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Dieses Thema hat 3 Antworten
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 Romane
Dr. Oberzohn Offline



Beiträge: 68

31.07.2018 15:07
Der grüne Bogenschütze (1923) Zitat · antworten

Der grüne Bogenschütze

Originaltitel: The Green Archer
Erscheinungsjahr: 1923


Hauptpersonen:

James Featherstone - Kriminalbeamter bei Scotland Yard
Abel Ballamy - amerikanischer Millionär, rücksichtslos und grausam
Valerie Howett - junge Dame mit unklarer Vergangenheit
Walter Howett - zu Geld gekommener Vater von Valerie
Spike Holland - eine Art "rasender" Reporter
Julius Savini - Kleinganove, als Sekretär bei Bellamy angestellt
Fay Savini - seine Frau und Halbweltdame
John Wood - Erbauer von Kinderheimen mit Wissen über Bellamy
Coldharbour Smith - Clubbesitzer mit schlechtem Ruf
Elaine Held - verschwundene Frau, ehemals von Bellamy begehrt
Craeger - brutaler Ex-Gefängnisaufseher
Lacy - Gelegenheitskrimineller
Sen - Chauffeur und Bediensteter von Bellamy


Handlung:

Auf Garre Castle, einer düsteren Burganlage außerhalb Londons, geht neuerdings ein Geist um. "Der grüne Bogenschütze" ist eine alte Legendengestalt, die vor vielen Jahrhunderten wegen Wilderei von den Herren von Garre Castle aufgehängt worden war und seitdem als Gespenst herumgeistern soll. Doch seitdem der amerikanische Millionär Abel Bellamy das alte Schloß zu seiner Niederlassung auserkoren hat, wurde der Spuk wieder leibhaftig gesichtet. Stoff für einen guten Zeitungsartikel, meint zumindest der junge Reporter Spike Holland und überzeugt seinen Chef, der Sache nachzugehen. Er trifft die schöne Valerie Howett, Ziehtochter des reichen Amerikaners Mr.Howett, sowie den adretten Inspektor Featherstone, welcher die hübsche Valerie auf Bitten von Mr. Howett als eine Art Leibwächter begleitet (Da fragt man sich, ob Scotland Yard tatsächlich so freigebig mit der Arbeitszeit seiner Inspektoren war, aber immerhin hat Captain Featherstone seinen zweimonatigen (!) Urlaub geopfert). Valerie ist auf der Suche nach ihrer eigentlichen Mutter, einer gewissen Elaine Held, und verdächtigt den alten Bellamy, bei derem Verschwinden seine Finger mit im Spiel zu haben. Bald schon stellt sich heraus, dass Abel Bellamy die reinste Inkarnation eines Teufels ist: böse, brutal, gewissenlos und verschlagen, ein Mann, der über Leichen geht und als Selfmademan im Baugewerbe Millionen verdient hat. Nach einem Streit von Bellamy mit einem gewissen Craeger wird dieser später von Spike Holland tot aufgefunden - erschossen mit einem grünen Pfeil ! Und das, wo er dem Reporter eine unrühmliche Geschichte über den garstigen Millionär erzählen wollte. Warum hat ihm Bellamy einen regelmäßigen Geldbetrag bezahlt ? Diese Frage interessiert auch die Polizei. Der Reporter Holland interviewt derweil den altruistischen John Wood, das genaue Gegenteil von Abel Bellamy. Wood möchte eine Kette von Kinderheimen für Waisen in Europa errichten. Aber auch er kennt einen dunklen Punkt in Bellamys Vergangenheit, war doch Bellamys Neffe ein guter Kriegskamerad von ihm, welcher ihn sogar nach seinem Tod als Erbe bestimmt hatte und wohl einiges über seinen Onkel berichtete. Bald zieht Valerie Howett in die direkte Nachbarschaft von Abel Bellamy, stets kritisch beäugt von ihm. Derweil geht der "grüne Bogenschütze" weiter auf Garre Castle um, obwohl sich der amerikanische Schlossbesitzer regelrecht einmauert und mit scharfen Hunden umgibt. Mehrmals betritt die Sagengestalt das Schlafgemach des reichen Bösewichts, wird gar von ihm beschossen und rettet später die unternehmungslustige Valerie vor einem der wilden Bluthunde. Aber wer ist nur der geheimnisvolle Unbekannte ? Etwa Mr. Howett, der sich sehr mysteriös gibt? Oder Valerie Howett selber, deren blutverschmiertes Taschentuch in der Burg gefunden wird ? Oder gar Captain Featherstone, der sich auch verdächtig macht ? Und dann gibt es noch den kleinkriminellen Sekretär Savini, einen "Mischling", welcher das große Geld machen will und den alten Bellamy hasst. Überhaupt ist dieser Savini sehr umtriebig, er arbeitet sowohl für den Reporter Holland als auch für Valerie Howett, und vor allem natürlich für sich selbst und seine hübsche Frau Fay. Edgar Wallace nimmt sich überraschend viel Zeit, um die Beziehungen der Personen und ihre Beweggründe zu erläutern, deshalb ist dieser Roman wohl auch sein sicherlich längster Krimi geworden. Mit der Zeit erfährt der Leser, was der alte Bellamy in der Vergangenheit so alles verbrochen hatte und wie er sich an seinem beneideten Bruder sowie dessen Frau und Kindern vergangen hat. Hat er seine Schwägerin (die er einst selbst begehrte) etwa irgendwo in seiner Burg eingesperrt ? Captain Featherstone, der eine Zeit lang inkognito bei Bellamy arbeitete, kann aber nichts finden. Unterdessen will sich Bellamy seiner neugierigen Nachbarin (und Verwandten ?) Valerie Howett entledigen und sinnt zusammen mit dem versoffenen, gewissenlosen Clubbesitzer Coldharbour Smith einen Plan aus, das arme Mädchen auf ein Schiff zu entführen. Sie bekommt aber Hilfe von vielen Seiten, nicht zuletzt wieder vom geheimnisvollen grüngewandeten Unbekannten, dann auch sehr nachdrücklich. Doch Bellamy plant schon den nächsten, finalen Coup, sich an all seinen Feinden zu rächen. Alle Hauptbeteiligten kommen in große Gefahr, kann sie die doch sehr reale Geistergestalt auch diesmal retten...?


Bewertung:

Der vorliegende Roman dürfte dem Namen nach ziemlich bekannt sein, es ist ein geläufiger Titel aus dem Edgar-Wallace-Kosmos. Na gut, irgendwie ist es schwer zu verdauen, dass sich ein erwachsener Mensch ein grünes Wams und Hose anzieht und mit Pfeil und Bogen auf Rachefeldzug geht. Aber England ist nun mal auch das Land der Exzentriker, außerdem auch das der Geistergläubigkeit und bei weitem nicht so rational wie Deutschland. Eine ähnliche Konstellation gab es auch schon mal bei Treffbube ist Trumpf. Doch der "grüne Bogenschütze" hat weniger etwas von einem Geist, sondern mehr Züge wie Robin Hood, schon vom Äußeren her. Doch der eigentliche "Star" des Romans ist wohl mehr der schurkische Millionär Abel Bellamy, der aus Chicago stammte (wo ja alle Gangster herkommen) und mehr ein "Mann des Mittelalters" ist, wie der Autor mehrfach betont. Tatsächlich bleiben die "Guten" einschließlich des Captain Featherstone und Valerie Howett recht farblos neben ihm. Abels Denkweise und Taten werden von Edgar Wallace recht ausführlich dargelegt, er hat fast so eine Art Psychogramm des großen, kräftigen und überaus hässlichen Burgbesitzers gezeichnet. So hat der für den kinderlieben und wohltätigen John Wood nur Verachtung übrig und offenbart Gedankengut, das man heute sofort gleich in die Nazi-Ecke schieben würde. Dabei hatte die Eugenik im angelsächsischen Raum schon lange vor dem Dritten Reich und bei allen politischen Gruppierungen ihre Anhänger. So tritt Abel Bellamy bedingungslos für das Recht des Stärkeren ein (was er selber ja auch praktiziert) und träumt von den früheren Zeiten, als man unliebsame Bedienstete einfach aufhängen oder von den Hunden zerfleischen lassen konnte. Seine Rachepläne gegen unliebsame Menschen setzt er rücksichtslos um und bedient sich gerne auch bezahlter Handlanger, wie etwa des schon genannten Coldharbour Smith, der vor seiner eigenen Bande den großen Mann spielt, vor Abel Bellamy aber nur ein winselnder Wurm ist. Auch die wilden Hunde erkennen Bellamy aufgrund seiner Kraft und wilden Instinkte sofort als Herren an. Doch er ist nicht nur "böse", hat auch manchmal menschliche Schwächen. Trotz seiner Verachtung für Konventionen und Mitmenschen überhaupt muss ihm sein Sekretär einmal die Woche die Regionalzeitung vorlesen und oft spendet er sogar für karitative Zwecke in der Nähe, was bei seinem Charakter eigentlich vollkommen unmöglich ist. Doch er ist der Meinung, dass die Burgbesitzer das schon immer so getan hätten. Offenbar will er doch ein wenig anerkannt werden. Seinem treu ergebenen chinesischen Bediensteten Sen gibt er aus Dankbarkeit eine Menge Geld, ebenso anderen Personen, die ihm halfen. So ist der Hauptgrund für sein bösartiges Handeln verschmähte Liebe in der Jugend, eigentlich ein gängiges Schicksal, nicht jedoch für einen Mann wie Abel Bellamy !Wenn die Frau seiner Träume sich ihm zugewandt hätte, wäre er da wohl weniger schlecht gewesen? Wer weiß...
Die Rolle des kleinen Ganovens mit dem Herz an der rechten Stelle nimmt diesmal Julius Savini ein, ein "Mischling" zwischen Italiener und Inder, was vom Autoren unverhüllt negativ bewertet wird. Stets ist Savini für Spitzeldienste und kleine Betrügereien und Erpressungen zu haben, dabei aber immer ängstlich bemüht, nicht den Zorn seines Herrn zu erregen oder mit der Polizei in Konflikt zu kommen. Er lebt mit seiner Ehefrau Fay in einer recht lockeren Beziehung zusammen, wobei sie ihn manchmal auch verachtet. Doch im Laufe des Buches verwandelt sich Savini immer mehr zu einer positiven Gestalt, die doch auch Ehre und Männlichkeit aufzuweisen hat und -genau wie seine Frau Fay- nicht jede Schurkerei mitmacht und der verfolgten Valerie zu Hilfe eilt. Auch Savini ist fast schon eine Hauptfigur der Erzählung, für die der Autor immer mehr Sympathie zu gewinnen scheint. Dann gibt es noch den jungen Spike Holland, den begeisterten Reporter, irgendwie etwas naiv gezeichnet, obwohl Wallace sich ja mit Reportern gut auskennen sollte. Auch ihm ist die Wertschätzung seines Erfinders gewiss. Er muss sich öfter mal um die gute Valerie kümmern, obwohl die ja selbstredend schon die zukünftige Mrs. Featherstone ist. Bei den ganzen anderen Figuren hat der tapfere Polizeicaptain echt Probleme, so ganz zur Geltung zu kommen. Er ist so ein durchschnittlicher Wallace-Held: sehr gutaussehend (sogar die etwas flatterige Fay Savini macht ihm schöne Augen), ehemaliger Kriegsteilnehmer, solide, stark und mutig, aber halt irgendwie beliebig. Auch Valerie auf ihrer Suche nach ihrer verschollenen Mutter ist eben eine typische Schönheit, die zwar auch Tatkraft beweist, aber wirklich oft von Captain Featherstone, Spike Holland, Julius Savini oder gar der titelgebenden Rächerfigur gerettet werden muss. Weiterhin gibt es noch John Wood, den Waisenhausgründer, vom Autoren sehr liebevoll gestaltet. Offenbar ging Wallace dank seiner eigenen Lebensgeschichte das Schicksal von verlassenen Kindern sehr nahe. Da ist noch Mr. Howett, der Ziehvater von Valerie, stets ein wenig geheimnisvoll, aber ein "Guter". Die Schurken, neben Bellamy, sind in seinem Solde stehende Ganoven, vor allem Coldharbour Smith, dessen Unterwelt-Lokal von Bellamy unterstützt wird und der unter anderem mit Alkoholhandel nach Amerika (es ist gerade Prohibitionszeit) eine Menge Geld verdient. Tatsächlich ist es eine widerliche Figur, die auch ihre gerechte Strafe bekommen soll. Da gibt es noch einen gewissen Lacy, der zum Ende hin eine größere Rolle spielt, ein kriecherischer, erbärmlicher Kleinkrimineller, der sogar von Leuten wie Savini verachtet wird. Und der "grüne Bogenschütze"? Auch er geht in der Handlung fast unter, obwohl er doch relativ oft auftaucht. Und überhaupt - die Handlung... Eigentlich ein recht geradliniger Faden ohne größere Verästelungen. Seltsam, wie es trotzdem nur selten Langeweile gibt, obwohl ja der Originalroman sehr lang ist. Das Ende dann hat es wieder in sich. Bellamy bringt zumindest die meisten seiner Feinde in seine Gewalt und nutzt seine Burg wieder als das, was sie ursprünglich sein sollte - eine Verteidigungsanlage gegen Polizei und später gar Militär. Es gibt eine finale Schlacht, derweil das Lebensende der Entführten durch eine Überflutung immer näher rückt. Doch Bellamy hat nicht mit seinem ärgsten Feind gerechnet...
So endet nach viel Aufregung denn der Roman sogar mit einer in Aussicht gestellten dreifachen Hochzeit, fast ein Rekord. Das Schicksal des grünen Rächers, der ja eigentlich ein Mörder ist, ist dann auch entsprechend milde.
Fast sind einem die Figuren ein wenig ans Herz gewachsen, doch auch dieser gut zu unterhalten wissende Roman ist mal vorbei.

"Der grüne Bogenschütze" ist ein spannender und unterhaltsamer Krimi von Edgar Wallace, manchmal sicher ein wenig angestaubt, aber trotzdem lesenswert. Aber bitte unbedingt ungekürzt lesen !


Buch:

Wenn mal jemand eine Studienarbeit über Kürzungen und Änderungen an Wallace-Krimis schreiben will, dann kann man ihm exemplarisch unbesorgt Der grüne Bogenschütze empfehlen. Abgründe tun sich auf. Die Goldmann-Taschenbuchausgabe wurde von dem aus gutem Grund "berüchtigten" Gregor Müller besorgt, und das ist sozusagen sein "Meisterstück". In der Weltbild-Edition (zusammen mit John Flack) hat Der grüne Bogenschütze original etwa 440 Seiten, ist somit eventuell der längste Krimi (zumindest nach meinem Eindruck). Herr Müller hat die ganze Sache etwa auf die Hälfte zurechtgestutzt ! Der Heyne-Verlag wirbt mit seiner Neuübersetzung auch mit dem Wörtchen "ungekürzt", doch stimmt das auch ? Natürlich nicht.
Ein Beispiel für die Modernisierungen in den alten Romanen von E.W. ist gleich der erste Satz, wo Spike Holland bei Goldmann noch die letzten Sätze auf die Tastatur seiner Schreibmaschine klappert. Im Original wirft er aber entnervt seine Schreibfeder ins Holz. So geht es oft, auch die altbekannten Änderungen oder Weglassungen von Daten, die noch bis in das 19. Jahrhundert zurückreichen, liegen vor. Ein schönes Beispiel für Verfälschungen ist auch gleich das dritte Kapitel, wo Abel Bellamy aus seinem Fenster auf eine Baustelle schaut und sich über einen schief aufgehängten Träger an einem Kran ärgert. Damit ist es dann bei Goldmann auch Schluss, bei Heyne dürfen wir noch von dem tatsächlich deswegen erfolgenden Unfall erfahren, und nur bei Weltbild lässt man den Leser noch an Bellamys finsteren Gedanken teilhaben, was er tun würde, wenn es sein Bau wäre. So geht es im Prinzip ständig weiter, die Heyne-Übersetzung ist wirklich umfangreicher als die von Goldmann, aber immer noch "entschärft". Da gibt es Ausführungen über die "neunschwänzige Katze", eine berüchtigte Peitsche, die in England bei der Bestrafung von Übeltätern lange eingesetzt wurde, und auch welche Erfolge es damit schon beim Kampf gegen Räuber und Zuhälter gegeben hätte. Das fehlt bei Goldmann gleichermaßen wie die weiter oben angeführten Anmerkungen zu Savinis Herkunft oder einige recht patriotische Passagen. Mit Patriotismus, gleich welcher Art, kann man in Deutschland ja schon lange nichts mehr anfangen, generell hat hier auch schon in den siebziger Jahren bei den Neuübersetzungen die politische Korrektheit zugeschlagen. Bei Heyne ist es ein wenig besser, aber eben auch unvollständig. Doch alleine dadurch sind die extremen Kürzungen und Anpassungen nicht zu erklären, bei Goldmann sind ja ganze Kapitel entfallen, etwa Besuche bei dem in Belgien lebenden John Wood, oder Ausführungen über Bellamys Chauffeur, die nun in keinem Verdacht stehen sollten. Wahrscheinlich sollte einfach der Roman auf das typische Taschenbuch-Format von 160 - 180 Seiten, und manchmal ein wenig darüber hinaus, gedrückt werden. Seltsamerweise ist die Goldmann-Version die einzige, die kurz Auskunft über das Schicksal von Sen, dem chinesischen Diener, gibt, der mit seinem Herrn zusammen zum Schluss die Burg verteidigte. Offenbar hat der Übersetzer hier das Original ergänzt, wo Wallace etwas vergessen hatte.
Der langen Rede kurzer Sinn, wenn man den Roman lesen will, dann keinesfalls die Taschenbuch-Ausgabe von Goldmann, die den Geist des Original total verfälscht.


Verfilmung:

Nachdem der Regisseur Jürgen Roland (der Stahlnetz-Erfinder) im Vorjahr mit "Der Rote Kreis" einen ganz passablen Krimi auf die Beine gestellt hatte, konnte man davon ausgehen, dass auch die Adaption von "Der grüne Bogenschütze" eine ähnliche Qualität haben sollte. Aber da sollte man wohl enttäuscht werden. Obwohl sich der Film sehr eng an die doch spannende Romanhandlung hält, kommt irgendwann nur noch Langeweile auf. Irgedwie ist der Film "verkorkst". Woran liegt es ? An den Schauspielern ? Da ist auf der Habenseite erst mal Gerd Fröbe als herrischer Abel Bellamy, sein einziger Auftritt in einem deutschen Wallace-Krimi. Doch leider kann auch er den Film nicht retten, genausowenig wie die schöne Karin Dor, die hier als Valerie Howett auf der Suche nach ihrer verschollenen Mutter agiert. Ganz großes Manko für mich zumindest ist die Besetzung des Inspektor Featherstone durch Klausjürgen Wussow. Der schleimt und arrogantet sich durch den Film, dass es nun echt keinen Spaß mehr macht, und darf zum Schluss noch die hübsche Karin bekommen - einfach gruselig. Auch der sonst sehr geschätzte Eddi Arent als Reporter Spike Holland hat hier einen seiner wirklich nervigen Auftritte, die aufgesetzten Albereien machen selten Spaß. Überhaupt ist "albern" das Wort, das den Film am besten beschreibt. Die Polizisten stellen sich ständig an wie die Deppen, auch Wolfgang Völz als Sergeant Higgins, der übrigens auch im Buch einen klitzekleinen Auftritt hat. Wenn sie sich aus Versehen gegenseitig verhaften wollen oder mitten in der Schießerei über einen misslungenen Tee die Nase rümpfen, dann ist das schon ein ziemlich tiefer Griff in die Mottenkiste. Die Schießerei zum Schluss ist auch ein Negativbeispiel für dilettantisch inszenierte Kugeleinschläge. Hat man hier mit Panzerfäusten geschossen, oder wie ? Und die sinnlose "Eröffnungsleiche", die es im Buch gar nicht gibt und die auch gar keinen Bezug zur Handlung hat... Naja. Wenigstens schlägt sich Harry Wüstenhagen als diebischer Sekretär Julius Savini noch recht wacker, und Stanislav Ledinek gibt einen gelungenen Verbrecherboss Coldharbour Smith.
Der spätere Traumschiff-Kapitän Heinz Weiss mimt den Kinderfreund John Wood, und er passt in die Rolle. Dagegen spielt eine gewisse Hela Gruel die Gefangene Elaine Held, und ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass ein Mann wie Abel Bellamy mal so verschossen in sie gewesen sein kann, dass er nach ihrer Zurückweisung eine aufwändige und lebenslange Rache an ihr und den Ihren vollzieht.
Die Filmmusik ist recht schrill und einprägsam, mir gefällt sie sehr gut, sie hätte im Verbund mit ein paar gruseligen Szenen durchaus die Spannung des Films erhöhen können. Etwa wenn der Grüne Bogenschütze sich heimlich in Bellamys Schlafgemach schleicht und von diesem entdeckt wird oder wenn der grünmaskierte Unbekannte in ein nahes Gebüsch flüchtet. Aber leider werden solche Szenen bald wieder von irgendwelchen Lächerlichkeiten abgelöst.
So wird denn der Handlungsfaden mehr schlecht als recht abgespult, Valeries Entführung auf ein Schiff kommt vor , die Erschießung des Hundes und der kriminellen Helfershelfer durch den grünen Bogenschützen ebenso, nur zum Schluss nach der finalen Ballerei ist der geheimnisvolle grüne Unbekannte dann der Gerechtigkeit wegen auch tot.
Leider wurde bei diesem Film viel verschenkt. Eine dermaßen absurde Handlung war wohl für den "Realisten" Jürgen Roland nichts und wäre bei Harald Reinl oder Alfred Vohrer besser aufgehoben gewesen.

Gubanov Offline




Beiträge: 15.501

31.07.2018 18:52
#2 RE: Der grüne Bogenschütze (1923) Zitat · antworten

Super informativer Bericht, vielen Dank dafür. Den "Bogenschützen" kenne ich zugegeben nicht von zwischen den Buchdeckeln her, sondern nur aus verschiedenen Hörbuchfassungen, weil mich die Länge der ungekürzten Ausgabe immer abgeschreckt hat und ich bekanntermaßen kein besonderer Freund dieses Geistermörders mit den Robin-Hood-Strumpfhosen bin. Eventuell lag es aber an den für die Hörbuchfassungen nötigen Kürzungen (aber immerhin hat die Airplay-Ausgabe 4 CDs) oder den zugrundeliegenden "falschen" Übersetzungen, dass mir der Roman nie wirklich besonders gefallen hat und sich ein längerer Blick in die Weltbild-Ausgabe doch lohnen würde. Was du da bzgl. der Versionsunterschiede beschreibst, setzt ja teilweise wirklich dem Bogenschützen die Krone auf.

Mr. Wooler Offline




Beiträge: 423

01.08.2018 12:02
#3 RE: Der grüne Bogenschütze (1923) Zitat · antworten

Danke an Dr. Oberzohn für die tolle und ausführliche Besprechung!!
Ich habe auch nicht schlecht gestaunt, als ich mir damals die Weltbild-Ausgabe vom grünen Bogenschützen gebraucht gekauft habe. Ich konnte kaum glauben, dass man einen Roman von 440 Seiten auf 150 Seiten herunterkürzen kann. Gregor Müller hat es geschafft. Ich habe die Weltbild-Ausgabe allerdings noch nicht gelesen, so dass mir der direkte Vergleich fehlt. Aber zumindest das Beispiel mit der Feder, bzw. Schreibmaschine am Anfang war mir durch ein flüchtiges Abgleichen auch schon aufgefallen.
Irgendwie eine unschöne Feststellung, dass man glaubt, einen Wallace-Roman zu lesen, und dann ist es am Ende doch eine stark bearbeitete um nicht zu sagen gekürzte Fassung seines Werks.

Georg Offline




Beiträge: 2.959

01.08.2018 15:03
#4 RE: Der grüne Bogenschütze (1923) Zitat · antworten

Danke für die interessante Auflistung der unterschiedlichen Fassungen. Derartige Kürzungen/ Ergänzungen schienen aber bis in die 60er-Jahre geläufig gewesen zu sein. Ich bringe hier als Beispiel den Roman Die gelbe Windmühle/ The Yellow Windmill von Francis Durbridge. Hier hat der Übersetzer - ähnlich auch wie bei Sie wussten zuviel/ The Face of Carol West (auch von Durbridge) ganze Passagen sehr frei umgeschrieben und wiedergegeben und ganze Absätze, die im Original fehlen, dazu erfunden (also genau anders herum). Von den Herren dürfte niemandem die ital. Redewendung 'traduttore - traditore' (Übersetzer = Verräter) jemals zu Ohren gekommen sein...

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