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Dieses Thema hat 4 Antworten
und wurde 415 mal aufgerufen
 Film- und Fernsehklassiker national
Prisma Offline




Beiträge: 7.549

12.02.2018 12:31
Playgirl (1966) Zitat · Antworten


PLAYGIRL

● PLAYGIRL - BERLIN IST EINE SÜNDE WERT (D|1966)
mit Eva Renzi, Harald Leipnitz, Paul Hubschmid, Elga Stass, Rudolf Schündler, Ira Hagen, Narziss Sokatscheff, Hans Joachim Ketzlin, Barbara Rath und Umberto Orsini
als Gäste Don Antonio Espinosa, Georg und Elizabeth Wertenbaker, Dimitri und Helen Cosmadopolous, Ricci, Monika Scholl-Latour, Ellen Kessler, Susanne Korda, u.v.a.
eine Produktion der Will Tremper Film GmbH | im Verleih der UFA International
ein Film von Will Tremper





Das Model Alexandra Borowski (Eva Renzi) ist es gewöhnt, dass ihr die Männer zu Füßen liegen und ihr die Zeit vertreiben, zudem benutzt sie ihre schnell wechselnden Bekanntschaften, sie beruflich weiterzubringen. Angekommen in Berlin, sucht sie den erfolgreichen Bauunternehmer Joachim Steigenwald (Paul Hubschmid) auf, den sie von einem Aufenthalt in Rom kennt, denn eine erneute Affäre mit ihm würde ihrer Ansicht nach Vorteile mit sich bringen. Um sie schnell abzuwimmeln, schickt er allerdings kurzerhand seinen Bürovorsteher Siegbert Lahner (Harald Leipnitz) vor, der sich Hals über Kopf in Alexandra verliebt. Für sie wird es jedoch weitere männliche Etappen in Berlin geben, so beispielsweise den Mode-Fotografen Timo (Umberto Orsini), mit dem sie in der Abwesenheit von Steigenwald zusammenarbeitet, doch im Endeffekt findet Alexandra nichts anderes als kurze Affären und ist sich nicht im Klaren darüber, wie sie ihre Gefühle ordnen soll, falls denn überhaupt welche vorhanden sind...

Zitat von Will Tremper
Eva Renzi war der absolute Star des Films Playgirl, und sie wusste das. Nie hat ein anderes Mädchen mit einem einzigen Film im Rücken eine so raketenartige Karriere gemacht - und sich selbst auch wieder ruiniert.


Will Trempers vierter und gleichzeitig vorletzter Film sollte unter dem Namen "Playgirl", beziehungsweise unter dem Arbeitstitel "Berlin ist eine Sünde wert" in die deutsche Filmlandschaft eingehen. Er wurde am 16. November 1965 fertig gestellt. Seine über 50 Jahre sieht man diesem pulsierenden und vereinnahmenden Beitrag allerdings zu keiner Minute an. Interessant und gleichzeitig vollkommen logisch erscheint hierbei die Tatsache, dass die komplette Geschichte mit ihrem rasanten Verlauf um niemand anderen als Eva Renzi herumkonstruiert wurde. Tremper lernte sie dem Vernehmen nach bereits bei den Dreharbeiten zu "Die endlose Nacht" als Evelyn Renziehausen kennen. In seinem Buch "Die große Klappe" ist diesem Film ein ausführliches Kapitel gewidmet, das tief blicken lässt und viele interessante Hintergrundinformationen liefert, vor allem über den neuen Star der Produktion. Bereits der Einstieg in den Film offenbart sich wie eine kleine Liebeserklärung an die Stadt, die doch dem Titel nach eine Sünde wert sein sollte. Vor allem jedoch wird Eva Renzi in nahezu atemberaubenden Bildstrecken präsentiert. Wenn das Spektakel beendet ist, fragt man sich zu Recht, wie es dramaturgisch zu einigen offensichtlichen Qualitätsunterschieden kommen konnte, doch Will Tremper räumt in seinem Buch mit allen Spekulationen auf und nennt das Kind beim Namen. Es heißt wieder einmal und eigentlich immer wieder Eva Renzi. Die Aussagen des Regisseurs über seine Hauptdarstellerin gleichen einem strapaziösen Wechselbad der Ansichten. Einerseits spürt man die weitreichende Anerkennung bezüglich ihrer fulminanten Leistung, andererseits nimmt man aber auch ein nervenaufreibendes Tauziehen wahr, bei dem es sich nicht gerade so anhört, als habe es eine Verjährungsfrist gegeben. Wie dem auch sei, es bleibt ein Ergebnis, das eines der visuell schönsten und aussagekräftigsten Aushängeschilder des jungen deutschen Films geworden ist. Die Verbindung mit gesellschaftskritischen Aspekten geht, um ehrlich zu sein, nicht immer auf, da man empfundenermaßen eine unwillkürliche Oberflächlichkeit ausfindig macht. Diese entpuppt sich bei genauerem Hinsehen jedoch als ein nötiges Mosaiksteinchen, um der Handlung Tiefe zu verleihen.

Eine Frau sucht ihr Glück in der Großstadt, die ihr bereits nach den ersten kleinen Schritten zu Füßen zu liegen scheint. Damit ist natürlich hauptsächlich die Männerwelt gemeint, die - wie es aussieht - nur auf die Lichtgestalt Alexandra Borowski gewartet hat. Das schöne Fotomodell hingegen begnügt sich jedoch nicht damit, dass man(n) an sie herantritt, sie nimmt sich das, was sie will, was ihr zusteht, was sie braucht. Was sich nach einem Spiel anhört, wird im Verlauf immer wieder Tendenzen bitteren Ernstes erhalten und es geht letztendlich darum, wer die besseren Karten haben wird. Betrachtet man Eva Renzi, so dürfte sie es sein, die stets die bessere Ausgangsposition inne haben wird und man kann nicht anders als feststellen, dass es herrlich ist, ihr bei ihrem episodenhaften Tanz durch Berlin zuzusehen. Der komplette Film schöpft seine Dynamik aus ihrem Spiel. Dabei ist es absolut erstaunlich und gleichzeitig erfrischend, diese Seltenheit miterleben zu dürfen. Eigentlich steht außer Frage, dass "Playgirl" ohne Eva Renzi niemals funktioniert hätte. Man kann sogar ein Stück weiter gehen und behaupten, dass das Gerüst in seine Bestandteile zusammengefallen wäre. Laut Will Tremper wusste es jeder, auch er selbst, aber vor allem wusste es seine Hauptdarstellerin, die durch diverse Kapriolen während des Drehs, davor und danach für Atemlosigkeit sorgte. Alexandra Borowski beschäftigt sich und den Zuschauer mit der unbestimmten Suche nach Wahrheit, die zwar durch die dazu gehörenden Bilder transparent gemacht wird, aber den Kern der Sache eigentlich nicht verraten möchte. Das Finale des Films schafft keine Abhilfe angesichts offener Fragen, der Regisseur widmet diesem sogar ein Kapitel in seinem Buch unter dem Titel "Der schlechte Schluss"; er benutzt Begriffe wie »scheißegal« und betrachtet das »Unternehmen Eva Renzi« sogar als gescheitert. Es ist überaus spannend und ernüchternd zugleich, eine Ahnung davon zu bekommen, was hinter den Kulissen abgelaufen sein muss und die Produktion bei all seiner Bildgewalt und Poesie plötzlich einen merklich faden Beigeschmack vermittelt. Eine gewisse Unschlüssigkeit bleibt dem Zuschauer somit gleichermaßen nicht erspart.

Was die Schauspieler angeht, so bleibt zu sagen, dass sich bekannte und etablierte Stars aus TV und Kino hier lediglich im Licht einer zu diesem Zeitpunkt noch unbekannten, aber nicht unbegabten Eva Renzi sonnen. Ganz erstaunlich ist die Tatsache, dass sie ein regelrechtes Diktat vorgibt und dadurch bei Anderen fokussiertere Leistungen abruft. Harald Leipnitz und Paul Hubschmid stoßen in diesem Becken aus Flexibilität und Kehrtwendungen hin und wieder an ihre Grenzen, da ihre Routine neben der aufkommenden darstellerischen Spontanität wie ein alter Hut wirkt. Man bekommt auf einem langen Weg schließlich empathische und regelrecht abgestimmte Leistungen geboten. Oftmals wirkt es so, als versuchten diese und schließlich alle Herren, aufkommende Unruhen glattzubügeln und eine nicht vorhandene oder zumindest gestörte Struktur wieder herzustellen, weil diese systematisch von der Hauptperson umgekehrt wird. Diese wirkt in ihrem Auftreten absolut unberechenbar, aber gleichzeitig unglaublich mitreißend. Das große Plus sind ohne jeden Zweifel die teilweise überwältigenden Schauplätze des Szenarios, die Alltägliches, Spektakuläres und Traumhaftes widerspiegeln und charakterisieren. Die vorhandene Ziellosigkeit des Films verkommt bei aller sicht- und hörbaren Information zur Nebensächlichkeit und man verlässt sich auf den außergewöhnlich guten Instinkt der Regie, welcher unterm Strich wie eine Offenbarung wirkt. Was zählt, ist also wieder einmal die Liebe, doch hartnäckige Antagonisten wie beispielsweise Oberflächlichkeit, Misstrauen oder Eifersucht stören dieses schwierige Unterfangen sogar in Berlin. Schlussendlich ist es recht verwirrend, dass man einem Film, der dramaturgisch sicherlich ausbaufähig gewesen wäre, einen derartig hohen Stellenwert einräumt. Der unbefangene Betrachter stellt jedoch fest, dass alle Wege zu der schönen, fordernden, lebendigen und energiegeladenen Eva Renzi führen, die einen einfach nicht unberührt lassen wird, auf welcher Ebene auch immer. "Playgirl" ist daher vermutlich eher ein Film für notorische Genießer und jene, die es schätzen, wenn ein Film seinem Publikum sein beinahe zeitloses Flair verführerisch um die Ohren haut. Trotz gewisser Ungereimtheiten einfach nur toll!

Ray Offline



Beiträge: 1.492

12.02.2018 13:29
#2 RE: Playgirl (1966) Zitat · Antworten

Habe den Film vor ein paar Monaten erstmals gesehen, nachdem mir "Die endlose Nacht" bei der zweiten Sichtung ziemlich gut gefallen hatte. Dem Film gelingt es, dass einem irgendwann eine inhaltlich stringente Story gar nicht mehr richtig interessiert, man will einfach den Weg dieser jungen Frau weiter verfolgen. Die Atmosphäre des Films und die wuselige Performance von Eva Renzi ziehen den Betrachter wahrhaft in den Bann. Berlin-Freunde oder Renzi-Fans sehen sich "Playgirl" sowieso an, weder das eine noch das andere erscheint aber als Grundvoraussetzung, um an dem Film seine Freude zu haben.

Giacco Offline



Beiträge: 1.904

12.02.2018 14:50
#3 RE: Playgirl (1966) Zitat · Antworten

Auch die Film-Echo-Kritik fand 1966 lobende Worte für die Hauptdarstellerin:

"Das Positive ist vor allem die Hauptdarstellerin Eva Renzi. Schon ihretwillen sollte man den Film gesehen haben. Sie passt in die Rolle eines Fotomodells, das eines Tages losfährt, Berlin kennen zu lernen. Eva Renzi lässt sich rundum, in Zivil, im Modellkleid und ohne alles, mit vielen, vielen Frisuren und dann auch noch unter einem Perückensortiment verlockend fotografieren, dass man aus der Erinnerung heraus kaum sagen kann, wie die Dame nun wirklich aussieht. Und dass man bei den anderen Frauen des Films schließlich nie genau weiß, ob es sich um Eva Renzi in neuer Aufmachung oder um eine Neuerscheinung handelt.
Eine Freude ist auch die Art, wie Will Tremper Berlin geschildert hat. Er muss monatelang von einer Ecke der Stadt in die andere gefahren sein, immer mit der Freude des Entdeckers. Maniriert wirkt dagegen die Vorliebe, Leute aus seinem Bekanntenkreis vor die Kamera zu bringen. Die Besetzung der beiden männlichen Hauptrollen mit Paul Hubschmid und Harald Leipnitz war keine gute Idee. Hier fehlt der Kontrast für die unentschlossen von einem zum anderen wandelnde Eva Renzi. Da lobe ich mir einen unter den Mitwirkenden ungenannten blonden Jungen aus Berlin. Der hat einen Kopf und eine Sprache, da weiß man doch, wen man vor sich hat.
Ob Eva Renzi nicht nur eine reizvolle Frau, sondern auch eine Schauspielerin mit Zukunft ist? Ob sie nicht nur sich selbst spielt, sondern auch fähig ist, in die Haut anderer Menschen zu schlüpfen. Man kann da durchaus optimistisch sein. Auf jeden Fall war sie hier die richtige Besetzung."

Der Berliner "Gloria-Palast" meldete ein Einspielergebnis von 49.377,- DM in der ersten Woche.
Zunächst nahm Will Tremper den Verleih des Films selbst in die Hände und gründete die "Will Tremper Film-GmbH", die durch Heinz J. Preuschhoff vertreten wurde. 1967 übernahm "Rank-Film" die weitere Auswertung. Zum Start konnte der Film auf Anhieb in 53 Großstädten terminiert werden Die Kinobesitzer meldeten Noten von zufrieden bis sehr gut. Film-Echo-Endnote: 4,0 (32 Meldungen)

Jan Offline




Beiträge: 1.459

15.02.2018 22:28
#4 RE: Playgirl (1966) Zitat · Antworten

"Playgirl" habe ich mir auch zugelegt, quasi Pflichtprogramm für einen alten Westberlin-Nostalgiker wie mich. Letztlich hat mich der Streifen dann auch nicht enttäuscht. Neben allerlei Sixties-Ambiente der geteilten Stadt wartet Trempers durchaus extravagante Mischung aus Autorenfilm und Unterhaltungsware mit einigen gekonnten Momenten auf, die klar auf die beiden Hauptdarsteller Eva Renzi und Harald Leipnitz zurückzuführen sind. Ulkigerweise verschwindet der eigentliche Star - nämlich Paul Hubschmid - einigermaßen zügig aus dem Fokus des Filmemachers, was indes nicht weiter schmerzt, solange sich Harald Leipnitz daran laben darf, Harald Leipniz zu spielen und die wahrlich attraktive Eva Renzi Dialog um Dialog keck bis frivol nicht sprechen, sondern nuscheln darf. Was zum Ärgernis geraten kann, wird bei "Playgirl" zum Bonus.

Will Tremper passte de facto in keine einzige Schublade deutscher Filmemacher. Bei den Büchern nicht immer treffsicher, beim Tempo der Inszenierung auch nicht stets mit dem letzten Schliff dabei, vollbrachte er dennoch in der Gesamtschau häufig sympathische oder gar liebevoll gestrickte Filme. "Playgirl" gehört sicher dazu. Solange das Betrachtungsglas halb leer ist, wird man Tremper vielleicht nachsagen müssen, dass "Playgirl" weder Fisch noch Fleisch ist; weder ambitionierter Oberhausener noch griffiger Publikumsmagnet. Besieht man sich den Film wohlwollend, macht dieses Mittendrin aber durchaus einen gewissen Reiz aus. Offenkundig hatte es Tremper nicht nötig, sich zu entscheiden und wählte mutwillig ein bisschen von beidem. Das alles wirkt glücklicherweise nicht wie Unvermögen oder wie ein Versehen, sondern wie pure Absicht. Auch das macht den Film letztlich durchaus sehenswert.

Gruß
Jan

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.586

21.02.2018 14:00
#5 RE: Playgirl (1966) Zitat · Antworten



"Playgirl - Berlin ist eine Sünde wert" (Deutschland 1966)
mit: Eva Renzi, Harald Leipnitz, Paul Hubschmid, Umberto Orsini, Narziss Sokatscheff, Rudolf Schündler, Elga Stass, Barbara Rath, Hans Joachim Ketzlin, Gero Gandert u.a. | Buch und Regie: Will Tremper

Fotomodel Alexandra Borowski kommt von Frankfurt am Main endlich nach Berlin: Die geteilte Stadt ist der Ort ihrer Sehnsucht mit einem Mann aus der Vergangenheit. Vor zwei Jahren lernte sie ihn in Rom kennen, doch er lässt sie durch seinen Angestellten abwimmeln. So leicht kann man ein Mädchen wie Alexandra jedoch nicht vergessen. Wenn diese sich etwas in den Kopf gesetzt hat, gibt es für die Männer ihrer Umgebung nur zwei Möglichkeiten: entweder auf Tauchstation gehen oder kapitulieren....

In seiner Filmkritik vom 30. Juli 1966 kanzelt das "Hamburger Abendblatt" Will Trempers Liebeserklärung an Berlin ab: ("Playgirl" enttäuschte). Vor allem wird bemängelt, dass nur eines gezeigt wird: "....ein hochgewachsenes, schlankes und sehr fotogenes Mädchen: Eva Renzi, für diesmal begabt genug, das nächste Mal vielleicht schon nicht mehr." Dabei bekam die Jungschauspielerin für den ganzen Film so viel Gage wie ihr Kollege Paul Hubschmid pro Drehtag. "Playgirl" würde ohne Renzi nicht funktionieren, der Film atmet durch sie und lebt mit ihr. Selten wirbelt eine Schauspielerin, die noch ganz am Anfang ihrer Karriere steht, das Geschehen so prägnant auf wie sie. Ihr Kapital ist - und wird es in ihren späteren Filmen noch sein - ihre Wandlungsfähigkeit. Ihr ausdrucksvolles Gesicht profitiert nicht allein von den Anforderungen ihrer Rolle als "Kleiderständer", sondern verleiht der Figur Alexandra Borowski ungezählte Facetten, wobei der Zuschauer vermutlich bei weitem nicht alle zu sehen bekommt. Das Karussell ihres Lebens dreht sich schneller und schneller und droht, sie abzuwerfen, doch jedes Mal schafft sie es, ihren Schwerpunkt so zu verlagern, dass das Gröbste verhindert werden kann. Ihre Überlegungen unterwerfen sich dabei ihrer Spontanität und konkurrieren mit den mehr als zwei Seelen in ihrer Brust.

* Die Kindfrau

Alexandra ist gerade zwanzig Jahre alt und arbeitet seit Teenagerzeiten als optische Projektionsfläche für die Kreationen anderer. Der Trend wird vorgegeben und Alexandra setzt ihn ins Bild um. Obwohl sie dabei durch Schminke und Perücken auf älter getrimmt wird, nimmt man ihre verspielte, kindliche Seite immer wieder wahr. Begeisterungsfähigkeit, Erstaunen, Neugier, Unbefangenheit und Bewegungsdrang gehen in solchen Momenten Hand in Hand mit einem seligen Lächeln auf ihrem Gesicht, z.B. als sie sich an Lahner kuschelt, während sie Paul Kuhn am Klavier lauschen. Diese Haltung hebt sie von ihrer beherrschten und um Seriosität bemühten Umgebung ab, die Alexandra mehrfach als wahnsinnig oder verrückt abstempelt. Die junge Frau zeigt Freude an unbeschwerten Späßen, die Kindern früher oder später aberzogen werden: nackt baden, in der Öffentlichkeit sagen, was man denkt oder durch Nonkonformismus auffallen. Die Männer beäugen sie misstrauisch und fasziniert zugleich, die Frauen beneiden sie um ihren Mut.

* Die rationale Denkerin

Kaum kommt Alexandra in Berlin an - nachdem sie lautstark den Funkturm begrüßt hat - stellt man ihr eine Falle und der Zuschauer stellt mit Bewunderung fest, wie rasch sie die Gefahr erkennt und ihrem Reisebegleiter die rote Karte zeigt. Die ersten Bilder auf der AVUS sollten das Publikum auf eine falsche Fährte führen und eine ahnungslose, naive Frau inszenieren, die leichtfertig in ihr Unglück rennt. Doch weit gefehlt: Ehe man sich's versieht, nimmt Alexandra ihre Koffer und schlägt einen anderen Weg ein. Später, als der Fotograf ihr ein Pauschalhonorar fürs Shooting zahlen will, beharrt sie auf ihren Forderungen. Sie lässt sich nicht herunterhandeln, weil sie ihren Wert kennt. Ebenso belehrt sie die Freundin von Lahner, dass sie weit in der Welt herumgekommen ist, weil sie gearbeitet hat und nicht, weil sie sich von einem vermögenden Mann aushalten ließ. Die Angewohnheit, eine schöne junge Frau zu unterschätzen, grassiert in den Kreisen der Schickeria natürlich besonders und hier zeigt sich auch die Kampfbereitschaft von Alexandra, dies nicht so einfach hinzunehmen.

* Die Gefühlvolle

Alexandra schöpft ihre Energie aus Emotionen und diese machen ihre besondere Ausstrahlung aus. Ihr Gesicht leuchtet, wenn sie sich freut und so ist es kein Wunder, dass die Kamera immer wieder an ihrem Hals hochklettert und sie in Großaufnahme mit glänzenden Augen und schalkhaftem Lachen zeigt. Die Wandlungsfähigkeit der jungen Frau resultiert zum größten Teil aus der lebendigen Mimik, die ihr Gesicht zur Bühne für große Gefühle werden lässt, seien es nun Sehnsucht, Trauer oder Freude. Der Genuss als Ausdruck tiefer Empfindungen bahnt sich seinen Weg beim Tanz - solo oder im Paarlauf - sowie bei Veranstaltungen in heiterer Runde. Ebenso kann es sich jedoch auch um eine stille Mußestunde im Schaumbad handeln, das nicht nur der Entspannung, sondern auch dem Aufsaugen von Informationen durch konzentrierte Lektüre dient. Alexandras großes Kapital ist der Einsatz ihrer Gefühlsklaviatur, deren Variationen einen Mehrwert für ihren Beruf darstellen, da in der Branche stets das Neue und Überraschende gefragt sind.

* Die Verzweifelte

Wo viel Licht, da auch Schatten. Alexandra erlebt ihre Momente der Reue, der Trauer und der Verzweiflung, weil sie ihre Sentiments nicht auf Sparflamme kocht, sondern ihnen als spontaner Mensch Ausdruck verleiht. Wir sehen sie zunächst ärgerlich, enttäuscht, desillusioniert und abserviert am Flughafen Tegel, wo sich Joachim Steigenwald im Laufschritt zu seiner Maschine nach Frankfurt begibt. Alexandra muss gleich die doppelte Schmach ertragen: die Ernüchterung, dass sich der verehrte Mann nun schon zum zweiten Mal genervt von ihr abwendet und das Schuldgefühl gegenüber Lahner, der sich in sie verliebt hatte und nun an ihrer ausschließlichen Zuneigung zweifelt. Die Summe ihrer emotionalen Orientierungslosigkeit zeigt sich besonders deutlich am Ende des Films, als Alexandra mit sich selbst hadert - der Ausdruck größter Verzweiflung. Die Unzufriedenheit mit sich selbst, nicht vollkommen zu sein und eigene Erwartungen nicht erfüllen zu können, sowie der Eindruck von Unzulänglichkeit lassen sie an sich selbst (ver)zweifeln.

* Die Provokateurin

Mode soll/muss/kann provozieren. Als Repräsentantin der neuesten, gewagtesten und verrücktesten Kreationen ihrer Zeit steht Alexandra im Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit. Sie wird zum Allgemeingut der Presse, die sich längst nicht mehr nur für Rocklängen oder die Farben der Saison interessiert. Die Reaktion der jungen Frau ist eine Flucht nach vorn. Sie eilt den Meinungen, die sich ihr Umfeld über sie bildet, voraus und hinterfragt und kommentiert Gesagtes und Gehörtes, ja sogar historische Tatsachen. Ihr Gespräch mit Steigenwald über "diesen Hitler" und "die Kämpfe, die es in Berlin gab" sind zunächst unglaublich naiv und zeugen von einer gewaltigen Bildungslücke. An Steigenwalds Antworten erkennt man jedoch, dass es sich ebenso um eine Provokation der jungen Generation an die etablierte Generation handelt. Alles in Frage stellen, immer wieder bei Null zu beginnen, Altlasten nicht zu akzeptieren und Tatsachen nicht hinnehmen zu wollen. Alexandra muss noch viel lernen, aber sie deutet an, dass sie keine einfache Schülerin sein wird.

Das "Hamburger Abendblatt" schreibt in seiner Kritik vom 30. Juli 1966 abschließend noch folgendes: "Mit diesem Typ hat Will Tremper das Thema nicht getroffen, das in der Tat nicht nur in der kommerziellen Luft liegt. Die Freunde Berlins mögen Trost darin finden, dass sie alle Schauplätze wiederfinden, die sie schon vorher einmal gefunden haben.

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