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Dieses Thema hat 2 Antworten
und wurde 157 mal aufgerufen
 Film- und Fernsehklassiker national
Ray Offline



Beiträge: 1.032

13.09.2018 22:35
Der gläserne Turm (1957) Zitat · antworten

Der gläserne Turm (BRD 1957)

Regie: Harald Braun

Darsteller: Lilli Palmer, Peter van Eyck, O.E. Hasse, Brigitte Horney, Hannes Messemer, Ludwig Linkmann u.a.



Der Industrielle Robert Fleming hält seine Ehegattin Katja, eine Schauspielerin, wie in einem Käfig. Als ein Autor Katja umwirbt, die Hauptrolle seines neuen Stücks zu übernehmen, fühlt es sich für Katja wie eine Befreiung an. Doch Robert lässt seine Frau nicht tatenlos aus seiner Umklammerung...

Dieses hochkarätig besetzte Kriminal-Melodram ist ein weiteres Beispiel dafür, welch qualitativ hochwertiges Kino in der Bundesrepublik in den 1950er-Jahren produziert wurde. O.E. Hasse, Lilli Palmer, Peter van Eyck und Brigitte Horney holen aus der nicht uninteressanten, über weite Strecken aber recht schlichten Geschichte sehr viel heraus. O.E. Hasse gibt den selbst- und herrschsüchtigen Patriarchen, der seiner Gattin keinerlei Luft zum Atmen lässt. Ein Konflikt mit tragischem Ausgang ist vorgezeichnet, nachdem van Eyck in der Rolle des Autoren nicht locker lässt und auch Palmer sich beharrlich zu befreien sucht. In den ersten rund 70 Minuten ist der Film ein klassisches Drama. Dank der Darsteller und der beeindruckenden Innendekorationen im „gläsernen Turm“, dem repräsentativen Wohnsitz der Flemings, folgt man dem Treiben wietgehend bereitwillig, wenngleich Palmer in den Momenten nervlicher Anspannung mitunter ein wenig überdreht. In der letzten halben Stunde zieht der Film dann noch einmal mächtig an und wird zum packenden Gerichtskrimi. Hier schlägt die Stunde Brigitte Horneys, die in der für sie ungewohnten Rolle der Strafverteidigerin restlos zu überzeugen weiß, durch ihre eigenen Ermittlungen den Fall letztlich aufklärt und so einen Justizirrtum verhindert.

3Sat strahlte letzten Sonntag eine 2017 restaurierte Fassung in HD aus, die Bildqualität ist bemerkenswert und sollte Grundlage für eine hoffentlich baldige Veröffentlichung auf Blu-Ray und DVD sein.


Hochwertiges Kriminal-Melodram mit starker Besetzung, das zu den vielen Highlights des bundesdeutschen 1950er-Jahre Kinos gezählt werden darf. 4,5 von 5 Punkten.

Gubanov Offline




Beiträge: 15.455

16.09.2018 14:30
#2 RE: Der gläserne Turm (1957) Zitat · antworten

Vielen Dank für den Hinweis. Aufgrund deiner positiven Beurteilung habe ich mir den Film auch gleich angesehen und bin hin und weg. Wieder ein absoluter Knüller des anspruchsvollen Nachkriegskinos. Aber was will man bei einem Harald-Braun-Film auch sonst erwarten ... Dem Wunsch nach einer offiziellen Veröffentlichung (z.B. im Rahmen von Concordes „Classic Selection“) kann ich mich nur anschließen!



Der gläserne Turm

Kriminaldrama, BRD 1957. Regie: Harald Braun. Drehbuch: Odo Krohmann, Wolfgang Köppen, Harald Braun. Mit: Lilli Palmer (Katja Fleming), O.E. Hasse (Robert Fleming), Peter van Eyck (John Lawrence), Brigitte Horney (Frau Dr. Brüning), Hannes Messemer (Dr. Krell), Ludwig Linkmann (Herr Blume), Gerd Brüdern (Staatsanwalt), Fritz Hintz-Fabricius (Gerichtspräsident), Else Ehser (Frau Wiedecke), Werner Stock (Herr Wendland) u.a. Uraufführung: 24. Oktober 1957. Eine Produktion der Bavaria-Filmkunst AG München.

Zitat von Der gläserne Turm
Sie fühlt sich wie ein Vogel im goldenen Käfig: Katja Fleming wird von ihrem Mann Robert mit Luxus überschüttet; zugleich verlangt der strenge Geschäftsmann von ihr die totale Aufgabe eines eigenen Lebens. Vor ihrer Ehe war Katja Schauspielerin – nun erhält sie wieder ein reizvolles Angebot, das sie in Roberts Abwesenheit zu übernehmen beschließt. Über das Stück und Katjas Zuneigung zu dessen Autor John Lawrence entzweien sich die Eheleute zunehmend. Katja wird sogar auf ihren Gesundheitszustand hin untersucht. Doch am Ende ist nicht sie es, für die das Drama ein tödliches Ende bereithält. Sie findet sich vielmehr unvermittelt als Angeklagte in einem Mordprozess wieder ...


„Er liebte sie als Bestätigung seiner selbst. Er liebte sich selbst in der Frau.“

Harald Brauns Drama „Der gläserne Turm“ verbindet Elemente eines Gerichtskrimis mit einer fesselnden Dramenhandlung, welche die von Krieg, Unsicherheit, Wiederaufbau und zerstörerischer Desillusionierung umgetriebenen Charaktere in einer spannenden Variation der klassischen Dreiecksgeschichte aufeinandertreffen lässt. Unumwunden klingen die unschönen Seiten des Wirtschaftswunders an, dessen glänzende, gläserne Architekturbeweise über die noch immer zu dampfen scheinenden Ruinen Berlins emporwachsen. Eben jene luftige, luxuriöse Nachkriegsarchitektur mit ihren Glaswänden, der zelebrierten Offenheit und der verschwenderischen Überwindung noch immer naheliegender Notjahre verdeutlicht in eindrucksvollen Szenen die Gefangenschaft, in die sich die ehemalige Schauspielerin Katja Fleming in ihrer Ehe mit einem Wirtschafts- und Finanzmagnaten hineinbegeben hat. Ihr Gatte ist kein gewalttätiges Monster oder ein notorischer Fremdgeher, doch gerade seine biedere, nüchterne Art, sie zu umklammern und als sein willenloses Eigentum anzusehen, ist es, die Katja zunehmend ersticken lässt und dem Zuschauer die Ausweglosigkeit dieser maliziösen Abhängigkeit vor Augen führt.

Für Staractrice Lilli Palmer bot sich mit der Rolle der in die psychische Labilität getriebenen Schauspielerin die willkommene Gelegenheit, nicht nur wieder wie in dem in einem ähnlichen Genre beheimateten Film „Teufel in Seide“ nuancierte Gefühlspaletten in überzeugender Abstufung abzurufen, sondern gleichzeitig in ihrer Position als von dem Ehevormund an ihrer Arbeit gehinderter Frau kritische Töne in Bezug auf die gesellschaftliche Stellung ihrer Geschlechtsgenossinnen in der beginnenden dritten Amtsperiode der Adenauer’schen Kanzlerschaft anzustimmen. Ihre Passion wird in den ersten zwei Dritteln ausführlich in den Mittelpunkt gerückt, bevor im letzten Teil des Films dann kriminalistische Motive die Oberhand gewinnen. Der umfangreiche Dramenanteil stützt sich ebenso stark wie auf Palmers Schultern zugleich auf jene der zwei Männer, zwischen denen sich Katja Fleming zerrieben fühlt. Peter van Eyck setzt die beruhigende Tiefe seiner Stimme höchst effektvoll ein und geriert sich darüber hinaus sowohl als Stimme des Herzens als auch der Vernunft. Ihm entgegnet O.E. Hasse ein ausgeprägtes Anspruchsdenken, wobei sich der Unternehmer durchaus ebenfalls zu einer abgerundeten tragischen Figur entwickelt, weil er neben seinen negativen Eigenschaften eben auch eine echte, starke Liebe zu Katja an den Tag legt. Hasse gelingt es hervorragend, dieses Spannungsfeld sichtbar zu machen und seinen Robert Fleming in keine Richtung zu überzeichnen.



In kleineren, aber essenziellen Rollen unterstützen Hannes Messemer als hilfreicher, aber dem Willen des Gatten letztlich nicht gewachsener Arzt sowie Brigitte Horney als Verteidigerin vor Gericht die Hauptdarsteller. Für eine Dosis Heimeligkeit sorgt Ludwig Linkmann, der als Faktotum den ungemütlichen Haushalt der Flemings nach seinen Kräften mit Leben erfüllt und außerdem am Ende eine wichtige Zeugenaussage zu machen hat. Die unangefochtene Hauptrolle neben allen menschlichen Akteuren spielen jedoch Filmbauten und Ausstattung. Architekt Walter Haag zauberte Studioräumlichkeiten, die weit, ja monumental wirken, fließend in eine freie Außenwelt übergehen und trotz allem aufgrund der Charaktere eine restriktive, bedrohliche Aura entfalten. Die Kamera von Friedl Behn-Grund unterstützt diesen Zweiklang der Gefühle durch geschickte Aufnahmen, wobei die wohl kunstvollste eine Spiegelung von Hasse und Palmer in den Scheiben des gläsernen Turms zeigt, während in Hasses Brust sich das lodernde Kaminfeuer reflektiert, beide Figuren über die Weite der Stadt hinausschauen und einander nur mehr wenig zu sagen haben. Ebenfalls hochwertig und dramaturgieförderlich die Musik von Werner Eisbrenner, die je nach Situation Lieblichkeit oder Einschüchterung mitschwingen lässt.

Der Name des Regisseurs Harald Braun verrät, dass man es bei „Der gläserne Turm“ nicht mit einem bloßen Schmonzettenfilm zu tun bekommt. Verantwortlich unter anderem für das 1949er-Meisterwerk „Nachtwache“, choreografiert Braun auch in „Der gläserne Turm“ jede Szene bis zur Perfektion und wendet die gleiche Verfahrensweise an, Referenzen zur Filmspielhandlung in ein imaginäres, für sie zentales Theaterstück einzubauen. Katja Flemings Lebenswille gewinnt durch die Mitwirkung an John Lawrence’ Bühnendrama an Kraft, das sich ebenso wie der Film um eine jäh aus gewohnten Bahnen und emotionalem Verzicht gerissene Frau dreht. Der junge Autor Wolfgang Köppen – später mit allen erdenklichen Literaturpreisen der Bundesrepublik geehrt – zeichnet hier in seinem einzigen Kinoexkurs für einen Löwenanteil des Drehbuchs verantwortlich und verleiht der Geschichte, auch wenn sie letztlich beziehungslastig bleibt, eine universellere Aussage, als man es aus vergleichbaren Zeitstoffen gewöhnt ist. Auch die Zweideutigkeit der Schlussszene, die oberflächlich betrachtet ein Happy End zwischen Palmer und van Eyck darstellt, letztlich aber nur zeigt, wie sich Katja Fleming erneut einer Fremdbestimmung ergibt, spricht für die Weitsichtigkeit des Schriftstellers.

„Der gläserne Turm“ ist nicht nur einer der am hochwertigsten aussehenden deutschen Filme der 1950er Jahre, sondern auch eine Zusammenarbeit inhaltlich ambitionierter Kreativschaffender mit einer crème de la crème-Besetzung und damit (zumindest für Liebhaber klassischer Themen) unbedingt sehenswert. 5 von 5 Punkten.

Ray Offline



Beiträge: 1.032

16.09.2018 23:02
#3 RE: Der gläserne Turm (1957) Zitat · antworten

Zitat von Gubanov im Beitrag #2

Der junge Autor Wolfgang Köppen – später mit allen erdenklichen Literaturpreisen der Bundesrepublik geehrt – zeichnet hier in seinem einzigen Kinoexkurs für einen Löwenanteil des Drehbuchs verantwortlich und verleiht der Geschichte, auch wenn sie letztlich beziehungslastig bleibt, eine universellere Aussage, als man es aus vergleichbaren Zeitstoffen gewöhnt ist. Auch die Zweideutigkeit der Schlussszene, die oberflächlich betrachtet ein Happy End zwischen Palmer und van Eyck darstellt, letztlich aber nur zeigt, wie sich Katja Fleming erneut einer Fremdbestimmung ergibt, spricht für die Weitsichtigkeit des Schriftstellers.


Danke, dass du Wolfgang Koeppen ansprichst, hatte ich vergessen. Mir war vorher auch nicht bekannt, dass er auch mal einen Ausflug ins Filmgeschäft gewagt hat. Sein Roman "Tauben im Gras" ist mir von all meinen Schullektüren am nachhaltigsten in Erinnerung geblieben. Habe daher später aus freien Stücken auch "Das Treibhaus" und "Tod in Rom" gelesen, die gemeinsam mit "Tauben im Gras" die "Trilogie des Scheiterns" bilden. Alle drei Romane sind für all diejenigen, die an kritischen Betrachtungen des Nachkriegsdeutschlands interessiert sind, sehr zu empfehlen. Sie sind auch jeweils als Hörspiel erschienen. Koeppen hat dort übrigens sehr viel mit dem Stilmittel der Montage geeignet, weswegen sich diese drei Romane sehr gut für eine Verfilmung eignen, was jedoch so weit ich weiß bis heute nur im Fall von "Das Treibhaus" geschehen ist.

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