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Dieses Thema hat 2 Antworten
und wurde 216 mal aufgerufen
 Romane
Mr. Igle Offline




Beiträge: 127

26.05.2015 11:58
#1 Hands up! (1928) Zitat · Antworten

Gestern habe ich einen meiner Lieblingsromane beendet:

HANDS UP!, Original: The Gunner, 1928, dt. Übersetzung Hands up! von Edith Walter für den Scherz Verlag, 2. Auflage 1989.

Inhalt:

Luke Maddison kommt zu spät zu seiner Verlobung mit der jungen Margaret Leferre. Zudem zählen Margarets verschuldeter Bruder Rex und Danton Morell, ein Freund der Familie, zu den Feiergästen. Da erscheint die Polizei unter der Führung von Inspektor Horace Bird, den alle nur "The Sparrow" nennen. Sie verhaften den Juwelendieb Gunner Haynes bei dem Versuch eine reiche Amerikanerin zu bestehlen. Haynes schwört Rache und sogleich fühlt sich ein Mitglied der Gesellschaft deutlich unwohler. Danton Morell kennt den "Gunner" von früher und hatte ihn verpfiffen. Inspektor Bird muss Gunner Haynes jedoch alsbald freilassen. Da wird er zu einem Tatort gerufen. Rex Leferre hat sich, nachdem er infolge eines ruinösen Börsengeschäfts keinen Ausweg mehr sah, erschossen. Luke hatte ihm zu diesem geraten. Margaret ist am Boden zerstört und will sich rächen. Gemeinsam mit Danton Morell spinnt sie Intrigen gegen Luke, um ihn in eine Falle zu locken. Doch Morell ist selbst nur noch ein Gehetzter, seit er erfahren hat, dass Gunner Haynes, den weite Teile der Unterwelt fürchten, wieder auf freiem Fuß ist. Daher verbündet er sich mit dem Gangsterboss Connor. Doch der hartnäckige Inspektor Bird und der eiskalte Gunner Haynes sitzen ihnen bereits im Nacken. Die Dinge verkomplizieren sich zusehends als der verratene Luke Maddison eines Tages auch noch spurlos verschwindet ...

Besprechung:

Immer wieder kurios finde ich beim Lesen dieses erstklassigen Romans, dass er anders wie manche anderen Wallace-Stoffe nicht zuerst für die Bühne konzipiert wurde. Vielfach schrieb der King of Crime bekanntlich erfolgreiche Theaterstücke zu Kriminalromanen um. Hands up! wirkt mit seinem Fokus auf konspirative Vorgänge, gesellschaftliche Abstiege und dramatische Konflikte über weite Strecken wie ein Bühnenstoff. Dabei ist die Handlung überhaupt nicht kammerspielartig angelegt, sondern findet sogar an häufig wechselnden Schauplätzen statt. Aber neben den düsteren Ränkespielen und vereinzelten Konfliktsituationen, gibt es weder überbordende Action, noch spektakuläre Morde. Das mag den von mir beschriebenen Eindruck erklären.

Die Spannung baut Wallace fast allein durch die Interaktion der wenigen Hauptcharaktere untereinander auf. Der häufige Perspektivwechsel innerhalb des Buches ist in diesem Fall besonders reizvoll, da eine der zentralen Figuren sich plötzlich in einem ganz anderen sozialen Milieu wiederfindet und von dem sonstigen Geschehen lange isoliert agiert. Ein wenig schade ist allerdings, dass Wallace den Konflikt zwischen Morell und Haynes nicht weiter ausgebaut und genutzt hat. So wirkt das Ende auch etwas glattgebügelt und gewollt. Das vielleicht einzige Manko des Romans, wo ich sagen würde: Hier hätte Wallace doch noch mal richtig auf die Pauke hauen können! Andererseits beweist der geringe Bodycount, dass Wallace auf ohne viele Leichen oder außergewöhnliche Rätsel die Spannung hoch halten kann.

Die Charaktere wirken frisch und eigenständig, was auch daran liegen mag, dass Wallace hier nicht so sehr zu seinen Figurschablonen griff. Die Eheleute Maddison sind keine reinen Lichtgestalten, sondern zeigen erstaunlich viele Ecken und Kanten. Sie sind menschlicher als viele andere Wallace-Protagonisten. Das trifft insbesondere auf die bisweilen unterkühlte bzw. rachsüchtige Margaret zu. Mit Gunner Haynes hat der Autor wieder eine respekteinflößende Unterweltlegende geschaffen, vor der sich wie beim Zinker oder Hexer viele fürchten. Anders als seine berühmten Kollegen darf der "Gunner" seinem Ruf aber nicht vollends gerecht werden. Inspektor Bird ist ein guter und charismatischer Ermittler, agiert aber mehr aus dem Hintergrund hinaus. Danton Morell ist dagegen ein aalglatter Widerling und volltrefflicher Bösewicht. Was ihm an Dämonie fehlt, macht er mit seiner Verschlagenheit mehr als wett. Sein Partner Connor ist aber leider ein Gangster nach Schema F, die im Gesamtwerk von Edgar Wallace leider recht zahlreich, teils sogar mit gleichem Namen, auftauchen.

Fazit:

Ein erstklassiger Wallace-Roman, der seine Spannung mehr durch die Schilderung perfider Intrigen und ihrer weitreichenden Folgen für die Beteiligten als durch spektakuläre Maskenmänner, Gangsterbanden oder rätselhafte Verbrechen generiert. Den Umstand, dass das Werk allgemein eher nicht zu den besten Bücher des Autors hinzugezählt wird, kann ich mir nur mit dem weitgehenden Fehlen einer Whodunit-Struktur bzw. einer wahrhaft überlebensgroßen Verbrechergestalt erklären.

"Entspannen Sie sich, durch Hochspannung!"

Dr. Oberzohn Offline



Beiträge: 656

15.10.2017 20:31
#2 RE: Hands up! (1928) Zitat · Antworten

Na, bei so viel nettem Lob für meine Berichte muss ich doch noch einen hinterherschieben ... Heute ein eher wenig bekannter Roman aus der Feder des verehrten Krimimeisters:

Hands up!

Originaltitel: Hands up!
Erscheinungsjahr der Erstveröffentlichung: 1928

Hauptpersonen:

Luke Maddison - vermögender junger Mann
Margaret Leferre - seine Verlobte
„Gunner“ Haynes - schießkundiger Gentlemen-Dieb
Danton Morell - zweifelhafter Freund von Margaret
Mr. Connor - Anführer einer Verbrecherbande
Inspektor Bird (der Spatz) - Kriminalbeamter von Scotland Yard

Inhalt:

Die Wege des vermögenden Luke Maddison und des besitzlosen „Gunner“ Haynes kreuzen sich kurz, wobei der letztere den ersten vor einem Unfall rettet und Maddison den Gauner aus Dankbarkeit vor seiner drohenden Verhaftung durch Inspektor Bird warnen will. Währenddessen erschießt sich der schuldengeplagte Bruder von Margaret Leferre, der Verlobten von Luke Maddison. Margaret glaubt nun aber, dass Luke ihren Bruder förmlich in den Selbstmord getrieben hat. Unterstützt wird sie dabei von ihrem Bekannten Danton Morell, der sich bald als sehr zwielichtige, ja schon verbrecherische Natur entpuppt und seine eigenen finsteren Pläne verfolgt. Luke verschwindet aus Enttäuschung freiwillig von der Bildfläche und findet sich aus einer Reihe von Umständen plötzlich „ganz unten“ wieder, ohne Geld und ohne Freunde, dafür in den Fängen einer rücksichtslosen Diebesbande. Dabei kommt er wieder in den Dunstkreis von Gunner Haynes, der selber auf der Suche nach einem ehemaligen verräterischen Komplizen ist und nebenbei auch noch zum Schutzengel von Luke Maddison wird. Natürlich hängen alle beteiligten Personen irgendwie zusammen, und zum Schluss klären sich die Beziehungen alle auf, letzten Endes wird auch geklärt, ob Luke Maddison wirklich der herzlose Mensch war, als den ihn seine Verlobte zumindest vorrübergehend angesehen hat. Wenn das mal nicht nach Happy End klingt…

Kritik:

Ob mir das Buch gefallen hat oder nicht, darüber bin ich mir nicht so ganz schlüssig. Es gibt wieder eine sehr große Menge Wallace-typischer Zufälle, aber daran muss man sich eben gewöhnen. Es ist wieder ein Roman, wo es keinen „großen Unbekannten“ im Hintergrund gibt, dafür das eine oder andere Geheimnis, das es zu lüften gilt. Nebenher sind viele Stellen zu finden, die einen vor Spannung nun nicht gerade vom Hocker reißen. Nein, die eigentliche Geschichte ist nicht unbedingt überragend, um es mal vorsichtig zu formulieren. Sehr interessant fand ich aber die Beschreibung des sozialen Abstiegs von Luke Maddison, gestern noch Millionär, heute plötzlich auf der Straße und dann mitten in einem besonders üblen Viertel in London. So gerät er prompt auch in eine Abrechnung unter Gangstern, wobei er selber auch schwer verletzt wird. Aus einer Verwechslung heraus wird er aber nach seiner Genesung in die Bande eines gewissen Connor aufgenommen, die ihn für einen amerikanischen Verbrecher hält. Die Geschichte erinnert ein bisschen an Oliver Twist. Eine reine unbefleckte Seele, die aber unter üblen Gesellen leben muss. Die elenden Lebensverhältnisse der unteren Schichten, die Armut, die ständige Gewalt – all das wird recht ungeschminkt dargestellt. Nicht für alle waren die goldenen Zwanziger so richtig golden. So sieht sich Inspektor Bird selber auch als Engel der Armen, der die schwer arbeitende „Under Class“ vor Kriminellen schützen muss, die lieber arme Leute bestehlen, bedrohen und überfallen, weil die Reichen sich eben viel besser vor ihnen schützen können und schwer erreichbar sind. Aber auch er kann nicht viel ausrichten. Dabei ist Wallace aber beileibe kein Revolutionär, der die bestehenden Zustände grundlegend ändern will, die er beschreibt, ich glaube, er ist im Grunde fest dem englischen Klassendenken verhaftet. Arm ist eben arm, reich ist eben reich, nur Kriminelle sind halt böse und nicht gesellschaftskonform.
Irgendwann treffen Gunner Haynes und Luke Maddison wieder zusammen, wobei ihm der erstere aus Dankbarkeit mehrmals aus der Patsche hilft. Natürlich findet Haynes auch seinen verräterischen Ex-Komplizen wieder, der eine dem Leser sehr vertraute Negativgestalt des Romanes ist. Das alles ist nicht wirklich überraschend, auch nicht die Aufklärung der schurkischen Machenschaften des Danton Morell. Die Rolle des Inspektor Birds ist fast überflüssig, er taucht immer mal im Buch auf, aber tut selten etwas für die Handlung Entscheidendes. Zum Schluss gibt es (Achtung Spoiler) natürlich ein Happy End, nicht nur für Luke und seine Verlobte Margaret, sondern sogar für den „Gunner“ hört man schon in Ferne die Hochzeitsglocken läuten… Allerdings ist das Ende nicht ganz so kitschig, wie es sich anhört, es kommt eher abrupt und ist für die Beteiligten nicht völlig befriedigend.
Für einen Wallace-Fan sollte das Buch schon mal auf dem Leseziel stehen, wenn es dann doch nicht erreicht wird, ist es aber wohl auch nicht schlimm.

Buch:
Gelesen habe ich die Sammler-Edition von Weltbild (zusammen mit dem Roman „Der Mann von Marokko“) hat. Der Roman hat dort etwa 230 Seiten.

Verfilmung:
Eine deutsche Verfilmung des Stoffes existiert nicht. Möglicherweise wurde der im Roman beschriebene Trick, einen Körper mit einem Salzblock am Bein in die Themse zu werfen, auf dass die Leiche dann irgendwann irgendwo wieder auftaucht, in dem Wallace-Film „Die Toten Augen von London“ von 1961 übernommen.

Mr. Igle Offline




Beiträge: 127

21.10.2017 11:40
#3 RE: Hands up! (1928) Zitat · Antworten

Wieder eine sehr gelungene Besprechung dieses von mir persönlich sehr geschätzten Romans.

"Entspannen Sie sich, durch Hochspannung!"

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