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Dieses Thema hat 37 Antworten
und wurde 1.989 mal aufgerufen
 Film- und Fernsehklassiker international
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Georg Online




Beiträge: 2.959

01.01.2018 14:01
#31 RE: Nein! Doch! Oh! - Komödien mit Louis de Funès Zitat · antworten

Ich glaube Havi17 und TV-1967 reden aneinander vorbei.

TV-1967 wollte wissen, wo und ob Der Aussichtsturm, die deutsche TV-Version von Jo - Hasch mich, ich bin der Mörder irgendwo ausgestrahlt wurde oder wird. Und das ist / war defintiv nicht der Fall; der Film wurde seit Jahrzehnten nicht wiederholt und ist nur beim SR-Mitschnittservice zu beziehen.

Havi17 Offline




Beiträge: 3.036

01.01.2018 16:00
#32 RE: Nein! Doch! Oh! - Komödien mit Louis de Funès Zitat · antworten

@Georg: Danke für die Aufklärung. In der Tat, so hatte ich das nicht verstanden.

Gruß
Havi17

michaelchan Offline



Beiträge: 15

01.01.2018 20:24
#33 RE: Nein! Doch! Oh! - Komödien mit Louis de Funès Zitat · antworten

Habe auch nur gute Erinnerungen an die Louis-de-Funès-Filme. Allerdings hat sich mein Humor seit den Siebzigerjahren wohl geändert. Besonders komisch finde ich das meiste nicht mehr.

Am besten finde ich heute die Filme mit dem etwas anderem, schwarzen Humor. So in "Die Abenteuer des Rabbi Jakob" und in "Hasch mich, ich bin der Mörder". Letzterer wurde ja schon vorher mit Glenn Ford als "Die Nervensäge" in Schwarzweiß verfilmt und die Version ist auch nicht zu verachten. Übrigens lese ich gerade, dass das Theaterstück THE GAZEBO, auf dem der Film basiert, in England mit Ian Carmichael ("Lord Peter") aufgeführt wurde.

TV-1967 Offline



Beiträge: 438

03.01.2018 16:23
#34 RE: Nein! Doch! Oh! - Komödien mit Louis de Funès Zitat · antworten

Ja. Krimi-Georg hats aufgeklärt!

Gubanov Offline




Beiträge: 15.498

05.02.2018 22:10
#35 RE: Nein! Doch! Oh! - Komödien mit Louis de Funès Zitat · antworten



Balduin, der Ferienschreck (Les grandes vacances)

Komödie, FR / IT 1967. Regie: Jean Girault. Drehbuch: Jacques Vilfrid, Jean Girault. Mit: Louis de Funès (Balduin Bosquier [i.O. Charles Bosquier]), Claude Gensac (Isabelle Bosquier), François Leccia (Philippe Bosquier), Olivier de Funès (Gérard Bosquier), Martine Kelly (Shirley MacFarrell), Ferdy Mayne (MacFarrell), Maurice Risch (Stéphane Michonnet), Mario David (Autofahrer), Jacques Dynam (Kohlenlieferant Croizac), Denise Provence (Gräfin) u.a. Uraufführung (FR): 1. Dezember 1967. Uraufführung (BRD): 11. Oktober 1968. Eine Produktion von Les Films Copernic Paris und Ascot Cineraid Rom.

Zitat von Balduin, der Ferienschreck
Der gestrenge Schuldirektor Balduin Bosquier kennt auch in den Sommerferien kein Pardon: Sein älterer Sohn soll seine Fünf in Englisch ausbügeln, indem er an einem Schüleraustausch mit einer schottischen Familie teilnimmt, deren Tochter Shirley dafür bei den Bosquiers einzieht. Der jüngere Sohn soll Shirley derweil Paris zeigen. Die ständige Überwachung durch Bosquier senior wird der frühreifen Schottin bald zuviel, sodass sie mit einigen Jungs auf einem Segelboot Reißaus nimmt. Erst im letzten Moment erfährt Bosquier, dass auch sein in Schottland geglaubter Sohn auf dem Boot ist – eine peinliche Verwicklung nimmt ihren Lauf ...


„So sind die Franzosen: Alles Sittlichkeitsverbrecher!“

Die komischen Gelegenheiten, die sich ergeben könnten, wenn man Wirbelwind Louis de Funès in einen Lehrkörper integriert, liegen eigentlich auf der Hand. Der Film „Balduin, der Ferienschreck“ gibt zumindest eine Kostprobe dieser Möglichkeiten, indem er den Hauptdarsteller als Direktor eines elitären Internatsgymnasiums auftreten lässt. In dieser Funktion ist er zwar leider kaum in Interaktion mit anderen Lehrern oder Schülern zu sehen, weil die Ferien gerade begonnen haben, doch eine kurze Szene zu Filmbeginn zeigt ihn im herzhaft (un-)diplomatischen Umgang mit den Eltern der kleinen „Problemfälle“, mit denen er sich herumzuschlagen hat. Schnell verlagert sich die Handlung alsdann auf die privaten Turbulenzen im Hause Bosquier, dessen Ordnung und Sitten von der schottischen Austauschschülerin gehörig durcheinandergebracht werden. Dies geht vor allem zu Lasten des Vertrauens zwischen Balduin und seinem jüngeren Sohn Gérard, der den Film als Papis Liebling beginnt (verhätschelt mit regelmäßigen Geldspritzen) und ihn als „verdorbener Teenager“ beendet. Der Darsteller des 16-jährigen Gérard ist ein den Louis-Filmfreunden gut bekanntes Gesicht, doch nur wer den Vorspann aufmerksam liest, wird die Doppelbödigkeit der Rolle erkennen: Beim Schauspieler Olivier handelt es sich schließlich tatsächlich um den Sprössling von de Funès. Er trat zwischen 1965 und 1971 in insgesamt sechs Komödien seines Vaters auf, allerdings darüber hinaus in keinem einzigen anderen Spielfilm – ein echtes Familiengespann sozusagen.

Die Idee, aus den „großen Ferien“ eine Abenteuerreise zu machen, verwandelt den Film regelrecht in ein road movie, wobei de-Funès-Hausregisseur Jean Girault diesen Begriff nicht allzu wörtlich nahm und diverse Szenen außer auf der Straße auch zu Wasser oder in der Luft drehte. Der Aufwand der Verfolgungsjagden und Tricksequenzen sowie der betriebene Materialaufwand sind wieder einmal beachtlich, wobei viel Chichi bzw. Tingeltangel dem heutigen Betrachter eigentlich als nutzlos ins Auge sticht. Die humorvollsten Sequenzen sind ohnehin jene, die de Funès durch seine Mimik oder seinen Körpereinsatz stemmt, wohingegen Massenszenen wie das Hochzeitsfest in Gretna Green am Ende des Films die Grenze zur Albernheit manchmal auf unvorteilhafte Weise überschreiten. Dass man auch mit Einfachheit punkten kann, bewies Girault an anderer Stelle – nämlich bei den Schauplätzen. Anstatt ein immenses Budget in die internationalen Schauplätze zu investieren, kündigt meist nur eine schlichte auf dem Pariser Airport gedrehte Einstellung eines startenden Flugzeugs einen Szenenwechsel über den Ärmelkanal an. Auch die finalen Szenen entstanden mitnichten im südwestlichen Schottland, sondern im Zentralmassiv im Herzen Frankreichs.

„Balduin, der Ferienschreck“ glänzt dort am meisten, wo die Witze ins Gebiet des schwarzen Humors hineinreichen. Dazu gehören die diversen Spitzen, die die Franzosen und Schotten gegeneinander austeilen dürfen und die den Film ähnlich wie „Die Abenteuer des Rabbi Jacob“ zu einem wunderbar unkorrekten Lustspiel machen. So ziehen Louis und Charakterkopf Maurice Risch genüsslich über die Unzulänglichkeit der schottischen Küche her, während Ferdy Mayne, der das Pfennigfuchser-Pendant zu Balduin Bosquier spielt, den Franzosen sittliche Verkommenheit vorwirft. Es sind gerade Gesichter wie die von Mayne oder Risch, Claude Gensac oder Mario David, die dem Film eine vertraute Note verleihen, während die Eskapaden der rebellischen Sixties-Jugend nicht unbedingt immer den Nerv des Publikums treffen. Immerhin ist „Balduin, der Ferienschreck“ in einer anderen Kategorie ganz nah am Zahn der Zeit: Raymond Lefèvre komponierte für den Film eine mitreißend ohrwurmige Sommerhymne, die auch ohne Gesangseinlage an den populären Yéyé-Stil anknüpft.

Was in einem Urlaub nicht alles passieren kann: Jugendliche Abenteuerlust bringt Louis de Funès auf die Palme und stellt die schottisch-französischen Beziehungen auf eine Probe der besonderen Art. Nicht jeder Lacher zündet auch 50 Jahre nach der Filmpremiere noch, aber die, die funktionieren, sind louis-typisch liebenswert. 3,5 von 5 Punkten.

Gubanov Offline




Beiträge: 15.498

07.02.2018 20:45
#36 RE: Nein! Doch! Oh! - Komödien mit Louis de Funès Zitat · antworten



Balduin, der Geldschrankknacker (Faites sauter la banque!)

Kriminalkomödie, FR / IT 1963. Regie: Jean Girault. Drehbuch: Jacques Vilfrid, Jean Girault (Vorlage: Louis Sapin). Mit: Louis de Funès (Balduin Garnier [i.O. Victor Garnier]), Yvonne Clech (Eliane Garnier), Jean-Pierre Marielle (André Durand-Mareuil, Bankier), Anne Doat (Isabelle Garnier), Jean Valmont (Philippe Brécy), Michel Tureau (Gérard Garnier), Catherine Demongeot (Corinne Garnier), Georges Wilson (Polizist mit Fahrrad), Michel Dancourt (Casimir), Alix Mahieux (Poupette) u.a. Uraufführung (FR): 25. Februar 1964. Uraufführung (BRD): 20. März 1970. Eine Produktion von Les Films Copernic Paris und Pamec Cinematografica Rom.

Zitat von Balduin, der Geldschrankknacker
Vom hinterlistig-profitgierigen Bankdirektor Durand-Mareuil zu einer verheerenden Fehlinvestition bewegt, sinnt der Waffenverkäufer Balduin Garnier auf Rache gegen das Geldinstitut. Voller Tatendrang beschließt er, sich sein Geld wiederzuerlangen und die Bank auszurauben. Da diese dem Garnier’schen Geschäft gegenüberliegt, soll ein Tunnel unter der Straße direkt in den Schließfachraum führen. Doch das ist leichter gesagt als getan: Statikprobleme und Hindernisse sowie nervige Verwandte und neugierige Nachbarn erschweren den Tunnelbau. Schließlich kommt sogar ein Bankangestellter, der sich in Garniers Tochter verliebt hat, dem Komplott auf die Spur ...


„Wer mich liebt, folgt mir!“

Bankräuber-Banden setzen sich für gewöhnlich aus finster dreinblickenden Männern mittleren Alters zusammen, die durch den Wunsch nach der gemeinsamen Sore und sonst höchstens durch eine Zweckfreundschaft miteinander verbunden sind. Dieser Louis-de-Funès-Film verleiht dem typischen Heist Movie-Genre, bei dem der Zuschauer die Planung und Durchführung eines Bankraubs hautnah verfolgt, eine ungewohnte Schlagseite, indem er aus den „Verbrechern“ eine Durchschnittsfamilie macht. Unter der Ägide des Vaters, den de Funès mit der ihm eigenen Nervosität spielt, einigt man sich schnell nicht nur auf die moralische Rechtfertigung des gemeinsamen Unterfangens, sondern auch auf den modus operandi. Einerseits ergeben sich daraus, dass es sich bei Familie Garnier um blutige Amateure handelt, diverse heitere Zwischenfälle, andererseits verbündet man sich mit den tollpatschigen Verschwörern umso mehr, als ihnen vom arroganten Bankdirektor Durand-Mareuil wirklich übel mitgespielt wurde. Dem Film gelingt nicht nur diese absolut voreingenommene Erzählperspektive, sondern auch ihre Auflösung in einem bitteren Pyrrhussieg für die Garniers ganz hervorragend.

„Balduin, der Geldschrankknacker“ entstand noch vor dem ersten Teil der „Fantomas“-Reihe und dem „Gendarm von Saint-Tropez“, welche Louis de Funès später im Jahr 1964 zum frankreichweiten Star machten, und wurde im Gegensatz zu den meisten bekannten Werken des Komikers noch in Schwarzweiß gedreht. Allerdings existiert eine nachkolorierte Farbfassung von 1993, die durchaus sehenswert ist, weil in ihr Ausmaß und Schmutz der Tunnelgrabungen im Keller der Garnier’schen Waffenhandlung noch anschaulicher werden. Zwar ist „Balduin, der Geldschrankknacker“ im Wesentlichen ein Kammerspiel und als solches kaum mit den exorbitanten Abenteuern späterer Louis-Filme vergleichbar, doch die Tücken des Tunnelbau-Sets mit seinen beengten Platzverhältnissen und unangenehmen Überraschungen (das Leck in der Wasserleitung oder der Durchbruch in den Metro-Tunnel) wurden glaubwürdig und optisch ansprechend eingefangen.

Louis de Funès spricht hier in der deutschen Fassung mit der Stimme von Klaus Miedel, da der Film im Jahr 1969 bei der Berliner Synchron übersetzt wurde. Das Dialogbuch trifft die feine Grenze zwischen gerechtfertigter Zuspitzung der Originaldialoge und übertriebener Albernheit allerdings exzellent, sodass man den „falschen“ Sprecher verzeihen kann, zumal man sich im Laufe des Films auch an Miedels Interpretation gewöhnt. Neben de Funès sorgt vor allem das jüngere Garnier-Töchterlein mit seiner naseweisen Art für einige urkomische Momente, während Anne Doat als Erstgeborene die Zerrissenheit zwischen familiärer Loyalität und neu gefundener Liebe zu einem Bankangestellten glaubhaft zum Tragen bringt. Aus der langen Linie der de-Funès-Filmfrauen sticht Yvonne Clech mit einer weniger klamaukhaften Darstellung, die dennoch sehr amüsant ist, hervor. Sie würde 1971 noch einmal in „Hasch mich, ich bin der Mörder“ auftreten. Weniger überzeugend fällt die Leistung von Jean-Pierre Marielle aus, der als Erzfeind eine eher formelhafte Rolle spielt und stellenweise zu viel Gas gibt. Einige Szenen (vor allem jene, die die Vogellockpfeifen betreffen) wirken auch einfach zu albern.

Doch im Ganzen muss man sagen, dass sich „Balduin, der Geldschrankknacker“ nicht nur wegen der ewig aktuellen Thematik des Bankenneids über die Jahrzehnte außerordentlich gut gehalten hat, sondern dass er auch durch eine sauber ausbalancierte Mischung aus Lachmomenten und Krimi(-komödien-)handlung überzeugt. Für Zuschauer, die sowohl die Wutausbrüche des kleinen Franzosen als auch Heist Movies mögen, ist Giraults Film ein klarer, natürlich nicht ernstzunehmender Volltreffer.

„Sprengt die Bank in die Luft!“ ist eine klare Anstiftung, die den Zuschauer als Komplizen des familiären Rachefeldzugs gegen einen korrupten Bankier in ein Boot mit Louis und seiner Familie holt. Die unvorhergesehenen Unterbrechungen des mutigen Plans sorgen für dauerhafte Anspannung, wobei zwischenzeitlicher Humor meist von erfreulich geschmackvoller Natur ist. Gute 4,5 von 5 Punkten.

Dr. Oberzohn Offline



Beiträge: 68

29.03.2018 20:03
#37 RE: Nein! Doch! Oh! - Komödien mit Louis de Funès Zitat · antworten

Oh ja! Bitte unbedingt weitermachen mit den Besprechungen! Louis de Funes ist vielleicht DER Held meiner Kindheit. Einen Louis-Film zu gucken war damals absolutes Pflichtprogramm. Am besten gefielen mir neben der Fantomas-Trilogie immer die Polizistenfilme mit Louis als Wachtmeister Cruchot. Da konnte er immer zu Hochform auflaufen und den für ihn so typischen, trotz allem sympathischen Unsympathen spielen: nach oben katzbuckeln und nach unten treten. Unvergessen, wie er seine "Josepha" kennen- und liebenlernte. DAS waren wirklich noch Komödien. Warum gibt es so was eigentlich heute nicht mehr?

Den Film mit dem "Geldschrankknacker" habe ich neulich mal bei einem der wenigen Ausflüge ins Fernsehprogramm gesehen. Ich fand ihn auch überraschend gut gemacht.

Gubanov Offline




Beiträge: 15.498

12.05.2018 22:00
#38 RE: Nein! Doch! Oh! - Komödien mit Louis de Funès Zitat · antworten

Ein bisschen hat’s gedauert, aber zum Herrentag ließ sich ein amüsanter Ausflug unterbringen. Sozusagen nicht mit dem Bollerwagen in die Kneipe, sondern mit dem Chevrolet auf die Pinie:



Balduin, der Sonntagsfahrer (Sur un arbre perché)

Komödie, FR / IT 1970. Regie: Serge Korber. Drehbuch: Pierre Roustang, Jean Halain, Serge Korber. Mit: Louis de Funès (Henri Roubier), Geraldine Chaplin (Madame Muller), Olivier de Funès (Anhalter), Alice Sapritch (Lucienne Roubier), Paul Préboist (Radioreporter), Roland Armontel (Pater Jean-Marie), Franco Volpi (Mazzini), Jean Panisse (Brigadier), Hans Meyer (Colonel Muller), Daniel Bellus (Abstiegshelfer) u.a. Uraufführung (FR): 14. April 1971. Uraufführung (BRD): 2. Dezember 1971. Eine Produktion von Société Nouvelle de Cinématographie Paris, Comacico Paris, Lira Films Paris und Ascot Cineraid Rom.

Zitat von Balduin, der Sonntagsfahrer
Den eigensinnigen Autobahnbauunternehmer Roubier ärgert schon, dass er zwei Anhalter in seinem Wagen mitnehmen muss. Doch es kommt noch dicker, als er bei einem riskanten Fahrmanöver von der Straße abkommt. Das Auto stürzt über eine Steilküste den Abhang hinunter und landet mitten auf einer Pinie, die auf halber Höhe in den Klippenfelsen wurzelt. Von allen Wegen nach oben oder unten sowie jeglichem Kontakt zur Außenwelt abgeschnitten müssen die drei Leidensgenossen nun ausharren, bis sie Hilfe erhalten – ein Prozess, der sich länger als gewünscht hinzieht. Und selbst als die Behörden ihren Aufenthaltsort in Erfahrung gebracht haben, gestaltet sich eine Bergung des Unfallwagens äußerst schwierig ...


„Es ist mir das erste Mal passiert, dass ich auf einer Pinie aufgewacht bin.“

Bereits aus anderen Filmen kennt man das Prinzip, Louis’ Humor dadurch zu verstärken, dass man seinen Aktionsradius und Mitspielerkreis möglichst überschaubar hielt. So spielte sich die Komödie „Oscar“ von 1967 zum Beispiel nur im Haus des Protagonisten ab. In „Balduin, der Sonntagsfahrer“ trieb man dieses Prinzip auf die Spitze, indem man die Handlung fast ausschließlich in jenem menschenfern verunglückten Auto ansiedelte, das auf einem einsamen Baum an einer imposanten Steilküste gestrandet ist. In einem genüsslichen monumentalen Zoom verdeutlicht die Kamera das Ausmaß der Tragödie, während die drei verdutzten Personen im Wagen für den allergrößten Teil des Films im ungestörten Mittelpunkt stehen (bzw. sitzen). Viele Kritiker sowie ein Teil der Fans halten dem Film die daraus folgenden selbst auferlegten Limitationen vor – und verstricken sich dabei selbst in Widersprüche: Auf der einen Seite wollen sie de Funès wie aufgezogen herumrennen und -gestikulieren sehen, was die Gefangenschaft auf wenigen Quadratmetern natürlich nicht im üblichen Maße erlaubt; auf der anderen Seite verurteilen sie die angeblich zu slapstickhaften Witze über das in den Wipfeln schaukelnde Auto, das von jeder unbedachten Bewegung in gefährliche Schwingungen versetzt wird. Wenn man es sich recht überlegt, besteht in dem Konzept, Louis seiner typischen körperlichen Humormechanismen (zumindest zum Teil) zu berauben, eine wahrlich geniale Herausforderung, die der Film im Grunde unterhaltsam und überraschend kurzweilig meistert. Und es ist ja auch nicht so, als habe man sich charakterlich von der vertrauten Hitzkopfmentalität des Darstellers verabschiedet.

So sitzen nun also drei Menschen auf einer Pinie und warten – je nach Temperament – wahlweise auf Hilfe oder Hungertod (Wasser haben sie in einer Flasche und der Scheibenwischeranlage immerhin dabei). Dass dabei Reibungen entstehen, liegt auf der Hand. Man beobachtet sie mit voyeuristischer Freude! Louis de Funès darf wieder einmal in bester egoistischer Manier aufspielen, wobei der Zuschauer auch an seinen Alpträumen und Halluzinationen teilhaben darf, was dem Film einige völlig abseitig-skurrile Momente verleiht. Geraldine Chaplin fügt dem explosiven Gemisch ihrerseits amüsante Stimmungsschwankungen und eine bemerkenswerte Gesichtsakrobatik hinzu, die sich in vielen Momenten perfekt mit de Funès’ aufbrausender Art ergänzt. Olivier de Funès als dritter Mitfahrer bildet den pragmatischen Gegenpol zum selbsteingenommenen Mann am Steuer, überzeugt vor allem durch Ruhe und Gelassenheit und hat sich seit „Balduin, der Ferienschreck“ beachtlich ausgewachsen.

Einige platte Witze wie das stets verlorene Toupet, die im Laufe des Films immer knapper werdenden Kleidungsstücke oder der betrunkene Pater werden abhängig vom Geschmack jedes einzelnen Zuschauers besser oder schlechter funktionieren. Seine besten Momente hat Serge Korbers Film aber zweifellos immer dann, wenn der Humor ins düstere Fach abgleitet. Solche rabenschwarzen Augenblicke gibt es immer wieder – wenn die Hilfesuchenden, die mit einem Spiegel ein Boot auf ihre Lage aufmerksam machen wollen, dessen Tank versehentlich zur Explosion bringen und damit etwa ein Dutzend Menschen töten; wenn Roubier auf den Gedanken kommt, aus Hunger den kleinen Hund von Madame Muller zu verspeisen; oder wenn die alarmierten Rettungskräfte vor internationalen TV-Kameras bekunden, es bestehe sowieso kaum Hoffnung, dass die Bergung erfolgreich verliefe (nichtsahnend, dass die drei Pechvögel in ihrem Auto einen portablen Fernseher dabei haben). Auch die Nebenrolle von Alice Sapritch, die de Funès garstig-sittenstrenge Ehefrau spielt, welche schon um ihren Mann trauert, bevor jener in den Himmel gefahren ist, ist Goldes wert. Bei einer solchen Schreckschraube im trauten Heim muss man sich zumindest nicht mehr fragen, warum der werte Gatte sich so unleidlich verhält ...

Der groß aufgezogene Rettungsakt nimmt das letzte Viertel des Films ab und birgt noch einmal besondere Spannung, sodass der Vorwurf der Langeweile sich eigentlich von selbst entkräften sollte. Anstatt mit einem faden Happy End aufzuwarten, schwingt sich „Balduin, der Sonntagsfahrer“ zu einem weiteren Clou auf und verkehrt seine Handlung ein weiteres Mal ins Absurde – vielleicht eine Wendung zu viel fürs reguläre Publikum, vom heutigen Standpunkt aber sehr lohnenswert. Auf verschiedenen Ebenen schwingen leise Spitzen gegen verantwortliche Entscheider, Mensch, Material und Machtgefüge mit; das von Henri Roubier vorgetragene Credo „Geschafft aus eigener Kraft“ verkehrt sich auf den Wipfeln der Pinie in sein entlarvendes Gegenteil, eine kindliche Hilfsbedürftigkeit und zermürbende Geduldsprobe.

Freunde schneller Szenenwechsel werden „Balduin, der Sonntagsfahrer“ im wahrsten Sinne des Wortes für verunfallt halten. Den hektischen Louis de Funès aber einmal erzwungen ganz ruhig und in eine Abhängigkeit zweier sehr unterschiedlicher Leidensgenossen treten zu lassen, entpuppt sich als lohnenswerte und hochamüsante Idee, die Korber mit Hang zum Zynismus umsetzte. Starke 4 von 5 Punkten.

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