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Dieses Thema hat 18 Antworten
und wurde 1.117 mal aufgerufen
 Edgar-Wallace-Forum
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Jan Offline




Beiträge: 1.453

04.05.2020 17:40
#16 RE: RÄTSEL GELÖST!: Die Villa aus "Der Mönch mit der Peitsche" Zitat · Antworten

Das ist in der Tat ein toller Fund! Ich bin dort im vergangenen Jahr sogar einmal herum gefahren. Selbst mit ausreichend Fantasie fällt es heute natürlich schwer, die seinerzeitige Bebauung nachzuvollziehen. Insofern lohnt der Weg dorthin aus heutiger Sicht eigentlich kaum noch.

"Ab 1958 nutzte es dann das Bezirksamt Neukölln zur Kindererholung." Diese Kindererholung scheint aber im Jahr 1967 auch schon einige Tage vorüber gewesen zu sein. Zumindest ich sehe da im Film eher eine unbewohnte Totalruine, mit grasüberwachsenen Gehwegen und äußerst baufälligem Gemäuer. Ich könnte mir vorstellen, dass die Notreparatur des Daches der Villa schon frühzeitig komplett den Garaus gemacht haben könnte. Dieses Schicksal ereilte zahlreiche Dahlemer und Grunewalder Villen ebenso. Die behelfsmäßige Flachdacheindeckung verursachte Wassereinbrüche, in Folge Schimmel und letztlich Leerstand gerade in den Jahren ab dem Mauerbau, der noch einmal eine signifikante Land- bzw. Stadtflucht zur Folge hatte und die Objekte schlicht überflüssig machte. Leider hat man gerade in den 1950er und 1960er Jahren "Opas Baustil" kaum eine Bedeutung beigemessen und so zahlreiche Jugendstil-Villen dem Erdboden gleich gemacht, die sicher bei einigem Einsatz eine Überlebenschance gehabt hätten. An ihre Stelle traten dann gerade in Grunewald häufig Bauhaus-Kästen, die nach Möglichkeit das genaue Gegenteil zum verspielten, verschnörkelten und verzierten Stil der Villen aus der Jahrhundertwende darstellen sollten.

Dass das Grundstück Inselstraße 30 tatsächlich erst Ende der 1990er Jahre neu bebaut wurde, hat mich dann aber doch etwas verwundert. 25 Jahre ohne Bebauung sind in der Gegend doch recht ungewöhnlich.

Gruß
Jan

Mr. Igle Offline




Beiträge: 112

04.05.2020 23:19
#17 RE: RÄTSEL GELÖST!: Die Villa aus "Der Mönch mit der Peitsche" Zitat · Antworten

Zitat von Jan im Beitrag #16
Diese Kindererholung scheint aber im Jahr 1967 auch schon einige Tage vorüber gewesen zu sein. Zumindest ich sehe da im Film eher eine unbewohnte Totalruine, mit grasüberwachsenen Gehwegen und äußerst baufälligem Gemäuer. Ich könnte mir vorstellen, dass die Notreparatur des Daches der Villa schon frühzeitig komplett den Garaus gemacht haben könnte.

Das ist auch mein Eindruck. Liest man die spärlichen Internetquellen mal quer so scheint die Villa zwischen 1932 und 1952 fast durchgängig leer gestanden zu haben. Das geht an die Substanz. Dann noch die Kriegsschäden und die Dachabnahme 1952 war schließlich der finale Genickbruch. Da hat man das Anwesen ja quasi zerstückelt und völlig fragmentiert. Ich habe immer an einer echten Villa wegen dem merkwürdigen Umriss und dieser Plattform gezweifelt. Ich hätte nie gedacht, dass das Gebäude mal so aussah und ein Wohntürmchen hatte. Richtig bedauerlich, was man daraus gemacht hat.

Eigentlich erstaunlich, dass dieser ruinöse Bau dann im Endeffekt sogar noch so "lange" stand. Immerhin 22 Jahre nach dem entstellenden "Cut" und 8 Jahre nach dem "MÖNCH", wo der Bau - wie du schreibst - schon sehr heruntergekommen war. Eigentlich hätte man das schon viel früher tun können, denn unter Denkmalschutz stand das Gebäude nie. Aber das ganze Grundstück war irgendwie immer im Dornröschen-Schlaf. In den 1920er Jahren gab es viele schnell wechselnde Eigentümer. Zwischen 1932 und 1935 war bereits Leerstand und Villa & Grundstück als Hypothek im Besitz einer Bank. 1935 wurde der ganze Besitz dann versteigert. Zwischen 1935 und 1952 scheint auch nicht viel passiert zu sein. 1952 bis circa 1960 gab es nochmal zaghafte Rettungs- und Nutzungsversuche. 1960 bis 1975 folgten dann Totalverfall und Abriss. Das Grundstück scheint dann ja mehr oder minder nur Spekulationsobjekt gewesen zu sein, wenn über 20 Jahre später dort erst wieder gebaut wurde. In der Tat komisch, wo die Insel doch so ein noble Adresse war und immer noch ist. Erbauer des sehr repräsentativen Hauses war übrigens der Chemiefabrikant Waldemar Theodor Gustav Lohse; deswegen auch "Villa Lohse". Nach den Entwürfen des Architekten Carl Vohl, der als preußischer Baubeamter vor allem Gerichts- und Behördengebäude in Berlin verantworte, wurde der historistische "Inselhof" 1900-1901 errichtet.

"Entspannen Sie sich, durch Hochspannung!"

Jan Offline




Beiträge: 1.453

05.05.2020 00:53
#18 RE: RÄTSEL GELÖST!: Die Villa aus "Der Mönch mit der Peitsche" Zitat · Antworten

Zitat von Mr. Igle im Beitrag #17
Aber das ganze Grundstück war irgendwie immer im Dornröschen-Schlaf.


Möglicherweise war dies wirklich eine Folge der Insel Westberlin. In den 1950er Jahren bestand die Unsicherheit, was werden würde; spätestens ab August 1961 war dann klar, was wurde und Westberlin wurde eingemauert. Das waren nicht wirklich die allerbesten Voraussetzungen gerade für den Geldadel, der sich in Nikolassee oder Grunewald traditionell niederzulassen pflegte. Nachdem der Osten seinen Schutzwall hatte, verfielen im Westen die Immobilien- und damit sicher auch die Grundstückspreise. Geflickt wurden marode Bauten bestenfalls behelfsmäßig, irgendwann folgte der Abriss, das Grundstück blieb frei. Wohnraum war eher in Kreuzberg oder Schöneberg rar. Dorthin strömten die Studenten und Wehrdienstverweigerer aus Westdeutschland. Nach Schwanenwerder, Dahlem oder Grunewald - alles auch noch nahe der Zonengrenze gelegen - verschlug es sicher weniger Interessenten als dies heute der Fall ist.

Eine vergleichbar ungewöhnliche "Vita" hat auch das Grundstück Koenigsallee 66 zu bieten; bekanntermaßen seit 1963 die Wohnadresse Alfred Vohrers (wenngleich nur der zweite Wohnsitz). Auch hier stand zunächst ein herrschaftliches Haus aus der Jahrhundertwende, das im Zweiten Weltkrieg vom NS-Regime als Unterbringung einer Art Invalidenkasse genutzt wurde. Direkt nebenan logierten Goebbels und Göring mit Privatanschriften, sodass hier gezielte Fliegerangriffe erfolgten, die das Gebäude schwer beschädigten. Zum heute bekannten Neubau kam es erst 1960. Seit Kriegsende war das Grundstück frei geblieben. Nach dem Mauerbau "flüchteten" die Erstbesitzer in den Westen. Keine Seltenheit damals. Das Haus wurde zu einem Spottpreis verkauft.

Der heute allgegenwärtige Run auf Berlin und hier vor allem auf die noblen Anschriften dürfte erst nach der Wiedervereinigung so richtig eingesetzt haben. Sicher war der Berliner Südwesten stets die erste Adresse. Das Ausquetschen für den letzten Rendite-Cent indes wird die Region erst in der jüngeren Vergangenheit so richtig getroffen haben.

Aber - auch wenn's mittlerweile dann jetzt vollends Off-Topic wird - es gibt selbst heute auch in Grunewald noch zumindest ein bizarres Grundstück, das inmitten von Behausungen mit giftgrünem Rollrasen, funkelnden Luxus-SUV und plätschernden Springbrunnen wirkt wie ein Bollwerk: Lässt man den Hagenplatz hinter sich und biegt von der Koenigsallee rechts in die Taubertstraße ein, so gelangt man nach etwa 300 Metern auf der linken Seite an ein eingewachsenes Haus von vergleichsweise bescheidenem Ausmaß, das seit Jahrzehnten verlassen scheint. Die Haustür steht halb offen, einige Fenster sind eingeschlagen, Birken und Nadelhölzer haben Besitz vom einstmals gepflegten Garten genommen. Angesichts der Größe der wild gewachsenen Bäume lässt sich erahnen, dass hier seit sicher 25 Jahren niemand mehr wohnt. Dieses Grundstück mitsamt des Hauses wirkt in dieser ansonsten so piekfeinen und aufpolierten Gegend wie ein trotziger Fremdkörper. Was auch immer diesen Zustand hervorgerufen haben mag: hier bleibt der Blick unfreiwillig länger hängen als an den übrigen Häusern.

Gruß
Jan

Mr. Igle Offline




Beiträge: 112

05.05.2020 15:18
#19 RE: RÄTSEL GELÖST!: Die Villa aus "Der Mönch mit der Peitsche" Zitat · Antworten

@Jan

Sehr spannende und interessante Ausführungen! Sicherlich triffst du mit deinen fundierten Erläuterungen zu Westberlin/Schwanenwerder/Grundstücksverfahren voll ins Schwarze, aber letztendlich passierten solche Verfall- und Abrissgeschichten nach dem Zweiten Weltkrieg überall (bis hin zu mittelalterlichen Kirchen und Barock-Schlössern) und sie passieren auch heute noch vielerorts in Deutschland. Erst kürzlich las ich einen Bericht über den beklagenswerten Zustand von Gut Gentzrode, das sicherlich in den Sechziger Jahren auch für Wallace-Filmaufnahmen theoretisch hätte infrage kommen können, hätte es damals nicht auf DDR-Gebiet gelegen: https://de.wikipedia.org/wiki/Gentzrode

Per Schnellsuche habe ich festgestellt, dass von dem besagten Architekten Carl Vohl heute noch zwei weitere Villen in Berlin existieren, die allerdings ein paar Jahre nach der Villa Lohse gebaut wurden:

Villa Drimborn: https://www.stadtentwicklung.berlin.de/d...dok_nr=09020114
Haus Gerstenberg: http://www.stadtentwicklung.berlin.de/de...dok_nr=09097797

Gerade die Innenaufnahmen vom Haus Gerstenberg illustrieren anschaulich, wie möglicherweise auch das Innere des Inselhofs einmal ausgesehen hat. Andererseits so bedauerlich der Verlust des Drehorts auch sein mag, ohne seinen ruinösen Zustand wäre das Anwesen vielleicht auch nie in den Fokus des Filmteams geraten.

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