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Dieses Thema hat 3 Antworten
und wurde 325 mal aufgerufen
 Film- und Fernsehklassiker national
Percy Lister Offline



Beiträge: 3.546

25.04.2017 14:38
Rosen für den Staatsanwalt (1959) Zitat · antworten

BEWERTET: "Rosen für den Staatsanwalt" (Deutschland 1959)
mit: Martin Held, Walter Giller, Ingrid van Bergen, Camilla Spira, Werner Peters, Paul Hartmann, Wolfgang Wahl, Wolfgang Preiss, Werner Finck, Roland Kaiser, Inge Meysel, Ralf Wolter, Henry Lorenzen, Gerdamaria Jürgens, Wolfgang Neuss, Wolfgang Müller u.a. | Drehbuch: Georg Hurdalek nach einer Idee von Wolfgang Staudte | Regie: Wolfgang Staudte

Oberstaatsanwalt Wilhelm Schramm war im Zweiten Weltkrieg Kriegsgerichtsrat und verurteilte den Gefreiten Rudi Kleinschmidt wegen zweier auf dem Schwarzmarkt erworbenen Dosen Schokolade zum Tode. Dieser konnte seiner Hinrichtung jedoch während eines Fliegerangriffs entkommen. Fünfzehn Jahre später arbeitet er als Straßenverkäufer und lässt sich in jener Stadt nieder, in der Schramm inzwischen Karriere gemacht hat. Käme die alte Geschichte ans Licht, würde ihm das erheblich schaden....



Die noch junge Bundesrepublik trifft auf das alte Nazireich - so könnte man auch die Begegnung zwischen den Antipoden Walter Giller und Martin Held beschreiben, die stellvertretend für die aufkeimende Gesellschaftskritik stehen. Die Trümmerberge wurden zwar abgetragen, alte Schulden und offene Rechnungen allerdings noch immer nicht beglichen. Jener, der sich mit Geschick und der Vertuschung seiner Vergangenheit nach oben arbeitete, pflegt unter dem Deckmantel der Anständigkeit und Redlichkeit das alte Gedankengut. Seinen politisch unbelasteten Kontrahenten interessieren weder Ruhm, noch Ansehen, er wünscht sich einzig ein genügsames Auskommen und seine Ruhe. Der Ranghöhere hat dementsprechend bei seinem Fall weitaus mehr zu verlieren. Er hat es weit gebracht und bedient sich noch immer jener Methoden, mit denen er früher Respekt und Ergebenheit erlangte. Schramm wird gefürchtet oder gehasst; auch seine Familie steht ihm in einer Mischung aus duckmäuserischer Unterwürfigkeit und Ablehnung gegenüber. Freilich ist Martin Held genau der richtige Mann für diese Rolle. Militärische Zackigkeit, kritiklose Ausführung aller Obrigkeitsbefehle und unerbittliche Härte kennzeichnen bereits seinen Reinhard Heydrich in "Canaris" (1954). Ein kreativer Lebenskünstler wie ihn Walter Giller verkörpert, erregt den Widerwillen des gnadenlosen Egomanen. Kleinschmidt steht für alles, was Schramm verachtet. Er ist in seinen Augen ein gescheiterter Schwächling, jemand, der in der NS-Zeit zu Recht aussortiert und liquidiert werden sollte. Im Grunde hat Schramm seine Einstellung nie geändert, er bemäntelt seine Ansichten nur, wenn es seinem Amt dienlich ist, handelt sonst jedoch nach unveränderten Grundsätzen.

Zitat von Chronik des Films, Bechtermünz Verlag 1996
Abgesehen von einigen störenden Details, die diese Tragikomödie auf Druck der Produzenten verniedlichen, spiegelt der Film die bittere Wahrheit im Deutschland der Nachkriegszeit wider.


Ingrid van Bergen und Camilla Spira stehen für eine unterschiedliche Haltung in Bezug auf Beziehungen. Während Spira die treusorgende Gattin gibt, die ihrem Mann den Rücken frei hält und ihm zustimmt, auch wenn sie anderer Meinung ist, zeigt van Bergen, dass sie keinen Mann braucht, um finanziell unabhängig zu sein. Sie zeigt eine nüchterne Sicht der Dinge, da sie es gewohnt ist, für sich selbst zu sorgen und auch emotional allein zurechtkommt. Sie gibt Rudi Kleinschmidt Unterkunft und Schutz. Sie ist der Hafen, den er ansteuert, als er neu in die Stadt kommt. Sie steht ihm mit Rat und Hilfe zur Seite. Camilla Spiras Figur lebt hingegen in einer traditionellen Versorgerehe und stellt das Wohl ihres Mannes an die erste Stelle. Mit seinen Launen muss sie ebenso jonglieren, wie sie sich davor fürchtet. Bezeichnenderweise rebelliert auch nicht der leibliche Sohn des Paares gegen die Einstellung des Vaters, sondern das angenommene Kind. Allein optisch entspricht es nicht dem nordischen Ideal der Retro-Familie, sondern steht für den Aufbruch in eine neue, reflektierte Zeit. Werner Peters zeigt sich opportunistisch und schmierig wie oft, wenn er als kleiner Mann Macht ausspielen und andere einschüchtern will. Ebenso verlässt Ralf Wolter der kühne Mut des Aufbegehrens, wenn er an seine Finanzen denkt. Das gesellschaftliche Gefüge ist so ineinander verzahnt, dass es sich kaum jemand leisten kann, am Stuhl des Nachbarn zu sägen, weil er dann selbst umfallen würde. Mit dieser Botschaft schickt Staudte einen Film ins Rennen, der Zivilcourage zur Tugend erhebt, sich jedoch bewusst ist, dass volle Mägen nicht gern rebellieren, wenn sie die sichere nächste Mahlzeit vor Augen haben. So ist es auch mehr dem Zufall (und Dr. Schramms schlechten Nerven) zu verdanken, dass der Wahrheit am Ende Genüge getan wird und sich auch die Zauderer als Helden fühlen dürfen.

David gegen Goliath im Adenauer-Deutschland: Wenn Martin Held sein kaltes Lächeln zeigt, wächst kein Gras mehr, weshalb Walter Giller auch so traurig wirkt, selbst wenn er als Krawattenverkäufer seine Späße treibt. Punktgenaue Leistungen von Ingrid van Bergen, Werner Peters und jungen Talenten wie Roland Kaiser. Einige Male umschifft der Film haarscharf die Klippen zur Trivialität, was von den guten Darstellern jedoch immer wieder verhindert wird. 4 von 5 Punkten

Fräulein Janine Offline




Beiträge: 124

28.04.2017 19:22
#2 RE: Rosen für den Staatsanwalt (1959) Zitat · antworten

Für mich ist "Rosen für den Staatsanwalt" einer der ganz großen Würfe des Nachkriegskinos. Martin Held und Walter Giller füllen ihre Rollen perfekt aus. Auch nach dem x-ten Mal sehe ich mir diesen Film immer wieder zu gerne an.

Gubanov Offline




Beiträge: 15.496

01.09.2018 21:00
#3 RE: Rosen für den Staatsanwalt (1959) Zitat · antworten



Rosen für den Staatsanwalt

Tragikomödie, BRD 1959. Regie: Wolfgang Staudte. Drehbuch: Georg Hurdalek. Mit: Martin Held (Oberstaatsanwalt Dr. Wilhelm Schramm), Walter Giller (Rudi Kleinschmidt), Ingrid van Bergen (Lissy Flemming), Camilla Spira (Hildegard Schramm), Roland Kaiser (Werner Schramm), Burghard Ortgies (Manfred Schramm), Werner Peters (Otto Kugler), Paul Hartmann (Gerichtspräsident Diefenbach), Wolfgang Preiss (Generalstaatsanwalt), Ralf Wolter (Herr Hessel) u.a. Uraufführung: 24. September 1959. Eine Produktion der Kurt-Ulrich-Film Berlin im Neuen Filmverleih München.

Zitat von Rosen für den Staatsanwalt
Dem Soldaten Rudi Kleinschmidt wird kurz vor Kriegsende für nichts Gewichtigeres als den Diebstahl von Schokolade von Kriegsgerichtsrat Dr. Schramm das Todesurteil ausgesprochen. Aufgrund der Wirren des Jahres 1945 kann es jedoch nicht vollstreckt werden, sodass Ankläger und Angeklagter den Krieg lebendig überstehen. Fast 15 Jahre später stehen sie sich plötzlich wieder gegenüber – Schramm konnte seine Karriere unter Verschweigen seiner NS-Tätigkeit lückenlos fortsetzen. Rudi Kleinschmidt könnte ihm gefährlich werden, doch dieser hat eher Augen für die Pensionswirtin Lissy als für bittere Rache. Bis er eines Abends ein Schaufenster einschlägt, wieder Schokolade stiehlt und wieder vor Schramm auf der Anklagebank landet ...


Politische Sünden werfen lange Schatten. Das Aufarbeitungskino der bundesrepublikanischen 1950er Jahre widmete verschiedenen Berufsfeldern, deren Geschicke sich zwischen 1933 und 1945 mit der Allgegenwärtigkeit des totalitären Regimes überkreuzten, Filme, in denen Funktionsträger von damals in ihren gegenwärtigen (unwesentlich veränderten) Positionen mit begangenem Unrecht konfrontiert werden. Was im Rückblick womöglich den Anschein eines konsequenten Kampfes gegen braunes Gedankengut erweckt, zeigt bei genauerer Betrachtung im Gegenteil vielmehr auf, wie verflochten alte und neue Gesellschaft noch immer waren und dass eine BRD, in der „ehrwürdige“ Eminenzen an allen Schaltpositionen des jungen Staates saßen, eine saubere Entnazifizierung gar nicht durchgeführt haben konnte. Gerade dass „Rosen für den Staatsanwalt“, für den im Vorspann bloß eine Idee von Wolfgang Staudte als Grundlage genannt wird, eigentlich auf zwei wahren Fällen beruht (der Verurteilung des Studienrats Zind und dem Disziplinarverfahren gegen Senatspräsident Wöhrmann), verdeutlicht die Dringlichkeit, einen solchen Film auch gegen die bekannten Einwände einer von der NS-Thematik übersättigten Filmbranche zu erzählen.

Staudtes Tragikomödie ist in ihrer Grundform ein klassisches Duell, das seine Zuschauer allerdings dadurch verblüfft, dass einer der Duellanten es (zunächst) gar nicht auf einen Zweikampf abgesehen hat. Man wundert sich letztlich auch nicht, warum; denn gegen den von Martin Held gespielten Altnazi mit gefestigter gesellschaftlicher Position, beruflichem Einfluss und kühl präparierten Abwehrmaßnahmen zum Schutz der eigenen Immunität sieht die in den Tag hineinlebende, ohne Ziel und Fokus agierende Giller-Rolle trotz kompromittierender Leidensgeschichte lange keinen Stich. Staudte gelingt es, in dieser Konstellation den Unterschied zwischen dem kleinen Paulus und dem elitären Saulus prägnant herauszuarbeiten und trotz der stellenweise stammtischartigen Rhetorik von vorab entschiedener Chancenlosigkeit oder dem beliebten Kontrast zwischen „denen da oben und uns hier unten“ nicht nur Schattenrisse aufzuzeichnen. Das liegt vor allem daran, dass von Rudi Kleinschmidt trotz seiner offenkundigen Harmlosigkeit eine gewisse passiv subversive Art ausgeht, durch die sich Dr. Schramm in unbegründeter Panik herausgefordert sieht. Erst dessen eigenes deshalb veranlasstes Intrigenspiel (Verweis der Stadt, Abnahme der Straßenhändlerlizenz) veranlasst eine Eskalation der Situation – hier wird die Vergeltung des Unrechts also zuvorderst durch das schlechte Gewissen des zu Bestrafenden und nicht durch Rachegefühle des Geschädigten befördert.



Auch wenn der Film heute noch immer mit seiner gesellschaftskritischen Aussage überzeugt, so erweisen sich gerade jene Elemente, auf die Produzent Kurt Ulrich wegen publikumsfördernder Wirkung drängte, als eher störend. Das Anpreisen gezinkter Kartenspiele oder fliegender Krawatten auf offener Straße steht mehr als einmal zu lang und zu laut im Mittelpunkt. Auch die von der Nebenhandlung zum zweiten Parallelstrang beförderte „Romanze unter umgekehrten Vorzeichen“, die sich zwischen Giller und Ingrid van Bergen entwickelt, hält das eigentliche Anliegen des Films unnötig auf und zeigt bieder-ulkige Tendenzen, die nicht auf dem Niveau des sonst so pointiert geschriebenen Klassikers spielen. Ganz anders die Szenen im Hause des Oberstaatsanwalts, die spannend geschrieben sind, weil über ihnen ein verbissen revanchistisch-autoritäres Flair liegt, das von der treuherzigen Camilla Spira immer wieder aufgebrochen wird, um sich dann in den wütenden Ausbrüchen des Familienoberhaupts immer wieder eruptiv zu erneuern. Gleichsam lässt sich das Ende des Films nicht ganz mit seiner pessimistischen Grunddisposition zum Thema Erneuerungswille der Institutionen in Übereinklang bringen und scheint mit der Flucht Martin Helds aus dem Gerichtsgebäude eher dem Wunsch nach einem politisch korrekten Schluss entsprungen zu sein, mit dem man das Publikum beruhigt nach Hause gehen lassen konnte. Es wäre konsequent, aber wohl gegenüber der Zuschauerschaft 1959 nicht zu vertreten gewesen, wenn Dr. Schramm durch Filz und Bleibewille den lauen Presseskandal und das Pro-forma-Disziplinarverfahren unbeschadet in Amt und Würden überstanden hätte. Wie sagte er noch: „Da muss schon sehr viel passieren, ehe einem Staatsanwalt etwas passiert.“

Inszenatorisch ist „Rosen für den Staatsanwalt“ recht nüchtern gehalten; Staudte ging offenbar ganz im Inhalt auf und stellte die Form dahinter zurück. Als wichtig für die Sogwirkung des Films erweist sich allerdings die ausgesprochen atmosphärische „Rückblende“ in der Prätitelsequenz, die das Verfahren gegen Kleinschmidt vor dem NS-Kadi sowie die gescheiterte Hinrichtung zeigt. Eine modern-luftige Fotografie, die sich hier an den Errungenschaften des Wirtschaftswunders labt und dort bitterböse aufzeigt, wie diese teilweise durch Wegsehen und Kumpanei verdient werden, sowie ein cleverer Schnitt und die auf Fučíks „Einzug der Gladiatoren“ basierende Musikuntermalung sorgen für einen Fortbestand der ansprechenden Aufmachung, die jedoch nie selbstzweckhaft in den Vordergrund tritt.

In seiner Prioritätensetzung nicht ganz ausgewogener, aber wichtiger und kritischer Nachkriegsfilm mit anhaltend fesselndem Zeitbezug. Martin Held brilliert am Rande des Overacting, Walter Giller überschreitet diese Grenze manchmal etwas unbedarft. Ihr Duell tragen die „Gladiatoren“ mit Waffen aus, die unterschiedlicher nicht sein könnten und den Kontrast zwischen alter und neuer Zeit vor Augen führen. 4 von 5 Punkten.

PS: Ein ausführlicher Artikel zur Entstehung des Films kann in der Spiegel-Ausgabe 36/1959 unter dem Titel „Die Mörder sind über uns“ (S. 72/73) nachgelesen werden.

Ray Offline



Beiträge: 1.058

02.09.2018 19:41
#4 RE: Rosen für den Staatsanwalt (1959) Zitat · antworten

Habe den Film auch vor einigen Monaten gesehen, war aber nicht dazu gekommen, eine Rezension zu schreiben. Nach Lektüre deiner Bewertung kann ich aber aus meiner Erinnerung heraus sagen, dass sich unsere Eindrücke ziemlich decken. Martin Held fand ich herausragend, die Szenen im heimischen Wohnzimmer, in dem er Frau und Kindern Tugend beibringen will, sind echte Kabinettstückchen. Helds Darstellung ist auch der Grund, warum der Film sicher noch das ein oder andere Mal in meinen Player wandern wird. Die Liebesgeschichte zwischen Giller und van Bergen habe ich ebenfalls als eher störend wahrgenommen. Alles in allem ein Nachkriegswerk, das man gesehen haben sollte.

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