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Dieses Thema hat 34 Antworten
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Dr. Oberzohn Offline



Beiträge: 399

24.04.2020 20:15
#16 RE: Denkmaschinen, Snobs und Eierköpfe - die literarischen Detektive des klassischen Golden Age Zitat · Antworten

Am originellsten fand ich immer noch Der Tote in der Badewanne, ihren Erstling. Ein paar Romane fehlen mir noch in der Sammlung.
Die Geschichten von DS sind auch nicht schlecht. Die Lord-Peter-Stories sind klassischer Detektiv-Stuff. Besonders gut fand ich die mit der Geisterkutsche (kopfloser Kutscher und kopflose Pferde usw.), auch die, wo sich Wimsey so ganz im Sinne von You only live twice offiziell tot meldet und dann in die kriminelle Geheimorganisation "einsickert". Man muss nur aufpassen, eine gute Übersetzung zu bekommen, ich hatte da mal einen Geschichtenband, da konnte einem die Leselust echt vergehen.
Gibt natürlich auch andere Stories, die etwas abseits liegen. Eine, wo eine junge Frau in ein Gruselhaus kommt, wo gerade noch ein Körper im Garten ausgebuddelt wird, dann sich aber alles als großes Missverständnis herausstellt. Oder die Geschichte, wo der kleine reiche Erbe im Kindesalter an Solaninvergiftung stirbt, keine Happyend, keine Gerechtigkeit, dafür eine Organisation für raffinierte Auftragsmorde. Ist natürlich etwas abseits der "normalen" Detektivlinie, mir persönlich gefallen die richtigen Detektiverzählungen auch besser. Aber ist halt auch Sache des persönlichen Geschmacks.

Die Film-Serie über Wimsey hab ich noch nicht gesehen. Würde mich genauso wie die Albert-Campion-Reihe interessieren. Irgendwann leg ich mir die mal zu.

brutus Offline




Beiträge: 12.980

24.04.2020 22:02
#17 RE: Denkmaschinen, Snobs und Eierköpfe - die literarischen Detektive des klassischen Golden Age Zitat · Antworten

Mord braucht Reklame ist mein allererster gelesener Kriminalroman überhaupt. Anfang der 70er im Englischunterricht in einer Easy Reader Version vom Klett-Verlag mit gerade mal 110 Seiten (und da sind noch ne Menge Innenillus dabei). Hab ich noch im Regal stehen (merkwürdigerweise zwischen The Portrait of a Lady von Henry James und The honorary Consul von Graham Greene), vielleicht sollte ich diese Sparversion mal mit der richtigen vergleichen. Gehört aber heute noch zu meinen DLS-Favoriten, neben Ein Toter zu wenig und Zur fraglichen Stunde

Gubanov Offline




Beiträge: 16.370

24.04.2020 22:27
#18 RE: Denkmaschinen, Snobs und Eierköpfe - die literarischen Detektive des klassischen Golden Age Zitat · Antworten

Ich nehme mir schon seit Längerem vor, mir die Lord-Peter-Wimsey-TV-Serie(n) 'mal wieder vorzuknöpfen. Ich hatte die Mehrteiler nach dem DVD-Kauf anno 2009 einmal gesehen und seitdem nicht mehr, habe sie aber als absolut lohnenswert in Erinnerung.

Einige Kurzgeschichten, auf die hier tlw. abgehoben wurde, sind als szenische Lesungen auf CD vom Audiobuch-Verlag erhältlich. Die mochte ich schon immer wegen ihrer teilweise skurrilen Stories, aber auch wegen der schönen Sprecherbesetzungen. Ich hatte damals hier ein paar Worte dazu geschrieben: Radiokrimis: Die Fälle des Lord Peter Wimsey

Von den Romanen kenne ich nur "Der Tote in der Badewanne" und "Mord braucht Reklame", die ich jeweils als ungekürzte Hörbücher vom gleichen Verlag im Regal habe. Unzweifelhaft ist das hochwertige Krimikost, so englisch wie ein teurer Tweed-Anzug. "Mord braucht Reklame" bringt es allerdings auf 10 CDs - das ist nur etwas für sehr geduldige Hörer und ich kann mir vorstellen, dass die Kürzung des Klett-Verlags auf Schulliteratur-Länge dem Stoff sogar zugute kommen könnte.

Dr. Oberzohn Offline



Beiträge: 399

25.04.2020 20:42
#19 RE: Denkmaschinen, Snobs und Eierköpfe - die literarischen Detektive des klassischen Golden Age Zitat · Antworten

Den Link mit dem Hinweis zu den Radiokrimis habe ich mit Interesse gelesen. Sehr schön, obgleich du ja meine Lieblingsgeschichten als Schlusslicht angeführt hast .
Zur Ehrenrettung der Geisterkutschen-Story muss ich anmerken, dass sie eine spannende Handlung beinhaltet, ganz ohne Mord, es geht auch mal ohne.
Und die Geschehnisse mit "Ali Babas Höhle" sind wirklich schon Wallace-haft (erinnert mit Nummer Eins, der alle kennt, aber sonst sich niemand, an den Roten Kreis). Finde aber auch, wie schon geschrieben, weckt es ein bisschen Assoziationen an einen frühen Bond. Wimseys vorgetäuschter Tod als Hauptermittler sowie auch die Verbrecherorganisation mit Nummer Eins an der Spitze und den ganzen anderen nummerierten Chargen sowie auch die angesprochene Technik, wie verminte Häuser, schreckliche Folterapparate, einen Geheimsafe, der nur mit der Stimme des Besitzers zu öffnen ist, daneben die rücksichtslose Beseitigung von Verrätern oder fehlerhaften Mitgliedern, das erinnert schon irgendwie an SPECTRE und den ewigen Gegenspieler. Natürlich in viel kleinerem Format, aber wer weiß, ob nicht die englischen Krimi-Ladies auch für die harten Agenten späterer Zeiten ein wenig Pate gestanden haben...

Auch das vierteilige Hörspiel Glocken in der Neujahrsnacht habe ich mir vor kurzem bei den Pidax-Sonderangeboten besorgt. Das wird ebenfalls unter dem Link besprochen, ich bin schon mal gespannt, bei einer längeren Autofahrt werde ich mir es mal anhören.

Was die Reihe mit den Peter-Wimsey-Verfilmungen angeht, gibt es da auch irgendwo eine Besprechung im Forum ? Ich glaube, ich hab da mal vor längerer Zeit was gelesen, aber finde es leider nicht mehr.

Gubanov Offline




Beiträge: 16.370

26.04.2020 12:04
#20 RE: Denkmaschinen, Snobs und Eierköpfe - die literarischen Detektive des klassischen Golden Age Zitat · Antworten

Der Thread zur Lord-Peter-Wimsey-Reihe der BBC mit Ian Carmichael ist im International-Bereich momentan sogar noch auf der ersten Seite zu finden: "Lord Peter Wimsey" mit Ian Carmichael. Wirklich detaillierte Reviews gibt es da aber eigentlich nicht; der Thread ist eher sammler-fokussiert. Über die Carmichael-Serie hinaus gab es Ende der 1980er Jahre noch drei weitere Sayers-TV-Verfilmungen im Mehrteilerformat mit Edward Petherbridge als Wimsey, über die hier aber kaum geschrieben wird und die auch noch keinen eigenen Thread haben.

Dr. Oberzohn Offline



Beiträge: 399

27.04.2020 15:13
#21 RE: Denkmaschinen, Snobs und Eierköpfe - die literarischen Detektive des klassischen Golden Age Zitat · Antworten

Zitat von schwarzseher im Beitrag #10
Bei amazon kann man Victor Gunn Romane von "Apex Crime" bestellen ,weis zufällig jemand ob diese Neuauflagen empfehlenswert sind ? bzw. neu Übersetzt oder sind das die alten Goldmann Sachen .
Danke .


Victor Gunn – Spuren im Schnee (1956)

Dieses im APEX-Verlag herausgekommene Buch stellt auch einen Krimi-Klassiker dar, der sonst nur noch schwer antiquarisch zu bekommen ist. Hier hat man sich bei der Textlegung am Anfang mehr Mühe gegeben, das aber nicht so lange durchgehalten, von etwa jeder zehnten Seite mit Wort-, Buchstaben- oder Punktationsfehler ging es dann auf wohl jede zweite Seite runter. Für einen Freund der deutschen Muttersprache ist das nun nicht so berauschend. Ist wohl nur ein kleiner Verlag, das Layout des Buches ist auch etwas laienhaft, aber das ist nicht so schlimm. Ich habe diesbezüglich mal an den Verlag geschrieben, mal sehen, ob es was bringt. Auch die Anregung gegeben, mal die „verschollenen“ oder arg verstümmelten Werke von Wallace & Co. mal wieder ungekürzt herauszubringen. (Aber bitte in einem Deutsch, wie es zumindest meine Generation noch in der Schule beigebracht bekommen hat).
Die Übersetzung stützt sich wieder, denke ich jedenfalls, auf die vollständige Erstübersetzung.

Der Krimi selbst ist gute Gunn’sche Durchschnittskost. Ein Strafgefangener, der aus Dartmoor ausbricht, um sich (scheinbar) an dem Mann zu rächen, der ihn mit seiner falschen Aussage damals in den Knast gebracht hat, sorgt dafür, dass Inspektor Cromwell nebst Sergeanten Lister an einem bitterkalten schneereichen Tag zu dem Landsitz des potenziellen Opfers Sir Kenneth Parsloe fährt, um ihn zu warnen. Doch der vermögende Gutsbesitzer ist eben mit seinem Wagen tödlich verunglückt, Cromwell kann sogar noch den flüchtigen Hatherton am Unfallort ausmachen. Doch nichts ist so, wie es erst mal scheint. Der Freund des Verstorbenen, der Landarzt Dr. Trumper, zeigt ein auffälliges Interesse daran, den Tod als Unfall zu bescheinigen. Und dann kommt noch der wenig tugendreiche Bruder des Getöteten, um sein nicht geringes Erbe anzutreten. Natürlich ahnt Cromwell wieder mal gleich die richtigen Zusammenhänge und lässt mit seinen kryptischen Bemerkungen und Handlungen nicht nur den dicken Ortsinspektor, sondern auch seinen Assistenten am ausgestreckten Arm verhungern. Der hat diesmal im entscheidenden Moment eine zündende Idee, denn der sich über alle Regeln hinwegsetzende Cromwell hat die beiden in eine sehr gefährliche Lage bugsiert, aus der sie nur Johnny Listers Geistesgegenwart retten kann. Weil zumindest einer der Verschwörer im Hintergrund ist bereit ist, über Leichen zu gehen…
Irgendwie merkt der geübte Leser am Anfang schon ein wenig, wohin die Reise geht, wenngleich die genauen Zusammenhänge nicht ganz klar sind, die Lösung der Affäre ist eigentlich simpler und harmloser als gedacht. Aber durchaus ein (einmaliger) Lesespaß.

Dr. Oberzohn Offline



Beiträge: 399

15.05.2020 20:07
#22 RE: Denkmaschinen, Snobs und Eierköpfe - die literarischen Detektive des klassischen Golden Age Zitat · Antworten

Ellery Queen (1905 – 1971/1982)


Die beiden ursprünglich in der Werbebranche arbeitenden Vettern Frederick Dannay und Manfred Bennington Lee (eigentlich Daniel Nathan und Manford Lepofsky) gewannen Ende der zwanziger Jahre unter dem Pseudonym «Ellery Queen» einen Detektiv-Schreibwettbewerb. Ihr in der Nähe von New York lebender gleichnamiger Serienheld löste auch in der Folge viele literarische Kriminalfälle, wobei ihm sein bei der Kriminalpolizei beschäftigter Vater Richard Queen Unterstützung leistet (oder andersherum, wie man es nimmt.) Dabei arbeitet Ellery hauptberuflich auch als Kriminalschriftsteller.

Wenige Romane der beiden Schreibenden hatten unter anderem Pseudonym auch den Detektiv Drury Lane als Protagonisten. Zudem gaben sie auch das bekannte Ellery Queen‘s Mystery Magazine heraus. Für dessen Kurzgeschichten schrieben und schreiben viele bekannte Schriftsteller in diesem Metier.
Später wurden auch von anderen Autoren Romane unter dem Namen „Ellery Queen“ veröffentlicht.

Ellerys Fälle waren von Beginn an als Whodunits konzipiert, später machte die Figur, immer mit der Zeit gehend, eine gewisse Entwicklung durch. Zusätzlich zu eingeflochtenen Liebesgeschichten wurde die Hauptfigur auch psychologisch etwas differenzierter, die Fälle mitunter etwas realistischer. Was einem nun mehr zusagt, muss jeder für sich entscheiden.


Leseempfehlungen:

Der Sarg des Griechen / Besuch in der Nacht (Original: The Greek Coffin Mystery – Erstveröffentlichung: 1932)

Nach dem Tode des Kunsthändlers Khalkis findet man in seinem Sarg einen zweiten Toten – ermordet. Ellerys raffinierte erste Lösung erweist sich als falsch, aber nach zwei weiteren detektivischen Versuchen und noch einem Mord gelingt es dem jungen Detektiv, dem Täter doch noch eine Falle zu stellen. Hervorragender klassischer Whodunit.


Die siamesischen Zwillinge (Original: The Siamese Twin Mystery – Erstveröffentlichung: 1933)

Ellery und seinen Vater verschlägt es auf das auf einem hohen Berg gelegene Anwesen der Familie Xavier. Während draußen ein Waldbrand tobt, geschehen in der illustren anwesenden Gesellschaft unheimliche Vorkommnisse und schließlich ein Mord. Eine Spielkarte in der Hand des Toten gibt einen Fingerzeig. Doch das Feuer rückt unerbittlich näher… Guter spannender Krimi.


Die Katze tötet lautlos / Die indische Seidenschnur (Original: Cat of Many Tails – Erstveröffentlichung: 1949)

Im Nachkriegs-New York treibt zusätzlich zur neuen nuklearen Bedrohung ein Serienmörder sein Unwesen, der seine Opfer mit einer Seidenschnur erdrosselt. Für die scheinbar wahllosen Verbrechen muss es einen Schlüssel geben, davon ist Ellery überzeugt. Nach zäher Ermittlungsarbeit kommt man dem Täter auf die Spur, doch trotzdem ist alles noch vertrackter. Krimi mit deutlicher Noir-Stimmung.






Buchbesprechung: Das ägyptische Kreuz


Originaltitel: The Egyptian Cross Mystery
Erscheinungsjahr: 1932



Hauptpersonen:

Ellery Queen - Schriftsteller und Hobbykriminalist
Inspektor Vaughn - Chef der Kriminalpolizei
Mr. Isham - Bezirksstaatsanwalt
Andrew Van - Schulmeister
Mr. Kling - sein Hausangestellter
Old Pete - wunderlicher Einsiedler
Professor Yardley - Universitätsgelehrter
Mr. Stryker "Haracht" - selbsternannter Guru
Paul Romaine - athletischer Jünger und Herzensbrecher
Thomas Brad - Geschäftsmann im Teppichhandel
Margaret Brad - seine Ehefrau
Helene Brad - seine Stieftochter
Stephen Megara- reiselustiger Geschäftspartner von Brad
Jonah Lincoln - Angestellter der beiden
Hester Lincoln - seine nacktbadende Schwester
Dr. Victor Temple - ehemaliger Militärarzt
Velja Krosac - geheimnisvoller kroatischer Rächer
Richard Queen - Inspektor und Ellerys Vater
Percy Lynn - Engländer mit dunkler Vergangenheit
Elizabeth Lynn - seine Ehefrau
Mr. Ketcham - Inselbesitzer
Mr. Fox - Chauffeur und Gärtner
Mr. Crumit - Staatsanwalt
Mr. Luden - Constable und Ortspolizist


Handlung:

Zu Weihnachten wird in dem kleinen Provinzstädtchen Arroyo in West Virginia der Schulmeister Andrew Van grausam umgebracht. Seine enthauptete Leiche wird von einem seltsamen Einsiedler und einem Farmer an einem Wegweiser festgenagelt gefunden. Das bizarre Geschehen erweckt Ellery Queens Interesse, er überredet seinen Vater Richard, mit ihm dorthin zu fahren. Der uninteressierte Inspektor Queen verabschiedet sich bald von der Bildfläche und taucht erst gegen Ende des Buches wieder aus der Versenkung auf, Ellery schnüffelt vorerst mal alleine herum. Die Leichenschau mit einem Teil der ortsansässigen Bevölkerung wirkt fast wie eine Parodie auf das Hinterwäldlertum. Diese Zeilen sind trotz der tragischen Umstände richtig witzig geraten, doch es kommt nicht viel dabei heraus. Das Opfer war irgendwann mal in die Vereinigten Staaten eingewandert und lebte sehr zurückgezogen. Ist der seit dem Mord verschwundene Hausdiener Kling der Täter, oder wurde der als Zeuge des Verbrechens ebenfalls beseitigt und irgendwo verscharrt ? Weiter gibt es da noch den Manager eines pseudoaltägyptischen Gurus, der am Mordtag in der Nähe des schaurigen Tatorts gesehen wurde. Auch der ist mittlerweile nicht mehr auffindbar. Aber zumindest kann Ellery vor Gericht seine sensationelle Behauptung anbringen, dass der gekreuzigte kopflose Tote die Form eines sogenannten "ägyptischen Kreuzes" (Anch) habe. Ist das die Verbindung zu Haracht, dem wirren Heilsbringer ? Schließlich wird der Fall zu den Akten gelegt. Aber ein halbes Jahr später bekommt der junge Queen Post von seinem ehemaligen Professor, der am Long Island Sund lebt und dessen Nachbar auf gruselige Weise ermordet wurde. Er wurde in fast gleicher Art an einem Totempfahl auf seinem Grundstück befestigt aufgefunden wie das erste Opfer in West Virginia. Ellery begibt sich, ausgestattet mit einem Empfehlungsschreiben der New Yorker Kripo, sofort zu Professor Yardley und nimmt Fühlung zum neuen Fall auf. Die blutigen Überreste des Getöteten, eines gewissen Thomas Brad, behagen ihm gar nicht. Brad hatte eine Teppichfabrik und hinterließ eine Ehefrau, die immer noch reizvolle und unzufriedene Margaret, samt deren hübscher Tochter Helen. Nun treten auch allmählich eine Menge anderer Personen auf. Jonah Lincoln etwa, der ein Auge auf Helen Brad geworfen hat, und seine Schwester Hester. In die wiederum ist Victor Temple, ein ehemaliger Militärarzt, verliebt. Beide Herren haben es mit Helen nicht leicht, weil diese sich einem Nudistenkreis angeschlossen hat, der sich auf der nahegelegenen Insel Oyster-Island eingenistet hat, im Besitz des Ehepaares Ketcham. Der im wahrsten Wortsinne starke Mann der kleiderlosen Sonnenanbeter ist Paul Romaine. Die Damen verlieren wohl reihenweise ihr Herz an den gutgebauten Adonis. Sowohl Temple als auch Jonah Lincoln geraten in Auseinandersetzungen mit Romaine, denn die nackte Helen soll wieder zurück in die züchtige Zivilisation geschafft werden, außerdem vermutet man nicht zu Unrecht unlautere Absichten bei dem eingebildeten Schönling. Das Tollste aber ist: Der Häuptling der unbekleideten Gesellschaft ist wieder "Haracht", den Ellery schon von Arroyo her kannte. Das kann doch kein Zufall sein ! Doch es gibt noch weitere Verdächtige, das aus England stammende Ehepaar Percy und Elizabeth Lynn zum Beispiel, oder auch den gärtnernden Chauffeur der Brads, ein gewisser Fox, der der Polizei auch unter einem anderen Namen bekannt ist. Oberstaatsanwalt Isham und der wuchtige Inspektor Vaughn warten derweil auf einen Geistesblitz von Ellery Queen. Der schnöselige junge Mann kann aus dem Dame-Spiel, das das Opfer kurz vor seinem Tod gespielt hat, einiges Interessante herauslesen. Außerdem kann er die Verbindung zwischen den beiden so schaurig Ermordeten herstellen, ebenso zu dem nun von einer Segelreise zurückkehrenden Stephen Megara, dem nicht nur die andere Hälfte der Teppichfirma gehört, sondern der noch viel tiefer in die Angelegenheit verstrickt ist. Die Bedeutung der menschlichen "T"`s erfährt noch einmal eine völlig neue Bedeutung, außerdem kommt man auf die Spur eines gewissen Velja Krosac, der Grund hatte, die so abscheulich hingeschlachteten Männer zu hassen. Doch wie sieht dieser Krosac aus ? Unter welcher Maske verbirgt er sich ? Mr. Megara ist offenbar auch bedroht, doch er will von Polizeischutz nicht viel wissen und dem Mörder eine Falle stellen. Kein guter Einfall... Der grausame Killer schlägt nicht nur einmal wieder zu, das Geschehen verlagert sich wieder zurück nach Arroyo mit dem hochnäsigen Staatsanwalt Crumit und dem leutseligen Constable Luden, wobei sich die Handlung förmlich überstürzt. Gegen Ende wird der immer noch nicht demaskierte Täter quer durch die Vereinigten Staaten verfolgt, und als dann endlich alle vor seinem Hotelzimmer in Chikago stehen, weiß nur Ellery, wer die Tür gleich öffnen wird...
Der schriftstellernde Detektiv kann zum Abschluss eine befriedigende und logische Erklärung aller Geheimnisse geben, wobei sowohl sein alter Mentor Yardley als auch sein eigener Vater nur staunen können, ebenso wie die offiziell die Ermittlungen führenden Vertreter von Recht und Gesetz. Ellery in Höchstform !


Bewertung:

Zugegebenermaßen ist der junge Queen kein Mensch, dem die Sympathie nur so von alleine zufliegt, denn er ist ganz schön von sich eingenommen. Obwohl er die Lösung des Falles (allerdings erst nachdem alle unter Gefährdung stehenden Personen dann auch tot sind) gefunden hat, ist auch er nicht gegen Fehlschlüsse gefeit. Seine Deutung des ägyptischen Kreuzes zu Beginn möchte er am Ende am liebsten vergessen und erwartet das auch von den anderen, denen er sie freudestrahlend präsentiert hatte. Dagegen führt er schon auch zwischendurch mal hin und wieder meisterliche Kombinationen durch, etwa das schon erwähnte Damespiel oder später die Anwendung einer Flasche mit Jod, welche die Identität des Mörders enthüllt.
Diesmal setzt sich Ellery kaum mit seinem kritischen Vater auseinander, an dessen Stelle ist Professor Yardley getreten, mit dem er sich den einen oder anderen intellektuellen Schlagabtausch liefert. Die Personen der Geschichte sind bunt zusammengewürfelt - ein halbverrückter ägyptophiler Alter, ein großmäuliger Herzensbrecher, allerlei Personen mit dunkler Vorgeschichte, dazu (welch unerhörter Skandal !) sonnenhungrige Nudisten und unzählige kauzige Provinzler sowie ein finsterer Rächer mit gräulichen Mordabsichten. Die Kreuzigungen der kopflosen Leichen sind wirklich mit viel "Liebe" fürs blutige Detail beschrieben, wahrlich nichts für zarte Gemüter und gar nicht cozy. Die ungewohnte Brutalität wird hier auch immer wieder mit dem wirklichen Leben erklärt, einerseits Weltkrieg, Revolutionen und Pogrome, andererseits die maßlose Schrecklichkeit, die oft auch innerhalb von Familien herrscht und den Polizeialltag bestimmt. Auch die Gangster-Schießereien in Chicago werden erwähnt, schließlich ist es gerade die Hoch-Zeit von Al Capone & Co. Unter diesem Blickwinkel nehmen blutbesudelte verstümmelte Körper einen nicht mehr so außergewöhnlichen Platz ein, zudem doch der mutmaßliche Übeltäter Krosac vom "Pulverfass" Balkan stammt, wo es immer noch Blutrache, Familienfehden und allgemeinen Mord und Totschlag gibt. Das Vorleben der Opfer führt auch in diese sprichwörtlich wilde Gegend, ihre Vita ist nicht ganz so fleckenlos wie vorgegeben. Doch wer ist nun der irre Killer ? Hier ist nun offensichtlich doch ein Manko des Romanes, es gibt zwar einige Verdächtige, doch eigentlich keinen, der irgendwie mit dem osteuropäischen Schlächter identisch sein könnte. Aber, man ahnt es schon, letztlich ist doch alles in einer anderen Richtung motiviert als lange Zeit angenommen. Ich muss zugeben, dass die Identität des Täters am Ende für mich nicht so überraschend kam, eigentlich war es nun mal die einzig sinnvolle Person, wenngleich die genauen Ursachen für die scheußlichen vier Morde nur der schlaue Ellery geben kann.
Irgendwie findet das Buch erst in der zweiten Hälfte zu einer stringenten, mitreißenden Form. Der Beginn im abseits gelegenen Arroyo wirkt wie ein Gastspiel, dann folgt die Vorstellung der Personen auf Long Island samt ihrer Beziehungen, Sorgen und Eifersüchteleien untereinander. Ein rechter roter Faden ist noch nicht zu erkennen, erst als es plötzlich noch einmal einen Abstecher zur Stätte des ersten Verbrechens gibt und eine der dortigen skurrilen Persönlichkeiten ihre wahre Identität offenbart, kommt Bewegung in die Sache. Die Schauplätze wechseln wieder, als dann in einer einsamen Waldhütte nochmal eine schaurige Entdeckung gemacht wird, ist man dem Täter dicht auf den Fersen. Ellery, der schon die ganze Zeit mit seinem Auto Marke Duesenberg hin- und herjagt, setzt sich auf die Spur des Mörders, die beiden Ermittler Isham und Vaughn im Schlepptau, doch ihm voraus hat sich schon der alte Professor Yardley gesetzt. Nun folgt eine seltsame Verfolgung quer durch Amiland zu Wasser, zu Lande und in der Luft, bis man den sich in Sicherheit wähnenden Schurken eingeholt hat.
Alle Geheimnisse werden nun gelüftet, etwa das T-Mystery, auch so eine Sache, die man sich im Hinterkopf irgendwie schon denken konnte, wenngleich einen die beiden Schreiber elegant wieder auf einen anderen Pfad gelockt hatten. Obwohl Ellery für das Hauptmotiv des Täters keine restlose Erklärung anbieten kann, was merkwürdig wirkt und dann durch normale Routine-Polizeiarbeit aufgedeckt wird.

Das ägyptische Kreuz ist ein klassischer Kriminalroman, mit falschen Fährten, schrulligen Typen und für die damalige Zeit erstaunlich realistisch beschriebenen Untaten eines Serienmörders, dessen wahres Motiv erst im Finale gelüftet wird. Trotz geringer Schwächen ein zumindest nach der Mitte spannender und listenreicher Lesestoff zum Mitraten.


Leseexemplar:

DuMont-Verlag ; Veröffentlichung 1997; ca. 290 Seiten

Die Übersetzung von Monica Schurr ist gut gelungen, das Buch hat einen etwas gruseligen Einband und ein wissenswertes Nachwort.


Verfilmung:

Einen Film zum Buch gibt es nicht. Wäre dann ja fast ein Horrorfilm.

Georg Offline




Beiträge: 3.107

15.05.2020 20:43
#23 RE: Denkmaschinen, Snobs und Eierköpfe - die literarischen Detektive des klassischen Golden Age Zitat · Antworten

Zitat von Dr. Oberzohn im Beitrag #22
Ellery Queen (1905 – 1971/1982)



Die Katze tötet lautlos / Die indische Seidenschnur (Original: Cat of Many Tails – Erstveröffentlichung: 1949)

Im Nachkriegs-New York treibt zusätzlich zur neuen nuklearen Bedrohung ein Serienmörder sein Unwesen, der seine Opfer mit einer Seidenschnur erdrosselt. Für die scheinbar wahllosen Verbrechen muss es einen Schlüssel geben, davon ist Ellery überzeugt. Nach zäher Ermittlungsarbeit kommt man dem Täter auf die Spur, doch trotzdem ist alles noch vertrackter. Krimi mit deutlicher Noir-Stimmung.



... Und ja wieder von Dario Argento plagiert: DIE NEUNSCHWÄNZIGE KATZE ist ja offensichtlich von Ellery Queen inspiriert. Nachdem Argento schon DAS GEHEIMNIS DER SCHWARZEN HANDSCHUHE ungenannt von Frederic Browns THE SCREAMING MIMI abgekupfert hatte, griff er hier erneut bei einem Klassiker zu.

Dr. Oberzohn Offline



Beiträge: 399

16.05.2020 22:17
#24 RE: Denkmaschinen, Snobs und Eierköpfe - die literarischen Detektive des klassischen Golden Age Zitat · Antworten

Ein interessanter Hinweis !
Ich kenne den Giallo-Film zwar nicht, aber habe mir mal die Handlung im Web erlesen. Na gut, viel mit dem Buch hat sie nun wohl nicht gemeinsam. Dort wird der Mörder "Katze" genannt, erwürgt seine armen Opfer mit blauen oder rosa Seidenschnüren und wird von der Sensationspresse als Katze mit je nach Opferzahl wachsenden Schwänzen dargestellt. Die neunschwänzige Katze ist tatsächlich romangetreu, da der Mörder dort ebenso viele Opfer findet. Statt zu einer Forschungseinrichtung wie im Film führen die Spuren schließlich irgendwann in eine Klinik. Genau die verzweifelte Suche nach dem verbindenden Element, das die Opfer betrifft, macht den Reiz des Buches aus, etliche Theorien werden aufgestellt, verworfen und wieder umgedeutet, während der Täter weitermordet und die Stadt in eine Massenhysterie stürzt.
Im übrigen ist die Grundstimmung recht düster, keine heitere Krimiklassik mehr, der gerade zurückliegende Weltkrieg hat seine Spuren hinterlassen und die Angst vor einem Atomkrieg ist gegenwärtig, obwohl Stalin seine erste Bombe erst im folgenden Jahr (das Buch handelt in 1948) zünden sollte. Irgendwie ist die Paranoia der Amerikaner kaum verständlich, was besonders deutlich wird , als Ellery zum Schluss einen "Abstecher" nach Wien macht. Dort lebt man inmitten von Trümmern, Besatzung, Mangel und Schwarzmarkt, es ist tatsächlich ein täglicher Kampf ums Überleben, anders als in "Gottes eigenen Land", welches seine Kriege ja immer weit weg von der eigenen Haustür führt. (Ist auch gerade die Zeit von Welles` "Drittem Mann").
Neben der spannenden und verwickelten Handlung ist der Roman quasi auch ein Zeitdokument. Dem Killer wird eine Falle gestellt, in die er auch prompt tappt, aber dann muss Ellery feststellen, dass er noch nicht die ganze Wahrheit weiß... Wirklich ein sehr lesenswerter Kriminalroman, aber ziemlich dick.
Was ihn mit Frederic Browns "Screaming Mimi" verbindet, ist die überraschende Auflösung hinsichtlich des eher ungewöhnlichen Geschlechts des Serienmörders, wahrscheinlich hat das Argento besonders gefallen und er hat das Buch auch deshalb zur Vorlage genommen, obwohl der Film-Mörder da ja nun wieder das "Genderklischee" erfüllt (um diesen schrecklichen Ausdruck mal zu verwenden).

Dr. Oberzohn Offline



Beiträge: 399

01.06.2020 19:51
#25 RE: Denkmaschinen, Snobs und Eierköpfe - die literarischen Detektive des klassischen Golden Age Zitat · Antworten

S.S. Van Dine (1888 - 1939)


Der Autor und seine Bücher:

Der in Virginia (USA) geborene Willard Huntington Wright erhielt eine äußerst gediegene Ausbildung, auch mit Abstecher nach Europa, und arbeitete später als Literatur- und Kunstkritiker. Er gab Zeitschriften heraus, betätigte sich in ersten literarischen Versuchen und war privat zweimal verheiratet. Eine schwere Herzerkrankung wurde zu einem Wendepunkt, während jahrelangen Bettaufenthaltes zur Mitte der zwanziger Jahre las er schiere Unmengen an Detektiverzählungen. Er wollte daraufhin der "Schundliteratur"zu besserem Ansehen verhelfen und verfasste in der Folgezeit ein Dutzend Kriminalromane sowie einige Kurzgeschichten, die damals gerne verfilmt wurden und auch als Radiosendungen liefen. Ähnlich dem englischen Detection Club stellte auch er Regeln für das Verfassen von Kriminalromanen auf. Durch sein Werk kam er zu erheblichen Wohlstand, verfiel aber leider auch dem Rauschgift und starb frühzeitig.

S.S. Van Dine ist als fiktiver Herausgeber der (vollkommen farblose) Begleiter und Chronist des vermögenden Universalgenies Philo Vance, welcher sich in New York zum puren Zeitvertreib mit der Aufklärung von kniffeligen Kriminalfällen befasst. Dabei kommt Vance sein Wissen auf den verschiedensten Gebieten, wie Kunst, Sprachen, Psychologie, sogar Ägyptologie und natürlich Kriminalistik, zugute. Philo ist gewissermaßen die US-amerikanische Version von Lord Peter Wimsey, aber sicher noch unrealistischer und snobistischer als dieser. Die Detektivrätsel seiner Fälle sind klassisch verschachtelt und verschlüsselt. Während der schweren Zeit der Depression waren solcherart Erzählungen aber sehr beliebt, heute sind sie, vor allem hierzulande, weitgehend vergessen.


Leseempfehlungen:

Der Mordfall Green (Original: The Green Murder Case - Erstveröffentlichung: 1928)

Im Hause der vornehmen Familie Green schleicht ein blutgieriger Unhold umher, der offenbar alle Mitglieder auslöschen will. Erst werden zwei Schwestern angeschossen, von denen eine stirbt, doch mit der Zeit gibt es weitere Opfer des sorgsam seine Spuren verwischenden Killers. Wer ist der nächste und warum ? Ein harter Fall für Philo Vance.


Der Mordfall Bischof (Original: The Bishop Murder Case - Erstveröffentlichung: 1929)

In einem recht abgezirkelten vor allem von Wissenschaftlern bewohnten Bereich in New York geht ein Serienmörder um, der (noch vor Agatha Christie) seine Opfer nach dem Muster von Kinderreimen umbringt. Als auch noch ein kleines Kind entführt wird, gerät Philo Vance unter Druck... Sehr konstruierte, aber interessante Mordgeschichte.


Der Mordfall Terrier (Original: The Kennel Murder Case - Erstveröffentlichung: 1933)

Der exzentrische Keramiksammler Archer Coe sitzt von fremder Hand getötet in seinem von innen verschlossenen Arbeitszimmer. Auch ansonsten findet sich in der Umgebung des Tatorts Rätsel über Rätsel - sowie die Leiche seines Bruders, ebenfalls ermordet ! Philo Vance nimmt es mit umöglichen Mordwaffen, mysteriösen Vasen und vielem mehr auf, die wichtigste Spur ist ein verletzter Terrier...






Buchbesprechung: Der Mordfall Canary


Originaltitel: The Canary Murder Case
Erstveröffentlichung: 1927



Hauptpersonen:

Philo Vance - reicher Müßiggänger und Privatdetektiv
S.S. Van Dine - sein Rechtsanwalt und Chronist
John F.X. Markham - Bezirksstaatsanwalt
Ernest Heath - Sergeant der Mordkommission
Margaret Odell ("Canary") - berühmte Tänzerin
Amy Gibson - ihr Dienstmädchen
Alys la Fosse - ihre Freundin, ebenfalls Tänzerin
Charles Cleaver - Spielclubbesitzer
Louis Mannix - Importeur von Pelzwaren
Kenneth Spotswoode - Fabrikbesitzer
Dr. Ambroise Lindquist - überspannter Nervenarzt
Tony Steel - professioneller Einbrecher
William Jessup - Telefonist
Harry Spively - Telefonist
Wiley Allen - geübter Glücksspieler
Mr. Snitkin - Detective der Mordkommission


Handlung:

Die berühmte schöne und talentierte Broadway-Tänzerin Margaret Odell war unter dem Auftritt in ihrem im gelben Kanarienvogel-Kleid bekannt geworden. Der "Canary", wie sie nun stets genannt wurde, wird aber eines Tages von ihrem Dienstmädchen Amy Gibson tot in ihrer New Yorker Wohnung gefunden - erwürgt. Der Fall landet auf dem Tisch von John F. X. Markham, dem zuständigen Staatsanwalt des Bezirkes, welcher die Ermittlungen der Kriminalität im Bereich der nächtlichen Ausschweifungen persönlich zu seiner Domäne erkoren hat. Markham wird auf seiten der Polizei von Sergeant Heath unterstützt, eher ein Mann fürs Grobe, der gerne dem nur allzu Offensichtlichen folgt und im Umgang mit Verdächtigen, so sie denn keine gesellschaftlich hohe Stellung haben, nicht sonderlich zartfühlend ist. Der Staatsanwalt steht wegen der Bekanntheit der Ermordeten unter öffentlichem Druck, aber zu seinem Glück hat er noch einen Bekannten aus Studientagen, den hypergebildeten Schnösel Philo Vance, der genug Geld besitzt, um nicht arbeiten zu müssen, und seine geballte Intelligenz zur Lösung von ihn interessierenden Mordfällen einsetzen kann. Sein richtiger Name lautet ganz anders, entstammt aber einer so wichtigen Familie, dass er unmöglich preisgegeben werden kann. Das behauptet jedenfalls der private Jurist von Vance, der den Namen S.S. Van Dine besitzt (Van ist kein holländischer Adelstitel, sondern ein Vorname) und Vance' ständiger Begleiter ist. Die Fälle werden von ihm in der Ich-Form geschildert, allerdings steht sein Part so im Schatten des übermächtigen Brötchengebers, dass man seine Anwesenheit oft schlichtweg vergisst. Er ist nie, wie etwa Dr. Watson, Gesprächspartner oder auch Ideengeber des Gentleman-Detektivs, sondern eher ein Nobody, welcher zumindest die in der Vergangenheit erlebten Fälle akribisch aufzeichnet und unter seinem -angeblichen- Namen veröffentlicht.
Vance lässt es sich angelegen sein, für die Mordaffäre Canary Interesse aufzubringen und seinen alten Kumpel Markham unter die Arme zu greifen. Denn es gibt eine Menge Seltsamkeiten bei diesem Fall.
Das Opfer war durchaus eine Halbweltdame mit Beziehungen zu anrüchigen Personen, wie ihrem ehemaligen Geliebten Tony Steel, einem notorischen Einbrecher. Doch dieses Leben hatte sie prinzipiell hinter sich gelassen, der Kreis ihrer Männerbekanntschaften war quantitativ eher gering gewesen, dafür von um so höherer Qualität, wenn man Qualität mit Reichtum gleichsetzt. Das erfahren die Ermittler recht bald, unklar ist jedoch, wie sich der Mörder überhaupt Zutritt zur Wohnung verschafft hatte. Nach Odells letztem Lebenszeichen spät am Abend konnte niemand an der ständig besetzten Telefonzentrale des noblen Mietshauses ungesehen vorbei, und ein abseits gelegener Nebeneingang war zur infrage kommenden Tatzeit stets von innen verriegelt. Als sei dies noch nicht genug, muss es noch einen heimlichen Besucher in der Wohnung gegeben haben, der sich neben dem Mörder heimlich ein- und ausgeschlichen hat. Behauptet zumindest steif und fest Philo Vance, welcher ein geheimes Motiv hinter dem Verbrechen vermutet. Sergeant Heath will davon aber nichts wissen, ihm genügt es, die verwüstete Wohnung, den fehlenden Schmuck des Opfers sowie eine aufgebrochene Kassette als Beleg für einen simplen Raubmord zu nehmen, und Staatsanwalt Markham ist geneigt, ihm Recht zu geben. Allerdings ist das locked-room-mystery dadurch auch noch nicht geklärt, vorerst ermittelt man mal weiter in Richtung männlicher "Bekannter" des Opfers. Relativ schnell schälen sich hier vier Personen heraus - der familiäre Fabrikant Kenneth Spottswoode, der schmierige Clubbesitzer und Nachtvogel Charles Cleaver, der überreizte Modearzt Dr. Ambroise Lindquist sowie der (allerdings als Liebhaber verflossene) verschlagene Pelzhändler Louis Mannix. Alle recht bedeutende Persönlichkeiten. Der hübsche Canary hatte sich auch als gierige Erpresserin betätigt; um den guten Ruf der Herren zu bewahren, verlangte sie erhebliche finanzielle Zuwendungen. Außerdem kam, besonders bei Lindquist, noch Eifersucht hinzu, denn mit den Gefühlen der Herren ging die Schöne auch nicht sorgsam um. Genug Gründe für einen Mord, doch haben die Verdächtigen, wie es scheint, erst mal alle Alibis für die Tatzeit. Da war wohl doch der schon oben erwähnte Berufsganove Steel der Täter, dessen Fingerabdrücke auch gefunden werden und der nach einem scharfen Verhör unter polizeiliche Beobachtung gestellt wird. Heath würde ihm am liebsten vor Gericht sehen, doch der kluge Philo Vance beschwört den von den Zeitungen attackierten Markham, keine vorschnellen Handlungen zu begehen. Er vermutet immer mehr ein lange geplantes raffiniertes Komplott hinter allem und beginnt seine eigenen Wege zu gehen.
Die beste Freundin vom Canary, Alys la Fosse, eine andere, einigermaßen eitle Tänzerin, wird von Vance befragt, immer wieder gibt er Markham Hinweise, und die Alibis der vier wohlhabenden Delinquenten in spe erweisen sich als nicht so wasserdicht, wie von ihnen behauptet. Auch Tony Skeel wird noch einmal in die Mangel genommen, er weiß offenbar viel mehr, als er zugeben will. Leider führt auch diese vielversprechende Spur in eine Sackgasse, denn der Mörder ist immer noch wachsam und unbarmherzig. Was ist mit dem vorbestraften kriegsversehrten Telefonisten, hat Heath hier einen neuen Anhaltspunkt gefunden ? Oder liegt er wieder mal völlig daneben ?
Nicht zum letzten Mal soll sich der belesene Mr. Vance bei seinen Nachforschungen im Canary-Fall auf das Werk des bekannten deutschen Kriminologen Professor Groß berufen, im Folgeband wird es sogar regelrecht eine Schlüsselstellung einnehmen. Philo kommt dem Täter schließlich mit Hilfe eines professionellen Spielers und viel Psychologie sowie einem Zufall auf die Schliche, als er die Wohnung des gemeuchelten "Kanarienvogels" noch einmal durchsucht. Alle Rätsel des "unmöglichen" Mordes wurden geklärt, der Killer, für den der extravagante Detektiv sogar Sympathie zu empfinden scheint, hat seine Strafe erhalten.


Bewertung:

Philo Vance haftete von Anbeginn das Stigma des unausstehlichen gefühllosen Besserwissers an. In diesem zweiten Roman über seine Abenteuer macht er diesem Ruf wahrlich alle Ehre, eigentlich unverständlich, warum ihm die unter Erfolgsdruck stehenden Markham oder Heath nicht einfach mal den Schädel einschlagen, nachdem er bei Erörterung eines schwerwiegenden Problems wieder mal supergelehrige Zitate zum Besten gegeben hat. In den späteren Büchern treibt er es gefühlt nicht mehr ganz so schlimm. Doch immerhin wird sein Begleiter Van Dine hier noch einige Male direkt angesprochen, und es geht dem Gerechtigkeitsempfinden des geübten Müßiggängers gegen den Strich, dass ein Unschuldiger von der geistig etwas unterbelichteten Polizei zum Sündenbock gemacht werden soll, auch wenn es nur ein Gewohnheitskrimineller ist. Zu Lesebeginn weht ein Hauch von schnöder Realität durch die Handlung, als von Markhams Kampf gegen die zunehmende Kriminalität im Zusammenhang mit der Prohibition berichtet wird, die zu aufblühenden lasterhaften Nachtclubs mit einigen Opfern führte. So fiel ihm auch der Canary-Mordfall zu. Doch das Geschehen entpuppt sich bald als klassische Geschichte, wenngleich auch ein paar verruchte Gestalten aus der Unterwelt mit von der Partie sind. Immerhin wird bei einer wichtigen Befragung nicht schamhaft verschwiegen, dass Menschen auf Posten auch mal ununterdrückbare Bedürnisse haben, was auch kurz aber sachlich erörtert wird. Wofür die gute Miss Odell ihre Dienste anbot, wird nun nicht so drastisch wie heutzutage besprochen, es bleibt natürlich kein Zweifel, dass es nicht nur ums Händchenhalten ging. Sicher könnte man nun wieder die bürgerliche Doppelmoral der öffentlich unerkannt bleiben wollenden Liebhaber des gelben Vögelchens kritisieren, doch das spätere Opfer war nun auch nicht gerade charakterlich ohne Fehl und Tadel. Die Verdächtigen, die der Oberschicht angehören, werden von den Ermittlern zumindest am Anfang eher mit Samthandschuhen angefasst, wenngleich Staatsanwalt Markham seinen Ton im Laufe der Zeit gehörig verschärft. Denn lügen tun die feinen Herren alle, es stellt sich heraus, dass um die ermittelte Tatzeit herum alle in der Nähe der Wohnung waren und sich sogar noch gegenseitig begegneten. Irgendwie klingen alle ihre Geschichten plausibel, doch Vance weiß einfach, dass einer von ihnen, allen Indizien zum Trotz, der gesuchte Verbrecher sein muss. Der einzige offenbar unfreiwillige Zeuge des Verbrechens begeht den wie immer völlig unverständlichen Fehler, den Mörder zu erpressen und sich auch noch alleine mit ihm zu treffen, was grob gesagt völlig absurd ist und der mittlerweile arg ins Stocken gekommenen Handlung wieder neuen Schwung verleihen soll. Irgendwie merkt man, dass W. H. Wrights Schöpfung nun schon fast hundertjähriges Jubiläum hat. Das Mysterium des Auftauchens und Verschwindens von Täter und heimlichem Zeugen in der abgesperrten Wohnung wird zwar durchaus überzeugend aufgeklärt, doch auf der anderen Seite sind Geschichten mit Strickfäden und Instrumenten zum inneren Verschließen von Türen ja auch schon von Edgar Wallace verfasst worden, später von J. D. Carr quasi zur Kunstform erhoben worden.
Im Laufe der Story hat sich die Zahl der verdächtigen Würger nochmal halbiert, ein Umstand, der Philo Vance überhaupt nicht behagt. Mit Hilfe eines zwielichtigen Poker-Kumpels von der anderen Seite des Gesetzes unternimmt der ruhelose Detektiv zusammen mit den am Fall beteiligten Hauptpersonen einen verkappten Psycho-Test, mit dessen Hilfe er den Übeltäter zumindest charakterlich überführt. Irgendwie ziemlich abgehoben. Vor Gericht nicht verwertbar, wie Philo auch selber weiß. Das letztendliche fehlende Puzzlestück des Falles, ein Alibi durch Tonträger vorzutäuschen, ist sicher auch zu Vance` Zeiten nicht mehr ganz so taufrisch (wenig später hat sich Carr schon darüber lustig gemacht); besonders, dass der Superschnüffler mit dem gelehrten Hintergrund nur durch einen schon sehr konstruierten Zufall darauf stößt, wirft nun kein besonders strahlendes Licht auf dessen Fähigkeiten.
Aber jedenfalls hat er nach dem gewaltsamen Dahinscheiden des ersten Lieblingsverdächtigen des in jeder Hinsicht grobgestrickten Heath einem zweiten ebenso unschuldigen Vorbestraften vor dessen Verhaftungswut gerettet, denn der Sergeant, für den der Bildungsbürger Vance wohl wie ein Wesen vom anderen Stern erscheinen muss, ist nur schwer von seinen Vorurteilen abzubringen. Eine Anklage gegen Menschen auf der unteren Sprosse der sozialen Leiter wäre auch viel einfacher. Allerdings muss zumindest Staatsanwalt Markham zugute gehalten werden, dass er auf jeden Fall die Hand auf den richtigen Täter legen will, weshalb er auch auf seinen gescheiten Studienkollegen hört, der ihn gerne mal mit "Mein Alter" tituliert.
Der Mord an der hübschen Margaret Odell ist eine reine Detektivgeschichte (die vorteilhafterweise den Leser mit aufgesetzten Liebesergüssen verschont), der es aber trotz durchaus verblüffender Wendungen irgendwie ein bisschen an Pfiff fehlt. Später hat "Van Dine" seine Stories noch mit Mordserien, ägyptischen Flüchen, extra verschachtelten verschlossenen Tatorten oder sogar Drachenspuren angereichert, um das nackte Gerüst seiner doch sehr emotionslosen Geschichten zu kaschieren, die allerdings durchaus auch ihren Reiz haben.
Das Fehlen dieser exotischen Beigaben lässt den besprochenen Roman für meinen Geschmack etwas trocken wirken. Trotzdem für alle Freunde der old school gut geeignet.


Leseexemplar:

DuMont-Verlag ; 1996 ; ca. 270 Seiten

Der Text wurde aus dem Amerikanischen von Manfried Allie übertragen. Es ist eine niveauvolle Übersetzung, auch wieder mit einem schönen Nachwort versehen.


Verfilmung:

Der Kanarienvogel-Mord wurde schon ein Jahr nach Buchveröffentlichung verfilmt. Die Hauptrolle spielte William Powell ("Der dünne Mann"), der originale Stummfilm wurde später noch nachvertont und soll sehr beliebt gewesen sein.

Dr. Oberzohn Offline



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09.06.2020 22:13
#26 RE: Denkmaschinen, Snobs und Eierköpfe - die literarischen Detektive des klassischen Golden Age Zitat · Antworten

Einer darf in dieser Reihe natürlich auf keinen Fall fehlen...

Arthur Conan Doyle (1859 - 1930)


Der geborene Schotte studierte Medizin, arbeitete als Schiffsarzt und hatte auch eine mehrjährige Arztpraxis in Südengland, bevor er nach London übersiedelte. Nach ersten literarischen Versuchen gelang ihm mit seiner Figur Sherlock Holmes der Durchbruch. Er lebte fortan nur noch von der Schriftstellerei, wobei er nicht nur auf ein Themengebiet beschränkt blieb. Doyle war zweimal verheiratet und hatte mehrere Kinder.
Nebenher war der Autor auch sportlich sehr engagiert, im Skilanglauf stellte er als erster Brite einen damaligen Rekord auf, nahm außerdem Anteil an gesellschaftlichen Problemen seiner Zeit und wandte sich zuletzt sehr überzeugt dem Spiritismus zu.

Die Verdienste von Sir Arthur Conan um die Etablierung der Kriminalliteratur sind zweifellos anerkannt. Die vier Romane und 56 Geschichten um seinen deduzierenden Detektiv Sherlock Holmes sowie dessen Freund und Chronisten Dr. Watson sind geradezu legendär und erfuhren in Film, Funk und Literatur eine weltweite Verbreitung. Die Holmes-Erzählungen wurden über einen Zeitraum von vier Jahrzehnten verfasst, spielen aber (fast) stets im viktorianischen England. Wichtiger als sein ungeliebter Privatermittler waren Doyle aber seine historischen Romane in der Tradition Walther Scotts - damals wie heute kaum beachtet. Er verfasste außerdem allerlei Geschichten, Streitschriften und auch einige wissenschaftlich-phantasische Romane, deren bekanntester Die verlorene Welt mit dem cholerischen Professor Challenger auch heutzutage noch ein dankbares Lesepublikum findet.


Leseempfehlungen:

Das Zeichen der Vier (Original: The Sign of Four - Erstveröffentlichung: 1890)

Die junge Mary Morstan konsultiert Holmes wegen ihres verschwundenen Vaters, ehemals Offizier in Indien. Bald finden sich alle in einer dunklen Angelegenheit wieder. Es geht um einen verschollenen Schatz, einen rachsüchtigen Mörder samt fürchterlichen Gehilfen und um einen Unschuldigen, der eines Mordes bezichtigt wird. Natürlich geht alles gut aus - besonders für Dr. Watson...


Der Hund der Baskervilles (Original: The Hound of the Baskervilles - Erstveröffentlichung: 1902)

Der berühmteste Holmes-Roman um einen Geisterhund, welche die männlichen Erben einer altenglischen Familie bedroht, ist für die beiden Helden Holmes und Watson eine Gelegenheit, ihre Talente im düsteren Dartmoor zu zeigen. Kriminalistische Analyse und viktorianischer Grusel gehen hier eine immer wieder schöne Mischung ein. Ein wahrer Klassiker.


Sherlock Holmes London Baker Street 221 B (Geschichtensammlung des DDR-Verlags Neues Leben von 1988)

Dieses Buch vereint eine recht geschmackvolle Auswahl von Fällen aus den fünf Geschichtenbänden, wobei der Schwerpunkt auf der Anfangszeit liegt.
Allerlei Mord und Totschlag, Erpressung, Nötigung, Diebstahl und die vielen liebgewonnenen Eigenschaften des exzentrischen Meisterdetektivs bilden den üblichen Hintergrund für scharfsinnige kriminalistische Analysen in einer vergangen Epoche.







Buchbesprechung: Das Tal des Grauens


Originaltitel: The Valley of Fear
Erscheinungsjahr: 1915



Hauptpersonen:

In England:

Sherlock Holmes - genialer Meisterdetektiv
Dr. John Watson - sein treuer Gefährte und Ich-Erzähler
Alex MacDonald - Inspektor von Scotland Yard
White Mason - Polizeikommissar
John Douglas - Gutsbesitzer mit geheimen Vorleben
Ivy Douglas - seine Ehefrau
Cecil Barker - guter Freund des Ehepaares
Mr. Ames - Butler
Mrs. Allen - Haushälterin
Constable Wilson - von der Landpolizei
Professor James Moriarty - Chef der Londoner Unterwelt

In Amerika:

Jack McMurdo - junger ambitionierter Mann
Mike Scanlan - sein Zimmergenosse
Jacob Shafter - ehrlicher Pensionsbesitzer
Ettie Shafter - seine hübsche Tochter
Jack McGinty - Logenmeister und Gangsterboss
Ted Baldwin - bösartiger Kumpan
"Tiger" Cormac - brutaler Gehilfe
Mr. Morris - wankelhafter Logenbruder
Lieutenant Marvin - Stadtpolizist
Birdy Edwards - mysteriöser Pinkerton-Detektiv


Handlung:

Eines Winterabends in den späten 1880ern sitzen Holmes und Watson in gewohnter trauter Runde zusammen, als der große Detektiv eine merkwürdige Nachricht von einem gewissen Porlock bekommt. Dessen wahre Identität ist ihm unbekannt, er ist jedoch ein Bindeglied zu einem bekannten und äußerst gelehrten Universitätsprofessor mit mathematischen und astronomischen Ambitionen, die sich in einer Niederschrift über die Bewegungen von Planetoiden niedergeschlagen haben. Nebenher verdächtigt Holmes diesen Professor Moriarty aber, der Kopf der organisierten Kriminalität in London zu sein. (Seltsamerweise kann sich Watson in der später handelnden Geschichte Sein letzter Fall nicht mehr an dieses Gespräch erinnern). Holmes` ganz offensichtlich nervöser Informant warnt vor einer Untat in Birlstone, einen gewissen Mr. Douglas betreffend, und prompt erfahren die beiden Freunde kurz darauf von Yard-Inspektor MacDonald von einem scheußlichen Mord, der dort verübt wurde: John Douglas, ein wohlhabender, aus Amerika stammender Gutsbesitzer, wurde mit einer Schrotflinte der halbe Kopf weggeblasen. Natürlich begeben sich die Herren alle sofort zum Schauplatz der Untat im nördlichen Sussex. Der Tote wurde abends vom Butler in seinem Arbeitszimmer aufgefunden; wie sich der Täter Zugang verschafft hat und wieder geflohen ist, ist völlig rätselhaft, weil das ganze altehrwürdige und geschichtsträchtige Anwesen mit einem Wassergraben und hochgezogener Zugbrücke geschützt ist. Inspektor MacDonald und der Vertreter der Grafschaftspolizei, White Mason, sind ratlos. Auch nachdem man den anwesenden Freund und Bekannten des Opfers aus früheren Tagen, Cecil Barker, sowie die Gattin des Opfers, die einiges jüngere Ivy Douglas, verhört hat, ist das Motiv für das Verbrechen nicht klarer. John Douglas war in der Gegend sehr beliebt, eine engagierte Persönlichkeit (wenngleich natürlich kein echter britischer Adliger, wie Butler Ames etwas pikiert bemerkt). Doch in seiner Vergangenheit, während seiner Zeit in den USA, scheint ein düsteres Geheimnis zu liegen, Schatten, vor denen sich der ansonsten mutige Mann gefürchtet hatte. Auf seinem Oberarm findet sich auch ein merkwürdiges, vernarbtes Brandzeichen. Oder liegt die Ursache für alles etwa in einer heimlichen Beziehung von Cecil Barker und Ivy Douglas, wie die Polizisten schnell und lebenserfahren bald mutmaßen, denn der Ermordete war auf seine hübsche junge Gattin sehr eifersüchtig. Der empörte Dr. Watson bemerkt bei einem Bummel im angrenzenden Park, wie sich die beiden zwang- und sorglos unterhalten, sogar scherzen, und das, obwohl der arme Douglas mit zerschossenem Gesicht gerade erst aus seinem Zimmer geschafft wurde.
Währenddessen geht Sherlock Holmes seinen eigenen Gedankengängen nach, er gibt immer mal ein paar Hinweise in Richtung der ungeduldigen Polizisten, die diese allerdings nicht für voll nehmen. Was soll eine verschwundene Hantel schon für eine Bewandnis haben, und was kümmert einen die Geschichte des Herrenhauses, in dem sich schon während des englischen Bürgerkrieges gekrönte Häupter versteckt hielten ? Immerhin ermittelt man nach einiger Zeit einen Fremden, der sich mit einem Fahrrad heimlich zum grabenbewehrten Herrensitz geschlichen hatte und das dann auf der Flucht zurückließ. Der Polizeiapparat rotiert auf Hochtouren, doch Holmes hat freilich seine eigenen Methoden. Bei Befragungen des Personals wird ihm eine Unsinnigkeit in den Zeitangaben bewusst, nebenher klärt er die Herkunft eines blutigen Schuhabdrucks auf und weist immer wieder auf den verschwundenen Ehering an den Fingern der Leiche hin. Schließlich tröstet er die entnervten Polizisten mit baldiger Aufklärung des Falles, nach einem individuell verbrachten Nachmittag stehen die Ermittler einschließlich des etwas zu kurz kommenden Dr. Watson auf Nachtwache, wo sie, halb erfroren, zuguterletzt doch noch mit der überraschenden Lösung des Falles konfrontiert werden.
Die Ursache für die tragische Affäre liegt tatsächlich viele Jahre zurück in den USA, wobei dem literarisch ambitionierten Dr. Watson ein Manuskript in die Hände gegeben wird, welches die unglaubliche Vorgeschichte erzählt und im folgenden dann auch wiedergegeben wird.

Anfang des Jahres 1875: Ein noch recht junger, forsch auftretender Mann kommt in das pennsylvanische Vermissa-Tal gereist. Dort ist Kohleabbau und Stahlherstellung in vollem Gange. Jack McMurdo, so heißt der Neuling, ist auf die Polizei nicht gut zu sprechen. Er quartiert sich in der Pension von Jacob Shafter ein. Bald schon erfährt er, dass in der hiesigen Gegend besonders rauhe Sitten herrschen. Die sogenannten Scowrers, eine abtrünnige Freimaurerloge, haben eine Gewalt- und Schreckensherrschaft in der Region errichtet. Freimaurer wurden ja schon immer, ob nun zu Recht oder Unrecht, recht argwöhnisch beäugt. Doch die Loge 341 stellt von vornherein klar, dass sie mit Weisheit, Brüderlichkeit und anderen ewig hehren Zielen der Menschheit nicht viel am Hut hat. Unter ihrem Anführer Jack McGinty erpressen die Scowrers die Minenbesitzer im Vermissa Valley und terrorisieren die Bevölkerung. Wer nicht mitmacht, wird umgebracht, ganz im Stile der Mafia.
McMurdo, aus Chicago kommend und selber Freimaurer, schließt sich den Gangstern an. Er erlebt aufgrund seines Mutes und Draufgängertums eine steile Karriere und wird bald feierlich in die Loge aufgenommen. Sein Gastwirt, ein ehrlicher Mann, schmeißt ihn daraufhin hinaus, was McMurdo insofern bedauert, als er sich in die schöne Tochter Shafners, Ettie, verliebt hat. Sie teilt seine Gefühle, obwohl es schon einen anderen Bewerber um ihre Hand gibt, einen gewissen Ted Baldwin. Der Nebenbuhler ist auch ein recht hochrangiges Mitglied der mörderischen Loge und lebt in unverhüllter Feindschaft zu McMurdo. Etties Gefühle für Jack bleiben trotz seiner Mitgliedschaft bei den Verbrechern bestehen, wenngleich er jetzt zusammen mit Mike Scanlan, einem anderen Logenbruder, ein Zimmer in einer anderen Gegend teilt und sie nicht mehr so oft sehen kann. Doch er verspricht ihr auch, bald mit ihr fortzugehen.
In der Folgezeit kommt es zu einigen weiteren Verbrechen, ein kritischer Zeitungsverleger wird übel zusammengeschlagen, unbeugsame Grubenbesitzer werden ermordet, einer von ihnen soll mitsamt seiner Familie in die Luft gesprengt werden, doch er entkommt im letzten Moment. McMurdo macht es sich zum persönlichen Ziel, den Job doch noch zu erledigen, und ein paar Wochen später kann er die Exekution des Unliebsamen an seinen Chef McGinty vermelden. Dabei gibt es in den angrenzenden Gebieten noch Nachbarlogen, die ein ähnliches Terrroregiment führen und sich gegenseitig gerne mal bei der Erledigung ihrer kriminellen Machenschaften helfen. Es existiert auch noch ein Großmeister über alle diese Zweigstellen, den sogar der brutale McGinty fürchtet.
Praktischerweise befindet sich McGintys Hauptquartier im Gewerkschaftshaus. Die Unterwanderung der Gewerkschaften durch das organisierte Verbrechen hat in den USA eine lange Tradition, einmal konnte man dadurch gegen Geld die Arbeiter im Interesse der Unternehmer kurz halten, diese wiederum mit inszenierten Streiks erpressen, wenn der Geldfluss mal zu zögerlich erfolgen sollte. Ein glänzendes Geschäft für die Gangster, allerdings sind die Scrowers im Vermissa-Tal bei ihrem Vorgehen etwas kurzsichtig. Wie der über die gesamte Entwicklung sehr unglückliche Logenbruder Morris zu bedenken gibt, werden durch die ungesetzlichen Aktivitäten die ansässigen kleinen Unternehmen verdrängt. Ihren Platz nehmen die großen Gesellschaften aus den entfernteren Großstädten ein, die sich nicht so leicht erpressen lassen und genug Geld und Einfluss haben, um sich zu wehren. Der Verkünder unbequemer Wahrheiten hat auch hier das übliche Schicksal. Man betrachtet ihn mit Argwohn. Doch er teilt nach einiger Zeit McMurdo, zu dem er als einzigem aus gutem Grund Vertrauen hat, etwas mit, was er durch Bekannte erfahren hat: Die berühmte Detektivagentur Pinkerton hat ihren besten Mann, den legendären Birdy Edwards, in das gesetzlose Tal der Angst geschickt, um dem Spuk ein Ende zu machen. McMurdo wird nachdenklich, er bereitet seine Ettie auf eine baldige Abreise vor, dann teilt er dem bösen McGinty und seinen höchsten Chargen, wie Ted Baldwin oder auch dem grausamen "Tiger" Cormac, sein Wissen über den Pinkerton-Mann mit, den er sogar zu kennen glaubt. Man einigt sich, den Schnüffler zu Hause zu erwarten und dann dort zu foltern und zu ermorden. Doch Birdy Edwards wäre nicht der beste Mann der berüchtigten Agentur, wenn er den Spieß nicht umdrehen und seine Verfolger in eine Falle locken würde. Als er zusammen mit dem ortsansässigen Lieutenant Marvin die Hand auf das üble Verbrecherpack legt, weiß er aber, dass er sein Leben lang ein Gejagter sein wird, denn der Boss McGinty und einige andere enden zwar am Galgen, doch es bleiben noch genug übrig, ihn mit ihrer Rache zu verfolgen.
Damit endet die Geschichte der Erlebnisse von Birdy Edwards, die viele Jahre später noch einmal zu den tragisch-mysteriösen Vorkommnissen in Birlstone geführt haben. Sherlock Holmes bleibt mit seiner Skepsis auf das Wirken von Moriarty im Recht, weil ihn wenig später noch einmal eine Nachricht über einen tragischen Todesfall erreicht, der den Schriftzug von dessen Verbrecherorganisation trägt. Wird es dem Meisterdetektiv irgendwann gelingen, den "Napoleon des Verbrechens" zur Strecke zu bringen ?


Bewertung:

Als Conan Doyle seinen ersten Holmes-Roman und -fall, Eine Studie in Scharlachrot, im Jahre 1887 veröffentlichte, musste er seitdem teilweise heftige Kritik einstecken. Der Kriminalfall war gut und spannend aufgebaut, aber zur Hälfte des Buches schwenkte er zurück in die Zeit der Mormonensekte in den USA, um langwierig die Vorgeschichte zu erzählen. Auch im Folgeroman Das Zeichen der Vier, eigentlich eher eine längere Erzählung, gibt es innerhalb der Geschichte eine ausführliche Rückblende in die Zeit der "großen Rebellion" in Britisch-Indien. Einzig der berühmte Hund von Baskerville schafft es, von vorne bis hinten eine durchgängige Handlung zu präsentieren, angereichert mit viel viktorianischem Grusel- und Mysteryflair. Holmes' letzter in Romanform herausgegebener Fall, drei Jahrzehnte nach seinem Erstling, bedient sich wieder der Zweiteilung. Erst das geheimnisvolle Verbrechen in Birlstone, dann die in der Vergangenheit liegenden gewalttätigen Geschehnisse im titelgebenden "Tal des Grauens", wieder in den USA, diesmal im Osten. Möglicherweise lag Doyle bei seinen erdachten Detektiv-Abenteuern mehr die Kurzgeschichten-Form, vielleicht hatte er da Probleme, ein längeres Stück draus zu machen ? Wer kann es wissen ?
Bei diesem Buch fällt die Diskrepanz zwischen dem trotz der abscheulichen Umstände an der Leiche doch eher betulich-gemütlichen Kriminalfall im ländlichen Birlstone in Old England in Teil Eins und der brutalen Mordgeschichte im rußverschmutzten Vermissa-Tal in den gerade erst zivilisiert werdenden USA im zweiten Part auf. Auch hier gibt es seitens der Holmes-Puristen harsche Kritik an der gewählten Erzähl-Form, doch eigentlich bietet die Story um den Meisterdetektiv nicht viel grundlegend Neues. Ein Toter mit weggeschossenem Gesicht, eine Ehefrau, die nicht sehr traurig ist - da ist doch die Richtung schon gegeben, ebenso bei einer fehlenden Hantel und einem Burggraben. Obwohl bei einem über hundert Jahre alten Roman sicher zur Zeit seiner Schriftlegung vieles noch neu war. Fast hat es hier den Anschein, als ob Dr. Watson das spätere Schicksal des Ich-Erzählers der Episoden um Philo Vance erleiden muss, nämlich gänzlich als Person aus dem Gesichtsfeld des Lesers zu verschwinden, doch Doyle kriegt hier noch die Kurve und widmet dem treuen Freund des Privatermittlers noch ein bisschen eigene Aktivität. Der Autor hat wohl verspätet versucht, aus dem genialen Gegenspieler Professor Moriarty, der zu dieser Zeit schon lange tot in den Strudeln des Reichenbachfalles liegen sollte, noch etwas Kapital zu schlagen und die Handlung "aufzupeppen". Die geschilderten Ereignisse liegen also noch vor dem legendären Treffen der beiden Kontrahenten in der Schweiz - eine sehr lange Zeit.
Aber Sir Arthur Conan geht in der zweiten Hälfte seiner Erzählung noch weiter zurück, in die Mitte der siebziger Jahre. Was ihn bewogen hat, eine für seine Verhältnisse so brutale und blutige Story wie um die entarteten Freimaurer in der in jeder Hinsicht dreckigen Bergbauregion in Pennsylvania zu schreiben, weiß man nicht, vielleicht der gerade begonnene Weltkrieg mit seinem Gemetzel, wie einige vermuten ? In dieser Gegend gibt es offenbar gar kein funktionierendes Gesetz außer dem der Verbrecher, ist halt noch immer "der wilde Westen". Tatsächlich erinnert eine Episode, als ein fünfköpfiges Killerteam mit seinen Hüten und Mänteln zu einem Bergwerk marschiert, dort Aufstellung nimmt und gleich darauf einen kaltblütigen Doppelmord begeht, an eine Szene in einem Sergio-Leone-Western, man hört den Score von Ennio Morricone förmlich im Hintergrund. Die abgesägte doppelläufige Schrotflinte, mit der später das Verbrechen in England geschah, ist übrigens die klassische Mordwaffe der Mafia. Da hat Conan Doyle munter einiges zusammengemixt.
Im Prinzip ist es schon eine frühe hardboiled-Story, der Pinkerton-Mann Birdy Edwards kann durchaus als Vorläufer des namenlosen Continental Ops aus Hammetts Schreibe durchgehen, wenngleich der natürlich sich die Finger selber wesentlich schmutziger gemacht hat und nicht letztlich doch auf das Gesetz vertraut hat (wenn auch weit entfernt vom Tatort) wie Edwards, sondern das nämliche lieber gleich selbst in die Hände nahm. Und auch so sittsame weibliche Geschöpfe wie Edwards Freundin gibt es später auch nicht mehr. Doch trotz allem - neben der guten alten Holmes-Dichtung wirkt die Mär seines amerikanischen Kollegen fast spannender und mitreißender. Die Bösewichte mit den Freimaurerritualen haben allerdings sogar einen realen Hintergrund. Eine irische Geheimgesellschaft mit dem Namen Molly Maguires arbeitete in den nordamerikanischen Bergwerken auch mit terroristischen Methoden. Ihr ging es allerdings wirklich darum, gegen die dortigen schlechten und ausbeuterischen Arbeitsbedingungen zu kämpfen (verfilmt mit Sean Connery als verdeckt ermittelnden Pinkerton-Detektiv), während die Scowrers nur ihren eigenen Gewinn im Auge haben, obwohl sie zur Bemäntelung ihrer Ziele auch mal antikapitalistische Parolen im Munde führen.
Kritik muss Doyle aber wegen seiner zeitlichen Rechnung in seinem Doppel-Krimi einstecken. Dass der Schriftsteller in der zeitlichen Einordnung der über viele Jahre herausgegebenen Detektiv-Geschichten den einen und anderen mitunter recht argen Lapsus verursacht hat, hat schon Generationen von Holmes-Enthusiasten zur Verzweiflung gebracht, aber er konnte ja nun nicht ahnen, welche "Forschungen" mal seine für den schnöden Broterwerb entworfenen Stories nach sich ziehen würden. Doch bei einem Roman in sich hätte er sich mehr Mühe geben können, rein nach den Jahreszahlen können die geschilderten Ereignisse nur in einem maximalen Rahmen von vierzehn Jahren liegen, doch im beschriebenen Altersunterschied einiger Hauptpersonen sowie den zwischendurch erlebten Ereignissen (Amerikaaufenthalt, Erwerb eines Vermögens, Mordanschläge, Flucht, Übersiedelung nach England, erneute Heirat, Erwerb des Gutshauses...) kommen schon mal locker wenigstens zwanzig Jahre zusammen. Einfach irritierend und unsorgfältig !
Ansonsten ist das Tal des Grauens ein gut lesbares spannendes Buch, der Gegensatz zwischen der klassischen deduktiven Ermittlung in England und dem knallharten Geschehen im amerikanischen Kohlerevier ist, zumindest für mich, eher befruchtend für das Interesse des Lesers. Doyle mal von einer etwas anderen Seite.


Leseexemplar:

Scherz-Verlag ; 1984 ; knapp 160 Seiten

Die Übersetzung von Carl Bach ist recht modern gehalten, während beispielsweise der Anaconda-Verlag sich auf eine ältere Übersetzung stützte. Wenn man in der richtigen Stimmung ist, hat das durchaus seinen Reiz. Die Scowrers werden in beiden Versionen recht unbeholfen übersetzt, als "Nachtschwärmer" oder "Rächer", während die richtige Bedeutung eher in Richtung "Schläger" oder "Hooligan" geht. Das Buch ist neben dem Titel Das Tal des Grauens in anderen Ausgaben auch als Das Tal der Angst oder Das Tal der Furcht erschienen.


Verfilmung:


Auch zu diesem eher unbekannten Holmes-Abenteuer gibt es mehrere filmische Adaptionen, die erste schon von 1916. Die Filme wurden nicht nur in Italien oder Großbritannien, sondern auch in einigen Ostblockstaaten gedreht, manchmal nur Elemente übernommen oder auch nur der zweite (Amerika-)Teil verwendet. Als deutscher Beitrag wird der Film Sherlock Holmes und das Halsband des Todes von 1962 angesehen, in dem es neben dem üblichen Sherlock Holmes versus Professor Moriarty als Gemeinsamkeit nur noch einen Verdächtigen gibt, der seine Identität mit der im Roman beschriebenen Methode verschleiern will.

Gubanov Offline




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17.06.2020 20:29
#27 RE: Denkmaschinen, Snobs und Eierköpfe - die literarischen Detektive des klassischen Golden Age Zitat · Antworten

Doyle und Holmes sind natürlich die Klassiker schlechthin, die nach den aller frühesten Wegbereitern des Genres dem Detektivkrimi der bis heute beliebten Prägung zum anhaltenden Durchbruch verholfen haben. Du hast dir mit dem "Tal der Angst" zur Vorstellung des Kanons nicht unbedingt die bekannteste oder beste Geschichte ausgewählt. Doyle war sicher besonders begabt auf dem Kurzgeschichten-Terrain mit dem "Hund der Baskervilles" als große positive Ausnahme bei den längeren Stoffen. 1927, also im gleichen Jahr, in dem seine letzte Holmes-Story erschien, veröffentlichte Doyle als Werbeaktion im Strand Magazine eine Liste seiner zwölf persönlichen Lieblingsgeschichten:

Zitat von The 12 Best Sherlock Holmes Stories, According to Arthur Conan Doyle, Quelle
1. The Speckled Band
2. The Red-Headed League
3. The Dancing Men
4. The Final Problem
5. A Scandal in Bohemia
6. The Empty House
7. The Five Orange Pips
8. The Second Stain
9. The Devil’s Food
10. The Priory School
11. The Musgrave Ritual
12. The Reigate Squires

Dr. Oberzohn Offline



Beiträge: 399

18.06.2020 17:39
#28 RE: Denkmaschinen, Snobs und Eierköpfe - die literarischen Detektive des klassischen Golden Age Zitat · Antworten

Du hast Recht, die gewählte Erzählung ist wirklich eine der unbekannten von Holmes` Schaffen, deswegen hab ich sie auch vorgekramt, weil die Bewertung des legendären Geisterhundes ja schon ganze Bände füllen dürfte. Über die Qualität des "Schreckenstales" kann man sicher streiten, ich gebe zu, dass Doyle meiner Ansicht nach auch besseres geschrieben hat. Finde aber das Buch trotzdem nicht schlecht.

Die Auflistung seiner Lieblingsstories finde ich sehr interessant. Wie es aussieht, schließt sich Doyle dem Urteil seiner Kritiker an, indem er die Auswahl seiner besten Geschichten auf die ersten Story-Bände legt. Nur der "Teufelsfuß" ist aus dem vorletzten Band, aus dem letzten gar keine Geschichte ? Da geht er doch ein bisschen hart mit sich selbst ins Gericht, so übel finde ich die Fälle seiner letzten Schaffensperiode gar nicht (waren lange Zeit die einzigen Holmes-Bücher, die ich besessen habe).

-Das gefleckte Band : natürlich eine schöne gruselige Geschichte, über deren (Un)Sinnhaftigkeit wir ja schon bei den Filmbesprechungen parliert haben ; von mir volle Zustimmung
-Die Liga der Rothaarigen : ich glaube die zweite Holmes-Story, deren Grundplot Doyle wesentlich später mit den "Drei Garridebs" noch einmal wiederholt hat ; ja, ist ganz okay
-Die tanzenden Männchen : mal eine Geschichte ohne Happyend, doch die Entschlüsselung der Geheimschrift hat schon Edgar Allan Poe in seiner Geschichte vom Piratenschatz des Kätpn Kidd vorgemacht ; deswegen nicht unbedingt originell
-Das letzte Problem : Sherlock Holmes' Tod am Ende ist natürlich spektakulär, doch wenig detektivische Handlung ; nicht unbedingt überragend, für Doyle sicher eine Labsal
-Ein Skandal in Böhmen : erste Story, die wir beide nicht sonderlich mögen, wie ich mich erinnern kann; wenig kriminalistische Vorgehensweise des großen Ermittlers
-Das leere Haus : dramatisches Wiederauftauchen des zähen Holmes, aber rein kriminalistisch auch eher hanebüchen; nur im Gesamtbild originell
-Fünf Orangenkerne : wahrlich eine gute und düstere Story, Holmes auf dem Höhepunkt seines Könnens; da gebe ich auch volle Punktzahl
-Der zweite Fleck : nicht übel, aber irgendwie nie richtig im Gedächtnis bleibend; eher durchschnittlich
-Der Teufelsfuß : unbedingt eins von Sherlocks besten und gruseligsten Abenteuern; auch hier wieder volle Punktzahl
-Die Internatsschule : das ist doch die Geschichte mit dem "geldgierigen" Sherlock Holmes, oder? Die war irgendwie zu lang geraten...
-Das Musgrave Ritual : Der große Meister wühlt in Erinnerungen, nicht übel, aber auch nicht überragend
-Die Sqires von Reigate : mordender Landadel ist sicher mal eine Abwechslung ; persönlich finde ich es eher durchschnittlich

Ich würde mal noch ergänzen:

-Sechsmal Napoleon : eine richtig schöne typische und spannende Holmes-Geschichte
-Der Vampir von Sussex : ein transsylvanischer Unhold in England ? Nicht mit Sherlock Holmes...
-Die Thorbrücke : interessanter und gelungener Plot mit Vorbildfunktion etwa für S.S. van Dine oder Margery Allingham

Gubanov Offline




Beiträge: 16.370

18.06.2020 18:11
#29 RE: Denkmaschinen, Snobs und Eierköpfe - die literarischen Detektive des klassischen Golden Age Zitat · Antworten

Wir müssen natürlich einschränken, dass Kritik bei den Holmes-Storys Kritik auf hohem Niveau ist. Selbst die kriminalistisch etwas uninteressanteren Geschichten tun sich durch gut ausgearbeitete Charaktere und eine kaum woanders zu findende atmosphärische Dichte hervor. Insofern ist ein solches Unterfangen einer Rangliste natürlich eine schwierige Sache. Deiner Einschätzung gerade zu den zwei „Meilensteinen“ „The Final Problem“ und „The Empty House“ stimme ich zu. Sie sind für das Gesamtwerk sehr wichtig, aber für sich genommen bieten sie wenig Krimi-Substanz.

Müsste ich eine Liste erstellen, würde ich zu folgendem Resultat kommen (chronologisch geordnet), wobei einige andere geliebte Titel sehr knapp hinten überfallen. Romane außenvorgelassen.

- The Red-Headed League
- The Blue Carbuncle
- The Speckled Band
- The Musgrave Ritual
- The Naval Treaty
- The Dancing Men
- Charles Augustus Milverton
- The Six Napoleons
- The Bruce-Partington Plans
- The Disappearance of Lady Frances Carfax
- The Devil's Foot
- Shoscombe Old Place

Dr. Oberzohn Offline



Beiträge: 399

18.06.2020 19:59
#30 RE: Denkmaschinen, Snobs und Eierköpfe - die literarischen Detektive des klassischen Golden Age Zitat · Antworten

Natürlich, enttäuschende Holmes-Geschichten kann man wahrlich an einer Hand abzählen.
Auf jeden Fall zähle ich ebenfalls auch noch Lady Carfax' Verschwinden und die Bruce-Partington-Pläne zu den sehr gelungenen Geschichten.

Aber wir sind nun leider auf die sechzig (meist) gelungenen und von Dr. Watson niedergeschriebenen Fälle beschränkt. Was mich mal wieder zu der Frage bringt, ob jemand noch weitere Abenteuer der unvergänglichen Helden kennt, deren Fälle nicht von Doyle, sondern von anderen Schriftstellern überliefert wurden? Wo das feeling halt so richtig original ist ?
Kenne da auch einige. Ein weites Feld...

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