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Dieses Thema hat 7 Antworten
und wurde 209 mal aufgerufen
 Edgar-Wallace-Forum
Dr. Oberzohn Offline



Beiträge: 12

13.01.2018 18:57
Stilelemente in Wallace-Romanen Zitat · antworten

Da hier ja immer so viel über die Filme mit allen technischen Finessen geschrieben wird, möchte ich mal etwas über die durchaus lesenswerten Vorlagen veröffentlichen. Auch hier gibt es ja immer wieder auftauchende Stilelemente oder auch schlechter gesagt Klischees, die teilweise in die Filme übernommen wurden, aber eben teilweise auch nicht. Edgar Wallace muss ein Mann mit unermüdlicher Energie, großer Phantasie und enormen (Halb-)Wissen gewesen sein. Er bediente sich oft der gleichen Stereotype in seiner Schreibe, aber trotz allem konnte er sie oft gut variieren.
Vielleicht kann man sich ja hier mal ein wenig über diese Eigenheiten austauschen. Was macht eigentlich einen „richtigen“ Edgar-Wallace-Krimi aus ? Welchen Reiz kann sein Werk auch heute noch, fast schon hundert Jahre nach seiner Hoch-Zeit, auf einen Leser des 21. Jahrhunderts ausüben ?

Zu Beginn mal ein Stilmittel bei Edgar Wallace, welches eigentlich eher von "klassischen" Autoren verwendet wird, aber das der Schriftsteller sogar verhältnismäßig oft einsetzte. In die Verfilmungen wurde es bewusst so gut wie gar nicht übernommen:

Das „Locked-Room-Mystery“

Edgar Wallace hat in einigen seiner Kriminalromane ein Element eingesetzt, dass für die klassische Detektiverzählung ein gerne eingesetztes Stilmittel war: der Mord im sogenannten verschlossenen Raum, wo nicht klar ist, wie sich der Täter Einlass geschafft hat oder auch wieder den Tatort verlassen hat. John Dickson Carr war ein Meister dieser kriminalistischen Spielart, auch Agatha Christie hat sich daran versucht, sogar die „Väter“ der Schwedenkrimis Walhöö/Sjöwall haben einen Roman darüber verzapft.
Wallace‘ erster Krimi aus dem Jahre 1905 war schon ein Locked-Room-Rätsel – wie wurde der Außenminister Philipp Ramon von den Vier Gerechten in seinem Arbeitszimmer inmitten Hunderter Polizisten getötet? Die Lösung des Rätsels hat er ja bekanntermaßen zu Werbezwecken als Preisausschreiben ausgeben lassen, nur hatten zu seinem Pech zu viele Leute den Hergang erraten, was ihn ja fast in den Ruin trieb.
Doch diese negative Erfahrung hinderte ihn nicht daran, auch später solche Morde in verschlossenen Räumen geschehen zu lassen. In dem Krimi Die gebogene Kerze wird so ein Fall beschrieben und klassisch aufgelöst, aber am klassischsten geht es wohl in dem Buch Das Geheimnis der Stecknadel zu, wo ein Mann und später ein zweiter in einem von innen verschlossenen Kellergewölbe getötet werden. Ich weiß nicht, ob Wallace den Modus operandi des Mörders von jemand anderem abgeschrieben hat, aber definitiv getan hat das drei Jahrzehnte später Victor Gunn, ein ähnlicher Vielschreiber wie Wallace, in seinem Kriminalroman Das Wirtshaus von Dartmoor. Ebenfalls bezieht sich zehn Jahre nach Erscheinen des "Stecknadel-Geheimnisses" und einem Jahr nach Wallace' Tod in dem Kriminalroman Der Mordfall Terrier der versnobte amerikanische Privatdetektiv Philo Vance (eine Schöpfung des US-Schriftstellers mit den Pseudonym S.S. van Dine) direkt auf die Wallace-Story und zitiert sie sogar recht wohlwollend, indem er die Auflösung wortwörtlich vorliest. Das Philo-Vance-Rätsel ist natürlich noch einiges komplizierter als das bei Wallace, aber das Grundproblem wurde übernommen. Auch das schon erwähnte Das Geheimnis der gebogenen Kerze wird bei Philo Vance besprochen.
Ein Locked-Room-Rätsel gibt es ebenfalls in dem Wallace-Buch The Lone House Mystery, das leider noch nicht ins Deutsche übersetzt wurde und das ich noch nicht gelesen habe. Es soll aber recht klassisch sein.
Ein Mord in einem verschlossenen Raum geschieht auch bei der Bande des Schreckens während eines Telefonates. Auch der Rote Kreis ermordet einen Mann in einer Gefängniszelle unter den Augen der Polizei, wenig später einen anderen in seinem Arbeitszimmer in seinem Haus, als der kurz davorsteht, den vor dem Zimmer befindlichen Detektiven die Identität des Hauptübeltäters preiszugeben. Die Bande des ominösen Frosches mit der Maske schafft es, einen Zeugen in seiner Vernehmungszelle mitten im Polizeipräsidium zu vergiften.
Aber die Auflösungen dieser Verbrechen sind natürlich nicht so spektakulär wie bei den Meistern des Genres, so viel Zeit zur Entwicklung eines extrem komplizierten Plots hatte Wallace gar nicht. In dem Mitte der Dreißiger Jahre entstandenen klassischen Krimi Der verschlossene Raum des am Anfang genannten Dickson Carrs gibt es ein berühmtes Kapitel über Mordrätsel in verschlossenen Räumen, wo er sich zwar nicht direkt auf Wallace bezieht, aber z.B. die Methode des umgebauten Telefonhörers als Mordwaffe (Die Bande des Schreckens) erwähnt. So geschieht E.W. immerhin ein wenig Gerechtigkeit ...

Gubanov Online




Beiträge: 15.043

13.01.2018 19:46
#2 RE: Stilelemente in Wallace-Romanen Zitat · antworten

Wie du bereits geschrieben hast, ist das Locked Room Mystery eine Urtechnik der Kriminalerzählung. Edgar Allan Poes "Morde in der Rue Morgue" führten nicht nur einen Prototyp des später populär gewordenen Privatermittlers ein, sondern eben auch den Mechanismus des scheinbar unmöglichen Mordes in einem verschlossenen Zimmer. Verbreitet wurde dieses Stilmittel dann weiter durch Gaston Leroux' "Das Geheimnis des gelben Zimmers". Man kann Locked Room Mysteries daher nicht als eineindeutiges Wallace-Merkmal bezeichnen, aber es war - wenn es ein solches jemals gegeben hat - ganz sicher auch ein gern genutztes Feld des Edgar Wallace Plot Wheel.

Dr. Oberzohn Offline



Beiträge: 12

14.01.2018 18:39
#3 RE: Stilelemente in Wallace-Romanen Zitat · antworten

Sicher ist das Verschlossene-Raum-Mysterium nicht unbedingt DAS typische Edgar-Wallace-Element. Aber so richtig entwickelt hat es sich doch erst in den Dreißiger Jahren, von einigen ruhmvollen Ausnahmen abgesehen. Da hat E.W. doch auch ein wenig "Vorarbeit" geleistet. Die doch eigentlich so simple Auflösung des Mordes an Harvey Froyant im "Roten Kreis" hat mich damals wirklich beeindruckt. Obwohl es ja glaube ich am Anfang des "Grünen Brandes" ein ähnliches Verbrechen gab. Immerhin ist die Auflösung der "Locked-Room-Mysteries" bei E.W. in all ihrer Schlichtheit glaubhafter als zum Beispiel die Verrenkungen, die J. Dickson Carr mitunter schrieb.
Aber der Name Edgar Wallace steht eigentlich auch eher für Action als für knifflige Geistesaufgaben...

Georg Online




Beiträge: 2.810

14.01.2018 19:30
#4 RE: Stilelemente in Wallace-Romanen Zitat · antworten

Typisch für Wallace waren ja auch "normale" Gangstergeschichten, da gab es auch zu Hauf Bücher, ohne Whodunits (Gangster in London). Locked-Room-Mysterys gab es ja gar nicht so viele, wenn ich mich entsinne, da fällt mir nur das sehr spannende Geheimnis der Stecknadel ein.
Wallace war sicher auch einer der Vorreiter was kriminelle Organisationen mit obskuren Hintermännern betrifft, etwas, das Francis Durbridge später noch ganz stark ausgebaut hat.

Dr. Oberzohn Offline



Beiträge: 12

15.01.2018 18:22
#5 RE: Stilelemente in Wallace-Romanen Zitat · antworten

Na, gut. Ich sehe ja ein, dass es kein typisches Stilmittel bei Wallace ist.
Vielleicht was anderes, was schon ziemlich modern daherkommt:

Schalldämpfer

Wohl kaum eine Erfindung in der Waffentechnik ist in Wallace‘ Werken so geradezu inflationär anzutreffen wie der Schalldämpfer. Um die Jahrhundertwende erfunden, muss der Schalldämpfer auf Schusswaffen den Autor extrem fasziniert haben. Kaum ein Roman, wo es nicht „ploppt“, „plufft“ oder gar völlig geräuschlos beim Schießen zugeht. Wie real das Ganze ist, kann ich nicht sagen, aber ob der Autor tiefergehende Kenntnisse über die Funktion einer solchen Apparatur hatte, kann wohl bezweifelt werden. Schließlich ist das gezielte Abfeuern einer Waffe mit einem Schalldämpfer aus verschiedenen Gründen recht schwierig, und außerdem muss man auch spezielle Unterschall-Munition verwenden, um den letztendlich gewünschten Effekt zu erzielen. Davon liest man nie etwas in den Romanen.
Es wäre vielleicht mal witzig, eine Liste von den Romanen von Wallace, besonders die der zwanziger Jahre, zu erstellen, in denen kein Schalldämpfer auftaucht. Sie ist mit Sicherheit nicht sehr lang.

Gubanov Online




Beiträge: 15.043

16.01.2018 13:48
#6 RE: Stilelemente in Wallace-Romanen Zitat · antworten

Das wäre mir nicht eingefallen, aber es stimmt, wenn man darüber nachdenkt. Und eigentlich ist der Reiz eines Schalldämpfers für einen Krimi(-schriftsteller) ja auch nur logisch, weil sich damit herrlich die Tatzeit verheimlichen und die Klärung des Falles schwieriger gestalten lässt. Sonst ist der Knall eines Schusses ja auch ziemlich auffällig.

Dass Wallace den Schalldämpfer so häufig benutzte, zeigt überhaupt auch an, dass er seine Figuren häufig zu Schusswaffen greifen ließ - im Gegensatz z.B. zu Agatha Christie, die eher als Expertin für Giftmorde bekannt ist. Das lässt sich auf einer abstrakteren Ebene dann sicher auch in Richtung "handfesterer Krimi" vs. "eleganterer Krimi" zu verallgemeinern.

Dass Wallace technisch komplett uninformiert war, würde ich aber nicht unbedingt unterstellen. Er schrieb die Bücher zwar schnell herunter, aber interessierte sich schon auch im Detail für die Methoden der Ermittler und Verbrecher, um seinen Lesern "Authentisches" anbieten zu können (z.B. Besuch bei Ernst Gennat in Berlin oder bei Al Capone in Chicago). Es ist also nicht total abwegig, zu vermuten, dass er hier oder dort auch 'mal über die genauere Funktionsweise von Schalldämpfern gestolpert ist. Aber das ist Spekulation.

lasher1965 Offline




Beiträge: 399

16.01.2018 14:44
#7 RE: Stilelemente in Wallace-Romanen Zitat · antworten

Zitat von Gubanov im Beitrag #6

Dass Wallace den Schalldämpfer so häufig benutzte, zeigt überhaupt auch an, dass er seine Figuren häufig zu Schusswaffen greifen ließ - im Gegensatz z.B. zu Agatha Christie, die eher als Expertin für Giftmorde bekannt ist. Das lässt sich auf einer abstrakteren Ebene dann sicher auch in Richtung "handfesterer Krimi" vs. "eleganterer Krimi" zu verallgemeinern.


Vielleicht ist das ja ein wenig klischeehaft, aber möglicherweise ist das eine einfach die "Männermethode" und das andere eher die "Frauenmethode"?

Dr. Oberzohn Offline



Beiträge: 12

16.01.2018 20:42
#8 RE: Stilelemente in Wallace-Romanen Zitat · antworten

Wahrscheinlich sind Pistolen und Revolver in Krimis wirklich mehr eine Männerdomäne. Agatha Christie soll sich ja auch dahingehend geäußert haben, dass es ihr schwerfalle, Geschichten zu schreiben, in denen Schusswaffen eine Rolle spielen. Obwohl ja auch bei ihr z.B. gerade in ihren eher abenteuerlichen Anfangsgeschichten auch ganz schön geschossen wurde. Dagegen spielt Gift auch bei Edgar Wallace oft eine Rolle - ein schönes neues Stilmittel-Thema...
Sicher war Wallace technisch auch informiert, beim "Banknotenfälscher" hat ja der eine Zeuge sogar den Knall des Schalldämpfers erkannt, weil er im Krieg beim Militär selber Versuche damit anstellte. Das klingt schon authentisch. Aber er erwähnt z.B. bei "Gucumatz" eine überschwere Luftpistole namens Deloraine, die als Mordwaffe gedient hat und auch im Krieg in Belgien bei Patrouillengängen eingesetzt wurde. Doch der "Herr Google" weiß davon überhaupt nichts. Ich frage mich, ob es unter dieser Bezeichnung wirklich so etwas gegeben hat oder ob da doch ein wenig auch die Phantasie mit im Spiel war. Schon Conan Doyle hat ja schon bei Sherlock Holmes über besonders starke Luftgewehre mit Patentspannsystem herum fabuliert. Besonders die Darstellung, dass diese Waffen keine Geräusche machen, ist ja genau so unsinnig wie der vollkommen geräuschlose Schalldämpfer.
Mir fällt nur auf, dass in moderneren Kriminalgeschichten Schalldämpfer kaum eine so große Rolle spielen wie bei Wallace. Auch in den Verfilmungen der Sechziger treten sie kaum auf (Verrätertor, Neues vom Hexer, Tote in der Themse, ..?).
Aber ich glaube, sogar bei Agatha Christie tauchte mal ein Schalldämpfer auf, weiss bloß nicht mehr wo...

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