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Dieses Thema hat 2 Antworten
und wurde 993 mal aufgerufen
 Film- und Fernsehklassiker national
Percy Lister Offline



Beiträge: 3.587

15.08.2016 19:54
Nachtwache (1949) Zitat · Antworten



BEWERTET: "Nachtwache" (Deutschland 1949)
mit: Luise Ullrich (Dr. Cornelie Badenhausen), Hans Nielsen (Pastor Johannes Heger), Dieter Borsche (Kaplan von Imhoff), René Deltgen (Stefan Gorgas), Angelika Voelkner (Lotte "Mücke" Heger), Käthe Haack (Oberin von Heiliggeist), Annette Schleiermacher, Gertud Eysoldt, Nicolai Kolin, Herbert Kroll, Hans Hermann Schaufuss u.a. | Drehbuch: Harald Braun, Paul Alverdes | Regie: Harald Braun

Zitat von SPIEGEL-Special 'Die 50er-Jahre', Aufstieg nach dem Untergang, S. 8-9
Man schreibt den 23. Mai 1949, und mit Ablauf dieses Tages erblickt die Bundesrepublik Deutschland das Licht der Welt. Groß sind die Hoffnungen nicht, die auf der zweiten deutschen Demokratie ruhen. Das Land zerstört, fast jede/r sechste Deutsche durch Krieg, Holocaust und Vertreibung umgekommen, und stundenlang verlesen getragene Stimmen im Rundfunk die Suchmeldungen des Roten Kreuzes. [...] Das neue Deutschland - ein zwischen Aufbruch und Beharrung zerrissenes Land.

Zitat von Chronik des Films, Chronik-Verlag, S. 229
Harald Braun macht sich nach dem Krieg einen Namen als Regisseur deutscher Problemfilme mit humanitären Anliegen. In seinen religiös-ambitionierten, bedeutungsschweren Arbeiten hat die lebensbejahende Aussage Priorität vor der filmischen Umsetzung. Sein Film über zwei Geistliche in einer Kleinstadt ist wegen seines Optimismus einer der erfolgreichsten Filme der frühen Nachkriegszeit.


Der Film beginnt heiter und beschwingt mit einer Eisenbahnfahrt. Pastor Heger reist mit seiner Tochter zu seiner neuen Dienststelle und um sich die Zeit zu vertreiben, darf Lotte mittels einer Schnur und eines Zettels "Telegrafieren" spielen. Sie lernen dabei Cornelie kennen, die ihnen gleich sympathisch ist, ohne zu wissen, dass man unter dem gleichen Dach ein- und ausgehen wird. Die engagierte Ärztin wohnt zwar innerhalb der Schwesterngemeinschaft, lebt aber autonom und bringt frischen Wind in die starren Strukturen, der einige Schwestern förmlich aufblühen lässt. Dennoch fühlt sich Cornelie oft allein, da sie in einer der letzten Bombennächte ihre Tochter verloren hat. Seitdem glaubt sie nicht mehr an Gott, was Konflikte zwischen ihr und der sittenstrengen Oberin heraufbeschwört und auch ihre Freundschaft zu dem Pastor belastet. Die Themen Verlust und Schuld plagen die durch den Krieg verstörten Protagonisten, die nur mehr für ihre Arbeit leben. Während die Geistlichkeit auf alle Fragen und Zweifel eine Antwort zu kennen glaubt, machen es sich Cornelie und Stefan nicht so leicht. Sie grübeln über sich und die Vergangenheit, weil sie denken, nicht genug getan zu haben, um das Unglück ihres Lebens abzuwenden.



Hans Nielsen und Luise Ullrich als gegensätzliches Paar zeigen die schönen Werte Vertrauen, Sympathie und Geduld in einem Umfeld, das Emotionen geordnet und auf Höheres gerichtet unter Kontrolle halten möchte. Lebenslust und Freude werden in den klösterlichen Mauern unterbunden und die eigenen strengen Moralvorstellungen finden in angeblich gottgewollten Verhaltensregeln einen guten Vorwand. Dieter Borsche und René Deltgen bilden das zweite Paar des Films, ehemalige Kriegskameraden, von denen einer die Soutane gewählt hat und der andere auf der Theaterbühne den Jedermann gibt. Während der Kaplan gefestigt durchs Leben geht, bewegt sich der Schauspieler unruhig von einer Bühne zur nächsten. Er hat die Ruhelosigkeit seiner Jahre als Kampfflieger nie hinter sich gelassen und hadert mit sich und der Welt. Antworten auf essentielle Lebensfragen können die Geistlichen nicht geben, weshalb der Film weder einen billigen Trost, noch die heile Welt bietet, wie es im bundesdeutschen Kino ein paar Jahre später gang und gäbe sein würde. Während Borsche als katholischer Pfarrer ernst und würdevoll einherschreitet, ist sein evangelischer Amtsbruder Nielsen viel gelöster und fröhlicher, was vor allem daraus resultiert, dass er eine lebendige Tochter hat. Luise Ullrich ist die starke Frau in der Mitte, deren Tüchtigkeit und unprätentiöse Art sie zur Identifikationsfigur für das weibliche Publikum macht.

"Nachtwache" verlangt von seinem Publikum, dass es sich Zeit nimmt und völlig auf die Geschichte einlässt, wobei jede Figur eine Eigenschaft verkörpert: Zorn (Deltgen), Güte (Nielsen), Takt (Borsche) und Weitsicht (Ullrich). Zuneigung und Hilfsbereitschaft, Abschied und Sterben sowie Hoffnung und Solidarität sind nur einige der Paarungen, die der Film im Stil eines Epos hervorbringt. Ganz großes Kino! 5 von 5 Punkten

Gubanov ( gelöscht )
Beiträge:

18.11.2016 20:55
#2 RE: Nachtwache (1949) Zitat · Antworten

Zur Zeitgeistigkeit der Deltgen-Figur in „Nachtwache“, der eine Schlüsselrolle in der Erklärung des immensen Publikumserfolgs des Films zukommt, schreibt sein Biograf Michael Wenk gerade in Abgrenzung von Deltgens früheren Rollen Interessantes:

Zitat von Michael Wenk. Ein Kerl zum Pferdestehlen: Der Schauspieler René Deltgen in Film & Fernsehen. In: René Deltgen: Eine Schauspielerkarriere. Luxemburg: CNA, 2002. S. 97
Hatte Deltgen vor Kriegsende leichtlebige Draufgänger und Spielernaturen dargestellt, so beginnt sich sein Rollenfach im Film [in der Nachkriegszeit] zu wandeln. Immer häufiger gibt er gebrochene, haltlose, doch dabei faszinierend-schillernde Charaktere und passt sich damit einer Grundstimmung an, die zu jener Zeit in der kriegsmüden (männlichen) Bevölkerung Deutschlands vorherrscht. Dass Harald Brauns Nachtwache (1949) wie kaum ein anderer Film diesen Zeitgeist trifft und zum überragenden Erfolg beim Publikum wird, geht nicht zuletzt auf Deltgens Darstellung des zynischen, durch den Krieg abgestumpften Schauspielers Stefan Gorgas zurück.


Weil Gorgas also die Erfahrungen und Enttäuschungen vieler Zuschauer spiegelt, ist seine Rolle ein Zugpferd und eine Mahnung zugleich – lebensnah und aufrüttelnd, aber in keiner Weise positiv belegt. Seine Verantwortungslosigkeit wird ebenso aufgezeigt wie die Aufgabe seines Lebens(-sinns). Er dient damit als abschreckendes Beispiel der Vergangenheit, die man gerade in Hinblick auf den Umgang mit Verlusten mit den heilenden und selbstlosen Ansätzen des Pfarrers hinter sich lassen wollte.

Zitat von ebd., S. 98
„Die Zeit der verstörten Seelen, der umgetriebenen, unglücklichen Männer wie Gorgas, der noch einmal in fast identischen Bildern das schmerzhaft-verzerrte Gesicht des Chirurgen Mertens aus Die Mörder sind unter uns in Erinnerung ruft, ist vorbei. Gorgas verschwindet lautlos aus dem Bild. Keiner fragt nach ihm – auch Cornelie, die selbstbewusste und emanzipierte Ärztin nicht“, so Bettina Greffrath in ihrer Untersuchung Gesellschaftsbilder der Nachkriegszeit. [...] Deltgen [verkörpert in seiner Figur] des Stefan Gorgas „all das [...], was das unglückselige Nachkriegsdeutschland unbedingt verdrängen will“.


Man sieht schon an dieser einen Figur, dass in „Nachtwache“ sehr viel mehr als ein bloßes Herzschmerzdrama steckt. Der Film ist zu Unrecht in Vergessenheit geraten, bietet er unter dem Aspekt der Vergangenheitsbewältigung und auch des Blicks in eine friedlichere Zukunft doch deutlich mehr als jeder der typischen Geschichtsfilme auf Kriegs- oder Politikparkett.

Gubanov ( gelöscht )
Beiträge:

23.03.2020 11:40
#3 RE: Nachtwache (1949) Zitat · Antworten

Nun erscheint "Nachtwache" auch endlich offiziell auf DVD bei Filmjuwelen - am 25. September soll es soweit sein:

Ankündigung der "Nachtwache"-DVD bei Alive-AG.de

Zitat von Nachtwache
In einem Krankenhaus sind der evangelische Pfarrer Heger und der katholische Kaplan von Imhoff für die Seelsorge zuständig. Die Oberärztin Cornelie hat nach dem Tod ihrer Tochter im Krieg den Glauben an Gott verloren. Eines Tages taucht der ehemalige Geliebte von Cornelie und Vater ihrer verstorbenen Tochter, der Schauspieler Gorgas, auf um seinen Freund von Imhoff zu besuchen. Während dieser Tage lädt Gorgas Hegers zehnjährige Tochter zu seinem Besuch auf dem Rummelplatz ein, dabei verunglückt diese mit der Schiffsschaukel tödlich. Hegers scheint an diesem Schicksalsschlag zu zerbrechen, findet aber Beistand in von Imhoff, der ihm sogar die Kraft gibt, Gorgas vom Selbstmord abzuhalten. Cornelie findet zum Glauben zurück und bleibt bei Heger. - Der erste deutsche Film nach 1945, an dessen Realisierung sich die evangelische Kirche finanziell und ideell beteiligte.

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