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Dieses Thema hat 2 Antworten
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 Film- und Fernsehklassiker international
Gubanov Online




Beiträge: 14.848

26.08.2017 21:15
Igor Petrenko: "Sherlock Holmes" nach russischer Art Zitat · antworten



In Kennerkreisen gelten die sowjetischen Sherlock-Holmes-Verfilmungen mit Vasiliy Livanov, die zwischen 1979 und 1983 entstanden, als lohnenswerte Umsetzungen. Nachdem Livanov seiner Darstellung 2006 noch einen Altersauftritt hinzufügte, war es aber auch in Russland Zeit für einen neuen Holmes. Der Erfolg der Robert-Downey-jr.-Filme veranlasste den Fernsehsender Russia 1 zur Produktion einer top-modernen, aufwendigen Serie, die einerseits dem aktuellen Publikumsgeschmack entsprechen und andererseits auf zahlreiche Elemente aus Doyles Originalgeschichten zurückgreifen sollte.

„Sherlok Kholms“ ist das Resultat – eine achtteilige Serie, die 2013 zum ersten Mal über die Bildschirme flimmerte und in der Igor Petrenko den Sherlock Holmes, Andrey Panin den Dr. Watson und Mikhail Boyarskiy den Inspektor Lestrade spielen. Die Serie ist ebenso wie die Vorlagen im viktorianischen London angesiedelt und wurde zwischen September 2011 und Mai 2012 in und um St. Petersburg gedreht. Das Besondere und leider auch Verhängnisvolle an der Serie ist, dass Dr. Watson von einem 15 Jahre älteren Schauspieler verkörpert wird als Sherlock Holmes. Andrey Panin verstarb überraschend im März 2013 in Moskau im Alter von nur 50 Jahren, was eine Fortsetzung der Serie sehr unwahrscheinlich macht.

Aber wie würde Holmes sagen? „Alle Fakten von Anfang an, bitte!“ Schauen wir also zunächst auf die acht Folgen, in denen wir Petrenko und Panin bei ihren Ermittlungen beobachten können:

  1. 221B Baker Street (Beyker Strit, 221b)
  2. Rock, Scissors, Paper (Kamen, nozhnitsy, bumaga)
  3. Clowns (Payatsy)
  4. The Mistress of Lord Maulbré (Lyubovnitsy lorda Maulbreya)
  5. The Musgrave Ritual (Obryad doma Meysgreyvov)
  6. Halifax (Galifaks)
  7. Holmes’s Last Case (Poslednee delo Kholmsa)
  8. The Baskerville Hound (Sobaka Baskervil)

Gubanov Online




Beiträge: 14.848

27.08.2017 20:30
#2 RE: Igor Petrenko: "Sherlock Holmes" nach russischer Art Zitat · antworten



Sherlok Kholms: 221B Baker Street (Beyker Strit, 221b)

Episode 1 der TV-Kriminalserie, RU 2013. Regie: Andrey Kavun. Drehbuch: Igor Pogodin, Leonid Porokhin (Vorlagen „Black Peter“ (1904), „A Scandal in Bohemia“ (1891), „Charles Augustus Milverton“ (1904): Sir Arthur Conan Doyle). In den Hauptrollen: Igor Petrenko (Sherlock Holmes), Andrey Panin (Dr. Watson), Mikhail Boyarskiy (Inspektor Lestrade), Ingeborga Dapkunaite (Mrs. Hudson). Mit: Elizaveta Boyarskaya (Louise Berkett), Olga Volkova (Lady Emma Nelligan), Aleksandr Ilin (Peter Carey), Igor Jijikine (Strotter), Anatoliy Rudakov (Kriminalassistent Tracey), Dmitriy Lysenkov (Roger Smith), Vera Karpova (Miss Bokley), Galina Mochalova (Mrs. Softley) u.a. Erstsendung: 18. November 2013. Eine Produktion von Channel One Russia und Park Cinema Production.

Zitat von Sherlok Kholms (1): 221B Baker Street
Eine Kriegsverletzung zwingt den Armeearzt Dr. Watson, aus Afghanistan nach London zurückzukehren. Als Zeuge eines scheinbaren Verkehrsunfalls macht er die Bekanntschaft des Privatdetektivs Sherlock Holmes, der ihn einlädt, eine Wohnung mit ihm zu teilen. Zugleich begeben sich Holmes und Watson gemeinsam an die Klärung des Todes von Jack Izzy, der aus einer fahrenden Kutsche heraus erstochen wurde. Es stellt sich heraus, dass Erpressung im Spiel ist und die Spur verräterischer Liebesbriefe ins Seemannsmilieu führt. Leider begegnen die Ermittler dem Hauptverdächtigen erst, als ihm bereits eine Harpune in der Brust steckt ...


Es ist die gewohnte Taktik, eine Holmes-Serie mit dem Kennenlernen der beiden Protagonisten zu beginnen und gleichzeitig den Roman, aus dem diese Szenen entnommen wurden („A Study in Scarlet“), im Übrigen völlig zu ignorieren. Auch die russische Serie verfährt auf diese Weise und implementiert das Herantasten von Holmes und Watson aneinander in eine neu erfundene Geschichte, die einige vage Parallelen mit den Erpressungsfällen aus „A Scandal in Bohemia“ und „Charles Augustus Milverton“ erkennen lässt. Das Publikum schaut zunächst Dr. Watson über die Schulter, der im unverkennbaren karierten Tweedanzug ein kalt-feuchtes, überfülltes und nicht besonders elegantes London durchschreitet, das der viktorianischen Realität wohl etwas näher kommt als die Wohlfühlversionen anderer, älterer Umsetzungen.

Der Aufwand, mit dem die Russen diese Szenen umsetzten, ist beachtlich und lässt auf ein ambitioniertes Projekt schließen. Inmitten zahlreicher opulenter Straßenszenen und wahrer Statistenarmeen spielen sich die ersten Kontakte von Watson und Holmes recht glatt ab; das Kennenlernen und gegenseitige Beschnüffeln nimmt nur einen relativ kurzen Teil der Folge ein, bevor beide schon als Duo auf Verbrecherjagd gehen, als wären sie nie Anderes gewöhnt gewesen. Für Zuschauer, die verschiedene Holmes-Adaptionen kennen, ist das eine Erleichterung, weil so wenig Zeit in immer Gleiches investiert und schnell der Fall in den Fokus genommen wird. Dennoch versäumt die Folge es nicht, die exzentrische Männerfreundschaft mit einigen häuslichen Szenen auszugestalten, die Petrenko und Panin Sympathiepunkte einbringen und stellenweise auch zum Schmunzeln anregen. Dies ist zum Beispiel der Fall, als Watson Holmes das Boxen beizubringen versucht oder Holmes seine Geige gar fürchterlich strapaziert – im Gegensatz zu vielen anderen Umsetzungen liegt der Humor diesmal also eher auf Holmes’ als auf Watsons Seite.

Andrey Panin stellt den abenteuerlustigen, aber dennoch seriösen Arzt überzeugend und durchaus kanongetreu dar, während Igor Petrenko ein wenig mehr Abstraktionsvermögen einfordert. Sein Holmes ist ein etwas nervöser, zappeliger Kerl, der durch dicke Brillengläser schaut und schlecht frisiert ist. Was sich wie eine Fehlbesetzung anhört, macht zwar erstmal tatsächlich etwas skeptisch, geht im Endeffekt aber doch auf, wenn man sich von ganz fixen Vorstellungen des Meisterdetektivs zu lösen bereit ist. Petrenko geht augenscheinlich besonders dann in der Rolle auf, wenn er seine genialen Schlussfolgerungen vortragen, sich in Verkleidungen werfen oder mit Lestrade messen darf – dann macht sich in seinem Spiel ein echter Enthusiasmus bemerkbar, der seinen Holmes wie ein großes, liebenswertes Kind wirken lässt. Auch nicht schlecht die Szene, in der er sich im Boxclub inkognito auftritt und sich unter dem Namen Basil „der Barbar“ Rathbone anmeldet.

Erst nach einer knappen Stunde wandelt sich der lose auf Doyle basierende Fall zu einer erkennbaren Werkadaption, als Motive aus der Geschichte „Black Peter“ die Oberhand gewinnen. Diese Szenen sind besonders spannend und atmosphärisch umgesetzt und stellen erneut unter Beweis, dass es eine grobe Auslassung aller anderen Holmes-Serien ist, auf die Umsetzung dieser Story bislang verzichtet zu haben. Die kernigen Verdächtigen verleihen der Geschichte seemännisch-russisches Flair, was „221B Baker Street“ (gerade auch wegen des Originaltons) zu einem eigenwilligen, aber sehr überzeugenden Bindeglied zwischen seinem Schauplatz und seiner wahren Produktionsherkunft macht. Für engstirnige Holmes-Fans eher nicht geeignet, für mutige Horizonterweiterer aber empfehlenswert!

Gubanov Online




Beiträge: 14.848

03.09.2017 21:00
#3 RE: Igor Petrenko: "Sherlock Holmes" nach russischer Art Zitat · antworten



Sherlok Kholms: Rock, Scissors, Paper (Kamen, nozhnitsy, bumaga)

Episode 2 der TV-Kriminalserie, RU 2013. Regie: Andrey Kavun. Drehbuch: Igor Pogodin (Vorlagen „The Sign of Four“ (1890), „The Disappearance of Lady Frances Carfax“ (1911): Sir Arthur Conan Doyle). In den Hauptrollen: Igor Petrenko (Sherlock Holmes), Andrey Panin (Dr. Watson), Mikhail Boyarskiy (Inspektor Lestrade), Ingeborga Dapkunaite (Mrs. Hudson). Mit: Igor Sklyar (Captain Sholto), Mikhail Evlanov (Peter Small), Aleksandr Adabashyan (Zeitungsredakteur), Lyanka Gryu (Irene Adler), Oleksiy Gorbunov (Droschkenkutscher), Anatoliy Rudakov (Kriminalassistent Tracey), Vera Karpova (Miss Bokley), Galina Mochalova (Mrs. Softley) u.a. Erstsendung: 19. November 2013. Eine Produktion von Channel One Russia und Park Cinema Production.

Zitat von Sherlok Kholms (2): Rock, Scissors, Paper
Plötzlich taucht Peter Small, ein alter Armeefreund Dr. Watsons, tödlich verletzt in der Baker Street auf. Auf der Suche nach dem Mörder helfen den Ermittlern ein altes Foto und die Mithilfe von Captain Sholto. Es stellt sich jedoch heraus, dass Small selbst ein Verbrecher und gemeinsam mit einer Bande von Droschkenkutschern an einem Überfall auf einen indischen Prinzen beteiligt war. Dessen unermessliches Vermögen lässt zwielichtige Gestalten auf den Plan treten, während Watson noch immer damit zu kämpfen hat, dass seine ehemaligen Kameraden nun heimtückische Verbrecher sein sollen ...


An die grundsätzlich positiven Eindrücke der ersten Folge kann die zweite leider nicht ganz anknüpfen. Sie ist wegen der persönlichen Betroffenheit der Ermittler und der unvermittelten Einführung diverser überstrapazierter Holmes-Sidekicks der britischen „Sherlock“-Serie nicht unähnlich. Watson muss die Geister seiner Vergangenheit bekämpfen, während die gemütliche Baker Street zum unsicheren Kampfplatz wird und die Autoren die in der Vorlage nicht auftauchenden „Dauerbrenner“ Mycroft Holmes, Irene Adler und Professor Moriarty in den Plot hineinschreiben. Mit echtem Respekt vor dem Doyle’schen Kanon hat das nur sehr bedingt etwas zu tun, aber die Macher scheinen über alle Grenzen hinweg zu glauben, dass das Publikum nach einer Sensationalisierung der Originalgeschichten verlange.

„Rock, Scissors, Paper“ orientiert sich merklich an „The Sign of Four“, wobei die von Doyle übernommenen Elemente unter anderen Vorzeichen neu zu einer abenteuer-, armee- und politiklastigen Erzählung zusammengesetzt wurden. Dieser ist nicht immer leicht zu folgen, da sie der typischen klaren Krimistruktur einer Holmes-Erzählung entbehrt. Man bekommt es eher mit einer andauernden Feuerprobe für Dr. Watson zu tun, bei der ihm die Serien-Regulars nach Kräften beistehen. Die gute Chemie zwischen Andrey Panin und Igor Petrenko sorgt dafür, dass die Folge trotz der Widrigkeiten ihrer modernen Dramaturgie auch als Holmes-Fall einigermaßen überzeugt; anrührend sind des Weiteren auch die Szenen mit Mrs. Hudson.

Spannung und Action tragen die 90 Minuten ohne Durchhänger – da beißt die Maus keinen Faden ab. Einen Höhepunkt in dieser Hinsicht stellt die Bootsjagd über die Themse dar, die auch schon zu den einprägsamsten Szenen der Buchvorlage zählte. Durchaus reizvoll eingefädelt sind außerdem die ersten Verweise auf Moriarty mithilfe des mysteriösen, zur Hälfte der Ermittlungen plötzlich verschwundenen Fotos sowie die Strategie, Mycroft Holmes (ähnlich wie etwa Mrs. Columbo) zwar als Charakter einzuführen, aber nicht offen vor der Kamera zu zeigen. Sofern sich die beiden Charaktere nicht als Dauergäste einnisten, sei gegen sie nichts gesagt. Dagegen ist der Auftritt von Irene Adler ähnlich wie in der Cumberbatch-Serie ein einziges Ärgernis – Andeutungen über eine in der Vergangenheit liegende Liebesbeziehung zwischen ihr und Holmes machen deutlich, dass heutigen Drehbuchautoren jegliches Verständnis für die Beziehung der beiden Gegner fehlt.

In einem großen Finale kommt es schließlich zu einem Duell zwischen Watson und dem Haupttäter, wobei dieser kaum schwer zu erraten sein dürfte. Unverhohlen kommen hier einige fragwürdige Militärtraditionen und alteuropäisches Missionarsdenken zur Sprache (der weiße Mann, der den wilden Indern die Kultur bringt und so viele von ihnen töten kann, wie für „die gerechte Sache“ nötig ist). Ich kann mich des Gefühls nicht erwehren, dass solchen Ausführungen in einer russischen Serie ein anderes Gewicht zuzuschreiben ist als in weichgespülten westeuropäischen Unterhaltungsproduktionen.

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