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Dieses Thema hat 4 Antworten
und wurde 216 mal aufgerufen
 Film- und Fernsehklassiker national
Percy Lister Offline



Beiträge: 3.547

10.03.2018 09:30
Grenzfälle (1980, TV) Zitat · antworten



BEWERTET: "Grenzfälle - Die verbotene Pflicht" (Deutschland 1979/80)
mit: Eva Renzi, Klaus Schwarzkopf, Dieter Schidor, Wolf von Gersum, Wolfram Schaerf, Pierre Franckh, Frank Straass, Ernst Dietz, Elisabeth Goebel, Dieter Ohlendiek, Astrid Nestvogel, Michael von Rospatt, Karl-Heinz Gerdesmann, Reiner Brönneke, Jochen Schroeder u.a. | Drehbuch: Paul Mommertz | Regie: Imo Moszkowicz

Die Journalistin Anna kehrt nach acht Tagen Aufenthalt in der DDR, wo sie ihren Vater besucht hat, in die Bundesrepublik zurück. Ihre inzwischen verstorbene Mutter und sie selbst sind bereits vor dem Mauerbau in den Westen geflohen. Nun stellt sie mit Entsetzen fest, dass ihr Bruder Hans in die Nationale Volksarmee eingetreten ist und als Wächter an der Grenze eingesetzt wurde. Anna sucht ihren väterlichen Freund Andreas auf, um mit ihm zu besprechen, inwiefern Hans einem Schießbefehl Folge leisten muss und welche Konsequenzen es für ihn nach juristischen Gesichtspunkten haben kann, wenn er diesen verweigert.

"Ich fürchte, dass deine Leser diese Geschichten nicht interessieren." Dieses bittere Fazit zieht Klaus Schwarzkopf in seiner Rolle als Andreas, nachdem er und Eva Renzi fast anderthalb Stunden lang über die rechtliche Situation einer DDR-Pflichtverletzung diskutiert haben. Anna, die investigative Journalistin, ist von der Beantwortung der Frage nach Schuld, Verantwortung und Verweigerungspflicht persönlich betroffen, da ihr Bruder Hans im Dienst der NVA täglich mit diesem Thema konfrontiert wird. Während Anna und Andreas die einzelnen Aspekte der Gefahren erläutern, denen Annas Verwandte im Osten fortwährend ausgesetzt sind, werden mögliche Handlungen ihres Bruders und ihres Onkels gezeigt. Parallel ruft Anna die Aussagen der von ihr befragten Rechtsexperten ab, die den jeweiligen Sachverhalt sowohl unter Anwendung des westdeutschen, als auch des ostdeutschen Rechts beurteilen. Annas Onkel Karl hat als Eisenbahner verbotenen Kontakt mit westdeutschen Zeitschriften und Presseerzeugnissen, welche von Reisenden aus dem Westen wissentlich oder unbeabsichtigt in den Abteilen zurückgelassen werden. Die Dienstvorschrift besagt, dass die Zeitungen einzusammeln und ungelesen abzuliefern sind, doch wer hält sich daran? Andreas der "täglich in einem Dutzend Zeitungen schwelgen kann", zeigt anfangs wenig Interesse an den Schilderungen seiner Besucherin. Er wirft ihr juristische Spitzfindigkeiten vor, hält sie für aktualitätssüchtig und ihre Sorgen für übertrieben. Sein anfängliches Desinteresse weicht jedoch bald einem aufmerksamen Zuhören, was durch die Einflechtung subtil bedrohlicher Beispiele aus dem Leben von Annas Verwandtschaft überzeugend untermalt wird. Während Hans Stein bei der theoretischen und praktischen Ausbildung den letzten Schliff als Soldat erhält, denkt ein Arbeitskollege von Onkel Karl an eine Flucht in den Westen. Die harschen Worte des militärischen Ausbilders ("Der Schuss auf den Grenzverletzer gilt einem Verräter.") hallen nach, während Anna immer wieder den inneren Kampf ihres Bruders aufzeigt, der in der NVA nicht auffallen, sich aber auch nicht groß hervortun will und nach seinem Eintritt in die Partei bei seinen Freunden unten durch ist. Stille Vergnügen wie ein biederer Tanzabend für Zivilisten und Uniformierte oder eine Tischtennispartie werden immer seltener und Hans lebt bald nur mehr zwischen Pflichterfüllung und Resignation. Onkel Karl, besonnen und vorausschauend, rebelliert schweigend und setzt sich keinen großen Gefahren aus, obwohl er sich insgeheim ebenfalls mit Fluchtgedanken trägt. Die Frage, wem man trauen kann und wer nur darauf wartet, einem zu schaden, um eigene Vorteile und eine fragwürdige Anerkennung zu erhalten, ist omnipräsent.



Zitat von Hamburger Abendblatt vom 30. Juni 1979
"Für Eva Renzi, die politisch ungeheuer engagiert und immer zu einem dialektischen Fight bereit ist, ein herrlicher Anlass, ihrem Steckenpferd die Sporen zu geben. Denn längst hat sie sich geschworen, vor der Kamera kein "kleiner, stummer Fisch" mehr zu sein, der dem Drehbuch schweigend gehorcht und den Weisungen des Regisseurs Imo Moszkowicz (früher Regie-Assistent bei Fritz Kortner und Gustav Gründgens) willfährig folgt. "Nach sechs Jahren schauspielerischer Abstinenz habe ich Wandlungen durchgemacht und meine Identität gefunden", sagt sie selbstsicher. (...) Regisseur Moszkowicz, der schon Filme wie "Max, der Taschendieb" mit Heinz Rühmann (...) inszenierte, wollte sie und nur sie haben. "Ich weiß, sie ist eine Nonkonformistin, und man muss ihre Ansichten filtern", grinst er. "Aber ich arbeite und streite gern mit ihr."


Dieter Schidor ist die Hauptfigur auf DDR-Terrain und zeigt den berühmten kleinen Mann, der politisch ignorant planlos durchs Leben geht und immer nur das tut, was ihm Autoritäten (familiärer oder gesellschaftlicher Art) raten. Unauffällig und still scheint er der geeignete Repräsentant des braven Befehlsempfängers zu sein, der seinem Vaterland in kritiklosem Gehorsam dient. Seine Ansprüche sind gering und sein Lebensplan unklar, weshalb er auch für seine Kameraden unzugänglich und weitgehend uninteressant wirkt. Sein introvertiertes Verhalten wird von seiner vorgesetzten Stelle als gleichmütige Zustimmung gewertet, weswegen man ihn immer mehr unter die Fittiche des Staats nimmt und die Kontrolle über ihn durch seine Aufnahme in die SED besiegelt. Pierre Franckh als sein Kamerad im Grenzeinsatz richtet es sich in seinem Beruf gemütlich ein, frönt weder einem übertriebenen Gehorsam, noch hält er eine militärische Karriere für besonders erstrebenswert. Sein Dilettantismus fällt nicht weiter auf, weil er keine unangenehmen Fragen stellt und vordergründig danach strebt, von der Politik nicht behelligt zu werden. Wolf von Gersum und Wolfram Schaerf sind die Juristen, die auf Abruf in kreisrunden oder rechteckigen Fenstern eingeblendet werden, um über etwaige rechtliche Unklarheiten Auskunft zu geben. Durch diesen optischen Kunstgriff werden Brüche vermieden, indem der Erzählfluss von Anna weiterlaufen kann, ohne durch einen Szenenwechsel gestört zu werden. Die Schlinge der potentiellen Bedrohung durch beabsichtigtes oder unbewusstes Fehlverhalten zieht sich auf diese Weise immer heftiger zu und lässt den Menschen im "Arbeiter- und Bauernstaat" kaum ein Schlupfloch offen. Gelöbnisse, Eide und Dienstvorschriften regeln das Leben der Bevölkerung; nun stellt sich die Frage, was das deutsche Recht dazu sagt. Das Grundgesetz garantiert die Freizügigkeit des Bürgers und unterscheidet dabei nicht nach Ost oder West. Andererseits muss dem DDR-Bürger bis zu einem gewissen Grad zugemutet werden, in seiner Heimat zu bleiben, wenn er nicht ausdrücklich politischer Verfolgung oder Repressalien ausgesetzt ist. Eva Renzi und Klaus Schwarzkopf werden immer ratloser, je tiefer sie in die Gesetzgebung und deren Auslegung vordringen, werden hier doch zahlreiche Widersprüche aufgezeigt, die dem DDR-Bürger das Leben noch schwerer machen und ihn so oder so den Kürzeren ziehen lassen. Hans Stein als Paradebeispiel für den verunsicherten Kleinbürger bleiben also genau zwei Möglichkeiten: dem Schießbefehl Folge zu leisten und mit militärischen Ehren dekoriert zu werden, aber mit der Schuld, einen Menschen getötet haben, zu leben oder danebenzuschießen und wegen Unfähigkeit und Befehlsverweigerung vor Gericht gestellt zu werden. Ebenso droht ihm im Westen Gefängnis, wenn er im Osten getötet hat. Ein Dilemma, das Anna und Andreas nicht lösen können und das deshalb wie eine unsichtbare Last im Raum stehen bleibt.

Zitat von GEO Epoche - Die DDR, Ausgabe 64/2013
"Längst hat in diesem Herbst 1981 die Endphase der DDR begonnen, eine Phase des ökonomischen Niedergangs, der kaum mehr zu bremsen ist - am wenigsten von Honecker, der allen Tatsachen zum Trotz immer noch davon überzeugt ist, auf dem richtigen Weg zu sein. Mit der DDR geht es langsam zu Ende, doch die Deutschen in Ost und West glauben eher an das Gegenteil. Die Westdeutschen haben sich weitgehend mit der Teilung abgefunden. Auf die Frage nach der wichtigsten Aufgabe der deutschen Politik nennt seit Mitte der 1970er Jahre nur ein Prozent die Wiedervereinigung, in den 1950er Jahren war es noch fast die Hälfte gewesen."

Prisma Offline




Beiträge: 7.541

10.03.2018 18:28
#2 RE: Grenzfälle (1980, TV) Zitat · antworten

Eine sehr schöne Vorstellung dieses vollkommen in Vergessenheit geratenen Beitrags. Gerade am Beispiel "Grenzfälle" kann man sehr gut sehen, dass Eva Renzis Filmografie bislang in allen Datenbanken nach wie vor lückenhaft ist, was jedoch den positiven Nebeneffekt mit sich bringt, dass immer wieder etwas Neues auftaucht, oder zumindest auftauchen könnte. Im Jahr 1974 hat Eva Renzi mit Regisseur Imo Moszkowicz ja auch den sehr unterhaltsamen Kurzfilm "Die Abwerbung" gedreht. Schön, dass er sich an sie und vor allem daran erinnerte, dass die Schauspielerin wie geschaffen für einen solchen Stoff gewesen ist. Gestolpert bin ich allerdings über die Aussage: "Nach sechs Jahren schauspielerischer Abstinenz", da ihre beiden Episoden zu "Das blaue Palais" 1976 entstanden sind. Danke jedenfalls für diese ausführliche Besprechung, die einen sehr lebhaften Einblick gewährt!

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.547

11.03.2018 14:15
#3 RE: Grenzfälle (1980, TV) Zitat · antworten



Eva Renzi als Anna Stein in "Grenzfälle - Die verbotene Pflicht"

"Eva Renzi hat die Angriffslust und die funkelnden Augen einer unberechenbaren Pantherkatze. Immer zum Sprung bereit." Das "Hamburger Abendblatt" berichtet in seiner Ausgabe vom 30. Juni 1979 über das Projekt "Grenzfälle" und schildert unter dem Titel "Die schöne Eva tritt wieder ins Scheinwerferlicht", warum die Schauspielerin die Rolle der Anna angenommen hat. Die Produktion wurde von den (Sand-)Stürmen der Zeit fast völlig begraben und taucht in der Filmbiografie von Eva Renzi nicht auf. Dank meiner intensiven Recherche bin ich unter dem Verweis auf jüdische Literatur in Westfalen auf die von der Hamburger Sator Film produzierte Lehrstunde in Sachen DDR & Recht aufmerksam geworden. "Wenn's um ihr soziales Engagement, um Emanzipation, Umweltschutz oder Giftmüll geht, wettert sie, dass die Fetzen fliegen." Drei Jahre nach den kontroversen Diskussionen im "Blauen Palais" vertritt Eva Renzi als Journalistin Anna leidenschaftlich und dennoch sachlich argumentierend ihren Standpunkt. Man merkt sofort, dass ein Leben in der DDR für die freiheitsliebende, unangepasste Frau der absolute Alptraum wäre. Umso nachdrücklicher und glaubwürdiger ist ihr Einsatz für jene, die keine Wahl haben und sich täglich mit den Gegebenheiten in Honeckers "Arbeiter- und Bauernparadies" auseinandersetzen müssen. Erschöpft lässt sie sich nach ihrer Rückkehr aufs Sofa fallen, tauscht den Rock gegen eine Hose aus, entledigt sich des Jacketts und krempelt die Ärmel ihrer Bluse hoch.

Bequem muss es sein, ein Glas Wein hilft gegen die trockene Kehle und das aufmerksame Ohr ihres Gegenübers Klaus Schwarzkopf lässt sie unumwunden loslegen. Das offene Gesicht mit den klaren, dunklen Augen blickt seinen Gesprächspartner fragend an; ein bitteres Lächeln umspielt für Sekundenbruchteile die entschlossenen Lippen und der Blick fällt ins Leere. Die Gedanken schweifen zurück zu dem gerade Erlebten, rekonstruieren Dialoge und Beobachtungen und analysieren parallel die Auswirkungen, die ihr Verhalten und vor allem jenes des Bruders auf die Zukunft haben wird. Immer wieder sucht die Kamera das schöne Gesicht der Berlinerin, zeigt Großaufnahmen ihrer Gefühls- und vor allem Gedankenregungen und macht sie zur Fürsprecherin ihres Bruders und Vertreterin der freien Welt. Die Rolle fordert sie und gibt ihr viel Raum, ihre Intellektualität unter Beweis zu stellen. Die Fassungslosigkeit über die Oberflächlichkeit und Gleichgültigkeit, mit der viele Bundesbürger ihrem Nachbarland begegnen, steht der Schauspielerin im Gesicht geschrieben. Halbherziges Übertünchen von Problemen (wie z.B. beim Besuch von Kanzler Helmut Schmidt in Güstrow, Mecklenburg am 13. Dezember 1981, als Häuserfassaden hastig frisch gestrichen wurden und die Besucher des Weihnachtsmarkts von der Stasi und Angehörigen des Militärs gestellt wurden) ist nicht ihre Sache. Eva Renzi bevorzugt Klartext. Der kultivierte Umgangston, den sie und Schwarzkopf pflegen, verhindert, dass die Tigerin in ihr geweckt wird, wie es in "Friedenspolka"(1987) der Fall sein wird, als Braun und Westphal sie provozieren.

Georg Online




Beiträge: 2.959

26.05.2018 18:42
#4 RE: Grenzfälle (1980, TV) Zitat · antworten

Ein sehr gelungener TV-Film, der sich von seiner Thematik gekonnt in BRD- / DDR-Filme à la Sonderurlaub (1963, Regie: Rainer Erler, mit Fritz Wepper), Fluchtversuch (1964, Regie: Theo Mezger) oder Preis der Freiheit (1966, Regie: Egon Monk) einreiht.

Interessante Erzählführung - es könnte auch ein Theaterstück sein: Ein Mann und eine Frau unterhalten sich, alles andere sieht man in Rückblenden. Das Gespräch zwischen Eva Renzi und Klaus Schwarzkopf entwickelt sich extrem spannend; die Filmszenen, die in der DDR spielen, verstärken diese Sequenzen. Eine damals recht häufige Thematik und Problematik wird aufgegriffen. Imo Moszkowicz inszeniert gewohnt sachlich und nüchtern, aber nie langweilig. Dieter Schidor als Grenzsoldat ist eine Idealbesetzung. Sehr gutes Fernsehen, zu Unrecht vergessen, sehenswert durch Schwarzkopf, Renzi und Schidor!

Weiterführende Links mit Inhaltsangaben, Besetzung, Kritiken usw. zu den erwähnten Filmen:

  • Sonderurlaub (Link)
  • Fluchtversuch (Link)
  • Preis der Freiheit (Link)

Georg Online




Beiträge: 2.959

04.07.2018 20:45
#5 RE: Grenzfälle (1980, TV) Zitat · antworten

Zitat von Georg im Beitrag #4
Fluchtversuch (1964, Regie: Theo Mezger)

Weil ich's gerade gesehen habe: Dieser Film ist bei Pidax im Moment um 3,90 Euro zu kaufen; wahrscheinlich die letzte Gelegenheit, den Film zu sehen, bevor er ausverkauft ist. Wer am Thema Ost-West-Flucht grundsätzlich interessiert ist, kann hier getrost zuschlagen.

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