dann pragmatischerweise Annabelle. Richard gefällt die Sache gar nicht, er will auf das Mädchen aufpassen und sie begleiten. Als Annabelle ihre Tante Margaret trifft, sind sich die beiden gleich sympathisch. Margaret, genannt "Polly", ist Besitzerin eines netten Häuschens mit Garten und einem "Privatmuseum", einem Erbstück ihres seligen Mannes, vollgestopft mit allerlei Kuriositäten, besonders Tiermöbeln, Wachsfiguren und anderen Dingen, die die Welt nicht braucht. Aber die ältere Dame kümmert sich rührend darum. In ihrem Haushalt scheint dann und wann ein noch recht junger Mann Anfang Dreißig zu wohnen, Gerald Hawker, gutaussehend und charmant, ein Frauentyp und dem ersten Anschein nach auch sehr nett.
Annabelle beschließt zu bleiben, während der eifersüchtige Richard heimlich dem schönen "Gerry" Hawker folgt. Während eines Friseurbesuchs bei Mr. Vick sieht sich Richard unvermittelt von Gerries Redseligkeit eingewickelt, er wird von diesem eingeladen und unternimmt eine Tour durch verschiedene Kneipen mit ihm. Während Richard noch nicht so ganz klar wird, was der andere damit bezweckt, lernt er immer mehr den wahren Charakter dieses Mannes kennen - ein notorischer Lügner, Verführer und Hochstapler, der auf Menschen beiderlei Geschlechts anziehend wirkt, doch offenbar einige recht dunkle Seiten hat. Der Leser hat mittlerweile mehrere geschickte Hinweise bekommen, dass zwischen Gerry und den Verbrechen von Superintendent Lukes schwarzem Mann ganz offensichtlich eine Verbindung bestehen muss. Gerry und Richard sind irgendwann im Midget Club einer gewissen Edna Carter gelandet, wo der angebliche Major wohlbekannt ist. Richard merkt bald, dass die nach außen so gestrenge Mrs. Carter dem lebenslustigen Gerry regelrecht verfallen ist, der sie, wie immer, auf später vertröstet und offen anlügt. Sein Gegenüber wird immer unsympathischer und ist plötzlich verschwunden. Jetzt dämmert ihm auch, was Gerry von ihm will, nämlich ihn als Kronzeuge für ein Alibi benutzen. Alibi wofür ? Richard weiss noch nicht, dass gerade Matthew Phillipson, der alte Rechtsanwalt der lieben Mrs. Tassie, erschossen wurde...
Auf der anderen Seite beginnen Campion und Luke mit ihren Nachforschungen, besuchen die (scheinbar) arglose Mrs. Tassie und ihre Nichte, plaudern ein wenig und sehen sich unverhofft spätabends auf einem Schrottplatz am anderen Ende Londons wieder, wo auch der unermüdliche Richard auf der Suche nach dem abhanden gekommenen Gerry aufgetaucht ist. Hier gibt es eine geheime Werkstatt mit vielen verdächtigen Einzelheiten zu besichtigen, auch einen zufällig aufgetauchten ausrangierten Bus mit einem verschollenen Wachspuppenpaar in der Nähe... Aber der zähe Kriminalist Luke ist noch nicht zufrieden, er sucht immer noch Beweise für eine Verurteilung des Mörders. Mehrere Personen aus Gerry Hawkers Bekanntschaft werden verhört, während der immer dringender Verdächtige gerade dabei ist, die Beseitigung der nächsten Personen vorzubereiten. Es wird ein Wettlauf, der mit einem brennenden Haus endet - aber natürlich auch mit einem guten Ausgang der Geschichte.


Bewertung:

Wie es aussieht, hatte der klassische Whodunit im Schaffen der Mrs. Allingham in den fünfziger Jahren ausgedient. Waren ihre Bücher anfangs noch recht unbekümmerte phantasievolle Produkte, so tendierten sie später mehr zu detektivischen Verrenkungen wie die ihrer berühmten Kolleginnen Christie und Sayers, aber der Krieg, das Lebensalter und sicher auch allgemeine Entwicklungen in der Kriminalliteratur führten zu einer anderen Art von Erzählungen. Ihr Held Albert Campion, der ehemals so töricht stammelnde bebrillte junge Mann, ist über die Jahre ein Großvater geworden, der den nachstrebenden jüngeren Polizisten gerne das Feld überlässt. Im hiesigen Fall ist sein Part besonders blass geraten, eigentlich fungiert er nur als gelegentlicher Stichwortgeber für den zum Superintendenten beförderten Charles Luke, einem sehr männlichen und zupackenden Vertreter von Scotland Yard, der auf der Seite der Ermittler eindeutig die Hauptrolle spielt. Ein paar andere Polizeibeamte, niedriger, höher oder gleich auf der Karriereleiter stehend wie Luke, tummeln sich auch noch hin und wieder herum in dieser Geschichte, die bis auf das erste Kapitel fast nur an einem Tag samt angeschlossener Nacht spielt. Lange Zeit werden nur die Aktionen des immer zweifelhafter werdenden Gerald Hawker beschrieben, die er zusammen mit dem nicht zufällig ausgewählten Richard Waterfield und dann auch ohne ihn begeht. Alles, was Gerry tut, ist berechnet, während Richard ja nur mal in Erfahrung bringen wollte, mit welchen Leuten seine alte Freundin Annabelle zusammen ist. Bald weiß der Leser, dass Gerry wahrlich nicht koscher ist. Der vom einsamen Luke vermutete rücksichtslose Mehrfach-Killer ist keine Einbildung. Auch der armen alten Polly, die für den schmeichelhaften Gauner mütterliche Gefühle empfindet, dämmert endgültig, was ihr Zögling, den sie mit ihrer hübschen Nichte verkuppeln wollte, in Wirklichkeit für eine Partie ist. Kleine Diebstähle, Scheckfälschungen, aber auch in der Zeitung wiedererkannte Gegenstände von einem zurückliegenden Kapitalverbrechen - alles das wollte die Gute nicht wahrhaben ("Hide My Eyes"). Doch der bisher immer auf der Glücksseite stehende Gerald hat diesmal wirklich Pech, seine Alibis brechen zusammen, er wird sogar von seinem neugierigen Frisör verfolgt, die Polizei wird auf ihn aufmerksam, sein Schlupfwinkel wird entdeckt. Er ist offensichtlich unter seiner schillernden Oberfläche ein gefühlloses Monster, ein eiskalter berechnender Mörder, der mit den Menschen spielt und sie ausnutzt, wo er kann. Die Szenen auf dem dunklen Schrottplatz in einer verfallenen Hütte sind schön schaurig geraten, überall fragwürdige Überreste von Gegenständen, die den Opfern gehört haben könnten, dann noch ein stinkendes Loch in der Erde, geleerte Säurefässer in der Nähe... Erinnerungen an den berüchtigten Serienmörder Haigh werden wach, der vor einem Jahrzehnt aus ähnlich unglaublichen Motiven sein Unwesen trieb und wohl das reale Vorbild für Hawker war und der auch mehrfach erwähnt wird. Ein weiterer Bezug auf damals aktuelle Geschehnisse in Großbritannien ist wohl der homicide act vom Vorjahr, welcher die Verhängung der Todesstrafe erheblich erschwerte. Unter anderem gilt sie immer noch für Mehrfachmörder aus niederen Motiven, wobei Gerald Hawker durchaus noch ein geeigneter Kandidat wäre. Hier tritt Margery Allingham in die Fußstapfen ihrer berühmten Kollegen Edgar Wallace und Agatha Christie, welche offen Sympathien für diese strenge Form der Bestrafung bei Tötungsverbrechen hatten. Sogar der sonst so milde Albert Campion möchte den Übeltäter baumeln sehen, und Luke treibt erhebliche Sorge, genügend stichhaltige Beweise für eine Verurteilung vor Gericht zusammenzubekommen, damit der Schurke nicht seiner Strafe auf dem Schafott entgeht; wie sollte man das der Bevökerung erklären ? Damals galten offensichtlich noch andere Maßstäbe. Allerdings reitet Allingham immer wieder auf dem Aspekt der einwandfreien Beweisführung herum, schließlich gab es auch immer wieder Justizirrtümer.
Auch wenn es kein Rätselraten vor versammelter Endrunde im Familienkreis mit überraschender Enttarnung des Täters mehr gibt, ist den polizeilichen Ermittlungen einschließlich Campions sporadischen Geistesblitzen noch genug Raum gegeben, während der Leser in mancher Hinsicht immer ein wenig mehr weiß, denn er ist ja auch direkt an der Seite des mutmaßlichen Massenmörders. Irgendwie schon eine Prise Patricia Highsmith, mit einem Psychogramm des Mörders. Natürlich darf die Liebe auch nicht fehlen, zumindest ist da etwas zwischen Richard und Annabelle am Köcheln. Der junge Held rettet seine Maid zum Schluss ganz klassisch aus den Fängen des Bösewichts; auch hier erweist sich Mrs. Allingham nicht unbedingt als Ausbund des Feminismus, da sie aufgrund ihrer eigenen nicht immer positiven Erfahrungen in ihrer Ehe tatkräftige Männer durchaus zu schätzen schien. Annabelles märchenhafte Einführung bei ihrer netten Tante hat denn bald ein ernüchterndes Ende, hier war die Autorin realistisch genug. Und wenn der Bösewicht des Stückes zu guter Letzt eine ihm nahestehende Person rettet, so bestehen immer noch Zweifel, ob er das in einem Anfall aus Gutherzigkeit oder nur aus kühler Berechnung getan hat, wie er auch selber behauptet.
Als Thriller kann man den Roman eher nicht bezeichnen, dazu ist er etwas zu behäbig. Ist eher eine Mischung aus verschiedenen Stilrichtungen, die nicht immer, aber an vielen Stellen durchaus zu interessieren vermag. Es scheint so, als balle sich an einem Tag so viel zusammen wie sonst in einem Jahr, aber das soll es ja geben. Mir hat das ganze durchaus gefallen, doch der Freund von typischen englischen Krimis sollte es vielleicht eher mit den früheren Werken der Autorin versuchen.


Leseexemplar:

Diogenes-Verlag ; 1994 ; ca. 280 Seiten

Übersetzt ist das Buch von Gert van Bebber aus der Mitte der sechziger Jahre, sehr gefällig zu lesen.


Verfilmung:

Einen Film über die Fabel von Hide My Eyes gibt es nicht.

schwarzseher Offline



Beiträge: 626

29.06.2020 18:29
#32 RE: Denkmaschinen, Snobs und Eierköpfe - die literarischen Detektive des klassischen Golden Age Zitat · Antworten

Habe nochmal ein bischen bei D. L. Sayers rein gelesen und es fiel mir wieder auf das fast alles von Lord Peter abweichende eher langatmig /langweilig ist .Sobald sie versucht zB. Harriet Vane mehr Spielraum zu geben.ZB.bei "Aufruhr in Oxford " zig Seiten langweiliges Gerede über Briefe ,weibliche Studenten usw. usw...gähn....... Sayers ist eigentlich nur "gut" wenn sich alles direkt und hauptsächlich um Lord Peter und Bunter dreht.

Da hat A. Christie eine etwas breiter Spannweite mit Marble und Poirot usw. und was (für mich )auch wichtig ist ...sie verzettelt sich nicht so in allzu belangloses......Seitenauffüllmaterial.

Dr. Oberzohn Offline



Beiträge: 595

29.06.2020 20:33
#33 RE: Denkmaschinen, Snobs und Eierköpfe - die literarischen Detektive des klassischen Golden Age Zitat · Antworten

Tja, Mrs. Sayers hat nun mal auch den Anspruch gehabt, intellektuellere und ambitionierte Kriminalromane zu schreiben. Ich gebe zu, dass mir ihre früheren Bücher auch besser gefallen, später, als Lord Peter dann auch noch in den Stand der Ehe trat etc., da war es wirklich viel aufgeblasenes Brimborium ohne kriminalistische Substanz darin. "Aufruhr in Oxford" wird ja immer als ihr bestes Werk bezeichnet, da hab ich bisher einen Bogen drum gemacht, vielleicht nicht ohne Grund...
Später schrieb Dorothy Sayers ja nur noch über religiöse Themen, lag ihr wahrscheinlich mehr, hat aber in einem guten Krimi nichts zu suchen. Die Kriminalliteratur war nur Broterwerb für sie, hat sie ja auch zugegeben.
Obwohl auch Agatha Christie mitunter endlose Schwafeleien verzapft hat, gerade zum Schluss hin, hängt vielleicht auch mit dem Alter zusammen, dass man da irgendwie als Autor mit philosophieren anfängt und ab und an den Faden verliert. Aber das meiste aus ihrer Feder ist schon topp.

Dr. Oberzohn Offline



Beiträge: 595

17.09.2020 20:43
#34 RE: Denkmaschinen, Snobs und Eierköpfe - die literarischen Detektive des klassischen Golden Age Zitat · Antworten

Louis Weinert-Wilton (1875 – 1945)


Der Sudetendeutsche Alois Weinert war der Spross einer gutbürgerlichen Familie in der k.u.k.-Monarchie, der nach einer begonnenen militärischen Laufbahn später als Redakteur einer deutschen Zeitung in Prag und in einer leitenden Position am Deutschen Theater arbeitete. Neben einigen Theaterstücken schrieb er auch Kriminalromane. Sein Tod in einem tschechischen Internierungslager nach Kriegsende ist tragisch, wie vieles zu dieser Zeit.

Weinert-Wiltons Krimis sind deutlich von Edgar Wallace beeinflusst, den der Schriftsteller wohl sehr geschätzt zu haben scheint. Ab 1929 verfasste er in einem Jahrzehnt ein knappes Dutzend Romane, mal mehr, mal weniger in diesem Stil. Die besten reichen wohl an das große Vorbild heran, natürlich entscheidet hier der Geschmack des Lesers. Wer Wallace nicht mag, kann mit Weinert-Wilton erst recht nichts anfangen.


Leseempfehlungen:

Die weiße Spinne (Erstveröffentlichung: 1929)

Weinerts Erstling mit einem Drahtschlingenmörder, der unter verschiedenen Masken agiert, erinnert noch sehr stark an Wallace. Alle Zutaten sind vorhanden: Doppelidentitäten, bedrohte Frauen, verruchte Schurken, Spielclubs, Mordanschläge und Intrigen – bar jeglicher Realität. Aber spaßig zu lesen.






Buchbesprechung: Der schwarze Meilenstein


Erstveröffentlichung: 1935


Hauptpersonen:

Alf Duncan – junger, etwas zwielichtiger Mann
Isabel Longden – hübsche Frau mit dunklem Geheimnis
Chefinspektor Perkins – Beamter von Scotland Yard
Guy Fielder – Vorsitzender einer Wohltätigkeitsstiftung
Mrs. Reid – seine Sekretärin
Mrs. Drew – vorbestrafte ältere «Dame»
Molly Drew – ihre ähnlich geartete Tochter
Mrs. Hingley – Gasthofbetreiberin
Mr. William – Geschäftsführer
Mr. Gwynne - Pensionsgast
Dan Kaye – ehemaliger Sträfling
James Marwel – erfinder und Ex-Zuchthäusler
Charles Barres – Mann im Hintergrund
Mr. Hunter - Unterinspektor von Scotland Yard
Mr. Bell – Sergeant von Scotland Yard
Mr. Webb – Makler
ein namenloser Polizeiarzt


Handlung:

Im guten alten Märchenkrimi-England ist wieder mal einiges los: Auf der Chaussee von London nach Hampstead inmitten eines Gehölzes, direkt am Meilenstein mit der Nummer 39.5, sind in der letzten Zeit schon sechs Autofahrer tödlich verunglückt, immer an derselben Stelle. Niemand kann sich erklären warum. Eine Zeitlang hat sogar der Automobilclub die Stelle bewacht. Doch das ist nicht das einzige Mysteriöse im Umkreis des Landgasthofes Zum Reitenden Postillon, der durch die tragischen Geschehnisse am „Schwarzen Meilenstein“ einen unerwarteten Besucherandrang bekommen hat.
Hier ist wohl zuallererst ein gewisser Alf Duncan zu nennen, ein sehr gutaussehender und gepflegter junger Bursche, dem aber schon ein Ruf als Herzensbrecher mit unlauteren Absichten in Bezug auf das Vermögen der auserkorenen Damen vorauseilt und der der Polizei gut bekannt ist. Sein gegenwärtiges Opfer scheint die aus Amerika stammende und selbstverständlich ebenfalls sehr hübsche Isabel Longden zu sein, doch die hat noch ganz andere Probleme. Ein furchtbar dunkles Geheimnis hat sie dazu gebracht, sich vor der Welt auf einem vergammelten Anwesen in der Nähe zu verstecken. Dort in Alderscourt wohnt eine Mrs. Drew, die ihre Tochter zu sich geholt hat, beide mit dem Gesetz schon in Konflikt geraten und somit für den Unbekannten im Hintergrund willige und nützliche Helferinnen, um die verzweifelte Isabel zu betreuen bzw. zu bewachen.
Der Landgasthof in der Nähe wird von der resoluten Wirtin Mrs. Hingsley geführt, einer mittlerweile dreifachen Witwe, die immer noch zu romantischen Gefühlen neigt und ihren Lieblingsgast Duncan damit überhäuft. Ein weiterer Gast ist der angebliche Künstler Mr. Gwynne. Der recht neue Geschäftsführer Mr. William erweist sich nicht gerade als besonders tüchtige Kraft, scheint sogar zu nichts weniger geeignet. Alle benehmen sich ziemlich verdächtig, doch das Geschehen kommt erst so richtig in Fahrt, als der eben entlassene schwere Junge Dan Kaye den kleinen glotzäugigen Mr. Fielder in London besucht, dessen wohltätiger Verein für Gestrauchelte diesen den Wiedereinstieg in ein ehrliches Leben erleichtern soll. Kaye sucht einen vor ihm entlassenen Mitgefangenen namens James Marwel, was sowohl Mr. Fielder als auch dessen ansehnliche Sekretärin Miss Reid irgendwie zu beunruhigen scheint. Das patente Frauenzimmer hat einen heimlichen Geliebten, der Charles Barres heißt und irgendwie mit in der Sache hängt. Ganz schön viele Personen, aber die Reihen lichten sich im Laufe der Zeit, als erster muss Kaye als nächstes Opfer des Meilensteines dran glauben. Nun schlagen auch die übrigen Personen im Gasthof der tüchtigen Mrs Hingsley auf, ein fröhliches Hin und Her, das sich auch mal ein bisschen in das schon erwähnte verlotterte Alderscourt zu den Drews und der unglücklichen Isabel verlagert, aber auch in einen ebenfalls in der Nähe gelegenen Steinbruch samt Buschhaus, von dem aus der Schurke des Stückes ebenfalls seine kriminellen Fäden zieht. Die Ermittlungen liegen in den Händen von Chefinspektor Perkins, einem alten Hasen von Scotland Yard. Er steht mit dem schnieken Alf Duncan auf recht vertrautem, fast schon freundschaftlichen Fuße, obwohl er tiefe Komplexe wegen dessen guter Universitätsausbildung hat, welche dem einfachen Polizisten versagt blieb.
Die Handlung geht ihren verwirrenden turbulenten Gang, allerlei Morde und Mordanschläge passieren, sogar mittels Kontaktgift und selbstgebautem Kanonenrohr. Ein eifriger Polizist muss ebenso mehr als nur Federn lassen wie die ränkevolle Miss Reid, der unbekannte Strippenzieher geht wahrlich über Leichen und beginnt auch allmählich, seine Schlupfwinkel recht drastisch vom Erdboden zu vertilgen. Aber wer ist der Unbekannte, und wo liegt das Motiv hinter allem ? Zuguterletzt werden nicht nur der Täter und alle seine (übriggebliebenen) Helfer enttarnt, sondern auch eine Menge Identitäten geklärt, die Geheimnisse aller Personen aufgedeckt sowie, natürlich, auch liebende Herzen ordnungsgemäß unter die Haube gebracht. Ende gut - alles gut.


Bewertung:

Die Zutaten der Krimi-Story sind gleichermaßen bunt wie hanebüchen. Eine Kette von Unfällen, Dollarfälschungen, Erpressungen, gegenseitigen Bespitzelungen, Unfallflucht, fantasievollen Morden, Scheinidentitäten und Verbrecherschlupfwinkeln wechseln sich in wilder Folge ab, dass man schon ein wenig Konzentration benötigt, um dem Geschehen folgen zu können. Die Lösung der Ursache der Unfallserie am berüchtigten Meilenstein 39.5, die mit dem Verschwinden des Erfinders James Marwel zusammenhängt, hat schon den Hauch des Wissenschaftlich-Phantastischen. Immer wieder kehrt man zum Landgasthof der älteren, aber ziemlich lüsternen Mrs. Hingsley zurück, ein Frauentyp, für den der Autor wohl eine besondere Vorliebe zu haben schien. Einige Personen kennt man nur aus dem Off, aus Erzählungen der anderen, da sie schon ziemlich früh aus dem Wege geräumt wurden. Alle ziehen ihre Ränke, obwohl es schon früh klar sein dürfte, dass der umtriebige scheinbar vorbestrafte Alf Duncan, der dem dankbaren Chefispektor Perkins immer mal ein paar Happen hinwirft, doch gar nicht so böse sein kann wie gedacht. Aber wer ist nun der Hauptschurke ? Der griesgrämige Dauergast Mr. Gwynne, der seltsame unfähige Geschäftsführer Mr. William oder eher der fischäugige Mr. Fielder aus London, der allerdings selber einem Anschlag am Meilenstein nur knapp entgeht ? Welche Süppchen kochen die anderen Personen, besonders die gar nicht so treue Angestellte Miss Reid, die die Begehrlichkeit der etwas simpler gestrickten Männer des Buches zu wecken versteht ? Fragen über Fragen, auch was die sich vor der Öffentlichkeit verbergende Miss Langdon nun ausgefressen hat, kommt allmählich ans Licht, doch eigentlich war ja alles ganz anders. Die beiden Drew-Weiber erscheinen etwas überzeichnet, sind auch so klassische Stereotype aus einem Wallace-Roman. Eine Zeit lang ist der Steinbruch in der Nähe ein Hauptort der Handlung, der wird dann aber drastisch "herausgebombt".
Irgendwie sind es der Geheimnisse und Verwicklungen etwas reichlich, ob nun alles glaubhaft und sinnvoll zusammenhängt, darf man getrost in Frage stellen. Zum Ende fügt sich alles logisch zusammen, was man nicht abstreiten kann, woher die Ermittler ihr Wissen haben, kann man nicht immer sagen. Der Haupttäter hat mehrere Eisen im Feuer gehabt und sich ganz offensichtlich übernommen.
Man kann sich auch des Eindrucks nicht erwehren, dass die London-Beschreibungen von Weinert-Wilton mehr an Prag erinnern, die englische Heidelandschaft hat wohl eher den Charakter der lieblichen böhmischen Landschaft, und die beiden als Verstärkung herbeibeorderten Polizisten Mr. Hunter und Mr. Bell, genannt "die Ajaxe", kommen einem eher wie Karikaturen der berühmten tschechischen Humoristen (Hasek und Co.) vor. Weinert-Wiltons Herkunft lässt sich nun mal nicht verleugnen.
Das große Vorbild aus England steht als Silhouette stets im Hintergrund, manches ist vielleicht ein bisschen moderner.
Es wäre unfair, das Ganze nur als Abklatsch zu bezeichnen, die Geschichte hat durchaus eigenständige Handlungsfäden, außerdem kommt beim Lesen keine Langeweile auf, was ja manchmal bei dem Autor kritisiert wird.
Dieser Roman wird Fans der klassischen Edgar-Wallace-Welten sicher auch gefallen, ein guter Krimi in einer so nie existierenden Welt.



Leseexemplar:

Hier war die Lesevorlage von 2019 ein sehr kleinbuchstabiger Druck auf ca. 110 übergroßen Seiten von OK-Publishing, einem neuen Verlag. Man hat sich sichtlich bemüht, die Zahl der Druckfehler zu begrenzen, wobei freilich immer noch fraglich ist, warum diese überhaupt sein müssen. Scheint eine ungekürzte Ausgabe zu sein.


Verfilmung:

Obwohl sicher eines der besseren Weinert-Wilton-Bücher, fand die Fabel um den Schwarzen Meilenstein keinen Eingang in die kurzlebige Filmreihe nach den Krimis des sudetendeutschen Schriftstellers. Allerdings scheint man hier, ähnlich wie bei einigen Wallace-Filmen, zumindest einige Elemente in einen der gedrehten Streifen transportiert zu haben. Die zwielichtige Rolle des berüchtigten attraktiven Heiratschwindlers und Undercover-Polizisten Ralph Hubbard bei Die weiße Spinne gab es so im Roman gar nicht, desgleichen wurde wohl auch der gar nicht so fleckenlose Verein zur Unterstützung von ehemaligen Strafgefangenen übernommen, bei dem die junge Mrs. Irvine anstatt eines Warenhauses als Leiterin unterkam.

Lord Peter Offline




Beiträge: 610

18.10.2020 15:23
#35 RE: Denkmaschinen, Snobs und Eierköpfe - die literarischen Detektive des klassischen Golden Age Zitat · Antworten

Zitat von Dr. Oberzohn im Beitrag #8
Victor Gunn (1889 - 1965)


(...)

Buchbesprechung: Das achte Messer


Originaltitel: The Golden Monkey
Erstveröffentlichung: 1957


(...)

Leseexemplar:

Goldmann-Verlag ; Veröffentlichung ??? ; über 180 Seiten

Die Übersetzung von Ruth Kempner ist die Standardausgabe für Goldmann, liest sich dem nicht unbedingt hochliterarischen Original entsprechend ganz gefällig. Meine Taschenbuchausgabe hat auf dem Einband die attraktive Suzy Kendall inklusive neben ihr steckendem Wurfmesser, aus dem Wallace-Film Das Rätsel des silbernen Dreieck. Tatsächlich erinnert dessen Handlung auch ein klein wenig an den Krimi von Victor Gunn.



Witzig, die Ausgabe habe ich auch. Die Dame auf dem Cover ist fraglos attraktiv, allerdings handelt es sich nicht um Suzy Kendall (wie auch fälschlicherweise im Impressum angegeben), sondern um Margaret Lee.

Dr. Oberzohn Offline



Beiträge: 595

18.03.2022 15:38
#36 RE: Denkmaschinen, Snobs und Eierköpfe - die literarischen Detektive des klassischen Golden Age Zitat · Antworten

Zwei Non-Poirot-Marples der Queen of Crime

Der letzte Joker (The Seven Dials Mystery – Erstveröffentlichung: 1929)

Auf dem Landsitz Chimneys, der von dem phlegmatischen Adligen Caterham an den Industriellen Oswald Coote samt Gattin Maria und Sekretär Bateman vermietet wurde, will eine Gruppe noch recht junger und nicht unvermögender Leute ein paar unbeschwerte Tage verbringen. Darunter Caterhams Tochter Eileen, genannt „Bündel“, hier in ihrem zweiten und letzten literarischen Abenteuer. Eines Tages wacht der berüchtigte Langschläfer Gerry Wade überhaupt nicht mehr auf, er wurde vergiftet. Just in der vorangegangenen Nacht hatte ihm die reichlich kindische Urlauberbande einen Streich spielen wollen, was nach Wades Tod unerwartet mit sieben Weckuhren in seinem Zimmer endet. Es kommt noch schlimmer, ein anderer aus der Truppe fällt wenig später Lady Eileen erschossen vor das Auto. Nun beginnt die ungestüme Dame selber zu ermitteln, unterstützt von ihren Freunden Bill Eversleigh, Jimmy Thesinger und Wades Halbschwester Loraine, sowie anderen Figuren, hauptsächlich noch dem väterlich auftretenden Superintendent Battle. Eileen stößt auf den skandalösen Club Seven Dials, wo sie die Konferenz einer ominösen Geheimgesellschaft belauscht, die ist offensichtlich in die Todesfälle verstrickt und in Vorbereitung eines großen kriminellen Plans. Es geht um ein Treffen auf dem Sitz des Außenministers Lomax, wo ein deutscher Ingenieur eine Geheimformel verkaufen will. Eileen schafft es samt ihren Kumpels dort eingeladen zu werden, trifft auf die sehr attraktive und rätselhafte Gräfin Radzy und muss erleben, wie die Formel bei einem Überfall trotz aller Vorkehrungen gestohlen wird. Ein erneuter Besuch in Seven Dials endet gefährlich, doch natürlich werden die Schurken des Stückes festgestellt und es bleibt auch noch Zeit für ein bisschen romantische Gefühle…

Dieser noch recht frühe Roman der bekannten Schriftstellerin führt den Leser abseits der gewohnten Denk-Detektiv-Gewässer entlang. Die Handlung ist verhältnismäßig turbulent, oft an der Grenze zur Albernheit, bedient sich einer Menge schon damals gängiger Klischees über maskierte Unholde, Geheimorganisationen mit Mitgliedsnummern und allerlei Agenten-Tobak. Kann eigentlich nur parodistisch gemeint sein und ist im Prinzip unbeschwerter Lesegenuss, wenn man mit dem Namen „Christie“ nicht was ganz anderes verbindet. Trotz allem gibt es einige Überraschungen, was die Identität der Verschwörer auf allen möglichen Seiten angeht, wenngleich man durchaus zumindest die Person des Hauptbösewichts erraten kann. Gerade ein Trick, den die Autorin Jahre später in ähnlicher und verfeinerter Form bei Tod auf dem Nil verwendete, kann den Leser auf die richtige Spur führen. Sie macht es einem diesmal allerdings nicht leicht, weil sie die Gedanken der meisten handelnden Personen für den Leser darlegt, keine einfache und bei Prüfung sicher auch nicht zu hundert Prozent wasserdichte Methode zur Verwirrung des Konsumenten. Nebenbei betreibt sie neben oberflächlich gezeichneten gelangweilten Upper-Class-Patrioten auch tiefgründig-ironischere Darstellungen einiger Figuren der High Society. Rein spannungstechnisch wäre sicher mehr drin gewesen, der fehlende Ernst der Erzählung schlägt halt immer wieder durch. Die Vielzahl der Personen mag für einige verwirrend wirken, produziert aber auch eine Anzahl Verdächtiger. Leider gibt es eine Menge Unglaubwürdiges festzustellen, hier ist es fast so wie bei Wallace, dass es eher auf Handlung als auf Logik ankommt. Der Schluss hätte dramatischer ausfallen können, im Prinzip ist es nur ein mittelmäßiger Beitrag der Engländerin, leichtfüßig (bzw. leichthändig?) geschrieben, für Fans allemal lesenswert.

Der letzte Joker (ein großes ungelöstes Rätsel ist immer noch der Sinn des deutschen Titels) wurde 1981 als Zweiteiler im Heimatland verfilmt und ist bei uns unter dem originaleren Titel Das Geheimnis der sieben Zifferblätter herausgekommen. Ist sehr werkgetreu, leider in Teilen irgendwie auch ziemlich albern geraten (zumindest der Erinnerung nach).


Als nächster ein ein Jahrzehnt später veröffentlichter Roman, der schon wesentlich finsterer daherkommt:

Das Sterben in Wychwood (Murder is Easy – Erstveröffentlichung: 1939)

Der nach seinem Kolonialdienst pensionierte, dafür aber noch recht guterhaltene Polizeibeamte Luke Fitzwilliam trifft auf einer Zugfahrt wieder daheim im Mutterland die ältere Miss Pinkerton, die ihm vom verborgenen Treiben eines Massenmörders in ihrem Heimatdorf Wychwood berichtet. Der frischgebackene Müßiggänger erfährt am nächsten Tag aus der Zeitung, dass die Lady auf dem Weg zu Scotland Yard einem Verkehrsunfall erlegen ist. Als er wenig später auch noch vom plötzlichen Tod des von seiner Zugbekanntschaft prophezeiten nächsten Opfers erfährt, beschließt er, in Wychwood private Ermittlungen anzustellen. Es gelingt ihm auf etwas konstruierte Weise, sich als Brauchtumskundler beim ortsansässigen Lord Whitfield einzuquartieren, einem bürgerlichen Aufsteiger, der durch „Yellow-Press“-Zeitschriften zu Wohlstand gekommen ist. Weiter ist da noch dessen Sekretärin und Verlobte Bridget Conway, für die sich auch Luke bald zu interessieren beginnt. Die junge Frau durchschaut auch bald Fitzwilliams Doppelspiel, sein auffälliges Interesse für ein Halbdutzend seltsame Unfälle und Krankheiten unter der Dorfbevölkerung in der letzten Zeit. Verdächtig macht sich vor allem der unangenehm weibische Antiquitätenhändler des Dorfes, der nächtens satanische Orgien feiern soll. Es gibt noch einen alten ehefrauenhassenden Obersten, einen sehr ehrgeizigen Dorfarzt der neuen Generation, einen fragwürdigen Rechtsanwalt und weitere Personen, die alle Grund gehabt hätten, wenigstens eines der vermuteten Mordopfer zu beseitigen. Ein weiteres Verbrechen geschieht. Da gibt die Ex-Verlobte des Lords, Miss Waynflete, einen entscheidenden Hinweis mit einem toten Kanarienvogel. Doch für die nun auch vom Detektivehrgeiz gepackte Bridget ist es fast zu spät…

Agatha Christie führt den Leser hier wieder mal, auch ohne Miss Marple, in die scheinbar wohlfeile Dorfwelt, wo jeder jeden kennt. Doch die Idylle ist trügerisch, der bei seinen Nachforschungen nur langsam vorankommende Luke sieht sich im Laufe vieler Befragungen unter den Einheimischen mit einer Menge privater Vorurteile und Eifersüchteleien sowie dem in England ausgeprägten Klassendenken konfrontiert. Wobei er nicht ganz sicher ist, am Ende nur einem Phantom hinterherzujagen. Immer mehr Tatsachen über die offiziell abgehakten Todesfälle kommen ans Tageslicht, der unbekannte Serientäter ist in seiner Betätigung recht abwechslungsreich, als Mordinstrument dienen Hutfärbemittel, Leiterstürze, Schädlingsgift… Sogar das kranke Ohr einer Hauskatze sollte man nicht unterschätzen ! Aber wo liegt der Grund? Mehrfach gibt es auch Anspielungen auf Okkultismus, ein Thema, das die Autorin Zeit ihres Lebens zu faszinieren schien. In Fitzwilliam und seiner Begleiterin Bridget keimt allmählich ein Verdacht, als Whitfields aufsässiger Chauffeur von einer Steinskulptur erschlagen wird. Was ist mit dem eitlen kleinen Lord in Wirklichkeit ? Obwohl sie sich mittlerweile zugunsten Lukes von ihrem Arbeitgeber und Verlobten losgesagt hat, traut Bridget dem vermeintlich Offensichtlichen nicht so über den Weg. Doch sie ist schon lange in das Visier des Mörders geraten, das Ganze entpuppt sich als ein Abgrund aus verdrängter Leidenschaft, Standesdünkel, Neid und Rachsucht. Der Tätertyp ist für Christie nicht ganz untypisch. Obwohl das Buch seine Längen hat, schafft die Plotstrickerin es meisterlich, eine immer bedrohlicher wirkende Atmosphäre zu schaffen, wobei das Thema Serienkiller zu dieser Zeit noch nicht so ausgelutscht war wie heute. Am Vorabend des zweiten Weltkriegs war auch in Merry Old England die Welt alles andere als heil, könnte man meinen. Ein lohnenswerter Krimi, in dem auch Superintendent Battle seinen vorletzten Auftritt hat.

Von einigen Versuchen, den Stoff zu verfilmen, ist der 1982 gedrehte Film Mörderische Leidenschaft mit einigen bekannten Akteuren am authentischsten zum Roman hin, wenngleich er in der modernen Zeit spielt und Luke Fitzwilliam als Computerfachmann agiert, was Mrs. Christie sicherlich etwas irritiert hätte.

Dr. Oberzohn Offline



Beiträge: 595

08.08.2022 18:27
#37 RE: Denkmaschinen, Snobs und Eierköpfe - die literarischen Detektive des klassischen Golden Age Zitat · Antworten

Mary Roberts Rinehart (1876 - 1958)

Die US-Amerikanerin Mary Ella Roberts Rinehart wuchs in einfachen, aber nicht ärmlichen Verhältnissen auf, allerdings erschoss sich ihr Vater, als sie gerade dem Teenager-Alter entwachsen war. Sie machte auf eigenen Wunsch eine Ausbildung als Krankenschwester. Bald heiratete sie einen Arzt und bekam drei Söhne mit ihm. Schon frühzeitig hatte sie Geschichten geschrieben, nach eigener Aussage begann sie anfangs des neuen Jahrhunderts aus Geldnot mit dem ernsthaften Verfassen von literarischen Werken. Sie war sehr vielseitig, begehrt waren ihre Liebesromane, doch ihr recht umfangreiches Werk an Kriminalprosa ist am ehesten in Erinnerung geblieben.

Rinehart gilt als Erfinderin der Had-I-But-Know-Schule des Krimis, ("Hätte ich damals schon gewusst..."), mit der eine mysteriöse Atmosphäre erzeugt werden soll. Häufig sind Frauen, auch in Serien, die Akteurinnen ihrer Geschichten, wie die für die Polizei arbeitende Krankenpflegerin Hilda Adams, deren Abenteuer auch in Deutschland hin und wieder noch mal neu aufgelegt werden. Neben gewollter Schaueratmosphäre zeigen ihre Bücher mitunter doch gewisse Schattenseiten der Gesellschaft, wobei die Heldinnen schon recht emanzipiert auftreten. Sie veröffentlichte immerhin schon länger vor dem ersten Weltkrieg bis in die fünfziger Jahre.

Die Autorin kam durch ihre Bücher zu beträchtlichem Wohlstand, den sie auch stets angestrebt hatte. Daneben engagierte sie sich auch zunehmend in öffentlichen Belangen, so machte sie das Tabuthema Brustkrebs publik. Zu ihrer Blütezeit war sie eine der bekanntesten und meistgelesenen Autorinnen.


Leseempfehlungen:

Die Wendeltreppe (Original: The Circular Staircase – Erscheinungsjahr: 1908)

Miss Innes will mit ihren beiden erwachsen gewordenen Ziehkindern einen Sommer in einem scheinbar geruhsamen Landhaus verbringen. Doch bald schon gibt es einen ersten Toten, am Fuße einer betriebsam genutzten Wendeltreppe… Viele mysteriöse Geschehnisse folgen in Rineharts berühmtesten Roman, in dem sie es aber mit ihrem Had-I-But-Known-Andeutungen irgendwie übertreibt.


Die Tasche mit den Schnallen (Original: The Buckled Bag – Erscheinungsjahr: 1914)

Der erste Fall der Krankenschwester Hilda Adams im „verdeckten“ Polizeiauftrag bei einer wohlhabenden Familie, deren Tochter spurlos verschwunden ist. Viele seltsame Ereignisse folgen, nächtliche Besucher kommen und gehen, die Vermisste ist plötzlich wieder da, ohne sinnvolle Erklärung… Abwechslungsreiche spannende Erzählung, die sogar ohne Leiche auskommt.


Das Geheimnis (Original: The Secret – Erscheinungsjahr: 1943)

Die Armee will Hilda Adams während des Krieges nicht haben, so muss sie wieder im Inland für Gerechtigkeit sorgen. Wieder wird sie in eine reiche Familie mit Geheimnissen eingeschleust, es gibt Überfälle, und dann passiert auch noch ein Mord. Ausgerechnet Hildas Schützling gerät unter Tatverdacht. Doch dank Miss Adams Hilfe wird der wahre Täter überführt. Schöne Kriminalnovelle.





Buchbesprechung: Das Album


Originaltitel: The Album
Erscheinungsjahr: 1933



Hauptpersonen:

Louise Hall - junge Frau und Ich-Erzählerin
Mrs. Hall - ihre dominante Mutter
Mrs. Lancaster - bettlägerige ältere Frau
Emily Lancaster - Tochter Nummer 1
Margaret Lancaster - Tochter Nummer 2
Mr. Lancaster - der Ehemann
Hester Talbot - ältere Frau mit Kontrollallüren
George Talbot - ihr Sohn
Lydia Talbot - ihre Schwägerin
Bryan Dalton - ein Mann um die 50
Laura Dalton - seine unzufriedene Ehefrau
Jim Wellington - junger Mann, Bankangestellter
Helen Wellington - seine lebenslustige Ehefrau
W. Holmes - Chauffeur und Diener bei den Halls
Annie - Dienstmädchen bei den Halls
Lizzie - Dienstmädchen bei den Talbots
Robert Daniels - Straßenkehrer
Herbert Dean - selbständiger Kriminologe
Inspektor Briggs - von der Kriminalpolizei
Detective Sullivan - Kripo-Beamter
Dr. Armstrong - Arzt


Handlung:

Die Zeit am Crescent Place, einem von fünf Häusern umstandenen Platz in einer namenlosen Stadt irgendwo in den USA, scheint irgendwie stehen geblieben zu sein. Die Bewohner, alle miteinander bekannt, häufig sogar verwandt, leben in sehr festgefügten Verhältnissen, ihre Werte scheinen mitunter noch sehr aus vergangenen Zeiten zu stammen. Eine trügerische Ruhe liegt über der seltsamen Gemeinschaft.
Da ist die Erzählerin Louise Hall, eine junge Frau Ende Zwanzig, die noch immer im in der Mitte stehenden Hause ihrer autoritären Mutter lebt, der Vater ist schon viele Jahre tot. Louise war früher mal mit Jim Wellington verlobt, am Rande des Platzes wohnend, doch leider gab sie die Verbindung ihrer Mutter wegen wieder auf, und Jim heiratete eine andere. Diese Helen ist das enfant terrible am Platz, da sie von der ortsüblichen vorgeblichen Vornehmheit und Prüderie nichts hält, sich zudem häufig mit ihrem Mann streitet und auch mal länger auszieht. Weitere Nachbarn sind noch das Ehepaar Dalton, Verheiratete, die sich seit Jahren schon in der dritten Person anreden. Mr. Dalton hat immer mal hin und wieder in fremden Revieren gewildert, was seine Gattin "spitzkriegte". Doch hat sie das Geld in der Beziehung, wie eigentlich die meisten Frauen am Crescent Place. So auch Hester Talbot, deren Mann vor Jahren verschwand, unter Umständen, die für Louise immer noch rätselhaft sind. Jedenfalls kontrolliert Mrs. Talbot ihren erwachsenen Sohn George immer noch, da er keinen Schlüssel besitzt, und ihre ebenfalls im Hause lebende Schwägerin Lydia führt das Leben einer besseren Dienstbotin. Und dann, letztendlich, gibt es noch die Familie Lancaster, den älteren verbitterten Stiefvater, die bettlägerige schwierige Mutter und die beiden Töchter Margaret und Emily, die den Absprung von zu Hause nicht geschafft haben, ihrer vorgeblich schwerkranken Mutter zuliebe.
In dieser Atmosphäre von oberflächlicher Rechtschaffenheit liegen aber allerlei abwegige und unterdrückte Emotionen, die sich eines Tages Bahn zu brechen scheinen. Es ist geschehen - Mrs. Lancaster ist mitten am Nachmittag in ihrem Schlafzimmer ermordet worden, auf besonders grausame Weise mit einer Axt. Louise, die gerade in der Nähe ist (was eigentlich immer der Fall ist), kann die Tochter Emily kaum beruhigen, die die Tote fand. Schlimmer noch, sie bemerkte auch noch ihren ehemaligen Freund Jim aus der Nähe des Tatortes davonschleichen. Da sie immer noch Gefühle für ihn empfindet, verschweigt sie diese Tatsache der Polizei und hilft ihm vorerst auch, belastendes Material zu verbergen. Doch Inspektor Briggs ist ein alter Hase in seinem Fach, der aber auch noch weitere Tatverdächtige zur Hand hat. Es gibt einiges Hin und Her, Theorien werden im Dauertakt aufgestellt und wieder verworfen, der zwischenzeitlich verhaftete Jim kommt wieder frei, ist aber noch weiter verdächtig. Es erscheint zeitlich kaum erklärbar, wie der Mörder ins Zimmer gelangen, das Gemetzel veranstalten und wieder verschwinden konnte, wo doch die Nachbarin Lydia bis kurz vorher zu Besuch war und auch die Töchter in den Nebenräumen verweilten. Die Ermordete hatte ihr Vermögen in einer Kiste unter ihrem Bett stehen, da sie den Banken nicht traute. Doch statt Säcken voller Gold gibt es nur welche mit Blei, und statt Dollarbündeln nur wertlose Papierschnipsel. Also war alles nur ein gut vorbereiteter Raubmord, oder? Doch wie hat der Täter das Vermögen weggeschafft? Da taucht noch ein blutverschmierter Handschuh von Jim auf, den Louise wiederum verschwinden lässt, um ihn dann doch wieder in die Hände des Gesetzes abzugeben. Eine falsche Fährte, vom Täter gelegt ?
Louise weist die Polizei schon frühzeitig auf den Straßenkehrer Daniels hin, aber die Polizisten können nichts Bemerkenswertes an dem Mann feststellen. Bei den Wellingtons ist jetzt ein neuer Bewohner eingezogen, der aufgrund eines Bedienfehlers am Gasherd der Heldin Louise buchstäblich vor die Füße fliegt. Sehr zu seinem Verdruss muss ihm die junge Dame die Funktionsweise des Gerätes erklären. Kurz darauf zeigt sich aber, das dieser Herbert Dean andere Qualitäten hat. Ein Hobbykriminologe mit eigenem Labor, der der Polizei immer mal zur Seite steht, wenn sie mal nicht weiter weiß, kümmert er sich auch mit Vergnügen um die vorwitzige Louise, die ihre Nase auch gerne überall am Crescent Place hineinsteckt.
Doch da ereignet sich das nächste Unglück, wieder trifft es ein Mitglied der Lancaster-Familie, das auf einem Weg hinter den Häusern erschossen wird. Und das ist noch lange nicht das Ende.
Der Chauffeur Holmes wird in seinen Aktionen immer undurchsichtiger, er hat nebenbei noch ein ganz anderes Leben geführt; und nicht nur er. Hat er letztlich das Gold in die Finger bekommen ? Doppelte Identitäten gibt es einige, die Stück für Stück preisgegeben werden. Die einzigen Handlungsorte außerhalb des mörderischen Platzes mit den fünf Häusern sind Mietwohnungen, Anwesen und sonstige Orte, in denen der eine oder andere Anwohner vom Crescent Place seinen eigenen geheimen Tätigkeiten nachging. Weitere geheimnisvolle Dinge geschehen, das titelgebende Album kommt in Louise Halls Besitz, wobei seine Bedeutung lange Zeit nicht klar wird, es scheint aber eine latente Bedrohung für den Mörder zu sein. Der ist nicht untätig, weitere Personen kommen zu Tode, auch Louise wird niedergeschlagen, dann verschwinden auch noch Lydia und das Dienstmädchen Lizzie... Das Unheil scheint im Crescent Place zu wohnen, ständig passiert etwas, doch der Kriminalist Herbert Dean kann mit Hilfe der Polizei und Louises den Killer immer mehr in die Enge treiben. Der Straßenkehrer Daniels hat nun doch eine überaus wichtige Bedeutung bekommen. Nach einem dramatischen Schluss wird die schwarze Gestalt, die trotz polizeilicher Überwachung ihr Unheil an diesem seltsamen Platz trieb, unschädlich gemacht. Die Dinge am Crescent Place ordnen sich neu, und für Louise hat sich nun endlich auch mal das Liebesglück eingestellt.


Bewertung:

Mrs. Rinehart hatte nun schon fast dreißig Jahre lang Bücher geschrieben, als sie Das Album herausbrachte. Ihr Präferenz für spätviktorianischen Grusel bescheinigen ihr die Literaturkritiker gerne, doch haben wohl auch moderne Strömungen Eingang in ihr Werk gefunden. Verbrechen ereignen sich nicht einfach so, sondern sind die Folge krankhafter familiärer oder auch gesellschaftlicher Mechanismen. Obwohl die Autorin als Frauenrechtlerin galt, kommen die Angehörigen ihres eigenen Geschlechts in diesem Buch alles andere als gut weg. Am Crescent Place wimmelt es geradezu von herrschsüchtigen Müttern oder Ehefrauen, die ihre Kinder und Männer oder auch abhängige Personen unterdrücken, nicht selbständig werden lassen und dafür Krankheiten vorschützen oder schlicht und einfach mit Entzug des Erbes drohen. Das alles führt, besonders bei den Frauen, zu einem immer stärker zutage tretenden Verlangen nach Ausbrechen und zu einem Abgrund verdrängter Leidenschaften und unterdrückter Emotionen. Einzig die von außen hinzugekommene Helen Wellington ist eine Ausnahme, einerseits wird ihre Oberflächlichkeit und Amüsierlust durchaus kritisch gesehen, andererseits ihre geistige Freiheit von den einengenden Konventionen als positiver Gegensatz dargestellt. Mit Frauen und ihren Schattenseiten kannte sich die Autorin wohl gut aus. Die Männer geraten bei der Beschreibung eher schablonenhafter. Der unterdrückte und fett gewordene Sohn, der verschmähte Geliebte, selbst der aus Frust fremdgehende Ehemann werden eher als Opfer gezeichnet, ebenso der später noch auftauchende lange verschollen geglaubte Ex-Gatte. Die Polizisten dagegen sind zielgerichtet arbeitende Männer ohne Allüren, fast schon Vaterfiguren für die nette Louise, einzig der freischaffende Kriminalist Herbert Dean fällt ein bisschen aus dem Rahmen, doch auch er erfüllt weitgehend die Klischees, die man mit einer immer ein wenig mehr wissenden und in Rätseln sprechenden Detektivfigur verbindet. Nur der Diener-Chauffeur Holmes ist wohl auch ein sehr tatkräftiger Luftikus, der gerne im Trüben fischt, aber auch gerechterweise kein gutes Ende nimmt.
In den knapp zwei Wochen passiert wirklich viel am Crescent Place, eine Sensation jagt die nächste, fünf Todesfälle, vier davon gewaltsam, das lässt kaum Langeweile aufkommen. Mrs. Rinehart hält sich nicht lange damit auf, das Zustandekommen von Theorien zu erläutern, an die der Leser vielleicht im Stillen denkt, sie setzt einfach voraus, das sowas nicht die Lösung sein kann. Die Möglichkeit des Axtmordes beim ersten Opfer im Adams- bzw. Evas-Kostüm und anschließendes Reinigen in der Badewanne wird durch Inspektor Briggs sozusagen im Vorübergehen ausgeschlossen. Leider bietet er auch keine bessere Erklärung an. Nebenher gibt es noch "Spielereien" wie ausgetauschte Revolverläufe an der Tatwaffe, die durch kriminaltechnische Untersuchungen zutage treten. Damals noch relativ Neuland, beachtlich, dass die Autorin das schon als Zutat für ihren Krimi verwendete. Daneben setzt sie wirklich auch auf bewährten Grusel, dunkle Gestalten, die um, auf und in den Häusern herumschleichen, und eine Heldin, die öfter in Nöten ist. Trotz gegenteiliger Bitten oder auch Befehlen der Männer (und auch Frauen) in ihrem Umkreis schnüffelt Louisa doch immer mit der größten Selbstverständlichkeit wieder herum, daneben schütten ihr die Beteiligten auch immer wieder ihr Herz aus, sie ist wirklich stets dort, wo es grade pressiert.
Die "Hätte-ich-damals-schon-gewusst..."-Floskel wird nicht zu übertrieben eingesetzt, für so was muss man als Leser irgendwie schon einen Sinn haben. Obwohl die Story aus der Ich-Perspektive der Erzählerin wiedergegeben wird, schreibt sie oft auch Passagen, die auf Erlebnissen beruhen, die ihr Personen erst später in der Rückschau erzählt haben, was das quasi wie Darstellungen in der dritten Person aussiehen lässt. Ein eigenwilliger Textstil, trotzdem gut lesbar.
Zum Schluss schafft es die Autorin wieder mal die Umstände so hinzubiegen, dass ihre beherzte Heldin dem Täter im dunklen Hause gegenübersteht, so eine Art Markenzeichen. Die Männer in ihrem Umkreis, einschließlich Mr. Deans, stellen sich beim Überführen des Unholds auf frischer Tat nicht sehr geschickt an, so ist es am Ende ein stinknormaler namenloser Taxifahrer, der den gefährlichen Mörder dingfest macht. Ja, das Ende, ein bei diesem Buch recht großes Manko. Auch nachdem man den Killer festgenommen hat, geht das Verwirrspiel noch ein bisschen weiter, um noch ein letztes Quentchen Spannung herauszuquetschen. Leider ist die Auflösung nicht sehr befriedigend, zu viele lose Enden bleiben gerade beim anfänglichen Hauptverbrechen offen, das ganze wirkt, wie beim im Vorjahr verstorbenen Kollegen Edgar Wallace häufig zu beobachten, sehr hastig fertiggestellt. Von der gerühmten Logik der Rinehartschen Krimikost sieht man nur Bruchstücke. Einfach nur Nachlässigkeit oder vielleicht doch die Erkenntnis, dass sie sich mit ihren Verschachtelungen ein wenig übernommen hat ?
Jedenfalls geht alles gut aus, natürlich gibt es auch eine Romanze, wobei die geübte Schriftstellerin da etwas mit den Erwartungen des Lesers spielt und dann Amors Pfeile doch aus einer anderen Richtung schießen lässt. Die Herzensangelegenheit nimmt aber (glücklicherweise) nicht zu viel Raum ein, denn sie will ja keine Liebesgeschichte erzählen, wie die Heldin selbst einmal anmerkt.

Im Ganzen ist es ein passabler, um nicht zu sagen guter Kriminalroman, für Freaks restlos sauberer Auflösungen leicht enttäuschend, doch spannend und abwechslungsreich. Das Werk der Autorin verdient mit Sicherheit wieder etwas populärer zu werden.


Leseexemplar:

Eduard Kaiser Verlag (zusammen mit Kokainjagd in der Bowery von Ferguson Findley und Ein Toter kommt selten allein von Brett Halliday) ; Veröffentlichung 1965; ca. 160 Seiten

Die Übersetzung liest sich flüssig und gelungen. Auch der Du-Mont-Verlag hat den Roman aufgelegt, sicher ebenfalls in ordentlicher Widergabe.


Verfilmung:

Einen Film zum Buch gibt es scheinbar nicht.
Einige ihrer Romane fanden tatsächlich den Weg ins Kino, der bekannteste von ihnen, Die Wendeltreppe, ist aber in seiner auch bei uns bekanntgewordenen Verfilmung von 1945 großteils vom gleichnamigen Krimi von Ethel Lina White beeinflusst und hat mit dem Rinehartschen Werk kaum was zu tun.

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