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Dieses Thema hat 7 Antworten
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 Film- und Fernsehklassiker national
Gubanov Offline




Beiträge: 14.508

06.11.2016 13:50
Heimweh und Liebesrausch: Dramen aus der Ufa-Zeit Zitat · antworten

Heimweh und Liebesrausch: Dramen aus der Ufa-Zeit

Zitat von Ufa-Historie: Propagandamaschine und Traumfabrik, Ufa.de, Quelle
Joseph Goebbels, Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda, war bewusst, dass die Menschen von der täglichen Propaganda und Indoktrination Erholung brauchten, und dass „unpolitische“ Unterhaltung geeignet war, auf den „Volkskörper“ festigend zu wirken. [...] Am 8. Februar 1942, im dritten Kriegsjahr, notierte Goebbels in sein Tagebuch: „Auch die Unterhaltung ist heute staatspolitisch wichtig, wenn nicht kriegsentscheidend.“ Weltanschauung und Unterhaltung waren nun endgültig zu einer funktionalen Einheit verschmolzen.

Viele der UFA-Mitarbeiter in den Neubabelsberger Ateliers, die nicht zu den jubelnden Anhängern des Nationalsozialismus gehörten, wandten sich dem „unpolitischen“ Unterhaltungsfilm zu; er hatte bisweilen genrebedingte Spielräume, in welche die NS-Ideologie nicht unmittelbar Einlass fand. [...] Die Kriegswende zog Veränderungen in der Filmproduktion nach sich: Betrug der Anteil der Komödien in allen Ufi-Produktionsfirmen [...] 1943 noch 55 Prozent, sank er in den nächsten zwei Jahren auf 25 Prozent; dafür gewann der Anteil von Melodramen ein Übergewicht. Verzicht privaten Glücksanspruchs zugunsten der Pflicht gegenüber dem Vaterland war Thema dieses Genres in den letzten Kriegsjahren.

Noch bis in die letzten Kriegstage hinein produzierten die Ufa-Teams Filme, die unverdrossen an der Wirklichkeit vorbei die
Fahrt ins Glück (Erich Engel) oder Einen tollen Tag (Oscar Fritz Schuh) versprachen – nicht ahnend, dass der Zusammenbruch des NS-Regimes zugleich der Untergang des Filmimperiums sein würde.


Ein Blick in die Geschichtsbücher der Ufa und ihrer Schwesterfirmen bestätigt, dass ein Großteil der Filmproduktion in den Jahren 1933 bis 1945 dem Unterhaltungsbereich und damit einem oft eher unpolitischen Spektrum zuzuschreiben war. Neben Komödien dominierten vor allem Liebes-, Familien-, Heimatfilme und Melodramen. Diese Gruppe erlaubt einen Einblick in Familien- und Wertkonzeptionen, die mittlerweile oft als veraltet und weltfremd belächelt werden, sowie in das Verständnis von Romantik und Selbstverwirklichung im Rahmen damaliger Konventionen. Hier können Beispiele für Dramen aus der klassischen Ufa-Zeit gesammelt werden.

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.375

06.11.2016 14:29
#2 RE: Heimweh und Liebesrausch: Dramen aus der Ufa-Zeit Zitat · antworten



BEWERTET: "Immensee" (Deutschland 1943)
mit: Kristina Söderbaum, Carl Raddatz, Paul Klinger, Carola Toelle, Lina Lossen, Otto Gebühr, Max Gülstorff, Germana Paolieri, Wilfried Seyferth, Käte Dyckhoff, Malte Jaeger u.a. | Drehbuch: Veit Harlan und Alfred Braun nach der gleichnamigen Novelle von Theodor Storm | Regie: Veit Harlan

Elisabeth Uhl lebt zurückgezogen in einem norddeutschen Dorf, wo sich der Musikstudent Reinhardt und der Gutsbesitzersohn Erich um sie bemühen. Sie liebt Reinhardt, der jedoch für drei Jahre ans Konservatorium nach Hamburg geht. Die beiden jungen Leute schwören sich Treue, doch als Elisabeth Reinhardt unerwartet in der Hansestadt besucht, trifft sie ein fremdes Mädchen in seinem Zimmer an. Inzwischen ist Erichs Vater gestorben und er übernimmt das Gut Immenseehof. Er hält um Elisabeths Hand an. Zweimal weist sie ihn ab, doch als Reinhardt nichts von sich hören lässt, trifft sie eine folgenschwere Entscheidung....

Bereits die Titelcredits weisen charmant auf die Charakterisierung der drei Hauptpersonen hin. Elisabeth, natur- und heimatverbunden, wird mit Gänseblümchen in Verbindung gebracht; der spontane und aufgeschlossene Reinhardt mit seiner Passion, der Musik, und Erich, der stille und großzügige Bienenzüchter mit der Wabe als Symbol seines Fleißes und seiner Beständigkeit. Ohnehin steht die Biene für mehrere Aspekte der Dreiecksverbindung: dem Ausschwärmen in der Jugend, dem Einholen von Erfahrungen, dem Konkurrenzkampf um die Königin und eine reiche Ernte durch eigenen Einsatz. Die Idylle des Landlebens wird nicht durch äußere Einflüsse getrübt, sondern erlebt ihre Schattenseiten in den Gefühlen von Elisabeth und Reinhardt. Unberührt von Sorgen anderer Art (finanzielle Probleme, kriegerische Auseinandersetzungen, familiäre Fehden) konzentrieren sich die Figuren auf ihr privates Glück und die Umsetzung ihrer Lebenspläne. Dabei liegt die Tragödie schlicht in der Tatsache begründet, dass Elisabeth und Reinhardt unterschiedliche Vorstellungen von einem erfüllten Leben haben. Wieder einmal schlägt "Gleich und gleich gesellt sich gern" das aufregende, aber konfliktfördernde "Gegensätze ziehen sich an". Den musischen, drahtigen Mann zieht es hinaus in die Welt, der konservative Erbe baut seinen Besitz aus und erhält ihn für die Zukunft. Die subtile Art, in der das platonische Eheleben von Elisabeth und Erich anhand des Wagenrades auf dem Scheunendach erläutert wird, unterstreicht die Fähigkeit der Filmemacher ihrer Zeit, das Publikum zwischen den Zeilen lesen zu lassen. Die Eleganz der Formulierungen ist weitaus tiefgründiger als plakative Szenen, in denen dem Zuschauer kein Raum für Interpretation bleibt.



Kristina Söderbaum prägt den Film mit ihrem sentimentalen Spiel, das ihre Figur von der naiven blonden Maid, wie sie das NS-Regime gern inszenierte, zur starken, ihrer Verantwortung verpflichteten Frau reifen lässt. Veit Harlan besetzte seine spätere Ehefrau bereits 1938 für die Hauptrolle in "Jugend" und sah in dem "süßen Mädel" das Potenzial für eine große Schauspielerin. Ihre gefasste Haltung in der Rahmenhandlung kontrastiert mit der Darstellung der anhänglichen, unverfälschten Unschuld vom Lande. Mit blonden Locken, rotem Mund und großen blauen Augen ist sie das ideale Traumbild des Kinos der Vierziger Jahre, als der Wunsch nach Zerstreuung mit jedem weiteren Kriegsjahr stärker wurde. Im Gegensatz zu ihrer schwedischen Kollegin Zarah Leander blieb sie in Deutschland und wirkte bis zuletzt auch in Propagandafilmen wie "Jud Süß" und "Kolberg" mit. Ihre frische Ausstrahlung berührt den Zuschauer, der mit ihr fühlt und ihr wünscht, dass sie sich für das Richtige entscheidet. Das kräftig profilierte Spiel von Carl Raddatz und die gütige Ernsthaftigkeit von Paul Klinger entzünden immer wieder neue Gefühle und locken ihre Kollegin aus der Reserve. Die Vernunft erzwingt Entschlüsse, die kurzfristig schmerzen, aber letztendlich pragmatisch angenommen werden. "Eine Welt ohne Farben - der Preis für ein nicht gelebtes Leben" nennt Markus Zimmer das Ende in seiner der DVD-Edition beiliegenden Ausführung. Umso strahlender bleiben die kräftigen Farben, derer sich die UFA-Produktion bedient, in Erinnerung. Sie vermitteln Fröhlichkeit, Leichtigkeit und Unbeschwertheit und nehmen den Zuschauer mit auf eine Landpartie unter Freunden.

Stimmungsvolle Umsetzung des Storm-Klassikers, die sich vollkommen auf das Gefühl verlässt und in satten Landschaftsaufnahmen und erhabenen Melodien schwelgt. Söderbaum, Raddatz und Klinger bilden ein sympathisches Trio ohne Intrigen, lassen jedoch bis kurz vor dem Schluss offen, welche Paarung sich durchsetzen wird. Die Aufnahmen in Schleswig-Holstein, Hamburg und Rom sorgen für eine Weitung des Blickfelds. 4 von 5 Punkten.

Gubanov Offline




Beiträge: 14.508

12.11.2016 20:30
#3 RE: Heimweh und Liebesrausch: Dramen aus der Ufa-Zeit Zitat · antworten

Während Zeiten klammer Kassen im aufwendigen Agfacolor-Verfahren hergestellt, versuchte man, Produktionskosten für „Immensee“ zu minimieren, indem man den Film um den Jahreswechsel 1942/43 parallel mit „Opfergang“ mit einem ganz ähnlichen Team sowohl vor als auch hinter der Kamera herstellte. Während „Opfergang“ bis Ende Dezember 1944 auf seine Uraufführung warten musste, lief „Immensee“ ein reichliches Jahr eher am 8. Dezember 1943 in den Hamburger Kinos Lessing-Theater und Passage als fünfter deutscher Farbfilm an. Bemerkenswert ist, dass Harlan in allen vier Farbfilmen, die er zwischen 1942 und 1945 in die Kinos brachte, mit Kameramann Bruno Mondi arbeitete, den der Tagesanzeiger Zürich in seiner Kritik zu „Immensee“ „Deutschlands beste[n] Kameramann“ nannte. Georg Jacoby, der einzige andere Regisseur, der während des dritten Reichs mindestens zwei Farbfilme drehte, arbeitete dagegen mit dem russischstämmigen Fotografen Konstantin Irmen-Tschet, der ähnlich wie Mondi bereits zu Stummfilmzeiten mit Fritz Lang kollaboriert hatte und von 1940 bis 1954 mit Brigitte Horney verheiratet war.

Wie die Kritiker Harlans „Immensee“-Variation einschätzten, spiegelt sowohl den real- als auch den filmpolitischen Wandel der Zeiten wieder. Begrüßten zeitgenössische Texte die große Geste des Films, der Ablenkung vom Tagesgeschehen versprach, so wird die gleiche Dramatik heute künstlerisch geringgeschätzt und die Einschätzung der Filmqualität stellenweise auch mit personellen Verurteilungen verknüpft. Zwei zeittypische Beispiele deshalb hier in der Gegenüberstellung:

Zitat von Manfred Hobsch. Film im „Dritten Reich“. Alle deutschen Spielfilme von 1933 bis 1945. Berlin: Schwarzkopf & Schwarzkopf, 2010. Band 3, S. 82f
„Veit Harlan sah die unverlierbaren Werte in dieser ganz vom Gefühl getragenen Novelle des Husumer Dichters auch für die Gestaltungsmittel des Films [...]. Dabei gelang es ihm, auf eine glückliche Art den Klang des dichterischen Werks dem Film zu gewinnen, obwohl dieser Film nicht ein Pastellbild aus biedermeierlichen Lebensgefilden ist, obwohl er nicht in der Zeit der lavendelfarbenen Fräcke spielt, sondern unter Menschen, die das Gewand von heute tragen. Es war die Frage, ob Storm auch so noch zu erkennen sein würde [...]. Dass das Unternehmen gelang, ist ein schöner, neuerlicher Beweis für die Lebenskraft dieser echten Dichtung. Die Geschichte von Elisabeth und Reinhart ist ein Filmwerk von volksliedhaftem Gepräge geworden, [... d]ie Handlung, wie schon betont, ist verändert worden, aber ihre Grundakkorde sind doch die gleichen. Es ist die Geschichte zweier Menschen, welche eine Liebe verbindet, die nicht damit abschließen kann, dass ihre Wege auseinander führen, – auseinander führen müssen, weil diese Menschen – beide wertvoll, beide konsequent – allzu verschieden sind. [...] Bruno Mondi, der Kamerakünstler, arbeitete Naturstimmungen und Menschengesichter, auch Interieurs mit der von ihm gewohnten Farbsicherheit heraus, die diesen Film zu einem weiteren Markstein auf dem Wege des Farbfilms macht.“ (Felix Henseleit, Film-Kurier, Dezember 1943)

Zitat von Manfred Hobsch. Film im „Dritten Reich“. Alle deutschen Spielfilme von 1933 bis 1945. Berlin: Schwarzkopf & Schwarzkopf, 2010. Band 3, S. 83
„In ‚Immensee‘ [...] kommt die berühmte Bienenkorb-Parabel vor, die faschistoid für das Recht des Stärkeren argumentiert. Die Söderbaum aber entscheidet sich genau umgekehrt, für den schwachen, lebensunfähigen Mann. Aber im klassischen Melodram würde die Frau um Erfüllung kämpfen, statt das Ende allen Kampfes im Liebestod herbeizusehnen. ‚Die Reise nach Tilsit‘ (1939) ist hier sicher am explizitesten. ‚Ja, willst du denn sterben‘. – ‚Wenn du es willst! Ja!‘ heißt es da. Aber ob die Söderbaum nun stirbt wie in ‚Die goldene Stadt‘ (1942) und ‚Opfergang‘ (1944) oder voller Todeserotik sich treiben lässt wie in ‚Jugend‘ (1938), ‚Verwehte Spuren‘ (1938), ‚Die Reise nach Tilsit‘ (1939) und ‚Immensee‘ (1943), immer gibt es eine Konvergenz mit faschistischer Lebensverachtung, die geradezu peinlich ist.“ (Thomas Brandlmeier, Ufa-Magazin, Nr. 4, 1992)

Gubanov Offline




Beiträge: 14.508

31.12.2016 22:00
#4 RE: Heimweh und Liebesrausch: Dramen aus der Ufa-Zeit Zitat · antworten



Der Engel mit dem Saitenspiel (Sieg der Herzen)

Romanze, D 1944. Regie: Heinz Rühmann. Drehbuch: Curt J. Braun, Helmut Weiss (Vorlage: Alois Johannes Lippl). Mit: Hertha Feiler (Susanne Henrici), Hans Söhnker (Gustl Strengholt), Hans Nielsen (Bernhard Zeller), Susanne von Almassy (Vera Schellhorn), Otto Graf (Dr. Thomas Weinzierl), Lina Carstens (Maria Theresia), Erich Ponto (Diener Barnabas), Paul Rehkopf (Holzschnitzer Rainbichler), Emil Hess (Postillion Linus Lanzinger), Walter Werner (Werkmeister) u.a. Uraufführung: 19. Dezember 1944. Eine Produktion der Terra-Filmkunst Berlin für den Deutschen Filmvertrieb Berlin.

Zitat von Der Engel mit dem Saitenspiel
Nach einem Streit mit seiner Freundin Vera flieht Gustl zu Silvester auf eine einsame Almhütte. Unerwartet trifft er dort auf die kokette Susanne und verbringt mit ihr den Jahreswechsel. Die gemeinsame Nacht zieht bittere Konsequenzen nach sich: Nachdem sich die beiden Liebenden auf dem Bahnhof verfehlen und einander nicht wiederfinden, muss Susanne Gustls Kind allein aufziehen. Wie nah sie einander unwissentlich durch gemeinsame Bekannte waren, bemerken sie erst nach zwei Jahren, als sowohl Gustl als auch Susanne bereits mit anderen Partnern verlobt sind. Wird das gemeinsame Kind sie wieder zusammenbringen?


Heinz Rühmann, der in seiner gesamten Filmlaufbahn nur sechs Mal als Regisseur hinter der Kamera stand, ärgerte sich über einige hochnäsige Kritiken zu „Der Engel mit dem Saitenspiel“, die den Film als lapidares Lustspiel abtaten und ihm Zeitrelevanz und Tiefgang absprachen. Während man damit übereinstimmen kann, dass die verbrämte Idyllisierung der alpenländischen Kulisse und der idealen, alles überstehenden Liebe dem traditionellen Heimatfilm nicht unähnlich ist und in ihrer Süßlichkeit damit in krassem Gegensatz zum Kriegsalltag der Herstellungszeit steht, so würde ein Urteil, das der Produktion totale Abkapselung in eine Heile-Welt-Blase unterstellt, zu kurz greifen. Die Geschichte des Engels ist voller Doppeldeutigkeiten, sodass die Romanze Geradlinigkeit und Mustergültigkeit im Austausch für versteckte Zweifel und Überwindungen aufgibt. Eine solche Duplizität ergibt sich auch in Bezug auf das Sujet: Formal demonstriert Gustls und Susannes Liebesabenteuer geradezu biedermeierische Züge gesellschaftspolitischer Neutralität, inhaltlich lässt sich das Märchen von der Realitätsferne hingegen nicht so einfach aufrechterhalten.

Zitat von Sano Cestnik: Der Engel mit dem Saitenspiel (1944), Eskalierende Träume, 25. August 2010, Quelle
Während der Kriegszeit entstanden, spürt man das Unglück und die Verzweiflung im Verlauf des Films immer stärker, obwohl Rühmann die Handlung zunächst ins Jahr 1938 verlegt und auch später der Krieg nicht vorkommen wird. Keine Nazisymbole, keine Naziideologie. Vielmehr wird ein idealistisches Menschenbild gezeichnet, in dem die Protagonisten ihre Egoismen und Unsicherheiten überwinden müssen um glücklich zu werden. Jedoch ist es ein spezifischer Idealismus, denn wie im Märchen ist des einen Glück des anderen Pech, und das glückliche Ende eine unnötige Coda, eine nachträgliche Beruhigung, dass alles Schlimme einmal ein Ende hat.


Man muss die Filmhandlung nicht allzu weit dehnen, um in der Erzählführung Rühmanns, der sich zur Entstehungszeit gemeinsam mit dem auch an „Der Engel mit dem Saitenspiel“ beteiligten Produktionsleiter Robert Leistenschneider gegen die Verurteilung des ns-skeptischen Liedtexters Erich Knauf einsetzte, zeitkritische Töne zu erkennen. Ist die so dezent verschleierte Leidensgeschichte der jungen Mutter Susanne, deren Kindsvater für einige Jahre verloren gegangen zu sein scheint, nicht gleichfalls die Geschichte vieler Kriegsmütter, deren Ehemänner an der Front, gefallen oder in Kriegsgefangenschaft waren? Ist das für sie aufgebrachte allgegenwärtige Verständnis nicht der Beweis für die gesellschaftlich vom Zeitkontext erzwungene Akzeptanz der unverheirateten, alleinerziehenden Mutterschaft, die vor dem Krieg noch als anrüchig und moralisch unsauber betrachtet worden war? Wer die Oberfläche aus Alpenpanoramen und Barockkitsch durchdringt, findet in diesem Liebesfilm überraschende Implikationen.



Wenn Hertha Feiler und Hans Söhnker einander nach einer Odyssee wieder begegnen, könnte sich alles so schön von selbst aufwickeln. Doch die Filmhandlung macht vor, was das echte Leben nach Ende des Kriegs so oft für wiedervereinte Paare bereithielt: Die Zeit, die während der Abwesenheit des Mannes verstrich, hat neue Perspektiven, neue Bekanntschaften und Allianzen gebracht, die die Turteltauben ihre Situation auf einmal gänzlich anders einschätzen lassen – Ernüchterung macht sich breit. In diesen Szenen will der Zuschauer Hertha Feiler schütteln und zur Vernunft rufen, die ihrer Figur eine störrische Überheblichkeit verleiht, die aus falsch verstandenem weiblichen Ehrgefühl resultiert. Hans Söhnker dagegen scheint so manches Mal die angeblich große Liebe nicht mit gebührendem Ernst zu handhaben, was seine Figur des typischen Liebhaberanstrichs beraubt. Auch wenn der Film himmlischen Beistand im Titel trägt, so entpuppt er sich bei genauem Hinsehen doch als äußerst prosaisches Beispiel für den Anfang einer Beziehung, was durch die schnippischen Kommentare, die Gustl und Susanne einander in der Almhütte an den Kopf werfen, unterstrichen wird.

Begleitrollen als verlässliche Freunde der Hauptfiguren spielen Hans Nielsen und Otto Graf, wobei Nielsen einige brillante analytische Texte in den Mund gelegt bekommt. Susanne von Almassy unterläuft als schwatzhafte Operndiva mit Hang zur Selbstdarstellung am Ende eine erstaunliche Verwandlung zur selbstlosen Helferin des Glücks. Auffällig wird an mehreren Stellen, auf welch philanthropische Weise Verliebte aus der zweiten Reihe zugunsten des Protagonistenglücks ihre eigenen Belange zurückstellen. Das Verständnis, das Gustl und Susanne von allen Seiten entgegenschwappt, macht aus einem Film, der ein lautes, aufrüttelndes, besitzergreifendes Drama hätte sein können, eine stille, nach innen gerichtete Einkehr, die Besinnlichkeit und Verzicht vermittelt. Freilich kontrastiert die gepredigte Genügsamkeit mit edlen Dekors und Kostümen, die dem Film den Chique des goldenen Kinozeitalters verleihen.

Nicht nur Liebesfilm, sondern Wertevermittler will Rühmanns kriegsferne Alpenromanze sein. Kritische Untertöne bilden ein zurückhaltendes Gegengewicht zur seichten und streckenweise etwas schleppend erzählten Lovestory, deren schwächstes Glied ein etwas zu sorgloser Hans Söhnker ist. Rühmanns Ehefrau Hertha Feiler entzückt, reizt und versöhnt gleichermaßen, während mehrere stark ausgearbeitete Nebenfiguren die Vorzüge wahrer Freundschaft verdeutlichen. 4 von 5 Punkten.

Gubanov Offline




Beiträge: 14.508

28.03.2017 13:45
#5 RE: Heimweh und Liebesrausch: Dramen aus der Ufa-Zeit Zitat · antworten



Hauptsache glücklich!

Romanze, D 1940/41. Regie: Theo Lingen. Drehbuch: Jochen Huth, Rudo Ritter (Idee: Walter Forster). Mit: Heinz Rühmann (Axel Roth), Hertha Feiler (Uschi Roth, geborene Lind), Ida Wüst (Frau Lind), Hans Leibelt (Generaldirektor Arndt), Jane Tilden (Bardame Daisy), Fritz Odemar (Generaldirektor Zimmermann), Max Gülstorff (Bürovorsteher Binder), Hilde Wagener (Frau Bertyn), Arthur Schröder (Rechtsanwalt Mohrig), Karl Etlinger (Juwelier) u.a. Uraufführung: 3. April 1941. Eine Produktion der Bavaria Filmkunst München.

Zitat von Hauptsache glücklich!
Wenn Axel Roth doch nur ehrgeiziger wäre! Der kleine Angestellte meint, er könne seine Ehe nur mit Luft und Liebe erhalten, während seine Frau Uschi darauf bedacht ist, dass ihr Mann Karriere machen soll. Sie beschließt, Schicksal zu spielen und eine Einladung zum Empfang des Generaldirektors zu fälschen, wo jedoch Axel nicht nur eine peinliche Szene aufführt, sondern Uschi obendrein teuren Schmuck verliert. Damit das Paar sich nicht hoffnungslos verschuldet, bleibt Axel nun tatsächlich nur noch eine Option: Arbeiten und Geldverdienen bis zur Erschöpfung!


Die Umstände sind egal; Hauptsache das private Glück funktioniert. Dieses eskapistische Mantra, das hier auf Ehe- und Berufsleben angewendet wird, zeichnet auch die Wesensart des deutschen Unterhaltungsfilms in den Kriegsjahren aus, in dem gelacht und gevöllt, getanzt und sich verliebt wird, ohne militärische oder zivilpolitische Schlachtfelder auch nur zu tangieren. So spielt auch „Hauptsache glücklich!“ in einem zeitlichen Vakuum, einer Parallelwelt, in der alles verfügbar ist, solange Geld und berufliches Prestige es erlauben. Andere Gefahren als pekuniäre scheint es nicht zu geben ... und das junge Ehepaar Roth verdient sich ein Meisterprädikat darin, selbst diese geflissentlich auszublenden.

Heinz Rühmann heiratete Hertha Feiler im Juli 1939, nachdem seine erste Ehe mit Maria Bernheim geschieden worden war. Im Gegensatz zum heimeligen Filmgeschehen stehen Rühmanns Ehen vor einem sehr deutlich vom Zeitgeschehen geprägten Hintergrund. Oft wird dem Schauspieler vorgeworfen, die ihm auch von Goebbels nahegelegte Trennung von der Jüdin Bernheim sei ein Beleg für seine nazistischen Tendenzen und sein rücksichtsloses Karrierestreben. Wenngleich Rühmann in natura freilich nicht so hoffnungslos unambitioniert wie sein Axel Roth in „Hauptsache glücklich!“ war, so sprechen mehrere Indizien gegen eine moralische Verurteilung (die Ehe war zuvor schon zerrüttet, Rühmann unterstützte Bernheim nach deren Auswanderung nach Schweden und nicht zuletzt war Hertha Feiler selbst ebenfalls jüdischer Abstammung).



Rühmann-kritischer beurteilt Klaus Kreimeier das Filmschaffen des „kleinen Mannes“ und ähnlich gelagerter Schauspieler:

Zitat von Klaus Kreimeier. Die UFA-Story: Geschichte eines Filmkonzerns. Frankfurt / Main: Fischer-Verlag, 2002. S. 343
Rühmann, Willy Fritsch, auch Gustav Fröhlich und Hans Brausewetter brachten im Film der dreißiger Jahre die Degradierung und Verweltlichung des Stars zum Alltagsmenschen zum Ausdruck, den die Anonymität der Großstadt und die Sachlichkeit der späten Republik geformt hatten. In ihren Figuren wurde der „Mann auf der Straße“ zum Helden grotesker Verwicklungen oder gefühlsseliger Dramen [...]. Um Geld und Liebe ranken sich die meisten Geschichten, in die sich ihre unsteten Alltagsseelen verstricken, und in der Mehrzahl der Fälle obsiegt das Geld – oder das durch Geldbeziehungen regulierte gesellschaftliche Ordnungsgefüge – über die Leidenschaften und ihre zweifelhafte Konsistenz.


So ist es in „Hauptsache glücklich!“ natürlich der als faul charakterisierte Axel, der seine Wesensart grundlegend ändern muss – wenn sich diese Wandlung auch aus ungewöhnlichem Anlass und ohne direktes Einwirken derjenigen, die sie zunächst herbeiführen wollten, vollzieht. Andererseits wird auch der besitzergreifenden, hinterlistigen und gierigen Schwiegermutter, die das genaue Gegenstück zum Protagonisten darstellt, der Spiegel vorgehalten (mit dicken, aber gezielten Pinselstrichen: Ida Wüst). Hertha Feiler als liebende, stellenweise eifersüchtige Frau und Hans Leibelt als wohlmeinender Generaldirektor sind auf halbem Wege zwischen den beiden Extremen angesiedelt und taugen somit als gemäßigte Sympathiefiguren. Würde sich hinter „Hauptsache glücklich!“ mehr verbergen als traditionelles Unterhaltungskino, so wäre dieser Drang zur Mitte nicht so auffällig ausgeprägt, eine allgemeingültige, tendenziöse Moral stärker herausgearbeitet.

Musik, Kamera und Ausstattung bewegen sich auf einem dezenten, gefälligen Niveau; hervorzuheben in den Kleinrollen ist ausschließlich Jane Tilden, die als reibekuchenbratende Nachtclubtänzerin über ihre Katalysatorfunktion für die Handlung hinaus amüsante, bodenständige Akzente setzt.

Diese nette, unaufdringliche Romanze lässt den Genreanzeiger eher in Richtung Komödie als aufs Drama ausschlagen, gerät allerdings weder gesellschaftskritisch noch volkstümlich. Der stillere Humor Rühmanns nimmt eine Sonderposition ein, mit der sich der ernsthafte Schelm eine wenn auch nicht ganz unbelastete, so doch relativ harmlose Nische im NS-Kino sicherte. 4 von 5 Punkten.

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.375

02.04.2017 14:16
#6 RE: Heimweh und Liebesrausch: Dramen aus der Ufa-Zeit Zitat · antworten



BEWERTET: "Zwei in einer großen Stadt" (Deutschland 1942)
mit: Monika Burg, Karl John, Marianne Simson, Käthe Haack, Hannes Keppler, Hansi Wendler, Volker von Collande, Margarete Kupfer, Hubert von Meyerinck, Wolf Trutz, Werner Stock, Josef Dahmen, Alice Treff, Erna Sellmer u.a. | Drehbuch: Ursula von Witzendorff und Volker von Collande | Regie: Volker von Collande

Berlin, Bahnhof Friedrichstraße. Die Rot-Kreuz-Schwester Gisela Meinhold trifft den Fliegerfeldwebel Bernd Birkhoff, der für einen Tag in die Stadt gekommen ist, um eine Bekannte aus Jugendzeiten zu treffen. Diese versetzt ihn und so fährt er zum Strandbad Wannsee, um den Tag in der Sonne zu verbringen. Gisela ist ebenfalls dort und so laufen sich die beiden noch mehrmals über den Weg, bis ihnen klar ist, dass die gemeinsame Zeit bald ablaufen wird und sie sich wieder trennen müssen....

Leichte Unterhaltung mit einer charmanten Romanze zu verknüpfen ist das Geheimrezept der Lichtspielhäuser, um ihre Kassen zu füllen und gleichzeitig dem Auftrag nachzukommen, die breiten Massen vom Alltag abzulenken und ihnen regimegerechte Zuversicht zu verleihen. Dabei kommt "Zwei in einer großen Stadt" weitaus dezenter daher als "Die große Liebe" (1941/42), wo der Grundton ernster und pathetischer ist, wohl auch, weil die beiden Hauptdarsteller Leander und Staal schicksalsschwerer wirken als die kecke Burg und der patente John. Hinweise auf die Entstehungszeit gibt es natürlich zuhauf, doch schwärmt der dekorierte Flieger weniger von seinen Einsätzen als vom Frieden, in dem er Giselas Schuhe in einer Glasvitrine ausstellen will. Das Porträt von Adolf Hitler hängt im Rot-Kreuz-Büro der Oberin an der Wand und die S-Bahn-Fahrt endet am Halt Nikolassee, wo man durch den Wald auf die Halbinsel Schwanenwerder gelangt, dem Wohnsitz des Reichspropagandaministers. Der heitere Unterton, der die Hauptdarsteller bei schönstem Ferienwetter begleitet, sorgt für die Gewissheit, dass keine größeren Gefahren für die junge Liebe drohen als Missverständnisse und der übliche Stolz. Beim Anblick der vertrauten Schauplätze geht dem Berlinfreund das Herz auf, führen Gisela und Bernd den Zuschauer doch entlang der Strecke der U2 vom Potsdamer Platz zum Zoo, werfen einen Blick auf das Haus Vaterland, speisen hoch oben im Funkturm und unternehmen eine Kutschfahrt durch den Tiergarten (damals noch mit altem Baumbestand). So spielt die Liebesgeschichte in einer Stadt, die der Zielgruppe damals wie heute weitgehend bekannt sein dürfte und somit als heimlicher Verbündeter des Leinwandpaares gesehen wird.



Die gebürtige Wienerin Monika Burg, die später vor allem unter dem Namen Claude Farell bekannt war und der Kölner Karl John agieren als ungleiches Paar, das sich unter den vielen Menschen fremd fühlt, weil sich beide bisher ganz auf ihre Arbeit konzentriert haben und die Leere einer unausgefüllten Zeit spüren. Umso mehr genießen sie die unerwartete Zweisamkeit bei Aktivitäten, deren fröhlicher Beigeschmack bereits Kindern Spaß macht (Baden, Boot fahren, Eis essen und Zoobesuch). Es ist, als vergesse Drehbuchautor und Regisseur Volker v. Collande über dem Turteln der beiden sympathischen Schauspieler ganz, dass auch ein wenig Pädagogik für die Zuschauer dabei sein sollte: erst im Finale darf die Heldin ein paar Tränchen zum Abschied verdrücken und das weibliche Publikum ermahnt werden, an die Feldpost der Soldaten zu denken. Ansonsten ändert sich wenig an der Ausgangssituation von Mann und Frau, beide kehren an ihren Arbeitsplatz zurück - der allerdings dem Krieg geschuldet ist - und haben nun wenigstens einen Menschen, der ihren Geist beschäftigt, wenn sie in ruhigen Momenten Zeit zum Nachdenken haben. Eine komplette Umstellung des Lebensplans, wie er in "Die große Liebe" vorgenommen wurde, bleibt hier aus. So ähnlich sah es auch die Freiwillige Selbstkontrolle, die "Zwei in einer großen Stadt" ab 6 Jahren freigab, während der Zarah-Leander-Film eine FSK 18 trägt.

Mit ihren sonnigen Schauplätzen, den unverbrauchten Gesichtern von Monika Burg und Karl John und der heiteren Reise durch altbekannte Ecken der damaligen Viermillionenstadt ist die Regiearbeit von Volker v. Collande genau das Richtige für einen Sonntagnachmittag. 4,5 von 5 Punkten

Gubanov Offline




Beiträge: 14.508

02.04.2017 21:05
#7 RE: Heimweh und Liebesrausch: Dramen aus der Ufa-Zeit Zitat · antworten



Opfergang

Melodram, D 1942-44. Regie: Veit Harlan. Drehbuch: Veit Harlan, Alfred Braun (Vorlage: Rudolf G. Binding). Mit: Carl Raddatz (Albrecht), Kristina Söderbaum (Äls), Irene von Meyendorff (Octavia), Franz Schafheitlin (Mathias), Ernst Stahl-Nachbaur (Sanitätsrat Terboven), Otto Tressler (Senator Froben), Annemarie Steinsieck (Frau Froben), Edgar Pauly (Diener), Charlotte Schultz (Krankenschwester), Ludwig Schmitz (Düsseldorfer Karnevalsnarr) u.a. Uraufführung: 29. Dezember 1944. Eine Produktion der Ufa-Filmkunst Berlin für den Deutschen Filmvertrieb Berlin.

Zitat von Opfergang
Albrecht kehrt nach einer Weltumsegelung nach Hamburg zurück und verlobt sich mit der Senatorentochter Octavia, deren Stolz und Eleganz er schätzt. Er schlägt dabei die Warnungen des gemeinsamen Freundes Mathias in den Wind, es werde dem Abenteurer im hochherrschaftlichen Hause bald langweilig werden. Tatsächlich verfällt Albrecht bald einem anderen, aufregenderen Reiz – der schwedischen Äls, die voller Elan und Energie steckt. Zumindest auf den ersten Blick, denn Äls wird von einer schweren Krankheit geplagt. Sie stellt fest, dass sie nur noch in Albrechts Gegenwart Lebensmut findet; doch dieser fühlt sich noch immer Octavia verpflichtet ...


Der Name Veit Harlans allein genügt, um im deutschsprachigen Raum Reaktionen der Ablehnung und des Infragestellens artistischen Könnens hervorzurufen. Die beißende Abscheu, zu der in der Rückschau Filme wie „Jud Süß“ oder „Kolberg“ zu vollem Recht anregen, strahlt wie eine radioaktive Substanz auch auf seine Dramen aus, die ebenfalls im zeitgeschichtlichen Kontext beurteilt werden können und müssen, über die grundlegende Affirmationsfunktion jedes anderen Kinofilms in einem totalitären Staat aber nicht bedeutend hinausgehen. Im Zuge der „Wiederentdeckung“ und Restauration von „Immensee“ und „Opfergang“ mehren sich nun allerdings auch die Stimmen, die die Filme als Zeugnisse des bedeutenden erzählerischen und inszenatorischen Könnens Harlans erkennen, der aus gutem Grund mit den teuren Großprojekten betraut wurde (so schreibt Dominik Graf in seinem Kurzaufsatz zum Film im Booklet der DVD, er habe den Film immer geliebt und würde eher Verbindungen zu Romantik und Jugendstil als zu NS-Ästhetik ziehen).

Harlans Talent besteht in einem meisterhaften Abwiegen zwischen Dezenz und Überschwang. Während „Opfergang“ in seinem Gesamteindruck ein wahrer Bild-, Farb- und Tonrausch mit überwältigender Wirkung ist, bleibt jede Szene für sich im geschmackvollen Rahmen einer klassischen Literaturverfilmung und überzeugt in ihrer Schilderung einer zurückhaltenden, von Verpflichtungen und Konventionen bezähmten Gesellschaft. Schon die Themenwahl mutet klassisch an, wird doch im Wesentlichen die älteste Geschichte der Welt, eine Liebe im Dreieck erzählt, an dessen Spitze der umworbene Mann, der in erster Linie als guter Freund und aufmunternder Kamerad gezeigt wird, steht.



Carl Raddatz, obwohl keiner der beeindruckendsten Stars des deutschen Films, füllt diese Funktion glaubwürdig aus, da seine Abenteuerlust trotz sportlicher Neigungen weniger körperlicher als vielmehr geselliger und gesellschaftlich verpflichtender Natur ist und sein Freigeist Albrecht, obwohl er als Gegenpol zur düster-überholten Senatorennoblesse am Alsterufer gezeichnet wird, alles andere als ein Prolet und Zupacker ist. Gleiches gilt für die Damen, bei denen sich Irene von Meyendorff und Kristina Söderbaum gegenüberstehen, wobei die erste Rechtschaffenheit und Zurückhaltung demonstriert, während die zweite das Leben ihren Launen verschrieben hat. Der Zuschauer erfährt früh von Äls’ Erkrankung, was der Rolle eine ungeahnte Dimension verleiht, die sich in zunehmendem Maße Bahn bricht und das Kräfteverhältnis der Frauen (man vermutet zunächst in Meyendorff die schwache und in Söderbaum die starke Persönlichkeit) sukzessive in sein Gegenteil verkehrt.

Aus dieser dynamischen Konstruktion ergibt sich die Frage, wessen Verzicht auf wen bzw. wessen Festhalten an wem welches Opfer für welche Person bedeutet. Der Titel erweist sich als ebenso vielschichtig wie die Handlung, die vor Symbolkraft überzuquellen scheint. Hierin finden sich dann zwar keine dezidiert propagandistischen, wohl aber zeittypische Motive, vor allem wenn die Liebe mit Opferbereitschaft gleichgesetzt und das Bangen um das besonders Geliebte zur Alltagsqual erklärt wird. Der im Zusammenhang mit „Opfergang“ häufig genannte Begriff „Todeserotik“ trifft mitten ins Herz der Produktion, von der insofern ein eigenwilliger Charme ausgeht, als sie Sinnlichkeit und Morbidität eng miteinander verknüpft. Rezensenten, die hierin eine Vorbereitung des Publikums auf die 1944 bereits vorauszuahnende Kapitulation und den Untergang des Dritten Reiches sehen, beachten allerdings nicht, dass die Auswahl und Bearbeitung des (1912 entstandenen) Filmstoffs sowie der Dreh bereits zwei Jahre zuvor erfolgten und das bittere, aber reinigende, von Krankheit und sogar Wahnsinn bestimmte Ende keineswegs besondere Zustimmung vonseiten Goebbels’ fand.

Die brillante Restauration kommt diesem Film in besonderem Maße entgegen, da ein großer Teil seiner Verdienste auch optischer Natur ist. Auch hier ist auf die bewährte Kollaboration zwischen Harlan und Mondi Verlass: Der Gefahr, aus dem Agfacolor-Farbfilm „Opfergang“ einen Buntfilm zu machen, der sich um seiner selbst Willen mit Farben herausputzt, um die Herstellungskosten zu rechtfertigen, gaben die Macher zu keinem Zeitpunkt nach. Unmissverständlich grenzt die Bildgestaltung kräftigere Farben für gesunde von blassen für kranke Protagonisten ab, ebenso wie die Farbauswahl insgesamt im Laufe des Films und der Ausuferung der Liebesprobleme immer gedeckter wird, ebenso wie sich das Wetter wandelt und von dem Leitspruch von „Wind, Wellen, Sonnenglut und Sonnenlust“ schließlich nur noch „Wind und Wellen“ übrigbleiben. Die destruktive Komponente des Films erinnert in der Tat stark an das vom Tod faszinierte Ästhetikempfinden der Romantik, die mit „Opfergang“ eine wohl eher ungewollte, aber hochgradig effektive Wiedergeburt feierte.

Bestechendes Farbdrama, das in jedweder Hinsicht der A-Klasse zuzurechnen ist. Monumental und bedrückend sowie von stellenweise geradezu beängstigender Schönheit. Söderbaum und Meyendorff spielen, als ginge es tatsächlich um Leben und Liebe. 5 von 5 Punkten.

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.375

30.04.2017 14:23
#8 RE: Heimweh und Liebesrausch: Dramen aus der Ufa-Zeit Zitat · antworten



BEWERTET: "Der Blaufuchs" (Deutschland 1938)
mit: Zarah Leander, Willy Birgel, Paul Hörbiger, Jane Tilden, Karl Schönböck, Rudolf Platte, Eduard Wenck, Edith Meinhard u.a. | Drehbuch: K. G. Külb nach dem gleichnamigen Bühnenstück von F. Herczeg | Regie: Viktor Tourjansky

Ilona Paulus begegnet auf der Fahrt nach Budapest dem Flieger Tibor Vary, der sie prompt umwirbt, obwohl sie ihm sagt, dass sie verheiratet sei. Bald stellt sich heraus, dass er der beste Freund ihres Mannes Stephan ist, eines zerstreuten Biologen, für den es nur seine Fische gibt. Als Stephan ihren ersten Hochzeitstag vergisst, beschließt Ilona, mehr Zeit mit dem charmanten Tibor zu verbringen, doch dieser hält sich zurück, weil er seinen Freund nicht hintergehen will. Seine Eifersucht fordert ihn jedoch heraus, als der Sänger Trill Ilona anbietet, sich um die Ausbildung ihrer Stimme zu kümmern....

Die UFA wurde Zarah Leanders filmische Heimat, nachdem sich bereits englische und amerikanische Produktionsfirmen um die schwedische Sängerin und Schauspielerin bemüht hatten. Die Liebe stellt das zentrale Thema ihrer Filme dar und ist - der Ausstrahlung und dem Naturell der Darstellerin entsprechend - stets tragisch umweht. Unerfüllte Sehnsucht, geheime Leidenschaften und hingebungsvolle Flirts erwecken die Sympathie des Publikums, das der Dame mit dem dunklen Timbre mehr Freiheiten zugesteht als der Durchschnittsfrau im Kinosaal. So begleitet der Duft der großen weiten Welt Zarah Leander auch in ihren Rollen, die ein Ausbrechen aus dem kleinbürgerlichen Leben geradezu erfordern. Beim Anblick des ganz in seiner Forschung aufgehenden Paul Hörbiger erteilt der Film dem Ehebruch innerhalb weniger Sekunden die Absolution; einfach, weil es sich bei der Ehe Paulus um eine Verbindung handelt, die mehr an ein Zusammenleben von Bruder und Schwester erinnert. Um es dem wahren Paar Ilona/Tibor nicht allzu einfach zu machen, benötigt die Handlung die üblichen Missverständnisse in Form eines weiteren Rivalen. Karl Schönböck und Willy Birgel buhlen beide um die Gunst der schönen Frau und bedienen sich dabei der selben Methoden, auch, wenn sie gerade dies vehement abstreiten. So attestiert das Nostalgiebuch "Unsere Filmlieblinge" (Verlag Bernhard Reiff) dem "eleganten, geheimnisumwitterten Herzensbrecher (Birgel), einen Charme, der auch heute noch die Frauenherzen pflückt" und führt dies darauf zurück, dass "soviel weltmännische Eleganz nur im Rheinland gedeiht". Sein österreichisches Pendant becirct derweil die jungen Mädchen, liebäugelt allerdings am liebsten mit dem eigenen Spiegelbild.



Um das Bühnenstück zu 'lüften', wählte man besonders viele Schauplätze in der freien Natur. Schauplätze, die ein mondänes Freizeitverhalten verkörpern, so der Golfplatz, das Schwimmbad oder die Fahrt entlang der Bahnstrecke im offenen Wagen. Ein wenig Folklore darf natürlich auch nicht fehlen und da die Deutschen Ungarn mit Wein, Gesang und wehenden Röcken beim Csárdás assoziieren, muss das neue Paar gleich einen Zwischenstopp in einer ländlichen Gemeinde einlegen. Für die komischen Momente sorgt die redselige und listige Jane Tilden, deren Annäherungsversuche bei dem unbeholfenen Professor erwartungsgemäß auf fruchtbaren Boden fallen. Sie bedient sich dabei des Stilmittels der Täuschung, indem sie Interesse für seine Arbeit heuchelt. So gestaltet sich "Der Blaufuchs" zur leichten Komödie, bei der es keine größeren Unstimmigkeiten gibt und wo niemand ernsthaft seelisch verletzt wird. Leider gibt es deshalb immer wieder Längen, die man gern umschiffen würde. "Kann denn Liebe Sünde sein?" fragt die Leander am Ende nachdenklich und beantwortet sich die Frage gleich selbst, indem sie die Konsequenzen zieht und dem trotz aller wissenschaftlichen Ansprüche seichten Umfeld von Dr. Stephan Paulus den Rücken kehrt. Wie so oft ist es die Schwedin, die das Gefüge zusammenhält und jedes Mal aufs Neue fasziniert. Ihr Glamour, der von der Ufa-Kostümabteilung sorgsam inszeniert wurde, ist sogar Thema im Verwirrspiel des Films und beeindruckt auch das heutige Publikum. Ihre Anwesenheit adelt auch triviale Stoffe, die ansonsten längst in Vergessenheit geraten wären. Oder, wie Anna Maria Sigmund im dritten Band ihrer Reihe "Die Frauen der Nazis" resümiert: "Ihre im Dritten Reich produzierten Filme haben seit 1945 mehr Menschen gesehen als zur Zeit des Nationalsozialismus."

Zarah und die Männer - ein beliebtes Thema des UFA-Films, wobei man der Schauspielerin immer wieder gern zusieht, wie sie in einer Mischung aus Amüsement und Spott über die Grillen staunt, die Männer an den Tag legen, um sie zu beeindrucken. 3 von 5 Punkten

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