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 Film- und Fernsehklassiker national
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Ray Offline



Beiträge: 1.003

09.03.2018 18:33
#91 RE: Die 1970er-"Tatort"-Kommissare: Haferkamp (Hansjörg Felmy) Zitat · antworten

Fall Nr. 20: Schönes Wochenende (Tatort-Folge 118, BRD 1980)

Regie: Wolfgang Staudte

Darsteller: Hansjörg Felmy, Willy Semmelrogge, Karin Eickelbaum, Dieter Prochnow, Birke Bruck, Peter Millowitsch, Dirk Dautzenberg, Willi Thomczyck, Uwe Ochsenknecht u.a.



Der ehemalige Sträfling Michalke plant mit zwei anderen Männern einen Überfall auf einen Großmarkt in Essen. Als sein alter Zellengenosse Brem, der Michalke die Pläne für das Gebäude beschafft hatte, mehr finanzielle Beteiligung fordert, erschießt Michalke diesen kurz entschlossen. Nachdem der Überfall zunächst planmäßig über die Bühne geht, wird entgegen der Anweisungen der Räuber der Alarm ausgelöst. Michalke deponiert das erbeutete Geld in einem großen Karton, den er im Markt abstellt zwischen anderen unterstellt, um diesen später regulär aus dem Markt zu schaffen. Die vermeintlich gut versteckte Leiche Brems wird jedoch schneller gefunden als geplant und wenig später sieht Haferkamp bereits eine Verbindung zwischen Mord und Überfall...

Dieser letzte Fall für Kommissar Haferkamp verläuft anders, als man sich dies unvoreingenommen vorstellt – völlig normal. Keine lebensbedrohliche Situation für Haferkamp oder gar ein Serientod, keine abermalige Heirat mit Ingrid als Schlusspointe: „Schönes Wochenende“ ist vielmehr eine reguläre Episode. Das liegt wohl daran, dass – wie aus den obigen Ausführungen von Georg ersichtlich ist – Felmy seinen Ausstieg beschloss oder dies zumindest dem WDR erklärte, nachdem die dann letztlich finale Episode bereits abgedreht war. Zwar verließ er so die Serie zu einem Zeitpunkt, in dem er sich großer Beliebtheit erfreute. Dennoch hätte man dem Kommissar einen besseren Abgang gewünscht. Denn die Episode gibt – von dem ordentlichen Beginn abgesehen – nicht sonderlich viel her. Dieter Prochnow verleiht der Figur Michalke nur sehr wenig Profil, weswegen man seine Verhaftung weitgehend emotionslos hinnimmt.

Wenn auch der Fall selbst wenig fesselt, so zeigen sich zumindest Felmy, Semmelrogge und Eickelbaum nochmals in bester Form. Haferkamp führt eine Spur ins westfälische Lüdenscheid. Hier wollte das Todesopfer hin, um ein Hotel aufzusuchen und an diesem Ort wird Haferkamp die beiden Delikte zusammenführen. Doris Zils, die das Hotel betreibt und die Brem treffen wollte, war zugleich einst die Geliebte Michalkes. Mit ihr tanzt Haferkamp auf einer Feier, da Ingrid zunächst erklärt, entgegen dem Vorschlag Haferkamps nicht nachkommen zu wollen, da sie Karten für einen Woody Allen-Film habe. Schießlich kommt sie doch. Da sie aber schnell müde und Haferkamp am nächsten Morgen bereits wieder von Kollege Kreutzer abgeholt wird, wird nichts aus dem „schönen Wochenende“ zu zweit. Als Willy sich zu den beiden an den Frühstückstisch setzt, sieht man nochmal beispielhaft, wie Haferkamp das Verhalten seines Untergebenen gegenüber Dritten manchmal unangenehm ist. Willy ist sich dies bewusst, lässt sich aber wie eigentlich immer nicht beirren. An solchen Szenen erkennt der Zuschauer, wie gut sich das Gespann im Laufe der Folgen entwickelt und zueinander gefunden hat. Die schauspielerische Chemie stimmt. Hinter Kreutzers Schreibtisch prangt in dieser Episode übrigens ein Wimpel von Rot-Weiss Essen. Über eine Zuneigung des Jazz-Freundes Haferkamp zur „schönsten Nebensache der Welt“ wird nebenbei bemerkt in der Serie nichts bekannt.

Alles in allem ist "Schönes Wochenende" sicher kein Highlight, aber die gut aufgelegten Stammakteure sorgen doch für launige Kurzweil.


Inhaltlich hätte man dem sympathischen Ermittler sicher einen besseren Abschied gegönnt. Weil Felmy, Semmelrogge und Eickelbaum immerhin bestens aufgelegt sind, ist „Schönes Wochenende“ trotzdem noch eine recht nett anzusehene Folge geworden. 3,5 von 5 Punkten.

Gubanov Offline




Beiträge: 15.392

10.03.2018 18:08
#92 RE: Die 1970er-"Tatort"-Kommissare: Haferkamp (Hansjörg Felmy) Zitat · antworten

Danke, @Ray, für deine Komplett-Besprechung der Haferkamp-Tatorte. Mich haben die beiden Folgen, die ich bisher kenne, zwar nicht über Gebühr überzeugt (weder inhaltlich noch darstellerisch oder inszenatorisch), aber ich werde auf jeden Fall nochmal einen oder zwei Fälle antesten, die du als besonders gelungen hervorgehoben hast. Tendenziell scheinen sich diese auch eher am Anfang der Reihe zu konzentrieren.

Bekommen wir noch ein Round-up, z.B. in Form einer Rangliste?

Ray Offline



Beiträge: 1.003

11.03.2018 00:10
#93 RE: Die 1970er-"Tatort"-Kommissare: Haferkamp (Hansjörg Felmy) Zitat · antworten

Danke für die nette Rückmeldung! Es freut mich, wenn meine Besprechungen das Interesse an der Sichtung von (weiteren) Haferkamp-Tatorten geweckt haben.

Hatte ohnehin ein zweiteiliges Schluss-Resümee geplant. Teil 1 mit ein paar abschließenden Gedanken zur Haferkamp-Ära, als zweiter Teil folgt dann mein persönliches Ranking der 20 Haferkamp-Tatorte.


Fazit zur Ära Haferkamp

Trotz des schwächeren letzten Viertels, in dem die Storys oft zumindest in Sachen Spannung nicht mit denen der vorangegangenen Folgen mithalten konnten, kann ich ein absolut positives Gesamtfazit ziehen. Die Haferkamp-Tatorte sind für Freunde des deutschen Kriminalfilmes insgesamt definitiv zu empfehlen.

Als Grund lässt sich zunächst die Hauptfigur Haferkamp und dessen Interpretation durch Hansjörg Felmy anführen. Anders als bei anderen Krimiserien wie „Der Kommissar“ oder „Der Alte“ benötigt der Zuschauer nicht mehrere Folgen, um mit dem Ermittler warm zu werden. Bereits in der ersten Episode bringt Felmy den Zuseher auf die Seite seiner Ermittlerfigur. Sein Job ist Segen, aber auch oft Fluch, weil er seine Arbeit allzu häufig zumindest gedanklich mit nach Hause nimmt. Daran scheiterte nicht zuletzt auch die Ehe zu Ingrid. Interessanterweise läuft es nach der Scheidung besser zwischen beiden. Sie treffen sich regelmäßig in Restaurants oder Kneipen, laden sich – inklusive nächtlicher Zweisamkeit – in ihre jeweiligen eigenen Wohnungen ein und verbringen sogar (Kurz-)Urlaube zusammen, jedoch oft wiederum mit dienstlichem Konnex. Denn Haferkamp spannt seine Ex-Gattin nur zu gern in seine Ermittlungen ein, da sie durch ihre künstlerische Tätigkeit – sie ist Fotografin – viele Leute innerhalb und außerhalb von Essen kennt. Und Ingrid scheint es grundsätzlich durchaus Spaß zu machen, Haferkamp unter die Arme zu greifen. Zu Kollege Willy hat er ein gutes Verhältnis, obwohl er diesen gerne maßregelt, um, wie Willy dann regelmäßig zum Ausdruck bringt, ihm zu zeigen, dass er sein Vorgesetzter ist, oder ihm mit schlechter Laune gegenüber tritt. Wenn sie sich einmal richtig zoffen, versöhnen sie sich in aller Regel bereits im nächsten Moment wieder und gestehen gegenseitig Fehler ein. Vereint sind sie in ihrer Ablehnung gegenüber ihrem Vorgesetzten, mit dem sie oft unterschiedlicher Auffassung über die Vorgehensweise in einem Fall sind.

Auf dem Regieposten dominieren zwei Wolfgangs, nämlich Wolfgang Becker und Wolfgang Staudte mit 9 bzw. 5 inszenierten Episoden. Wolfgang Becker scheint mit seinem temporeichen, spannungsorientierten Stil am besten zur Reihe zu passen. Er inszenierte auch das Highlight der Reihe: „Die Abrechnung“. Das Drehbuch zu diesem und einigen weiteren gelungenen Vertretern der Serie schrieb Karlheinz Willschrei.

Gerade in den ersten Folgen gibt es viele Gastauftritte von Darstellern aus dem deutschen Kriminalfilm der 1960er-Jahre. So sieht man im Laufe der Reihe etwa Lil Dagover, Margot Trooger, Gisela Uhlen, Günther Stoll, Wolfgang Kieling oder Maria Schell. Manche Gastdarsteller sind sogar mehrfach zu sehen (Alexander Kerst, Heinz Bennent, Heinz Baumann, Gracia Maria Kaus).

Zum Schluss noch ein paar Bemerkungen zur DVD-Veröffentlichung: Icestorm hat die Ära Haferkamp erstmals vollständig auf DVD veröffentlicht, wobei man das „vollständig“ relativieren muss, denn bei zwei Folgen („Die Abrechnung“ und „Drei Schlingen“) fehlen ca. 10 Minuten. Bild und Ton schwanken zwischen „befriedigend“ und „mangelhaft“. Eine Restauration scheint – obwohl mehr als wünschenswert – nicht stattgefunden zu haben, hätte man angesichts des stolzen Preises indes durchaus erwarten dürfen. Extras gibt es keine. Immerhin überzeugen Verpackung und Design der Box. Jeweils zwei Folgen sind in einer dünnen DVD-Hülle verpackt (eine Disc auf der linken, die andere auf der rechten Innenseite), auf der Rückseite jeder Hülle befinden sich Inhalts-, sowie Stabs- und Besetzungsangaben. Dazu gibt es innen und außen Bilder. Im Vergleich zu den sonst oft „überlappend“ verpackten Discs durchaus lobenswert und vorteilhaft. Alles in allem kann man die Box mit Abstrichen empfehlen. Wer allerdings noch private Aufnahmen aller Folgen besitzt, kann sich das Geld sparen.

Jan Offline




Beiträge: 1.317

11.03.2018 19:11
#94 RE: Die 1970er-"Tatort"-Kommissare: Haferkamp (Hansjörg Felmy) Zitat · antworten

Dem Fazit kann ich voll und ganz beipflichten, auch und gerade was das Auseinanderfallen des vorderen Dreiviertels zum hinteren Viertel der Episoden anbelangt. Die Haferkamp-Episoden weisen gerade bis 1978 deutlich überdurchschnittliche Bücher auf, stets inszeniert durch sichere Hand. Vor allem Wolfgang Becker prägte den Stil der Haferkamp-Tatorte, wobei er tunlichst vermied, in Routine abzugleiten, vielmehr häufig ungewöhnliche, teils derbe oder gar skurrile Momente einbaute. So gewann Wolfgang Becker tatsächlich Vico Torriani (!) dafür, in Slapstik gleicher Manier als abgehalfterter Kitschbarde aufzutreten. Das kann man schon als außergewöhnlich betrachten. Aber auch auf Beckers hauseigenem Terrain - dem Kriminalfilm - überzeugte er, verstand höchste Spannung mit typischem Becker-Tempo zu verbinden. Von den Becker-Haferkamps ist kein einziger schwach; eine ausgezeichnete Leistung!

Anders verhält es sich da schon bei Wolfgang Staudte, dessen Beiträge ich alle eher am entgegengesetzten Ende erinnere. Allzu gemächlich ging Staudte zu Werk - eine Auffälligkeit, die auch bei einigen Kommissar-Episoden zu beobachten war. Zudem ließen Staudte gerade bei den letzten Fällen die Bücher im Stich, die alles in allem nicht mehr dem Niveau der Jahre zuvor entsprachen.

Was - neben dem exzellenten Beitrag von Franz-Peter Wirth und dem eher routinierten Einzelwerk Heinz Schirks - bleibt, sind die von Felmy gescholtenen Gebrüder Gies. Gerade mit "Der Feinkosthändler" haben sich beide bei mir einen tief verwurzelten Eindruck erarbeitet, den ich in dieser Reihe auf gar keinen Fall missen möchten, den ich sogar zur Spitzenklasse des deutschen TV-Krimis zähle. Insofern hat sich nach meinem Dafürhalten die schlechte Chemie zwischen Hauptakteur und Autor/Regisseur-Gespann im fertigen Film nicht niedergeschlagen.

Alles in allem sind die Haferkamp-Episoden neben den Finke-Episoden die im Schnitt betrachtet wohl hochkarätigsten Tatorte.

Gruß
Jan

Havi17 Offline




Beiträge: 3.010

11.03.2018 21:54
#95 RE: Die 1970er-"Tatort"-Kommissare: Haferkamp (Hansjörg Felmy) Zitat · antworten

Zitat von Jan im Beitrag #94
Dem Fazit kann ich voll und ganz beipflichten, auch und gerade was das Auseinanderfallen des vorderen Dreiviertels zum hinteren Viertel der Episoden anbelangt. Die Haferkamp-Episoden weisen gerade bis 1978 deutlich überdurchschnittliche Bücher auf, stets inszeniert durch sichere Hand. Gruß
Jan
Volle Zustimmung der Endpunkt liegt in etwa bei 1978 beim Beginn der Columbo-Ära. So liegen für mich die besten Tatorte im Bereich der ersten 100. Ich persönlich finde "Zweikampf" noch deutlich besser als der Feinkosthändler, das liegt sicher daran, daß dieser im Vergleich eher ein "Kammerspiel" ist.

Gruss
Havi17

Ray Offline



Beiträge: 1.003

12.03.2018 16:58
#96 RE: Die 1970er-"Tatort"-Kommissare: Haferkamp (Hansjörg Felmy) Zitat · antworten

Abschließend von mir das angekündigte Ranking. Nur einmal die Höchstpunktzahl, niemals weniger als 3 von 5 Punkten. Das zeigt einerseits, dass es wenig rundum gelungene Episoden gab, andererseits aber auch keine wirklich schwache Folge dabei war, die man bei einem weiteren Durchlauf von vornherein aussparen könnte/müsste. Wie @brutus schon vorher irgendwo schrieb: mit Haferkamp kann man eigentlich nichts falsch machen. Selbst wenn die Folge inhaltlich mal nicht so viel hergibt, liefern die Filme stets gepflegte Unterhaltung. Wer "Haferkamp" mal durch die Suchmaschine von TV Spielfilm jagt, wird im Übrigen feststellen, dass dort jede Folge eine positive Bewertung erhält.


1. Die Abrechnung (Becker) 5/5
2. Wodka Bitter-Lemon (Wirth) 4,5/5
3. Spätlese (Staudte) 4,5/5
4. Lockruf (Becker) 4,5/5
5. Zwei Leben (Staudte) 4,5/5
6. Acht Jahre später (Becker) 4/5
7. Zweikampf (Becker) 4/5
8. Schweigegeld (Griesmayr) 4/5
9. Rechnung mit einer Unbekannten (Becker) 4/5
10. Drei Schlingen (Becker) 4/5
11. Das Mädchen von gegenüber (Gies) 4/5
12. Treffpunkt Friedhof (Becker) 4/5
13. Schussfahrt (Staudte) 3,5/5
14. Abendstern (Becker) 3,5/5
15. Schönes Wochenende (Staudte) 3,5/5
16. Fortuna III (Becker) 3,5/5
17. Der Mann aus Zimmer 22(Schirk) 3,5/5
18. Der Feinkosthändler (Gies) 3/5
19. Die Kugel im Leib (Staudte) 3/5
20. Ein Schuß zuviel (Griesmayr) 3/5

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