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Dieses Thema hat 2 Antworten
und wurde 151 mal aufgerufen
 Romane
Dr. Oberzohn Offline



Beiträge: 68

21.03.2018 17:29
Die Bande des Schreckens (1926) Zitat · antworten

Die Bande des Schreckens

Originaltitel: The Terrible People
Erstveröffentlichung: 1926

Hauptpersonen:

"Wetter" Arnold Long - Inspektor von Scotland Yard
Clay Shelton - Meisterfälscher und Mörder
Alicia Revelstoke - vermögende ältere Dame
Nora Sanders - Privatsekretärin bei Miss Revelstoke
Godley Long - Bankier und Vater von Arnold Long
Joshua Monkford - Bankier
Mr. Cravel - Hotelbesitzer mit zweifelhaftem Benehmen
Alicia Cravel - seine Schwester
Frederick Henry - strebsamer Rechtsanwalt
Jackson Crayley - schwächlicher Gartenbesitzer
Wachtmeister Rouch - Untergebener von Inspeltor Long
Oberst Macfarlane - Chef von Inspektor Long

Inhalt:

Englands Bankenwelt zittert vor Clay Shelton, dem meisterhaften Scheckfälscher. Scotland Yard braucht endlich einen Erfolg und setzt schließlich Inspektor Arnold Long auf den Schurken an, obwohl der noch recht junge Inspektor wegen seiner laxen Auslegung der Dienstvorschriften und rüden Ermittlungsmethoden eher berüchtigt ist. Der aufgrund einer Angewohnheit auch "der Wetter" genannte Kriminalist schafft tatsächlich auch bald das Unmögliche: Es gelingt ihm, Shelton in flagranti zu verhaften, wobei allerdings ein Polizist getötet wird. Kurz vor seiner Hinrichtung prophezeit der Verbrecher dem Inspektor Long sein baldiges Ende und auch das der anderen an seinem Tode Beteiligten. Kaum hat "der Wetter" Zeit, darüber nachzudenken, schon fliegen ihm die ersten Kugeln um die Ohren. Der Attentäter war ein ehemaliger Sträfling, der den Inspektor hasste und nach dem missglückten Mordanschlag selber erschossen wurde. Der Staatsanwalt, der Richter und der Henker von Clay Shelton sterben in der Folge an seltsamen Unglücksfällen, die Inspektor Long in akribischer kriminalistischer Polizeiarbeit als äußerst geschickt getarnte Mordanschläge entlarven kann. Bei seinen Vorgesetzten stößt er damit auf wenig Gegenliebe, sie halten die "Bande des Schreckens", die den Tod Clay Sheltons rächen will, für ein pures Hirngespinst. Daran ändern auch weitere Opfer im Umfeld von Sheltones Tod sowie mehr oder wenig komplexe Mordanschläge auf den wackeren Polizeiinspektor wenig. Immerhin bekommt er den Auftrag, den fröhlichen und beleibten Bankier Joshua Monkford zu beschützen, der maßgebend an Sheltons Verhaftung beteiligt war. Dessen Bekannte und Nachbarin, die ältliche Miss Revelstoke, hat eine junge und schöne Sekretärin. Es ist natürlich nur eine Frage der Zeit, dass die beiden jungen Menschen sich näher- und nahekommen. Miss Revelstoke ist davon gar nicht begeistert. Lieber hätte sie es gesehen, wenn Nora Sanders dem Werben von ihrem Rechtsanwalt Frederick Henry nachgegeben hätte. Doch die Ereignisse nehmen ihren verhängnisvollen Lauf. Die Beteilgten fahren in das Hotel von Mr. Cravel und seiner Schwester zum Golfspielen, ebenso wie der seltsame Mr. Crayley, auch ein Nachbar von Monkford und bei der Verhaftung von Shelton durch Zufall auch beteiligt (Ein bisschen viel Zufall...). Dabei schwebt über allen der drohende Schatten des hingerichteten Verbrechers - die "Galgenhand" sucht und findet weitere Opfer. Auch Nora Sanders wird in das undurchsichtige Spiel mit einbezogen, sie bekommt merkwürdige Geschenke verehrt und soll schließlich gar ein Millionenvermögen erben... Offenbar haben es die Bösewichter auch auf sie abgesehen, denn sie wird (nicht nur einmal) entführt und Inspektor Long hat alle Hände voll zu tun, sie zu retten, Anschläge auf sein Leben abzuwehren und das Geflecht der Beziehungen aller beteiligten Personen zu entwirren. Sogar sein eigener Vater scheint mehr zu wissen und dunkle Familiengeheimnisse zu verbergen, die den Fall in einem ganz anderen und für Inspektor Long unangenehmen Licht erscheinen lassen. Doch die Verbrecher fackeln nicht lange, und so kommt es letztendlich zum dramatischen Finale...

Bewertung:

Eigentlich hat die "Schreckensbande" alles, was einen guten Wallace ausmacht. Morde, Entführungen, ein schrecklicher Fluch, eine geheimnisvolle Organisation, rätselhafte Gestalten, einen beherzten Helden und eine verfolgte Unschuld, eingebettet in ein temporeiches Geschehen. Aber es gibt auch wieder die üblichen Unwahrscheinlichkeiten sowie ein zwar spannendes, aber doch sehr unwahrscheinliches Finale.
Zu Beginn des Buches und immer mal zwischendrin schildert der Autor die Flusslandschaft der Themse außerhalb Londons, an der viele Beteiligte ihr Grundstück haben. Die Naturbeschreibungen sind ihm wirklich sehr gut gelungen, man sieht, riecht und fühlt die Landschaft förmlich. Ein eigenartiger Kontrast zu der doch sonst recht düsteren Handlung. Der Autor hätte möglicherweise schon Talent zu Höherem gehabt...
Inspektor Long ist so ein richtig starker, männlicher Held, während Nora Sanders diesmal wirklich mehr die verfolgte Schönheit ist, die sich öfter mal retten lassen muss. So gut die Guten sind, so böse sind die Bösen. Der eifrige Wallace-Konsument wird schon lange festgestellt haben, dass die Anzahl der Leichen bei den Verfilmungen meist um einiges höher als in den Romanen ist. Die "Bande des Schreckens" allerdings mordet auch in der Romanvorlage tatsächlich recht unbekümmert. Dabei kommen allerlei gut durchdachte "Unfallszenarien" und technische Finessen (Mord im verschlossenen Raum) zum Einsatz, aber auch purer Meuchelmord aus dem Hinterhalt. Die Kontakte zur Unterwelt nimmt eine geheimnisvolle Gestalt mit der Bezeichnung "Der Professor" auf, dessen Identität schleierhaft ist. So nach und nach werden die Mitglieder der geheimen Rächergruppierung sowie auch ihr Motiv enttarnt (immerhin galt Clay Shelton bisher ja als Einzeltäter ohne Verbindungsleute). Aber wer ist der Chef ? Doch es gibt auch wenigstens eine eher tragische Figur, die zu den Untaten gezwungen wird und es nicht schafft, sich aus diesen Verstrickungen zu lösen. Bis zum bitteren Ende...
Inspektor Long erfährt mit der Zeit , dass er dem hingerichteten Fälscher samt seiner Gruppierung näher stand, als er es sich hätte träumen lassen. Denn auch sein Vater Godfrey Long, der reiche Bankier, hat seine Geheimnisse in der Vergangenheit. Eine typische Wendung für Edgar Wallace, die nun aber nicht unbedingt realistisch ist.
Der "Wetter", kein Frauenheld, fühlt sich nur langsam zu Nora Sanders hingezogen, wenngleich sie seine Gesellschaft sofort zu schätzen weiß. Doch die Gangster haben die Sekretärin der Miss Revelstoke in ihre Gewalt gebracht. Sie soll als Mittlerin zu einem Millionenvermögen fungieren, auch das wieder ein oft gebrauchtes Thema bei E.W. Außerdem wollen sie den armen Inspektor Long damit erpressen, dass er sozusagen zu seiner eigenen Beerdigung kommen soll. So findet denn das Finale im leerstehenden Golfhotel des Mr. Crayley statt. Und während die Schurken eifrig bemüht sind, dem armen Inspektor das Lebenslicht auszublasen, hat man das Gefühl, das halb London mal zwischendurch zu Besuch kommt. Ein einziges treppauf, treppab, hin und her. Alle Figuren schlagen irgendwann mal dort auf, werden niedergeschlagen, verstecken sich oder verschwinden einfach wieder. Das liest sich eher wie ein überkandideltes Theaterstück als ein doch ernst sein sollender Roman. Aber das ist natürlich wieder persönlicher Geschmack, vielen wird der Schlussteil, ähnlich wie im Film, besonders gut gefallen. Nachdem nun auch das Rätsel des Mordes im verschlossenen Raum geklärt wurde, was wieder mit einem Opfer einherging, gelingt dem "Professor" als Hauptübeltäter vorläufig die Flucht ins Ausland, doch auch dort ereilt ihn schließlich die Gerechtigkeit. Nach einigen dramatischen Wendungen kann Inspektor Long dann tatsächlich noch seine Nora heiraten und sich wieder mit seinem Vater aussöhnen. So ist auch bei der "Bande des Schreckens" schließlich alles gut ausgegangen...


Alles in allem ist die "Bande des Schreckens" ein temporeicher Thriller. Für den Wallace-Freund ein Muss !


Buch:

Nach der Goldmann-Ausgabe habe ich die Heyne-Übersetzung und ganz zum Schluss die Weltbild-Ausgabe gelesen. Hier merkt man wieder mal, wie sehr Goldmann nach dem Krieg mitunter die Romane verstümmelt hat. Die "Bande" ist wohl einer der krasseren Fälle. Also auf jeden Fall die Weltbild-Version lesen !


Verfilmung:

Als dritten Beitrag der offiziellen deutschen Edgar-Wallace-Reihe drehte Harald Reinl im Jahre 1960 "Die Bande des Schreckens". Hier wird zum ersten Mal der typische bizarre Grusel zelebriert, der die besten Filme der Serie ausmacht. Kleinere und größere Änderungen zum Roman hin lassen doch stets immer noch die Vorlage durchscheinen, es ist wohl noch eine recht werkgetreue Verfilmung. Es wird zumindest am Anfang größeren Wert auf die "Galgenhand" und den "Geist" von Clay Shelton gelegt, der an den Tatorten der Morde auftritt. Leider wurde dieses Motiv dann irgendwann fallengelassen, obwohl es gerade gute Gruselstimmung verbreitete. Ansonsten ist es der erste gemeinsame Auftritt von Joachim Fuchsberger alias Inspektor Long sowie Karin Dor als Nora Sanders in einem Wallace-Film. Frau Dor agiert hier fast noch als kleines Mädchen, so rein, lieb und unschuldig ist sie, wenngleich sie recht oft mit angstverzerrtem Gesichtsaudruck in die Kamera schauen muss. "Blacky" ist mal wieder der Held ohne Fehl und Tadel, manchmal gar mit einem recht bösen Spruch auf den Lippen. Eddie Arendt gibt den Polizeifotogafen Edwards, eine hinzugedichtete Figur, der aber trotz seiner Aversion gegen Leichen sogar recht tatkräftige Hilfe gibt. Elisabeth Flickenschildt als Mrs. Revelstoke setzt in Punkto kühler aristokratischer Überheblichkeit natürlich Akzente, Fritz Rasp gibt den geheimnisvollen Vater Godley Long, während Ulrich Beiger gewohnt schmierig-unsympathisch den Rechtsanwalt Mr. Henry mimt. Zu erwähnen sind noch der überängstliche Dieter Eppler als Jackson Crayley, die etwas anzügliche Karin Kernke als seine Geliebte Alice (eine Abweichung zum Buch) und der ruppig-böse Alf Marholm als Hotelbesitzer Cravel. Karl-Georg Saebisch hat eine Doppelrolle als Zwillingsbruderpaar Monkford darzustellen, was beide Male böse endet. Zu erwähnen ist noch die Musik von Heinz Funk, die die unheimliche Atmophäre gut unterstreicht. Einige Stellen des Films bleiben durchaus im Gedächtnis hängen, etwa wenn der "Geist" Clay Shelton mit erhobener "Galgenhand" vorne auf dem Bug einer Motorbarkasse steht und das Ruderboot der armen Karin Dor bzw. Nora Sanders rammt. Mehrere der Morde sind recht brutal in Szene gesetzt, zum Beispiel das Zu-Tode-Stürzen der verräterischen Alice in einen unfertigen Fahrstuhlschacht. Daneben gibt es gleich zu Anfang eine geradezu unglaublich schlecht gemachte Rückprojektion, als Inspektor Long über ein Nagelbrett fährt und mit dem Auto ins Schleudern kommt.
Bei der Verfilmung tritt noch viel deutlicher als im Buch die Unwahrscheinlichkeit zu Tage, dass sich alle Beteiligten irgendwie kennen und dann sogar noch im selben Golfhotel Urlaub machen. Eigentlich völliger Blödsinn, aber Logik ist nun mal nicht die Stärke dieser Art Filme. So muss denn auch trotz Wissens des Polizeichefs der geschundene Inspektor Long zum Schluss alleine gegen die Schurken im verlassenen Hotel kämpfen, wobei sie ihn schon x-mal hätten umbringen können, aber ähnlich wie bei James Bond soll es eben auf besondere Art geschehen, so dass er sie alle so nach und nach außer Gefecht setzen kann. Auch hier gibt es wie im Roman ein ziemliches Hin und Her mit verschiedenen Besuchern zwischendurch. Aber irgendwann sind die Bösewichter alle tot, die Polizei kommt auch hereingestürmt wenn alles vorbei ist, und Fotograf Edwards will nur noch Tiere und schöne Dinge anstatt Leichen fotografieren. Gerade das Ende des Filmes hat so richtigen Kultwert und zeichnet Harald Reinl eben auch als ewigen Heimatfilm-Regisseur aus, als nach all den düsteren Schrecknissen das junge glückliche Paar sorglos auf einer sonnenbeschienen Wiese umherturtelt, während über ihm sogar der hohe wolkenlose Schwarzweiss-Himmel förmlich blau herunterstrahlt und die Filmmusik alle Register des Kitsches zieht. Hier ist es noch einiges "schärfer" als beim Frosch mit der Maske, der ein ähnliches heimeliges Ende aufzuweisen hat. Aber dafür lieben wir die Filme doch gerade, oder ?
Immerhin, die "Bande des Schreckens" ist einer derjenigen Edgar-Wallace-Filme, die bei mir am häufigsten ihren Platz im DVD-Player finden. Einfach gut !

Count Villain Offline



Beiträge: 3.923

22.03.2018 11:39
#2 RE: Die Bande des Schreckens (1926) Zitat · antworten

Sehr schöne Rezension mal wieder.

Mit der Grundkonstellation der - mehr oder weniger - rasch erfolgenden Morde an einem bestimmten Personenkreis (und dem Motiv der Teilhabe an dem Tod einer bestimmten Person) kann der Roman meines Erachtens fast schon als Vorläufer des modernen Slashers gelten.

Gubanov Offline




Beiträge: 15.502

22.03.2018 15:28
#3 RE: Die Bande des Schreckens (1926) Zitat · antworten

Endlich ein Review zur "Bande des Schreckens" - ein Buch, das ich auch als eines der stärksten von Edgar Wallace einschätze. Es ist sehr spannungs- und abwechslungsreich und natürlich perfekt als Filmvorlage geeignet, hätte aber z.B. auch gut in die Hörplanet-Hörspielreihe gepasst. Auch mir ist bei der "Bande des Schreckens" der Kontrast aus einer recht schonungslosen Handlung und sehr stimmigen Schauplatzbeschreibungen aufgefallen; dadurch erhält das Buch eine herrlich frische, sommerliche Atmosphäre, die den Bodycount ein bisschen abmildert.

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