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Dieses Thema hat 2 Antworten
und wurde 143 mal aufgerufen
 Francis Durbridge
Dr. Oberzohn Offline



Beiträge: 207

07.06.2019 22:56
Paul Temple und die Schlagzeilenmänner (Roman - 1939) Zitat · Antworten

Auf Anregung des Forumskollegen Georg vor einiger Zeit habe ich mir neulich auf dem Flohmarkt das obige Buch besorgt, einer der ersten Krimis von Francis Durbridge, die ja seinem Vorbild Edgar Wallace nachempfunden sein sollen.
Eigentliche Handlung ist die Jagd auf die sogenannten "Schlagzeilenmänner", einer Verbrecherbande, die weder vor Entführung, Raub, Diebstahl oder gar Mord zurückschreckt und einem Kriminalroman einer unbekannt bleibenden Autorin nachempfunden ist.
Es gibt neben Paul Temple und seiner Frau Steve jede Menge Kriminalbeamte, tatsächlich so viele, dass man schonmal den Überblick verlieren kann. Sir Graham Forbes, der Kripo-Chef, und die Schar seiner Scotland-Yard-Beamten sind meist häufig ratlos ob der ruchlosen Taten, die die Schlagzeilenmänner verüben. Tatsächlich begehen diese eine Menge Entführungen, Raubüberfälle und Morde direkt unter den Augen der Polizei. Dabei verfolgen sie eigentlich fast immer das gleiche Muster - sie verkleiden sich und geben sich Scheinidentitäten (Polizisten, Schaffner, Arbeiter usw.), um die Kriminalisten abzulenken, und das Erstaunlichste ist, dass diese auch beim zigsten-mal darauf hereinfallen. Ich frage mich bei Paul Temple immer, warum er denn nun so einen tollen Ruf als Hobbydetektiv hat, da seine zwei, drei Beiträge und Einfälle nun auch weit jenseits der Ergebnisse der "kleinen grauen Zellen" beispielsweise eines Hercule Poirot sind, aber bei solchen amtlichen Kriminalisten muss er wohl tatsächlich als leuchtender Stern am finsteren Himmel erscheinen.

Tatsächlich ist dieser Roman noch ein wenig wallace-like. Besonders eine Schiesserei auf der Themse, bei der die Verbrecher die Polizisten in ihrem Boot mit einem Maschinengewehr attackieren, lässt starke Erinnerungen an die Gummibrüder aus dem Gasthaus an der Themse oder an die Gangster in London wachwerden. Der Trick mit dem falschen Taxi, das von den Gangstern geführt wird, ist auch übernommen. Ansonsten gibt es Ganoven und Polizisten mit Namen Mills und Donovan, auch bei Wallace gern benutzte Namen, die Verbrecher sind sicher beabsichtigt klischeehaft wie beim "King of Thrillers", und im Hintergrund gibt es einen für alle unbekannten Big Boss, welcher natürlich eine Hauptperson des Buches ist und von allen am unverdächtigsten erscheint.
Das Buch ist recht actionreich, und die Leichen purzeln nur so. Manchmal werden auch die Zusammenkünfte der Verbrecher geschildert, die sich in einem Slang unterhalten, der wirklich jedes Klischee bedient. Daneben gibt es noch ein paar sehr verdächtige Gestalten, etwa einen seltsamen Geistlichen oder einen Klavierstimmer, die stets in der Nähe der Tatorte der Verbrechen der "Schlagzeilenmänner" auftauchen, aber sind sie auch tatsächlich auf Seiten der "Bösen"? Das Spiel mit unklaren Identitäten war ja auch eine Spezialität von Edgar W.

Beim Lesen des Buches merkt man deutlich, dass der Plot ursprünglich (kurz vor dem zweiten Weltkrieg) als Hörspiel für das Radio konzipiert war und erst danach geschrieben wurde. Häufig enden die Kapitel mit einem Mord oder einem anderen spektakulären Verbrechen, das sind wohl die Cliffhanger-Stellen, wo dann die Hörspiel-Folge endete. Leider sind im Roman die Übergänge zwischen diesen Handlungsfolgen sehr holprig und ziemlich schlecht gekittet, so dass wichtige Informationen nur mal so am Rande und rückwirkend erwähnt werden. Auch die Sprache selber ist recht schlicht gehalten, die Beschreibungen von Orten, Personen und Gegenständen sind meist spärlich. Keine anspruchsvolle Prosa. Dagegen ist Wallace' vielgeschmähte Erzählkunst, zumindest in den guten Übersetzungen, schon ein ganz anderes Kaliber. Wieweit die Goldmann-Übersetzung des Durbridge-Romans samt eventuellen Kürzungen ihr Übriges tut, um den Lesegenuss zu trüben, kann ich nicht sagen.
Und die Logik ? Da würde ich auch nicht zu genau hinterfragen, den Ruf, dass Francis Durbridge mehr sinnvolle Aufklärung in seinen Geschichten gibt, kann man zumindest bei den Schlagzeilenmännern nicht unbedingt bestätigen. Gerade der häufig erwähnte Sachverhalt, warum die Schlagzeilenmänner nun das Buch der anonymen Autorin kopieren, ist irgendwie extrem an den Haaren herbeigezogen. Der Haupttäter versucht mehrmals, den Verdacht von sich abzulenken, allerdings fragt man sich warum, denn normalerweise würde ihn wohl niemand mit der ganzen Sache in Verbindung bringen. Über die unglaubliche Begriffsstutzigkeit der Polizisten hab ich mich schon weiter oben ausgelassen, doch sind sie auch sonst leichtfertig, ein Transport eines gefährdeten Juwels wird von nur zwei (!) Beamten bewacht (natürlich geht die Sache erst mal schief.)
Francis Durbridge hat auch schon hier in seinem Frühwerk einige Elemente in das Geschehen eingebaut, die später auch stereotyp immer wieder verwendet wurden, etwa das stetige Beseitigen von Zeugen oder aussagewilligen Bandenmitgliedern kurz vor ihrem "Singen". Auch der Ehemann, der seine Frau umbringt, weil sie ihm auf die Schliche kommt, darf nicht fehlen. Paul Temple, der hier noch gar nicht so sehr seinen großen Auftritt hat und fast gleichberechtigt neben den Inspektoren von Scotland Yard agiert, will natürlich immer seinen nächsten Krimi schreiben und bleibt doch im Rückstand...

Wie hat mir das Buch nun gefallen ? Gemessen an den anderen bisher gelesenen Paul-Temple-Romanen war es mit Abstand das beste, doch so recht konnte mich die literarische Qualität nicht überzeugen (wie bei den meisten Durbridge-Krimis). Tatsächlich sind die Hörspiele ein weitaus größerer Genuss, und bei den Schlagzeilenmännern ist es sicherlich ähnlich. Eigentlich schade, ein bisschen mehr Sorgfalt und Ausführlichkeit hätte einen richtig guten Lese-Krimi daraus machen können, den spannend und abwechslungsreich ist das Buch tatsächlich und durchaus auch mit Bezügen zu Wallace und auf jeden Fall lesenswert für einen Liebhaber von Kriminalromanen etwas "angestaubterer " Atmosphäre, ohne Handys, Profilerpsychologen und furchtbar zugerichtenen Leichen, dafür mit klassischer Whodunit-Konstellation.

Werde mal schauen, ob ich noch ein paar der frühen Durbridge-Romane auftreiben kann.

Markus Offline



Beiträge: 650

15.06.2019 17:50
#2 RE: Paul Temple und die Schlagzeilenmänner (Roman - 1939) Zitat · Antworten

Danke für die Eindrücke von diesem seltenen Durbridge-Roman.

Zum Stil: Ist es nicht ohnehin so, dass diese Romane von Ghostwritern aus den Radioskripts erstellt wurden? Glaube mich zu erinnern, dass dies Thema im Interview mit Durbridges Sohn war.

Gruß
Markus

Georg Offline




Beiträge: 3.044

17.06.2019 20:04
#3 RE: Paul Temple und die Schlagzeilenmänner (Roman - 1939) Zitat · Antworten

Ein sehr guter Stoff!

Ja, in diesem Fall war Charles Hatton der Mann, der Durbridge bei der Umwandlung in einen Roman unter die Arme griff.
Das Buch ist auf Deutsch übrigens auch unter dem Titel Paul Temple und der Klavierstimmer erschienen.

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