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Dieses Thema hat 2 Antworten
und wurde 93 mal aufgerufen
 Film- und Fernsehklassiker national
Percy Lister Offline



Beiträge: 3.564

26.10.2015 20:30
#1 Die Mörder sind unter uns (1946) Zitat · antworten

BEWERTET: "Die Mörder sind unter uns" (Sowjetische Besatzungszone [spätere DDR] 1946)
mit: Hildegard Knef, Ernst Wilhelm Borchert, Arno Paulsen, Erna Sellmer, Christian Schwarzwald, Marlise Ludwig, Elly Burgmer, Ursula Krieg, Robert Forsch, Wolfgang Dohnberg u.a. | Drehbuch und Regie: Wolfgang Staudte

Nach der deutschen Kapitulation und ihrer Entlassung aus dem Konzentrationslager kehrt Susanne Wallner in ihre frühere Wohnung zurück. Dort lebt in der Zwischenzeit der Chirurg Dr. Hans Mertens, der im Krieg seelische Traumata erlitten hat und deshalb nicht arbeitet, obwohl Ärzte sehr gefragt sind. Die beiden beschließen, sich die Wohnung zu teilen, bis die Zeiten besser werden. Durch einen vergessenen Brief, den Susanne der angeblichen Witwe des Hauptmann Brückner überbringt, erfährt Hans, dass dieser noch lebt. Er hatte am Heiligabend des Jahres 1942 die Erschießung von Zivilisten befohlen, wofür ihn Hans nachträglich zur Rechenschaft ziehen will. Wird er den Mann töten und damit Selbstjustiz begehen?



Die widrigen Umstände, unter denen der Film an Originalschauplätzen und in den Ateliers in Babelsberg und Berlin-Johannisthal gedreht wurde, werden in den langen Kamerafahrten über bröckelnde Häuserruinen und ausgebombte Wohnungen deutlich. Die Rückkehr in die zerstörte Stadt, deren Name wie kein zweiter für den Überlebenswillen der Menschen steht, bedeutet die Wiederaufnahme eines Lebens, das neben den zahlreichen Entbehrungen auch Ratlosigkeit bedeutet. Es ist, als hingen die Bewohner der Stadt in der Luft: mitgenommen von den Ereignissen der letzten Jahre und dem Schock des Endes mit Schrecken, suchen sie verloren nach einem Platz, an dem sie endlich zur Ruhe und Normalität zurückkehren können. Einer Normalität, die es in Deutschland genau genommen seit über zwölf Jahren nicht mehr gab. Der Blick zurück in die menschlichen Abgründe, die das im Menschen schlummernde Böse explosionsartig zum Vorschein brachte, schmerzt und wurde deshalb gern verdrängt. Die Scham vor den eigenen Schandtaten, der Gefühllosigkeit und Billigung von Verbrechen, setzte einen unbändigen Willen frei, nach vorn zu schauen und an einer neuen Weltordnung zu bauen.

Hildegard Knef und Ernst Wilhelm Borchert verkörpern zwei unterschiedliche Anschauungen. Während die Frau einen Schlussstrich unter ihre Zeit in Gefangenschaft gezogen hat und nun die banale Arbeit der Wiederherstellung ihres Zuhauses anpackt, sieht der Mann in diesen alltäglichen Handgriffen keinen Sinn. Er äußert seinen Unmut, betäubt sich mit Alkohol und findet erst nach einem Schlüsselerlebnis - eine Frau bittet ihn, ihre kranke Tochter zu retten - wieder in ruhigere Gewässer zurück. Der ehemalige Hauptmann Brückner hat sich freilich schon lange mit den neuen Machtverhältnissen arrangiert: aus Stahlhelmen lässt er Kochtöpfe fertigen und nimmt damit das Wirtschaftswunder der Fünfziger Jahre vorweg. Das bevorstehende Weihnachtsfest sorgt dann für die Prüfung: Wird der Täter sein Verbrechen von vor drei Jahren reflektieren? Kann es Sühne geben für die lapidare Tagesberichtseintragung: "Wir haben 347 Schuss Munition verbraucht"? Regisseur Wolfgang Staudte war seinen Zeitgenossen um einiges voraus, als er den Finger in die Wunde legte:

Zitat von Judith und Rita Breuer: Von wegen Heilige Nacht! Das Weihnachtsfest in der politischen Propaganda, Verlag an der Ruhr, Seite 167
"Vielleicht hätte Weihnachten 1945 ein Anlass sein können zum Innehalten, zum Nachdenken über Fragen nach Schuld und persönlicher Verantwortung, wie es einzelne mutige Stimmen forderten. Doch die öffentliche Auseinandersetzung hierüber blieb weitgehend aus. Die Gedanken der Menschen kreisten um die Sicherung der einfachsten existenziellen Bedürfnisse."


Hildegard Knef, Jahrgang 1925, schaffte mit diesem Film ihren Durchbruch. Ihr konzentriertes Spiel strahlt eine Leichtigkeit aus, als bewege sie sich ungezwungen in ihren privaten Räumen statt zum ersten Mal vor einer Filmkamera. Die kaum vernehmbare Stimme, die Selbstbeherrschung und der Blick aus ihren großen Augen, die wie Scheinwerfer ins graue Dunkel ihrer Umgebung leuchten, machen ihre Erscheinung sehr angenehm. Ernst Wilhelm Borchert tritt als genaues Gegenteil auf: man braucht seine Zeit, um sich an den Mann mit den wirren Haaren und den unberechenbaren Temperamentsausbrüchen zu gewöhnen. Er lässt sich nicht domestizieren - vielleicht sah Wolfgang Staudte in ihm einen Teil von sich selbst, denn alle seine Arbeiten haben diesen Unterton, diesen Hinweis auf Unbehagen und Missstände.

Gubanov Offline




Beiträge: 15.538

31.07.2016 14:35
#2 RE: Die Mörder sind unter uns (1946) Zitat · antworten



Wolfgang Staudtes Die Mörder sind unter uns

Drama, D-Ost 1946. Regie und Drehbuch: Wolfgang Staudte. Mit: Wilhelm Borchert (Dr. Mertens), Hildegard Knef (Susanne Wallner), Erna Sellmer (Frau Brückner), Arno Paulsen (Ferdinand Brückner), Christian Blackwood (Otto Brückner), Michael Günther (Herbert), Robert Forsch (Mondschein), Elly Burger (Mutter des kranken Kindes), Marlise Ludwig (Sonja), Hilde Adolphi (Daisy) u.a. Uraufführung: 15. Oktober 1946. Eine Produktion der DEFA Deutsche Film-AG.

Zitat von Die Mörder sind unter uns
In ihrer ehemaligen Wohnung findet die nach Kriegsende befreite KZ-Insassin Susanne Wallner einen Arzt wohnen, dessen Psyche durch das in den letzten Jahren Erlebte schwer angeschlagen ist. Während Susanne für Dr. Mertens eine fürsorgliche Zuneigung entwickelt, bekämpft dieser die Geister seiner Vergangenheit, die ihm vor allem in Gestalt seines ehemaligen Vorgesetzten verfolgen. Dieser hat sich – ungeachtet seiner Kriegsverbrechen – bereits wieder einen klangvollen Namen gemacht und eine profitable Firma aufgebaut ...


Berlin im Herbst und Winter 1945. Aus den prächtigen Häusern sind Ruinen geworden und viele Menschen haben ein ähnliches Schicksal erlitten. Dr. Mertens, ein ehemaliger Chirurg, ist durch seine Kriegserfahrungen so aus dem Gleichgewicht gebracht worden, dass er seinen Beruf nicht mehr ausüben kann und immer wieder von unberechenbaren Temperamentsausbrüchen heimgesucht wird, wenn ihn Gegenstände oder Situationen an das Durchgemachte erinnern. Gefeiert als Ausrufungszeichen, mit dem das deutsche Filmschaffen nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wieder aufgenommen und politisch nach den Entgleisungen der NS-Zeit geradegerückt wurde, greift „Die Mörder sind unter uns“ damit wunde Punkte aus der unmittelbaren Zeit nach der Kapitulation auf und versucht, eine Aufarbeitung verschiedenster gesellschaftlicher Schieflagen zu beginnen.

Trotz seiner Reputation ist dieser Film nicht mehr als ein zaghafter Anfang auf diesem Gebiet, der – noch so frisch und unverdaut – an Authentizität nur von wenigen seiner Nachfolger überboten wird, die dafür jedoch vielfach ausgefeilter wirken sollten. Staudtes Konzentration auf die Gebrechen einer vom Nationalsozialismus verheizten Generation beeindruckt nachhaltig, doch sie ist ihrerseits nicht frei von Sprunghaftigkeit, Ungenauigkeit und Ideologie.

Zitat von Klaus Kreimeier. Die UFA-Story: Geschichte eines Filmkonzerns. Frankfurt / Main: Fischer-Verlag, 2002. S. 439
Der erste deutsche Spielfilm nach dem Krieg, Wolfgang Staudtes Die Mörder sind unter uns, mochte ästhetisch-stilistisch noch in der Tradition der Ufa-Werkstatt stehen (an der Produktion waren herausragende Mitarbeiter der „alten“ Ufa wie der Kameramann Friedl Behn-Grund und der Architekt Otto Hunte beteiligt) – seine Haltung zur Gegenwart entsprach indessen der Forderung amerikanischer Kontroll-Offiziere nach Filmen, die das Publikum „zum Denken bringen“ könnten, und politisch fügt er sich nahtlos in das Konzept des „antifaschistisch-demokratischen Aufbaus“, das die Sowjets zur Leitlinie für die Entwicklung in dem von ihnen besetzten Teil Deutschlands erklärt hatten.




So scheut sich Staudte nicht davor, in seinen Film plakative Szenencollagen einzuflechten, welche üblicherweise dazu dienen, eine Thematik zusätzlich zu würzen und Aufmerksamkeit zu generieren. Es stellt sich beim hier behandelten Sujet umgekehrt also die Frage, ob die Verbrechen, die im Namen des Nationalsozialismus begangen wurden, nicht schwerwiegend und spektakulär genug erschienen, sodass Staudte das Hinzufügen anderer Reizthemen (aufreizende Varietétänze, missgünstige Klatschfrauen, die Operation eines kranken Kindes, der Kontrast zwischen Krieg und Religion) als unbedingt nötig erachtete. Gerade die unglückliche Verquickung des entmenschlichten NS-deutschen Handelns mit dem weihnachtlichen Fest der Besinnlichkeit erscheint stark im Sinne einer antikirchlichen neuen Politik instrumentalisiert; ebenso wie es kaum ein Zufall sein dürfte, dass für den Erfolg des Untertauchens und der Kleinspielerei ruchloser Nazioffiziere in der Zone der sowjetisch-sozialistischen Besatzung ein Privatwirtschaftler und nicht etwa eine ranghohe Person in Politik oder öffentlichem Dienst angeklagt wird. Den Vorwurf, den nationalsozialistischen Teufel mit dem sozialistischen Beelzebub auszutreiben, will man dem Film nur deshalb ersparen, weil er in seiner Unmittelbarkeit etwas Authentisch-Unüberlegtes an sich hat und nicht im klassischen Sinne eines Ideologiefilms durchkalkuliert wirkt.

Während das Porträt des gebrochenen Dr. Mertens ebenso wie das des hoffnungsvollen Ladenbesitzers Mondschein mit Verständnis und anrührenden Szenen dem Zuschauer nahegeht, ist die Figur, die Hildegard Knef spielt, ein typisches Beispiel für die Vernachlässigung authentischer Frauenrollen. Nur dazu dienend, dem Arzt eine Stütze zu werden, verwehrt „Die Mörder sind unter uns“ einen genaueren Blick auf das Schicksal der Susanne Wallner. Wenn es heißt, dass sie aus einem KZ entlassen wurde, so ist damit offenkundig das Frauen- und Jugendkonzentrationslager Ravensbrück gemeint, in dem eine Ausstellung bis heute über die entbehrungsreichen und brutalen Haftbedingungen informiert. Der Film wischt über diese Erfahrung seiner Protagonistin nicht nur in der Manier des späteren DDR-Duktus hinweg, der im Wesentlichen das Leid politischer Häftlinge aufarbeitete, um den Rest – Frauen, die für „Asozialität“, falsche Religion oder Volksgruppe interniert wurden – heimlich unter den Tisch fallen zu lassen. Auch erscheint es geradezu verharmlosend, Susanne die Worte in den Mund zu legen, sie habe nach der Tortur ihrer Gefangenschaft in erster Linie „Angst vor der Freiheit“ gehabt. Auch aus der Rolle des Naziverbrechers, die eher wie ein leicht verständliches Feindbild als wie eine reale Figur wirkt, hätte man mehr herausholen können und müssen, um nicht im Skizzenhaften und Einseitigen zu verharren. Noch unmittelbarer und dem Titel des Films wirklich angemessen wäre es gewesen, wenn sich Dr. Mertens selbst im Laufe der Handlung vom Sympathen zum Kriegsverbrecher gewandelt hätte. Dafür war das Kino, das eher nach der Versicherung klarer Gut-Böse-Kontraste suchte, so knapp nach dem Krieg allerdings noch nicht bereit.

Seine Position als erster Nachkriegsfilm ist zugleich Stärke und Schwäche von „Die Mörder sind unter uns“, der ein beeindruckendes Zeitbild abliefert, aber nicht frei von den Beschränkungen einer Produktion ist, die ein Terrain zum allerersten Mal betritt. 3 von 5 Punkten – mit dem Hinweis auf die beachtliche stilistische Sicherheit, mit der die Produktion unter bescheidenen Bedingungen entstand.

Ray Offline



Beiträge: 1.089

28.10.2018 19:21
#3 RE: Die Mörder sind unter uns (1946) Zitat · antworten

Die Mörder sind unter uns (D 1946)

Regie: Wolfgang Staudte

Darsteller: Hildegard Knef, E.W. Borchert, Arno Paulsen u.a.



Berlin, 1945: Die junge Susanne Wallner kehrt als KZ-Überlebende zurück und trifft in ihrer früheren Wohnung auf den ehemaligen Militär-Chirurgen Dr. Mertens. Durch Zufall erfährt der seit dem Krieg unter Alkoholabhängigkeit leidende Mertens, dass sein ehemaliger Hauptmann Brückner anders als von Mertens angenommen den Krieg überlebt hat und nun das Leben eines erfolgreichen Geschäftsmannes führt. Brückner hatte sich beträchtliche Kriegsverbrechen zu Schulden kommen lassen...

Dass ein Werk, das den ersten Film der deutschen Nachkriegsgeschichte markiert, von erheblicher kulturhistorischer Bedeutung ist und angesichts von Original-Außenaufnahmen im noch recht frisch zerbombten Berlin ein äußerst bemerkenswertes Zeitdokument darstellt, erklärt sich von selbst. Aber auch darüber hinaus setzt Wolfgang Staudtes "Die Mörder sind unter uns" als erster sog. Trümmerfilm durchaus Akzente. Als Fallbeispiel für die seiner Zeit unter den Menschen weilenden Mörder dient der ehemalige Hauptmann Brückner, der so kurz nach Kriegsende u.a. durch den Verkauf von Stahlhelmen als Kochtöpfe das Leben eines erfolgreichen Geschäftsmannes und Biedermannes, wie er im Buche steht, führt. Die emotionale Zuspitzung seiner Verbrechen durch den Umstand, dass sie sich an Weihnachten zutrugen, mag man für unnötig einstufen, seine Wirkung verfehlt sie indes keinesfalls, führt sie doch die Scheinheiligkeit, mit der sich die Verbrecher dieser Tage oftmals umgaben, überdeutlich vor Augen. Schließlich sorgt das Finale, das ebenfalls an Weihnachten und noch dazu Weihnachten 1945, also dem ersten nach Kriegsende, spielt, für eine wirkungsvolle Duplizität der Ereignisse. Dass sich die Scheinheiligkeit von einigen der Kriegsverbrecher in das Nachkriegsdeutschland übertragen hat, will der vorliegende Film demonstrieren: Brückner steht den Vorwürfen Mertens' ungläubig gegenüber, er ist von der Rechtfertigung seiner Taten felsenfest überzeugt.

Auch wenn dem Film, was die Schonungslosigkeit der Abrechnung mit der kurz zurückliegenden Vergangenheit angeht, im Vergleich zu späteren Produktionen manches abgeht - einige Dinge werden nur angedeutet oder kurz erwähnt, aber nicht vertieft, wie etwa den KZ-Aufenthalt Susannes -, mag man das eben wegen der kurzen zeitlichen Spanne weitgehend nachsehen, immerhin wird dieses Minus durch das Plus an Authenzität doch ziemlich ausgeglichen. Trotzdem wirkt das Ende ein bisschen inkonsequent und zu sehr als eine Verhaltensanforderung an die Bevölkerung. Falls sie ihre Wirkung gehabt haben sollte, mag man auch dies hinnehmen. Unter den Akteuren überzeugt vor allem die junge, unverbrauchte Hildegard Knef. E.W. Borchert ist gewiss jemand, an dem sich das Publikum reiben kann. Seine Figur ist ob seines Verhaltens kein astreiner Sympathieträger, wobei seine Erlebisse manche Handlung entschuldigen.


Der erste deutsche Film nach Kriegsende liefert eine zeithistorisch interessante und authentische erste Abrechnung mit Nazi-Deutschland und den vielen kleinen, größeren Rädchen, welche die Maschinerie am Laufen hielten und nun ein (scheinbar) unbekümmerteres Leben führen als jene, die sich nichts zu Schulden kommen ließen. 4 von 5 Punkten.

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