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Dieses Thema hat 4 Antworten
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 Aktuelle Filme (DVD, Kino, TV)
Jan Offline




Beiträge: 1.330

20.03.2016 23:27
Ku'damm 56 Zitat · antworten

Mich würde einmal interessieren, ob ich aus dem Kreise hier der einzige bin, der heute Abend den ersten Teil der ZDF-Miniserie "Ku'damm 56" gesehen hat.

Angesichts der beispielsweise durch Zeit-Online vergebenen Vorschusslorbeeren war meine Erwartungshaltung an diesen Dreiteiler evtl. ein wenig zu hoch, denn nach dem Ende des ersten Teiles bin ich doch einigermaßen ratlos, ob ich mir die noch ausstehenden beiden Teile antun werde. Die Zeit schrieb in ihrem Online-Artikel vom heutigen Tage von einem fulminanten, sehenswerten, intelligenten und furiosen Film.

Bislang kann ich für mich selbst indes nur festhalten, dass die Ausstattung und die angewendete Computeranimation durchaus begeisterte. Inhaltlich allerdings entwickelte sich die Produktion bislang zu einer nur schwer erträglichen Premium-Soap. Es wird nicht mit Klischees gegeizt. Vielmehr will uns die Produktion aus dem Hause Ufa-Fiction (Produzent: Nico Hofmann) am Beispiel einer Familie jedwede bekannte Fünfzigerjahre-Schaurigkeit auftischen, die sich finden ließ. Das Heimchen am Herd umsorgt ihren verkappt schwulen Ehemann, ein Vergewaltigungsopfer wird zur Täterin gestempelt, der (in so einer Produktion offenbar unvermeidliche) Herr Doktor hat NS-Vergangenheit, der Kapellenmusiker war im KZ und die Familienchefin trauert dem Endsieg nach. Das Ganze wird garniert mit Nierentisch, Petticoat und Toast Hawaii. Es ist stark zu erwarten - der erste Teil nimmt bereits Anlauf in dieser Richtung! -, dass zudem auch der Ostteil Berlins mit dubiosen Staatsfunktionären in langen schwarzen Ledermänteln in den folgenden beiden Teilen zum Thema wird.

Nun will ich gerne verstehen, dass die Gegebenheiten eines solchen Films eben begrenzt sind und dass die Themen auf einen eher kleinen Personenkreis begrenzt werden müssen. Leider lässt die Themenauswahl bislang allerdings darauf schließen, dass es hier nicht das Ziel war, eine Stadt (nämlich Berlin) in einer bestimmten Epoche zu zeigen. Vielmehr drängt sich der Verdacht auf, dass das Berlin jener Jahre vorgeführt werden soll, denn besonders ausgewogen kommt der erste Teil der Serie nicht daher. Zudem wirft der Titel des Films sogleich Fragen auf. Warum eigentlich Berlin? Bislang hätte dieser Dreiteiler auch in Hamburg, Gelsenkirchen oder Cuxhaven ablaufen können. Kaum eine Besonderheit des Berlins aus der Nachkriegszeit wird thematisiert. An der besonderen Enge der Stadt, von der viele Zeitzeugen berichteten, oder an einem Nachtleben ohne Sperrstunde hatten die Macher des Films offenbar kein Interesse.

Selbst das hätte man noch verdauen können, hätte der erste Teil denn etwas Tempo parat gehalten. Die Erzählweise ist leider dann doch etwas arg betulich geraten. Es wird Klischee an Klischee gereiht, kaum etwas bildet dabei eine Einheit. Darüber kann auch die hektische Schnittweise nicht hinwegtäuschen. Einzelne Szenen sind mit bis zu zehn Einstellungen gedreht worden, sodass man pro Minute Sendezeit auf ein abnormales Maß an Schnitten kommt. Vermutlich war es die Absicht der Macher, dem Geschehen dadurch eine gewisse Abwechslung zu verpassen. Leider aber wirkt diese Schnitthektik mehrheitlich nervtötend auf mich. Der Effekt auf das Tempo der Erzählweise bleibt gleich Null. Der erste Teil war schlicht und ergreifend über die Maßen öde inszeniert.

Darstellerisch ist es gut zu wissen, dass sich auch hier die erwarteten Klischees einstellen. Eines dieser Klischees: kein Mehrteiler ohne Heino Ferch! Dieses Mal eben mit Kunsthaar-Fiffi und weißem Kittel. Claudia Michelsen, die sich auch ansonsten durch gefühlt jedes zweite Filmdrama von ARD und ZDF heult, muss hier die harte Dame mit eisiger Gesinnung mimen. Nun ja, wem's gefällt. Ich hätte mir hier durchaus eher Iris Berben gewünscht, wenngleich mit Frau Berben dann gleich das nächste Klischee erfüllt gewesen wäre. Allerdings hätte der Rolle etwas mehr Tiefgang gut zu Gesicht gestanden. Ebenso gilt dies eigentlich für die Darstellerinnen der drei Töchter. Belanglos wäre so ein Wort, dass mir nach em ersten Teil einfiele.

Fazit nach dem ersten Teil: Tolle Ausstattung für eine über weite Strecken sehr öde inszenierte und klischeeüberladene Seifenoper. Ob ich mir die weiteren Teile antue, ist schon recht ungewiss!

Gruß
Jan

Marmstorfer Offline




Beiträge: 7.380

21.03.2016 16:06
#2 RE: Ku'damm 56 Zitat · antworten

Ja, ich war gestern auch dabei. Jans Kritik kann ich nur ansatzweise teilen. Es ist richtig, dass das Buch streckenweise überfrachtet ist; ein bis zwei Handlungsstränge hätte man sich durchaus sparen können. Aber insgesamt ergibt sich ein stimmiges, durchaus vielschichtiges Zeitgemälde. Ein gewisser Soapcharakter ist zwar nicht von der Hand zu weisen - und ja - natürlich ärgert man sich über das ein oder andere Klischee, aber das ist bei einem Eventmehrteiler (ein fürchterliches Wort) auch nicht anders zu erwarten. Aber mir ging das teilweise bestürzende Schicksal einiger Figuren tatsächlich nahe. Speziell mit der von Sonja Gerhardt (in ungewöhnlicher Rolle als Mauerblümchen) exzellent verkörperten Hauptfigur Monika konnte man (ich zumindest ) hervorragend mitfiebern. Die Vergewaltigungsszene war nur schwer zu ertragen.

Claudia Michelsen ist hier gegen ihren Typ besetzt; ihr Spiel ist Geschmackssache, aber Berben wäre wirklich Fehl am Platz gewesen, da sie schlichtweg zu alt ist, um als Mutter dreier junger Damen um die 20 durchzugehen. Damit trete ich ihr hoffentlich nicht zu nahe, sie sieht natürlich immer noch fantastisch aus. Die Inszenierung von Sven Bohse geht auf Nummer Sicher, aber als öde würde ich sie nicht bezeichnen. Ich fühlte mich seht gut unterhalten, sogar so gut, dass ich, der ZDF-Mediathek sei Dank, den zweiten Teil, der dort bereits seit gestern Abend abzurufen ist, gleich im Anschluss an Teil 1 geguckt habe. ACHTUNG SPOILER: Dubiose Staatsfunktionäre in Ledermänteln spielen dort, entgegen Jans Erwartungen, keine Rolle. Vielmehr liegt der Fokus auf den Schatten der Vergangenheit, unter anderem wird thematisiert, unter welchen Umständen die Familie in den Besitz der Tanzschule geraten ist.

PS: Eigentlich kann dieser Thread ins Unterforum "Aktuelle Filme" verschoben werden.

Jan Offline




Beiträge: 1.330

23.03.2016 11:38
#3 RE: Ku'damm 56 Zitat · antworten

ACHTUNG: Auch dieser Text enthält Spoiler bzgl. der Teile 1 und 2!

Zitat von Marmstorfer im Beitrag #2

Claudia Michelsen ist hier gegen ihren Typ besetzt; ihr Spiel ist Geschmackssache, aber Berben wäre wirklich Fehl am Platz gewesen, da sie schlichtweg zu alt ist, um als Mutter dreier junger Damen um die 20 durchzugehen.


Da hast Du sicher Recht. Für mich ist Iris Berben nach wie vor gefühlte 50 mit Strahlkraft in Richtung 45.

Zitat von Marmstorfer im Beitrag #2

Dubiose Staatsfunktionäre in Ledermänteln spielen dort, entgegen Jans Erwartungen, keine Rolle. Vielmehr liegt der Fokus auf den Schatten der Vergangenheit, unter anderem wird thematisiert, unter welchen Umständen die Familie in den Besitz der Tanzschule geraten ist.


Ja, da habe ich die Sache in der Tat zu früh verurteilt. Ich war vom zweiten Teil aber nicht nur deswegen mehr angetan als vom ersten. Der zweite Teil fokussiert sich mehr und hat weniger den Charakter eines Rundumschlages. Nicht nur fehlen dankenswerterweise die Stereotypen von der Staatssicherheit. Das Geschehen verdichtet sich vielmehr eher auf den schwulen Ehemann und die etwas komplexe Persönlichkeit Monikas. Auch gefiel mir Hauptdarstellerin Sonja Gerhardt im zweiten Teil besser; sie kommt nun weniger eindimensional daher als noch zuvor. Einige recht amüsante Einfälle (Musicbox) rundeten das Ganze zu einem viel harmonischeren Gesamtbild ab. Insofern bin ich gespannt, ob der letzte Teil heute abend zu einem vernünftigen Abschluss führt.

Zitat von Marmstorfer im Beitrag #2

PS: Eigentlich kann dieser Thread ins Unterforum "Aktuelle Filme" verschoben werden.

Jupp, danke für's Verschieben!

Gruß
Jan

Peter Offline




Beiträge: 2.817

25.03.2016 11:39
#4 RE: Ku'damm 56 Zitat · antworten

Mit leichter Verzögerung habe ich mir Ku'damm 56 in der ZDF-Mediathek angeschaut und insgesamt für gut befunden, nicht nur als Oldtimer-Freund.
Klar: Der erste Teil beginnt in der Tat etwas quälend, bevor die ganze Nummer doch sehr ordentlich - und nostalgisch-opulent bebildert - ins Rollen kommt.
Zum Glück hatte ich die entsprechende Warnung meiner Vorredner Jan und Käptn Marmsen verinnerlicht. Denn eine gewisse Gefahr bestand schon für einen vorzeitigen Ausstieg. Dann doch am Ball zu bleiben lohnt sich wirklich, denn trotz einiger bereits erwähnter Schwächen entwickelt sich die Geschichte nach einer guten halben Stunde recht spannend - und ist definitiv unterhaltsam genug für die restlichen vier Stündchen.
Allein schon die liebevoll gestalteten Berliner Augenschmaus-Impressionen (tolle physisch-virtuelle Mischung!) - sowie die weitgehend überzeugende Schauspieler-Riege sind eine lobende Empfehlung wert. Allen voran natürlich Sabin Tambrea, seit Ludwig II. ohnehin DIE Entdeckung.
Heino Ferch? Wird ohne größere Mühe durchgeschleppt und richtet keinen nennenswerten Schaden an (jedenfalls beim Zuschauer nicht, bei seinen Patienten natürlich schon ).
Sehr schöne Rollen dagegen auch für Michelsen und Ochsenknecht. Und, last-not-least, die drei Protagonisten-Mädels machen ihre Sache wirklich gut. Glaubwürdig, lebendig und so erfrischend abwechslungsreich, dass man sie manchmal kaum für Schwestern halten mag...
Nicht vergessen: Kost´ ja nix. Und Klischees gehören dazu, wenn nicht hier, wo dann? Und nicht nur deshalb insgesamt

Jan Offline




Beiträge: 1.330

26.03.2016 19:14
#5 RE: Ku'damm 56 Zitat · antworten

Insgesamt kann ich mich nach allen drei Teilen auch (knapp) zu einer Empfehlung durchringen, wenngleich der dritte Teil m.E. wieder etwas nachließ. Die opulente Ausstattung wurde ja bereits mehrfach genannt. Für mich ist sie der Pluspunkt des Films. Die Bauten sind ebenso wie die Masken und Kostüme sehr bemerkenswert. Hinzu gesellen sich die tollen Computeranimationen (keine Ahnung, wie hier der Fachausdruck ist), von denen ich mir durchaus mehr gewünscht hätte.

Inhaltlich kommt das Ganze indes nicht über eine handelsübliche Seifenoper hinaus. Im Wesentlichen kranken die parallel erzählten Handlungsstränge daran, dass sie a) einigermaßen banal und platt sind und b) in nur einem einzigen Jahr ablaufen. Eine derartige Ballung an Unmöglichkeiten und Absonderlichkeiten, verdichtet auf einen überschaubaren Personenkreis, kennt man ansonsten eher aus RTL-Produktionen, die sich allvorabendlich in Endlossschleife wiederholen. Die Regie vermochte es zudem nicht, nennenswerte Akzente zu setzen, die das Geschehen über die genannten RTL-Niveau erheben könnten. Außer dem bereits genannten Schnittmassaker blieb da bei mir nichts Wesentliches hängen. Und das ist eigentlich schade, fand doch Kameramann Michael Schreitel einige wirklich schöne Bilder. Leider hatte der Cutter kein Erbarmen, und so hatte der Zuschauer kaum die Chance, diese für mehr als zwei Sekunden wahrzunehmen.

Meinen Frieden gemacht habe ich indes mit den Darstellern. Empfand ich Claudia Michelsen im ersten Teil noch als böse Chargin, so wandelte sich ihr Auftreten zunhemend und beständig in das einer guten Chargin. Ihr Overacting passte schlussendlich ins Bild. Ähnlich sehe ich es bei den übrigen Hauptakteurinnen und vor allem auch bei Darsteller Sabin Tambrea, den ich indes für einen engen Verwandten Matthieu Carrieres gehalten hätte, sofern ich eben nicht nachgesehen hätte, dass er es nicht ist.

Fazit: Die faszinierende Ausstattung und die z.T. schönen Kameraeinstellungen mit angenehm wenig verwackelter TV-Optik hätten ebenso wie die Darsteller ein engagierteres Buch und eine kreativere Regie verdient gehabt. Der Dreiteiler ist alles in allem keine vergeudete Lebenszeit, aber ganz sicher ist er auch kein Meisterwerk.

Gruß
Jan

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