Nach langer Zeit habe ich wieder mal einen Wallace-Roman gelesen (in meiner Jugend hatte ich über 2, 3 Jahre nichts außer Wallace gelesen). Und was für einen! Die unheimlichen Briefe standen seit 25 Jahren im Regal. Ungelesen. Welch ein Fehler!
Es handelt sich dabei in meinen Augen nämlich um einen der besten Romane des Autors: Ein sehr guter Whodunit, der Spannung von der ersten Seite bietet. Das ist gar nicht selbstverständlich, wenn man bedenkt, dass das Gros des Wallace-Oeuvres erst nach 60, 70 Seiten zum Mord kommt und es bei der Vielzahl an Werken wirklich nur eine Handvoll herausragender Bücher gibt.
Die unheimlichen Briefe hat einen großen Unbekannten namens Kupie, dessen Identität niemand kennt (und wer sie kennt, stirbt) und endet bei jedem Absatz, bei jedem Kapitel mit einem starken Cliffhanger. Francis Durbridges großes Vorbild war bekanntlich Edgar Wallace. Mich würde es arg wundern, wenn er bei der Konstruktion so mancher Geschichte / so manchen Bestandteils davon nicht an Die unheimlichen Briefe (wenig reißerischer Originaltitel: The Missing Million) dachte.
Der gleichnamige Rialto-TV-Film dürfte übrigens recht wenig mit dem Buch zu tun haben. Werde ihn demnächst nochmals sichten (meine Erinnerungen daran sind allzu schwach).
Danke an @Georg für seine Einschätzung zu dem Roman, den ich beizeiten auch gerne mal lesen werde. Mir geht es wie ihm: Das Buch steht seit vielen Jahren schon ungelesen im Regal.
Originaltitel: The Missing Million Erscheinungsjahr: 1923
Hauptpersonen:
Inspektor Bill Dicker - von der Kriminalpolizei Inspektor James Sepping - von der Kriminalpolizei Rex Walton - Millionär und Freund von Sepping Joan Walton - seine Schwester Dora Coleman - seine Braut Mr. Coleman - Finanzbeamter und Doras Vater Parker - Butler im Hause Coleman Bennet - Chauffeur im Hause Coleman Lawford Collett - Rechtsanwalt Nippy Knowles - Meisterdieb und Safeknacker Albert - Diener von James Sepping "Digger" - Gewohnheitsverbrecher
Handlung:
London zittert (wieder einmal) vor einem Meistererpresser. Er wird "Kupie" genannt und ihm gelingt es immer wieder, in den Besitz von kompromittierenden Unterlagen oder Informationen zu gelangen, welche für die betreffenden Personen äußerst wichtig sind. Er presst sie wie eine Zitrone aus, und nicht selten begehen die unglücklichen Opfer Selbstmord. Scotland Yard scheint überhaupt keine Ahnung zu haben, wie man ihm das schmutzige Handwerk legen kann. Das ist der Hintergrund, als der Millionär Rex Walton, Erbe eines Stahlmagnaten, ebenfalls Drohbriefe von Kupie bekommt. Sollte er die schöne Dora Coleman, Tochter eines Finanzbeamten, heiraten, so will er ihn zum Bettler machen. Rex Walton, britischer Ehrenmann vom Scheitel bis zur Sohle, denkt natürlich nicht daran, zumal sich seine vorherige Verlobte wegen eines Erpresserbriefes von Kupie das Leben nahm. Seine Schwester Joan macht sich große Sorgen und bittet ihrer beider gemeinsamen Jugendfreund Jimmy Sepping um Hilfe. Der ist Kriminalinspektor bei Scotland Yard und arbeitet zusammen mit seinem Kollegen Bill Dicker auch am Fall Kupie. Hier haben wir jetzt schon zwei potenzielle Liebespaare: neben den Verlobten Rex Walton und Dora Coleman auch Inspektor Sepping und Joan Walton. Die Letztere ist eine moderne junge Frau, mit allen (Un)tugenden, die schon in den Goldenen Zwanzigern dafür herhalten mussten, wie Rauchen, Kurzhaarschnitt und Vorlautsein (wie sich doch die Zeiten wiederholen). James "Jimmy" Sepping dagegen ist ein recht biederer jungen Kriminalist und nicht ganz so überzeichnet heroisch wie andere dieser Wallace'schen Spezies, aber natürlich tapfer genug und eher von der nachdenklichen Sorte. Bald wird er von Kupie gewarnt, sich weiter in den Fall einzulassen, ein naher Mitarbeiter von ihm, Inspektor Miller, wird von dem Erpresser in den Selbstmord getrieben. Mit Kupie ist nicht spaßen ! Als dann noch am Tage der Hochzeit der reiche Rex Walton kurz vor der Zeremonie verschwindet und seine Braut Dora Coleman im Prinzip vor dem Traualtar stehen lässt, gehen bei den Kriminalisten alle Alarmglocken an. Hat Kupie seine Finger im Spiel ? Oder ist Walton freiwillig verschwunden ? Was ist mit seiner Million, auf die der Erpresser es offensichtlich abgesehen hatte ? Natürlich sind alle in großer Aufregung. Mr. Coleman, Vater der Braut, sorgt sich sehr um seinen guten Ruf, den er als Beamter des Finanzministeriums zu wahren gedenkt, was eigentlich ständig seine Hauptsorge ist. Zu allem Übel wird dann auch noch im Hause Coleman eingebrochen, wo Vater und Tochter zusammen mit dem Butler Parker, dem Chauffeur Bennett und ein paar Dienstmädchen wohnen. Es gibt in Folge weitere geheimnisvolle Einbrüche und Überfälle, wobei nie so ganz klar ist, ob nun Kupie seine Finger im Spiel hat oder Rex Walton inkognito seine Fäden zieht, der immer noch verschwunden ist. Weiterhin wird der professionelle "Schränker" Nippy Knowles in die Handlung eingeführt, ein Gauner mit dem Herzen auf dem rechten Fleck und nach Selbstauskunft Opfer einer ruchlosen Frau, der Rex Walton zu Dank verpflichtet ist und auch Jimmy Sepping widerwillig den einen oder anderen Tipp gibt, so weit sich das mit seiner Ganovenehre verträgt. Bald schon wird der arme Jimmy betäubt und wacht unter zwielichtigen Umständen auf, allerdings nicht neben einer toten Prostituierten in einem Bordell, sondern als Schöpfung des etwas puritanischeren Edgar Wallace in einem schlechtbeleumdeten Spielcasino, in dem gerade eine Polizeirazzia stattfindet. Doch sein Ruf bleibt bewahrt, und schon wenig später wird ein handfester Mordanschlag durch einen Auftragskiller namens "Digger" auf ihn verübt. Kupie wird offenbar nervös (allerdings ist es etwas schwer zu erahnen warum). Der Butler Parker in Colemans Haus kommt in den Verdacht, etwas mit den Geschehnissen zu tun zu haben, ja, gar Kupie selbst zu sein, doch auch er ist jetzt verschwunden, genau so wie bald der Anwalt Lawford Collett, der mit den Waltons, aber auch mit Kupie in Verbindung zu stehen scheint. Schließlich kippt Parker tot -ermordet- aus einem Schrank, und nun beginnen die Ereignisse sich zu überschlagen. Die Kette der geheimnisvollen Geschehnisse reißt nicht ab, Überfälle und weitere Morde geschehen, und Rex Waltons mysteriöses Millionenvermögen scheint doch in die Hände des rücksichtslosen Verbrecherbosses gefallen zu sein, welcher langsam einen richtigen Namen bekommt, aber noch lange kein Gesicht. Oder ist alles doch ganz anders ? Mit der Zeit stellt sich heraus, dass die meisten Personen im Roman etwas zu verbergen haben, und auch Joan Walton gerät genauso wie Dora Coleman in Gefahr, ein Opfer des rücksichtslosen Schurken zu werden. Bis zur Aufklärung der geheimnisvollen Ereignisse geschieht noch so einiges ...
Bewertung:
Die turbulenten Verwicklungen um "Die verschwundene Million", wie das Buch ja im Original heißt, sind hierzulande wohl eher unbekannt. Dabei ist es ein typischer Wallace, mit allen Stärken und leider auch Schwächen des Schriftstellers. Auf der Habenseite stehen sicherlich eine durchgängig ereignisreiche Handlung, viele recht realistische Nebenfiguren auf Seiten der "Guten" wie der "Bösen" , sogar der Versuch, gewisse Verstrickungen der Unterwelt miteinander sowie mit der Polizei, Justizwesen usw. zu schildern. Kupie wird als ein Mann dargestellt, der keine weitverzweigte Verbrecherbande leitet wie etwa der märchenhafte "Frosch mit der Maske", sondern bei Bedarf auf gewisse kriminelle Experten zurückgreift, die er dann für den jeweiligen Coup bezahlt und wenn nötig auch bei Versagen bestraft. Er ist offenbar bestens mit den illegalen Spielhöllen in London vertraut, eventuell sogar Mitbesitzer. Als schließlich im Laufe der Polizeiarbeit sein wahrer Name ermittelt wird, stellt sich heraus, dass in der Vergangenheit auch die Polizei "Dreck am Stecken" hatte und ihn wegen Bestechungsgeldern nicht der Gerechtigkeit zugeführt hatte. Das alles klingt ja ziemlich modern. Auch der Einsatz von V-Leuten wird beschrieben, das gab es damals auch schon, genauso wie das Gesetz des Schweigens in der Unterwelt. Der richtige Kupie ist ein berüchtigter rücksichtsloser Verbrecher, gefürchtet von seinen Komplizen, welche er ab Buchmitte mit besonderer Vorliebe durch Benutzung einer Schalldämpferpistole zu liquidieren beginnt. Das beißt sich natürlich irgendwie mit seiner bisherigen Verfahrensweise des anonymen Erpressers, der die Leute in den Tod durch eigene Hand trieb und sich niemals selber die Hände schmutzig machte - nicht der einzige Widerspruch im Roman. Da ist denn auch die Negativseite der Geschichte: vieles ist wenig durchschaubar, erscheit sehr wirr und ist im Nachinein sogar sehr unlogisch, etwa wenn einige der Figuren mit Tarnidentität unter sich sind und sich trotzdem weiterhin so verhalten, wie es ihre Rolle erfordert. Auch dass eine der Hauptpersonen, Rex Walton, den größten Teil über verschwunden ist, trägt wenig zur Identifikation mit ihr bei und macht ihr Handeln nicht verständlicher. Und als am Schluss alles erklärt und der Plan der Bösewichter erläutert wird, wie sie an Waltons Geld kommen wollten, dann ist das zwar nicht total unglaubwürdig, wirkt aber zumindest ziemlich an den Haaren herbeigezogen. Die Liebesgeschichte(n) halten sich dezent zurück. Für Rex und Dora gibt es ein versöhnliches Gespräch am Ende, das Schicksal von Jimmy und Joan aber wird nicht weiter behandelt. Offenbar wollte der große Meister mit seinem Buch spät in der Nacht mal fertig werden. Aber man darf davon ausgehen, dass es auch privat für sie ein Happy End geben wird...
Trotz aller Mankos sind "Die unheimlichen Briefe" unterhaltsame und spannende Lektüre im oberen Mittelfeld. Für Krimifans eine gute Leseempfehlung.
Buch:
Hier habe ich die Goldmann-Version (knapp 190 Seiten) und die Scherz-Ausgabe mit fast 200 Seiten gelesen. Natürlich ist die Goldmann-Übersetzung an einigen Stellen immer mal gekürzt, am augenfälligsten am Anfang, wo sich Jimmy Sepping an einen deutschen Agenten erinnert, den er während des Krieges dingfest gemacht hatte und der im Tower erschossen wurde. Offenbar hat sich Wallace hier am tatsächlichen Fall des Carl Hans Lody orientiert, einem deutschen "Gentleman"-Spion, dessen Fall damals Schlagzeilen machte. Vom Sprachstil lässt sich schwer sagen, welche Übersetzung gelungener ist, halt Geschmackssache.
Verfilmung:
Eine Sechziger-Jahre-Verfilmung aus Deutschland gibt es nicht. Eigentlich schade. Man hätte sicher die Kupie-Bande mit den Erpressungen und Morden mehr in den Vordergrund rücken und dafür die etwas undurchschaubare und umständliche Geschichte um die verschwundene Million vereinfachen müssen, um sie in das Konzept der damaligen Serie einpassen zu können.
Ich habe den Roman vor ca. 2 Jahren erstmals gelesen und er hat mir ausgezeichnet gefallen. Ein schöner Whodunit, mit vielen Wendungen, der - für Wallace-Verhältnisse eher unüblich - bei fast jedem Kapitel mit einer Art Cliffhanger endet. Sicherlich in der Oberliga der Wallace-Romane. Die gleichnamige TV-Verfilmung von 1998 hat soweit ich mich erinnere nichts mehr mit dem Roman zu tun, war aber auch nicht unspannend.
Ich würde ihn auch in der besseren Hälfte der Wallace-Romane ansiedeln. Wenn man die Logik außen vor lässt, weisen die Briefe tatsächlich einige sehr geglückte und überraschende Wendungen auf. Kann mich Georg also nur anschließen.
Das Buch habe ich vor Jahrzehnte mal gelesen. Sollte in den nächsten Monaten Zeit für die Lektüre sein (was ich hoffe!), würde ich vielleicht noch etwas schreiben. Vorab etwas zu ein paar Punkten:
Zitat von Dr. Oberzohn im Beitrag #3Kupie wird als ein Mann dargestellt, der keine weitverzweigte Verbrecherbande leitet wie etwa der märchenhafte "Frosch mit der Maske", sondern bei Bedarf auf gewisse kriminelle Experten zurückgreift, die er dann für den jeweiligen Coup bezahlt und wenn nötig auch bei Versagen bestraft.
Also im Prinzip so wie der rote Kreis (der ebenfalls mit Erpressungen arbeitete).
Zitat von Dr. Oberzohn im Beitrag #3Auch der Einsatz von V-Leuten wird beschrieben, das gab es damals auch schon
Siehe Inspektor Genter im "Frosch" oder einen ähnlichen Fall in Arthur Conan Doyles Roman "Das Tal der Angst/Furcht".
Zitat von Dr. Oberzohn im Beitrag #3Das beißt sich natürlich irgendwie mit seiner bisherigen Verfahrensweise des anonymen Erpressers, der die Leute in den Tod durch eigene Hand trieb und sich niemals selber die Hände schmutzig machte - nicht der einzige Widerspruch im Roman.
Interessanterweise gab es bei der Verfilmung des "Zinkers" ein ähnliches Beispiel im Rahmen der Wallace-Filme. Apropos:
Zitat von Dr. Oberzohn im Beitrag #3Eine Sechziger-Jahre-Verfilmung aus Deutschland gibt es nicht. Eigentlich schade. Man hätte sicher die Kupie-Bande mit den Erpressungen und Morden mehr in den Vordergrund rücken und dafür die etwas undurchschaubare und umständliche Geschichte um die verschwundene Million vereinfachen müssen, um sie in das Konzept der damaligen Serie einpassen zu können.
Eine Verfilmung wäre schwierig gewesen, weil es zu viele inhaltliche Überschneidungen mit dem "Banknotenfälscher/Fälscher von London" gibt: Hier wie dort wird für einen jungen Millionenerben (ja, im Wallace-Kosmos gibt es auch männliche Vertreter dieser Spezies!) eine Ehe arrangiert, damit eine Verschwörung an sein Geld gelangt. Deren Kopf ist jemand, der "eigentlich" sein Geld durch eine andere Art von Verbrechen verdient. Ob es daran liegt, dass ich bei Rex Walton an Helmut Lange denken musste? Jedenfalls habe ich die Geschichte so in Erinnerung, dass sie im Prinzip gut für eine relativ originalgetreue Verfilmung geeignet hätte. Mal sehen, ob sich das demnächst bestätigen wird!
Übrigens: Im Roman legt der Chef (wie bereits beschrieben) seine Komplizen der Reihe nach um, bis er selbst überführt wird. In den Verfilmungen gab es öfter das Motiv einer Verbrecherpyramide und der schrittweisen Dezimierung (untereinander oder durch den Drahtzieher), bis am Ende nur noch einer für die Festnahme oder den Tod im Finale übrig blieb ("Hexer", "Abt", "Buckliger", etc.). In der Welt der Wallace-Romane war dieses Schema doch eher selten, oder?
Nachtrag: In der Verfilmung des "schwarzen Abts" gibt es zwar Verbrecher, die sich gegenseitig ins Jenseits befördern, aber keine "Verbrecherpyramide", da keine zusammenhängende Verschwörung existiert.
Nun hatte ich endlich Gelegenheit, den Roman wieder zu lesen, und zwar in der Scherz-Ausgabe (da die von Goldmann ja zu Beginn gekürzt ist). Auch wenn ich Grundzüge der Auflösung noch im Hinterkopf hatte, gab es genügend "kleinere" Überraschungen, manche Erinnerung kehrte auch beim Lesen zurück. Zu Beginn braucht der Roman etwas, aber ein gewisses Gefühl der Bedrohung durch den Meisterverbrecher Kupie macht sich schon bald bemerkbar und wird stärker, sobald es (ab der Mitte) zu mehreren Morden und Entführungen kommt. Für zusätzliche Spannung sorgt die Tatsache, dass Rex Walton und sein Millionenvermögen verschwinden und schon sehr bald deutlich wird, dass offenbar zwei Parteien miteinander konkurrieren. Hat Kupie Walton verschwinden lassen und sucht nun nach dem Geld? Oder hat er es längst, aber dafür nichts mit Waltons Verschwinden zu tun? Auch dass Inspektor Sepping seinen Freund einmal zufällig kurz über die Straße laufen sieht, macht die Sache nicht einfacher. Der Gauner Nippy Knowles steht zwar auf der "guten" Seite, scheint aber doch mehr zu wissen, als er zugibt; hinzu kommt, dass man schon sehr bald den Verdacht bekommt, dass eine oder mehrere Personen im Haushalt der Colemans keine reine Weste haben. Die Identität des Verbrechers wird (wie in einigen anderen Büchern des Autors) schon einige Zeit vor dem Finale enttarnt, aber danach muss er erstmal erwischt werden, was gar nicht so einfach (und erst recht nicht ungefährlich) ist. Allerdings kam mir beim Lesen der Verdacht, dass Wallace vielleicht zu Beginn selbst noch nicht wusste, wer der Haupttäter sein würde, da erst relativ spät Hinweise folgen, die auf diesen hindeuten. Manches ist gewohnt Wallace-typisch, man kennt es schon aus anderen Büchern. Parallelen zum "Banknotenfälscher" und dem "roten Kreis" hatte ich ja schon bei früherer Gelegenheit angesprochen. Entführungen auf ein Schiff oder einen dort stattfindenden Showdown gab es im "Gasthaus", der "blauen Hand" oder (laut Besprechung - das Buch kenne ich noch nicht) in "Im Banne des Unheimlichen". Die Millionenerbschaft ist hier sogar schon im Originaltitel vorhanden, den Meisterverbrecher, der unter seinem richtigen Namen bereits aktenkundig oder zumindest polizeibekannt ist, gab es bereits im "Frosch" oder "Kreis". Die Szene, in der Joan Walton entführt wird und über einen Flussflieht, gab es so ähnlich bereits in der "Bande des Schreckens", eine aus dem Schrank fallende Leiche in der "Tür mit den sieben Schlössern". Das sonst häufige Konkurrenzverhalten zwischen Held und Schurke um eine Frau fällt weg, da keine der beiden zentralen weiblichen Rollen so recht in dieses Schema passen würde und der Bösewicht (wie angedeutet wird) asexuell ist (so wie etwa der "rote Kreis"). Ebenfalls untypisch ist, dass eine Person nicht ganz unschuldig ist, anders als viele andere Wallace-Figuren mit ähnlicher dramaturgischer Funktion. Etwas seltsam wirkt es auch, dass eine Information, die nicht nur eine Person, sondern auch mehrere andere Figuren (und deren Verhältnis zueinander) in einem ganz anderen Licht erscheinen lässt, gegen Ende fast beiläufig in einem Satz mitgeteilt wird und bei der späteren "eigentlichen" Auflösung unerwähnt bleibt. Und dass Kupie beim Versuch, einen der Gesetzeshüter zu töten, nicht zu seiner gewohnten Waffe greift, sondern ihn in einer engen Kammer einsperrt geschieht allzu durchsichtig nur, damit dieser später gerettet werden kann. Aber insgesamt doch eine lohnenswerte Lektüre! Wer mit den Wallace-Romanen vertraut ist und einen wenig bekannten Titel sucht, der teilweise die vertrauten Stilmittel, teilweise aber auch kleine Varianten enthält, kann hier durchaus zugreifen. Bei einer Verfilmung im Rialto-Stil wäre ich allerdings etwas vorsichtiger: Manche Szenen eignen sich dafür ganz gut, aber die Handlung selbst hätte vielleicht zu wenig hergegeben; außerdem wäre speziell bei einer wichtigen Figur die moralische Ambivalenz ein Hindernis gewesen: wenn diese "reingewaschen" worden wäre, hätte das zu große Auswirkungen auf die Handlung gehabt, da diese dann so nicht mehr hätte funktionieren können. Anmerkungen zu zwei Aussagen aus einer früheren Besprechung:
Zitat von Dr. Oberzohn im Beitrag #3Joan Walton (...) ist eine moderne junge Frau, mit allen (Un)tugenden, die schon in den Goldenen Zwanzigern dafür herhalten mussten, wie Rauchen, Kurzhaarschnitt und Vorlautsein (wie sich doch die Zeiten wiederholen).
Im Roman werden ihre kurzen Haare zu Beginn von James Sepping kommentiert. Später denkt Mr. Coleman über sie: "Sie verkörperte all das, was er an einer Frau als modern, als vulgär betrachtete. Sie rauchte, liebte Gesellschaftsspiele, sie tanzte - nicht etwa die gravitätischen Tänze, die Colemans Großmutter getanzt hatte -, und sie war vorlaut." (S. 21) Coleman wird im Verlauf des Romans allerdings immer wieder der Lächerlichkeit preisgegeben, nicht nur wegen seines konservativen Habitus´, sondern auch wegen seiner weitschweifigen und großspurigen Redeweise. Über sein Weltbild heißt es an einer Stelle: "Im Gespräch trat er gern für hohe Zölle, eine starke Marine und lange Röcke ein. Sozialismus, Bildung für alle Schichten und Amerika verabscheute er aufs lebhafteste als die Wurzel aller Übel dieser Welt." (S. 19) Er habe sogar seinen Backenbart abrasiert, nachdem er feststellte, dass ein amerikanischer Filmschauspieler einen ähnlichen trug.
Zitat von Dr. Oberzohn im Beitrag #3Vieles ist wenig durchschaubar, erscheint sehr wirr und ist im Nachhinein sogar sehr unlogisch, etwa wenn einige der Figuren mit Tarnidentität unter sich sind und sich trotzdem weiterhin so verhalten, wie es ihre Rolle erfordert.
Wobei dieser Punkt im Roman selbst sogar angesprochen wird. An einer Stelle heißt es über Kupie, er "habe großen Wert darauf gelegt, daß die Mitglieder der Bande die ihnen zugewiesenen Rollen auch im Alltag eisern durchhielten. Er hat die seine bemerkenswert gut gespielt." (S. 183) Insofern sehe ich darin keine Unlogik.