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Dieses Thema hat 95 Antworten
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 Film- und Fernsehklassiker national
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Havi17 Offline




Beiträge: 3.008

28.01.2018 21:36
#76 RE: Die 1970er-"Tatort"-Kommissare: Haferkamp (Hansjörg Felmy) Zitat · antworten

@Ray: Wenn man von der Person des Ermittlers Haferkamp absieht, gibt es aus
meiner Sicht einige alte Tatort-Folgen die teils noch besser sind. Ich fand
zugegeben das Gespann Felmi, Eickelbaum sehr gut, mir gefielen jedoch nur wenige
Fälle der Beiden gut (Ausnahme Zweikampf mit Sehr gut) und ich fand bei den
anderen Fällen den Anteil Haferlamps im Vergleich zur Geschichte zu dominant,
bzw. die Geschichten zu "leer" um damit die Dominanz zu begründen.

Bei Finke trifft das m.E. nicht zu, hier gefallen mir die Geschichten insgesamt
deutlich besser. Wenn es um Krimi-Geschichten geht, bei Finke sind diese öfter
psychologisch stark aufgebaut, würde ich auch andere Ermittler vorziehen, auch
wenn diese nur wenige Auftritte hatten.

Wenn es um Kriminalgeschichten geht, fällt mir eine interessante Anekdote aus
dem letzten Jahr ein. So hatte ich mit meinen beiden Söhnen 9 und 12 ein paar
wenige Tatorte angesehen. So erzählte mein Kleiner das einmal als er bei einem
Schulkameraden war. Die Eltern waren absolut entsetzt, daß mein Kleiner sich
Tatorts angesehen hatte. Ich muß erwähnen, daß diese Eltern deutlich jüngeren
Jahrgangs sind und natürlich nicht wissen können, daß es bei den alten Tatorts
eben auch welche gibt die eben auch eine unblutige Kriminalgeschichte ohne
Waffen erzählen. Diese "guten" Tatorte haben interessanterweise einen positiven
und nachhaltigen Eindruck hinterlassen, was dazu führte, daß sich die Kinder den
ein oder anderen unbedingt mehrmals mit mir angeschaut haben.

Gruss
Havi17

Ray Offline



Beiträge: 984

29.01.2018 18:28
#77 RE: Die 1970er-"Tatort"-Kommissare: Haferkamp (Hansjörg Felmy) Zitat · antworten

Dass in anderen "Tatort-Reihen" z.T. noch bessere Geschichten erzählt werden sollen, hört sich für mich ja schon mal recht gut an, weil diese das "Minus" in Sachen Ermittler bei mir schließlich irgendwie kompensieren müssen. Werde da aber bei entsprechenden TV-Ausstrahlungen nicht allzu wählerisch sein, weil unter den Gastdarstellern sicher regelmäßig das ein oder andere bekannte Gesicht dabei ist. Zum Glück wird man hier im Forum auf solche Ausstrahlung-Termine hingewiesen. Habe selbst das TV-Programm nicht immer so im Blick. Aber generell ist es schon seltsam, dass die alten Tatorte noch nicht alle auf DVD erschienen sind. Wären sie außerhalb der Tatort-Reihe produziert worden, gäbe es sie bestimmt schon längst, sieht man ja schön an "Oberinspektor Marek". Insoweit verwundert es doch, dass die ARD viele vergleichsweise unbekannte Serien selber veröffentlicht (hat) und ausgerechnet bei ihrem Prestige-Projekt "Tatort" darauf keinen Wert zu legen scheint.

Ray Offline



Beiträge: 984

31.01.2018 23:52
#78 RE: Die 1970er-"Tatort"-Kommissare: Haferkamp (Hansjörg Felmy) Zitat · antworten

Fall Nr. 12: Das Mädchen von gegenüber (BRD 1977)

Regie: Hajo Gies

Darsteller: Hansjörg Felmy, Willy Semmelrogge, Jürgen Prochnow, Gerhard Theisen, Herlinde Latzko, Karin Eickelbaum u.a.



Beim Versuch, sich seiner Klassenkameradin Bärbel anzunähern, tötet Kalle sie unwillentlich. Kalle flieht, als am Tatort sein Lehrer Linder auftaucht. Dieser hatte mit seiner minderjährigen Schülerin ein Verhältnis und wollte sich mit ihr treffen...

"Das Mädchen von gegenüber" ist eine Folge, in der der Zuschauer gleich zu Anfang die wesentlichen Informationen erhält, insbesondere, wer der Täter ist. Im weiteren Verlauf muss folglich auf das letzte Fünkchen Ungewissheit, das von vielen anderen Episoden zu Anfang noch ausgeht und woraus in Verbindung mit überraschenden Wendungen im Laufe der Folge oft Spannung gezogen wird, verzichtet werden. In der vorliegenden Episode stellt sich allenfalls noch die Frage, ob Haferkamp die Tat rechtzeitig wird aufklären können, denn Kalle kommt darüber nicht hinweg und plagt sich mit Selbstmordgedanken, während sich der Kommissar auf den Lehrer Linder eingeschossen hat.

Trotzdem gelingt es der Folge, den Zuschauer ordentlich zu unterhalten. Gies verwendet eine interessante, auf Haferkamp-Tatort-Pfaden noch unbekannte Bildsprache. So spielt er gerne mit Licht, etwa auf der Kirmes, von der aus Kalle Bärbel verfolgt und auf der sich auch der Showdown der Folge ereignet, oder, indem er nachts belichtete Zugwagons an Kalles Fenster vorbeirauschen lässt. Dankenswerterweise betreibt das Buch nicht allzu viel oberflächliche Psychologie und konzentriert sich anders als möglicherweise zu erwarten keinesfalls ausschließlich auf Kalle. Im Gegenteil, in mancher Phase nimmt gar das Schicksal seines Lehrers Linder die Oberhand, vor allem, weil sich Haferkamps Verdacht schnell auf ihn konzentriert, da er Kalles Verhalten falsch deutet. (Dies stellt in gewisser Weise eine konsequente Fortführung der Episode "Fortuna III" dar, hat Haferkamp doch auch dort Probleme, sich in die minderjährige Hauptfigur hineinzuversetzen.) Linder pflegt mit seiner Frau eine "offene Ehe", so offenherzig, dass er sofort zugibt, ein Verhältnis zu einer Minderjährigen zu haben, ist der Lehrer seiner Gattin gegenüber freilich dennoch nicht. Haferkamp scheint bei ihr zunächst offene Türen einzurennen. Der Ermittler erscheint ihr sofort sympathisch. Sie lädt ihn nachdrücklich zu einem Kaffee ein und die beiden lauschen einer Miles Davis-Platte, die Haferkamp auch im Zimmer der Toten gefunden hat. Da er so die erste Fährte wittert, flaut der Flirt indes schnell wieder ab, da sich Gattin Linder im weiteren Verlauf trotz aller Vorwürfe ausgenommen loyal ihrem Mann geegnüber verhält und fest an seine Unschuld glaubt.

Mit Ex-Frau Ingrid redet Haferkamp auch über die "offene Ehe", er bevorzugt jedoch "klare Verhältnisse", was Ingrid ein wenig belustigt, ist in der Beziehung zwischen beiden genauer betrachtet doch ebenfalls einiges "unklar". Außerdem sprechen sie über die Anfangszeit ihrer Zweisamkeit, in der sie einen romantischen Urlaub in der Lüneburger Heide verbrachten, in die sie damals mit einem Motorroller anreisten. Haferkamp bekundet, gerne wieder mit Ingrid in Urlaub fahren zu wollen, am liebsten abermals - der guten alten Zeiten willen - in die Lüneburger Heide. Er begleitet Ingrid außerdem zum Zug, als sie aus beruflichen Gründen verreisen muss. Am Ende der Folge telefonieren die beiden. Haferkamp, vom tragischen Ausgang des Falles noch sichtlich mitgenommen, gesteht Fehler ein und bekennt, sich verrannt zu haben. Ingrid versucht zu beschwichtigen und meint: "Du hast bestimmt getan, was du konntest". Darauf Haferkamp: "Tja, dann kann ich eben nichts". Anders als gewohnt ist der Abspann mit Musik aus der Folge und nicht mit der klassischen Tatort-Melodie unterlegt, was zum stimmungsvollen Ausklang beiträgt.


"Das Mädchen von gegenüber" bietet zwar wenig Spannung, erzählt seine Geschichte aber in stimmigen, von ruhiger (Jazz-) Musik unterlegten Bildern und verzichtet auf vordergründige Psychologie. Noch 4 von 5 Punkten.

Ray Offline



Beiträge: 984

03.02.2018 22:48
#79 RE: Die 1970er-"Tatort"-Kommissare: Haferkamp (Hansjörg Felmy) Zitat · antworten

Fall Nr. 13: Rechnung mit einer Unbekannten (Tatort-Folge 87, BRD 1978)

Regie: Wolfgang Becker

Darsteller: Hansjörg Felmy, Willy Semmelrogge, Peter Matic, Edith Hancke, Susanne Beck, Gertrud Kückelmann, Nicole Heesters u.a.



Josef Rosenkötter, ein Brennstoffhändler aus Essen, steckt in schweren finanziellen Schwierigkeiten. Da käme ihm die Million, die im Falle des Todes seiner Ehefrau aus einer zu seinen Gunsten abgeschlossenen Versicherung an ihn ausgezahlt werden würde, gerade recht. Doch sterben soll (zunächst) nicht seine Frau, sondern eine Unbekannte aus Mainz, die er über ein Inserat kennengelernt hat. Nachdem Rosenkötter die Unbekannte in seinem Haus umgebracht hat, besucht er mit seiner in den Plan eingeweihten Frau eine Party und verschafft sich so das perfekte Alibi: Frau Rosenkötter verlässt die Feier unter einem Vorwand rasch wieder und taucht mit der Identität der Unbekannten unter, während Herr Rosenkötter später am Abend den Fund der Leiche der "falschen" Ehefrau der Polizei meldet. Damit ist für ihn der Plan aber nur halb vollendet. Er hat eine Affäre mit einer jungen Lehrerin, die bei den Rosenkötters zur Untermiete wohnt. Da seine Ehefrau offiziell ohnehin als tot gilt, sollte es doch ein Leichtes sein, diese zu beseitigen und sich mit der Geliebten ein schönes Leben mit der Summe aus der Versicherung zu machen...

"Rechnung mit einer Unbekannten" orientiert sich vom Aufbau zunächst wiederum an "Columbo": der Täter ist von Anfang an bekannt. Doch anders als überwiegend bei dem US-Vorbild mit Peter Falk anzutreffen, konzentriert sich der Fall nicht auf das Duell zwischen Täter und Ermittler, sondern mehr auf den weiteren Verlauf in der Dreiecksbeziehung der Rosenkötters und der Lehrerin. Das Drehbuch ist sehr gut konstruiert und lässt das Publikum anfänglich in vielerlei Hinsicht im Unklaren. So fragt man sich, warum ein scheinbar gut situierter und dazu verheirateter Geschäftsmann eine Frau per Inserat sucht, um sie dann umzubringen. Ein Serientäter? Weit gefehlt. Rosenkötter hat handfeste fiskalische Interessen, die er über das Leben der sympathischen Ulknudel Edith Hancke, die man nur ungern ins Gras beißen sieht, stellt. Die erste Überraschung folgt auf den Fuß: die Ehefrau ist nicht nur in den Plan eingeweiht, sondern nimmt auch eine wichtige Funktion zum Gelingen des Plans ein: sie verschafft dem Ehemann ein Alibi, soll die Waffe verschwinden lassen und dann zeitweise untertauchen, bis Gras über die Sache gewachsen ist und man sich im Anschluss ein schönes Leben machen kann. Zwangsläufig drängt sich beim Zuseher die Frage auf, ob der Plan nicht schon daran scheitern muss, dass die Polizei doch sicher die Identität des Opfers nachprüfen wird. Haferkamp hat zwar sofort Zweifel im Hinblick auf Rosenkötter, jedoch nicht bezüglich der Identität der Leiche. Dann taucht die Untermieterin der Rosenkötters auf und will die Tote gerne nochmal sehen. Ein echter Suspense-Moment, man fragt sich unweigerlich, wie das denn nun "gut gehen" soll aus Sicht Rosenkötters. Oder wird sich die Untermieterin nach Besichtigung der Leiche gar zur Erpresserin aufschwingen? Irgendwie muss der Films schließlich weiter gehen. Aber nein, es folgt die nächste Überrschung: die Untermieterin spielt mit! Soll sie etwa auch beteiligt werden an der Auszahlung? Im Ergebnis richtig, Rosenkötter hat allerdings ein Verhältnis zu ihr und plant nun, die offiziell bereits beerdigte Frau Rosenkötter und Mitwisserin tatsächlich umzubringen, um mit der Geliebten durchzubrennen. Ein perfekter Plan eigentlich, doch da hat Rosenkötter die Rechnung ohne seine Frau gemacht, die offenbar mit gesunder Skepsis ausgestattet ist...

So nimmt der Plot immer wieder interessante Wendungen, die eigentlich die Basis schaffen sollten, um im Falle von "Rechnung mit einer Unbekannten" von eienr echten Highlight-Folge sprechen zu können. Doch dies ist summa summarum nicht der Fall. Dies liegt zum einen am hohen Niveau der anderen bisherigen Haferkamp-Tatorte, zum anderen aber daran, dass die Episode durchaus Schwächen aufweist, die insbeondere bei der Besetzung zu suchen sind. Peter Matic und Gertrud Kückelmann als Ehepaar Rosenkötter machen ihre Sache zwar gut, reißen aber auch nicht richtig mit. Hier wäre sicher noch Potential nach oben gewesen. Ziemlich blass und daher kein der Rolle gerecht werdender Faktor ist zudem Susanne Beck. Das führt in Konsequenz auch dazu, dass man als Zuschauer irgendwann nicht mehr in der Weise mitfiebert, wie man es vielleicht bei einer anderen Besetzung getan hätte. Auch in dem Duell zwischen Rosenkötter und dem Kommissar wäre sicher noch Luft nach oben gewesen. Nicht zuletzt muss man in der Folge auf Karin Eickelbaum verzichten, dabei hätte der vorliegende Fall doch reichlich Potential für ironische Zwiegespräche über die Ehe geboten. Ersatzweise sieht man Haferkamp mit Kollegen Kreutzer in der Kneipe. Dort erklärt der sichtlich angetrunkene Haferkamp seinem Kollegen gegenüber, er würde aus dem Grab heraus seine Ex-Frau umbringen, wenn sie im Falle seines Todes wieder mit anderen Männern verkehren würde. Dies offenbart einmalmehr, welch starke Gefühle der Kommissar noch für seine einstige Gattin hat.


"Rechnung mit einer Unbekannten" bietet einen starken Plot mit einigen Überraschungen und spannunsgsteigernden Wendungen. Das Ganze hätte den Betrachter bei einer etwas profilierteren Besetzung indes noch weitaus mehr mitreißen können. 4 von 5 Punkten.

Ray Offline



Beiträge: 984

07.02.2018 19:52
#80 RE: Die 1970er-"Tatort"-Kommissare: Haferkamp (Hansjörg Felmy) Zitat · antworten

Fall Nr. 14: Lockruf (BRD 1978)

Regie: Wolfgang Becker

Darsteller: Hansjörg Felmy, Willy Semmelrogge, Herbert Fleischmann, Agnes Fink, Gracia Maria Kaus, Karin Eickelbaum, Dieter Schidor, Sonja Jeannine u.a.



Frau Huck ist verstimmt, denn „ihre“ Männer haben sich emotional von ihr distanziert. Der Ehemann hat ein Verhältnis zu einer Geschäftspartnerin, gibt regelmäßig vor, geschäftlich in Frankfurt zu tun zu haben, während er sich tatsächlich ein paar schöne Stündchen mit seiner Geliebten in der Wochendendhütte der Hucks macht. Der gerade volljährige Sohn wiederum bleibt entgegen seiner früheren Gewohnheiten oft über Nacht ohne Angabe von Gründen weg und „treibt sich herum“. Er hat sich in ein Mädchen verliebt, das aus einem Fürsorgeheim ausgebrochen ist. Während Herr Huck tatsächlich einmal geschäftlich verreist ist, nimmt der Sohnemann seine Herzdame mit in das Wochenendhäuschen. Frau Huck, die längst hinter die Affäre des Gatten gekommen ist, ist krank vor Eifersucht und fest entschlossen, die ihr unbekannte Geliebte des Mannes für den Eintritt in ihr Leben mit dem Tode zu bestrafen. Sie nimmt sich ein Gewehr aus einem Schrank in der Wochenendhütte und schießt mit einem gezielten und tödlichen Schuss auf eine junge Frau, die in einem ihrer Mäntel in der Nähe der Hütte durch den Wald spaziert und die sie daher für die Geliebte ihres Mannes hält. Bei der vom Schuss getroffenen Frau handelt es sich indes um die Flamme ihres Sohnes...

Das Thema Ehebruch gab es als Kernthema bereits in „Abendstern“, diesmal kommt es hingegen nochmal in einem anderen Gewand daher, denn hier ist die betrogene Ehefrau selbst die ausführende Täterin. Dass sie einem Identitätsirrtum unterliegt, gibt dem Ganzen nochmals eine besondere Note. So verfolgt der Zuschauer mit besonderer Aufmerksamkeit, wie Frau Huck zunächst darauf reagiert, dass ihr Mann ihr gegenüber glaubhaft versichert, die Tote nicht zu kennen und wenig später, als durch ihre Tat noch ihr eigener Sohn unter Mordverdacht gerät. Dass sie mit diesem Irrtum nicht aufräumt, lässt tief blicken und unterstreicht nochmal den eigensüchtigen Eindruck, den sie schon mit ihrer Tat erweckt hat. So kommt es, dass sich Herr Huck zum „Helden“ aufschwingen und sich für den eigenen Sohn „opfern“ muss. Da er sich dabei nicht sonderlich glaubhaft und geschickt verhält, ist dieses Vorhaben freilich zum Scheitern verurteilt. Die wahre Täterin muss schließlich mit ungesetzlichen Methoden überführt werden. So schlägt Kreutzer Haferkamp vor, Frau Huck mit einer fingierten Erpressung zu überführen. Dies untersagt Haferkamp bestimmt und ist schwer überrascht, als Frau Huck scheinbar doch erpresst wird. Während er diesbezüglich seinen Kollegen unter Verdacht hat, stellt sich bald heraus, dass den Beamten von dritter Seite unter die Arme gegriffen wird.

Mit „Lockruf“ bekommt der geneigte Betrachter abermals einen geschickt konstruierten und äußerst kurzweiligen Fall geboten. Bis Haferkamp zum ersten Mal die Szenerie betritt, sind bereits stolze 35 Minute vergangen, die wie im Fluge vergangen zu sein scheinen. Zunächst werden der Erzählstrang um Herrn und Frau Huck sowie die von Gracia Maria Kaus dargestellte Geliebte von Herrn Huck einerseits und das Kennenlernen und Verlieben des Sohnemannes Heiko Huck mit seiner Sabine anderseits parallel erzählt, ohne das klar ist, dass es sich bei Heiko um den Sohn der Hucks handelt. Dies erzeugt freudige Anspannung, weil sich der Zuschauer unweigerlich fragt, warum diese scheinbar unzusammenhängenden Stränge eingeführt werden und wie diese zusammengebracht werden könnten. Aber auch das Geschehen nach dem Tod Sabines sorgt für grundsolide Kurzweil, vor allem durch die genannten Verhaftungen von Heiko Huck und anschließend Vater Huck mitsamt der Reaktionen Frau Hucks. Die Figur des Herrn Huck wird von Herbert Fleischmann verkörpert, der im deutschen Krimi dr 1970er-Jahre sicher zu den fleißigsten Akteuren zählt und sich mit seinem Aussehen in diesem Jahrzehnt dermaßen ins Gedächtnis des Zusehers gebrannt hat, dass man immer wieder überrascht ist, ihn mal in Produktionen der 1960er-Jahren mit dunklen und noch kurzen Haaren zu sehen. Dieser vielseitige Schauspieler weiß wie eigentlich immer seine Rolle gewinnbringend anzulegen. Es gelingt ihm, durch sein Verhalten im Laufe des Falles die Sympathien des Zuschauers auf sich zu ziehen, zumal man selbst sein „moralisches Vergehen“, den Ehebruch, zunehmend nachvollziehen kann. Mit Gracia Maria Kaus und Sonja Jeannine hat die Folge überdies noch zwei echte „Hingucker“ parat, die ihre jeweiligen Rollen zudem noch überzeugend ausfüllen.

Nach einer Pause in der letzten Episode ist auch Karin Eickelbaum wieder mit von der Partie. Da sie beruflich mit der Geliebten von Herrn Huck zu tun hat, setzt sie Haferkmap erst darüber in Kenntnis, dass die beiden schon länger ein Verhältnis haben. Ansonsten erfährt der Zuschauer im Rahmen einer privaten Party, die Ingrid Haferkmap gibt, dass ihr Ex-Mann derlei Feiern nicht sonderlich schätzt.


„Lockruf“ präsentiert einmalmehr einen geschickt konstruierten Fall, der 90 Minuten sehr ordentliche Krimi-Unterhaltung bietet und die Spannung auch nach dem Leichenfund durchgängig aufrechtzuerhalten vermag. Die Episode ist insgesamt daher zu den bisher besten zu zählen. 4,5 von 5 Punkten.

Ray Offline



Beiträge: 984

11.02.2018 10:35
#81 RE: Die 1970er-"Tatort"-Kommissare: Haferkamp (Hansjörg Felmy) Zitat · antworten

Fall Nr. 15: Der Feinkosthändler (Tatort-Folge 91, BRD 1978)

Regie: Hajo Gies

Darsteller: Hansjörg Felmy, Willy Semmelrogge, Walter Kohut, Kai Taschner, Marie-Luise Millowitsch, Karin Eickelbaum, Christiane Hammacher, Kathrin Ackermann u.a.



Die attraktive und verwitwetete Frau Böhmer kommt spät abends frühzeitig aus dem Urlaub zurück und klingelt bei Herrn Wever, der einen Lebensmittelmarkt betreibt, ob er für sie das Geschäft nochmal öffnen könne, da sie nichts zu Hause habe. Wever begleitet Frau Böhmer in sein Geschäft und anschließend mit nach Hause. Am Tag darauf wird Böhmer tot aufgefunden. Von einer Mitarbeiterin Wevers erfährt Kommissar Haferkamp, dass ihr Chef mit dem Opfer ein Verhältnis gehabt haben soll...

„Der Feinkosthändler“ weicht insofern vom Gros der anderen Folgen ab, als bis zur Hälfte der Episode nicht klar ist, wer für den Tod von Frau Böhmer rechtlich einzustehen hat. Verdächtig ist freilich Herr Wever, prinzipiell in Betracht kommt natürlich die Ehefrau, sollte sie hinter die Affäre des Mannes gekommen sein. Zugang zur Wohnung hatte zudem die Mitarbeiterin Wevers, die während der Abwesenheit Frau Böhmers gemeinsam mit ihrer Mutter im Haus nach dem Rechten sehen sollte. Die junge Frau hat ein angespanntes Verhältnis zu ihrem Chef und unterhält heimlich ein Verhältnis zu dessen Sohn.

Dieser zweite von Hajo Gies inszenierte Haferkamp-Tatort würde wohl besser in eine Reihe wie „Der Kommissar“ passen, in dem psychologische Provinz-Studien regelmäßig zum theamtischen Potpurri gehören. Zudem wurden wieder Teile der Episode in der Nähe von München gedreht. Schließlich gibt der Fall inhaltlich nicht sonderlich viel her und hätte ebenfalls in „Kommissar-Länge“ abgehandelt werden können, zumal ab der Hälfte dann doch die Täterschaft gelüftet wird und die Spannung weitgehend raus ist. Die Figur des Feinkosthändlers Wever und dessen Entwicklung ist zwar nicht uninteressant und seitens Walter Kohuts auch gut gespielt, doch das reicht nicht, um das Interesse an diesem recht simplen Fall über knapp 90 Minuten aufrechtzuerhalten. Im Gegensatz zur ebenfalls von Gies inszenierten Episode „Das Mädchen von gegenüber“ fällt auch die Inszenierung eher unspektakulär aus. Die weiteren Darsteller, Mariele Millowitsch als Angestellte Wevers und dessen Film-Sohn Kai Taschner, bleiben blass.

Haferkamps Privatleben wird weiterhin maßgeblich von Ex-Frau Ingrid geprägt. Die beiden spazieren gemeinsam an der Ruhr und gehen Ingrid zuliebe ins Theater, wofür Haferkamp sogar einen alten Anzug aus der Mottenkiste holt.


„Der Feinkosthändler“ würde mit seiner psychologischen Provinz-Studie besser in die Reihe „Der Kommissar“ passen. Storytechnisch gibt die Folge eher wenig her und die Spannung baut ab der Hälfte stark ab. Immerhin spielt Walter Kohut als zentrale Figur gut auf und hält das Interesse des Zuschauers überwiegend aufrecht. Für diese doch recht unspektakuläre Folge gibt es nur 3 von 5 Punkten.

Jan Offline




Beiträge: 1.315

15.02.2018 22:51
#82 RE: Die 1970er-"Tatort"-Kommissare: Haferkamp (Hansjörg Felmy) Zitat · antworten

"Der Feinkosthändler" zählt zu meinen All-Time-Highlights. Die Geschichte mag weniger originell daherkommen als beispielsweise bei dem unstrittig ebenso gelungenen "Lockruf". Was Walter Kohut mitsamt seines Krämerladens in meinen Augen weit über den Durchschnitt hievt, ist die Inszenierung! Selten habe ich im deutschen TV gesehen, dass sich ein Regisseur die Zeit nimmt, den Hauptdarsteller zum (geistigen) Mörder aus wahrlich niederen Beweggründen werden zu lassen. Kohut präsentiert dabei den Spießer, der um seiner selbst Willen mit abnehmenden Skrupeln eine unliebsame Person bedingungslos, überlegt und sorgsam geplant aus dem Weg räumen würde. Dabei ist ihm weder sein Sohn besonders wichtig noch hegt er irgendwelches Mitleid mit seiner Angestellte.

Die Szenen im Lager des Ladens, die sich aus diesen niederträchtigen Überlegungen des Kleinstadt-Spießers ergeben, sind famos gefilmt und gerade von Walter Kohut unnachahmlich, beinahe nachvollziehbar verkörpert. Kohut gelingt der Kniff, den Zuschauer zum Komplizen seiner elenden Überlegungen zu machen. Mit geradezu brillantem Gespür wählte Regisseur Hajo Gies zudem als Musikuntermalung an dieser Stelle Michael Rothers Feuerland-Stück, das in seiner epischen Entwicklungsform genau das vertont, was sich da unten im Lager langsam aber sicher entwickelt. Ein Blick auf den Briefbeschwerer als geeignete Tatwaffe, der nächste hinüber zur Mülltonne zwecks Entsorgung. Ton, Spiel, Bild: Eine bessere Einheit als hier kenne ich kaum. Überdies kommen die Szenen ohne viel Text aus, der den Ablauf vermutlich auch eher überfrachtet hätte. Ich halte das für hohe Kunst, für einen der wenigen Momente, die man vielleicht als Filmemacher häufig planen, aber nicht immer in die Tat umsetzen kann!

Gruß
Jan

Ray Offline



Beiträge: 984

19.02.2018 19:52
#83 RE: Die 1970er-"Tatort"-Kommissare: Haferkamp (Hansjörg Felmy) Zitat · antworten

@Jan: Danke für deine abweichende Beurteilung von "Der Feinkosthändler"!

@greaves: Wie weit bist du denn inzwischen mit Kommissar Haferkamp?


Von mir gibt es nun die Bewertung der nächsten Folge...


Fall Nr. 16: Die Kugel im Leib (Tatort-Folge 95, BRD 1979)

Regie: Wolfgang Staudte

Darsteller: Hansjörg Felmy, Willy Semmelrogge, Karin Eickelbaum, Klaus Löwitsch, Hans Georg Panczak, Ilona Grübel, Mady Rahl, Alf Marholm, Rolf Schimpf u.a.



Im Anschluss an einen Überfall auf eine Essener Sparkasse wird ein Polizist vom Bankräuber tödlich angeschossen. Im Gegenzug hatte der Polizist seinerseits den Täter mit einem Schuss erwischt. In Oberhausen wird kurz darauf ein Motorradfahrer namens Mettmann mit Schussverletzung aufgefunden. Er betreibt eine Motorrad-Stunt-Show auf einer Kirmes, die aufgrund falscher Investitionen nicht mehr gut läuft. In Verdacht gerät der Motorrad-Artist vor allem dadurch, dass er sich trotz Schmerzen und drohender Lähmung weigert, die mit vergleichsweise geringem Risiko behaftete Operation durchführen zu lassen. Dabei würde die Kugel entfernt. Sollte diese aus der Waffe des Polizisten stammen, wäre Mettmann quasi überführt...

Nach einer Pause zeichnet sich mal wieder Wolfgang Staudte für einen Haferkamp-Tatort verantwortlich, der insofern eine Sonderstellung einnimmt, als der Fall Haferkamp erstmals bei seinen Ermittlungen außer Landes führt. Er folgt nämlich mit Ex-Gattin Ingrid getarnt als Urlauber (mit echt deutschem Spießer-Outfit) den Motorrad-Artisten nach Italien, genauer gesagt in die Nähe von Venedig. Diese räumliche Veränderung, einige nette Postkarten-Motive sowie das „arbeitsteilige Vorgehen“ der Haferkamps bei den Ermittlungen fangen ein Stück weit auf, dass der Fall eine Lauflänge von über 90 Minuten kaum hergibt. Es fragt sich im Grunde allein, ob Mettmann den Raub allein oder im Verbund mit Artisten-Kollegen Paco, der zugleich Vater von Mettmanns Lebensgefährtin ist, verübt hat und ob und wie Haferkamp Mettmann überführt. Dass er Mettmann verdächtigt, teilt er ihm und seiner Familie einigermaßen unverblümt mit, nachdem Mettmanns Mutter, gespielt von Mady Rahl, ihn zu einer Erbsensuppe in den Wohnwagen der Mettmanns eingeladen hat. Immerhin werden die Stunt-Shows gut von der Kamera eingefangen und sorgen so neben den Bildern von Venedig und Umgebung für Schauwerte.

Paco wird von Klaus Löwitsch verkörpert, der sehr präsent auftritt und Hans Georg Panczak, der Mettmann mimt, ein wenig blass erscheinen lässt. Wallace-Fans dürfen sich zudem über ein Gastspiel Alf Marholms freuen. Er spielt den Bankdirektor, auf dessen Institut der Überfall verübt wurde. Endlich ist der spätere „Alte“ Rolf Schimpf als Staatsanwalt mit von der Partie.

Während der Reise stellt Ingrid mithilfe eines Kalauers, „der einen Scheidunggrund darstellen würde, wenn (sie) nicht schon geschieden wären“, die Unterschiede zwischen ihr und ihrem Ex-Mann fest: „Ich belichte, du beschattest.“ Am Ende ist sie weniger gut gelaunt, im Gegenteil, richtiggehend wütend ist sie auf Haferkamp, wie er den Ausgang des Falles verursacht hat und dass sie daran mitgewirkt hat. Überhaupt sei es ein großer Fehler gewesen, sich nach der Scheidung immer wieder zu sehen.


Eher mittelprächtiger Fall, der durch räumliche Abwechslung immerhin optische Reizpunkte setzt. 3 von 5 Punkten.

greaves Offline




Beiträge: 370

20.02.2018 10:03
#84 RE: Die 1970er-"Tatort"-Kommissare: Haferkamp (Hansjörg Felmy) Zitat · antworten

Ich bin jetzt bei Folge 13 oder 14.
Glaube der nächste ist Lockruf.
Drei Schlingen hat mir gut gefallen bis jetzt👍🏼😀

Jan Offline




Beiträge: 1.315

21.02.2018 23:44
#85 RE: Die 1970er-"Tatort"-Kommissare: Haferkamp (Hansjörg Felmy) Zitat · antworten

Zitat von Ray im Beitrag #83

Fall Nr. 16: Die Kugel im Leib (Tatort-Folge 95, BRD 1979)


Ich erinnere mich nur noch schemenhaft: War das nicht die Episode, in der man einen Alfa Spider in ein Rondell für Fahrräder gefahren hat und mit dem quasi eine 360°-Steilkurven-Fahrt absolvierte? Wenn ja, dann war die Episode wirklich eher lau, aber die Sache mit dem Alfa war technisch schon meisterlich!

Gruß
Jan

Ray Offline



Beiträge: 984

22.02.2018 18:27
#86 RE: Die 1970er-"Tatort"-Kommissare: Haferkamp (Hansjörg Felmy) Zitat · antworten

Zitat von Jan im Beitrag #85
Zitat von Ray im Beitrag #83

Fall Nr. 16: Die Kugel im Leib (Tatort-Folge 95, BRD 1979)


Ich erinnere mich nur noch schemenhaft: War das nicht die Episode, in der man einen Alfa Spider in ein Rondell für Fahrräder gefahren hat und mit dem quasi eine 360°-Steilkurven-Fahrt absolvierte? Wenn ja, dann war die Episode wirklich eher lau, aber die Sache mit dem Alfa war technisch schon meisterlich!

Gruß
Jan



Ja, richtig, das war Bestandteil der Stunt-Show, die wie oben in meiner Rezension nur angedeutet, technisch wirklich toll umgesetzt wurde und über gute Schauwerte verfügt, was die Folge ein Stück weit aufwertet.

Ray Offline



Beiträge: 984

23.02.2018 22:26
#87 RE: Die 1970er-"Tatort"-Kommissare: Haferkamp (Hansjörg Felmy) Zitat · antworten

Fall Nr. 17: Ein Schuß zuviel (Tatort-Folge 100, BRD 1979)

Regie: Hartmut Griesmayr

Darsteller: Hansjörg Felmy, Willy Semmelrogge, Thomas Ahrens, Michaela May, Herbert Stass, Friedrich G. Beckhaus, Vera Kluth, Nora Barner, Jürgen Draeger u.a.



Zwei Untersuchungshäftlinge nehmen einen Vollzugsbeamten als Geisel und versuchen so aus der Haftanstalt zu fliehen. Unmittelbar nach Verlassen des Tores wird einer der Flüchtigen von einem Wärter namens Jakobs erschossen. Während sich die Ermittlungen zum einen auf die Aufklärung der Tötung konzentrieren – die Geisel gibt insoweit an, Jakobs habe verfrüht und unnötigerweise geschossen – ist der andere Häftling weiter flüchtig...

Dieser 17. Tatort-Einsatz für Kommissar Haferkamp ist zugleich auch die 100. Folge des Krimi-Dauerbrenners. Erstmals inszeniert Hartmut Griesmayr einen Tatort mit Hansjörg Felmy in der Hauptrolle. Wie schon in den letzten beiden Folgen bietet die Geschichte keine taugliche Grundlage für mehr als 90 Minuten spannenden Krimi-Unterhaltung. Und das, obwohl es zwei Fälle parallel gibt. Aber der flüchtige Häftling wird von Thomas Ahrens nicht sonderlich charismatisch gespielt, weshalb dessen Schicksal nur bedingt zum Mitfiebern ansteckt. Eine beachtliche Performance liefert dafür überraschend Michaela May ab, die als eifersüchtige Ex-Freundin einige prägnante Momente hat. Der andere Handlungsstrang befasst sich mit der Schuld des Wärters Jakobs und der Geisel, die von Friedrich G. Beckhaus verkörpert wird. Hier ist das dramatische Moment stark ausgeprägt, schließlich ist der erschossene Häftling türkischer Staatsbürger, was in der Öffentlichkeit für zusätzlichen Zündstoff sorgt. Jakobs sieht sich zeitweise sogar Morddrohungen ausgesetzt. Hansjörg Felmy hat in diesem Fall einmal mehr die Möglichkeit, sich als grundsympathischer Walter seines Amtes zu präsentieren. Der Zuschauer kann jede seiner Handlungen und Überlegungen nachvollziehen. Trotzdem kommt die Folge selten über das Prädikat „gepflegte Langeweile“ hinaus. Als Staatsanwalt sieht man im Übrigen Jürgen Draeger, der sich im Vergleich zu seinen Auftritten in Kriminalfilmen aus den 1960ern doch sichtlich verändert hat. Karin Eickelbaum hat keinen Auftritt in dieser Episode, weswegen vorläufig ungeklärt bleibt, ob die Spannungen in der Beziehung zu Haferkamp am Ende der letzten Folge nur vorübergehender Natur waren oder von längerer Natur sind.


Für eine Jubiläumsfolge gibt „Ein Schuß zuviel“ letzten Endes inhaltlich zu wenig her. Da kann auch der einmal mehr überzeugende Hansjörg Felmy nicht viel ausrichten. 3 von 5 Punkten.

Havi17 Offline




Beiträge: 3.008

23.02.2018 23:44
#88 RE: Die 1970er-"Tatort"-Kommissare: Haferkamp (Hansjörg Felmy) Zitat · antworten

In der Tat, mit den ersten 100 Folgen gab es einige Highlighst schon garnicht
nur Felmy. Ab Folge 100 mußte man die Spreu vom Weizen trennen.

Gruss
Havi17

Ray Offline



Beiträge: 984

26.02.2018 18:46
#89 RE: Die 1970er-"Tatort"-Kommissare: Haferkamp (Hansjörg Felmy) Zitat · antworten

Fall Nr. 18: Schweigegeld (Tatort-Folge 106, BRD 1979)

Regie: Hartmut Griesmayr

Darsteller: Hansjörg Felmy, Willy Semmelrogge, Wolfgang Kieling, Dieter Kirchlechner, Hannelore Hoger, Karin Eickelbaum, Gisela Zülch u.a.



Klaus Storck sieht verdächtiges Licht im Nebenhaus seines Schwagers Klaven. Er geht vors Haus und sieht, wie ein Mann im Haus telefoniert. Als dieser das Haus verlässt, überrascht Storck ihn und verfolgt ihn durch den Garten. Dort liefern sich die beiden eine Rangelei, wobei der Einbrecher unglücklich mit dem Kopf aufschlägt und sofort tot ist. Storck nimmt 5.000 €, die er beim Opfer findet, an sich. Als sein Schwager mit Frau zurückkehrt, bemerkt er, wie abgeklärt die beiden reagieren und schließt auf einen Versicherungsbetrug. Da Storck an einer chronischen Leberkrankheit leidet und schon seit Jahren erwerbslos ist, beschließt er, seinen Schwager zu erpressen. Dieser glaubt indes, er werde vom Schwager des Einbrechers erpresst, der wie dessen Schwester, die Ehefrau des Toten, in das Vorhaben eingeweiht war.

Nach drei eher schwächeren Episoden geht es mit „Schweigegeld“ wieder merklich bergauf. Diese Episode bietet wieder eine wunderbar verschachtelt konstruierte Story, die in der ersten halben Stunde reichlich Optionen für den weiteren Verlauf bietet. Wolfgang Kieling gibt den Versicherungsbetrüger Klaven mit einer Überlegenheit und Macht ausstrahlenden Aura. Er braucht nie laut werden und trotzdem macht er seinem Gegenüber klar, wer die Hosen an hat. Der Zuschauer folgt gerne dem Duell zwischen ihm und Storck, nachdem Klaven klar wird, dass sein eigener Schwager ihn erpresst. Eine etwas unnötige Verlängerung stellt die Flucht Storcks nach seiner Verhaftung dar. Diesen intendierten Action- und Spannungshöhepunkt, der letzten Endes eher eine Spannungsbremse ist, hätte es nicht gebraucht, ohne diesen hätte der Film sogar stringenter und glaubwürdiger gewirkt. Doch auch so wird die Folge zu einem befriedigenden Ende geführt.

Haferkamp kann dem Fall nicht seine volle Aufmerksamkeit schenken, was entscheidend Storcks Flucht begünstigen wird. Ingrid hatte einen schweren Autounfall und liegt auf der Intensivstation. Haferkamp besucht seine Ex-Frau mehrfach und überlässt mitunter Willy das Feld, der nicht immer so handelt, wie sein Chef es gerne hätte. Dies führt zu manchen inzwischen lieb gewonnenen Zänkereien, die regelmäßig kurz darauf in wechselseitigen Entschuldigungen enden. Haferkamp und Kreutzer haben sich längst zu einem höchst stimmigen Duo entwickelt.


Stark konstruierte Episode mit einem großartigen Wolfgang Kieling, die kurz vor Ende einen unnötigen Schlenker zu viel macht. Trotzdem gute 4 von 5 Punkten.

Ray Offline



Beiträge: 984

03.03.2018 10:15
#90 RE: Die 1970er-"Tatort"-Kommissare: Haferkamp (Hansjörg Felmy) Zitat · antworten

Fall Nr. 19: Schußfahrt (Tatort-Folge 113, BRD 1980)

Regie: Wolfgang Staudte

Darsteller: Hansjörg Felmy, Willy Semmelrogge, Heinz Baumann, Doris Kunstmann, Diana Körner, Burkhard Driest, Volker Kraeft, Karin Eickelbaum u.a.



Kurt Wiedemann wird von seiner Frau Karin betrogen, lässt sich dieses Wissen indes nicht anmerken und macht sich die Situation zunutze: er gibt vor, zwecks eines Vorstellungsgesprächs nach Frankfurt zu fahren, manipuliert jedoch auf der Fahrt den Motor, so dass er umkehren muss. Karin Wiedemann ist mit ihrem Liebhaber im Haus, der, als der Ehemann unverhofft zur Tür reinkommt, aus dem Fenster des ersten Stocks klettert. Wiedemann, der mit einem Besuch des Liebhabers gerechnet hatte, erschießt den Mann in „Notwehr“ und gibt vor, ihn und einen erdachten Komplizen, der seinen Angaben nach entkommen konnte, auf der Flucht von einem Einbruch in seinem Haus erwischt zu haben. Entsprechendes potentielles Diebesgut hatte er bereits vorher beiseitegeschafft, um einen Versicherungsbetrug vorzubereiten...

Heinz Baumann fordert Haferkamp zu einem weiteren „Zweikampf“ (siehe Folge 2) heraus. Sein Plan ist gewieft, sein Spiel wie schon bei seinem ersten Gastspiel sehr gut. Doris Kunstmann überzeugt ebenso als seine Ehefrau, die eine Zeit lang auf die Show des Mannes reinfällt und glaubt, ihr Liebhaber habe sie benutzt, um einen Einbruch mit einem alten Kumpel zu ermöglichen, der schon mehrfach das Gesetz übertreten hat. Ihre Liebe zum Ehemann ist allerdings verflogen. Das zeigt sich nicht nur an der Affäre mit dem Todesopfer, sondern auch daran, dass sie gegenüber ihrer Schwester (gespielt von Diana Körner), nachdem sie den Plan ihres Ehemannes durchschaut hat, erklärt, sie habe insgeheim gehofft, dass dieser aus Eifersucht und nicht aus kühler Berechnung gehandelt habe. Ein solcher „Liebesbeweis“ hätte möglicherweise wieder Gefühle für den Gatten wecken können. Kunstmann gibt diese Frau, bei der der Zuschauer nicht recht weiß, ob er ihr Sympathien entgegenbringen soll oder nicht, angenehm dezent. Der Freund ihres Liebhabers (Burkhard Driest) heftet sich nach der Todesnachricht an Kurt Wiedemanns Fersen und setzt ihn gehörig unter Druck, weil er seinem Kumpel einen Einbruch nicht zutraut. Trotz dieser weiteren Verwicklungen kann ich Georgs Einschätzung, dass dem Film das gewisse etwas fehlt, beipflichten. Haferkamp geht die Ermittlungen arg routiniert an, selbst der Versuch, Wiedemann eine Falle zu stellen, verpufft weitgehend. Vielleicht, weil der Kommissar dies schon öfter gemacht hat? Auch der obligatorische Auftitt Karin Eickelbaums bringt keine neuen Erkenntnisse. Die „Krise“ vom Ende von Folge 16, in der Ingrid noch erklärte, das regelmäßige Treffen nach der Scheidung sei ein Fehler (gewesen), scheint überwunden. Haferkamp ist wieder bei seiner ihr zu Besuch. Sie erklärt ihm, für ihn koche sie auch noch nach Mitternacht.


Routine-Folge, der es trotz guter Darsteller und im Ausgang interessanter Story gerade in der zweiten Hälfte an Pepp fehlt. 3,5 von 5 Punkten.

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