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Dieses Thema hat 1 Antworten
und wurde 303 mal aufgerufen
 Film- und Fernsehklassiker national
Prisma Offline




Beiträge: 7.549

12.10.2015 14:18
Tätowierung (1967) Zitat · Antworten



TÄTOWIERUNG

● TÄTOWIERUNG (D|1967)
mit Helga Anders, Christof Wackernagel, Alexander May, Tilo von Berlepsch, Heinz Meier, Heinz Schubert und Rosemarie Fendel
ein Houwer-Film | im Eckelkamp Verleih
ein Film von Johannes Schaaf





»Jugend muss sich austoben können!«


Das Fabrikantenehepaar Lohmann (Alexander May und Rosemarie Fendel) adoptieren den sechzehnjährigen Benno (Christof Wackernagel), der bislang in einem Heim untergebracht war. Trotz bester gesellschaftlicher Voraussetzungen in der gut situierten Familie, beginnt für Benno eine sehr schwere Zeit, da er das rücksichtsvolle Zusammensein nicht gewöhnt, und ihm die Nachgiebigkeit seines Adoptivvaters zuwider ist. Schnell beginnt für den Jungen eine Art Resozialisierung, indem er in Ausbildungen gesteckt wird und mit Herrn Lohmann seinen wohl größten Lehrer gefunden zu haben scheint. Auch wenn Benno es im Heim eigentlich schwerer hatte, da ihm von seinen Kameraden schwer zugesetzt wurde, fühlte er sich doch sicher in diesem Rahmen, da er für ihn berechenbar war. Schnell wendet er sich von den Lohmanns ab und fühlt sich zu deren Adoptivtochter Gaby (Helga Anders) hingezogen. Allerdings ist er auf ihre perfiden Spielchen nicht gefasst, so dass alle Rahmenbedingungen schließlich zu einer Katastrophe führen werden...

Bereits seit Jahren brachte das Eckelkamp-Verleihprogramm »Filme für den anspruchsvollen Besucher« in die Kinos und Johannes Schaafs Beitrag befindet sich hierbei natürlich in guter Gesellschaft. Die Strategie, beziehungsweise die Mechanik der Inszenierungen des Stuttgarter Regisseurs kann sowohl mit Vorbehalt, als auch mit großer Vorfreude erwartet werden, weiß man doch genau, was man auf gar keinen, und auf jeden Fall geboten bekommen wird. Innerhalb dieser Gewissheiten bleibt die Regie erwartungsgemäß stilgetreu, bei der eingeschlagenen Marschrichtung jedoch ein Stück weit unberechenbar. Schaaf erzählt eine Geschichte, die mit einem Zielfernrohr bestehende Normen der Gesellschaft anvisiert, seine Protagonisten bedienen dabei sowohl Schablonen, als auch Vandalen, die sich gegen jegliche Konventionen auflehnen. Doch 1967 war man bereits in einer Zeit angekommen, in der sich die Zeitebenen und vor allem die Bewertungskriterien längst am vermischen waren. Was normal ist und was nicht, wurde zwar noch gerne von der Masse diktiert, allerdings war sie als Ganzes schon längst nicht mehr befähigt dazu. Der Einstieg in die Geschichte ist genau wie der weitere Verlauf beinahe schleppend, es macht sich ein bitterer Beigeschmack breit doch man kann nicht benennen, wo er eigentlich herkommt. Sind es die beteiligten Personen die dazu beitragen, weil sie auf Hochtouren daran arbeiten, den Zuschauer zu verwirren, anzuziehen, abzustoßen, zu belehren, alleine zu lassen oder zu packen? Die Gewissheit, dass ein Paukenschlag in der Luft liegen muss, fördert die Aufmerksamkeit und begünstigt den unscheinbaren Erzählfluss, die exzellenten darstellerischen Leistungen tragen ihren Teil dazu bei, die intelligente Konstruktion aufzubauen, zusammenzuhalten und im Sinne der im Film allgegenwärtigen Mosaiksteinchen in Stücke zerfallen zu lassen. In diesem Zusammenhang zeigt sich vor allem die Kamera daran interessiert, eine zumindest optische Struktur zu kreieren, indem sie sich einer beeindruckenden Symmetrie bedient. Natürlich sieht es im praktischen und übertragenen Sinne komplett anders aus, da die Geschichte viele konträr wirkende Zutaten in Wort und Tat aufweist. Benno wird adoptiert, quasi befreit, und alles soll gut werden, weil es gut werden muss. Der Weg dort hin wird mit seichtem Verständnis, verkappter Milde und Laissez-Faire zementiert. Wer könnte also auf den Gedanken kommen, dass sich der Junge, der doch eigentlich dankbar sein muss, aus dieser engen und vor allem unbekannten Zwangsjacke befreien möchte.

Der Film an sich spielt also diskret mit den Grenzen der Vorstellungskraft, indem er sich an die Gesetzmäßigkeiten der Gesellschaft hält. Christof Wackernagel verleiht dem Protagonisten Benno ein nahezu schmerzhaft präzises Gesicht, seine scheinbare Ziellosigkeit könnte fast mit Einfalt verwechselt werden. Doch kann man jemanden als ziellos bezeichnen, der zwar nicht genau weiß, was er will, dafür aber genau benennen könnte, was er absolut nicht will? Wackernagel liefert eine sehr greifbare und überzeugende Leistung ab, die aufgrund seines jungen Alters umso beeindruckender wirkt. Der permanente Showdown des Films schleicht in Form von Helga Anders als Gaby umher, genau wie eine Katze, die ihre Beute aufspüren will, um sie vergnüglich kaputtzuspielen. Das A und Ω hierbei ist Helga Anders' unverwechselbare Körpersprache, die ihre gesamte Karriere noch diktieren sollte. In "Tätowierung" kann man sich daher keine andere Darstellerin vorstellen, die Weg und Ziel so unmissverständlich in Perfektion und Präzision glaubhafter hätte vermitteln können. In den Kreis der besonderen Darbietungen reihen sich Alexander May als treffsicherer Provokateur eines Fiaskos, und Rosemarie Fendel als duldende Zuschauerin einer unerträglichen Situation ein, die beide eine gefährliche Ruhe kolportieren, die zum Himmel schreit. Ab einem gewissen Zeitpunkt kommt es zu einer kompletten Wende und der Film zeigt sich von seiner trügerischen Sonnenseite. Gabys Sekundär-Beute hat kapituliert, die sich angestauten Emotionen und Triebe aller Beteiligten finden ihr Ventil, auch fernab von der auffordernden, jungen Dame. Alle sind glücklich, zufrieden und jung wie tatsächlich oder einst. Was ist geschehen fragt man sich, ist es letztlich denn wirklich so einfach wie man hier sieht? Der allgegenwärtige Irrglaube, dass man ein Gefühl wiederholen oder es gar fabrizieren könnte, zerfällt schneller in Stücke, als man diesen Eindruck überhaupt gewinnen konnte. Schnellstmöglich machen gute alte Bekannte wie beispielsweise Illusionen der zerplatzten Art wieder an Boden der Tatsachen gut und der Film spart sich ganz im Sinne seiner Intention ein vorgefertigtes Fazit auf, so dass es die vornehmste Aufgabe des Zuschauers bleiben wird, eine weitreichende Prognose zu formen, die Johannes Schaaf hervorragend ebnen konnte. "Tätowierung" bleibt in seiner bewussten, nüchternen, oder sogar unscheinbaren Herangehensweise überaus beeindruckend und bei genauerer Überlegung viel bewegender, als der erste Blick vielleicht hergeben möchte. Ein wirklich sehenswertes Stück deutscher Filmkunst, das seinerzeit mit dem Prädikat »besonders wertvoll« ausgezeichnet wurde.

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.586

02.09.2018 15:16
#2 RE: Tätowierung (1967) Zitat · Antworten

BEWERTET: "Tätowierung" (Deutschland 1967)
mit: Helga Anders, Christof Wackernagel, Alexander May, Rosemarie Fendel, Tilo von Berlepsch, Heinz Schubert, Heinz Meier, Wolfgang Schnell u.a. | Drehbuch: Johannes Schaaf und Günter Herburger | Regie: Johannes Schaaf

Der sechzehnjährige Benno wird vom Ehepaar Lohmann adoptiert. Nachdem er zuvor im Waisenhaus und dann im Jugendhof untergebracht war, ändert sich sein Leben grundlegend. Er soll eine Ausbildung als Koch absolvieren und Herr Lohmann will ihn für Geschichte und Kunst begeistern. Benno findet sich in seinem neuen Umfeld schlecht zurecht, weil er so viel Aufmerksamkeit und Fürsorge nicht gewöhnt ist. Einzig Lohmanns Adoptivtochter Gaby weckt durch ihr unkonventionelles Verhalten sein Interesse. Eines Tages kehrt er in den Jugendhof zurück und holt dort aus einem Versteck die Waffe, die er damals an sich genommen hatte....



Johannes Schaaf, der seit Anfang der Sechziger Jahre Fernsehspiele leitete, debütierte mit "Tätowierung" als Filmregisseur. Sein markantes Äußeres zeigte er dem breiten Publikum in zwei Auftritten innerhalb der Serie "Der Kommissar", wo er auch ein weiteres Mal Regie führte. Die internationale Aufmerksamkeit für "Tätowierung" äußerte sich u.a. auch bei den Festspieltagen in Venedig, wo der Film in den ersten Septembertagen des Jahres 1967 großes Gesprächsthema war. Im Jahr darauf gewann er den Deutschen Filmpreis. Die Besetzung umfasst einen kleinen Kreis, der im Prinzip aus vier Personen besteht, welche den Mikrokosmos einer Familie entwerfen, die dem Durchschnitt entsprechen will, deren Bestandteile jedoch wie die allgegenwärtigen Mosaike in Lohmanns Werkstatt zufällig zusammengesetzt worden sind, unabhängig davon, ob sie zueinander passen. Die Motive des Ehepaars für die Adoption der beiden Jugendlichen - wobei das Mädchen schon länger in der Familie lebt - werden nicht angesprochen. Vermutlich liegen philanthropische Gründe vor; das Bedürfnis, den erreichten Wohlstand mit jemandem zu teilen bzw. den Wissensschatz weiterzugeben. Herr Lohmann sieht sich als Vermittler eines positiven Weltbildes. Er übt sich in Toleranz, Nachsicht und Gelassenheit und möchte den jungen Benno bilden, damit er das Rüstzeug für ein geordnetes Leben erhält. Selbstzufrieden ist er der Ansicht, dass er den goldenen Mittelweg zwischen Autorität und Laissez-Faire gefunden hat. Seine Frau unterstützt ihn dadurch, dass sie ihn gewähren lässt und nickt sein Handeln lächelnd ab. Die beiden sind sich offensichtlich in allen Dingen einig und davon überzeugt, dass eine Strukturierung des Lebens allen Problemen vorbeugt.

Temporeich hetzt der Film Benno durch die Credits, eine Meute halbwüchsiger Jungen hinter ihm her. Die Bedrohung scheint eine Herausforderung für ihn zu sein, ein Kräftemessen "Einer gegen alle - Alle gegen einen". Den Abschied vom Jugendhof nimmt er gleichmütig entgegen, man sieht ihm weder Bedauern, noch Freude an. In seinem neuen Zuhause wird er buchstäblich in die Ecke gedrängt zwischen die Familienporträts aus der Vergangenheit, welche die Wände schmücken - neben etlichen Kunstwerken, denn Familie Lohmann legt großen Wert auf gutbürgerliche Tradition. Bennos Gedanken und Gefühle lassen sich selten erraten, er teilt sich auch auf Aufforderung nicht mit und scheint kein eigentliches Ziel vor Augen zu haben. Es macht ihm Freude, Mauern zu überwinden und Mauern - vor allem die Berliner Mauer - sind wichtige Symbole dieser Produktion. Zweimal klettert Benno über die Eingrenzung des Jugendhofs und löst durch einen Rechen die Leuchtraketen an der Befestigungsanlage der Grenze aus, die gleich neben dem Familienansitz verläuft. Er tut immer das Gegenteil von dem, was von ihm erwartet wird, doch seine Flucht ist ziellos, weil er keinen Plan hat. Ausweglosigkeit und ein Mangel an Perspektiven prägten bisher sein Weltbild. Im Jugendhof wurde zwar die Theorie der gesellschaftlichen Grundsätze vermittelt, vom Lehrkörper jedoch nicht praktiziert. Verhängnisvoll wird für Benno die Anwesenheit der jungen Gaby, von der er nicht recht weiß, was er von ihrem Verhalten denken soll. Einerseits sucht sie seine Gesellschaft, andererseits geht sie ihre eigenen Wege und hat ebenso wie er kein festes Ziel vor Augen. Die Frage, was passieren wird, wenn die beiden sich gegenseitig beeinflussen, treibt die Handlung beunruhigend voran.

Christof Wackernagel ist dem heutigen Publikum vor allem durch seine Mitwirkung auf der "zweiten Ebene" im Kreis um die RAF-Terroristen Peter-Jürgen Boock und Stefan Wisniewski und seiner angeblichen Beteiligung an der Entführung und späteren Tötung von Hanns Martin Schleyer bekannt. Nach seinem Erfolg mit "Tätowierung" konnte er beim Film nicht richtig Fuß fassen; dem Krimifreund ist er aus "Der Kommissar - Dr. Meinhardts trauriges Ende" geläufig. Dabei beginnt die Karriere des jungen Wackernagel mit der preisgekrönten Produktion und seinem authentischen Spiel recht vielversprechend. Sein Benno ist ein Junge, der die Sympathie des Zuschauers schnell gewinnt, obwohl er streckenweise undurchschaubar bleibt. Mimik und Gestik überraschen immer wieder, wenn er plötzlich ein kindliches Lächeln zeigt oder sich nach einer Enttäuschung davonschleicht. Helga Anders, welche von der italienischen "La Stampa" bei den Filmfestspielen in Venedig als "ein nicht zu verachtendes Bardotchen made in Germany" gefeiert wird - ein Image, das ihr mit den Jahren zunehmend auf die Nerven ging - sieht in Benno einen Gefährten, der das gleiche Schicksal teilt. Aufgenommen bei einem fremden Ehepaar, Freiheiten und Ruhe genießend, aber dennoch auf der Suche nach dem eigenen Stand. Gaby hat sich viel besser damit arrangiert als Benno, sie erhält regelmäßig Geld für ihr nicht übermäßig forderndes Mitwirken in der Werkstatt und weiß, wie sie die Erwachsenen nehmen muss. Sie zeigt sich passiv, aber nur solange bis sie eine Chance wittert, ihren Vorteil zu erreichen. Helga Anders dominiert mit ihrem präzisen und dabei fast beiläufigen Spiel die häusliche Szene, wobei man gespannt ist, welchen Schritt sie als nächstes tut. Unberechenbar, launisch und dann wieder ausgelassen fröhlich zieht sie die Blicke auf sich, während sie scheinbar nichts Besonderes tut. Hingabe und Anhänglichkeit langweilen sie schnell und lassen sie auf dem Absatz kehrtmachen. Die Katastrophe kann kommen.

Unaufdringlich, fast poetisch setzt Johannes Schaaf sein Jugenddrama in Szene, wobei er auf die überzeugenden Leistungen von Wackernagel, Anders und May bauen kann. Assoziationen der inneren Situation der Figuren mit der zeitgeschichtlichen, deren Symbol die Berliner Mauer ist, bleiben nicht aus. Bedeutungsschwere und Leichtigkeit wechseln sich elegant ab, das abrupte Ende überrascht und entspricht dem Bruch mit den Konventionen. 4,5 von 5 Punkten

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