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Dieses Thema hat 1 Antworten
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 Aktuelle Filme (DVD, Kino, TV)
Gubanov Offline




Beiträge: 15.214

14.04.2018 11:00
Filme und TV-Filme zur deutschen Zeitgeschichte Zitat · antworten

Die deutsche Film- und Fernsehbranche ist ja mittlerweile fast schon berüchtigt für ihre Aufarbeitungswut der deutschen Zeitgeschichte. Nur wenige Winkel der eigenen Historie vom Dritten Reich über Nachkriegszeit, Mauerbau und Rolle im Kalten Krieg bis hin zur Wiedervereinigung und den Schwierigkeiten des Zusammenwachsens beider Landesteile sind nicht filmisch unter die Lupe genommen worden. Dabei reicht die Palette von großen Kinofilmen bis zu TV-Mehrteilern, von ernsttraurigen Dramen über Liebesfilme und Thriller vor dezidiert historischem Hintergrund bis zu heiteren Parodien. In diesem Thread soll die Möglichkeit bestehen, verschiedenste Produktionen zu besprechen, die einen bedächtigen, besänftigenden oder belehrenden Blick zurück in der Zeit werfen.

Für Propagandafilme, die bis 1945 entstanden, sowie Aufarbeitungsfilme aus der Nachkriegszeit bis in die 1960er Jahre sollte nach wie vor der Thread Krieg, Kameradschaft, Katastrophen erster Anlaufpunkt sein. Für den hiesigen Diskussionsstrang dachte ich in erster Linie an aktuellere Produktionen wie „Der Untergang“, „Der Baader-Meinhof-Komplex“, „Good Bye Lenin“ u.a.

Gubanov Offline




Beiträge: 15.214

14.04.2018 21:30
#2 RE: Filme und TV-Filme zur deutschen Zeitgeschichte Zitat · antworten



Der Untergang

Kriegsdrama, BRD 2003/04. Regie: Oliver Hirschbiegel. Drehbuch: Bernd Eichinger (Vorlagen „Der Untergang“: Joachim Fest, „Bis zur letzten Stunde“: Traudl Junge, Melissa Müller). Mit: Bruno Ganz (Adolf Hitler), Alexandra Maria Lara (Traudl Junge), Corinna Harfouch (Magda Goebbels), Ulrich Matthes (Joseph Goebbels), Juliane Köhler (Eva Braun), Heino Ferch (Albert Speer), Michael Mendl (General H. Helmut Weidling), Ulrich Noethen (Heinrich Himmler), Birgit Minichmayr (Gerda Christian), Christian Berkel (Prof. E.-G. Schenck) u.a. Uraufführung: 13. September 2004. Eine Produktion der Constantin Filmproduktion München.

Zitat von Der Untergang
Nach fünfeinhalb Jahren Krieg zieht sich die Schlinge langsam um Hitler und seine engsten Verbündeten zu. Das Führungspersonal des Dritten Reichs, seine Frauen und Kinder flüchten vor den immer näher rückenden russischen Truppen in den Führerbunker, von wo aus Hitler völlig illusorische Befehle erteilt, um die Lage noch irgendwie zu seinen Gunsten zu retten. Doch das Unabänderliche lässt sich nicht abwenden. Während sich auf Berlins Straßen die Leichen von Soldaten und Zivilisten türmen, macht sich auch im Bunker eine morbide Endzeitstimmung breit. Das Vertrauen in den Nationalsozialismus hat sich endgültig als Fahrkarte in den Tod erwiesen ...


Die Geschichte ist keine gänzlich neue: Schon 1954/55 war G.W. Papst darauf gekommen, die letzten Tage im Führerbunker für seinen Spielfilm „Der letzte Akt“ nachzuerzählen. Auch die internationalen Produktionen „Hitler: Die letzten zehn Tage“ (1973) und „Der Bunker“ (1981) hatten ähnliche Zielsetzungen. Dennoch sorgte „Der Untergang“ wegen seiner besonders offenen, schonungslosen Darstellung, welche die beklemmende Enge des Bunkers, den fortgeschrittenen Wahnsinn Hitlers und die allgegenwärtige üble Gewalt miteinschließt, nach Uraufführung für immense Furore. Diese schloss den Streit darüber, ob der Film zu authentisch, zu wenig authentisch, zu hart oder nicht hart genug war, ebenso mit ein wie fast durchgängiges Hohelied auf Bruno Ganz‘ Darstellung der Hitler-Rolle sowie eine Oscar-Nominierung als bester fremdsprachiger Film.

Um Distanz zur Figur des Diktators zu wahren, wird der Film durch die Augen seiner Sekretärin Traudl Junge erzählt. Dies regt zu einer schnellen Identifikation mit der von Alexandra Maria Lara durchaus einnehmend gespielten Rolle an (sie ist keine glühende Nationalsozialistin und wirkt von Protokoll und Kaltblütigkeit der Kriegstreiber um sie herum so manches Mal verunsichert). Nichtsdestoweniger dürfen Zweifel angemeldet werden, ob man mit einer Frau an so zentraler Stelle des Nazi-Machtapparats so einfach sympathisieren sollte. Regisseur Hirschbiegel löste diesen Zwiespalt mit kurzen Interviewausschnitten mit der echten Traudl Junge zu Anfang und Ende des Films auf, aus denen ersichtlich wird, wie schwer es Junge fällt, ihre Position in jenen Tagen nachzuvollziehen oder gar zu rechtfertigen.

Bruno Ganz lässt den physisch und psychisch geknickten Führer in seiner ganzen Unannehmlichkeit vor den Augen des Publikums wiederauferstehen. Während es als Treppenwitz in die Produktionsgeschichte eingehen mag, dass ein Österreicher, der mit Deutschland die Welt erobern wollte, ausgerechnet von einem Schweizer verkörpert wurde, so handelt es sich dabei um einen zentralen Besetzungsclou: Ganz zeigt sowohl Schärfe, Egomanie und Realitätsverlust des Despoten als auch eine private, menschliche Seite Hitlers, ohne ihn dadurch weniger unheimlich wirken zu lassen. Rezensenten, die bemängeln, dass Hitler überhaupt in „normalen“ Situationen wie im Privatgespräch mit seiner Sekretärin oder beim Essen gezeigt wird, scheinen den Wirkeffekt des Films nicht verstanden zu haben.

„Der Untergang“ erinnert an eine klassische Tragödie mit vorbestimmtem Ende. Trotz dieser Gewissheit gelang es Drehbuch und Regie, eine absolut fesselnde Erzählstruktur auf die Leinwand zu bringen. Gerade weil der Film hauptsächlich im Bunker und sonst zumeist in trostlosen Ruinen des bombardierten Berlins spielt, steht die schiere Unmenge der Figuren – und er zeichnet sowohl abgrundtief ideologisierte als auch latent positive – im Mittelpunkt des Interesses. Das kommt ebenso wie die Besetzung mit den versiertesten Stars der deutschen Kinobranche der Tiefe der Charakterisierungen bis in Kleinstrollen massiv zugute. Nicht einmal nach Hitlers Tod bricht der Spannungsbogen des Films in sich zusammen, weil genug faszinierendes Personal „aus der zweiten Reihe“ bereitsteht, um das dramaturgische Loch zu stopfen. Insbesondere Corinna Harfouch und Ulrich Matthes als Ehepaar Goebbels jagen einem Schauer über den Rücken. Aber auch Juliane Köhler gelingt eine faszinierend facettenreiche Darstellung der Eva Braun.

Die fast schon dokumentarische Herangehensweise des Films bedingt, dass der gewählte Erzählausschnitt nur wie eine besonders dramatische Episode wirkt, man gerade die Hauptfigur von Alexandra Maria Lara aber auch gern davor und danach, z.B. bei ihrer Bewältigung des Erlebten, weiterbegleitet hätte. Man erhält im Abspann immerhin weiterführende Informationen zum Schicksal aller Protagonisten, wenngleich sich an dieser Stelle auch die Verwendung von Fotografien der „echten“ historischen Personen angeboten hätte – wenn schon nur, um aufzuzeigen, wie ähnlich ihnen optisch meist ihre Filmpendants sehen.

„Der Untergang“ gleicht dem sprichwörtlichen Ritt der Nazis auf einem toten Pferd. Oliver Hirschbiegel gelang eine emotional ergreifende Schilderung des absoluten Endes eines angeblich tausendjährigen Reiches nach zwölfjähriger Existenz. Szenen der Desillusionierung, der Verbissenheit und der stillen und lauten Verzweiflung werden jedem Zuschauer lang im Gedächtnis bleiben. 5 von 5 Punkten.

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