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Dieses Thema hat 6 Antworten
und wurde 307 mal aufgerufen
 Romane
Dr. Oberzohn Offline



Beiträge: 413

17.10.2019 13:19
Die vierte Plage (1913) Zitat · Antworten

Die vierte Plage


Originaltitel: The Fourth Plague
Erstveröffentlichung: 1913


Hauptpersonen:

Antonio Tillizini – berühmter Kriminologe
Simone Festini – italienischer Edelmann mit dunklem Hintergrund
Sir Ralph Morte-Mannery – strenger Richter
Vera Morte-Mannery – seine jüngere Ehefrau
Marjorie Meagh – Sir Ralphs Nichte
Frank Gillingford – deren Verlobter
Inspektor Crocks – Polizeibeamter
George Mansingham – in Not geratener Arbeiter
Hilary George – Anwalt
Il Bue – Krimineller


Handlung:

Ende des 19. Jahrhunderts ereignet sich im heißen italienischen Siena eine Schlüsselszene, als der alte Graf Festini mit seinen beiden unterschiedlich geratenen Söhnen ein letztes Mal an seiner Tafel sitzt und bald darauf von der Polizei verhaftet wird und Selbstmord begeht. Festini war das Oberhaupt der berüchtigten Geheimgesellschaft Die Rote Hand.
Vierzehn Jahre später in London: Auch hier schlägt die gefürchtete Vereinigung gnadenlos zu. Waren es zuerst nur italienische Einwanderer, die von den Verbrechern bei Todesdrohung erpresst wurden, so erstreckt sich jetzt deren Aktionsradius auf alle begüterten Einwohner. Mehrere Todesfälle waren schon zu beklagen, die Kriminellen machen Ernst.
Da kann nur der bekannte Kriminologe Professor Antonio Tillizini helfen, welcher dem Treiben der „Roten Hand“ vordem in Amerika ein Ende gesetzt hatte. Er wird hochoffiziell nach England eingeladen und erscheint im Hause von Sir Ralph Morte-Mannery, einem tyrannischen strengen Richter. In dessen Haus war vor kurzem eingebrochen worden, und der vermeintliche Dieb, ein gewisser George Mansingham, war von Sir Ralph zu einer hohen Zuchthausstrafe verurteilt worden, obwohl der Delinquent stets seine Unschuld beteuert hatte. Sogar Sir Ralphs Freund Hilary George hatte sich deswegen mit ihm zerstritten, weswegen die Laune des unbarmherzigen Richters noch schlechter als gewöhnlich ist. Dabei hätte der alte Knabe noch viel größeren Grund zum Verdruss: seine um dreißig Jahre jüngere Ehefrau Vera ist die heimliche Geliebte von Simone Festini, dem gegenwärtigen Anführer der „Roten Hand“, wie der Leser bald erfährt.
Festini wiederum hat eigentlich ein Auge auf Sir Ralphs schöne Nichte Marjorie Meagh geworfen, die mit im Haushalt der Morte-Manneries wohnt. Doch die ist schon mit dem jungen Bauingenieur Frank Gillingford verlobt, der gerade im Begriff ist, aus Italien zurückzukommen.
All diese persönlichen Beziehungen erfährt der Leser im Verlaufe der ersten Kapitel, doch es geht auchschon recht heftig zur Sache: Mordanschläge auf den unnachgiebigen Tillizini werden verübt, der die alle unbeschadet überlebt, und auch die Toten purzeln. Unliebsame Zeugen des verbrecherischen Treibens werden beseitigt, manchmal auch die Gangster selber, denn auch Tillizini ist rücksichtslos.
Der ihm zur Seite gestellte Inspektor Crocks von Scotland Yard hat nicht viel mehr als eine Statistenrolle.
Von den Vertretern der Gegenseite werden ein paar näher beschrieben, etwa Il Bue (der Stier), eine Art Unterführer. Im allgemeinen Hin und Her zwischen den Beteiligten kristallisiert sich heraus, das Sir Ralph -ein begeisterter Kunstsammler- ein Medaillon besitzt, welches für die Verbrecherorganisation von großem Wert ist und nun irgendwann auch unter tatkräftiger Mithilfe von Festinis unglücklicher Geliebter in die Hände der Übeltäter fällt. Was hat es mit diesem Kleinod auf sich, das vom großen Meister Leonardo DaVinci persönlich angefertigt wurde ? Das soll die Welt bald erfahren, ein wahrhaft teuflischer Plan soll umgesetzt werden, der letzte Erpressungsversuch der „Roten Hand“ setzt das Leben von Millionen auf das Spiel. Die Zeit wird eng für Professor Tillizini, zumal auch noch die reizende Marjorie Meagh verschwunden ist. Unter Auferbietung seiner ganzen List und auch Skrupellosigkeit gelingt es dem Kriminalisten, das Unheil von England anzuwenden und auch die junge Unschuld zu retten und ihrem Verlobten zurückzugeben. Doch kann sich der große Wohltäter nicht so ganz freuen, denn seine Verbindung zur „Roten Hand“ war viel persönlicher als gedacht…


Bewertung:

Die vierte Plage ist wohl einer der unbekanntesten in Deutschland erschienenen Wallace-Romane. Noch vor dem ersten Weltkrieg veröffentlicht, zählt er zum Frühwerk des Autors. Das Geschehen ist relativ sorgfältig entwickelt, und es gibt eine Menge Haupt- und Nebenfiguren. Dass alle der Beteiligten irgendwie miteinander verwandt oder bekannt sind, ist zwar wenig wahrscheinlich, aber eben typisch für Wallace.
In diesem Buch lässt er seinen offensichtlichen Vorurteilen gegenüber Südländern, besonders Italienern, recht freien Lauf. Er zelebriert geradezu den Gegensatz zwischen dem aufrichtigen, schlichten, ehrlichen George Gillingford und dem heimtückischen, rücksichtslosen und heißspornigem Simone Festini, die beide um die Gunst der schönen Marjorie Meagh buhlen. Dieser Festini hat sogar, welch Graus, sich eine verheiratete Dame der Upper Class zur willigen Gespielin gemacht, sie scheint ihm geradezu hörig zu sein, obwohl er auch sie letztlich verraten hat. Die arme Vera Morte-Mannery, verheiratet mit einem geizigen und doppelt so altem Ekelpaket von einem Mann, da kann aber offensichtlich sogar Wallace verstehen, dass sie auf einen gewieften Schmeichler wie Festini hereinfällt. Aber die Italiener in diesem Buch kommen fast alle schlecht weg, auch Professor Tillizini auf der anderen Seite des Gesetzes geht buchstäblich über Leichen und fordert nicht nur einmal die erbarmungslose Ausrottung des Gegners. Allerdings muss man einschränkend sagen, dass die „Rote Hand“ sich ja stark an der damals real existierenden „Schwarzen Hand“, sprich, der Mafia, orientierte, deren Brutalität schon vor über hundert Jahren genauso berüchtigt war wie heute. Letzten Endes zählten ja auch ehrliche italienische Geschäftsleute zu deren Opfern (wie auch im Buch beschrieben), und das schöne sonnige Italien wird auch immer als Sehnsuchtsort für die von häufigem schlechtem Wetter geplagten Briten beschrieben.
Weiterhin zeigt Wallace hier drastischer als in anderen Romanen, dass er durchaus ein Vertreter von striktem Law and Order war. Ständige Sticheleien gegen zu lasche Gesetze durchziehen das Buch. Die Verbrecher in ihrem Schlupfwinkel werden zum Schluss wegen der großen von ihnen ausgehenden Bedrohung für vogelfrei erklärt, Militär kommt zum Einsatz, die Staatsräson hat gesiegt, „Pardon wird nicht gegeben“.
Dabei ist der Einfall, die Vierte Plage aus dem Mittelalter als Bedrohungsszenario zu verwenden, für damalige Zeiten wohl noch sehr originell. Heutzutage gibt es ja Thriller über Terroristen und Superviren en masse. Ein Medaillon des großen DaVinci als Auslöser der ganzen Plage zu verwenden, ist sicher sehr spekulativ, aber auch ein origineller Einfall.
Und natürlich hat der Hauptschurke auch wieder mal sein wollüstiges Begehren auf eine unverdorbene schöne englische Lady gerichtet, eine zusätzliche Komplikation des Ganzen.
Möglicherweise ist es die ziemlich finstere und stellenweise brutale Handlung, die diesem Kriminalroman eine größere Verbreitung versagt hat.

Sehr auffällig ist die Ähnlichkeit mit dem fast ein Jahrzehnt später entstandenem Krimi Der Rote Kreis. Nicht nur der Titel, auch viele Elemente der Handlung gleichen sich, die rücksichtslose Erpresserorganisation mit ihren Drohbriefen und auch das Ende mit dem kriminellen Versuch, die englische Regierung zur Zahlung einer ungeheuren Geldsumme einschließlich Erlass einer Generalamnestie zu bewegen. Da hat der „Thrillerkönig“ bei sich selber abgeschrieben, ein letztes Mal wurde die Geschichte noch einmal zehn Jahre später schon sehr routiniert verwurstet, wo die Gangster in London mit ihren Erpressungen, Morden und Schießereien die britische Öffentlichkeit bedrohen.

Sicher werden manche Aussagen in diesem Roman nicht auf jedermanns Wohlwollen stoßen, doch es ist eine spannende und kurzweilige Geschichte, die ein Freund von Wallace‘ literarischem Schaffen gelesen haben sollte.


Buch:

Die wohl einzige Nachkriegsausgabe von Die vierte Plage ist zusammen mit dem ebenfalls kaum bekannten Werk Der Teufelsmensch im Weltbild-Verlag in der Übersetzung von Ravi Ravendro erschienen und hat hier 190 Seiten.


Film:

Eine Verfilmung gibt es hier nicht. Dabei hätte das Buch durchaus dafür Qualitäten gehabt. Statt ein paar Chinesen auf die Jagd nach einer ominösen gelben Schlange zu schicken, hätte man statt dessen das Medaillon mit dem unheilvollen Geheimnis verwenden können, die Bande hätte ja nun nicht mal unbedingt nur aus Italienern bestehen müssen. Aber eine mafiöse Verbrecherorganisation wie die „Rote Hand“ wäre vielleicht doch zu nahe an der Realität gewesen und für den Zeitgeist der Wallace-Reihe eher ungeeignet.

Gubanov ( gelöscht )
Beiträge:

17.10.2019 19:30
#2 RE: Die vierte Plage (1913) Zitat · Antworten

Interessante Parallelen, die du zwischen "Die vierte Plage" und "Der rote Kreis" ziehst. Die sind mir damals beim Lesen der beiden Bücher gar nicht aufgefallen, aber du hast auf jeden Fall Recht. Die Gemeinsamkeiten sind wirklich offensichtlich - ein klarer Wiederverwertungstrick des geschätzten Herrn Wallatze. Bezeichnend ist, dass sozusagen die Kopie ("Kreis") durch diverse Verfilmungen populär geworden ist und nicht das Original, das vielleicht aufwendiger zu verfilmen gewesen wäre. "Plage" habe ich als sehr gutes Krimi-Action-Crossover in Erinnerung, das mich auch von Anfang bis Ende gefesselt hat. Wenn ich deine Inhaltsangabe lese, wird mir auch wieder gewahr, warum mir das Buch so gefallen hat: Es ist mit für Wallace-Krimis ungewöhnlichen exotischen Einsprengseln gewürzt und erzählt dennoch einen typischen Plot mit vielen Wendungen und einem faszinierenden Macguffin.

Danke nochmals für deinen Einsatz bei den Wallace-Romanbesprechungen, @Dr. Oberzohn! Es ist super, dass hier nun auch die Titel aus der zweiten Reihe thematisiert werden, die nicht durch Rialto & Co. berühmt wurden.

Dr. Oberzohn Offline



Beiträge: 413

18.10.2019 19:35
#3 RE: Die vierte Plage (1913) Zitat · Antworten

Vielen Dank für die Blumen.
Gibt ja noch eine Menge "Zweitligisten", die mal an das Licht der Öffentlichkeit geholt werden wollen.

Gubanov ( gelöscht )
Beiträge:

18.10.2019 22:10
#4 RE: Die vierte Plage (1913) Zitat · Antworten

Weiß eigentlich jemand, wieso Romane wie "Die vierte Plage" oder "Der Unhold" nach dem Krieg nicht mehr bei Goldmann aufgelegt wurden? Stilistisch gepasst hätten sie in die rote Reihe ohne Weiteres. Wir können bei der "Plage" sehr dankbar sein, dass Weltbild das Buch wiederaufgegriffen hat.

Edgar007 Offline




Beiträge: 2.401

19.10.2019 08:34
#5 RE: Die vierte Plage (1913) Zitat · Antworten

Nach meinem Wissensstand wurde der Goldmann-Verlag in Leipzig durch Bomden im 2. Weltkrieg erheblich beschädigt, so dass viele Manuskripte und Vorlagen verbrannten oder beschädigt wurden und somit nicht mehr zur Verfügung standen. Viele Nachkriegsausgaben bzw. die meisten basieren ja auf den Vorkriegs-Übersetzungen, ein paar wurden komplett neu übersetzt - und einige eben gar nicht mehr. Für die Weltbild-Sammler-Edition wurden alte (Vorkriegs-)Bücher einfach abgeschrieben, m.W. in Fernost. Was ja auch die zahlreichen Schreib- und Rechtschreibfehler, vor allem in den ersten Büchern, mehr oder weniger belegen.

Dr. Oberzohn Offline



Beiträge: 413

21.10.2019 15:08
#6 RE: Die vierte Plage (1913) Zitat · Antworten

Da ist sie wieder - die Suche nach den verschollenen Romanen und das Unverständnis über das Zustandekommen dieses beklagenswerten Zustandes !

Uralte zerfledderte Ausgaben für z.B. Der Unhold/Der Neger Juma sind ja im Web leider nur für astronomische Summen zu ersteigern, das Buch der Allmacht scheint ja so brisant zu sein, dass es überhaupt nirgends mehr auftaucht...

Vor kurzem habe ich irgendwo mal eine Seite gefunden über einen Typen, der aus purer Begeisterung ein paar Wallace-Bücher neu übersetzt hat bzw. übersetzt. Leider finde ich den Artikel nicht mehr, den Herren hätte man vielleicht mal auf die verlustig gegangenen Titel ansetzen können.

So bleibt wirklich nur noch der Dank an Weltbild, wenigstens einige Titel "wiederbelebt" zu haben, und auch noch ungekürzt.

Edgar007 Offline




Beiträge: 2.401

22.10.2019 07:33
#7 RE: Die vierte Plage (1913) Zitat · Antworten

Die von Dir angesprochenen Romane sind wirklich nur sehr selten. Zum Glück habe ich alle drei bzw. zwei, da DER UNHOLD und DER NEGER JUMA ja identisch sind. Auch DER MAN AUS DEM CARLTON ist sehr schwer zu bekommen.

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