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Dieses Thema hat 23 Antworten
und wurde 867 mal aufgerufen
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Seiten 1 | 2
Dr. Oberzohn Offline



Beiträge: 330

24.04.2020 20:15
#16 RE: Denkmaschinen, Snobs und Eierköpfe - die literarischen Detektive des klassischen Golden Age Zitat · Antworten

Am originellsten fand ich immer noch Der Tote in der Badewanne, ihren Erstling. Ein paar Romane fehlen mir noch in der Sammlung.
Die Geschichten von DS sind auch nicht schlecht. Die Lord-Peter-Stories sind klassischer Detektiv-Stuff. Besonders gut fand ich die mit der Geisterkutsche (kopfloser Kutscher und kopflose Pferde usw.), auch die, wo sich Wimsey so ganz im Sinne von You only live twice offiziell tot meldet und dann in die kriminelle Geheimorganisation "einsickert". Man muss nur aufpassen, eine gute Übersetzung zu bekommen, ich hatte da mal einen Geschichtenband, da konnte einem die Leselust echt vergehen.
Gibt natürlich auch andere Stories, die etwas abseits liegen. Eine, wo eine junge Frau in ein Gruselhaus kommt, wo gerade noch ein Körper im Garten ausgebuddelt wird, dann sich aber alles als großes Missverständnis herausstellt. Oder die Geschichte, wo der kleine reiche Erbe im Kindesalter an Solaninvergiftung stirbt, keine Happyend, keine Gerechtigkeit, dafür eine Organisation für raffinierte Auftragsmorde. Ist natürlich etwas abseits der "normalen" Detektivlinie, mir persönlich gefallen die richtigen Detektiverzählungen auch besser. Aber ist halt auch Sache des persönlichen Geschmacks.

Die Film-Serie über Wimsey hab ich noch nicht gesehen. Würde mich genauso wie die Albert-Campion-Reihe interessieren. Irgendwann leg ich mir die mal zu.

brutus Online




Beiträge: 12.977

24.04.2020 22:02
#17 RE: Denkmaschinen, Snobs und Eierköpfe - die literarischen Detektive des klassischen Golden Age Zitat · Antworten

Mord braucht Reklame ist mein allererster gelesener Kriminalroman überhaupt. Anfang der 70er im Englischunterricht in einer Easy Reader Version vom Klett-Verlag mit gerade mal 110 Seiten (und da sind noch ne Menge Innenillus dabei). Hab ich noch im Regal stehen (merkwürdigerweise zwischen The Portrait of a Lady von Henry James und The honorary Consul von Graham Greene), vielleicht sollte ich diese Sparversion mal mit der richtigen vergleichen. Gehört aber heute noch zu meinen DLS-Favoriten, neben Ein Toter zu wenig und Zur fraglichen Stunde

Gubanov Offline




Beiträge: 16.314

24.04.2020 22:27
#18 RE: Denkmaschinen, Snobs und Eierköpfe - die literarischen Detektive des klassischen Golden Age Zitat · Antworten

Ich nehme mir schon seit Längerem vor, mir die Lord-Peter-Wimsey-TV-Serie(n) 'mal wieder vorzuknöpfen. Ich hatte die Mehrteiler nach dem DVD-Kauf anno 2009 einmal gesehen und seitdem nicht mehr, habe sie aber als absolut lohnenswert in Erinnerung.

Einige Kurzgeschichten, auf die hier tlw. abgehoben wurde, sind als szenische Lesungen auf CD vom Audiobuch-Verlag erhältlich. Die mochte ich schon immer wegen ihrer teilweise skurrilen Stories, aber auch wegen der schönen Sprecherbesetzungen. Ich hatte damals hier ein paar Worte dazu geschrieben: Radiokrimis: Die Fälle des Lord Peter Wimsey

Von den Romanen kenne ich nur "Der Tote in der Badewanne" und "Mord braucht Reklame", die ich jeweils als ungekürzte Hörbücher vom gleichen Verlag im Regal habe. Unzweifelhaft ist das hochwertige Krimikost, so englisch wie ein teurer Tweed-Anzug. "Mord braucht Reklame" bringt es allerdings auf 10 CDs - das ist nur etwas für sehr geduldige Hörer und ich kann mir vorstellen, dass die Kürzung des Klett-Verlags auf Schulliteratur-Länge dem Stoff sogar zugute kommen könnte.

Dr. Oberzohn Offline



Beiträge: 330

25.04.2020 20:42
#19 RE: Denkmaschinen, Snobs und Eierköpfe - die literarischen Detektive des klassischen Golden Age Zitat · Antworten

Den Link mit dem Hinweis zu den Radiokrimis habe ich mit Interesse gelesen. Sehr schön, obgleich du ja meine Lieblingsgeschichten als Schlusslicht angeführt hast .
Zur Ehrenrettung der Geisterkutschen-Story muss ich anmerken, dass sie eine spannende Handlung beinhaltet, ganz ohne Mord, es geht auch mal ohne.
Und die Geschehnisse mit "Ali Babas Höhle" sind wirklich schon Wallace-haft (erinnert mit Nummer Eins, der alle kennt, aber sonst sich niemand, an den Roten Kreis). Finde aber auch, wie schon geschrieben, weckt es ein bisschen Assoziationen an einen frühen Bond. Wimseys vorgetäuschter Tod als Hauptermittler sowie auch die Verbrecherorganisation mit Nummer Eins an der Spitze und den ganzen anderen nummerierten Chargen sowie auch die angesprochene Technik, wie verminte Häuser, schreckliche Folterapparate, einen Geheimsafe, der nur mit der Stimme des Besitzers zu öffnen ist, daneben die rücksichtslose Beseitigung von Verrätern oder fehlerhaften Mitgliedern, das erinnert schon irgendwie an SPECTRE und den ewigen Gegenspieler. Natürlich in viel kleinerem Format, aber wer weiß, ob nicht die englischen Krimi-Ladies auch für die harten Agenten späterer Zeiten ein wenig Pate gestanden haben...

Auch das vierteilige Hörspiel Glocken in der Neujahrsnacht habe ich mir vor kurzem bei den Pidax-Sonderangeboten besorgt. Das wird ebenfalls unter dem Link besprochen, ich bin schon mal gespannt, bei einer längeren Autofahrt werde ich mir es mal anhören.

Was die Reihe mit den Peter-Wimsey-Verfilmungen angeht, gibt es da auch irgendwo eine Besprechung im Forum ? Ich glaube, ich hab da mal vor längerer Zeit was gelesen, aber finde es leider nicht mehr.

Gubanov Offline




Beiträge: 16.314

26.04.2020 12:04
#20 RE: Denkmaschinen, Snobs und Eierköpfe - die literarischen Detektive des klassischen Golden Age Zitat · Antworten

Der Thread zur Lord-Peter-Wimsey-Reihe der BBC mit Ian Carmichael ist im International-Bereich momentan sogar noch auf der ersten Seite zu finden: "Lord Peter Wimsey" mit Ian Carmichael. Wirklich detaillierte Reviews gibt es da aber eigentlich nicht; der Thread ist eher sammler-fokussiert. Über die Carmichael-Serie hinaus gab es Ende der 1980er Jahre noch drei weitere Sayers-TV-Verfilmungen im Mehrteilerformat mit Edward Petherbridge als Wimsey, über die hier aber kaum geschrieben wird und die auch noch keinen eigenen Thread haben.

Dr. Oberzohn Offline



Beiträge: 330

27.04.2020 15:13
#21 RE: Denkmaschinen, Snobs und Eierköpfe - die literarischen Detektive des klassischen Golden Age Zitat · Antworten

Zitat von schwarzseher im Beitrag #10
Bei amazon kann man Victor Gunn Romane von "Apex Crime" bestellen ,weis zufällig jemand ob diese Neuauflagen empfehlenswert sind ? bzw. neu Übersetzt oder sind das die alten Goldmann Sachen .
Danke .


Victor Gunn – Spuren im Schnee (1956)

Dieses im APEX-Verlag herausgekommene Buch stellt auch einen Krimi-Klassiker dar, der sonst nur noch schwer antiquarisch zu bekommen ist. Hier hat man sich bei der Textlegung am Anfang mehr Mühe gegeben, das aber nicht so lange durchgehalten, von etwa jeder zehnten Seite mit Wort-, Buchstaben- oder Punktationsfehler ging es dann auf wohl jede zweite Seite runter. Für einen Freund der deutschen Muttersprache ist das nun nicht so berauschend. Ist wohl nur ein kleiner Verlag, das Layout des Buches ist auch etwas laienhaft, aber das ist nicht so schlimm. Ich habe diesbezüglich mal an den Verlag geschrieben, mal sehen, ob es was bringt. Auch die Anregung gegeben, mal die „verschollenen“ oder arg verstümmelten Werke von Wallace & Co. mal wieder ungekürzt herauszubringen. (Aber bitte in einem Deutsch, wie es zumindest meine Generation noch in der Schule beigebracht bekommen hat).
Die Übersetzung stützt sich wieder, denke ich jedenfalls, auf die vollständige Erstübersetzung.

Der Krimi selbst ist gute Gunn’sche Durchschnittskost. Ein Strafgefangener, der aus Dartmoor ausbricht, um sich (scheinbar) an dem Mann zu rächen, der ihn mit seiner falschen Aussage damals in den Knast gebracht hat, sorgt dafür, dass Inspektor Cromwell nebst Sergeanten Lister an einem bitterkalten schneereichen Tag zu dem Landsitz des potenziellen Opfers Sir Kenneth Parsloe fährt, um ihn zu warnen. Doch der vermögende Gutsbesitzer ist eben mit seinem Wagen tödlich verunglückt, Cromwell kann sogar noch den flüchtigen Hatherton am Unfallort ausmachen. Doch nichts ist so, wie es erst mal scheint. Der Freund des Verstorbenen, der Landarzt Dr. Trumper, zeigt ein auffälliges Interesse daran, den Tod als Unfall zu bescheinigen. Und dann kommt noch der wenig tugendreiche Bruder des Getöteten, um sein nicht geringes Erbe anzutreten. Natürlich ahnt Cromwell wieder mal gleich die richtigen Zusammenhänge und lässt mit seinen kryptischen Bemerkungen und Handlungen nicht nur den dicken Ortsinspektor, sondern auch seinen Assistenten am ausgestreckten Arm verhungern. Der hat diesmal im entscheidenden Moment eine zündende Idee, denn der sich über alle Regeln hinwegsetzende Cromwell hat die beiden in eine sehr gefährliche Lage bugsiert, aus der sie nur Johnny Listers Geistesgegenwart retten kann. Weil zumindest einer der Verschwörer im Hintergrund ist bereit ist, über Leichen zu gehen…
Irgendwie merkt der geübte Leser am Anfang schon ein wenig, wohin die Reise geht, wenngleich die genauen Zusammenhänge nicht ganz klar sind, die Lösung der Affäre ist eigentlich simpler und harmloser als gedacht. Aber durchaus ein (einmaliger) Lesespaß.

Dr. Oberzohn Offline



Beiträge: 330

15.05.2020 20:07
#22 RE: Denkmaschinen, Snobs und Eierköpfe - die literarischen Detektive des klassischen Golden Age Zitat · Antworten

Ellery Queen (1905 – 1971/1982)


Die beiden ursprünglich in der Werbebranche arbeitenden Vettern Frederick Dannay und Manfred Bennington Lee (eigentlich Daniel Nathan und Manford Lepofsky) gewannen Ende der zwanziger Jahre unter dem Pseudonym «Ellery Queen» einen Detektiv-Schreibwettbewerb. Ihr in der Nähe von New York lebender gleichnamiger Serienheld löste auch in der Folge viele literarische Kriminalfälle, wobei ihm sein bei der Kriminalpolizei beschäftigter Vater Richard Queen Unterstützung leistet (oder andersherum, wie man es nimmt.) Dabei arbeitet Ellery hauptberuflich auch als Kriminalschriftsteller.

Wenige Romane der beiden Schreibenden hatten unter anderem Pseudonym auch den Detektiv Drury Lane als Protagonisten. Zudem gaben sie auch das bekannte Ellery Queen‘s Mystery Magazine heraus. Für dessen Kurzgeschichten schrieben und schreiben viele bekannte Schriftsteller in diesem Metier.
Später wurden auch von anderen Autoren Romane unter dem Namen „Ellery Queen“ veröffentlicht.

Ellerys Fälle waren von Beginn an als Whodunits konzipiert, später machte die Figur, immer mit der Zeit gehend, eine gewisse Entwicklung durch. Zusätzlich zu eingeflochtenen Liebesgeschichten wurde die Hauptfigur auch psychologisch etwas differenzierter, die Fälle mitunter etwas realistischer. Was einem nun mehr zusagt, muss jeder für sich entscheiden.


Leseempfehlungen:

Der Sarg des Griechen / Besuch in der Nacht (Original: The Greek Coffin Mystery – Erstveröffentlichung: 1932)

Nach dem Tode des Kunsthändlers Khalkis findet man in seinem Sarg einen zweiten Toten – ermordet. Ellerys raffinierte erste Lösung erweist sich als falsch, aber nach zwei weiteren detektivischen Versuchen und noch einem Mord gelingt es dem jungen Detektiv, dem Täter doch noch eine Falle zu stellen. Hervorragender klassischer Whodunit.


Die siamesischen Zwillinge (Original: The Siamese Twin Mystery – Erstveröffentlichung: 1933)

Ellery und seinen Vater verschlägt es auf das auf einem hohen Berg gelegene Anwesen der Familie Xavier. Während draußen ein Waldbrand tobt, geschehen in der illustren anwesenden Gesellschaft unheimliche Vorkommnisse und schließlich ein Mord. Eine Spielkarte in der Hand des Toten gibt einen Fingerzeig. Doch das Feuer rückt unerbittlich näher… Guter spannender Krimi.


Die Katze tötet lautlos / Die indische Seidenschnur (Original: Cat of Many Tails – Erstveröffentlichung: 1949)

Im Nachkriegs-New York treibt zusätzlich zur neuen nuklearen Bedrohung ein Serienmörder sein Unwesen, der seine Opfer mit einer Seidenschnur erdrosselt. Für die scheinbar wahllosen Verbrechen muss es einen Schlüssel geben, davon ist Ellery überzeugt. Nach zäher Ermittlungsarbeit kommt man dem Täter auf die Spur, doch trotzdem ist alles noch vertrackter. Krimi mit deutlicher Noir-Stimmung.






Buchbesprechung: Das ägyptische Kreuz


Originaltitel: The Egyptian Cross Mystery
Erscheinungsjahr: 1932



Hauptpersonen:

Ellery Queen - Schriftsteller und Hobbykriminalist
Inspektor Vaughn - Chef der Kriminalpolizei
Mr. Isham - Bezirksstaatsanwalt
Andrew Van - Schulmeister
Mr. Kling - sein Hausangestellter
Old Pete - wunderlicher Einsiedler
Professor Yardley - Universitätsgelehrter
Mr. Stryker "Haracht" - selbsternannter Guru
Paul Romaine - athletischer Jünger und Herzensbrecher
Thomas Brad - Geschäftsmann im Teppichhandel
Margaret Brad - seine Ehefrau
Helene Brad - seine Stieftochter
Stephen Megara- reiselustiger Geschäftspartner von Brad
Jonah Lincoln - Angestellter der beiden
Hester Lincoln - seine nacktbadende Schwester
Dr. Victor Temple - ehemaliger Militärarzt
Velja Krosac - geheimnisvoller kroatischer Rächer
Richard Queen - Inspektor und Ellerys Vater
Percy Lynn - Engländer mit dunkler Vergangenheit
Elizabeth Lynn - seine Ehefrau
Mr. Ketcham - Inselbesitzer
Mr. Fox - Chauffeur und Gärtner
Mr. Crumit - Staatsanwalt
Mr. Luden - Constable und Ortspolizist


Handlung:

Zu Weihnachten wird in dem kleinen Provinzstädtchen Arroyo in West Virginia der Schulmeister Andrew Van grausam umgebracht. Seine enthauptete Leiche wird von einem seltsamen Einsiedler und einem Farmer an einem Wegweiser festgenagelt gefunden. Das bizarre Geschehen erweckt Ellery Queens Interesse, er überredet seinen Vater Richard, mit ihm dorthin zu fahren. Der uninteressierte Inspektor Queen verabschiedet sich bald von der Bildfläche und taucht erst gegen Ende des Buches wieder aus der Versenkung auf, Ellery schnüffelt vorerst mal alleine herum. Die Leichenschau mit einem Teil der ortsansässigen Bevölkerung wirkt fast wie eine Parodie auf das Hinterwäldlertum. Diese Zeilen sind trotz der tragischen Umstände richtig witzig geraten, doch es kommt nicht viel dabei heraus. Das Opfer war irgendwann mal in die Vereinigten Staaten eingewandert und lebte sehr zurückgezogen. Ist der seit dem Mord verschwundene Hausdiener Kling der Täter, oder wurde der als Zeuge des Verbrechens ebenfalls beseitigt und irgendwo verscharrt ? Weiter gibt es da noch den Manager eines pseudoaltägyptischen Gurus, der am Mordtag in der Nähe des schaurigen Tatorts gesehen wurde. Auch der ist mittlerweile nicht mehr auffindbar. Aber zumindest kann Ellery vor Gericht seine sensationelle Behauptung anbringen, dass der gekreuzigte kopflose Tote die Form eines sogenannten "ägyptischen Kreuzes" (Anch) habe. Ist das die Verbindung zu Haracht, dem wirren Heilsbringer ? Schließlich wird der Fall zu den Akten gelegt. Aber ein halbes Jahr später bekommt der junge Queen Post von seinem ehemaligen Professor, der am Long Island Sund lebt und dessen Nachbar auf gruselige Weise ermordet wurde. Er wurde in fast gleicher Art an einem Totempfahl auf seinem Grundstück befestigt aufgefunden wie das erste Opfer in West Virginia. Ellery begibt sich, ausgestattet mit einem Empfehlungsschreiben der New Yorker Kripo, sofort zu Professor Yardley und nimmt Fühlung zum neuen Fall auf. Die blutigen Überreste des Getöteten, eines gewissen Thomas Brad, behagen ihm gar nicht. Brad hatte eine Teppichfabrik und hinterließ eine Ehefrau, die immer noch reizvolle und unzufriedene Margaret, samt deren hübscher Tochter Helen. Nun treten auch allmählich eine Menge anderer Personen auf. Jonah Lincoln etwa, der ein Auge auf Helen Brad geworfen hat, und seine Schwester Hester. In die wiederum ist Victor Temple, ein ehemaliger Militärarzt, verliebt. Beide Herren haben es mit Helen nicht leicht, weil diese sich einem Nudistenkreis angeschlossen hat, der sich auf der nahegelegenen Insel Oyster-Island eingenistet hat, im Besitz des Ehepaares Ketcham. Der im wahrsten Wortsinne starke Mann der kleiderlosen Sonnenanbeter ist Paul Romaine. Die Damen verlieren wohl reihenweise ihr Herz an den gutgebauten Adonis. Sowohl Temple als auch Jonah Lincoln geraten in Auseinandersetzungen mit Romaine, denn die nackte Helen soll wieder zurück in die züchtige Zivilisation geschafft werden, außerdem vermutet man nicht zu Unrecht unlautere Absichten bei dem eingebildeten Schönling. Das Tollste aber ist: Der Häuptling der unbekleideten Gesellschaft ist wieder "Haracht", den Ellery schon von Arroyo her kannte. Das kann doch kein Zufall sein ! Doch es gibt noch weitere Verdächtige, das aus England stammende Ehepaar Percy und Elizabeth Lynn zum Beispiel, oder auch den gärtnernden Chauffeur der Brads, ein gewisser Fox, der der Polizei auch unter einem anderen Namen bekannt ist. Oberstaatsanwalt Isham und der wuchtige Inspektor Vaughn warten derweil auf einen Geistesblitz von Ellery Queen. Der schnöselige junge Mann kann aus dem Dame-Spiel, das das Opfer kurz vor seinem Tod gespielt hat, einiges Interessante herauslesen. Außerdem kann er die Verbindung zwischen den beiden so schaurig Ermordeten herstellen, ebenso zu dem nun von einer Segelreise zurückkehrenden Stephen Megara, dem nicht nur die andere Hälfte der Teppichfirma gehört, sondern der noch viel tiefer in die Angelegenheit verstrickt ist. Die Bedeutung der menschlichen "T"`s erfährt noch einmal eine völlig neue Bedeutung, außerdem kommt man auf die Spur eines gewissen Velja Krosac, der Grund hatte, die so abscheulich hingeschlachteten Männer zu hassen. Doch wie sieht dieser Krosac aus ? Unter welcher Maske verbirgt er sich ? Mr. Megara ist offenbar auch bedroht, doch er will von Polizeischutz nicht viel wissen und dem Mörder eine Falle stellen. Kein guter Einfall... Der grausame Killer schlägt nicht nur einmal wieder zu, das Geschehen verlagert sich wieder zurück nach Arroyo mit dem hochnäsigen Staatsanwalt Crumit und dem leutseligen Constable Luden, wobei sich die Handlung förmlich überstürzt. Gegen Ende wird der immer noch nicht demaskierte Täter quer durch die Vereinigten Staaten verfolgt, und als dann endlich alle vor seinem Hotelzimmer in Chikago stehen, weiß nur Ellery, wer die Tür gleich öffnen wird...
Der schriftstellernde Detektiv kann zum Abschluss eine befriedigende und logische Erklärung aller Geheimnisse geben, wobei sowohl sein alter Mentor Yardley als auch sein eigener Vater nur staunen können, ebenso wie die offiziell die Ermittlungen führenden Vertreter von Recht und Gesetz. Ellery in Höchstform !


Bewertung:

Zugegebenermaßen ist der junge Queen kein Mensch, dem die Sympathie nur so von alleine zufliegt, denn er ist ganz schön von sich eingenommen. Obwohl er die Lösung des Falles (allerdings erst nachdem alle unter Gefährdung stehenden Personen dann auch tot sind) gefunden hat, ist auch er nicht gegen Fehlschlüsse gefeit. Seine Deutung des ägyptischen Kreuzes zu Beginn möchte er am Ende am liebsten vergessen und erwartet das auch von den anderen, denen er sie freudestrahlend präsentiert hatte. Dagegen führt er schon auch zwischendurch mal hin und wieder meisterliche Kombinationen durch, etwa das schon erwähnte Damespiel oder später die Anwendung einer Flasche mit Jod, welche die Identität des Mörders enthüllt.
Diesmal setzt sich Ellery kaum mit seinem kritischen Vater auseinander, an dessen Stelle ist Professor Yardley getreten, mit dem er sich den einen oder anderen intellektuellen Schlagabtausch liefert. Die Personen der Geschichte sind bunt zusammengewürfelt - ein halbverrückter ägyptophiler Alter, ein großmäuliger Herzensbrecher, allerlei Personen mit dunkler Vorgeschichte, dazu (welch unerhörter Skandal !) sonnenhungrige Nudisten und unzählige kauzige Provinzler sowie ein finsterer Rächer mit gräulichen Mordabsichten. Die Kreuzigungen der kopflosen Leichen sind wirklich mit viel "Liebe" fürs blutige Detail beschrieben, wahrlich nichts für zarte Gemüter und gar nicht cozy. Die ungewohnte Brutalität wird hier auch immer wieder mit dem wirklichen Leben erklärt, einerseits Weltkrieg, Revolutionen und Pogrome, andererseits die maßlose Schrecklichkeit, die oft auch innerhalb von Familien herrscht und den Polizeialltag bestimmt. Auch die Gangster-Schießereien in Chicago werden erwähnt, schließlich ist es gerade die Hoch-Zeit von Al Capone & Co. Unter diesem Blickwinkel nehmen blutbesudelte verstümmelte Körper einen nicht mehr so außergewöhnlichen Platz ein, zudem doch der mutmaßliche Übeltäter Krosac vom "Pulverfass" Balkan stammt, wo es immer noch Blutrache, Familienfehden und allgemeinen Mord und Totschlag gibt. Das Vorleben der Opfer führt auch in diese sprichwörtlich wilde Gegend, ihre Vita ist nicht ganz so fleckenlos wie vorgegeben. Doch wer ist nun der irre Killer ? Hier ist nun offensichtlich doch ein Manko des Romanes, es gibt zwar einige Verdächtige, doch eigentlich keinen, der irgendwie mit dem osteuropäischen Schlächter identisch sein könnte. Aber, man ahnt es schon, letztlich ist doch alles in einer anderen Richtung motiviert als lange Zeit angenommen. Ich muss zugeben, dass die Identität des Täters am Ende für mich nicht so überraschend kam, eigentlich war es nun mal die einzig sinnvolle Person, wenngleich die genauen Ursachen für die scheußlichen vier Morde nur der schlaue Ellery geben kann.
Irgendwie findet das Buch erst in der zweiten Hälfte zu einer stringenten, mitreißenden Form. Der Beginn im abseits gelegenen Arroyo wirkt wie ein Gastspiel, dann folgt die Vorstellung der Personen auf Long Island samt ihrer Beziehungen, Sorgen und Eifersüchteleien untereinander. Ein rechter roter Faden ist noch nicht zu erkennen, erst als es plötzlich noch einmal einen Abstecher zur Stätte des ersten Verbrechens gibt und eine der dortigen skurrilen Persönlichkeiten ihre wahre Identität offenbart, kommt Bewegung in die Sache. Die Schauplätze wechseln wieder, als dann in einer einsamen Waldhütte nochmal eine schaurige Entdeckung gemacht wird, ist man dem Täter dicht auf den Fersen. Ellery, der schon die ganze Zeit mit seinem Auto Marke Duesenberg hin- und herjagt, setzt sich auf die Spur des Mörders, die beiden Ermittler Isham und Vaughn im Schlepptau, doch ihm voraus hat sich schon der alte Professor Yardley gesetzt. Nun folgt eine seltsame Verfolgung quer durch Amiland zu Wasser, zu Lande und in der Luft, bis man den sich in Sicherheit wähnenden Schurken eingeholt hat.
Alle Geheimnisse werden nun gelüftet, etwa das T-Mystery, auch so eine Sache, die man sich im Hinterkopf irgendwie schon denken konnte, wenngleich einen die beiden Schreiber elegant wieder auf einen anderen Pfad gelockt hatten. Obwohl Ellery für das Hauptmotiv des Täters keine restlose Erklärung anbieten kann, was merkwürdig wirkt und dann durch normale Routine-Polizeiarbeit aufgedeckt wird.

Das ägyptische Kreuz ist ein klassischer Kriminalroman, mit falschen Fährten, schrulligen Typen und für die damalige Zeit erstaunlich realistisch beschriebenen Untaten eines Serienmörders, dessen wahres Motiv erst im Finale gelüftet wird. Trotz geringer Schwächen ein zumindest nach der Mitte spannender und listenreicher Lesestoff zum Mitraten.


Leseexemplar:

DuMont-Verlag ; Veröffentlichung 1997; ca. 290 Seiten

Die Übersetzung von Monica Schurr ist gut gelungen, das Buch hat einen etwas gruseligen Einband und ein wissenswertes Nachwort.


Verfilmung:

Einen Film zum Buch gibt es nicht. Wäre dann ja fast ein Horrorfilm.

Georg Offline




Beiträge: 3.081

15.05.2020 20:43
#23 RE: Denkmaschinen, Snobs und Eierköpfe - die literarischen Detektive des klassischen Golden Age Zitat · Antworten

Zitat von Dr. Oberzohn im Beitrag #22
Ellery Queen (1905 – 1971/1982)



Die Katze tötet lautlos / Die indische Seidenschnur (Original: Cat of Many Tails – Erstveröffentlichung: 1949)

Im Nachkriegs-New York treibt zusätzlich zur neuen nuklearen Bedrohung ein Serienmörder sein Unwesen, der seine Opfer mit einer Seidenschnur erdrosselt. Für die scheinbar wahllosen Verbrechen muss es einen Schlüssel geben, davon ist Ellery überzeugt. Nach zäher Ermittlungsarbeit kommt man dem Täter auf die Spur, doch trotzdem ist alles noch vertrackter. Krimi mit deutlicher Noir-Stimmung.



... Und ja wieder von Dario Argento plagiert: DIE NEUNSCHWÄNZIGE KATZE ist ja offensichtlich von Ellery Queen inspiriert. Nachdem Argento schon DAS GEHEIMNIS DER SCHWARZEN HANDSCHUHE ungenannt von Frederic Browns THE SCREAMING MIMI abgekupfert hatte, griff er hier erneut bei einem Klassiker zu.

Dr. Oberzohn Offline



Beiträge: 330

16.05.2020 22:17
#24 RE: Denkmaschinen, Snobs und Eierköpfe - die literarischen Detektive des klassischen Golden Age Zitat · Antworten

Ein interessanter Hinweis !
Ich kenne den Giallo-Film zwar nicht, aber habe mir mal die Handlung im Web erlesen. Na gut, viel mit dem Buch hat sie nun wohl nicht gemeinsam. Dort wird der Mörder "Katze" genannt, erwürgt seine armen Opfer mit blauen oder rosa Seidenschnüren und wird von der Sensationspresse als Katze mit je nach Opferzahl wachsenden Schwänzen dargestellt. Die neunschwänzige Katze ist tatsächlich romangetreu, da der Mörder dort ebenso viele Opfer findet. Statt zu einer Forschungseinrichtung wie im Film führen die Spuren schließlich irgendwann in eine Klinik. Genau die verzweifelte Suche nach dem verbindenden Element, das die Opfer betrifft, macht den Reiz des Buches aus, etliche Theorien werden aufgestellt, verworfen und wieder umgedeutet, während der Täter weitermordet und die Stadt in eine Massenhysterie stürzt.
Im übrigen ist die Grundstimmung recht düster, keine heitere Krimiklassik mehr, der gerade zurückliegende Weltkrieg hat seine Spuren hinterlassen und die Angst vor einem Atomkrieg ist gegenwärtig, obwohl Stalin seine erste Bombe erst im folgenden Jahr (das Buch handelt in 1948) zünden sollte. Irgendwie ist die Paranoia der Amerikaner kaum verständlich, was besonders deutlich wird , als Ellery zum Schluss einen "Abstecher" nach Wien macht. Dort lebt man inmitten von Trümmern, Besatzung, Mangel und Schwarzmarkt, es ist tatsächlich ein täglicher Kampf ums Überleben, anders als in "Gottes eigenen Land", welches seine Kriege ja immer weit weg von der eigenen Haustür führt. (Ist auch gerade die Zeit von Welles` "Drittem Mann").
Neben der spannenden und verwickelten Handlung ist der Roman quasi auch ein Zeitdokument. Dem Killer wird eine Falle gestellt, in die er auch prompt tappt, aber dann muss Ellery feststellen, dass er noch nicht die ganze Wahrheit weiß... Wirklich ein sehr lesenswerter Kriminalroman, aber ziemlich dick.
Was ihn mit Frederic Browns "Screaming Mimi" verbindet, ist die überraschende Auflösung hinsichtlich des eher ungewöhnlichen Geschlechts des Serienmörders, wahrscheinlich hat das Argento besonders gefallen und er hat das Buch auch deshalb zur Vorlage genommen, obwohl der Film-Mörder da ja nun wieder das "Genderklischee" erfüllt (um diesen schrecklichen Ausdruck mal zu verwenden).

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