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Dieses Thema hat 288 Antworten
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 Film- und Fernsehklassiker international
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Berthold Deutschmann Offline




Beiträge: 179

30.01.2016 09:00
#166 RE: Rupert Davies als "Kommissar Maigret" (auf DVD!) Zitat · Antworten

In meinem antiquarischen Stapel von Fernsehzeitschriften ("HÖR ZU") habe ich vor kurzem nach etwas Bestimmtem gesucht und nur größtenteils gefunden, leider nicht ganz. In dem Stapel fehlen nämlich einige Hefte, die schon vor Jahren aussortiert worden waren. Nebenbei bin ich zu Maigret Rupert Davies fündig geworden, was TV-Ausstrahlungen in der damaligen DDR anbelangt. Auch diese Liste ist sicher nicht vollständig, aber immerhin ein Auszug der Sendeliste Ost:

Do., 29. Mai 1969, Deutscher Fernsehfunk Ost, 1. Progr., 20.00 - 20.50 h, Kommissar Maigret. Kriminalserie mit Rupert Davies. Heute: Maigret und Inspektor Lognons Triumph
Do., 12. Jun 1969, Deutscher Fernsehfunk Ost, 1. Progr., 20.00 - 20.50 h, Kommissar Maigret. Kriminalserie mit Rupert Davies. Heute: Maigret und der faule Dieb
Do., 26. Jun 1969, Deutscher Fernsehfunk Ost, 1. Progr., 20.00 - 20.55 h, Kommissar Maigret. Kriminalserie mit Rupert Davies. Heute: Hier irrt Maigret
Do., 11. Dez 1969, Deutscher Fernsehfunk Ost, 1. Progr., 20.00 - 20.50 h, Kommissar Maigret. Kriminalserie mit Rupert Davies. Heute: Maigret und der Weihnachtsmann
Do., 19. Feb 1970, Deutscher Fernsehfunk Ost, 1. Progr., 20.00 - 20.50 h, Kommissar Maigret. Kriminalserie mit Rupert Davies. Heute: Maigret und sein Revolver
Do., 02. Juli 1970, Deutscher Fernsehfunk Ost, 1. Progr., 20.00 - 20.50 h, Kommissar Maigret. Kriminalserie mit Rupert Davies. Heute: Maigret stellt eine Falle

Cora Ann Milton Offline



Beiträge: 5.110

30.01.2016 23:25
#167 RE: Rupert Davies als "Kommissar Maigret" (auf DVD!) Zitat · Antworten








“Maigret und die Kanalratten”
(“The Golden Fleece”)


Darsteller: Rupert Davies (Kommissar Jules Maigret), Ewen Solon (Lucas), Francis de Wolff (Émile Ducrau ), Al Mulock (Gassin), Jan Kenny (Aline), Hilda Fenemore (Madame Ducrau), Clive Marshall (Jean Ducrau), Michael Brennan (Marius Leclercq), Dallas Cavell (Jean-Pierre Bargee), Julian Sherrier (Bébert), Brian Hankins (René Decharme),Louise Purnell (Berthe Decharme), Magda Miller (Mathilde)

Regie: Rudolph Cartier

Drehbuch: Giles Cooper

Literarische Vorlage: “L’Écluse N° 1" (“Maigret in Nöten”) von Georges Simenon


Der folgende Beitrag enthält Spoiler.

“Sag ihnen, die Leiche wär’ nach Hause gegangen."
(Émile Ducrau )

“Wir alten Kanalratten halten zusammen.”
(Émile Ducrau )

“Die Marne, dann der Aisne-Kanal, durch Belgien, Holland nach Deutschland, der Dortmund-Ems-Kanal. Der Rhein, der Main, die Donau. So ein Kahn könnte ohne weiteres nach Russland fahren.”
(Maigret)
“Aber er braucht Zeit.”
(Lucas)
“Zeit muss man haben. Ein ruhiges Leben auf so einem Schleppkahn. Man schaukelt gemülich durch die flache Landschaft, vorüber an Pappelreihen, an ein paar Häusern, durch eine Schleuse, dann eine Stadt und wieder weites Land. Ducrau und Gassin müssen damit angefangen haben, als die Kähne noch von Gäulen gezogen wurden. Und nun fährt das “Goldene Vlies” durch die Kanäle. Mit einem alten Trinker an Bord, einem armen, kleinen Mädchen und einem Wickelkind.”
(Maigret)

“Du gehst jetzt am besten nach Hause.”
(Maigret)
“Gut. Und Sie?”
(Lucas)
“Ich geh noch runter zum Schleppkahn, einen trinken.”
(Maigret)

“Er ist nicht mehr gefährlich. Genauso wie die Dynamitpatrone. Ohne Zündschnur. Leblos. Tot. Kalt. Erledigt.”
(Maigret)


Als der Seemann Gassin volltrunken in Charenton-le-Pont in der Nähe der Schleuse Nr.1 ausrutscht und in den Kanal fällt, ergreift ihn eine gespenstisch aus dem Wasser auftauchende Hand und klammert sich an ihm fest. Mühsam rettet sich Gassin an Land und mit ihm der Reeder Émile Ducrau. Zunächst halten die Schiffer ihren Patron für tot, doch ist dieser weder ertrunken noch seiner von einer Stichverletzung herrührenden Wunde erlegen.

Kommissar Maigret reist ins Pariser Umland, um zu ermitteln, wer den Mordversuch an dem wohlhabenden Reeder begangen hat. Ducrau ist Eigner mehrerer Schleppkähne, Baggerschiffe und Steinbrüche. Er gebietet über sein Imperium mit despotischer Strenge. Die gesamte Familie leidet unter dem scheinbar jovialen doch tyrannischen Mann. Seine verhärmte Ehefrau wagt ebenso wenig wie sein introvertierter Sohn Jean in Ducraus Gegenwart auch nur einige Wort zu äußern. Seine Tochter Berthe und ihr Gatte, Hauptmann René Decharme, sind lediglich in finanzieller Hinsicht an ihm interessiert. Allen von ihnen begegnet Ducrau mit offener Geringschätzung. Einzig für den Kommissar vom Quai des Orfèvres empfindet Ducrau so etwas wie Respekt und will ihn allen Ernstes für eine beträchtliche Summe aus dessen eher niedrig besoldeter Tätigkeit - lediglich etwa 1500 Franc verdient Maigret angeblich im Monat - in seine Dienste übernehmen.

Trotzdem der Schiffseigner alles andere als ansehnlich ist und seine physische Grobschlächtigkeit mit einem absoluten Mangel an Einfühlungsvermögen einhergeht, rühmt sich Ducrau seines Erfolges als notorischer Schürzenjäger und dies, obwohl er offen zugibt, Frauen im Grunde seines Wesens zu verachten. Bezeichnenderweise hat er seine Gattin nur geheiratet, um die Firma ihres Vaters übernehmen zu können und erwartet vom Rest der Damenwelt lediglich die Befriedigung seiner physischen Bedürfnisse. Auch Gassins Tochter Aline, ein schüchternes junges Mädchen, scheint vor Ducraus unerwünschten Avancen nicht sicher gewesen zu sein. Die Vaterschaft ihres Babys bleibt ein Geheimnis.

Während Kommissar Maigret in das Milieu der Schiffer eintaucht, ereignet sich eine Tragödie. Ducraus Sohn Jean hat sich am Fensterkreuz seines Zimmers erhängt. In einem Abschiedsbrief bezichtigt er sich, den Überfall auf seinen Vater verübt zu haben. Maigret glaubt keinen Moment an die Richtigkeit dieser Behauptung. Kurz darauf findet man die Leiche des Lokführers Bébert mit einem Seil stranguliert im Schleusenbecken ...

Anmerkungen:

Zitat
“Auch an diesem Frühlingsmorgen lag etwas Heiteres in der Pariser Luft. Manche Dinge, manche Menschen, die Milchflaschen vor den Türen, die Milchhändlerin in weißer Schürze hinter der Theke, der Lastwagen, der auf dem Rückweg von den Markthallen seine letzten Kohlblätter verstreute, waren sozusagen Symbole des Friedens und der Lebensfreude.”

“Autos fuhren vorüber, Lastwagen, Straßenbahnen, aber Maigret wusste jetzt, dass das ohne Bedeutung war. All diese Fahrzeuge wirkten wie Fremdköper in dieser Landschaft. Man fuhr hier durch, um an die Ufer der Marne zu gelangen, aber worauf es ankam, waren die Schleuse, die Pfeifen der Schlepper, die Schrotmühle, die Kähne und die Kräne, die beiden Schifferkneipen und vor allem das hohe Haus, in dem man in einem Fenster Durcaus roten Sessel sah.”

“Maigret stellte sich etwas abseits, während sie ein paar Worte wechselten und er sah dabei unaufhörlich das Bild einer Aline vor sich, die unwirklicher war denn je. Schon vorhin hatte er sich ausgemalt, wie das “Goldene Vlies” durch leuchtende Kanäle glitt, mit dem blonden Mädchen am Steuer, dem Alten hinter seinen Pferden hergehend oder und dem in einer Hängematte auf Deck oder gar auf dem heißen, nach Harz riechenden Boden liegenden jungen Mann, der sich überarbeitet hatte und sich nun hier erholen wollte.”

“Schon längst hatte Maigret das burleske Drama begriffen, das Ducraus Leben vergiftete. Er war aus dem Nichts aufgestiegen. Er schaufelte das Geld, er machte Geschäfte mit Großbürgern, in deren Leben er Einblick bekam, aber die Seinen kamen nicht mit ihm mit.”

(Georges Simenon: “Maigret in Nöten”)


Erneut nach “Maigret und der geheimnisvolle Kapitän” verschlägt es Kommissar Maigret in das Milieu der Seeleute. Sein Besuch bei den “Kanalratten” verläuft zwar weniger schmerzhaft für ihn als sein Aufenthalt in Honfleur, doch dafür nicht angenehmer, denn auch hier bekommt er es wieder mit einem Familiendrama besonderer Art zu tun.

Dass wie üblich die Drehbuchautoren der BBC sich einige Freiheiten in Bezug auf Georges Simenons Romane gestatten, daran ist der Zuschauer gewohnt, aber in “Maigret in Nöten” - warum sich der Kommissar in diesen befindet, wird allerdings nicht so recht deutlich - dem Autor selbst zwei massive Schnitzer unerlaufen: Maigrets Adresse wird als Boulevard Edgar-Quinet angegeben, obwohl er und seine Frau etwa dreißig Jahre lang am Boulevard Richard-Lenoir 132 beheimatet sind, ehe sie in Meung-sur-Loire ihren Alterswohnsitz nehmen. Außerdem gibt Simenon in einem Vertragsentwurf von Ducrau Maigrets Vornamen lediglich mit Joseph an. Analog zu “Maigrets erste Untersuchung” lauten in der nächsten Episode “Maigret vor dem Schwurgericht” seine Vornamen Jules Amédée François Maigret, während im Roman “Maigret und sein Revolver” die Anfangsbuchstaben seiner Vornamen Jules-Joseph Anthelme in die titelgebende Schusswaffe eingraviert sind. Bei 75 Romanen und 28 Erzählungen sind dem geistigen Vater von Maigret diese Irrtümer allerdings nachzusehen.

Giles Coopers Änderungen an der literarischen Vorlage sind verschiedener Art. Dass im Roman der Kommissar um seine vorzeitige Versetzung in den Ruhestand nachgesucht hat - ein Gedanke, der dem filmischen Maigret glücklicherweise nicht gekommen ist - wird ebenso ausgeblendet wie die Vorbereitungen zum Umzug in die Loire, die seine Frau organisiert, die in der Fernsehversion nicht in Erscheinung tritt. Darüber hinaus macht Cooper aus der psychisch behinderten Aline lediglich eine schüchterne junge Frau. Maigrets sanfte, um Verständnis werbende Befragung von Aline ist hingegen in hervorragender Übereinstimmung zu Simenons Roman gefilmt worden. Den Schluss der Episode hat Giles Cooper zur Spannungssteigerung verändert und den Suizid eines der Hauptbeteiligten eliminiert. Verzichtet wurde ebenso auf den Besuch von Kommissar Maigret im Landhaus von Émile Ducrau in Samois.

Das Grundproblem von Roman und Film besteht in der Hauptfigur. So sehr sich der Autor Georges Simenon und der Hauptdarsteller Francis de Wolff (1913 - 1984) Mühe geben, Émile Ducrau als zwar ungehobelten, doch im Grunde sympathischen Draufgänger zu porträtieren, so wenig Zuneigung fassen sowohl Leser als auch Zuschauer zu ihm. Eine Abneigung, die Kommissar Maigret nicht zu teilen scheint. Seine stille Schadenfreude an der Demütigung von Ducraus Tochter und Schwiegersohn - mögen die Beiden auch noch so geldgierig und unsympathisch sein - durch den Reeder sowie sein freundlicher bis verständnisvoller Umgang mit dem ihm von der Statur her nicht ganz unähnlichen Mann wirken eher befremdlich, da Ducraus völlige Unfähigkeit zur Empathie unter anderem ursächlich zum Selbstmord seines Sohnes geführt hat - ein Fakt, den der Kommissar immerhin gegenüber dem Reeder zur Sprache bringt. Ähnlich wie dem Fleischgroßhändler Ferdinand Fumal in “Maigret trifft einen Schulfreund” ist dem Schiffseigner Émile Ducrau der soziale Aufstieg nicht bekommen, weil sich seine bereits angelegten negativen Charaktereigenschaften durch seine neu gewonnene finanzielle Macht noch weiter entfalten konnten.

Auffallend an dieser Folge ist das Fehlen jeglichen Anflugs von Humor, vermutlich weil der treue Lucas dieses Mal nur eine sehr marginale Rolle spielt.

Als sehr gelungen darf erneut die Milieuschilderung bezeichnet werden. Das Treiben rund um die Schleuse Nummer 1 ist adäquat zum Roman in stimmungsvollen Bildern eingefangen worden, wobei die Tatsache, dass sich Kommissar Maigret während seiner Ermittlungen dieses Mal häufig außerhalb seines Büros am Quai des Orfèvres aufhält, das Geschehen um zahlreiche Außenaufnahmen bereichert.

Maigret èn peril - Maigret in Gefahr



Kommissar Maigrets Ermittlungen in "Maigret und der geheimnisvolle Kapitän" bergen einige Risiken



Inspektor Lapointe wird in Ausübung seiner Pflicht angeschossen - Inspektor Lucas hat seine Verwundung bereits verschmerzt



"Maigret und der Verrückte" - eine unheilvolle Begegnung mit schmerzhaften Nebenwirkungen



Gezeichnet vom Kampf auf Leben und Tod: "Maigret und der Verrückte" und "Maigret und die schrecklichen Kinder"

Zitat
“Maigret hat einen Fluch ausgestoßen. Tränen steigen ihm in die Augen, nicht weil er Schmerzen hat sondern weil er verblüfft und wütend ist. Das alles ist so schnell gegangen, und er befindet sich in einer so kläglichen Lage. Er lässt seinen Revolver fallen, bückt sich, um ihn wieder aufzuheben und schneidet ein Gesicht, weil seine Schulter weh tut. Genauer gesagt, es ist etwas anderes: das Gefühl, dass Blut herausströmt, dass bei jedem Schlag seines Herzens die warme Flüssigkeit aus der verletzten Ader spritzt. Seine Schläfen sind feucht. Seine Kehle ist wie zugeschnürt. Und seine Hand, die nach der Schulter tastet, klebt, wie er es erwartet hat, von Blut. Er presst die Wunde zusammen, sucht nach der Ader, um zu verhindern, dass noch mehr Blut herausfließt.”

(Georges Simenon: “Maigret und der Verrückte”)

“Ich habe auch oft Angst um dich.”

(Madame Maigret zu ihrem Gatten in “Maigret und die Adeligen”)


Kommissar Jules Maigret ist unbestreitbar von robuster Statur, und die hat er bei seiner nicht ungefährlichen Tätigkeit auch bitter nötig. So sehr er den Aufenthalt in diversen Bars und Bistros bei einem Glas Calvados oder einem anderen alkoholischen Getränk genießt, sein Dienst ist oft auch mit erheblichen Risiken verbunden, seien es ein Feuergefecht mit einem Gangster wie “Polen-Paul” in “Inspektor Lognons Triumph” oder handfeste Auseinandersetzungen verschiedener Art wie zum Beispiel in “Maigret und die Tänzerin Arlette”, in “Maigret und die Gangster” sowie in “Maigret vor dem Schwurgericht”. Der bisherige Höhepunkt in dieser Hinsicht dürfte der Kampf auf Leben und Tod sein, den er sich mit dem Täter in “Maigret und die schrecklichen Kinder” liefert.

Mehrfach wurden Attentate auf sein Leben unternommen etwa in “Maigret und die Gangster” sowie in “Maigret unter den Anarchisten”. In “Maigret und der geheimnisvolle Kapitän” wird er niedergeschlagen, gefesselt und geknebelt, und in “Maigret und der Verrückte” erleidet er eine gefährliche Schussverletzung, die ihn für den Rest der Episode ans Krankenbett fesselt.

Doch auch Maigrets Mitarbeiter bleiben nicht verschont. Der unverwüstliche Lucas findet sich nach einer Schussverletzung am Ohr in “Maigret und der tote Herr Gallet” mit einem an einen Turban gemahnenden Kopfverband unverdrossen wieder zum Dienst ein, und auch die Verwundung, die der junge Lapointe in “Maigret als möblierter Herr” im Dienst erleidet, stellt sich glücklicherweise als nicht lebensbedrohlich heraus.

Allen Gefahren zum Trotz wird Kommissar Maigret auch in der dritten Staffel seine Ermittlungstätigkeit in gewohnter und dem Zuschauer lieb gewonnener Weise wieder aufnehmen:

Berthold Deutschmann Offline




Beiträge: 179

02.02.2016 09:29
#168 RE: Rupert Davies als "Kommissar Maigret" (auf DVD!) Zitat · Antworten

Wer Käpt'n Ducrau in "Maigret und die Kanalratten" (The Golden Fleece) mit FRANCIS DE WOLFF treffend besetzt fand, kann ihn nochmal als raubeinigen Käpt'n sehen in "Simon Templar und der tote Kapitän" (The Best Laid Schemes), hier sogar in Farbe. Die Rolle und ihr Darsteller sind sozusagen serienübergreifend (von einigen Nuancen mal abgesehen). Warum hätte man auch bei der zweiten Besetzung einen anderen Schauspieler nehmen sollen, wo er sich doch bereits in dieser Rolle etabliert hatte? Als weiteres solches Beispiel ist MICHAEL GOODLIFFE zu nennen: Sowohl in "Maigret als Zuschauer" (Maigret's Little Joke), als auch in "Der Mann mit dem Koffer: Geld für ein Leben" (Man In A Suitcase: All That Glitters) spielt er einen Ehemann, der von seiner Frau finanziell abhängig ist (ansonsten ist die Rolle natürlich schon auch anders, aber vergleichbar). Vielleicht liegt diese Sukzessivbesetzung auch daran, dass es selbst in Great Britain anscheinend nur ein Dutzend Schauspieler gab, jedenfalls ist das manchmal mein Eindruck.

Die Maigret-Musik (Titel- und Begleitmusik) von Ernie Quelle wird vor allem in Deutschland immer wieder gelobt. Sicherlich zu recht. Die Original-Maigret-Musik von Ron Grainer ist meines Erachtens jedoch ebenbürtig. Für "Maigret" hat Grainer neben der Titelmusik ein ganzes Dutzend Begleitstücke geschaffen, unter dem folgenden Link kann man da mal reinhören ("The Golden Fleece" ist die Nr. 6):
http://images.google.de/imgres?imgurl=ht...eOhByIQ9QEIHjAA

Cora Ann ein herzliches Dankeschön dafür, dass sie sich ausgiebig mit den "Kanalratten" und dem Thema "Maigret in Gefahr" auseinandergesetzt hat und dabei selber nicht untergegangen ist. Was wäre die Neuauflage der Maigret-Serie ohne die scharfsinnigen Kommentare und sehr gut ausgewählten und so zahlreichen Screencaps von Cora Ann? Ich glaube, diese DVD-Reihe wäre inzwischen längst eingestellt.

Lord Peter Offline




Beiträge: 608

04.02.2016 18:19
#169 RE: Rupert Davies als "Kommissar Maigret" (auf DVD!) Zitat · Antworten

Vol. 4 erscheint am 22. April:

http://www.pidax-film.de/Serien-Klassike...fps7qa8d1fgapn3

Leider wird es ab hier einige Lücken in der Chronologie geben...

Berthold Deutschmann Offline




Beiträge: 179

04.02.2016 23:02
#170 RE: Rupert Davies als "Kommissar Maigret" (auf DVD!) Zitat · Antworten

Übersicht Maigret Volume 4:

1. Maigret und das Geheimnis im Schloß (The Countess)
2. Maigret und die Groschenschenke (The Wedding Guest)
-------- Maigret und der Minister (High Politics)
3. Maigret hilft einem Dienstmädchen (Love From Felicie)
4. Maigret ist wütend (The Dirty House)
5. Maigret und die Wahrsagerin (The Crystal Ball)
-------- Maigret und die sonderbaren Geschwister (The Crooked Castle)
6. Maigret riskiert seine Stellung (Death In Mind)
-------- Maigret und der Sonntagsmörder (Seven Little Crosses)
-------- Maigret stellt eine Falle (The Trap)
7. Maigret und der faule Dieb (The Amateurs)
8. Maigret verliert eine Verehrerin (Poor Cecile!)
9. Maigret hat Angst (The Fontonay Murders)

Am meisten schmerzt mir die fehlende "Falle". Rupert Davies hielt "The Trap" für
die wohl spannendste und beste Folge. Zu ein paar BBC-Wiederholungen wurde
er von den Programm-Planern gefragt, welche Folge denn nicht fehlen dürfe,
und "The Trap" wurde als "Star's Choice" nochmal gebracht, sogar mehrmals!

Bei den wenigen BBC-Wiederholungen beschwerten sich die Zuschauer darüber,
dass in "Seven Little Crosses" Maigret ja nur in einer einzigen kurzen Szene
zu sehen sei: Es ist Weihnachten, und Lucas und seine Mitarbeiter haben
Bereitschaftsdienst. Ausgerechnet da schlägt der "Sonntagsmörder" zu, und
Lucas fragt seinen Chef telefonisch um Rat. Dabei rückt Maigret selber kurz
ins Bild, im Hintergrund auch seine Frau, nebst schmuckem Weihnachtsbaum!
Aufgrund der Zuschauer-Beschwerden schob die BBC dann noch ein oder zwei
weitere Maigret-Wiederholungen nach, in denen der Kommissar selber wieder
im Mittelpunkt steht, etwa: "Death In Mind" und "Murder On Monday".

Cora Ann Milton Offline



Beiträge: 5.110

05.02.2016 22:14
#171 RE: Rupert Davies als "Kommissar Maigret" (auf DVD!) Zitat · Antworten



"Schatz, hast du schon das Neueste gelesen? Ist das nicht ein Grund zur Freude."

Cora Ann Milton Offline



Beiträge: 5.110

13.02.2016 15:46
#172 RE: Rupert Davies als "Kommissar Maigret" (auf DVD!) Zitat · Antworten







“Maigret vor dem Schwurgericht”
(“Raise Your Right Hand”)


Darsteller: Rupert Davies (Kommissar Jules Maigret), Ewen Solon (Lucas), Neville Jason (Lapointe), Victor Lucas (Torrence), Gene Anderson (Ginette Meurant), Patrick Troughton (Gaston Meurant), Charles Morgan (Alfred Meurant), Hamilton Dyce (Gerichtspräsident Bernerie), Ralph Nossek (Rechtsanwalt Duche), Philipp Ray (Staatsanwalt), Edward Evans (Inspektor Maurice Depoil), John Sharp (Nicolas Cajou), Frank Ellement (Pierre Millard)

Regie: Andrew Osborne

Drehbuch: Roger East

Literarische Vorlage: “Maigret vor dem Schwurgericht” (“Maigret aux assises”) von Georges Simenon


Der folgende Beitrag enthält Spoiler.

“Ich kenne die Gesetze.”
(Nicolas Cajou)
“Dann kennen Sie gewiss auch den Kuppeleiparagraph.”
(Maigret)
“Wenn nicht, dann leih’ ich Ihnen gern für ‘n paar Tage unser Strafgesetzbuch, Monsieur Cajou.”
(Lucas)

“Jetzt bricht die ganze Anklage zusammen und das zehn Minuten vor der Verhandlung.”
(Lucas)
“Und ausgerechnet ich muss es dem Gericht beibringen.”
(Maigret)

“Der Herr Verteidiger hat schon darauf hingewiesen, dass auch die Concierge wusste, wo das Geld versteckt war.”
(Maigret)
“Die Frau ist einundsiebzig und leidet an einer schweren Arthritis. Unter diesen Umständen dürfen Sie sich ruhig von der Liste Ihrer Verdächtigen streichen.”
(Gerichtspräsident Bernerie)
“Ich bin überzeugt, dass noch andere von dem Geld wussten.”
(Maigret)

“Und wenn es der Verkehrte ist?”
(Inspektor Depoil)
“Dann werde ich weiter nach dem Richtigen suchen.”
(Maigret)

“Beobachte Meurant genau, wenn seine Frau vernommen wird. Ich fürchte, der würde ihr zuliebe auf die Guillotine gehen.”
(Maigret)

“Wie lange soll ich denn noch warten, bis Sie die Akte finden? ... Ich glaube, die haben ihre Akten unterm Bett versteckt ... Jetzt suchen sie wahrscheinlich im Keller oder auf dem Speicher. Die haben vielleicht Nerven.”
(Maigret)

“Entschuldigen Sie bitte, meinem Chef ist der Hörer aus der Hand gefallen. Auf Wiederhören!”
(Lapointe)

“Wenn diese blöde Millard-Akte nicht bald auftaucht, werde ich noch vollkommen wahnsinnig! Verbinde mich mit Bordeaux, bevor sie das Ding nach Madagaskar schicken.”
(Maigret)

“Heute braucht sie Sie und wartet auf Sie, aber gestern hat sie versucht, Sie auf die Guillotine zu schicken.”
(Maigret)

“Ich weiß nur, dass es ihm auf einen Mord mehr oder weniger nicht ankommt.”
(Maigret)

“Halt’s Maul! Du willst mich wohl für dumm verkaufen, hm? Ich glaube, ich muss deutlicher werden ...”
(Maigret zu Alfred Meurant)

“Du warst wohl lange nicht mehr im Krankenhaus?!”
(Lucas zu Alfred Meurant)
“Du Dreckskerl, du!”
(Maigret zu Alfred Meurant)

“Jetzt hör mir mal ganz genau zu. Einer meiner Männer ist in Lebensgefahr. Los, antworte!”
(Maigret)

“Armer Teufel!”
(Maigret über Gaston Meurant)


Gaston Meurant, ein introvertierter, bisher unbescholtener Inhaber einer Bilderrahmenwerkstatt, steht im Palais de Justice vor dem Schwurgericht, da er angeblich seine dreiundsechzigjährige Tante Léontine Faverges erstochen hat, um sich in den Besitz ihrer beträchtlichen Ersparnisse zu bringen. Die vierjährige Cecile Perrin, Madame Faverges’ Pflegekind, wurde als unerwünschte Zeugin des Mordes mit einem Kissen erstickt. Obwohl die Beweislage erdrückend ist, zweifelt der mit den Ermittlungen betraute Kommissar Maigret an der Schuld des Angeklagten.

Die Aussage des schmierigen Nicolas Cajou, Inhaber eines Stundenhotels, gibt dem Fall eine völlig neue Wendung, denn er gibt zu Protokoll, dass Ginette Meurant, die Ehefrau des Beschuldigten, sich mehrfach in Begleitung eines anderen Mannes in dem besagten Etablissement aufhielt. Es handelt sich dabei um einen gewissen Pierre Millard, der mehrerer Verbrechen verdächtigt wird. Aufgrund der neuen Sachlage setzt das Gericht Gaston Meurant mangels Beweisen auf freien Fuß.

Der seine Frau abgöttisch liebende Mann ist zutiefst erschüttert über die Untreue seiner Gattin, die ihn zudem im Prozess mit einer offensichtlichen Falschaussage schwer belastet hat. Hasserfüllt macht sich Meurant auf eigene Faust auf die Suche nach Pierre Millard. Der Kampf um die Wahrheit im Mordfall Faverges wird zu einem Wettlauf mit der Zeit, denn Inspektor Lapointe, der sich auf die Fährte von Meurant gesetzt hat, könnte nur allzu leicht zwischen die gegnerischen Fronten geraten.

Anmerkungen:

Zitat
“Endeten aber nicht die meisten seiner Untersuchungen wie heute beim Strafgericht oder bei der Strafkammer? Er hätte lieber nichts davon gewusst, hätte sich jedenfalls gern von diesen letzten Formalitäten ferngehalten, an die er sich nie ganz hatte gewöhnen können. In seinem Büro am Quai des Orfèvres war der Kampf, der meist in der Morgendämmerung zu Ende ging, noch ein Kampf von Mann zu Mann, ein Kampf zwischen gleich starken Partnern. Man brauchte nur durch ein paar Flure zu gehen, ein paar Treppen hinaufzusteigen, und schon war man in einer anderen Welt, in der die Worte nicht mehr den gleichen Sinn hatten, in einer abstrakten, ebenso lächerlichen wie feierlichen Welt.”

“Das Schwurgericht war für ihn immer das Unangenehmste und Trübste seiner Arbeit gewesen, und er spürte dort jedes Mal die gleiche Beklommenheit. Verzerrte sich dort nicht alles? Nicht durch die Schuld der Richter, der Geschworenen, der Zeugen auch nicht durch das Strafgesetzbuch oder die Prozessordnung, sondern weil Menschen plötzlich in wenigen Sätzen, in knappen Urteilen umrissen werden sollten.”

“Man war plötzlich in einer entpersönlichten Welt, in der die alltäglichen Worte keine Gültigkeit mehr zu haben schienen, in der die gewöhnlichsten Tatsachen zu unverständlichen Formeln wurden. Die schwarze Robe der Richter, die rote Robe des Generalstaatsanwalts steigerten noch diesen Eindruck einer Zeremonie mit unumstößlichen Regeln, in denen der Einzelne nichts bedeutete.”

“Mit den anderen Zeugen würde man ihn in einem Raum einschließen, in dem es dämmerig war wie in einer Sakristei, und er würde dort warten, bis er an die Reihe kam, und, während er auf die Tür blickte, das leise Echo aus dem Gerichtssaal vernehmen. Er würde Gaston Meurant zwischen zwei Gendarmen sitzen sehen und schwören, die Wahrheit zu sagen, die ganze Wahrheit und nichts als die Wahrheit. Würde er wirklich die ganze Wahrheit sagen?”

(Georges Simenon: "Maigret vor dem Schwurgericht")



Können die nüchternen Buchstaben der Gesetzbücher dem Schicksal eines Menschen gerecht werden? Während der filmische Maigret mit seinem von ruhigem Selbstbewusstsein getragenen Auftritt vor dem Schwurgericht keine Zweifel an dem Rechtssystem erkennen lässt, dem er als Kriminalkommissar in entscheidendem Maße dient, so empfindet der literarische Maigret ein profundes Unbehagen darüber, wie rasch und mitleidlos in einem Strafprozess über menschliche Schicksale geurteilt wird statt sämtliche Umstände sorgfältig abzuwägen.

Da es sich bei “Maigret vor dem Schwurgericht” um ein Spätwerk Simenons handelt, ersehnt der literarische Maigret seine Pensionierung, auf dass er endlich in seinem Alterswohnsitz Meung-sur-Loire geruhsam dem Angeln frönen kann und sich niemals wieder mit den Schicksalen anderer Menschen beschäftigen muss.

Der filmische Maigret hingegen streitet nicht nur energisch für Wahrheit und Gerechtigkeit sondern kämpft auch gegen den innerpolizeilichen Schlendrian, der ihm eine für seine Ermittlungen unerlässlich notwendige Akte vorenthält. Nicht nur, dass Maigret seinem Unmut darüber mehrfach heftig Ausdruck verleiht, agiert der Kommissar dieses Mal weitaus aggressiver als gewohnt. Nachdem er bereits in “Maigret und die alte Dame” einen der Beteiligten unsanft am Kragen packte und ihn ohrfeigte, greift er sich dieses Mal Afred Meurant, den kriminellen Bruder des Verdächtigen, belegt den Aussageunwilligen mit einer Verbalinjurie und nimmt ihn so lange in den “Polizeigriff”, indem er ihm auf höchst schmerzhafte Weise den Arm auf den Rücken dreht, bis er die gewünschten Informationen von ihm erhält.

Darüber hinaus thematisiert “Maigret vor dem Schwurgericht” die physische Belastung, der Maigret und seine Mitarbeiter im Dienst ausgesetzt sind. Während der Kommissar übernächtigt auf einem Stuhl in seinem Büro einschläft und mit einem geradezu entzückend wirkenden verwirrten Gesichtsausdruck durch das Klingeln eines Telefons erwacht, schläft Inspektor Lucas bei einer Observation im Stehen ein, denn sein eingeschlummerter Chef hat vergessen, rechtzeitig für eine Ablösung zu sorgen.

“Maigret vor dem Schwurgericht” markiert die bisher größten Diskrepanzen zwischen Georges Simenons literarischer Vorlage und der Verfilmung.
Die Schauplätze weichen erheblich von einander ab. Während Gaston Meurant seinen Bruder in Toulon aufsucht und es in Chelle zur dramatischen Konfrontation mit Pierre Millard kommt, lebt Alfred Meurant in der Fernsehadaption in Paris, und die finale Auseinandersetzung ereignet sich in Noisiel. Gemeinsam haben beide Szenen jedoch die Umgebung am Wasser.
Die zwielichtige Pension “Eukalyptus”, in der sich Alfred Meurant in Toulon aufhält, veränderte Drehbuchautor Roger East zu einer Bar, deren Eigentümer der Ganove selbst ist. Da die gesamte Ermittlungstätigkeit in Toulon in der Verfilmung eliminiert wurde, treten auch die dortigen Kriminalbeamten Kommissar Blanc und Inspektor Le Goenec nicht in Erscheinung. Statt dessen verhört Kommissar Maigret persönlich Alfred Meurant, der sich in Gesellschaft seiner Schwägerin Ginette befindet.
Mit der Figur des Inspektor Maurice Depoil von der Kriminalaußenstelle Saint-Denis hat Roger East einen völlig neuen Charakter hinzugefügt, der zudem in entscheidendem Maße an den Ermittlungen beteiligt ist. Kurioserweise tritt in dem Roman "Maigret und die kopflose Leiche" als Nebenfigur ein gewisser Sergeant Depoil auf.
Madame Maigret erscheint zwar im Roman jedoch nicht in der Verfilmung, während der in der Fernsehadaption präsente Inspektor Torrence im Roman durch zahlreiche andere Kollegen vertreten wird.
Weitaus gravierender ist hingegen der geänderte Schluss, der allerdings die Dramatik erhöht - zumal Kommissar Maigret zum Showdown zurecht kommt und nicht erst - wie im Roman - erscheint, als alles bereits vorüber ist. Überdies verdeutlicht Easts Variation die Ausweglosigkeit von Gaston Meurants Situation und zeigt, dass der menschlich gereifte Inspektor Lapointe in einer höchst angespannten Situation einen kühlen Kopf bewahrt.
Kongenial zu Simenons Roman wiederum gestalten sich Maigrets ausführliche Aussagen im Palais de Justice sowie die Verhörszene zwischen dem Kommissar und Gaston Meurant am Quai des Orfèvres.

Patrick Troughton (1920 - 1987) gestaltet Gaston Meurant als einen zutiefst verzweifelten Menschen zwischen Verschlossenheit und emotionalen Ausbrüchen, dessen im Grunde unausweichliches Schicksal betroffen macht. Der gebürtige Londoner erlangte große Popularität, als er von 1966 bis 1969 die Titelrolle in “Doctor Who” verkörperte. Seine markante Physiognomie prädestinierte ihn für Rollen in Horrorfilmen wie beispielsweise als finsterer Diener Klove in “Dracula - Nächte des Entsetzens” (1970) sowie als fanatisch den Antichristen bekämpfender Pater Brennan, der in “Das Omen” (1977) ein schreckliches Ende erleidet.

Lord Peter Offline




Beiträge: 608

24.03.2016 20:37
#173 RE: Rupert Davies als "Kommissar Maigret" (auf DVD!) Zitat · Antworten

Hallo Cora Ann,

ich vermisse schon seit geraumer Zeit Deine liebevollen und detaillierten Besprechungen zu einer meiner absoluten Lieblingsserien. Die Leidenschaft ist doch hoffentlich nicht abgekühlt?

Gruß vom Lord

Cora Ann Milton Offline



Beiträge: 5.110

24.03.2016 22:40
#174 RE: Rupert Davies als "Kommissar Maigret" (auf DVD!) Zitat · Antworten

Hallo Euer Lordschaft,

nicht das Erkalten meiner Leidenschaft für Rupert Davies - dergleichen halte ich für ausgeschlossen - sondern schlichter Zeitmangel haben mich bisher von weiteren Besprechungen abgehalten. Ich hoffe, in den Osterfeiertagen endlich genügend Zeit zu finden, um mich Kommissar Maigret wieder intensiv widmen zu können.

Hier zunächst einmal das perfekte Paar, das meinem Herzen so nahe steht:



Rupert Davies und Helen Shingler in "Maigret und die Adligen"

Cora Ann Milton Offline



Beiträge: 5.110

02.04.2016 18:04
#175 RE: Rupert Davies als "Kommissar Maigret" (auf DVD!) Zitat · Antworten







“Maigret und die schrecklichen Kinder”
(“The Liars”)


Darsteller: Rupert Davies (Kommissar Jules Maigret), Ewen Solon (Lucas), Joseph Furst (Philippe Gastin), Margot van der Burgh (Madame Gastin), Jonathan Bergman (Jean-Paul Gastin), Patrick Newell (Inspektor Danielou), John Cazabon (Dr. Brusselles), Victor Platt (Paumelle), Edward Burnham (Théo Coumar), Richard Dean (Joseph Rateau), Malcolm Butterworth (Henri), Diarmid Cammell (Marcel Sellier), Laurie Leigh (Thérése), Michael Mulcaster (Julien Sellier)

Regie: Rudolph Cartier

Drehbuch: Vincent Tilsley

Literarische Vorlage: “Maigret und die schrecklichen Kinder” (“Maigret à l’école”) von Georges Simenon


“Donnerwetter! Sie sehen ja fabelhaft aus. Neuer Anzug, neuer Hut.”
(Lucas)
“Gefällt er dir?”
(Maigret)

“Ja, nicht schlecht.”
(Lucas)
“Es lässt sich nicht länger verheimlichen, der Frühling ist da.”
(Maigret)

“Frühling ist etwas zu Schönes. Jetzt möchte ich auf dem Lande sein. Oder noch besser an der See.”
(Maigret)

“Nein, ich habe keine Lust. Ich will niemanden sprechen. Ich möchte jetzt am liebsten auf der Terrasse eines gewissen kleinen Bistros in der Sonne sitzen, Austern essen und einen süffigen Wein dazu trinken.”
(Maigret)

“Alle sind überzeugt, es war der Lehrer.”
(Philippe Gastin)
“Aha. War er es?”
(Maigret)
“Ich weiß, dass er es nicht war.”
(Philippe Gastin)
“Wieso?”
(Maigret)
“Weil ich der Lehrer bin.”
(Philippe Gastin)

“Ich biete Ihnen natürlich kein Geld an, Monsieur Maigret. Ich weiß sehr wohl, daran sind Sie nicht interessiert.”
(Philippe Gastin)
“Nur an Austern.”
(Maigret)

“Möchten Sie etwas essen?”
(Paumelle)
“Aber sicher. Jetzt könnte ich so ein halbes Dutzend Austern vertragen.”
(Maigret)
“Austern sind leider nicht da.”
(Paumelle)
“Keine Austern?”
(Maigret)
“Hochwasser ...”
(Paumelle

“Was macht der verdammte Schnüffler hier? Er ist doch bestimmt nicht ohne Grund in deiner Bruchbude abgestiegen.”
(Théo Coumar)

“Wo wollen Sie hin?”
(Maigret)
“Gastin verhaften, was denn sonst.”
(Danielou)
“Setzen Sie sich und trinken Sie erstmal einen Schluck.”
(Maigret)

“Sie glauben doch nicht etwa, dass er unschuldig ist?”
(Danielou)
“Ich bin sogar ganz sicher.”
(Maigret)

“Ich habe festgestellt, Doktor, dass in Dörfern wie diesen ein Mann nur zwei Möglichkeiten hat: ehrlich oder beliebt.”
(Maigret)

“Komme ich jetzt ins Gefängnis?”
(Joseph Rateau)
“Dazu bist du zu jung.”
(Maigret)

“Dem kann auch der tüchtigste Arzt nicht mehr helfen. Es ist wohl auch besser so.”
(Dr.Brusselles)
“Sie haben gewusst, dass er es war? Woher?”
(Maigret)
“Er hat es mir im Suff gestanden, als er sich Geld von mir geborgt hat. Er wollte für Lèonie einen Kranz kaufen. Das Leben ist seltsam. Jetzt kann er den Kranz für sein eigenes Grab nehmen.”
(Dr. Brusselles)

“Was machen die Austern?”
(Maigret)
“Bedaure, es ist leider noch ...”
(Paumelle)
“Hochwasser, natürlich. Also gut dann Hasenpfeffer.”
(Maigret)
“Tut mir leid, Hasenpfeffer ist auch nicht da. Nur Brot und Käse.”
(Paumelle)

“Das ganze ist direkt ein Witz. Und wegen sowas kommen Sie extra aus Paris.”
(Paumelle)
“Und wegen der Austern.”
(Maigret)


Der Frühling hat Einzug gehalten in Paris, und Kommissar Maigret versetzt die wärmere Jahreszeit in Entzücken. Seine Begeisterung erstreckt sich allerdings nicht auf seine berufliche Tätigkeit. Während er noch davon träumt, sich dem süßen Nichtstun hinzugeben, meldet ihm Inspektor Lucas einen Besucher, der bereits geraume Zeit auf den Kommissar gewartet hat.

Maigret ist erst gewillt, den Herrn zu empfangen, als er erfährt, dass dieser aus der Gemeinde Saint-André-sur-Mer in der Charente angereist ist. Der in Erinnerungen an seine schönsten, in eben jenem Landstrich verbrachten Urlaubstage schwelgende Kommissar wittert eine Möglichkeit, erneut in den Genuss der delikaten Austern dieser Region zu kommen. Philippe Gastin, seines Zeichens Dorfschullehrer in Saint-André-sur-Mer, steht in dem Verdacht die allseits unbeliebte Postmeisterin Lèonie Berrat erschossen zu haben. Obwohl der Pädagoge bereits seit neun Jahren in der Ortschaft ansässig ist, hegen deren Einwohner noch immer eine Aversion gegen den “Fremden”, zumal sie ihre Kinder lieber bei der Ernte auf den Feldern oder bei den Austernbänken sehen als in der Schule.

Kommissar Maigret beschließt, der Sache selbst auf den Grund zu gehen und reist mit Monsieur Gastin an die westliche Atlantikküste. Der ortsansässige Kriminalbeamte, Inspektor Danielou, dessen Inkompetenz nur noch von seiner Blasiertheit übertroffen wird, ist alles andere als erfreut, den berühmten Kollegen vom Quai des Orfèvres in Saint-André-sur-Mer zu wissen. Danielou hält unbeirrt Gastin für den Mörder und sonnt sich bereits in dem Gefühl der Vorfreude, den Fall zu einem erfolgreichen Abschluss zu bringen.
Obwohl Maigret stets beteuert, nur wegen der kulinarischen Genüsse nach Saint-André-sur-Mer gekommen zu sein, stellt er selbstverständlich seine eigenen Ermittlungen im Mordfall Lèonie Berrat an. Dabei stellt sich heraus, dass das Opfer bestens über die mehr oder minder dunklen Geheimnisse der Dorfbewohner informiert war und daraus Kapital zu schlagen verstand. Überdies hatte sie sich mit ihrer Nichte überworfen und gedroht, sie zu enterben.

Philippe Gastin wird durch die Aussage seines Schülers Marcel Sellier sowie deren Bestätigung durch seinen eigenen Sohn Jean-Paul schwer belastet. Doch Kommissar Maigret ist nicht einen Augenblick von der Schuld des Lehrers überzeugt ...

Anmerkungen:

Zitat
“An einem anderen Tag hätte Maigret diese Geschichte vielleicht angeödet, aber heute schien die Sonne, wehten laue Frühlingslüfte herein, schmeckte die Pfeife anders als sonst. Mit einem leisen Lächeln auf den Lippen hörte Maigret dem Bericht zu und musste dabei an ein anderes Dorf denken, wo es ähnliche Dramen zwischen Postmeisterin, Lehrer und Flurschütz gegeben hatte.”

“Eine Art Trägheit bemächtigte sich seiner, die wohl von der Eintönigkeit des Dorflebens, dem Weißwein und der eben hinter den Dächern verschwindenden Sonne kam. Was suchte er hier? Oft schon war es ihm im Verlaufes seiner Nachforschungen passiert, dass ihn ein solches Gefühl völliger Machtlosigkeit überkam und ihm sein ganzes Bemühen sinnlos erschien. Er drang da plötzlich in das Leben von Leuten ein, die er am Tage vorher noch nicht gekannt hatte, und es gehörte zu seinem Beruf, ihre verborgensten Geheimnisse ans Licht zu ziehen.”

(Georges Simeon: “Maigret und die schrecklichen Kinder”)



Drehbuchautor Vincent Tilsley hat zwar das Grundgerüst von Georges Simenons Roman erhalten, sich jedoch einige Freiheiten bei seiner Adapation gestattet. Dabei handelt es sich um Kleinigkeiten, wie etwa den geänderten Namen des von Monsieur Paumelle geführten Gasthofs oder die Profession des Mörders aber auch um gravierende Dinge, wie die Umstände der Verhaftung des Täters.

Während Joseph Gastin im Roman bei seiner Rückehr nach Saint-André-sur-Mer sogleich verhaftet und ins Gefängnis gebracht wird, bleibt er in der Verfilmung auf freiem Fuß und versucht vergeblich, die Zuneigung seines Sohnes Jean-Paul zurückzugewinnen, während die Ehe mit seiner Frau als unrettbar zerrüttet angesehen werden muss. Das Eifersuchtsdrama aufgrund dessen die Gastins gezwungen waren, in die Gemeinde Saint-André-sur-Mer umzuziehen, gestaltet sich im Roman dramatischer als in der Fernsehadaption, da in dessen Verlauf sogar ein Schuss abgefeuert wurde. Zudem ist der Lehrer mit seiner Familie ursprünglich von Courbevoie an die Antlantikküste gezogen, während er in der Verfilmung aus Straßburg gekommen ist. Der Wechsel von einer eher unbekannten zu einer der berühmtesten Städte Frankreichs lässt den sozialen Abstieg des Pädagogen weitaus dramatischer erscheinen.

Der Zweikampf auf Leben und Tod, den sich Maigret mit dem Mörder liefert, ist die bisher strapaziöseste und dramatischste Szene für den Kommissar aus Paris. Vincent Tilsley gelingt damit eine gelungene Ergänzung, die die Spannung erhöht, während die Festnahme des Mörders, der im Roman seine Tat aus Prahlerei und nicht etwa aus Reue gesteht, sich bei Simenon völlig unspektakulär gestaltet.

Der ursprünglich mit den Ermittlungen im Mordfall Birard betraute Danielou - im Roman ein Leutnant und in der Fernsehfassung ein Inspektor - ist in der literarischen Vorlage für Maigret ein völlig Unbekannter, während er ihn in der Verfilmung bereits von früher kennt. Der ebenso arrogante wie bornierte Dandy, den Patrick Newell (1932 - 1988), dessen bekannteste Rolle der ironischerweise unter dem Decknamen “Mother” agierende Geheimdienstchef in der Fernsehserie “Mit Schirm, Charme und Melone” sein dürfte, so trefflich gestaltet hat nichts mit der von Simenon geschaffenen Figur zu tun, ist dafür jedoch bei weitem unterhaltsamer.

Die beschauliche Idylle der dörflichen Gemeinschaft, hinter der sich menschliche Abgründe verbergen, wird im Roman intensiver geschildert, wenn beispielsweise der stellvertretende Bürgermeister Théo Coumar Madame Gastin aufgrund ihres außerehelichen Fehltrittes als Freiwild für seine sexuellen Gelüstet betrachtet. Maigrets Reminiszenzen an seine eigene Kindheit und Jugend in Saint-Fiacre, die sich in einigen Punkten mit der Atmosphäre in Saint-André-sur-Mer vergleichen lassen, finden in der Fernsehfassung keine Entsprechung. Auch Maigrets zunehmender Widerwille gegen die von ihm anzustellenden Ermittlungen, der darin gipfelt, dass er am Ende desillusioniert aus dem vermeintlichen Urlaubsidyll Saint-André-sur-Mer abreist und gar nicht rasch genug in sein vertrautes Paris gelangen kann, wird nicht thematisiert.
Statt dessen bleibt Rupert Davies als Kommissar Maigret von gleichbleibender Gelassenheit und Freundlichkeit. Lediglich die offensichtlichen Lügen von Jean-Paul Gastin, die sich für dessen Vater verhängnisvoll auswirken könnten, lassen Maigret mit einen kurzen Wutausbruch reagieren.

Überaus gelungen wurde Simenons Runnig Gag von Maigrets vergeblichem “Kampf” um seine geliebten Austern umgesetzt. Während der Kommissar, der ursprünglich nur wegen dieser Köstlichkeit nach Saint-André-sur-Mer gereist ist, zu Beginn des Films wenigstens noch Hasenpfeffer als Ersatz serviert bekommt, muss er sich am Ende mit Weißbrot und Käse begnügen. Kongenial ist auch die Verhörszene von Marcel Sellin, die von Vincent Tilsley konsequenterweise in die Schule verlegt und um die Anwesenheit von Jean-Paul Gastin erweitert wurde. Ebenso gelungen ist Maigrets Befragung von Joseph Rateau, die zur Identität des Täters führt.

Was die titelgebenden “schrecklichen Kinder” anbelangt, so sind sie nicht schlechter als ihre Eltern, deren Verlogenheit und Perfidie sie in sich aufgenommen haben.



Der Zuschauer kommt in “Maigret und die schrecklichen Kinder” mehrfach in den Genuss typischer Gewohnheiten, die Rupert Davies für seinen Maigret gebraucht. Im Wissen um seine eindrucksvolle Physis reckt er mehrfach die breiten Schultern und verschränkt die Arme hinter dem Nacken. Auch als er an der Atlantikküste die frische Seeluft genießt, breitet er weit die Arme aus, was die Wirkung seiner imposanten Statur noch verstärkt.




Heute bei mir eingetroffen. Ich bin voller Vorfreude, die gewiss nicht enttäuscht werden wird.

Lord Peter Offline




Beiträge: 608

03.04.2016 00:16
#176 RE: Rupert Davies als "Kommissar Maigret" (auf DVD!) Zitat · Antworten

Liebe Cora Ann,

Vielen Dank, daß Du Deine informativen und fundierten Episodenbesprechungen fortsetzt, es war wie immer ein Vergnügen, sie zu lesen!

Vol. 4 dürfte auch schon bei mir zu Hause liegen, da ich aber erst morgen Abend wieder da bin, momentan außerhalb meiner Reichweite. Leider wird es ja nun auch einige Lücken in der Chronologie geben.

Zu "Maigret und die schrecklichen Kinder" - konnte man einzelne Kürzungen zuvor meist nur erahnen, sind sie hier offensichtlich. Der Mord an Leonie wird komplett ausgespart, obwohl er unter Garantie im Teaser enthalten war, und die Laufzeit von unter 44 Minuten ist doch recht eindeutig. In solchen Fällen macht sich dann leider doch bemerkbar, wie wertvoll der Zugriff auf die Original-Bildmaster gewesen wäre...

Cora Ann Milton Offline



Beiträge: 5.110

03.04.2016 17:44
#177 RE: Rupert Davies als "Kommissar Maigret" (auf DVD!) Zitat · Antworten

Lieber Lord Peter,

vielen Dank für das liebenswürdige Feedback. Hier schon einmal ein Ausblick auf die Folge "Maigret und der Weihnachtsmann", die mir von allen bisherigen Episoden am meisten am Herzen liegt.





Kommissar Maigret und seine Gattin begehen in inniger Zweisamkeit das Weihnachtsfest, bis ihn die Pflicht zu einem neuen Fall ruft.

Cora Ann Milton Offline



Beiträge: 5.110

15.04.2016 17:52
#178 RE: Rupert Davies als "Kommissar Maigret" (auf DVD!) Zitat · Antworten









“Maigret und der Weihnachtsmann”
(“A Crime for Christmas”)


Darsteller: Rupert Davies (Kommissar Jules Maigret), Helen Shingler (Madame Maigret), Ewen Solon (Lucas), Neville Jason (Lapointe), Victor Lucas (Torrence), Barry Foster (Paul Martin), Heather Chason (Loraine Martin), Carla Challoner (Colette Martin), Esma Cannon (Madamoiselle Doncœur), George Coulouris (Lorillieux), Jonathan Field (Raoul), Jenny Laird (Madame Lorillieux), Alan Rolfe (Vaucourt)

Regie: Campbell Logan

Drehbuch: Margot Bennett

Literarische Vorlage: “Maigret und der Weihnachtsmann” / “Weihnachten mit Maigret” (“Un Noël de Maigret”) von Georges Simenon


Der folgende Beitrag enthält Spoiler.

“Heute ist doch Weihnachten. Warum bist du denn schon aufgestanden?”
(Madame Maigret)
“Ich konnte nicht mehr schlafen.”
(Maigret)
“Ich wollte doch so gerne, dass du heute lange im Bett bleibst und nur isst, trinkst und viel faulenzt. Fröhliche Weihnachten, Jules.”
(Madame Maigret)

“Oh, eine Meerschaupfeife! Da geht so viel rein, dass es für den ganzen Tag reicht. Von so einer habe ich bis jetzt nur geträumt.”
(Maigret)
“Und hier ist dein Lieblingstabak.”
(Madame Maigret)
“Oh, danke tausendmal!”
(Maigret)
“Das ist die zehnte, die ich dir geschenkt habe.”
(Madame Maigret)
“Dann zehn tausendmal Danke!”
(Maigret)

“Jetzt werden bald die Kinder auf der Straße erscheinen und sich gegenseitig ihre Weihnachtsgeschenke zeigen. Ah, da ist die einsame kleine Frau von gegenüber.Madamoiselle Doncœur. Weißt du eigentlich, dass sie eine Schwäche für dich hat?”
(Madame Maigret)
“Für mich?”
(Maigret)
“Ja. Hast du das noch nie gemerkt? Sie sitzt oft am Fenster und strickt dabei schaut sie immer zu uns herüber. Wenn du aus dem Haus gehst oder heimkommst, lässt sie kein Auge von dir.”
(Madame Maigret)
“Ist sie hübsch und jung?”
(Maigret)
“Nein, sie ist verhärmt, abgearbeitet und ungefähr Sechzig.”
(Madame Maigret)

“Wo haben die Maigrets denn ihr Kind?”
(Madame Martin)
“Es ist gestorben. Sie ist nur drei oder vier Jahre alt geworden. Ein nettes, kleines Ding war das. Ich kann mich noch gut erinnern, wie stolz der Kommissar immer aussah, wenn er mit ihr im Park spazieren ging. Eines Tages hat sie dann ein Krankenwagen abgeholt. Sie ist nie mehr zurückgekommen.”
(Madamoiselle Doncœur)

“Mein ist die Rache spricht der Herr.”
(Madame Lorillieux)
“Und Gerechtigkeit?”
(Maigret)

“Kümmern Sie sich um das Kind! Es ist in Gefahr.”
(Maigret)
“In Gefahr?”
(Paul Martin)
“Ja, in Lebensgefahr. Und Sie haben keine Ahnung davon.”
(Maigret)

“So, Sie werden sich jetzt erstmal rasieren und frisch machen und zwar gleich hier bei mir. Wenn Sie damit fertig sind, gehen Sie rüber zu Ihrem Kind und weichen ihm nicht von der Seite. Und geben Sie ihm das.”
(Maigret)
“Was ist das?”
(Paul Martin)
“Ein Geschenk. Von Ihnen.”
(Maigret)

“Diese Frau ist von einer immensen Geldgier. Sie hat eine Puppe zurückgetragen, weil sie fand, es wäre Verschwendung, wenn ein Kind zwei Puppen hat.”
(Maigret)

“Was machen wir denn mit dem Zirkus, der da unten wartet?”
(Lucas)
“Zirkus ist gut. So was ähnliches will ich mit ihnen veranstalten. Diese Frau ist ziemlich raffiniert und abgebrüht, aber ich habe eine Idee, wie wir sie ganz schnell weich bekommen.”
(Maigret)

“Wenn ich Sie wäre, Madame, möchte ich um keinen Preis heute Nacht allein in dieser Wohnung bleiben. Da ich annehme, dass auch Sie das nicht wollen, darf ich Sie höflichst bitten, sich meinem Schutz anzuvertrauen.”
(Maigret)

“Kopf hoch, junger Mann! Heute ist Weihnachten.”
(Madame Maigret zu Paul Martin)

“Ich habe gedacht, wir könnten vielleicht ...”
(Madame Maigret)
“Wir könnten vielleicht was?”
(Maigret)
“Wir könnten Paul Martin fragen, ob er Colette nicht hier bei uns lassen will, bis er eine passende Wohnung gefunden hat. Aber natürlich nur, wenn es dir recht ist.”
(Madame Maigret)
“Natürlich ist es mir recht.”
(Maigret)


Kommissar Jules Maigret und seine Gattin genießen in inniger Zweisamkeit den Weihnachtsmorgen in ihrer Wohnung am Boulevard Richard-Lenoir 132. Während sie einander ihre Präsente überreichen - eine Meerschaumpfeife und Tabak für ihn sowie ein elegantes Nachthemd für sie (“Ich hab bei dem Geschenk auch ein bisschen an mich gedacht!” verkündet er schelmisch) - wird die Harmonie durch das Eintreffen zweier Besucherinnen gestört.

Mademoiselle Doncœur und Madame Martin aus dem Nachbarhaus suchen den Kommissar mit einem nicht alltäglichen Anliegen auf. Colette, die neunjährige Nichte von Madame Martin, behauptet, dass sie Besuch vom Weihnachtsmann erhalten habe. Er sei durch den Fußboden in ihr Zimmer gelangt und habe ihr eine Puppe geschenkt. Während Madame Martin Colettes Erzählung als Hirngespinst eines phantasiebegabten Kindes abtut, reagiert Mademoiselle Doncœur weitaus besorgter. Die Puppe sei der Beweis für die Richtigkeit von Colettes Angaben. Kommissar Maigret verspricht, sich der Sache anzunehmen.

Colettes Vater Paul Martin war ein einst erfolgreicher Verkäufer von Autos. Doch ein von ihm verursachter Verkehrsunfall, bei dem seine Frau ums Leben kam, hat ihn völlig aus der Bahn geworfen. Statt sich um seine kleine Tochter zu kümmern, überlässt er sie der Obhut seiner Schwägerin Loraine und ergibt sich seither dem Alkohol.

Kommissar Maigret sucht Colette auf, die mit einem Beinbruch das Bett hüten muss. Das ebenso hübsche wie aufgeweckte Mädchen erzählt ausführlich über ihre Begegnung mit dem Weihnachtsmann und ergänzt, dass ihre Tante am gestrigen Abend den Besuch eines dem Kind unbekannten Mannes erhalten habe und die Beiden in einen heftigen Streit geraten seien.

Währenddessen erledigt Loraine Martin mitnichten, wie sie behauptet, ihre Einkäufe, sondern gibt einen soeben erst erworbenen Koffer in der Gepäckaufbewahrung des Gare du Nord ab, wobei sie von einem mysteriösen Mann verfolgt wird, dessen Anwesenheit sie offensichtlich mit Angst erfüllt.

Bei seinen Ermittlungen stellt Kommissar Maigret fest, dass es im Vorleben von Madame Martin einige interessante Details gibt. Vor zwei Jahren wurde ein entstellter Leichnam aus der Seine geborgen, bei dem es sich mutmaßlich um ihren früheren Arbeitgeber und Liebhaber handelt. Der Mann wurde ermordet ...

Anmerkungen:

Zitat
“Er musste an diesem Tag vorsichtig sein, musste jedes seiner Worte abwägen, so wie Frau Maigret äußerst behutsam aus dem Bett gestiegen war, denn auch sie war an diesem Tag leichter gerührt als sonst. Pst! Nicht daran denken. Nichts sagen, das sie daran erinnern könnte. Nicht nachher zu viel auf die Straße blicken, wenn Jungen sich dort gegenseitig ihre neuen Spielzeuge zeigten. In den meisten der Häuser gab es Kinder. Man würde gleich Trompetenblasen, Trommeln und Pistolenschüsse hören. Kleine Mädchen waren schon dabei, ihre Puppen zu wiegen.”

“Alle Gardinen an den Fenstern des Hauses, das er verlassen hatte, bewegten sich. Übrigens auch an seinem Fenster bewegte sich die Gardine. Es war Frau Maigret, die nach ihm ausspähte, um zu wissen, ob sie das Huhn aus dem Ofen nehmen konnte. Er winkte ihr von unten mit der Hand und hätte fast die Zunge augestreckt, um eine der winzigen Flocken aufzuschnappen, die in der Luft schwebten und an deren faden Geschmack er sich aus seiner Kindheit noch deutlich erinnerte.”

(Georges Simenon: “Maigret und der Weihnachtsmann”)



“It is Christmas and the Maigrets are looking forward to a quiet and peaceful day in their flat. But it seems that Father Christmas called the previous night on the little girl across the road and showed a remarkable interest in the floor boards ...” So bewarb die Zeitschrift “Radio Times” die Erstausstrahlung der Episode am 26.12.1961 in Großbritannien, während es sich Rupert Davies nicht nehmen lies, anlässlich der deutschen Premiere am 18.12.1965 die Zuschauer persönlich auf das Weihnachtsfest einzustimmen.

Der eher banale und relativ leicht durchschaubare, wenn auch durchaus nicht der Spannung entbehrende Kriminalfall - am Weihnachtsfeiertag wäre eine blutrünstige Mordgeschichte oder eine allzu deprimierende Sozialstudie auch alles andere als adäquat gewesen - wird fast zur Nebensache angesichts der bezaubernden kleinen Colette, die Kommissar Maigret und seine Frau sogleich ins Herz schließen.

Die Drehbuchautorin Margot Bennett hat Georges Simenons Erzählung, deren Umfang jedoch seinen Romanen kaum nachsteht, in einigen Punkten variiert, wenngleich die Grundkonstellation unverändert übernommen wurde.
Jean Martin - Loraines Mann und Pauls Bruder - sowie dessen Vorgesetzter Arthur Godefroy wurden eliminiert, ohne dass man sie jedoch vermisst, der Vorname von Boissy wurde von Julien zu Daniel geändert und Lapointe tritt trotz seiner Abwesenheit in der literarischen Vorlage in der Fernsehadaption dennoch in Erscheinung. Während Madame Maigret in der Erzählung die kleine Colette - bei Simenon ein ernsthafteres Kind als das fröhliche Mädchen der Verfilmung - nicht zu Gesicht bekommt und sich dafür ständig nach ihr erkundigt, lässt der Kommissar in der Verfilmung die Kleine aus Sicherheitsgründen in seine Wohnung bringen, wo sich Madame Maigret sogleich rührend um sie kümmert. Das von Loraine Martin ihrem Schwager Paul mit bösen Hintergedanken kredenzte Elsässer Zwetschgenwasser ist bei Simenon ein Pflaumenschnaps und wird in der Wohnung der Maigrets genossen.
Der von Margot Bennett ergänzte ergreifende Auftritt von Madam Lorillieux fügt sich wunderbar in die Handlung ein. In der Erzählung wird sie merkwürdigerweise lediglich kurz erwähnt unter anderem, dass die das Unternehmen ihres Mannes - bei Simenon ein Souvenirladen, in der Fernsehfassung ein Antiquitätengeschäft - verkauft hat. In der Verfilmung stattet Kommissar Maigret ihr persönlich einen Besuch ab, was nur logisch ist, kann er doch von ihr Informationen aus erster Hand über ihren Gatten und damit über das Vorleben der von ihm verdächtigten Madame Martin erfahren. Die Szene demonstriert erneut die einfühlsamen Verhörmethoden von Maigret ebenso wie seine Großherzigkeit, denn eine bei Madame Lorillieux erworbene Spieldose übergibt er kurz darauf Paul Martin mit der Maßgabe, diese Colette als Weihnachtspräsent zu überreichen. Die von Kommissar Maigret initiierte permanente Verunsicherung der moralisch Schuldigen gestaltet sich ebenso amüsant wie in der Erzählung. Die dort fehlende und für die Verfilmung hinzugefügte Überführung des wirklichen Täters, bei der unter anderem Maigrets neue Pfeife Verwendung findet, ist sehr gut gelungen.

Heather Chason (Jahrgang 1927) verkörpert Loraine Martin kongenial zu Simenons Vorlage und liefert die treffliche Studie einer gefühlskalten, ausschließlich auf ihren materiellen Vorteil bedachten Frau.

Barry Foster (1927-2002) ist ebenso großartig als ein vom Schicksal gezeichneter Mann, der sich sich - im Gegensatz zur Erzählung, wo seine weitere Zukunft offen gelassen wird - durch die Gefahr, der er unbewusst sein Kind ausgesetzt hat, aus seiner Lethargie aufrafft, um sein Leben endlich wieder in geordnete Bahnen zu bringen. Foster verkörperte in den Siebziger Jahren und zu Beginn der Neunziger Jahre in einer Fernsehserie selbst einen Kriminalbeamten, den Amsterdamer Commisaris Piet van der Valk. Seine wohl berühmteste Rolle ist jedoch der psychopathische Frauenmörder Bob Rusk in Alfred Hitchcocks “Frenzy” (1972). Foster hatte bereits 1958 mit Rupert Davies in dem maritimen Abenteuerfilm “Sea Fury” gemeinsam vor der Kamera gestanden. Mit Dietmar Schönherr hat er in “Maigret und der Weihnachtsmann” einen überaus prominenten Synchronsprecher.

In kaum einer anderen der bisherigen Folgen wurde das Privatleben des Ehepaars Maigret intensiver thematisiert als in dieser überaus rührenden Episode. Widmen wir uns im folgenden dem Traumpaar der Serie “Kommissar Maigret”.

Les Maigret - un couple de rêve






Zitat
“Sie war ein molliges, frisches Mädchen wie man sie nur noch in Konditoreien oder hinter der Marmortheke eines Milchladens sieht, ein molliges Mädchen voller Vitalität, das er dennoch den ganzen Tag am Boulevard Richard-Lenoir allein lassen konnte, ohne dass sie sich langweilte.”
(“Maigrets erste Untersuchung”)

“Sie redeten nie viel, wenn sie zusammen waren. In den Blicken, die sie jetzt zum Beispiel wechselten, lagen Sehnsucht und Dankbarkeit.”
(“Maigret als Zuschauer”)

“Während sie auf die Sacré-Cœur zugingen, drückte er plötzlich den Arm seiner Frau, und sie merkte, dass er bewegt war. Es schien ihm sogar, dass sie erriet, warum, aber er sagte ihr nichts davon.”
(“Maigret als Zuschauer”)

“Um sie zu necken, stellte er sich taub. Nach einer Weile fragte sie: “Findest du das richtig?” “Was?” “Hast du’s nicht gelesen? Die Besuche in der Rue des Saints-Pères. Das Schlafzimmer ... Zu meiner Zeit ...” Er zögerte, er wollte ihr keinen Kummer machen. Aber er wagte trotzdem die Bemerkung: “Erinnerst du dich nicht? Das Wäldchen im Chevreusetal ...” Martine Chapuis war zwar nicht errötet, aber Madame Maigret gühte wie ein Leuchtfeuer.”
(“Maigret als Zuschauer”)

“Er schlüpfte zwischen die warme Laken, schaltete die Lampe aus und fand im Dunkeln, ohne lange herumzutasten die Lippen seiner Frau.”
(“Maigret hat Skrupel”)



“Wir kannten uns ungefähr drei Monate, als wir das erste Mal zusammen aus waren, und an diesem Abend bekam ich auch den ersten Kuss von dir. Eine Woche später gingen wir dann zusammen in die Oper. Wir sahen uns “Carmen” an. Ich trug damals ein blaues Taftkleid. Du warst sehr großzügig und hast ein Taxi bestellt. Auf der Fahrt zum Theater hast du meine Hand gestreichelt. Nach der Vorstellung wolltest du mit mir Essen gehen. Wir gingen über die Champs-Elysées, um ein hübsches Restaurant zu suchen. Ich tat so, als stolperte ich. Du hast geglaubt, meine hohen Absätze wären schuld. Ich kam mir ganz raffiniert vor. In Wirklichkeit wollte ich mich nur bei dir einhängen. Ich habe gezittert vor Angst, aber du hast getan, als ob du es nicht merkst.”
(Madame Maigret)
“Und wie ging’s dann weiter?”
(Maigret)
“Als wir dann später das Restaurant verliesen, habe ich mich wieder eingehängt. Da habe ich nicht mehr gezittert.”
(Madame Maigret)
“Es wurde zur Gewohnheit,”
(Maigret)
“Ja, aber zu einer netten, finde ich.”
(Madame Maigret)


Was wäre Kommissar Jules Maigret, dieser lebenskluge und einfühlsame Mann, ohne die wunderbare Frau an seiner Seite? Sie ist das Fundament seines Lebens. Die Beiden haben zwar noch nicht das biblische Alter von Philemon und Baucis erreicht, doch die Intensität ihrer Liebe lässt an das berühmte Paar aus Ovids “Metamorphosen” denken, deren Zweisamkeit nicht einmal der Tod zu beenden vermochte, da sie der Göttervater Zeus nach ihrem gleichzeitigen Ableben in zwei Bäume - eine Eiche und eine Linde - verwandelte, deren Zweige einander umschlungen hielten. Den Unzertrennlichen vom Boulevard Richard-Lenoir wäre dergleichen ebenfalls zu wünschen.

Helen Shingler (geboren am 19. August 1919 in London / andere Quellen geben den 29.08. 1919 an) verfügt als Madame Maigret über ebensoviel Herzenswärme wie gesunden Menschenverstand. Zwar hat sie keinerlei physische Ähnlichkeit mit der von Georges Simenon beschriebenen Figur, doch deren Sanftheit, Nachsicht und Güte vermittelt sie auf kongeniale Weise. Sie und Rupert Davies harmonieren so großartig, dass der Zuschauer nicht auch nur eine Minute den Eindruck hat, hier verkörperten lediglich zwei Schauspieler ihre Rollen, sondern man empfindet es, als seien die Beiden das, was sie so grandios darstellen: ein in tiefer Liebe verbundenes, mit einander älter gewordenes Ehepaar. Alle und Worte zwischen ihnen sind erfüllt von einer herzerwärmenden Zärtlichkeit. Rührende kleine Gesten verdeutlichen die Innigkeit der Liebenden: sei es das Einhaken bei dem Anderen, das Ergreifen der Hand, sanfte Berührungen am Arm oder der Schulter, liebevolles Streicheln über die Wange, das Aneinanderschmiegen und die häufigen Küsse.

Im Krankheitsfall sorgen sie rührend für einander. In “Maigret nimmt Urlaub” besucht Maigret seine sich von einer Blinddarmoperation erholende Gattin täglich im Hospital und registriert mit Begeisterung ihre Genesung. In “Maigret trifft einen Schulfreund” erhält sie den liebevollen Zuspruch ihres Mannes, als sie unter Zahnschmerzen leidet. In “Maigret und der Verrückte” übernimmt Madame Maigret persönlich die Pflege ihres durch eine Schussverletzung verwundeten Mannes. Während der strapaziösen Ermittlungen von Kommissar Maigret - nicht selten ist er wie etwa in “Maigret und die Wahrsagerin” und in “Maigret verliert eine Verehrerin” bis zum frühen Morgen in seine Arbeit vertieft - ist seine Frau auf seine Gesundheit bedacht. Sie achtet darauf, dass er wenigstens etwas Schlaf bekommt und versorgt ihn mit Stärkungsmitteln wie gutem Essen, Kaffee, Bier und einem heißen Bad.

Auch die Tatsache, dass die Beiden über viele Dinge gemeinsam lachen können, hat ihr Eheglück befördert. In “Maigret und sein Revolver” neckt er seine Frau damit, dass er angeblich vergessen hat, ihr für das bevorstehende Abendessen mit ihrem Hausarzt und Freund Dr. Pardon Blumen mitzubringen. Mit schelmischem Lächeln überreicht er der Verdutzten einen Strauß und bringt sie damit zum Lachen. Als Madame Maigret in der Folge “Maigret und der Weihnachtsmann” im Überschwang der Gefühle ihren Mann umarmt und dieser deshalb versehentlich ein Glas in die Spüle fallen lässt, quittieren sie die daraus resultierenden Scherben mit einem herzlichen Lachen. Für ebenso viel Amüsement bei Beiden sorgen Jules Maigrets Bemühungen in “Maigret und die Hellseherin” auf Bitten seiner Frau einen Twist auf das Tanzparkett zu legen. So ist es nur folgerichtig, dass die letzte Einsstellung der finalen Episode “Maigret als Zuschauer” die Maigrets zeigt, wie sie sich lauthals lachend umarmen.

Gelegentliches liebevolles Frotzeln stört die Harmonie nicht, etwa wenn sie in “Maigret nimmt Urlaub” wohl nicht zu Unrecht annimmt, er verbringe einen Großteil seiner Freizeit in Cafès, während er sie in “Frau Maigret als Detektiv” die gesamte Episode damit aufzieht, dass ihr - allerdings ohne ihr Verschulden - das Mittagessen verbrannt ist.

Die intensive Ermittlungstätigkeit, die ihren Gatten häufig zu den unpassendsten Zeiten und Gelegenheiten wie beispielsweise mitten in der Nacht (“Maigret und der faule Dieb”) oder dem gemeinsamen Urlaub (“Maigret ist wütend”) von ihrer Seite fernhält, nimmt Madame Maigret im Verlauf der Serie nicht stets mit ihrer sprichwörtlichen Engelsgeduld hin, sondern empört sich darüber mehr oder weniger deutlich. Wenn die Maigrets, was selten genug vorkommt, einmal verschiedener Meinung sind wie in “Maigret und die Adligen” so dauert der Zwist nur kurze Zeit, und das Ehepaar findet zu seiner gewohnten Harmonie zurück.

In der Serie nennt sie ihren Gatten bei seinem Vornamen Jules, wie es die literarische Madame Maigret zu Beginn ihrer Ehe in “Maigrets erste Untersuchung” noch tut, während sie ihn in späteren Jahren mit seinem Familiennamen anspricht. Er wiederum ruft sie in den Romanen ebenfalls nicht bei ihrem Vornamen Louise, sondern spricht von ihr als Madame Maigret, während in der Serie das zärtliche “Liebling” und “Schatz” Verwendung findet.

Die filmische Madame Maigret nimmt intensiveren Anteil an der beruflichen Tätigkeit ihres Gatten, da ihr Mann ihr weitaus mehr darüber berichtet als der literarische Maigret dies tut. Sie hält sich zwar mit Ratschlägen zurück, wenn sie jedoch um ihre Meinung gebeten wird, so zögert sie nicht, diese mit Nachdruck zu vertreten. Mitunter wie in “Maigret trifft einen Schulfreund” führt eine von ihr geäußerte Bemerkung dazu, dass sich für ihren Mann die Puzzlestücke des Falles zusammenfügen und ihn zum Täter führen. Nur sehr selten ist sie persönlich in die Ermittlungsarbeit involviert wie beispielsweise in “Frau Maigret als Detektiv” und in “Maigret und der Verrückte”. In beiden Episoden liefert sie ihrem Mann wertvolle Hinweise für dessen Nachforschungen.

Zitat
“Haben Sie Kinder?” fragte er mit dem Seitenblick, den Maigret allmählich kannte.
“Ich habe nur ein kleines Mädchen gehabt, und das ist gestorben.”

(“Maigret in Nöten”)



Die große Tragik im Leben der Maigrets ist der Verlust ihrer Tochter. Das Mädchen ist im Alter von drei oder vier Jahren an einer schweren Krankheit verstorben. Weitere Kinder blieben ihnen versagt, und noch immer ist der Tod ihres Kindes eine offene Wunde für Madame Maigret, denn als eine Nachbarin in “Maigret und der Weihnachtsmann” ebenso takt- wie gedankenlos das Ereignis erwähnt, ringt die sanfte Gattin des Kommissars mit den Tränen. Die tiefe gegenseitige Liebe der Maigrets hat das Ehepaar auch diesen Schicksalsschlag bewältigen lassen.

Rupert Davies und Helen Shingler gestalten die Beziehung zwischen Jules und Louise Maigret weitaus inniger als in den Romanen von Georges Simenon, und jede ihrer gemeinsamen Szenen ist eine wahre Freude für den Zuschauer.

Lord Peter Offline




Beiträge: 608

16.04.2016 19:23
#179 RE: Rupert Davies als "Kommissar Maigret" (auf DVD!) Zitat · Antworten

Liebe Cora Ann, das war wieder eine sehr stimmige und schöne Besprechung zu der wohl am meisten zu Herzen gehenden Folge (wenn auch nicht ganz der Jahreszeit entsprechend ). Vielen Dank und weiter so!

Cora Ann Milton Offline



Beiträge: 5.110

16.04.2016 21:31
#180 RE: Rupert Davies als "Kommissar Maigret" (auf DVD!) Zitat · Antworten

Vielen Dank, Lord Peter!

Ich habe inzwischen die Erstsichtung der vierten Staffel abgeschlossen. Abgesehen von "Maigret und der Weihnachtsmann" ist seitdem "Maigret hilft einem Dienstmädchen" - man könnte die Episode auch "Der Widerspenstigen Zähmung" betiteln - eine meiner absoluten Lieblingsfolgen. Die Wortgefechte zwischen Fèlicie und Maigret sind einfach unwiderstehlich. Hier eine Kostprobe:

Zitat
Maigret: "Was ich denke, geht Sie gar nichts an, Mademoiselle!"
Fèlicie: "So was wie Sie sollte man ausrotten! Sie sind das größte Scheusal, das mir je begegnet ist."

Fèlicie: "Wo gehen Sie hin?"
Maigret: "Arbeiten."
Fèlicie: "Oh - Moment! Sie können mich doch jetzt nicht allein lassen!"
Maigret: "Und ob ich das kann!"
Fèlicie: "Aber das Gewitter ist doch noch nicht vorbei."
Maigret: "Ich kann's nicht abstellen."
Fèlicie: "Und wenn jemand in das Haus einbricht?"
Maigret: "Dann rufen Sie den Polizeibeamten, der drüben steht."
Fèlicie: "Sie Ekel, ich hasse Sie! Hören Sie, ich hasse Sie! Kommen Sie zurück!"

Fèlicie: "Sie bleiben heute Nacht hier?"
Maigret: "Ja. Keine Angst, Sie werden nicht gestört. Zumindest nicht von mir."
Fèlicie: "Sie sind ein widerliches Ekel, finde ich."
Maigret: "Wirklich? Und ich finde Sie süß, Fèlicie."





Obwohl das temperamentvolle Hausmädchen Fèlicie gegenüber Kommissar Maigret um keine kesse Antwort verlegen ist, sucht sie dennoch seinen Schutz

Doch dazu kommen wir später, denn natürlich bleibt Rupert Davies ein Suchtfaktor ersten Ranges.

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