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 Romane
Dr. Oberzohn Offline



Beiträge: 312

28.09.2019 08:32
Die gelbe Schlange (1926) Zitat · Antworten

Die gelbe Schlange


Originaltitel: The Yellow Snake

Erscheinungsjahr: 1926



Hauptpersonen:

Clifford Lynne – reicher englischer Unternehmer in China
Joe Bray – sein älterer Geschäftspartner
Fing Su – chinesisches Mündel von Bray, träumt vom chinesischen Kaiserthron
Joan Bray – junge Dame, ganz entfernt verwandt mit Bray, wohnhaft im Hause Narth
Stephen Narth - entfernter Vetter von Bray, unehrlicher Geschäftemacher
Mabel Narth – ältere Tochter von Narth
Letty Narth – jüngere Tochter von Narth
Major Spedwell – militärischer Berater von Fing-Su
Ferdinand Leggat – geschäftlicher Berater von Fing Su
Superintendent Willing – Beamter von Scotland Yard


Handlung:

Der sehr vermögende Joe Bray, ein Mann um die Sechzig, Besitzer einiger Unternehmen, unter anderem der chinesischen Yün-Nan-Gesellschaft, sitzt sinnend in seinem Haus an der chinesischen Küste. Er teilt seine Sympathien zwischen seinem einheimischen Ziehkind Fing-Su und seinem Geschäftspartner Clifford Lynne. Unglücklicherweise hegen die beiden Herren alles andere als freundschaftliche Gefühle zueinander. So gibt Fing-Su seinen Gefolgsleuten auch gleich einen Befehl zur Ermordung seines Kontrahenten, doch dieser kann dem entgehen.
Szenenwechsel nach London. Dort hat Mr. Stephen Narth, unehrenwerter Nachkomme von ehrenwerten Unternehmern, wieder mal obligate Geldprobleme, in die er sich durch seine zweifelhaften Geschäfte gebracht hat. Zu seinem nach außen hin protzigen Haushalt zählen, neben den üblichen Bediensteten, seine beiden Töchter Mabel und Letty sowie eine Nichte mit Namen Joan Bray, das „Aschenputtel“ der Familie. Sie alle sind die einzigen, weit entfernten Verwandten des alten Joe Bray. Der möchte seinen Geschäftspartner und Freund Clifford Lynne gerne in seine „Familie“ einheiraten und so die „Linie fortsetzen“, wie er sich ausdrückt. Nach dem plötzlichen seltsamen Tod von Joe Bray kommt Lynne nach England, um die Ehe mit einer der Damen des Narth’schen Kreises anzutreten. Dafür soll Mr. Narth einen Löwenanteil des Erbes von Bray bekommen, so steht es im Testament. Das Opfer der geplanten Hochzeit soll Joan werden, da es Narth‘ Töchter ablehnen, einen Unbekannten zu heiraten. Scheinbar haben sie Recht damit, denn der auch nicht sonderlich begeisterte Freier hat sich wie eine Vogelscheuche zurechtgemacht. Natürlich sieht er ohne Zottelbart und Lumpen viel besser aus und ist auch sonst sehr nett, wie Joan bald angenehm überrascht feststellen muss. Doch Stephen Narth interessiert das nicht zu sehr, er benötigt schnell Geld, im Ganzen 50.000 Pfund. Seine fragwürdigen Geschäftspartner, Ferdinand Leggat und Major Spedwell, offerieren ihm ein Darlehen, welches der geheimnisvolle Chinese Fing-Su zu geben bereit ist. Eigentlich widerstrebt es dem Geschäftemacher, einen Vertrag mit einem Asiaten abzuschließen, doch darüber muss er sich hinwegsetzen und ist nunmehr von Fing–Su erpressbar.
Nun entspinnt sich ein Duell zwischen Clifford Lynne und Fing Su. Lynne lässt ein baufälliges Haus in der Nähe seiner unfreiwillig Auserwählten als Festung herrichten, und ab und zu versucht ein Scherge in Fing-Sus Diensten, Lynne das Lebenslicht auszublasen. Eigentlich geht es darum, dass Fing-Su noch eine einzige Gründeraktie der Yün-Nan-Gesellschaft benötigt, mit welcher er dann die Mehrheit hätte und über die der Gesellschaft anvertrauten Millionenbeträge verfügen könnte. Die braucht er für seinen Traum, Kaiser von China zu werden. Unseligerweise hat diese eine Aktie aber Clifford Lynne, der sie partout nicht herausrücken will. Aber Lynne hat sich erpressbar gemacht, denn seine quasi auferzwungene Heirat mit Joan Bray erscheint ihm mittlerweile in einem viel positiveren Licht, und der Dame geht es genauso. Die Liebe hat wieder einmal zugeschlagen. Deshalb folgen nun jede Menge Entführungsversuche auf Joan. Lynne schleicht sich in eine von Fing-Sus Fabriken und Mittelpunkt von dessen Geheimgesellschaft „Die freudigen Hände“ ein, kann gerade so entkommen, muss zwischendurch sein Haus verteidigen und bekommt einen Besuch von jemanden, der eigentlich tot sein sollte…
So geht das wechselhafte Spiel der Handlung dahin, bis plötzlich ein knalliges Finale auf dem Wasser stattfindet, mit heftigem Beschuss und Explosionen, alles was Wallace so schätzte.
Natürlich geht die Sache wieder gut aus, und nicht nur Clifford Lynne und Joan Bray lassen die Hochzeitsglocken läuten, sondern auch sein wiederauferstandener Geschäftspartner findet noch ein spätes Glück.



Bewertung:

Die gelbe Schlange ist auch wieder einer von den Romanen, wo Wallace eine Menge Verwicklungen um einen eher dünnen Handlungsfaden herumkonstruiert hat. Den Mittelteil des Buches nimmt eigentlich die ausführlich geschilderte Romanze zwischen den beiden „Zwangsverheirateten“ ein. Ein bisschen Romantik schadet ja nun nichts, doch hier ist es manchmal ein wenig zu viel des Guten. Über Narth und seine beiden egoistischen Töchter Mabel und Letty weiß der Autor auch eine Menge zu berichten. Wichtigere Nebenpersonen, wie Ferdinand Leggat, der trunksüchtige verräterische Gehilfe Fing-Sus, sowie dessen strategischer Berater, Major Spedwell, werden am Anfang mal kurz eingeführt und dann lange Zeit vergessen, bis sie am Ende wieder einen bedeutenderen Part bekommen. Der ewige Zweikampf zwischen dem Möchtegern –Kaiser Fing-Su und seinem Konkurrenten Clifford Lynne um die wichtige Aktie und auch später um die britische Maid Joan Bray sowie auch die ganze Verheiratungs- und Erbengeschichte ist von Wallace wieder mal sehr zurechtgebogen.

Fing-Su – die „gelbe Schlange“. So wird er im Roman häufig bezeichnet, und wer ein Problem mit derartigen unzeitgemäßen Begriffen hat, sollte um das Buch lieber einen großen Bogen machen. Die Chinesen sind stets die „Gelben“, auch andere ethnische Bezeichnungen sind nicht gerade zimperlich. Wallace hat die Chinesen in vielen seiner Bücher sehr positiv dargestellt, die immer etwas geheimnisvollen, doch treuen Beschützer der weißen Helden, durchaus kulturvoll und charakterfest. Hier nun tritt dem Leser aber ein Bösewicht aus dem Reich der Mitte entgegen, der allerdings auch eine erlesene Ausbildung auf den besten englischen Universitäten zu verzeichnen, aber eben einen gewissen Größenwahn hat. Edgar Wallace deswegen nun Rassismus vorzuwerfen, ist übertrieben, es gibt ja auch genug britische Kriminelle in seinen Büchern. Fing-Su macht sich sogar über das Klischee der „gelben Gefahr“ lustig, obwohl er kurz darauf von der Weltherrschaft spricht. Irgendwann erfährt man ein wenig von seinen Plänen: Er will durch Bestechung und militärische Gewalt der Herrscher von China werden. Dann seine wirtschaftlichen Aktivitäten und Handelsbeziehungen vergrößern und ein riesiges Söldnerheer aufstellen, das er dem meistbietenden Staat in Europa offerieren will. Klingt natürlich leicht übergeschnappt, doch auch heute ist das (zentralistische) China wieder ein wirtschaftlicher und auch militärischer Angstgegner des Westens. Davon konnte allerdings 1926 wohl kaum die Rede sein, das Land war in verschiedene Provinzen mit „Warlords“ an der Spitze zersplittert, die sich gegenseitig bekämpften oder auch mal zwischendurch vertrugen. Ein Jahr später brach dann der jahrzehntelang dauernde Bürgerkrieg zwischen Nationalisten und Kommunisten aus. Die Europäer und Amerikaner hatten den Küstenbereich von China mit Beschlag belegt und versuchten, das Land auszubeuten. Wie realistisch Fing-Sus Ambitionen wohl gewesen wären? Viel Zeit hat sich Wallace für die Pläne von seinem Mini-Fu-Manchu nicht genommen, das meiste nur skizziert. So eine richtige Bedrohung will von ihm nicht ausgehen. Obwohl die arglose Joan Bray aus welch Gründen auch immer nahezu schutzlos durch die Gegend stolziert (alle wissen, dass sie als Faustpfand für Fing-Su dienen soll), gelingt es der „gelben Schlange“ erst nach mehreren Anläufen, sie zu entführen. So einer will Weltherrscher werden ? Er hätte wohl große Mühe gehabt, sich auch nur ein paar Tage auf seinem Thron halten zu können. Eigentlich ist er nur ein großer Waffenschieber und Möchtegern-Logenmeister.
Am ehesten lässt sich Wallace‘ typisch britischer Snobismus an der Figur des Major Spedwell festmachen. Obgleich in Unehren aus der Armee entlassen und eigentlich zu jeder Schandtat bereit, solange sie ihm nur etwas einbringt, kann er selbstverständlich nicht zulassen, dass ein weißes Mädchen in die Hände eines „Wilden“ fällt. Natürlich hat er auch handfestere Gründe, Fing-Su zu misstrauen, der mit nicht mehr benötigten Helfern nicht viel Federlesens macht. Das konnte man an Ferdinand Leggat, dem anderen Vertrauten Fing-Sus, sehen. Sein Ende war schauerlich. Auch dem von Fing-Su erpressten Stephen Narth soll es nicht besser gehen, er ist mit Leggat auf unheilvolle Weise verbunden.
So ist der gerade noch rechtzeitig reumütig gewordene Spedwell der eigentliche Retter von Lynne, Joan, Joe Bray und dem zuletzt noch hinzugezogenen Scotland-Yard-Beamten Willing, als sich auf dem Ärmelkanal auf einem Dampfschiff ein dramatisches Ende zusammenbraut.

Alles in allem ist Die gelbe Schlange wohl mehr ein mittelmäßiges Buch des Autors. Die üblichen Hin-und Her-Aktionen der Handelnden können das schwache Handlungsgerüst, die auffälligen Logiklücken und die etwas ausufernden Liebesgeschichten nicht verdecken. Mal abgesehen davon, dass es auch kein bisschen Whodunit-Raten gibt. Ein paar spannende Episoden, wie etwa das Einschleichen von Clifford Lynne in Fing-Sus Logen-Hauptquartier oder der finalen Schießerei auf dem Meer, entschädigen den Leser etwas. Auch gibt es einige humorvolle Szenen, wie der running gag von Joe Brays Alter, welches der stets zehn Jahre zu gering ansetzt.


Buch:

Einmal gab es hier die Goldmann-Taschenkrimi-Ausgabe, und dann die Heyne-Neuübersetzung. Mitunter sind schon recht drastische Sinnunterschiede im Text zu erkennen, außerdem ist Goldmann wieder eine stärkere Kürzung „gelungen“.


Verfilmung:


Die Verfilmung aus dem Hause Arthur Brauner teilt ja irgendwie die Gemüter. Allein schon die Filmmusik von Oskar Sala reicht in ihrer Einschätzung von ganz toll bis ganz schlecht. Die Schauspieler an sich sind für den Wallace-Freund sicher Grund zur Freude, was daraus gemacht wurde, schon weniger. Joachim Fuchsberger als Clifford Lynne ist sicher eine gute Sache, doch vielleicht hätte Heinz Drache hier besser gepasst. Werner Peters als Stepeh Narth ist tatsächlich eine Top-Besetzung. Pinkas Brown als Chinese - hm, Schwamm drüber. Weiterhin etwa Brigitte Grothum in ihrer Rolle der "Cinderella" Joan Bray und Charles Regnier als Major Spedwell, das ist alles okay, ebenso auch Eddi Arendt als neu erfundener Freund von Lynne Samuel Carter. Aber im Gegensatz zu den "richtigen" Wallace-Krimis schleicht die Handlung eben so auf Zehenspitzen dahin. Dabei ist die Verfilmung recht werkgetreu. Lynne und Sing-Fu sind nun im Buch keine Halbbrüder, aber im Prinzip ja so etwas ähnliches, und die ichbezogene plumpe Mabel Narth endet nicht mit einem Dolch im Rücken, sondern darf sogar einen Millionär ehelichen. Der größte Unterschied ist wohl die eingeführte heilige Reliquie der "gelben Schlange", die nun ständig gestohlen und wiederbeschafft wird. Warum man das gemacht hat, bleibt offen, soll die Figur sinnbildlich für die umkämpfte Gründeraktie stehen (ein etwas komplexerer Sachverhalt) oder war den Machern die eigentliche Bedeutung der "Gelben Schlange" zu diskriminierend ? Jedenfalls ist die Einbildung, mit diesem Objekt die Weltherrschaft erringen zu können, einfach an Naivität kaum zu überbieten.

Da bleibt auch hier Fing-Su eine eher lächerliche Figur, jeder Maskenfrosch oder Galgenhandträger wirkt wohl angsteinflößender.

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