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Dieses Thema hat 139 Antworten
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 Film- und Fernsehklassiker international
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Gubanov Offline




Beiträge: 15.291

16.01.2016 20:36
#106 RE: Die Hammer-Filme. Britische Thriller-, Gothic-, und Gruselperlen Zitat · antworten

Die Synchronisation kursiert mittlerweile wieder in Sammlerkreisen, das kann ich bestätigen. Ich habe sie jedoch selbst nicht vorliegen, da mir englischer O-Ton persönlich absolut ausreicht. Die Chance einer DVD-Neuauflage mit deutschem Ton schätze ich als eher gering ein; evtl. könnte die wiederentdeckte Synchro eher bei einer Blu-ray-Auswertung berücksichtigt werden. Da muss ich aber wiederum passen - ich kenne Kochs Pläne für HD-Auswertungen ihrer Hammer-Titel nicht bzw. wie die Rechtesituation bei diesem Titel im Detail überhaupt aussieht.

patrick Offline




Beiträge: 2.906

20.01.2016 21:39
#107 RE: Die Hammer-Filme. Britische Thriller-, Gothic-, und Gruselperlen Zitat · antworten

The Mummy (Die Rache der Pharaonen, 1959)



Regie: Terence Fisher

Produktion: Hammer Film Productions, GB, Drehzeit: 25.02.1959 - 16.04.1959

Mit: Peter Cushing, Christopher Lee, Yvonne Furneaux, George Pastell, Felix Aylmer, Raymond Huntley, Eddie Byrne



Handlung:

Ägypten 1895: Eine Gruppe Archäologen unter der Führung von Stephen Banning, seinem Sohn Peter und dessen Onkel Joseph Whemple findet die Grabstätte der Prinzessin Ananka und wird von dem Ägypter Mehemet Bey eindringlich vor der Entweihung gewarnt, was die Wissenschaftler wenig beeindruckt. Die Männer wissen jedoch nicht, dass in der Grabkammer außer Ananka auch der Hohenpriester Kharis bestattet wurde, der die Prinzessin liebte. Er wollte diese mit den Worten aus der Rolle des Lebens der Gottheit Karnak nach ihrem Tod wieder zum Leben erwecken, wurde dabei allerdings ertappt und für den Frevel lebendig einbalsamiert, nachdem man ihm die Zunge herausgeschnitten hatte. Als Stephen Banning allein in der Grabkammer ist, liest er laut den Inhalt der Schriftrolle und erweckt dabei Kharis zum Leben. Bei seinem Anblick verfällt er dem Wahnsinn. Sein Sohn Peter und Joseph Whemple können sich seinen Anfall nicht erklären. Drei Jahre später in England befindet sich Stephen Banning, dessen Zustand sich nicht mehr gebessert hat, in einer Nervenheilanstalt. Der seltsame Mehmet Bey ist ein Anhänger des Gottes Karnak und kontrolliert mittlerweile die erweckte Mumie des Kharis, welche er in einer Kiste nach England transportieren lässt, wo sie bei einem Unfall in einem Sumpf landet. Er kann sie allerdings mit den Worten aus der Schriftrolle erneut erwecken. Sie entsteigt dem Sumpf und tötet Stephen Banning in seinem Zimmer. Das zweite Opfer ist Joseph Whemple und auch Peter Banning wird attakiert, wobei die Mumie von ihm ablässt, nachdem sie seine Frau Isobel erblickt, die Ananka täuschend ähnlich sieht. Peter stattet Mehmet Bay anschließend einen Besuch ab und erkennt, dass er hinter den Morden des wiedererweckten Kharis steckt. Beim nächsten Angriff der Mumie auf Peter tritt Isobel erneut in Erscheinung und wird von Kharis entführt, der nun auch Mehmet Bey tötet und mit ihr in den Sumpf steigt, wo er durch mehrere Schüsse vernichtet wird, nachdem er sie loslässt.

Anmerkungen:

Hammers „The Mummy“ ist ein gelungenes Remake des Boris-Karloff-Klassikers von 1932, an dessen Handlung sich der Streifen allerdings nur sehr lose orientiert. Übereinstimmungen sind: die Erweckung der Mumie durch die Worte aus der Schriftrolle des Lebens - der Umstand, dass der, eine verstorbene Prinzessin liebende, Hohenpriester lebendig einbalsamiert wurde - die optische Ähnlichkeit der Leading-Lady mit der altägyptischen Prinzessin, welche die Mumie dazu veranlasst, sie für deren Reinkarnation zu halten - der Wahnsinn, dem jener Wissenschaftler verfällt, der die Mumie aus ihrem Sarkophag steigen sieht - und der Name Joseph Whemple, den einer der Archäologen trägt.

Ansonsten wird eine veränderte, eher an den Film "The Mummy's Hand" von 1940 erinnernde, Geschichte erzählt und eine durchaus gelungene farbige Atmosphäre geschaffen, die dem Fan auch einige, trotz ihrer Künstlichkeit tolle, typisch britische Sumpf-Aufnahmen nicht vorenthält. Die Farben werden teilweise recht verspielt und ohne Anspruch auf Realitätsbezug eingesetzt, was vor allem an dem seltsamen grün innerhalb der Grabstätte und dem merkwürdig roten Sumpf zu erkennen ist. Christopher Lee wandelt, mit Ausnahme der Rückblick-Szenen, im Gegensatz zur 1932er-Mumie vollkommen einbalsamiert herum und wirkt so wesentlich monströser und klischeehafter als die, deutlich menschlicher in Erscheinung tretende, Karloff-Interpretation. Dafür besticht Karloff durch die ihm eigene und einzigartige sinistre Ausstrahlung. Ein Voting zwischen den beiden dürfte die Grusel-Fans in 2 Lager spalten, die entweder das sorgfältig nuancierte Spiel oder den wütenden Berserker bevorzugen, der immerhin Dank Lees Schauspielkunst durch Blicke und Körpersprache ein Maximum aus seinen begrenzten Möglichkeiten herausholt. Aufgrund seiner hühnenhaften Körpergröße, der schwerfälligen Bewegungen und der wirklich eindrucksvollen Sumpf-getränkten Bandagen, entpuppt Christopher Lee sich auch in dieser, mit Sicherheit furchtbar schweißtreibenden, Rolle ein weiteres Mal als Glücksgriff für Hammer. Die Attacken auf seine bedauernswerten Opfer, deren Lebenserwartung er stark reduziert, werden von dem mit übermenschlichen Kräften gesegneten Unhold mit brachialer Gewalt ausgeführt, was diese Version gegenüber der älteren deutlich actionreicher macht. In den Jahren 1964, 1967 und 1971 produzierte Hammer dann noch drei weitere Mumien-Filme, die mit Ausnahme des letzten Streichs ähnlich gestaltete und gern gesehene Aufgüsse darstellen. Chrisopher Lee, dessen Karriere mittlerweile so Richtig in Fahrt kam, nahm allerdings künftig von dieser Art Auftritt Abstand und bevorzugte bequemere Rollen ohne Mummenschanz, in denen die Kamera seine menschlichen Züge zeigen durfte.

Auch Franz Reizensteins (1911-1968) Musik, die in weiteren Mumien-Hammers recycled wurde, ist schön monumental und passt ausgesprochen gut zum Thema. Der noch recht jung wirkende Mittvierziger Peter Cushing spielt, wie gewohnt, lebendig und mit vollem Engagement. Er ist hier so hager, wie man ihn eigentlich erst aus den 70er-Jahren kennt, was an einer überstandenen Ruhr-Erkrankung liegt. Ivonne Furneaux (geb.1928) stellt seine schöne Ehefrau dar und ist rein zufällig das Ebenbild der großen Liebe des titelgebenden Widergängers. Sie wirkte übrigens 1964 auch in "Die Todesstrahlen des Dr.Mabuse" mit. Stammdarsteller und Wiedererkennungs-Ikone Michel Ripper hat eine kleine Rolle als Wilderer, der gegen Ende abgemurkst wird.

Ein Bericht der 1932er-Version findet sich hier:
Monster-, Biester-, Bestien- und Psychothriller - damals und heute

Fazit:

Obwohl diese Hammer-Version nicht den klassischen Flair der 1932er-Universal-Verfilmung ausstrahlt und Boris Karloffs darstellerische Leistung dort nicht getoppt werden kann, gebe ich ihr den Vorzug, da sie flotter, temporeicher und optisch attraktiver daher kommt. Ferner wird im Gegensatz zum 1932-er-Schinken deutlich mehr auf Action gesetzt. 4 von 5 Punkten.

patrick Offline




Beiträge: 2.906

31.01.2016 13:18
#108 RE: Die Hammer-Filme. Britische Thriller-, Gothic-, und Gruselperlen Zitat · antworten

The Lost Continent (Bestien lauern vor Caracas)




The Lost Continent
Directed by Michael Carreras
Produced by Michael Carreras
Written by Michael Nash aka Michael Carreras
Based on Uncharted Seas
by Dennis Wheatley
Music by Soundtrack:
Gerard Schürmann
Songs:
The Peddlers
Cinematography: Paul Beeson
Edited by James Needs
Production
company:
Hammer Films, Seven Arts Productions
Distributed by Warner-Pathé (UK)
20th Century Fox (US)
Release dates:
19 June 1968 (US)
27 July 1968 (UK)
Running time:
91 mins
Country: United Kingdom
Language: English
Budget: Over £500,000[1]

Starring: Eric Porter, Hildegard Knef, Suzanna Leigh, Tony Beckley, Dana Gillespie, Victor Maddern, Michael Ripper


Handlung:

Captain Lansen fährt mit seinem ausgedienten Schiff Corita außerhalb der üblichen Schiffahrtswege Richtung Caracas und hat neben einer Reihe zwielichtiger Passagiere eine ganze Ladung Phosphor B an Bord, das bei Berührung mit Wasser sofort explodieren würde. Er will diese gefährliche und verbotene Fracht verkaufen, da er mit dem Gewinn finanziell ausgesorgt hätte. Allerdings bekommt das Schiff ein Leck, nachdem auch eine Hurrikanwarnung ignoriert wird, was die Crew veranlasst zu meutern und in einem Rettungsboot zu flüchten. Der Captain und die Passagiere bleiben an Bord. Nachdem aufgrund des mit Wasser gefüllten Laderaums, der den Sprengstoff jederzeit zur Explosion bringen kann, und des aufziehenden Hurricans die Lage aussichtslos erscheint, steigen auch Captain Lansen und die Passagiere in ein Rettungsboot und werden auf der Fahrt von sehr seltsamen aggressiven Algen attackiert. Vorher fällt ein Mann, der bei einer Auseinandersetzung im Wasser landet, den Haien zum Opfer. Schließlich stößt die Gruppe völlig unerwartet wieder auf die Corita, die unversehrt ist. Dort wird der Passagier Ricaldi bei einem Schäferstündchen mit der hübschen Unity Webster von einer Art Riesenoctopuss in’s Wasser gezogen. Der weitere Verlauf der Reise führt zu einem seltsamen „Schiffsfriedhof“ vor einer Insel, der aus uralten, im Algenmeer festgefahrenen, Schiffen besteht. Plötzlich wird die Gruppe mit spanischen Konquistadoren konfrontiert, für die dort die Zeit stehengeblieben zu sein scheint, und rettet die hübsche Sarah, die von ihnen verfolgt wird. Diese verlässt das Schiff allerdings wieder und einige Männer machen sich auf die Suche nach ihr, finden sie dabei und treffen auf einen Riesenskorpion, den sie bezwingen können. Allerdings werden sie von den Konquistadoren gefangen genommen und deren jugendlichen König vorgeführt. Der Captain eilt herbei und eröffnet das Feuer. Mit Hilfe des Sprenstoffs werden die Widersacher anschließend überwältigt.

Anmerkungen:

„The Lost Continent“ fängt eigentlich recht vielversprechend an, da in der ersten Hälfte interessante Charaktere in Erscheinung treten, auf deren nicht ganz astreinen Hintergrund man neugierig wird. Auch ist das Ganze von einer düsteren Atmosphäre und einer seltsamen, später von orange durchzogenen, Farbgebung begleitet. Der Spannungsaufbau funktioniert dabei bemerkenswert gut und vor allem Eric Porters (1928-1995) schauspielerische Leistung als nervenstarker, mutiger und entschlossener, aber zeitweise auch skrupelloser, Captain überzeugt. Etwas seltsam mutet an, die alternde Hildegard Knef (1925-2002) in einem Hammer-Film zu sehen. Der den Edgar-Wallace-Fans aus "Das Rätsel des silbernen Dreieck" bekannte Victor Maddern (1926-1993) hat, ebenso wie Michael Ripper (1913-2000), eine Nebenrolle als meuterndes Crew-Mitglied. Sehr hübsch anzusehen sind Suzanna Leigh (geb.1945) als Unity und die damals ers 19-jährige Schauspielerin und Sängerin Dana Gillespie (geb.1949) als Sarah. Ihr größter Hit war übrigens in den 80er-Jahren "Move Your Body Close to Me". Die Leistung sämtlicher Darsteller ist durch die Bank ordentlich.

Leider hält der Film nicht was er zu Beginn verspricht und gleitet später, Dank des Drehbuchs und schwacher Effekte, in einen, für Hammer eigentlich unüblichen, hanebüchenen Thrash ab. Die Riesenoctopusse und Skorpione sind absolut lächerlich und reizlos. Die seltsame „Ausrüstung“, derer man sich bedienen muss um das Algenmeer zu durchschreiten, besteht aus zwei Mini-Ballons und einer an Schneeschuhe erinnernde Fußbekleidung, die jeder tragen muss!!! Auch bleiben zahlreiche Fragen offen, da auf den Hintergrund der Konquistadoren gar nicht eingegangen wird und diese, wie es scheint, einfach nur der Dekoration dienen. Die Story erscheint chaotisch, konfus und unfertig. Diese augenfälligen Schwächen macht so ziemlich alles zunichte, was man sich von dem Streifen in der ersten Hälfte noch erwartet hätte. Der Titelsong der Peddlers allerdings besticht durch einen angenehm schmissigen Sixties-Sound und ist besser als der Film selbst. Hier der Link dazu:

https://www.youtube.com/watch?v=NHvs6_-MxX4

Fazit:

Science-Fiction-Thrash auf unterstem Niveau, der aber zumindest noch eine spannende erste Hälfte und eine gute darstellerische Leistung aufweist. Einer von Hammers Tiefpunkten. 2,5 von 5.

Peter Offline




Beiträge: 2.815

27.02.2016 10:17
#109 RE: Die Hammer-Filme. Britische Thriller-, Gothic-, und Gruselperlen Zitat · antworten

Hier mein Kurz-Feedback für die Hammer-Suspense-Box, die mir insgesamt sehr gut gefallen hat - und die ich beinahe vorbehaltlos* empfehlen kann:

The Snorkel: 4,5 / 5

Never Take Candy from a Stranger: 4,5 / 5

Cash on Demand: 4,25 / 5

Maniac: 4 / 5

Stop Me Before I Kill: 3 / 5

These are the Damned: 2 / 5
*Die einzige Total-Enttäuschung. Brutal dürftig zusammengeklöppeltes Buch, selbst von einem Oliver Reed verzweifelt unglaubwürdig gespielt, führte zu krasser Spätjugendsünde von Joseph Losey, der danach aber mit "The Servant", "Accident", "The Go-Between" oder "Mr. Klein" großartige Wiedergutmachung betrieb.


Gesamteindruck dennoch:


patrick Offline




Beiträge: 2.906

27.02.2016 11:04
#110 RE: Die Hammer-Filme. Britische Thriller-, Gothic-, und Gruselperlen Zitat · antworten

Es freut mich sehr, dass dir die, von uns empfohlen, Box so gefallen hat @Peter . Meine Bewertung der Filme ist deiner sehr ähnlich. Auch für mich fällt "These are the Damned" sehr stark ab. Allerdings ist mein Spitzenfilm in der Kollektion "Maniac", wobei ich hier sicher auf hohem Niveau jammere, nachdem du ihn immerhin mit 4 von 5 bewertest.

Gubanov Offline




Beiträge: 15.291

27.02.2016 11:12
#111 RE: Die Hammer-Filme. Britische Thriller-, Gothic-, und Gruselperlen Zitat · antworten

Ich kann Peters Ranking eigentlich nur zustimmen. Hatte zwar "Never Take Candy" stärker bewertet als "The Snorkel", letzterer ist aber ganz klar gängiger und weist damit den höheren Wiederholungsanreiz auf. Dass "These Are the Damned" so unisono gegenüber den anderen Titeln abfällt, mag auch daran liegen, dass es der einzige Film der Box ist, bei dem man nicht erwartungsgemäß einen richtigen Krimi serviert bekommt - abgesehen davon, dass er für das, was er ist, ziemlich populistisch gerät.

Peter Offline




Beiträge: 2.815

27.02.2016 11:44
#112 RE: Die Hammer-Filme. Britische Thriller-, Gothic-, und Gruselperlen Zitat · antworten

Zitat von Gubanov im Beitrag #111
..... bei dem man nicht erwartungsgemäß einen richtigen Krimi serviert bekommt ....

Für mich persönlich hätte es in diesem speziellen Fall nicht einmal zwingend ein Krimi sein müssen. Mit einem typischen Losey, also doppelbödig, widerborstig und mit versteckten Bosheiten in gesellschaftlichen Entwicklungen sowie in kleinen oder größeren menschlichen Abgründen herumätzend, hätte ich sehr gut leben können. Es war jedoch eine überflüssige Auftragsarbeit, bei welcher der vergebliche Versuch unternommen wurde, zwei lieblos kreierte, in keiner Weise zueinander passende Handlungsstränge mit Gewalt zu verknüpfen. Das Ergebnis ist entsprechend hoffnungslos ausgefallen und erntet zum Pflichtpunkt nur noch einen Mitleidspunkt.

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.491

03.07.2016 14:26
#113 RE: Die Hammer-Filme. Britische Thriller-, Gothic-, und Gruselperlen Zitat · antworten



BEWERTET: "Das düstere Haus" ("Die! Die! My Darling!") Großbritannien 1965
mit: Stefanie Powers, Tallulah Bankhead, Peter Vaughan, Yootha Joyce, Maurice Kaufman, Donald Sutherland u.a. | Drehbuch: Richard Matheson nach dem Roman "Nightmare" von Anne Blaisdell | Regie: Silvio Narizzano

Als die Amerikanerin Patricia mit ihrem Verlobten Alan nach England kommt, will sie der Mutter ihres verstorbenen Verlobten Steven einen Besuch abstatten. Mrs. Trefoile beabsichtigt jedoch, diesen Kondolenzbesuch auszudehnen und die junge Frau auf Herz und Nieren zu prüfen. Als sie merkt, dass Pat einen modernen Lebensstil pflegt, beschließt sie, sie in ihrem Haus gefangen zu halten, um durch die Reinigung ihrer Seele Stevens Platz in der ewigen Herrlichkeit zu sichern....

In den prosperierenden Sechziger Jahren, die in Gestalt von Stefanie Powers in attraktiven Bonbonfarben daherkommen, kommt es zu Konflikten mit der älteren Generation, die einen oder gar zwei Weltkriege miterlebt hat und es oft gar nicht gern sieht, wenn die Jugend den materiellen Wohlstand als selbstverständlich ansieht und damit auch bürgerliche Moralvorstellungen über den Haufen geworfen werden. So richtet das Medium Film den Fokus auch in dieser Produktion auf die Schrecken, die im häuslichen Bereich lauern und zeichnen das Bild einer Frau, die bereits fünf Jahre zuvor als Prototyp der unbarmherzigen Übermutter internationale Erfolge feierte: Mrs. Bates aus "Psycho". Mrs. Trefoile ähnelt ihrer amerikanischen Schwester in so vielen Details, dass selbst Kameraeinstellungen damit kokettieren. Die alleinerziehende Frau, die ihren Sohn behüten und vor negativen Einflüssen schützen will und deren Schuldgefühle ihre restriktive Haltung laufend befeuern. Während man mit Pat mitleidet und sich ärgert, dass jeder ihrer Ausbruchversuche scheitert, liefert Mrs. Trefoile ein psychologisch interessantes Porträt, das zu Spekulationen verleitet. Der Hinweis auf eine Jugend im glamourösen Rampenlicht - vor ihrer Ehe - und die Tatsache, dass sie mit diesem Leben nach ihrer Heirat radikal brach, zeigen Parallelen zwischen den auf den ersten Blick grundverschiedenen Frauen auf. Es ist denkbar, dass Mrs. Trefoile erst durch ihren Ehemann und seinen frühen Tod einem religiösen Fanatismus verfiel und damit ihre innere Leere kompensieren wollte. Der Glaube an einen strafenden Gott hatte sich bei ihr festgesetzt und verbot ihr jegliche weltlichen Genüsse, wie man in der Szene sieht, in der sie - in einem Moment der Schwäche - zu Lippenstift und Portwein greift.

Freilich zeigen die Fortschritte in der Gehirnforschung Erklärungen über die emotionale Fixierung von Frauen auf Problemen auf und ihren dringlichen Wunsch, sie bestmöglich zu lösen. Dr. Daniel Amen fand heraus, dass weibliche Gehirne besonders im präfrontalen Cortex und im limbischen Cortex aktiv sind, den Regionen, die Empathie, Intuition, Teamarbeit und Selbstkontrolle regulieren. Gleichzeitig sind Frauen deshalb empfänglicher für die Unfähigkeit, ihre Gedanken abschalten zu können. Am Beispiel von Mrs. Trefoile bedeutet es, dass sie sich nicht von negativen Gedanken und Verhaltensweisen lösen kann und immer mehr Menschen in den Sog nach unten zieht. Sie herrscht über das Haus und seine Bewohner und zelebriert selbst den Gottesdienst. Patricia unterschätzt die Macht ihrer Gastgeberin im naiven Glauben, sich jederzeit frei bewegen zu können und keinem Menschen Rechenschaft schuldig zu sein. Zwei Welten prallen aufeinander und die Sorge des Zusehers drückt sich im ungläubigen Staunen aus, das die junge Frau befällt, als sie merkt, dass sie in den Händen einer Psychopathin ist. Die alte Frau versagt sich selbst die sadistische Freude am Leid ihrer jungen Nebenbuhlerin; diese manifestiert sich in der Gestalt des Hausmeisters, der persönliche Vorteile in der Anwesenheit einer attraktiven Frau sieht und nur zu gern jenen Dingen frönt, die Mrs. Trefoile verteufelt. Seine Frau ist hin-und hergerissen zwischen dem Wunsch, auszubrechen und zu gehorchen und erweist sich als besonders radikal, wenn es um das Quälen des beneideten "Gastes" geht. Der dumbe Gärtner ist freilich eine unberechenbare Figur im Spiel und dient nur der Betonung des grassierenden Wahnsinns, der sich an diesem idyllischen Fleckchen wie ein Fieber ausgebreitete.

Schöne junge Frau geht ahnungslos in die Fänge einer alten Hexe - dieses Rezept funktionierte bereits zu Zeiten der Volksmärchen hervorragend. Eine verbissen Widerstand leistende Stefanie Powers ringt mit einer sich noch einmal aufbäumenden Tallulah Bankhead, die zeigt, welchen Schaden Altersstarrsinn anrichten kann. Exzellente Kameraführung, herbstlich modernde Schauplätze und eine Anspannung, die bis zur letzten Sekunde anhält, sorgen dafür, dass man der Story wie gefesselt folgt. 4 von 5 Punkten

patrick Offline




Beiträge: 2.906

09.10.2016 11:05
#114 RE: Die Hammer-Filme. Britische Thriller-, Gothic-, und Gruselperlen Zitat · antworten

The Nanny (War es wirklich Mord?)



Filmdaten:

Deutscher Titel: War es wirklich Mord?
Originaltitel: The Nanny
Produktionsland: Vereinigtes Königreich
Originalsprache: Englisch
Erscheinungsjahr: 1965
Länge: 89 Minuten
Altersfreigabe: FSK 16

Stab:

Regie: Seth Holt
Drehbuch: Jimmy Sangster
Produktion: Jimmy Sangster
Musik: Richard Rodney Bennett
Kamera: Harry Waxman
Schnitt: Tom Simpson

Besetzung:

Bette Davis: Nanny, William Dix: Joey Fane, Wendy Craig: Virginia „Virgie“ Fane, Jill Bennett: Tante Pen, James Villiers: Bill Fane, Pamela Franklin: Bobby Medman, Jack Watling: Dr. Medman, Maurice Denham: Dr. Beamaster, Alfred Burke: Dr. Wills, Angharad Aubrey: Susy Fane


Handlung:


Der 10-Jährige Joey wird von seinem Vater und der Nanny der Familie von einer psychiatrischen Klinik abgeholt, wo er zwei Jahre untergebracht war, da ihm die Schuld am Tod seiner kleinen Schwester Susy angelastet wird. Joey ist ein schwieriges und eigensinniges Kind, das makabere Scherze liebt und die Nanny sowohl hasst als auch fürchtet. Letztere gibt sich zwar alle Mühe, ihm entgegenzukommen, doch wird sie von ihm immer wieder zurückgewiesen, da er überzeugt ist, sie wolle ihn umbringen. Lediglich bei Bobby, der 14-Jährigen Tochter des im oberen Stock wohnenden Arztes, findet er Gehör. Mit ihrer Hilfe legt er eine Puppe in die Badewanne und positioniert sie so, wie seine 2 Jahre zuvor dort ertrunkene Schwester, womit er die Nanny an den Rande eines Nervenzusammenbruches bringt. Während Joeys Vater sich auf Geschäftsreise befindet, muss die Mutter mit einer Vergiftung in's Krankenhaus gebracht werden und seine herzkranke Tante Pen kommt in's Haus, da er auf keinen Fall mit der Nanny alleine sein will. Noch vorher findet die Nanny in seinem Bett ein Mittel, durch das die Mutter offensichtlich vergiftet wurde. Doch wer hat dieses dort hingebracht - Joey oder doch die Nanny selbst? Im Rückblick erfährt man dann auch, was mit der kleinen Susy tatsächlich passiert ist. Eines Nachts erscheint Joey tropfnass in Tante Pens Schlafzimmer und behauptet, die Nanny wollte ihn ertränken. Später erblickt Pen die Nanny mit einem Kissen in der Hand vor Joeys Zimmer, wodurch sie sofort alarmiert wird, da die Nanny sich einmal eindeutig gegen Kissen in Kinderbetten geäußert hat. Unmittelbar darauf erleidet sie einen Herzanfall und nur die Nanny hat die lebensnotwendigen Medikamente in Reichweite...

Anmerkungen:

"The Nanny" ist eine Mischung aus Thriller und Psychodrama von Scream-of-Fear-Regisseur Seth Holt (1923-1971). Der Film bezieht, trotz seines langsamen und gemächlichen Tempos, sehr viel Spannung aus der durchaus fesselnden Geschichte. Während zunächst nicht klar ist, ob der kleine Joey lediglich an einer Paranoia leidet, oder ob die Gutmütigkeit der sehr pflichtbewussten Nanny nur eine Fassade ist, verdichten sich im weiteren Verlauf die Hinweise, dass doch eher Letzteres der Fall ist. Der Rückblick, der zeigt, welcher Umstand zu Susies Tod geführt hat, sorgt dann für Klarheit in der angespannten Beziehung zwischen den Beiden.

Hervorzuheben ist die bemerkenswerte Darstellung, sowohl der alten Bette Davis (1908-1989) mit ihrem gütigen und sanftmütigen Mienenspiel, dass dann aber auch rasch umschlagen kann, als auch des sehr jungen William Dix (geb.1955), dessen schmollende Züge seine nicht ganz pflegeleichte Disposition sehr gut unterstreichen. Dass der grundsätzlich sehr kluge Junge bei seinen Scherzen kaum Grenzen kennt, wird bereits zu Beginn demonstriert, wo er vortäuscht, sich erhängt zu haben. Auch verfehlt ein von ihm heruntergestossener Blumentopf um Haaresbreite einen Milchmann, was tödlich hätte enden können. Auf jeden Fall liefern er und die alte Dame sich ein eindrucksvolles Katz-und-Maus-Spiel, bei dem man lange nicht weiß, woran man eigentlich ist. Psychologisch hat der Film durchaus einiges zu bieten. Es wird hier sehr stark mit Traumata, verdrängtem Schmerz und daraus resultierenden krankhaften psychotischen Auswüchsen gearbeitet. Joeys Mutter wird als schwache, psychisch labile und der Vater als nicht unbedingt empathische, moralisch wenig Unterstützung bietende Person dargestellt, was die Notwendigkeit einer Nanny im Haushalt rechtfertigt. Letztere legt angesichts ihres Alters grossen Wert darauf, vertrauenswürdig zu erscheinen, um ihren Job bei der Familie unter allen Umständen zu behalten.

Allerdings hat der Streifen auch seine Schwächen. Die Titelmelodie ist zwar recht ansprechend, die restliche Filmmusik dafür eher unauffällig. Die Inszenierung hat den Charakter eines Kammerspiels, was besonders in den gemeinsamen Szenen mit Joey und Bobby zum Tragen kommt. Auch das schwarz-weiße Licht-Schatten-Spiel wurde in anderen Filmen wesentlich besser umgesetzt. Die genannten Einwände und die etwas zu heimelige Atmosphäre nehmen dem Ganzen irgendwie die Würze und auch den Schwung. Die Badezimmerszene am Schluss ist jedoch sehr wirkungsvoll und atmosphärisch geraten, was nicht zuletzt der sehr stimmigen Darstellung zu verdanken ist. Das Happy-Ending ist aufgezwungen, da Drehbuchautor Jimmy Sangster es anders haben wollte.

Übrigens wird hier zumindest die Möglichkeit eines Kindermordes eingebracht, was Anno 1965 noch ein sehr tabuisiertes Thema war. Allerdings wurde diese Grenze bereits 1960 durch den Film "Never take Candy from a Strange" überschritten, was womöglich auch ein Mitgrund für den fehlenden Erfolg des genannten Streifens war. Nach "The Nanny" machte Hammer eine gut 4-Jährige Thriller-Pause und wagte sich erst 1969 mit "Crescendo" wieder an dieses Sub-Genre heran.

Fazit:

Spannendes Psychodrama, aus dem aber rein atmosphärisch sehr viel mehr herauszuholen gewesen wäre. Gute 3,5 von 5.

Gubanov Offline




Beiträge: 15.291

09.10.2016 11:10
#115 RE: Die Hammer-Filme. Britische Thriller-, Gothic-, und Gruselperlen Zitat · antworten



War es wirklich Mord? (The Nanny)


Krimidrama, GB 1965. Regie: Seth Holt. Drehbuch: Jimmy Sangster (Romanvorlage: Evelyn Piper [d.i. Marryam Modell]). Mit: Bette Davis (Kindermädchen), Wendy Craig (Virginia „Virgie“ Fane), Jill Bennett (Tante Pen), James Villiers (Bill Fane), William Dix (Joey Fane), Pamela Franklin (Bobbie Medman), Jack Watling (Dr. Medman), Maurice Denham (Dr. Beamaster), Alfred Burke (Dr. Wills), Harry Fowler (Milchmann) u.a. Uraufführung (USA): 27. Oktober 1965. Uraufführung (GB): 7. November 1965. Uraufführung (BRD): 24. Juni 1966. Eine Produktion der Hammer Film Productions für Warner-Pathé Distributors.

Zitat von War es wirklich Mord?
Der zehnjährige Joey Fane hat die letzten 24 Monate in einer Jugendanstalt verbracht, weil er zu Hause nicht mehr essen und schlafen wollte. Nach seiner Kurierung wird er wieder ins Elternhaus geholt und zeigt eine regelrecht bösartige Abneigung gegenüber dem Kindermädchen. Auch seine Eltern fährt er erzürnt an, als sie ihn zurechtweisen. Zunächst scheint es, als würde Joey nur ein Gerücht verbreiten, als er behauptet, seine Nanny wolle ihn vergiften. Doch dann wird Joeys Mutter mit Lebensmittelvergiftung ins Krankenhaus eingewiesen!


Seth Holts erster Hammer-Auftrag erwies sich als absoluter Genre-Glücksgriff, denn „Ein Toter spielt Klavier“ bildete eine erfolgreiche Blaupause für zahlreiche ähnlich gelagerte Psychothriller aus dem gleichen Stall. Seine zweite Arbeit für die berühmt-berüchtigte Produktionsfirma hat weniger Thrillercharakter, sondern wird von Autor und Produzent Jimmy Sangster als klassisches Drama bezeichnet. Einer der größten Unterschiede zu den üblichen Hammer-Thrillern ist, dass die verschworene Gemeinschaft in „War es wirklich Mord?“ nicht aufgebrochen wird: Üblicherweise ist das Eintreffen eines Fremden in eine eng zusammengewachsene Gruppe von Geheimnisträgern der Auslöser schrecklicher Ereignisse. Hier gibt es keinen Fremden, keinen Außenseiter: Eine Familie und ihre Nanny steht im Mittelpunkt – und gerade der Umstand, dass es sich um den Inbegriff eines geschützten Personenkreises handelt, macht die abseitigen Momente des Films so besonders wirkungsvoll.



Kinder als unheimliches Element waren schon seit dem Erfolg von „Schloss des Schreckens“ (1961) keine wirkliche Neuerung mehr. Dass „War es wirklich Mord?“ dennoch so blendend funktioniert, liegt daran, dass Joey Fane und seine Familie dem Zuschauer deutlich realer erscheinen als die distanzierte Korsettwelt des viktorianischen Klassikers. Die bösen Streiche und wilden Anschuldigungen, mit denen Joey jeden gegen sich aufbringt, wirken greifbarer und realistischer. Der Film nimmt weitgehend Abstand von den üblichen Hammer-Übertreibungen und -Vulgaritäten und konzentriert sich ganz auf jene Frage, die auf den Kinoplakaten prangte: „Would you trust the nanny ... or the boy?“

Im Fall Joeys gegen das Kindermädchen steht Aussage gegen Aussage. Der Junge zeigt sich aggressiv und verschlagen, während die Angestellte ihm zuvorkommend, ja regelrecht devot entgegentritt. Den vielleicht größten Anteil an seinem Funktionieren stützt „War es wirklich Mord?“ auf den exzellenten Kinderdarsteller William Dix, der in allen Szenen natürlich und ungezwungen wirkt und verschiedenste Gemütslagen zum Ausdruck bringt, ohne je übertrieben zu wirken.

Zitat von Tipping My Fedora: „The Nanny“ – Tuesday’s Forgotten Film, Quelle
William Dix as the disturbed Joey Fane gives a truly impressive performance, his apathy and potential cruelty conveyed convincingly without resorting to obvious tricks. More importantly he is also able to sustain several important long-ish scenes, his performance not obviously created in the cutting room as is so often the case when dealing with child actors. His scenes with his neurotic mother, his young upstairs neighbour and especially opposite the mighty Davis are all equally impressive.


Für den Jungen spricht vor allem seine Gegenspielerin: Nach ihrem Erfolg als Horror-Schreckschraube in „Was geschah wirklich mit Baby Jane?“ (1962, Titelähnlichkeit mit der Synchronfassung dieses Hammers sicher nicht ganz zufällig) erwartet man von Bette Davis fast selbstverständlich eine bitterböse, aufgedrehte Performance. Die Hollywood-Diva, die mit ihrer Exzentrik am Set so manchem im Hammer-Team arg zusetzte, präsentiert sich auf der Leinwand jedoch überraschend zurückhaltend: Sie schlägt die Saiten der Gefühlsklaviatur nur sehr zurückhaltend an und macht aus ihrer Nanny ein beinah bemitleidenswertes Kabinettstück, dessen gruseligste Seite ihre andauernde Freundlichkeit ist. Das Time Magazine beurteilte Davis’ Darstellung als „her essay on the servant problem, and may be taken as antidote by those who found Mary Poppins too sweet to stomach“.



Obwohl der Film über die weitesten Strecken nur im Hause der Fanes spielt, wirkt er abwechslungsreich und sieht auch teuer aus. Das umfangreiche Set trug dazu ebenso bei wie die exzellente Besetzung abseits der beiden ungewöhnlichen Duellanten. Eine von Jill Bennett kompetent dargestellte Tante dient als voraussehbarer Schockmoment des Films (sie hat ein schwaches Herz und darf sich nicht aufregen ... was wird wohl passieren?) und die junge Pamela Franklin als einzige Verbündete des aufmüpfigen Teenagers. Am interessantesten erscheinen allerdings die selbstgefälligen Eltern Fane: Den Umstand, dass sie für die Filmhandlung nur eine absolut untergeordnete Rolle spielen, formulierte Sangster in die raffinierte Frage um, warum sie sich nicht stärker in das Problem zwischen ihrem Sohn und der Nanny involvieren. Der beruflich eingespannte, oft abwesende Vater, der glaubt, es sei mit einigen harrschen Ermahnungen getan, und die aufgelöste, unselbstständige Mutter, die der Fürsorge der Nanny mehr bedarf als ihr zehnjähriges Kind, spielen dem Konflikt zusätzlich in die Hände, was von James Villiers und Wendy Craig auf ernste Weise unterstrichen wird. Inwiefern der vom amerikanischen Vermarktungspartner durchgesetzte Bilderbuchschluss, an dem es zu einer Aussöhnung zwischen Joey und seiner Mutter kommt, im darauffolgenden Familienleben der Fanes Bestand haben wird, darf also durchaus angezweifelt werden.

Feines Familiendrama mit tragischen Momenten und erstklassigen Schauspielerleistungen. Deutlich über Hammer-Durchschnitt, auch in der Plastizität der Handlungsträger. 5 von 5 Punkten.



Die DVD von Studio Canal / Optimum Releasing (UK-Import): Die DVD, ebenfalls aus der Reihe „The Hammer Collection“, verfügt über eine sehr ähnliche Ausstattung wie die britische Veröffentlichung von „Nachts kommt die Angst“. Der qualitativ saubere Filmtransfer kommt in angenehmem, nicht überstrahltem Schwarzweiß daher. Es muss allerdings eine sehr leichte Bildformatabweichung verzeichnet werden, denn auf der DVD hat das Bild fast genau die volle 16:9-Dimension – also 1,78:1 –, während das originale Bildformat 1,85:1 beträgt. Auf die Bildwirkung hat das freilich keine spürbare Auswirkung. Gut verständlicher englischer Ton sowie ein 2006 aufgenommener Audiokommentar von Hammer-Experte Marcus Hearne mit Autor und Produzent Jimmy Sangster und continuity girl Renee Glynne stehen im Audiobereich zur Auswahl; leider wird keine der beiden Spuren durch Untertitel ergänzt. Die informativen Ausführungen von Hearne, Sangster und Glynne lassen über das Fehlen anderweitiger Extras locker hinwegblicken. Solides Paket für eine starke Hammer-Produktion!

Count Villain Offline



Beiträge: 3.894

09.10.2016 18:59
#116 RE: Die Hammer-Filme. Britische Thriller-, Gothic-, und Gruselperlen Zitat · antworten

Zitat
Das Happy-Ending ist aufgezwungen, da Drehbuchautor Jimmy Sangster es anders haben wollte.



Was wäre denn der ursprüngliche Schluss gewesen?

patrick Offline




Beiträge: 2.906

09.10.2016 22:51
#117 RE: Die Hammer-Filme. Britische Thriller-, Gothic-, und Gruselperlen Zitat · antworten

Zitat von Count Villain im Beitrag #116

Zitat
Das Happy-Ending ist aufgezwungen, da Drehbuchautor Jimmy Sangster es anders haben wollte.



Was wäre denn der ursprüngliche Schluss gewesen?



Laut der literarischen Vorlage ist die Teenagerin Bobby (Tochter des im oberen Stock wohnenden Arztes) eine nymphomanische und drogensüchtige Psychopathin. Der wegen der negative Entwicklung seiner Tochter frustrierte Arzt verabreicht Joey eine tödliche Dosis Morphium, um die Welt vor einem weiteren, seiner Tochter ähnlichen, Psychopathen zu bewahren. Joey stirbt darauf in den Armen seiner Mutter. Im Film nehmen sie sich in guter alter Happy-End-Manier erleichtert in die Arme. Auch die Nanny stirbt in der Vorlage, nachdem sie über einen Draht stolpert, den Joey an der Türschwelle zu seinem Zimmer gespannt hat. Wie sehr sich Sangster an diese Vorlage halten wollte, entzieht sich leider meiner Kenntnis, aber zumindest wollte er beide sterben lassen.

Gubanov Offline




Beiträge: 15.291

10.10.2016 07:48
#118 RE: Die Hammer-Filme. Britische Thriller-, Gothic-, und Gruselperlen Zitat · antworten

Im Audiokommentar zum Film erwähnt Sangster nur, dass die letzte Szene im Krankenhaus auf Wunsch des amerikanischen Verleihers mehrere Wochen nach Drehschluss nachgefilmt werden musste. Mit dem ursprünglich gedrehten Material wäre der Film einfach mit der vorangegangenen Szene im Hause Fane ausgeklungen - dass Sangster zunächst ein inhaltlich ganz anderes Ende plante, wie @patrick berichtet, hatte ich bisher noch nicht gehört / gelesen.

patrick Offline




Beiträge: 2.906

10.10.2016 10:44
#119 RE: Die Hammer-Filme. Britische Thriller-, Gothic-, und Gruselperlen Zitat · antworten

In dem Buch "Hammer Films, Psychological Thrillers 1950-1972" von David Huckvale steht folgendes:

Achtung Spoiler!!!

Zitat
...Her attempt to drown Joey at the end of the film, brilliantly intercut by Seth Holt with flashbacks of the earlier accident, is thus explained as the product of a deranged but not criminal mind: after all, Nanny stops short of actually killing Joey and pulls him from the water just in time. Nanny survives but is a broken woman. In the novel, she is killed (some time before the end), having tripped over the rope Joey has tied as a tripwire over the threshold of his door...

...Though Joey survives in the film, in the novel he is injected with morphine by Dr.Meducca, who wants to rid the world of another little psychopath like his daughter. Joey is held in his mother`s arms as the doctor injects him, Virgie thinking her son is being given a dose of penicillin....Even as it stood, Sangster was forced to add an optimistic epilogue, reuniting Joey with his mother in her hospital bed, all ending happy ever after. Having seen the original version, the head of Twentieth Century-Fox insisted, "You can`t end a movie that way. It's too downbeat. Have everybody leaving the theater in a bad mood. Cheer 'em up, for Christ's sake. Give 'em a happy ending.



@Gubanov Es ist stark zu bezweifeln, dass Sangsters "original version" so ausgesehen hat, zumal er ja in die Badezimmerszene etwas Hitchcock'sche Psycho-Atmosphäre einbringen wollte, was bei oben beschriebenem Verlauf wohl nicht mehr möglich gewesen wäre. Ausserdem wird das ganze im genannten Buch als zu grotesk kritisiert. Leider wird nicht erwähnt, was Sangster ursprünglich für einen Schluß drehte, aber der Bericht suggeriert, dass sowohl Joey als auch die Nanny sterben.

Gubanov Offline




Beiträge: 15.291

10.10.2016 19:20
#120 RE: Die Hammer-Filme. Britische Thriller-, Gothic-, und Gruselperlen Zitat · antworten

Zitat von patrick im Beitrag #119
Leider wird nicht erwähnt, was Sangster ursprünglich für einen Schluß drehte, aber der Bericht suggeriert, dass sowohl Joey als auch die Nanny sterben.

Vielleicht trug man sich irgendwann im Entwicklungsprozess des Films mal mit anderen Gedanken zum Ende, aber, wie gesagt, es gab letztlich nie einen alternativen gedrehten Schluss, sondern halt nur eine Szene weniger. Hier mal der entsprechende Ausschnitt aus dem AK (S = Sangster, H = Hearne) - beginnend bei der Szene, (Spoiler) in der Nanny weinend an der Badewanne hockt und dann ihre Sachen zusammenpacken geht:

S: This is the natural end to the film. There's nothing else of any importance to happen. She goes into her room, and she starts to pack.
H: Now we should explain at this point that Hammer's films were distributed by many different people throughout the world. This one was distributed by Warner-Pathé in this country, and it also was co-financed by Seven Arts, but also, crucially, in America its theatrical distribution was handled by 20th Century Fox. The head of 20th Century Fox's worldwide distribution was a man called Seymour Poe. Tell us about him.
S: He was in London, and he wanted to see the movie. So Seth and I took it around to Fox - the rough cut. He watched it, and we reached that scene where she starts packing her stuff. We said 'That's it'. He said: 'What do you mean, 'that's it'? Where's the ending?' We said: 'That is the ending.' He said: 'You can't end a movie like that. You've got to end a movie upbeat.' So we had to build a set, get to the studio again and shoot this one last scene. Alright, it doesn't destroy the movie. But I don't think it does the movie any good.
H: Because Seymour Poe needed a happy ending.
S: Everybody goes out, 'Oh that's fine', instead of going out saying 'Oh, I wonder what's happened to Nanny'. They should go out laughing, not thinking about the movie. Still - it was their [Fox's] money, they were entitled.


Es ist wohl auch nur logisch, dass sich Sangster nicht an das Buchende hielt, denn in der Beschreibung von Huckvale kommt es mir schon sehr abstrus und für damalige Verhältnisse natürlich unverfilmbar vor. Dementsprechend würde ich Sangsters Umarbeitung auf jeden Fall bevorzugen, ähnlich wie etwa Vajdas Drehbuchfassung über Dürrenmatts Original bei "Es geschah am helllichten Tag".

Zudem muss man bei allem Kritischen, was man über das angepappte Happy-End sagen könnte, berücksichtigen, dass es durchaus dramaturgisch ganz sinnvoll ist, nach deren langer Abwesenheit nochmal wenigstens eins der Elternteile vor die Kamera zu holen. Der Film wäre mir persönlich wohl auch sonst "unvollständig" vorgekommen.

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