DER VIERECKIGE SMARAGD, Original: The Square Emerald, 1926, dt. Übersetzung Der viereckige Smaragd von Ute Tanner für den Scherz Verlag, 2. Auflage 1988.
Inhalt:
Leslie Maughan ist eine der wenigen Frauen bei Scotland Yard und darf als Kriminalassistentin sogar Ermittlungen leiten. Gemeinsam mit ihrem Vorgesetzten und väterlichen Vertrauten Chefinspektor Coldwell hat sie schon so manches Verbrechen aufgeklärt. Ihr neuer Fall stellt jedoch alles bisher Dagewesene in den Schatten: Wieso hat die steinreiche Lady Jane Raytham auf einen Schlag 20.000 Pfund von ihrem Konto abgehoben? Leslie wittert ein Verbrechen, aber die Lady weist sie kühl und barsch ab. Und doch spürt die junge Ermittlerin die Unsicherheit und Angst der adeligen Dame. Doch sie und ihre Freundinnen Anita Bellini und Greta Gurden mauern. Besonders fröstelt Leslie allerdings die Begegnung mit Lady Raythams unheimlichen Butler Anthony Druze, der eine bedrohliche Präsenz in jedem Raum zu sein scheint. Zeitgleich wird Peter Dawlish aus dem Zuchthaus Dartmoor entlassen. Er hatte Lord Everreeds Unterschrift auf einem Scheck gefälscht. Pikanterweise war Druze zu jener Zeit der Diener des Lords, verlies jedoch bald darauf seinen Dienstherren, um im Hause Raytham eine Stellung anzunehmen. Leslie glaubt eine Verbindung zwischen Dawlish, Druze und der vermuteten Erpressung an Lady Raytham zu erkennen, kann aber nichts beweisen. Sie macht die Bekanntschaft von Dawlish und stellt ihn unter Beobachtung. Dawlish treibt der Hass auf Druze. Die Kriminalassistentin hat eine böse Vorahnung, die sich - schneller als ihr lieb ist - bewahrheitet. Auf der Rückfahrt von einem nächtlichen Einsatz entdecken Coldwell und Leslie eine Leiche am Straßenrand. Es ist Druze, noch aschfahler als im Leben. Der Ermordete umklammert mit seiner starren Faust einen prächtigen viereckigen Smaragd. Dessen Besitzerin kennt Leslie nur zu gut ...
Besprechung:
Der Roman entstammt der Hochzeit von Wallace` Schaffen – dem Jahr 1926 – und ist trotzdem dafür erstaunlich vielseitig und qualitätsvoll ausgefallen. Aufgrund des enormen Ausstoßes an Werken des Altmeisters Mitte und Ende der Zwanziger Jahre neigen viele Bücher aus dieser Zeit zum Mittelmaß und weisen parallele Strickmuster und Figuren auf. Der vorliegende Roman ist da eine herausragende Ausnahme, ist er doch nicht nur mit einer spannenden und frischen Handlung ausgestattet, sondern auch in den Details sichtlich raffinierter angelegt als viele andere Werke der gleichen Periode. Es gibt praktisch keine Zufallsbekanntschaften oder plot-irrelevante Nebenfiguren. Alle Personen stehen in Verbindung miteinander, was beständig zu Konfliktsituationen und Enthüllungen führt. Wieder einmal bestätigt sich Wallace` meisterhafte Fähigkeit auf Basis eines Mordes eine spannende Geschichte rund um verwinkelte Geschehnisse der Vergangenheit, Abhängigkeiten und Familiengeheimnisse zu entwickeln.
Tatsächlich dauert es bis zum Schluss bis der Leser wirklich völlig im Bilde ist. So geschickt hat der Autor die Handlungsstränge verwoben und eine Struktur geschaffen, bei der dem uninformierten Erstkonsumenten beständig eine Enthüllung nach der anderen präsentiert wird. Am Ende fügt sich alles mustergültig und logisch zu einem großen Ganzen zusammen, wodurch ausgehend von einer Erpressung und einem Mord sich den Ermittlern in der Summe schließlich das Schicksal gleich mehrerer Familien offenbart. Freilich kann der Leser auch bei diesem Roman manche Rätsel schnell selbst lösen, aber die Geschichte ist – wie erwähnt – so wunderbar konstruiert, dass man auch manche Überraschung erlebt, bevor sich im Finale dann alles ganz harmonisch verdichtet. Es dürfte sich daher insgesamt um ein Werk aus dem besseren Drittel von Edgar Wallace` Gesamtwerk handeln; ob es vielleicht sogar zu den allerbesten Büchern gehört, ist sicherlich Geschmackssache. Für mich persönlich ist es auf jeden Fall ein würdiger Top Zehn-Titel.
Mit den größten Gewinn stellen die Charaktere dar, die individueller und lebendiger erscheinen als viele andere aus dem Wallace-Kosmos. Die größte Überraschung ist sicherlich Leslie Maughan. Eine Frau als Ermittlerin! Das ist unter den vielen Erbinnen und bedrohten Schönheiten wirklich mal eine Ausnahme, zumal die Figur auch im Verhalten gänzlich anders auftritt als fast alle sonstigen Wallace-Heldinnen. Selbstsicher, scharfsinnig und abgeklärt begegnet Leslie ihren Gegnern – egal welchen Geschlechts. Demgegenüber tritt ihr väterlicher Freund und Vorgesetzter Coldwell fast in den Hintergrund. Am Ende ist es wirklich hauptsächlich Leslie, die das heimtückisch gesponnene Netz der Verschwörer zerreißt. Der Sträfling Peter Dawlish wird zunächst als typischer Verlierer eingeführt, der sich dann im Laufe der Handlung zu einem besseren Menschen mausern darf. Eine wunderbar morbid-unheimliche Erscheinung ist da – wenn auch nicht allzu lang als handelende Person aktiv – der hinterhältige Butler Druze, dessen Ränke aber bis zum Schluss eine Rolle spielen. Ansonsten gibt es mit Lady Jane Raytham, Anita Bellini und Greta Gurden noch eine ganze Reihe an gestandenen Damen, die Geheimnisse und Abhängigkeiten aneinander ketten. Besonders Raytham und Bellini werden geradezu spiegelbildlich aufgebaut. Auch Nebenfiguren wie Margaret Dawlish und Mrs. Inglethorne sind sehr schön und plastisch von Wallace gezeichnet.
Fazit:
Ein hervorragender Roman, der nicht nur mit seinem ungewöhnlichen Alleinstellungsmerkmal des weiblichen Ermittlers, sondern auch mit einer doppelbödigen Handlung und vielseitigen Figuren bestechen kann. Der Thrill ist zwar merklich gedrosselt, aber die immer neuen Enthüllungen und atmosphärischen Milieuschilderungen halten den Leser mühelos bei der Stange. Am Ende führt ein temporeiches Finale alle Handlungsstränge geschickt zusammen. Summa summarum ein Werk, das sich mit gutem Recht unter die gelungensten Romane des Altmeisters mit einreihen darf.
Vielen Dank an dieser Stelle an Mr. Igle! Ich finde deine Buchbesprechungen wirklich großartig.
Ich bin ja immer auf der Suche nach geeigneten Vorlagen für unsere Wallace-Hörspielreihe und da sind diese Besprechungen als Hinweis tatsächlich sehr hilfreich und interessant. Tatsächlich lese ich auch gerade genau diesen Roman ("Der viereckige Smaragd"), stecke aber noch im ersten Drittel.
Dank auch von meiner Seite. Die ausführlichen Besprechungen sind eine tolle Bereicherung.
An dieser Stelle allerdings eine Frage an @Mr. Wooler:
Du bist ja regelmäßig mit der Stoffauswahl für die Hörspiele beschäftigt und liest unter diesem Kriterium sicherlich einige Wallace-Romane. Manche Bücher scheiden wahrscheinlich schon alleine deshalb aus, weil sie formal nicht zum Konzept der Hörspielserie passen (etwa lose Kurzgeschichtensammlungen). Andere würden einfach nicht die Erwartung der Käufer erfüllen (Edgars Unterhaltungsromane, Utopie-Geschichten und dergleichen). Darüber hinaus gibt es aber sicherlich viele Romane, die zunächst einmal grundsätzlich ins Raster zu passen scheinen, dann aber aus verschiedenen Gründen ausscheiden oder sich eben besonders empfehlen. Welche Erfahrungen hast du dabei gesammelt und welche Kriterien haben sich dabei als besonders wichtig erwiesen?
zunächst mal vielen Dank für deine Frage. Als ich mich seinerzeit mit den Jungs vom Hörplaneten getroffen habe, um die neue Wallace-Hörspielreihe zu planen, waren wir uns schnell einig, dass wir die Wallace-Romane relativ originalgetreu vertonen wollen. Gleichzeitig sollen aber auch die Anforderungen "Spannung" und "Grusel" nicht zu kurz kommen (so wie man es eher aus den Verfilmungen kennt). Die Stoffe sollten möglichst ein interessantes Setting bieten, das eine abwechlungsreiche Hörspielkulisse ermöglicht. Meine Aufgabe ist es daher im ersten Step, solche Wallace-Vorlagen zu sichten, die von sich aus bereits möglichst viel von diesen Faktoren mitbringen. Ich habe mich von Anfang an dafür ausgesprochen, dass wir mit unserer Hörspielreihe nicht schon wieder mit dem Hexer beginnen, und über den Frosch und die toten Augen dann zum Gasthaus gelangen. Bedeutet nicht, dass wir diese Klassiker nicht auch noch bringen werden, mir war es jedoch von Anfang an wichtig, dass wir auch andere, noch relativ unbekannte Stoffe von Edgar Wallace bringen. So war beispielsweise "Der Unhold" unsere Auftaktfolge. Die Geschichte bietet ein spannendes Setting, tolle Hörspielkulissen und eine, wie ich finde, wendungsreiche Geschichte. Auch "Der grüne Brand" gehörte von Anfang an zu meinen Favoriten, da ich den Roman sehr fesselnd fand und er auch eine angenehme Abwechslung zu Wallaces anderen Romanen bietet.
Ich lese momentan nicht so viel, wie es eigentlich nötig wäre, daher greife ich z. B. gerne auf die Buchbesprechungen hier aus dem Forum zurück. Es gab bereits Romane, die ich angelesen und dann weggelegt habe, weil ich einfach keinen Zugang dazu bekam. Vielleicht war ich auch nicht geduldig genug. Ein Beispiel dafür war der Roman "Töchter der Nacht". Bei der Auswahl der Stoffe ist mir generell ein abwechslungsreicher Mix wichtig. D. h. einem Klassiker sollte ein etwas unbekannterer Stoff (aber nicht minder spannend) folgen. Aus diesem Grund haben es bereits die Romane "Das geheimnisvolle Haus" und "Feuer im Schloss" in unsere Serie geschafft.
Es ist also von meiner Seite immer ein Antesten eines Romans. Bekomme ich beim Lesen einen Zugang dazu und kann mir eine Hörspielumsetzung gut vorstellen, dann mache ich mich auch unmittelbar nach dem Lesen an die Adaption des Romans. Will sagen, es liegt also auch immer ein bisshen an meiner persönlichen Tagesform. Denn nur wenn mir ein Roman spannend erscheint, kann ich ihn auch (hoffentlich) spannend als Hörspiel umsetzen. Wenn ich daran aus irgendeinem Grund Zweifel habe, lege ich den angelesenen Roman lieber beiseite und wähle einen anderen aus. Zum Glück ist der Wallace-Fundus ja noch sehr groß.
Ausschließen würde ich in der Tat zunächst mal Wallaces heitere Romane, bzw. auch utopische Geschichten, die einfach nicht in unser obiges Raster passen und auch nicht zu dem, was der Käufer des Hörspiels sich erwartet, wenn er den Namen "Edgar Wallace" liest.
Die Kurzgeschichtensammlungen würde ich per se noch nicht völlig ausschließen. Ich denke schon, dass da die eine oder andere Geschichte dabei ist, die sich auch als Hörspiel lohnen würde, wenn man sie ggf. noch etwas weiter "ausspinnt". In jedem Fall hoffe ich aber, dass unsere Reihe noch lange weiter läuft und ich noch viele Hörspiele nach Edgar Wallace präsentieren darf.
Vielen Dank für das Lob. Es freut mich, dass euch die Besprechungen gefallen. Wenn ich flink genug bin, geht es möglicherweise schon am Aschermittwoch weiter.
Kürzlich hatte ich endlich Gelegenheit, diesen oft gelobten Roman zu lesen. Wirklich eine interessante Lektüre, da der Autor hier in manchen Punkten von seinem üblichen Schema abwich bzw. dieses originell variierte!
Leslie Maughan ist wirklich eine sehr interessante Figur, gerade wegen ihrer verbalen Schlagfertigkeit; die Szenen, in denen sie sich mit ihren Widersacherinnen Wortgefechte liefert, lasen sich sehr erfrischend. Fast bedauert man es, dass Wallace diese Figur nicht später noch einmal aufgriff; aber aufgrund der Konstellation am Ende des Romans wäre das kaum möglich gewesen. Trotz allem widerstand man aber der Versuchung, die Ermittlerin zu einer Mary Sue zu machen. Vielmehr fällt bei der Figurenkonstellation von Leslie Maughan, Peter Dawlish und Chefinspektor Coldwell auf, dass jede der drei Personen über bestimmte Informationen verfügt, die die beiden anderen nicht haben und ihnen daher nur in bestimmter Hinsicht einen Schritt voraus ist. Themen wie Erpressung von respektablen Personen mit dunkler Vergangenheit oder die Suche nach verschollenen Erben, die nicht von ihrem Glück ahnen, waren im Wallace-Kosmos ja gängig, werden hier aber (wie erwähnt) deutlich variiert. In einem anderen Zusammenhang wurde bereits vermutet, dass dem Autor aufgrund eigener Erlebnisse das Schicksal adoptiert Kinder sehr nahegegangen sein dürfte. In diesem Fall widmet er sich dem Thema (und der Ausbeutung von Kindern) sehr intensiv, weshalb man sich teilweise eher wie bei Charles Dickens fühlt. Ein Fest für auf "wokes" Denken getrimmte Leser wären sicher manche ungewohnte Geschlechterrollen bzw. das Spielen mit diesen: Eine Ermittlerin war zu diesem Zeitpunkt sicher sehr originell, sie wird vor ihrem ersten Auftritt ja auch aufgrund der Visitenkarte für einen Mann gehalten und trägt einen Vornamen, der im Englischen sowohl männlich aus auch weiblich sein kann. Eine wichtige Rolle bei der Suche nach der vermissten Person spielt ein Betrug, der in Bezug auf deren Geschlecht betrieben wurde, bei einer anderen Figur handelt es sich um eine als Mann verkleidete Frau. Gut, die eine "Enthüllung" war nun wirklich SEHR vorhersehbar, aber die andere hat mich beim Lesen fast umgehauen, obwohl es kaum vorstellbar ist, dass eine solche Täuschung real so lange gewirkt haben soll. Und auf der "bösen" Seite ist eine der Frauen in ihrem Habitus betont "männlich" gezeichnet. Aber jenseits von diesem Thema war eine andere interessante Variante, dass eine Figur auf der Gegenseite nicht nur "geläutert" wird (das kennt man bei diesem Autor ja), sondern zusätzlich nach anfänglicher Abneigung Sympathie für jemanden von den "Guten" entwickelt. Auch gibt es (wie bei der "seltsamen Gräfin") sowohl innerhalb der Romanhandlung als auch bei ihrer Vorgeschichte keinen wirklichen Mord, da der Tod von Druze nicht unbedingt als solcher zählt. Wallace-typisch wirken dafür die "exotischen" Hnadlanger, die diesmal auf Indonesien stammen. Allerdings sind diese innerhalb der Handlung fast Fremdkörper und machen den Eindruck, der Autor habe sie nur eingebaut, weil er eine "physische" Bedrohung brauchte. Bei dem Mordanschlag auf Peter Dawlish zu Beginn kam mir ein Verdacht: Ob Egon Eis sich hier eventuell bedient haben könnte, als er in seinem Drehbuch zur "weißen Spinne" eine Drahtschlinge zur wichtigsten Mordwaffe machte? Ab und an wurden ja auch bei Rialto Motive eingebaut, die zwar von Edgar Wallace stammte, aber nicht unbedingt aus der "offiziellen" Vorlage ("Narzissen", "Orchidee", "Zinker").
Eine Kleinigkeit:
Zitat von Mr. Igle im Beitrag #1Es gibt praktisch keine Zufallsbekanntschaften oder plot-irrelevante Nebenfiguren. Alle Personen stehen in Verbindung miteinander, was beständig zu Konfliktsituationen und Enthüllungen führt. Wieder einmal bestätigt sich Wallace` meisterhafte Fähigkeit auf Basis eines Mordes eine spannende Geschichte rund um verwinkelte Geschehnisse der Vergangenheit, Abhängigkeiten und Familiengeheimnisse zu entwickeln.
Ein Wermutstropfen war für mich die Szene im ersten Drittel, als ein Constable Dawlish nach dem gescheiterten Mordanschlag ausgerechnet zum Haus von Mrs. Inglethorne bringt, was sowohl in Bezug auf die Verbindungen der Figuren untereinander als auch auf den weiteren Verlauf der Handlung von enormer Bedeutung ist. Hier hatte ich fest damit gerechnet, dass sich später herausstellen würde, dass dies kein Zufall war (etwa durch Bestechung des Polizisten); aber zumindest in der mir vorliegenden Fassung war davon nicht die Rede.
Insgesamt wirklich ein gutes Beispiel dafür, dass auch ein Vielschreiber seine Strickmuster variieren kann, ohne die Leserschaft dabei zu verprellen!
Zitat von Savini im Beitrag #6sie wird vor ihrem ersten Auftritt ja auch aufgrund der Visitenkarte für einen Mann gehalten
Kleine Selbstkorrektur: aufgrund der Unterschrift in einem Brief Kleine Ergänzug: Angesichts eines Dreiecksverhältnisses rechnete ich beim Lesen fest damit, dass dieses am Ende durch den Tod einer bestimmten Figur aufgelöst würde, um das zu erwartende Ende zu ermöglichen. Interessanterweise entschied sich der Autor hier für einen anderen Weg.
Zitat von Savini im Beitrag #6Kürzlich hatte ich endlich Gelegenheit, diesen oft gelobten Roman zu lesen. Wirklich eine interessante Lektüre, da der Autor hier in manchen Punkten von seinem üblichen Schema abwich bzw. dieses originell variierte!
Tatsächlich ein außergewöhnlicher Roman von Wallace. Ich habe den bisher zweimal gelesen, beides vor längerer Zeit, meine Erinnerung ist nicht mehr so ganz genau. Kann mich nur erinnern, dass beim zweiten Mal der Glanz ein wenig verblasste, da mir zahlreiche typische Schwächen aufgefallen sind. Dazu zählt der von Dir angesprochene sehr unwahrscheinliche Zufall mit dem Haus von Inglethorne. Wallace-Typisch! Leslie Maugham ist nach der inoffiziellen Polizeiagentin Thalia Drummond im Roten Kreis sicher die erste oder einer der ersten weiblichen Polizisten, die von Edgar Wallace ins Rennen geschickt worden. Auch bei Das Verrätertor gab es eine ältere langjährige und erfahrene Polizistin, Mrs. Ollroyd, und irgendwie auch später noch tauchte der Typus Kriminalbeamtin bei Wallace auf, ich glaube z.B. in Der Dieb in der Nacht. Wobei man sagen muss, dass Ermittlerinnen im Dienst der Polizei oder auch privat damals kein literarisches Novum waren. Die Romane von Anna Katherine Greene, Mary Roberts Rinehard, Patricia Wentworth fallen mir da ein, sicher gibt es noch sehr viele andere und mittlerweile vergessene Beispiele. Interessant finde ich auch die Figur von Peter Dawlish, der männliche Hauptdarsteller auf der guten Seite. Ein geschiedener Mann, sogar Vater einer kleinen Tochter, wie sich herausstellt, der auf dem besten Weg ist, ins komplette soziale Abseits abzurutschen und sich erst mal selber fangen muss. Gewissermaßen schon ein gebrochener Held und kein Superstrahlemann-Scotland-Yard-Inspektor. Oder die von einer weiblichen Hauptperson abhängige Gesellschaftsdame, deren Verhältnis zueinander der Autor gut eingefangen hat. Die schlechte Behandlung von Kindern, mit diesem Thema war es Wallace wohl wirklich ernst. Das eigene, meist gut verdrängte Elend des in einfachsten Verhältnissen aufgewachsenen Adoptivkindes muss ihn wohl beschäftigt haben. Seinen eigenen Kindern scheint Wallace ja bei allen seinen Fehlern ein liebevoller Vater gewesen zu sein. Und im selben Jahr, in dem er The Square Emerald schrieb, veröffentlichte er auch einen skandalumwitterten Artikel, in welchem er den sexuellen Missbrauch von Kindern im damaligen Showbiz anprangerte. Die Reaktionen waren entsprechend, er schien wohl einen Nerv getroffen zu haben. Die Beschreibung einer Frau, welche sich lange Zeit in verantwortlicher Position als Mann tarnt, hat Wallace schon in seinem frühen Werk Kerry kauft London eingesetzt. Mir ist das persönlich mangels Glaubwürdigkeit immer etwas seltsam, überhaupt mag ich Verkleidungen usw. in Büchern nicht allzusehr. Hier im besprochenen Roman finde ich es auch etwas merkwürdig. Die Indonesier als Helfershelfer der verbrecherischen Hauptfigur sind mal eine gute Abwechslung zu den ausgereizten Chinesen, die es sonst so gibt. Sie geben dem ganzen eine exotische Note, aber ich kann deine Kritik schon nahvollziehen, dass sie eher aus Thrill-Gründen eingesetzt worden, als das es sie wirklich nötig gehabt hätte. Ansonsten, die Drahtschlinge der Weißen Spinne wurde schon von Weinert-Wilton so ersonnen. Vielleicht hat der sich ja diesbezüglich von Wallace inspirieren lassen?
Zitat von Dr. Oberzohn im Beitrag #8Dazu zählt der von Dir angesprochene sehr unwahrscheinliche Zufall mit dem Haus von Inglethorne. Wallace-Typisch!
Normalerweise schon; aber gerade weil hier ansonsten viele andere Handlungselemente und Verhältnisse der Figuren zueinander so eng mit der Vorgeschichte verwoben sind, wirkt es seltsam, dass er Autor gerade hier den Zufall bemühte, obwohl es sinnvoll gewesen wäre, auch den Hinweis des Bobbys als Teil eines Plans zu erklären. Korrupte Polizisten gab es im Wallace-Kosmos ja bekanntlich öfter.
Zitat von Dr. Oberzohn im Beitrag #8Wobei man sagen muss, dass Ermittlerinnen im Dienst der Polizei oder auch privat damals kein literarisches Novum waren. Die Romane von Anna Katherine Greene, Mary Roberts Rinehard, Patricia Wentworth fallen mir da ein, sicher gibt es noch sehr viele andere und mittlerweile vergessene Beispiele.
Natürlich gab es Ermittlerinnen damals vereinzelt schon; aber Leslie Maughan sticht heraus, weil sie eben manche Funktionen einnimmt, die im Werk des Autors ansonsten dem männlichen Helden vorbehalten bleiben (etwa die beschütende Funktion). Kurz kam mir der Verdacht, ob Wallace vielleicht in einem ersten Entwurf seinem Schema treu bleiben wollte, dann aber meinte, zur Abwechslung bei einigen Figuren das Geschlecht umzudrehen. 1949-51 gab es in den USA eine Reihe von Radiohörspielen mit der Detektivin Candy Matson als Hauptfigur. Ursprünglich wollte der Autor den damals in diesem Genre üblichen toughen Ermittler als Hauptfigur bieten, entschied sich dann aber um, was den ansonsten oft inhaltlich konventionellen Geschichte eine gewisse Würze gab:https://en.wikipedia.org/wiki/Candy_Matson
Zitat von Dr. Oberzohn im Beitrag #8Interessant finde ich auch die Figur von Peter Dawlish, der männliche Hauptdarsteller auf der guten Seite. Ein geschiedener Mann, sogar Vater einer kleinen Tochter, wie sich herausstellt, der auf dem besten Weg ist, ins komplette soziale Abseits abzurutschen und sich erst mal selber fangen muss. Gewissermaßen schon ein gebrochener Held und kein Superstrahlemann-Scotland-Yard-Inspektor.
Gerade dass die männliche Hauptfigur einen solchen Hintergrund hat (der erst nach und nach deutlich wird)war für mich beim Lesen eine weitere Überraschung.
Zitat von Dr. Oberzohn im Beitrag #8Mir ist das persönlich mangels Glaubwürdigkeit immer etwas seltsam, überhaupt mag ich Verkleidungen usw. in Büchern nicht allzusehr. Hier im besprochenen Roman finde ich es auch etwas merkwürdig.
Wobei mir solche Verkleidungen in Büchern manchmal noch glaubwürdiger erscheinen als im Film. Entweder wundert man sich, dass die Masken nicht durschaut werden ("Die weiße Spinne"), oder man fühlt sich betrogen, wenn bis zur Demaskierung ein anderer Schauspieler auftritt (wie in den beiden "Hexer"-Filmen) und so suggeriert wird, jemand habe nicht nur sein Aussehen, sondern auch Statur, Gang, Stimme etc. komplett verändern können. Wenn der "Smaragd" (wie vor einigen Jahren vorgeschlagen) tatsächlich als Hörspiel adaptiert worden, wäre gerade dieser Punkt eventuell zum Problem geworden.
Zitat von Dr. Oberzohn im Beitrag #8Die Indonesier als Helfershelfer der verbrecherischen Hauptfigur sind mal eine gute Abwechslung zu den ausgereizten Chinesen, die es sonst so gibt.
Es lag mir zuvor bereits auf der Zunge zu schreiben, dass diese Rolle in anderen Romanen von Chinesen eingenommen wird.
Zitat von Dr. Oberzohn im Beitrag #8Ansonsten, die Drahtschlinge der Weißen Spinne wurde schon von Weinert-Wilton so ersonnen. Vielleicht hat der sich ja diesbezüglich von Wallace inspirieren lassen?
Die Lektüre der "Spinne" liegt mittlerweile 11 Jahre zurück; aber kam die Drahtschlinge dort auch schon vor? Andere Details wie der Verkleidungskünstler Falconetti, dessen Mördersyndikat oder die Umstände um den Tod des Ehemanns sind ja Hinzudichtungen der Verfilmung.
Ihr habt mich jetzt neugierig gemacht. Der Smaragd ist tatsächlich eines jener Bücher, das ich nie gelesen habe. Nahm es eben aus dem Regal und da war nach Kapitel 3 ein Zettel drin, dass ich es im Oktober 1995 bis dorthin gelesen habe und dann nicht weiter. Wird demnächst nachgeholt, im Augenblick lese ich noch ein Wallace-Buch, das ich noch nicht kannte, DER MANN, DER SEINEN NAMEM ÄNDERTE, das nichts mit dem gleichnamigen Theaterstück von Wallace zu tun hat. Gefällt mir auch ganz gut, obwohl kein Whodunit.
Zitat von Georg im Beitrag #10Ihr habt mich jetzt neugierig gemacht. Der Smaragd ist tatsächlich eines jener Bücher, das ich nie gelesen habe. Nahm es eben aus dem Regal und da war nach Kapitel 3 ein Zettel drin, dass ich es im Oktober 1995 bis dorthin gelesen habe und dann nicht weiter. Wird demnächst nachgeholt
Mal sehen, wie dein Eindruck ausfallen wird! Hoffentlich haben die bisherigen Beiträge nicht zu sehr gespoilert.