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 Romane
Dr. Oberzohn Offline



Beiträge: 58

11.12.2017 20:05
#1 Treffbube ist Trumpf (1920) Zitat · antworten

Heute mal wieder ein Beitrag für die Roman-Front: Treffbube ist Trumpf

Treffbube ist Trumpf

Originaltitel: Jack O’Judgement
Erscheinungsjahr der Erstveröffentlichung: 1920

Hauptpersonen:

Stafford King - Inspektor von Scotland Yard
Oberst Dan Boundary - Chef einer Verbrecherorganisation
Salomon White - ehemalige rechte Hand Boundarys
Maisie White - seine Tochter
Pinto Silva - Gehilfe von Boundary
Raoul Pontarlier - Gehilfe von Boundary
„Geschniegelter“ Crewe - Gehilfe von Boundary
Lollie Marsh - Gehilfin von Boundary
Stanley Bescom - Polizeipräsident von London

Inhalt:

„Koks-Gregory“, ein ziemlich lasterhafter junger Mann, liegt ermordet im Rinnstein. In seiner Tasche findet sich neben Kokain noch eine Spielkarte mit dem Treffbuben darauf. Auf der Suche nach seinem Mörder wird schnell bekannt, dass er auch für den zwielichtigen Oberst Boundary arbeitete. Der Leser erfährt bald, was der ominöse Oberst wirklich ist, nämlich so eine Art englischer Mafia-Boss, der ein ausgeklügeltes System von Erpressungen und Drohungen dafür benutzt, sich schamlos zu bereichern und Macht und Einfluss in der Gesellschaft zu gewinnen. Als Hilfe dient ihm die sogenannte Boundary-Kolonne, ein Kreis ebenfalls wenig ehrenwerter Männer und Frauen. Weder der berühmte Scotland-Yard-Inspektor Stafford King noch sein Vorgesetzter, der Polizeipräsident Stanley Belcom, können etwas gegen die Machenschaften dieser Gesellschaft ausrichten, wobei auch aussagewillige Zeugen sogar noch im Gerichtssaal kurzerhand beseitigt werden. Hat auch „Koks-Gregory“ zu viel gewusst?
Doch Oberst Boundary und seine Mitstreiter sehen sich plötzlich einem ernstzunehmenden Widersacher gegenüber. Eine maskierte Gestalt namens „Treffbube“ stellt sich dem kriminellen Treiben entgegen, vereitelt weitere Pläne und Erpressungen Boundarys und nimmt auch das Gesetz gänzlich in die Hände, indem er rücksichtslos Selbstjustiz an Boundarys Anhängern übt. Zu denen zählt, zumindest eine Zeit lang, auch Salomon White, der eine schöne Tochter mit Namen Maisie hat. Zwischen Maisie und Inspektor Stafford King entwickelt sich die unvermeidliche Wallacesche Liebesgeschichte, trotz aller Verwicklungen und Missverständnisse. Es gibt weitere Opfer, doch die Boundary-Kolonne beginnt aufgrund der Aktionen des unbekannten Rächers, aber auch der legalen Polizeiermittlungen allmählich auseinanderzufallen. Schließlich stehen sich Oberst Boundary und sein mysteriöser Widersacher Aug in Auge gegenüber ...

Kritik:

Dieser Roman dürfte hierzulande einer der eher unbekannten des Autors sein. Dabei gibt es wesentlich schlechtere Werke aus Wallace‘ Feder. Richtig gut ist er, wo er das Wirken von Boundary und seiner Verbrecherorganisation beschreibt. Die ausgeklügelte Art, wie Boundary von vermögenden und einflussreichen Personen in ganz England (aber auch außerhalb des Landes) Geld erpresst und sich dabei auch noch innerhalb der Gesetze bewegt, wie er aber auch versucht, politische und gesellschaftliche Einflussnahme zu praktizieren, wie er eiskalt im Polizeipräsidium ein- und ausgeht und letztlich auch skrupellos missliebige Menschen aus dem Weg räumen lässt – das alles hat der alte Krimimeister recht eindrucksvoll und überzeugend beschrieben (Überhaupt sind ihm solche Bösewichter oft besser gelungen als ihre etwas lahmen Gegenspieler auf Seiten der Polizei). Auch kurz nach dem ersten Weltkrieg hat es auch in England offenbar eine gut organisierte Kriminalität gegeben. Hier liest sich die Geschichte doch recht realistisch.
Leider ist der große unbekannte Rächer des Romans, der „Treffbube“, eine vollkommen verunglückte und alberne Figur geworden. Was beim „grünen Bogenschützen“ ein paar Jahre später noch halbwegs bekömmlich herüberkam, wirkt beim Treffbuben wie eine überzogene amerikanische Comic-Figur. Er trägt eine blödsinnige Maske und einen weiten Mantel. Er geht in Boundarys Haus einfach um wie er will, lacht und kichert und belauscht die Bande offensichtlich auch mittels geheimer Apparaturen, und das Seltsame ist, dass das alles niemand so recht zu verwundern oder zu beunruhigen scheint. Und die am Schluss gelüftete Identität des einsamen Rächers ist aufgrund der öffentlichen Stellung der Person sehr unglaubhaft, wenngleich das Motiv für seinen Kampf gegen Boundary befriedigend geklärt wird.
Die anderen Mitglieder aus Boundarys Organisation sind mit den üblichen Klischees behaftet: der verschlagene und eitle Südländer; der vom rechten Wege abgekommene Engländer, der dann doch noch Reste eines Gentlemans in sich spürt; auch die kaltschnäuzige „femme fatale“ ist vertreten, die dann doch im Herzen ein braves Mädchen geblieben ist … Auch die Guten sind wie üblich gezeichnet. Stafford King ist der typische Saubermann-Kriminalinspektor, Maisie White eine junge Frau, die immer mal gerettet werden und die akzeptieren muss, dass ihr geliebter Vater seine dunklen Seiten hatte. Immerhin ist sie keine unverhoffte Millionenerbin. Und der Polizeipräsident Sir Stanley Bescom hat nicht ganz die üblichen tugendhaften Ansichten von Recht und Gesetz wie die meisten anderen Polizisten in Wallace-Romanen, seine Ansichten von Selbstjustiz in bestimmten Fällen würden heutigen Gutmenschen Schreckensschauer über den Rücken jagen…
Alles in allem ist das Buch sicher kein Meisterwerk, doch zumindest Fans von Edgar Wallace sollten es unbedingt mal gelesen haben.

Buch:

Gelesen habe ich die Sammler-Edition von Weltbild (zusammen mit dem Roman „Käthe und ihre Zehn“). Der Roman hat dort etwa 210 Seiten. Die altmodische Übersetzung ist etwas gewöhnungsbedürftig.

Verfilmung:

Eine deutsche Verfilmung des Stoffes existiert nicht. Irgendwie erinnert die Handlung des deutschen Wallace-Films „Der Hexer“ von 1964 doch zumindest in Teilen an „Treffbube ist Trumpf“. Der Bösewicht Maurice Messer mit seiner Organisation im Film ist Oberst Boundary viel ähnlicher als dem schmierigen Rechtsanwalt im Hexer-Roman, auch wie er z.B. seine Komplizen aus dem Wege räumt. Aber diese Ähnlichkeit ist wohl nur Zufall.

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