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Dieses Thema hat 13 Antworten
und wurde 736 mal aufgerufen
 Film- und Fernsehklassiker national
Ray Offline



Beiträge: 1.517

13.04.2016 16:05
Das Bekenntnis der Ina Kahr (1954) Zitat · Antworten

Das Bekenntnis der Ina Kahr (BRD 1954)

Kann jemand etwas zu diesem Film sagen? Er erscheint am 3. Juni via Filmjuwelen auf DVD. Die Besetzung liest sich äußerst vielversprechend:

Curd Jürgens, Elisabeth Müller, Albert Lieven, Margot Trooger und Ulrich Beiger sind u.a. mit von der Partie. Kurioserweise gibt es einen niederländischen (!) und einen englischen Wikipedia-Eintrag, aber keinen deutschen.

Josh Offline




Beiträge: 7.927

13.04.2016 16:37
#2 RE: Das Bekenntnis der Ina Kahr (1954) Zitat · Antworten

Kenne den Film auch nicht, aber bei der OFDB kannst du zumindest zwei Reviews lesen.
http://www.ofdb.de/film/52717,Das-Bekenntnis-der-Ina-Kahr

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.587

19.06.2016 14:04
#3 RE: Das Bekenntnis der Ina Kahr (1954) Zitat · Antworten



BEWERTET: "Das Bekenntnis der Ina Kahr" (Deutschland 1954)
mit: Elisabeth Müller, Curd Jürgens, Albert Lieven, Friedrich Domin, Margot Trooger, Ingmar Zeisberg, Ulrich Beiger, Vera Molnar, Renate Mannhardt, Hanna Rucker, Jester Naefe, Hilde Körber, Wilmut Borell, Sophie Strehlow, Johann Buzalski, Ernst Stahl-Nachbaur u.a. | Drehbuch: Erna Fentsch nach dem gleichnamigen Roman von Hans-Emil Dits | Regie: Georg Wilhelm Pabst

Ina Kahr steht unter der Anklage, ihren Ehemann Paul vergiftet zu haben. Das hohe Gericht fordert die Todesstrafe, da die mutmaßliche Mörderin beharrlich schweigt. Selbst ihr Verteidiger Dr. Pleyer kann nicht verhindern, dass das Todesurteil gegen Ina Kahr ausgesprochen wird. Unter dem Eindruck der Hinrichtung ihrer Zellennachbarin entschließt sich die Frau endlich, ihrem Anwalt zu erzählen, was in jener Nacht geschah, als Paul Kahr starb....

Das Spätwerk des bekannten Regisseurs Georg Wilhelm Pabst ("Die Büchse der Pandora") jongliert zwischen den Genres und wechselt vom Gerichtsdrama zum Melodram, das mit kriminalistischen Elementen versetzt ist. Vor allem appelliert der Film an das Gefühl und trägt damit der zeitgenössischen Erwartungshaltung Rechnung. Umso bemerkenswerter sind die ersten fünfundzwanzig Minuten, die einen schonungslosen Blick auf die hässliche Seite eines Gerichtsprozesses werfen. Statt brillanter Plädoyers oder argumentativer Beweisführung sehen wir Verzweiflung über das Schweigen der Angeklagten, Aufrufe zur Besinnung in letzter Minute und über allem die nahe Vollstreckung der Todesstrafe. Elisabeth Müller als Ina Kahr ebnet in ihren stummen Szenen den Weg für eine ernsthafte Aufarbeitung ihres Falls, der in Rückblenden aus ihrer Perspektive geschildert wird. Sie entscheidet sich für die Wahrheit und nimmt ihr Leben noch einmal in die Hand, womit sie sich von der bereits hoffnungslosen Frau in der Nebenzelle abgrenzt, die von Todesangst über die bevorstehende Hinrichtung gequält wird. Die karge Trostlosigkeit dieser Szenen untermauert eindrucksvoll den Alltag im Todestrakt eines Zuchthauses, das die letzte Konsequenz der gesprochenen Rechtsordnung durchzuführen hat und dabei nicht gänzlich frei von Emotionen bleibt.



Sobald Ina Kahr das geistige Gefängnis durch die Schilderung ihrer Beziehung zu Paul verlässt, taucht das Geschehen in hellere Farben und zeigt eine junge Frau voller Tatendrang und Hoffnung. Die gemeinsame pharmazeutische Arbeit mit ihrem Vater verleiht ihr Selbstbewusstsein, zu dem sich nach der Begegnung mit dem blonden Hünen eine romantische Note gesellt, die sie blind für die Warnungen ihres Umfelds macht. Die kunstvolle Bildsprache untermauert die Folgen dieses Aufeinandertreffens recht deutlich: Pauls Gesicht liegt beim ersten Kuss des Paares im Schatten; nach der Vermählung gehen Ina und Paul nicht in den Sonnenuntergang, sondern in den nebligen, dunklen Wald, wobei die Kamera besonders lange auf diesem Bild der düsteren Vorahnung verharrt. Die Vorboten des Unglücks zeigen sich auch im Besuch, den Ina der ersten Frau von Paul macht. Ihr Wohnbereich ist durch ein Gitter von der Außenwelt abgetrennt, ein kunstvoll geschmiedetes zwar, aber eine deutliche Anspielung auf den Käfig ihrer Ehe. Sie verharrt darin, obwohl ihr Mann längst anderweitig unterwegs ist. Die Implikation der Parallelen zwischen den Frauen schafft ein gemeinsames Band und zeigt, wie eine nach der anderen an Paul Kahr zerbricht. Sein sprunghaftes, egozentrisches Verhalten, das mit mangelndem Talent und unausgesprochenen Selbstzweifeln einhergeht, machen ein Zusammenleben mit ihm unmöglich.

Eine Riege namhafter Schauspieler trägt den fast hundert Minuten langen Film, wobei neben der dezenten und beherrschten Darstellung von Elisabeth Müller, vor allem der labil-aufbrausende Curd Jürgens ins Auge fällt, der sich charmant und abweisend zugleich zeigt und dem Laster frönt, während er sich einen Engel wünscht, der ihn auffängt. Albert Lieven gibt den engagierten Anwalt, in dessen Blick Zuneigung aufblitzt, was man bei dem disziplinierten Mimen selten sieht; Friedrich Domin erweist sich als loyaler Vater, der für seine Tochter kämpft und streitet; Margot Trooger hält ihre Erregung über das Fehlverhalten ihres Mannes mühsam unter Kontrolle und überzeugt erneut als Dame der Gesellschaft. Die dunkelhaarige Ingmar Zeisberg ist das Pendant zu Curd Jürgens und nimmt sich, was sie braucht, während sie geschäftliche Vorteile und zukunftsweisende Verbindungen im Auge hat. Renate Mannhardt und Vera Molnar sind die gefährlichen Frauen in Jürgens' Umgebung, deren Anziehungskraft für den Augenblick ist, wobei sich ihr Raffinement nicht allein aus tollen Beinen und schmachtenden Lippen ergibt. Das Personenkarussell dreht sich immer schneller und so wundert es nicht, dass es mit einem gewaltigen Krach zum Stehen kommt. Der Kreis schließt sich und lässt die alptraumhaften Erfahrungen der weiblichen Hauptfigur wie ein Sittenbild ihrer Zeit erscheinen.

"L'homme fatal" Curd Jürgens entzündet eine Spirale des Unglücks und der Zerstörung, die ihm selbst eine Befreiung ist, jedoch einen Schatten über die Zukunft seiner Witwe wirft. Der Kampf um Ina Kahrs Leben wird von allen Beteiligten eindrucksvoll ausgefochten und zeigt beliebte deutsche Stars der Fünfziger und Sechziger Jahre in der Blüte ihrer Schaffenskraft. 4,5 von 5 Punkten

Ray Offline



Beiträge: 1.517

20.06.2016 09:40
#4 RE: Das Bekenntnis der Ina Kahr (1954) Zitat · Antworten

Zitat von Ray im Beitrag #1
Kurioserweise gibt es einen niederländischen (!) und einen englischen Wikipedia-Eintrag, aber keinen deutschen.

Inzwischen wurde auch ein deutscher Wikipedia-Eintrag erstellt. Das, was du über den Film schreibst, hört sich sehr gut an. Vor allem Albert Lieven in der Rolle eines Anwalts stelle ich mir interessant vor. Werde mir den Film wohl zeitnah zulegen. An dieser Stelle ein Dankeschön an die Schreiberlinge, welche gestern für diese Flut an lesenswerten Beiträgen gesorgt haben.

Ray Offline



Beiträge: 1.517

23.07.2016 23:04
#5 RE: Das Bekenntnis der Ina Kahr (1954) Zitat · Antworten

Das Bekenntnis der Ina Kahr (BRD 1954)

Regie: G.W. Pabst

Darsteller: Curd Jürgens, Elisabeth Müller, Albert Lieven, Vera Molnar, Friedrich Domin, Ingmar Zeisberg, Margot Trooger, Ulrich Beiger u.a.



Ina Kahr wird wegen heimtückischen Mordes aus niedrigen Beweggründen zum Tode bestraft. Erst im Angesicht des Todes bricht sie ihr Schweigen und erzählt die Geschichte einer zum Scheitern verurteilten Ehe...

In den ersten Minuten läuft dem Zuschauer des Kriminalmelodrams "Das Bekenntnis der Ina Kahr" ein Schauer über den Rücken. Eine Todesstrafe unter dem Grundgesetz? Kann das sein? Tatsächlich wurde trotz Art. 102 des Grundgesetzes, wonach die Todesstrafe abgeschafft ist, erst 1953 § 211 des Strafgesetzbuches dahingehend reformiert, dass die Strafe für Mord lebenlanges Zuchthaus (heute: lebenslange Freiheitsstrafe) bedeutet. Doch selbst diese lebenslange Freiheitsstrafe ist heute Bedenken ausgesetzt, eine Reform der Mord- und Totschlagparagrafen wird seit langem diskutiert. Die folgenden Minuten des Films zeigen dem Zuschauer, ob Ina Kahr ihre Tat tatsächlich mit dem Tode wird bezahlen müssen.

Die stärksten Minuten sind diejenigen, die die in Rückblenden erzählte Geschichte der Ehe von Paul und Ina Kahr einrahmen. Vor allem der anfängliche Gerichtsprozess, in dem Richter, Statsanwalt, Verteidiger und Vater Ina Kahr geradezu anflehen, ihr Schweigen zu brechen. Doch diese scheint wild entschlossen, sich ihrem Schicksal zu fügen, bis sie kurz vor Vollstreckung der Todesstrafe ihr Schweigen bricht.

Die folgenden Schilderungen, bei denen Curd Jürgens erstmals erscheint, sind dem Zeitgeist entsprechend nicht ohne Kitsch. Elisabeth Müller, in den 1950er-Jahren ein großer Star, dürfte hier im Forum vor allem durch ihre Rollen in "Dr. Crippen lebt" und "Gestehen Sie, Dr. Corda!" bekannt sein. Gerade für ihre sehr klischeebeladene Darstellung in "Dr. Crippen lebt" wurde sie nicht ganz zu Unrecht kritisiert. Im Grundsatz sehr sympathisch und liebenswert, ist ihre Darstellung auch hier bisweilen eine Gratwanderung. In manchen Momenten kommt sie einmalmehr arg theatralisch rüber. Gleichwohl fühlt der Zuschauer mit ihr. Mit der Wallace-Brille auf der Nase ist es zudem äußerst interessant, Leute wie Albert Lieven oder Ulrich Beiger einmal fernab von ihrem üblichen Rollenklischee zu sehen. Lieven mimt den Verteidiger, dessen Interesse an Ina Kahr über das berufliche hinausgeht, äußerst überzeugend. Seine kraftvolle, dabei jedoch willkommen dezente Darstellung nötigt großen Respekt ab.

Sieht man von kleineren Längen in den Rückblenden ab, kann man dem Film im Grunde lediglich vorwerfen, dass die abschließenden Gerichtsszenen und der Schluss sehr flott abgewickelt werden. Wenn man die starken ersten Minuten bis zu den Rückblenden und die sich daran anschließenden ausführlichen Schilderungen des "Wie" und "Warum" zum Maßstab nimmt, hätte man dort aus dramaturgischer Sicht mehr herausholen können - wenn nicht gar müssen. Freunde des gepflegten Kriminalmelodrams der 1950er-Jahre kommen dennoch auf ihre Kosten. Die Filmbewertungsstelle Wiesbaden gab dem Film übrigens das Prädikat "wertvoll".


"Das Bekenntnis der Ina Kahr" ist äußerst prominent besetzt und wartet gerade in den Anfangsminuten mit packenden Gerichtsszenen auf. Die folgenden Schilderungen einer gescheiterten Liebe bleiben erwartungsgemäß nicht ohne Kitsch. Zudem fällt der Schluss ein wenig enttäuschend aus. Freunde von Kriminaldramen wie "Gestehen Sie, Dr. Corda!" oder "Der letzte Zeuge" kommen trotzdem auf ihre Kosten. Aus dem Cast ragt Albert Lieven mit einem kleinen, aber feinen Part als Verteidiger der Ina Kahr heraus. 4 von 5 Punkten.

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.587

24.07.2016 13:29
#6 RE: Das Bekenntnis der Ina Kahr (1954) Zitat · Antworten

Vielen Dank für Deinen wie immer schlüssig und offen geschriebenen Bericht. Das Booklet erwähnt ebenfalls das überstürzte Ende und meint, der Regisseur habe es so inszeniert, als hätte er an diesem Schluss kein großes Interesse gehabt. Ob wohl im Roman von Hans-Emil Dits, auf dem die Filmhandlung beruht, ein anderes Ende enthalten war?

Ray Offline



Beiträge: 1.517

24.07.2016 14:35
#7 RE: Das Bekenntnis der Ina Kahr (1954) Zitat · Antworten

Vielen Dank für die nette Rückmeldung. Gute Frage. Hat möglicherweise hier im Forum jemand den Roman einmal gelesen und kann darüber Auskunft geben? Heute scheint er ja nur noch antiquarisch erhältlich zu sein. Auch wenn Filme der damaligen Zeit aus heutiger Sicht häufig ein wenig abrupt enden, habe ich es hier tatsächlich als besonders extrem empfunden, da man hier lange Zeit den Spannungsbogen spannt und ihn dann auf dem Höhepunkt etwas vorschnell locker lässt. Dennoch wie gesagt ein sehenswerter Film!

Nachtrag zur DVD von Filmjuwelen: Offenbar scheint man neuerdings ein Wendecover beizufügen, denn anstatt der sonst üblichen Filmmotive auf der Rückseite und der Werbungen im Innenteil, bekommt man hier ein Cover ohne FSK-Flatschen, dafür mit der identischen Rückseite wie auf dem Schuber. Da die Schuber ja immer "flatschenfrei" waren, hat mich derjenige auf der DVD-Hülle nie sonderlich gestört. Trotzdem ein nettes Zugeständnis.

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.587

24.07.2016 14:44
#8 RE: Das Bekenntnis der Ina Kahr (1954) Zitat · Antworten

Es soll sich um einen Zeitungsroman der Radiozeitung "Hören und sehen" handeln. Solche Fortsetzungsromane waren damals recht populär; man sieht es auch daran, dass häufig im Vorspann steht 'Nach einem Tatsachenbericht aus dem "Stern"', wenn wahre Fälle literarisch für das breite Publikum bearbeitet werden.

Ray Offline



Beiträge: 1.517

24.07.2016 15:09
#9 RE: Das Bekenntnis der Ina Kahr (1954) Zitat · Antworten

Stimmt. Dennoch scheint der Roman noch mehrfach erschienen zu sein, denn bei amazon sind verschiedene Editionen gebraucht zu erwerben:

https://www.amazon.de/s/ref=nb_sb_noss?_...is+der+ina+kahr

Gubanov Offline




Beiträge: 16.370

24.07.2016 15:29
#10 RE: Das Bekenntnis der Ina Kahr (1954) Zitat · Antworten

Wenn man über den Versandhändler mit dem A mal hinausblickt, kann man sich die Buchvorlage sogar schon für unter 1,60 Euro ins Haus bestellen. Da tut ein Nachschlagen nach dem Buchende den Filmkundigen sicher nicht besonders weh: Booklooker.de.

Mir bereitet bei "Ina Kahr" vor allem der Regisseur Zahnschmerzen, der ja eher für die hohe Kunst des Stumm- und Vorkriegsfilms bekannt ist und von dem ich mir eher Theatralik als Spannung erwarte. Deshalb habe ich mich bisher nicht herangetraut.

Peter Offline




Beiträge: 2.866

24.07.2016 15:57
#11 RE: Das Bekenntnis der Ina Kahr (1954) Zitat · Antworten

Zitat von Gubanov im Beitrag #10
Mir bereitet bei "Ina Kahr" vor allem der Regisseur Zahnschmerzen, der ja eher für die hohe Kunst des Stumm- und Vorkriegsfilms bekannt ist und von dem ich mir eher Theatralik als Spannung erwarte. Deshalb habe ich mich bisher nicht herangetraut.

Deine Zahnschmerzen müssen wohl andere Ursachen haben. Einfach mal "Der letzte Akt" schauen - oder auch "Es geschah am 20. Juli" - oder "Der Prozeß".
G.W. Pabst machte es selten herkömmlich, aber er konnte es auch akustisch, spannend und atmosphärisch....

Gubanov Offline




Beiträge: 16.370

14.06.2020 10:00
#12 RE: Das Bekenntnis der Ina Kahr (1954) Zitat · Antworten

Naja, @Peter, bei allem Respekt vor Pabsts großem Namen: Mein Riecher hat mich in dieser Hinsicht nicht getäuscht. An dem Film ist mehr Schnulze und (tatsächlich vorhandener) Theaterdonner als irgendetwas anderes. Vielleicht wäre ich mit deinen anderen Tipps aus seiner Filmografie tatsächlich besser gefahren.



Das Bekenntnis der Ina Kahr

Kriminaldrama, BRD 1954. Regie: G.W. Pabst. Drehbuch: Erna Fentsch (Vorlage: Hans-Emil Diets). Mit: Elisabeth Müller (Ina Kahr, geborene Hallgarten), Curd Jürgens (Paul Kahr), Albert Lieven (Strafverteidiger Dr. Pleyer), Friedrich Domin (Professor Hallgarten), Ingmar Zeisberg (Marianne von Degenhardt), Vera Molnar (Jenny), Jester Naefe (Cora Brink), Hanna Rucker (Helga Barnholm), Margot Trooger (Margit Kahr), Hilde Körber (Gefängnisaufseherin) u.a. Uraufführung: 12. November 1954. Eine Produktion der Omega-Film Berlin für den Neuen Filmverleih München.

Zitat von Das Bekenntnis der Ina Kahr
Beharrlich schweigt Ina Kahr während ihres gesamten Gerichtsprozesses. Obwohl es für sie als Angeklagte im Mordfall ihres Mannes um Kopf und Kragen geht, will sie sich partout nicht zu Tathergang und -hintergründen äußern. Sie wird zur Todesstrafe verurteilt und erst die schrecklichen Erlebnisse im Todestrakt des Zuchthauses bewegen sie dazu, endlich ihr Schweigen zu lösen. Bevor es zu einem Wiederaufnahmeverfahren kommt, schildert sie umfänglich ihre Ehe und ihr Leid mit Paul Kahr, einem notorischen Fremdgänger, Trinker und Geldverschwender ...


Der Bericht enthält Spoiler!

Glaubt man Filmkritiker Werner Sudendorfs lesenswertem Aufsatz, so handelte es sich bei „Das Bekenntnis der Ina Kahr“ für G.W. Pabst nur um eine reine Geldgeschichte. Er deutet auch an, dass womöglich solche Behauptungen von Kritikern nur aufgestellt wurden, weil sie einen Film wie diesen für unter der Würde des renommierten Regisseurs hielten. Solch ein filmisches Klassendenken ist nicht gerade eine besonders sympathische Einstimmung. Hat man das Resultat aber erst einmal gesehen, so kann man jede Distanzierung – egal ob sie der Wahrheit entsprach, von Pabst oder dem Cineasten-Mainstream in die Welt gesetzt wurde – sogar nachvollziehen: Wäre man gehässig, so könnte man getrost behaupten, man bekäme hier in überhöhter Theatralik eine Manifestierung überspannter weiblicher Nerven und einen 97-minütigen Beweis für die Erforderlichkeit des 50er-Jahre-Modemedikaments Frauengold geboten. Im Zentrum des Geschehens: ein verstocktes, verhätscheltes Akademikertöchterchen, das, nachdem es Papis Schoß entflieht, die damals so zeitgemäße Begegnung mit der sexuellen Nachkriegsfreiheit macht.

Stünde im Vorspann ein anderer Regisseursname – der Film wäre vermutlich den Weg eines angestaubten Sittenbilds wie „Dorothea Angermann“ gegangen. Dank Pabst schleicht sich in das Drama gelegentlich gestalterische Klasse ein – genauso oft muss man ihm jedoch vorwerfen, selbst ohne jedes Gespür für die richtige Dosierung auf Kitsch, Tränendrüseneffekte und unverhohlene Theatralik zu setzen. Besonders negativ fallen in dieser Hinsicht der scherenschnittartige Gerichtsprozess (in dessen Plädoyers nicht eine einzige belastbare Tatsache vorgebracht wird), die bereits zum Drehzeitpunkt abgeschaffte Drohgebärde Todesstrafe und die wild übertriebenen Szenen im Frauengefängnis mit Hilde Körber und Renate Mannhardt auf. Hat man sich durch diesen geradezu kolportageartigen Einstieg und Anwalt Albert Lievens unglaubwürdige Liebesbekundung über seine Mandantin gekämpft, ist der Hauptteil beinahe eine Erholung, auch wenn hier weiterhin eine verlogene Romanzenseligkeit, die mit erhobenem Zeigefinger dargeboten wird, die Oberhand behält.



Problematisch an „Das Bekenntnis der Ina Kahr“ ist neben der unsauberen, um Aufmerksamkeit und Mitleid buhlenden Erzählweise auch die Besetzung der Hauptrollen. Elisabeth Müller, die Sudendorf zutreffenderweise als Repräsentantin der „Kultur der gehobenen Langeweile“ bezeichnet, bleibt im kindlichen Frauchenbild der 1950er Jahre verhaftet und versinkt durch ihr Strampeln, ihre jugendlich-unerfahrene Widerspenstigkeit gegenüber ihrem Vater sowie die ständige Rückkehr zum untreuen Gatten nur immer tiefer in diesem unschönen Morast. Müller war oft auf derlei problematische Rollen gebucht, die sie dann mangels subversiv-fortschrittlicher Neigungen auch stets sehr „brav“ ausfüllte. Ebenso gibt Curd Jürgens ein genau spiegelverkehrtes Zerrbild patriarchalischer Macho-Gebahren, die in ihrer Plumpheit geradezu erschüttern. Seine Frau würde er totschlagen, wenn sie fremdgehe, sagt er und fügt in gleichem Atemzug an, sie solle seine Ausrutscher nicht so tragisch nehmen. Jürgens, der immerfort den Lebemann im Kino gab, darf hier besonders unverfroren zuspitzen und seine tiefe Stimme sowohl zum Dauerbecircen aller Frauen sowie später zu maßlosem Selbstmitleid einsetzen. Damit passen beide Darsteller gewissermaßen „glänzend“ in ihre Rollen, wirken im Rahmen einer klischeehaften Handlung aber selbst wie wandelnde Schablonen.

Interessant ist die Anmerkung des Kritikers Sascha Westphal in seiner Retrospektive „Verdammt lang her“, in Jürgens’ Rolle zeige sich eine „Todessehnsucht“. Diesen Begriff verbinden Filmkenner neben den Werken der Romantik in erster Linie mit den NS-Dramen von Veit Harlan und anderen Systemregisseuren. Tatsächlich kommt dem Zuschauer, wenn er zwischen allen schrillen Tönen des von bindungshungrigen Frauen überlaufenen Dramas einmal Zeit zum Nachdenken findet, der Gedanke, dass der ohnehin eher angestaubte Film auch ein wenig im Duktus des Euthanasie-Skandalfilms „Ich klage an“ gehalten ist. Anstelle einer unheilbaren Krankheit, gegen die mit staatlich gutgeheißener Sterbehilfe vorgegangen wird, ist es bei Paul Kahr die Erkenntnis über die eigene Verdorbenheit und alles zerschlagene Porzellan, das den schmutzigen Galan mit dem Wunsch beseelt, allem ein Ende zu machen. Der Schönwetter-Ausgang für die zugegebenermaßen hart geprüfte Ina Kahr, die ihrem ums Sterben bettelnden Gatten Gift in den Kaffee gibt, unterstreicht die rasche Vergesslichkeit der 50er-Jahre-Filmemacher bezüglich eines dunklen Kapitels deutscher (Film-)Geschichte.

Erstaunlich flach ausgearbeitet in einem Drama, für das sich bis heute namhafte Filmforscher interessieren, bleiben die Nebenrollen, insbesondere jene der in zunehmendem Tempo wechselnden „Damen“ an Jürgens’ Seite. Bekannte und unbekannte Miminnen der damaligen Zeit (Margot Trooger, Ingmar Zeisberg, Jester Naefe, Hanna Rucker, Vera Molnar, Hilde Sessak) versuchen ihr bestes, zumindest prägnante Schlaglichter aufzuzeigen, bleiben aber zwangsläufig eher Werkzeuge für das Funktionieren der simplen Grundgeschichte. Sie alle sollen Inas Charakter komplementieren, Situationen, in die sie gerät, vorwegnehmen oder wiederholen, oder einfach die verschiedenen Entwürfe weiblicher Liebe und Sexualität illustrieren. Als Vater recht beeindruckend agiert immerhin noch der gern gesehene Friedrich Domin, der jedoch im Grunde zu gutmütig ist, um den im Mittelteil von ihm verlangten harten Hund zu markieren. Auch der Auftritt von Ulrich Beiger als softer, dezidiert emaskulierter Gegenentwurf zum Testosteron-Zerstörer Jürgens bleibt nicht unbemerkt.

Schon Shakespeare dichtete Stücke von jungen Frauen, die sich gegen den Willen ihrer Väter mit Romeos einließen. „Das Bekenntnis der Ina Kahr“ bewegt sich also in vertrautem Fahrwasser, versucht aber leider, seine mangelnde Konsequenz mit reichlich Geschrei und schmachtendem Bohei aufzufüllen. So mangelt es an Substanz und Feingefühl; stattdessen wird ein prominenter Cast allzu einseitig und zeitgeistig gefordert. 3 von 5 Punkten.

Peter Offline




Beiträge: 2.866

14.06.2020 11:02
#13 RE: Das Bekenntnis der Ina Kahr (1954) Zitat · Antworten

Zitat von Gubanov im Beitrag #12
An dem Film ist mehr Schnulze und (tatsächlich vorhandener) Theaterdonner als irgendetwas anderes. Vielleicht wäre ich mit deinen anderen Tipps aus seiner Filmografie tatsächlich besser gefahren.

Sicherlich..... Tut mir leid, dass du dich eingeschnulzt fühltest. Das passiert uns allen mal.......
Schwächere Beiträge hat ja jeder Regisseur, aber bei den genannten Hauptwerken von G.W. Pabst bleibe ich dabei, dass sie Klasse haben.
"Der letzte Akt" zum Beispiel besteht sogar den Vergleich mit dem schwer gehypten und tatsächlich alles andere als schlecht gelungenen Remake "Der Untergang".

Gubanov Offline




Beiträge: 16.370

14.06.2020 11:20
#14 RE: Das Bekenntnis der Ina Kahr (1954) Zitat · Antworten

Und "Der letzte Akt" hat noch einen weiteren entscheidenden Vorteil: Er steht ebenfalls in meinem DVD-Regal. Die Chancen auf eine Begegnung mit einem "Hauptwerk" von Pabst stehen also gar nicht schlecht.

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