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Dieses Thema hat 2 Antworten
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 Film- und Fernsehklassiker national
Gubanov Offline




Beiträge: 14.920

30.04.2017 20:30
Babylon Berlin: Die Gereon-Rath-Krimis von Volker Kutscher Zitat · antworten

Schon seit Jahren beherrschen Regionalkrimis den Büchermarkt – kaum eine Region in Deutschland, die nicht ihre eigene Buchreihe oder verschrobene Mordserie abbekommen hat. Man kann z.B. mit Kommissar Kluftinger den Allgäu unsicher machen oder Siggi Baumeister in die Eifel begleiten. Auch die Hauptstadt Berlin steht nicht hintan. Der auf Regio-Krimis spezialisierte Emons-Verlag listet Titel vom „Kreuzberg-Code“ bis zum „Tod in der Hasenheide“.

Eine ganz besondere Regionalkrimi-Reihe hob der (ironischerweise) Kölner Autor Volker Kutscher mit den im Berlin der Zwanziger- und Dreißigerjahre spielenden Gereon-Rath-Romanen aus der Taufe. Seit 2007 erschienen mittlerweile sechs Fälle, die den von Köln nach Berlin versetzten Kommissar Rath, der nun unter dem berühmten Polizeichef Ernst Gennat in der Umbruchszeit zwischen Weimarer Republik und Drittem Reich in kuriosen, abseitigen und zeitgeschichtlich aufgeladenen Mordgeschichten ermittelt. Die Romane werden für ihre gelungene Verquickung von Story und Atmosphäre gelobt und gelten als große Bestseller.

  • Band 1: Der nasse Fisch (erschienen 2007, spielt 1929)
  • Band 2: Der stumme Tod (erschienen 2009, spielt 1930)
  • Band 3: Goldstein (erschienen 2010, spielt 1931)
  • Band 4: Die Akte Vaterland (erschienen 2012, spielt 1932)
  • Band 5: Märzgefallene (erschienen 2014, spielt 1933)
  • Band 6: Lunapark (erschienen 2016, spielt 1934)
Der Erfolg der von Kiepenheuer & Witsch verlegten Bücher sorgt nun dafür, dass Gereon Rath bald auch in TV-Serien-Form wiedergeboren werden wird. Unter dem Titel „Babylon Berlin“ haben die ARD und der Bezahlsender SKY in einer bisher noch nie dagewesenen Kooperation ganze 16 Episoden für zwei Staffeln einer Gereon-Rath-Fernsehserie gedreht. Unter Tom Tykwers Regie spielen Volker Bruch den Hauptermittler und Liv Lisa Fries seine Freundin Charlotte Ritter. Das Projekt „Babylon Berlin“, das ab Ende 2017 auf SKY und ab 2018 im Ersten zu sehen sein soll, wird als teures Großprojekt beworben und schon fleißig ins Ausland verkauft, sodass man von einer beeindruckenden und hoffentlich auch stimmigen Adaption der Romane ausgehen kann.

In diesem Thread kann sowohl über die Romane von Volker Kutscher als auch die TV-Serie diskutiert werden. Ein paar nützliche Links gleich noch anbei:

Gubanov Offline




Beiträge: 14.920

01.05.2017 20:45
#2 RE: Babylon Berlin: Die Gereon-Rath-Krimis von Volker Kutscher Zitat · antworten

Durch Genre, Ort und Spielzeit für mich sehr interessant, wollte ich Gereon Rath schon einmal im Original kennenlernen, bevor er zu Fernsehehren kommt. Da die Kutscher-Bücher, wie es heute eben üblich ist, dicke Wälzer sind, griff ich kurzerhand zur komfortablen Hörbuchvariante. Die Argon-Hörbücher der Kutscher-Romane sind „autorisierte Lesefassungen“, also gekürzt, aber mit jeweils 6 bis 8 CDs umfangreich genug für einen guten Eindruck:



Der nasse Fisch (Gereon Raths erster Fall)

Band 1 der Kriminalroman-Reihe von Volker Kutscher. Spielt im Jahr: 1929. Erstveröffentlichung: August 2007, Kiepenheuer & Witsch, 543 Seiten. Hörbuchfassung: August 2009, Argon-Verlag, 438 Minuten. Sprecher: Sylvester Groth.

Zitat von Der nasse Fisch
Der Körper der aus dem Landwehrkanal gefischten Männerleiche weist Spuren schwerer Folter und dennoch ein zufriedenes Lächeln auf. Kommissar Gereon Rath, der seit seiner Versetzung von Köln nach Berlin eigentlich bei der Sitte arbeitet, schaltet sich eigenmächtig in die stagnierenden Ermittlungen ein und entdeckt, dass der Tote ein Exilrusse gewesen sein und mit einer Gruppe seiner Landsleute in Verbindung gestanden haben muss, die einen immensen russischen Goldschatz in Berlin erwartet. Hinter diesem ist auch der Rauschgiftkönig „Dr. Mabuse“ her, der einen gefährlichen Angreifer auf Rath ansetzt. Im Zwielicht eines Hinterhofs wird der Ermittler selbst zum Mörder ...


Wer ist dieser Gereon Rath, den man als Leser bzw. Zuhörer auf eine Reise in das bewegte Berlin der Zwischenkriegsjahre begleitet? Ein unangenehmer Zwischenfall in Köln veranlasste die Versetzung des Kommissars in den „wilden Osten“ nach Berlin, jene Stadt, die im Vorwort des Romans von Walter Rathenau als „Spree-Chicago“ bezeichnet wird. Über Einzelheiten seiner Vergangenheit schweigt Rath sich aus, ebenso wie er ein insgesamt recht eigenschaftsloser Charakter ist. Natürlich: Er darf sich den Manierismen eines im neuen Jahrtausend erdachten „Realohelden“ nicht verweigern, muss also pflichtgemäß eine On-Off-Beziehung zu einer Kollegin führen und ständig Alleingänge hinter dem Rücken ungeliebter Vorgesetzter unternehmen. Doch dennoch ist Rath kein gewollter Regelbrecher, kein übercooler Hardboiled-Detektiv, kein Aufreißer, Angeber oder Selbstdarsteller. Er hält sich im Hintergrund und konzentriert sich ganz auf seinen jeweiligen Fall, geht dabei sogar manchmal weit über die Grenzen des Legalen hinaus. Seine rheinländischen Wurzeln merkt man ihm dabei nicht an. Er könnte auch Berliner sein – seine Herkunft ist wohl als Konzession an die des Autors Kutscher zu betrachten und daran, dass Rath ebenso wie der Autor und seine Leser ja alle nur Gäste in einem fiktiv wieder zum Leben erweckten Geschichts-Berlin sind.

Und das hat es in sich: Von der „roten Burg“, dem Polizeipräsidium am Alexanderplatz, aus, wo Ernst Gennat über Mordkommission und Kuchenplatte herrscht, stürzt sich Rath in die tiefsten Tiefen „Charlottengrads“, der russischen Parallelwelt inmitten Berlins, in der er ebenso auf organisiertes Verbrechen und Einschüchterungen trifft wie hinter den Kulissen der Amüsiertempel am stillgelegten Ostbahnhof. In Letzteren tritt ein Verbrecherboss auf, der „Dr. Mabuse“ genannt wird – so schreit den Zuhörer das Zeitkolorit der Zwanzigerjahre geradezu an, auch wenn die Erzählsprache gerade nicht in altmodische Künsteleien verfällt, sondern eine angenehme und zeitlose Klarheit pflegt.

Raths erster Fall ist mindestens ebenso sehr Abenteuer und Selbstfindung wie Krimi. Im Gegensatz etwa zum „stummen Tod“, der als fast schon lupenreine Mördersuche angelegt ist, fällt „Der nasse Fisch“ (ein reizender Titel und typisch berlinerische Polizistenmundart für eine ungelöste Kriminalakte) labyrinthischer, aber auch vielschichtiger aus. Die Verfolgungsjagd zu Beginn, das sukzessive Auftauchen gefährlicher politkrimineller gesellschaftlicher Randgruppen – von russischen Oppositionellen bis zu frühen Nazis ist das ganze Programm dabei – und nicht zuletzt die Verwicklung Raths in seinen eigenen Fall – er muss den „Mord“ untersuchen, den er selbst begangen hat – sind Kabinettstückchen, die zeigen, dass Kutscher sein Handwerk versteht, und die die Authentizität des ersten Rath-Romans gewissermaßen durch die Decke der Karstadt-Baustelle am Hermannplatz schießen lassen.

Gubanov Offline




Beiträge: 14.920

14.05.2017 20:15
#3 RE: Babylon Berlin: Die Gereon-Rath-Krimis von Volker Kutscher Zitat · antworten



Der stumme Tod (Gereon Raths zweiter Fall)

Band 2 der Kriminalroman-Reihe von Volker Kutscher. Spielt im Jahr: 1930. Erstveröffentlichung: Februar 2009, Kiepenheuer & Witsch, 542 Seiten. Hörbuchfassung: November 2011, Argon-Verlag, 398 Minuten. Sprecher: Reiner Schöne.

Zitat von Der stumme Tod
Welch ein unglamouröser Tod! Bei Dreharbeiten in den Terra-Studios wird die Schauspielerin Betty Winter unter einem glühend heißen Scheinwerfer begraben, der sich – so die ersten Ermittlungsergebnisse – wegen Betriebsspionage zwischen zwei konkurrierenden Filmfirmen aus seiner Halterung gelöst hatte. Wenig später setzt eine ganze Reihe von Morden an Schauspielerinnen ein, die jedoch ganz anders gelagert sind. Der unbekannte Täter durchtrennt seinen Opfern vor deren Ableben die Stimmbänder. Steht sein Vorgehen mit der in Berlin und Babelsberg rasant wachsenden Tonfilmkonkurrenz in Verbindung?


Von Rath-Roman Nummer zwei geht eine gewisse Behaglichkeit aus, über die der Erstling, der düster und actionreich wirkt, nicht verfügt. „Der stumme Tod“ konzentriert sich ganz auf den Tod einer Schauspielerin, der in Verbindung mit einer später einsetzenden Reihe von Morden an Berufsgenossinnen zu stehen scheint, und ist in dieser Anlage (wer ist der Täter?, wo liegen die Motive?, nach wie vielen Leichen kann die Polizei den Täter stoppen?) sehr traditionell, um nicht zu sagen: angenehm und zum Gusto der Reihe passend altmodisch. Kutscher gelingt es besonders raffiniert, die Taten in einen zeithistorischen Kontext zu implementieren, indem er sie im Dunstkreis von Berliner und Potsdamer Filmstudios ansiedelt und dabei einiges Insiderwissen in Bezug auf Produktionsfirmen und -abläufe sowie die Merkwürdigkeiten und Eitelkeiten der Filmbranche einbringt, ohne dabei in hysterische Karikaturen von Schauspielern und Produzenten zu verfallen (die Diven bekommt Rath, kein ausgesprochener Filmfreund, ohnehin immer erst tot zu sehen). Eine Figur aus Band 1 taucht als Filmproduzent und Verdächtiger wieder auf, ebenso wie es auch in späteren Büchern einzelne wiederkehrende Figuren abseits des Polizeiapparats geben wird.

Das Jahr 1930 ist das des Umbruchs zwischen Stumm- und Tonfilm (oder: Sprechfilm, wie er hier zeitgenössisch genannt wird). Debatten über den künstlerischen Wert des Sprechfilms erfüllen nicht nur einen Selbstzweck, sondern gehen eine geschickte Verbindung zu den Morden ein, sodass erneut eine bewundernswerte atmosphärische Dichte geschaffen wird, die den Leser bzw. Zuhörer unweigerlich auf eine Zeitreise schickt. Bevor „Der stumme Tod“ mit einer Serienkiller-Handlung um die Ecke kommt, nimmt sich Kutscher ausgiebig Zeit, einen interessanteren Todesfall zu skizzieren, indem er das Ableben von Betty Winter genau auf dem feinen und fesselnden Grat zwischen Mord und Unfall ansiedelt. Während man den Mörder, der sich über die Stimmbänder seiner Opfer hermacht, leicht schon bei seiner ersten Tat enttarnen kann und es deshalb verwundert, dass das Buch überhaupt ein Rätsel daraus zu stricken versucht, bleibt bis zum letzten Kapitel unklar, ob es Rath gelingen wird, Betty Winters Mörder, wenn er denn überhaupt ein Mörder ist, zur Verantwortung zu ziehen.

Trotz der wackeligen Whodunit-Konstruktion überzeugt das imposante Finale des Buches, in dem eine burgartige Villa am Wannsee und deren exzentrische Bewohner, die es mit Rath nicht gerade gut meinen, nachhaltige Rollen spielen. Ebenfalls wieder zu Ehren kommt Ernst Gennat, dessen Rolle als unvoreingenommener Vorgesetzter in umso milderem Licht erscheint, je abstoßender Raths anderer Chef gezeichnet wird. Dennoch sitzt Kutscher nicht dem nostalgisch verklärten Bild auf, aus dem preußischen Gennat einen gutmütigen Buddha zu machen, denn der berühmte Kriminaler zeigt, dass er durchaus auch ungehalten reagieren kann, wenn Rath seine Kompetenzen überschreitet. So kann letztlich von einem ausgewogenen Ermittlerteam gesprochen werden, wenngleich die Mehrheit der Leser Kutschers Romane sicher am wenigsten der Spürnasen, sondern eher der Verdächtigen, der Schauplätze und des Zeitgefühls wegen verschlingen wird.

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