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Dieses Thema hat 3 Antworten
und wurde 103 mal aufgerufen
 Romane
Dr. Oberzohn Offline



Beiträge: 69

30.08.2018 17:45
Urlaubslektüre Zitat · antworten

Für den letzten Jahresurlaub an der schönen Ostsee habe ich mir viele Bücher eingepackt, die ich schon lange mal lesen wollte: morphische Felder, rätselhafte Funde der ganzen Welt, Prepper-Grundlagen, Steine am Meeresstrand, ... Leider hatte ich auch einen Schwung Krimis eingepackt und bin wieder mal beim "Schund und Schmutz" hängen geblieben.
Im Angebot war ein Weltbild-Doppelband von Edgar Wallace, ein Dreierband von Francis Durbridge und ein noch nicht gelesener Roman von Ross Macdonald, alles recht bekannte, mittlerweile klassische Kriminalschriftsteller.
Ein objektiver Vergleich aller dieser Autoren fällt natürlich nicht leicht.

Ohne jeden Zweifel ist Ross Macdonald, der Amerikaner der fünfziger und sechziger Jahre, mit seinem Privatdetektiv Lew Archer der literarisch begabteste Schreiber mit dem verwickeltsten Plot von allen. Man hat gar häufig Mühe, alle Personen, Opfer und Handlungsfäden im Auge zu behalten, bis er zum Schluss noch einmal eine Drehung der Geschichte macht. Doch auch er bedient sich in seinen Romanen fast immer der selben Muster: Ein weit zurückliegendes ungesühntes Verbrechen, dass die gegenwärtigen Geschehnisse auslöst (diesmal waren es statt zwanzig allerdings nur zwei Jahre), sowie eine Menge Inzucht, Vergewaltigung, Betrug und familiäre Tragödien, die sich irgendwann Bahn brechen und dann im Schnitt immer so an die drei Opfer fordern. Und ein Jugendlicher, der von zu Hause ausbricht und in finstere Ereignisse verwickelt wird, oft in der Mitte des Buches aufgespürt wird, womit die dramatischen Ereignisse aber noch lange nicht vorbei sind. Auch hier eine Menge Zufälle - eine verscharrte Leiche wird genau zu dem Zeitpunkt gefunden, als Archer in den Fall einsteigt, dann gibt es einen Knopf, der zufällig am Tatort zurückbleibt und dessen Kleidungsstück er Detektiv zufällig entdeckt usw. In den frühen Geschichten war immer noch eine handfeste Schlägerei dabei, aber mit zunehmenden Alter hat Macdonald dann darauf verzichtet, dafür die Handlung zusätzlich verkompliziert und verschachtelt. Auf jeden Fall sehr gute Krimi-Lektüre, aber ein Roman reicht für einige Zeit.

Dann die Durbridge-Krimis aus den Fünfzigern - eigentlich immer bis zum Erbrechen das selbe Strickmuster: Ein irgendwie in Verdacht geratener ungestümer Amateurdetektiv, der von einem bedachtsamen Scotland-Yard-Inspektor quasi an der langen Leine gelassen wird, dann immer eine Verbrecherorganisation (Schmuggler oder Diebe), deren Mitglieder sich gegenseitig misstrauen und umbringen, oft eine mysteriöse Frau, die meist eine Hauptverbrecherin ist, sowie eine Menge Personen die meist irgendetwas erzählen, das mit der Handlung gar nicht in Zusammenhang steht, sich dann aber alle als Mitglieder der kriminellen Organisation herausstellen. Immer ist ein Einbruch in der Wohnung des Helden dabei, wobei er häufig "eins auf den Deckel kriegt". Dazu gibt es immer ominöse Gegenstände und Codes, deren oft gar nicht so tolles Geheimnis zu lüften ist, und eine letztlich Menge Tote. Der Schreibstil ist recht schlicht gehalten, vielleicht liegt es aber auch nur an den Übersetzungen. Irgendwie sind Durbridges Romane natürlich realistischer als Edgar Wallace, aber manchmal auch gerdezu erschreckend naiv. Hm. Mir persönlich erschließt sich echt nicht, was an diesen Büchern so bestsellermäßig gewesen sein soll. Der Erfolg von Francis Durbridge kann meines Erachtens nach zum großen Teil nur nach dem hohen Wiedererkennungswert zu finden sein, man hat halt gewusst, was einen erwartet, und wurde da auch nicht enttäuscht. Ich finde, er bewegt sich da in viel engeren Grenzen als Edgar Wallace, dem man ja auch immer vorwarf, die selbe Leier zu spielen. Er hat ja auch richtig gute Krimis geschrieben, wie "Die Puppe" oder "Wer ist Mr. Hogarth", doch diese Qualität meines Erachtens nur selten erreicht. Immerhin, für ab und an ist es schon eine gute Zwischendurch-Lektüre, ohne Zweifel.

Dann zum Schluss der alte Edgar aus den Zwanzigern. Obwohl die beiden gelesenen Romane wahrlich nicht zu seinen besten gehörten, fühlte ich mich trotz allem gut unterhalten. Wallace' Phantasie hat es immer wieder geschafft, die doch oft gleichen Versatzstücke und Klischees immer wieder neu zu arrangieren und mit originellen Einfällen zu bereichern. Außerdem klebt er trotz der Eindimensionalität seiner Schreibe nicht so sehr an den vorgezeichneten Handlungsgerüsten wie die beiden anderen Autoren, sondern man weiss eigentlich nie, wie sich die ganze Sache entwickelt, nur dass es ein Happyend gibt, ist so gut wie sicher. Auch Wallace' Schreibstil braucht sich nicht zu verstecken, man braucht dann allerdings auch eine gute Übersetzung, also keine Goldmann-Taschenkrimi-Billigausgaben. Natürlich sind seine Bücher mit Abstand am unrealistischsten, was manchmal bei allem guten Willen doch etwas stört. Er ist doch aber erstaunlich vielseitig - es gibt in seinen Büchern Gangster, Verbrecherbanden, Einzeltäter, Psychopathen, Familiengeheimnisse, Piraten, sogar Kriegshandlungen, manchmal sind seine Romane fast schon "harte" Thriller, manchmal mehr Frauen-Kuschelkrimis. Im Vergleich zu seinen jüngeren Kollegen hält er sich recht wacker.

Georg Offline




Beiträge: 2.961

30.08.2018 18:16
#2 RE: Urlaubslektüre Zitat · antworten

Interessant, danke!

Zitat von Dr. Oberzohn im Beitrag #1
Mir persönlich erschließt sich echt nicht, was an diesen Büchern so bestsellermäßig gewesen sein soll.
Der Erfolg Francis Durbridges stellt sich ja auch durch seine Hör- und Fernsehspiele ein, nicht durch seine Bücher, die ja immer erst NACH Ausstrahlung des jeweiligen Straßenfegers erschienen. Die Bücher waren ein angenehmes Nebenprodukt. Dass sie eher schlicht im Stil sind, hat damit zu tun, dass die Romane ja so gut wie nie von Durbridge selber geschrieben wurden. Er arbeitete über die Jahre hinweg mit einigen Ghostwritern (John Thewes und Douglas Rutherford) zusammen, die auf Basis seines Drehbuchs dann den Roman schrieben und oft nur einfache Floskeln um die Dialoge bauten. Ich habe ja schon oft erwähnt, dass Durbridge ein Meister des Dialogs und des Handlungsaufbaus war, aber keiner des erzählenden Schreibens. Außerdem war er ein vielbeschäftigter Mann und arbeitete bei der Ausstrahlung des Fernseh- oder Radiokrimis meist schon am nächsten Drehbuch, da interessierte es ihn wenig, den Roman zu schreiben. Zudem arbeitete er "nebenbei" fürs Theater, schrieb auch für einige Paul-Temple-Comics die Vorlagen und nahm PR-Termine wahr, bearbeitete seine Stoffe für ausländische TV-Verfilmungen bis hin zur Perfektion.
Deine Beobachtung, dass Durbridge immer die gleichen Zutaten verwendet, ist richtig. Ihm gelingt es aber, diese immer wieder neu zusammen zu mixen. Und in Wahrheit sind es gerade diese Zutaten, die der Leser erwartet. Insofern ist er berechenbar und man wird nicht enttäuscht. Denn ein Durbridge ohne mysteriösen Gegenstand, ohne Anruf eines Toten, ohne Verbrecherorganisation, ohne mysteriösen Hintermann ist eben kein Durbridge.
Es gibt einige wenige Romane, die Francis Durbridge auch selbst geschrieben hat. Das sind diejenigen, die nicht auf seinen eigenen Drehbüchern basieren und wo es daher kein Hörspiel oder keinen Fernsehkrimi gibt. Vor allem waren das - neben den kürzlich erschienenen Paul-Temple-Kurzgeschichten - Fortsetzungsromane für Zeitschriften. Darin lässt sich der wirkliche (einfache) Schreibstil des Autors auch erkennen und sie sind nicht so auf Effekthascherei (die im Radio und Fernsehen notwendig waren) ausgerichtet. Zu diesen Romanen zählen nur fünf Stück: Die gelbe Windmühle, Sie wußten zuviel, Mitten ins Herz, Paul Temple-Banküberfall in Harkdale und Paul Temple-Der Fall Kelby. Außerdem ist noch ein Werk zu nennen, das einzige Durbridge-Werk, das kein Whodunit ist, sondern schon ein Jahr bevor James Bond das Licht der Literaturwelt erblickte, auf dessen Spuren wandelt (oder vorausgeht?): Back Room Girl ist ein Roman, in dem ein Geheimagent Altnazis, die sich in einer Höhle in Cornwall verschanzt haben, daran hindern soll, die Weltherrschaft zu erobern. Dieser Roman wurde als einer von wenigen nie ins Deutsche übersetzt. Schließlich bietet sich auch noch Send for Paul Temple (auch ohne dt. Übersetzung) an, der noch nicht so Durbridge-typisch ist und der von allen Werken Durbridges am meisten dessen Bewunderung für Edgar Wallace offenbart.

Dr. Oberzohn Offline



Beiträge: 69

30.08.2018 20:17
#3 RE: Urlaubslektüre Zitat · antworten

Hallo Georg,

vielen Dank für Deine ausführlichen Ausführungen. Ich hatte im Stillen schon gehofft, dass du was dazu schreibst. War mir gar nicht bewusst, dass die Bücher erst nach den Hörspielen etc. verfasst wurden. Deswegen gefallen mir die wohl auch einschließlich der Fernsehspiele viel besser. Ich war schon ein paar mal auf deiner Website, aber diese Zusammenhänge sind mir total entgangen. Die Romane, die du als wahre Durbridges angeführt hast, gibt es ja noch antiquarisch für nicht allzu viel Geld zu erwerben. Die werde ich mir dann mal mit der Zeit zu Gemüte führen und ggf. drüber berichten. Du stimmst aber mit mir überein, dass der Wiedererkennungswert durchaus auch seine Bedeutung hat. Das ist aber bei den meisten Autoren so, denke ich mal. Abweichungen wirken da manchmal irritierend, oder misslingen sogar. Agatha Christie hat auch ein paar Bücher geschrieben, die abseits ihrer Rätselkrimis liegen und von Verschwörungen, geradezu im Weltmaßstab, handeln. Aber dafür hatte sie irgendwie echt keinen Draht, obwohl ein dankbares Thema, wenn es gut gemacht ist. Dann lieber doch wieder zurück zu Altbewährtem...

Georg Offline




Beiträge: 2.961

02.09.2018 17:42
#4 RE: Urlaubslektüre Zitat · antworten

Ja, Durbridge-Fan wird man nicht gerade, weil man die Bücher liest, auch wenn diese natürlich spannend sind.
Ich glaube, dass man bei Durbridge nicht enttäuscht wird, weil man weiß, was man bekommt. Das ist bei anderen Autoren ja nicht immer der Fall. Durbridge leistete sich einen "Ausrutscher" mit dem von mir erwähnten Back Room Girl, folgte aber (Gott sei Dank) diesem Genre nicht, sondern kehrte wieder zu der Struktur zurück, die ihn bekannt und beliebt machte. Also wie bei Christie - zurück zu Altbewährtem.
Dabei war er sehr vielseitig und schrieb auch Texte für Musicals, Komödien, Kinderbücher - er half sogar mal bei einer englischen Komödie 1961 als Drehbuchautor aus, wollte aber nicht genannte werden - weil er lieber Krimis als Lustiges schrieb.

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