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Gubanov Offline




Beiträge: 14.783

01.10.2017 20:55
Forumsrelevante Dokumentarfilme und TV-Dokumentationen Zitat · antworten

In diesem Thread können wir Infos zu den mittlerweile doch recht zahlreich verfügbaren Dokus über klassische Krimithemen sammeln, denn ich denke, dass viele von uns an Blicken „hinter die Kulissen“ interessiert sind.

Ich beginne mit einer Dokumentation, die kürzlich bei Arte lief:



Agatha Christie gegen Hercule Poirot: Wer hat Roger Ackroyd getötet?
(Agatha Christie contre Hercule Poirot: Qui a tué Roger Ackroyd?)


Dokumentation, FR 2015. Regie und Drehbuch: Jean-Christophe Klotz. Mit: Gilles Kneusé (Regisseur), Peter Hudson (Dr. Sheppard), Gilles Gaston-Dreyfus (Hercule Poirot) sowie Interviews mit Pierre Bayard, Denis Bertrand, Neel Burton, Gérard Moréas, Malcolm Neesam, Andrew Norman und François Rivière. Eine Produktion von Arte France und Les Films du Poisson.

Zitat von Agatha Christie gegen Hercule Poirot: Wer hat Roger Ackroyd getötet?
Der Regisseur Jean-Christophe Klotz will Agatha Christies Roman „Alibi“ (The Murder of Roger Ackroyd) als Theaterstück inszenieren. Er ist kein ausgesprochener Christie-Kenner, aber das vorliegende Buch mit seiner völlig ungewöhnlichen Auflösung fasziniert ihn. In Frankreich und England geht er den Spuren seiner Entstehung und Rezeption nach und dekonstruiert Christies Krimi mithilfe von Psychoanalytikern, Literaturprofessoren, Historikern und Sprachwissenschaftlern. Er kommt zu einem verblüffenden Schluss: Vielleicht überführte Hercule Poirot einen Unschuldigen!


Die Besprechung enthält Spoiler zu Agatha Christies Roman „Alibi“.

„Alibi“ genießt den Ruf, zu Agatha Christies besten Bücher zu gehören. Das liegt nicht daran, dass die Geschichte besonders clever ausgearbeitet wäre – in dieser Beziehung übertrumpft so ziemlich jede Veröffentlichung der Autorin aus ihren schaffensreichen 1930er und 1940er Jahren dieses auch atmosphärisch noch etwas unausgereifte Frühwerk. Nein, es ist Christies Entscheidung, ausgerechnet den Ich-Erzähler zum Mörder in einem Whodunit zu machen, die dem Buch so großes Echo und ihrer Karriere anno 1926 einen immensen Schub verleiht. Die Person, mit der sich der Leser verbündet und deren Authentizität er unweigerlich voraussetzt, entpuppt sich als Schwerverbrecher – ein Clou, der die damalige Kritik zu bösen Vorwürfen verleitete, sich auf lange Sicht hin aber bezahlt machte.

Jean-Christophe Klotz – in der Dokumentation nicht selbst in Erscheinung tretend, sondern von einem Schauspieler verkörpert – nutzt die Treffen mit Christie-Experten und Wissenschaftlern, die den psychologischen Gehalt dieser Täterkonstruktion einschätzen können, um zwei wichtige Fragen zu klären: 1. Wie hängt die Entstehung mit Christies im Erscheinungsjahr sehr bewegten Privatleben zusammen und welche Theorien gibt es zu ihrem mysteriösen elftägigen Verschwinden? 2. Wie glaubwürdig ist die Auflösung, die Christie durch Poirot präsentiert und könnte der Mörder nicht in Wahrheit eine andere Person sein? Die Produktion macht zwar nicht recht deutlich, was die beiden Fragen miteinander zu tun haben, doch jede für sich liefert Raum für spannende Spekulationen, die Klotz in geschickten Argumentationen darlegt. Er stützt sich dabei auf Pierre Bayards gleichnamiges Buch, das bereits 1998 erschien. Freilich kann man seinen Untersuchungen dennoch einen gewissen verschwörungstheoretischen Anstrich nicht absprechen, der sich nicht zuletzt aus der heutzutage kultivierten Abneigung gegen lupenreine und irrtumsfreie Überfiguren wie Poirot speist.

Besonders interessant wirken wird die Dokumentation freilich auf einen Zuschauer, der den Roman oder die recht stimmige David-Suchet-Verfilmung kurz zuvor konsumiert und damit alle Details noch frisch im Kopf hat. Wer sich nicht mehr an jede einzelne Situation erinnert, ist der Interpretation von Klotz sozusagen „widerspruchslos ausgeliefert“, wird aber die gewissenhafte Schilderung und die Verbildlichung aller Charaktere mit Theaterschauspielern zu schätzen wissen, sodass selbst ein Nichtkenner des Stoffs der Dokumentation folgen kann, sofern er sich nicht daran stört, die Auflösung verraten zu bekommen. Kleinere Ungenauigkeiten wie die auch andernorts immer wieder auftauchende Behauptung, „Alibi“ sei Christies erst zweiter Roman überhaupt gewesen, fallen dabei nicht weiter ins Gewicht, hätten aber bei einer so tiefgründigen und durchaus auch wissenschaftlichen Auseinandersetzung nicht unbedingt auftauchen müssen.

Dass Agatha Christie den Leser gern hinters Licht führte, ist eine Binse. Andererseits grenzt die Sichtweise, die an einer ihrer Auflösungen zweifelt, paradoxerweise schon fast an Majestätsbeleidigung. Dass der Autor dieser Dokumentation mit seiner gewagten These dennoch überzeugt, liegt an solider Recherchearbeit und stringenter Beweisführung. Sehenswert sind darüber hinaus die Bild- und Tonausschnitte aus Interviews mit Agatha Christie persönlich. 4 von 5 Punkten.

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