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Dieses Thema hat 4 Antworten
und wurde 137 mal aufgerufen
 Romane
Mr. Igle Offline




Beiträge: 117

26.02.2017 18:33
#1 Der viereckige Smaragd (1926) Zitat · Antworten

DER VIERECKIGE SMARAGD, Original: The Square Emerald, 1926, dt. Übersetzung Der viereckige Smaragd von Ute Tanner für den Scherz Verlag, 2. Auflage 1988.

Inhalt:

Leslie Maughan ist eine der wenigen Frauen bei Scotland Yard und darf als Kriminalassistentin sogar Ermittlungen leiten. Gemeinsam mit ihrem Vorgesetzten und väterlichen Vertrauten Chefinspektor Coldwell hat sie schon so manches Verbrechen aufgeklärt. Ihr neuer Fall stellt jedoch alles bisher Dagewesene in den Schatten: Wieso hat die steinreiche Lady Jane Raytham auf einen Schlag 20.000 Pfund von ihrem Konto abgehoben? Leslie wittert ein Verbrechen, aber die Lady weist sie kühl und barsch ab. Und doch spürt die junge Ermittlerin die Unsicherheit und Angst der adeligen Dame. Doch sie und ihre Freundinnen Anita Bellini und Greta Gurden mauern. Besonders fröstelt Leslie allerdings die Begegnung mit Lady Raythams unheimlichen Butler Anthony Druze, der eine bedrohliche Präsenz in jedem Raum zu sein scheint. Zeitgleich wird Peter Dawlish aus dem Zuchthaus Dartmoor entlassen. Er hatte Lord Everreeds Unterschrift auf einem Scheck gefälscht. Pikanterweise war Druze zu jener Zeit der Diener des Lords, verlies jedoch bald darauf seinen Dienstherren, um im Hause Raytham eine Stellung anzunehmen. Leslie glaubt eine Verbindung zwischen Dawlish, Druze und der vermuteten Erpressung an Lady Raytham zu erkennen, kann aber nichts beweisen. Sie macht die Bekanntschaft von Dawlish und stellt ihn unter Beobachtung. Dawlish treibt der Hass auf Druze. Die Kriminalassistentin hat eine böse Vorahnung, die sich - schneller als ihr lieb ist - bewahrheitet. Auf der Rückfahrt von einem nächtlichen Einsatz entdecken Coldwell und Leslie eine Leiche am Straßenrand. Es ist Druze, noch aschfahler als im Leben. Der Ermordete umklammert mit seiner starren Faust einen prächtigen viereckigen Smaragd. Dessen Besitzerin kennt Leslie nur zu gut ...

Besprechung:

Der Roman entstammt der Hochzeit von Wallace` Schaffen – dem Jahr 1926 – und ist trotzdem dafür erstaunlich vielseitig und qualitätsvoll ausgefallen. Aufgrund des enormen Ausstoßes an Werken des Altmeisters Mitte und Ende der Zwanziger Jahre neigen viele Bücher aus dieser Zeit zum Mittelmaß und weisen parallele Strickmuster und Figuren auf. Der vorliegende Roman ist da eine herausragende Ausnahme, ist er doch nicht nur mit einer spannenden und frischen Handlung ausgestattet, sondern auch in den Details sichtlich raffinierter angelegt als viele andere Werke der gleichen Periode. Es gibt praktisch keine Zufallsbekanntschaften oder plot-irrelevante Nebenfiguren. Alle Personen stehen in Verbindung miteinander, was beständig zu Konfliktsituationen und Enthüllungen führt. Wieder einmal bestätigt sich Wallace` meisterhafte Fähigkeit auf Basis eines Mordes eine spannende Geschichte rund um verwinkelte Geschehnisse der Vergangenheit, Abhängigkeiten und Familiengeheimnisse zu entwickeln.

Tatsächlich dauert es bis zum Schluss bis der Leser wirklich völlig im Bilde ist. So geschickt hat der Autor die Handlungsstränge verwoben und eine Struktur geschaffen, bei der dem uninformierten Erstkonsumenten beständig eine Enthüllung nach der anderen präsentiert wird. Am Ende fügt sich alles mustergültig und logisch zu einem großen Ganzen zusammen, wodurch ausgehend von einer Erpressung und einem Mord sich den Ermittlern in der Summe schließlich das Schicksal gleich mehrerer Familien offenbart. Freilich kann der Leser auch bei diesem Roman manche Rätsel schnell selbst lösen, aber die Geschichte ist – wie erwähnt – so wunderbar konstruiert, dass man auch manche Überraschung erlebt, bevor sich im Finale dann alles ganz harmonisch verdichtet. Es dürfte sich daher insgesamt um ein Werk aus dem besseren Drittel von Edgar Wallace` Gesamtwerk handeln; ob es vielleicht sogar zu den allerbesten Büchern gehört, ist sicherlich Geschmackssache. Für mich persönlich ist es auf jeden Fall ein würdiger Top Zehn-Titel.

Mit den größten Gewinn stellen die Charaktere dar, die individueller und lebendiger erscheinen als viele andere aus dem Wallace-Kosmos. Die größte Überraschung ist sicherlich Leslie Maughan. Eine Frau als Ermittlerin! Das ist unter den vielen Erbinnen und bedrohten Schönheiten wirklich mal eine Ausnahme, zumal die Figur auch im Verhalten gänzlich anders auftritt als fast alle sonstigen Wallace-Heldinnen. Selbstsicher, scharfsinnig und abgeklärt begegnet Leslie ihren Gegnern – egal welchen Geschlechts. Demgegenüber tritt ihr väterlicher Freund und Vorgesetzter Coldwell fast in den Hintergrund. Am Ende ist es wirklich hauptsächlich Leslie, die das heimtückisch gesponnene Netz der Verschwörer zerreißt. Der Sträfling Peter Dawlish wird zunächst als typischer Verlierer eingeführt, der sich dann im Laufe der Handlung zu einem besseren Menschen mausern darf. Eine wunderbar morbid-unheimliche Erscheinung ist da – wenn auch nicht allzu lang als handelende Person aktiv – der hinterhältige Butler Druze, dessen Ränke aber bis zum Schluss eine Rolle spielen. Ansonsten gibt es mit Lady Jane Raytham, Anita Bellini und Greta Gurden noch eine ganze Reihe an gestandenen Damen, die Geheimnisse und Abhängigkeiten aneinander ketten. Besonders Raytham und Bellini werden geradezu spiegelbildlich aufgebaut. Auch Nebenfiguren wie Margaret Dawlish und Mrs. Inglethorne sind sehr schön und plastisch von Wallace gezeichnet.

Fazit:

Ein hervorragender Roman, der nicht nur mit seinem ungewöhnlichen Alleinstellungsmerkmal des weiblichen Ermittlers, sondern auch mit einer doppelbödigen Handlung und vielseitigen Figuren bestechen kann. Der Thrill ist zwar merklich gedrosselt, aber die immer neuen Enthüllungen und atmosphärischen Milieuschilderungen halten den Leser mühelos bei der Stange. Am Ende führt ein temporeiches Finale alle Handlungsstränge geschickt zusammen. Summa summarum ein Werk, das sich mit gutem Recht unter die gelungensten Romane des Altmeisters mit einreihen darf.

Meine Wertung: SEHR GUT

"Entspannen Sie sich, durch Hochspannung!"

Mr. Wooler Offline




Beiträge: 443

26.02.2017 23:44
#2 RE: Der viereckige Smaragd (1926) Zitat · Antworten

Vielen Dank an dieser Stelle an Mr. Igle! Ich finde deine Buchbesprechungen wirklich großartig.

Ich bin ja immer auf der Suche nach geeigneten Vorlagen für unsere Wallace-Hörspielreihe und da sind diese Besprechungen als Hinweis tatsächlich sehr hilfreich und interessant. Tatsächlich lese ich auch gerade genau diesen Roman ("Der viereckige Smaragd"), stecke aber noch im ersten Drittel.

Also bitte gerne weiter so!

DanielL Offline




Beiträge: 4.138

27.02.2017 00:52
#3 RE: Der viereckige Smaragd (1926) Zitat · Antworten

Dank auch von meiner Seite. Die ausführlichen Besprechungen sind eine tolle Bereicherung.

An dieser Stelle allerdings eine Frage an @Mr. Wooler:

Du bist ja regelmäßig mit der Stoffauswahl für die Hörspiele beschäftigt und liest unter diesem Kriterium sicherlich einige Wallace-Romane. Manche Bücher scheiden wahrscheinlich schon alleine deshalb aus, weil sie formal nicht zum Konzept der Hörspielserie passen (etwa lose Kurzgeschichtensammlungen). Andere würden einfach nicht die Erwartung der Käufer erfüllen (Edgars Unterhaltungsromane, Utopie-Geschichten und dergleichen). Darüber hinaus gibt es aber sicherlich viele Romane, die zunächst einmal grundsätzlich ins Raster zu passen scheinen, dann aber aus verschiedenen Gründen ausscheiden oder sich eben besonders empfehlen. Welche Erfahrungen hast du dabei gesammelt und welche Kriterien haben sich dabei als besonders wichtig erwiesen?

Gruß,
Daniel

Mr. Wooler Offline




Beiträge: 443

27.02.2017 14:54
#4 RE: Der viereckige Smaragd (1926) Zitat · Antworten

Hallo Daniel,

zunächst mal vielen Dank für deine Frage. Als ich mich seinerzeit mit den Jungs vom Hörplaneten getroffen habe, um die neue Wallace-Hörspielreihe zu planen, waren wir uns schnell einig, dass wir die Wallace-Romane relativ originalgetreu vertonen wollen. Gleichzeitig sollen aber auch die Anforderungen "Spannung" und "Grusel" nicht zu kurz kommen (so wie man es eher aus den Verfilmungen kennt). Die Stoffe sollten möglichst ein interessantes Setting bieten, das eine abwechlungsreiche Hörspielkulisse ermöglicht. Meine Aufgabe ist es daher im ersten Step, solche Wallace-Vorlagen zu sichten, die von sich aus bereits möglichst viel von diesen Faktoren mitbringen. Ich habe mich von Anfang an dafür ausgesprochen, dass wir mit unserer Hörspielreihe nicht schon wieder mit dem Hexer beginnen, und über den Frosch und die toten Augen dann zum Gasthaus gelangen. Bedeutet nicht, dass wir diese Klassiker nicht auch noch bringen werden, mir war es jedoch von Anfang an wichtig, dass wir auch andere, noch relativ unbekannte Stoffe von Edgar Wallace bringen. So war beispielsweise "Der Unhold" unsere Auftaktfolge. Die Geschichte bietet ein spannendes Setting, tolle Hörspielkulissen und eine, wie ich finde, wendungsreiche Geschichte. Auch "Der grüne Brand" gehörte von Anfang an zu meinen Favoriten, da ich den Roman sehr fesselnd fand und er auch eine angenehme Abwechslung zu Wallaces anderen Romanen bietet.

Ich lese momentan nicht so viel, wie es eigentlich nötig wäre, daher greife ich z. B. gerne auf die Buchbesprechungen hier aus dem Forum zurück. Es gab bereits Romane, die ich angelesen und dann weggelegt habe, weil ich einfach keinen Zugang dazu bekam. Vielleicht war ich auch nicht geduldig genug. Ein Beispiel dafür war der Roman "Töchter der Nacht". Bei der Auswahl der Stoffe ist mir generell ein abwechslungsreicher Mix wichtig. D. h. einem Klassiker sollte ein etwas unbekannterer Stoff (aber nicht minder spannend) folgen. Aus diesem Grund haben es bereits die Romane "Das geheimnisvolle Haus" und "Feuer im Schloss" in unsere Serie geschafft.

Es ist also von meiner Seite immer ein Antesten eines Romans. Bekomme ich beim Lesen einen Zugang dazu und kann mir eine Hörspielumsetzung gut vorstellen, dann mache ich mich auch unmittelbar nach dem Lesen an die Adaption des Romans. Will sagen, es liegt also auch immer ein bisshen an meiner persönlichen Tagesform. Denn nur wenn mir ein Roman spannend erscheint, kann ich ihn auch (hoffentlich) spannend als Hörspiel umsetzen. Wenn ich daran aus irgendeinem Grund Zweifel habe, lege ich den angelesenen Roman lieber beiseite und wähle einen anderen aus. Zum Glück ist der Wallace-Fundus ja noch sehr groß.

Ausschließen würde ich in der Tat zunächst mal Wallaces heitere Romane, bzw. auch utopische Geschichten, die einfach nicht in unser obiges Raster passen und auch nicht zu dem, was der Käufer des Hörspiels sich erwartet, wenn er den Namen "Edgar Wallace" liest.

Die Kurzgeschichtensammlungen würde ich per se noch nicht völlig ausschließen. Ich denke schon, dass da die eine oder andere Geschichte dabei ist, die sich auch als Hörspiel lohnen würde, wenn man sie ggf. noch etwas weiter "ausspinnt". In jedem Fall hoffe ich aber, dass unsere Reihe noch lange weiter läuft und ich noch viele Hörspiele nach Edgar Wallace präsentieren darf.

Viele Grüße,
Marc

Mr. Igle Offline




Beiträge: 117

27.02.2017 18:53
#5 RE: Der viereckige Smaragd (1926) Zitat · Antworten

Vielen Dank für das Lob. Es freut mich, dass euch die Besprechungen gefallen. Wenn ich flink genug bin, geht es möglicherweise schon am Aschermittwoch weiter.

"Entspannen Sie sich, durch Hochspannung!"

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