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Dieses Thema hat 95 Antworten
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 Film- und Fernsehklassiker national
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Jan Offline




Beiträge: 1.319

10.07.2017 19:32
#46 RE: Die 1970er-"Tatort"-Kommissare: Haferkamp (Hansjörg Felmy) Zitat · antworten

Drehbücher werden schon noch geschrieben - ich habe das Originaldrehbuch der Episode "Nutria" aus der Spreewaldkrimi-Reihe zu Hause, kann demnach bestätigen, dass da was in Papier produziert wird. Richtig ist natürlich, dass die Themen immer wieder variiert werden müssen, weil irgendwann nahezu alles erzählt ist. Das kennen wir ja zu Genüge auch aus den Reinecker-Drehbüchern und selbst Karlheinz Willschrei verwurstete seine eigenen Geschichten Jahre später ungeniert neu (siehe oben). Was eher zu bedenken ist - gerade in Bezug auf den "Tatort" -, ist m.E., dass die Drehzeiten immer kürzer und der Bedarf immer höher geworden ist. Abgesehen von einigen Sommerloch-Wiederholungen muss ja nahezu jeden Sonntagabend ein neuer "Tatort" über den Bildschirm flimmern. Da sollte man sich einmal fragen, ob das wirklich nötig ist. Der Qualität ist das kaum zuträglich, von anderen Einflussfaktoren wie der abnehmenden Bedeutung eines Regisseurs einmal abgesehen.

Interessant zu lesen ist im Übrigen, dass die beiden Hauptdarsteller Bayrhammer und Felmy bereits damals Ähnliches kritisierten. Im Falle Felmy schwang aber sicher auch ein bisschen Frust aufgrund der neu anrückenden Gebrüder Gies mit, mit denen ihn ja eine durchaus erwiderte Abneigung verband und deren Engagements er wohl als Affront gegen sein Mitspracherecht empfand. Schlussendlich aber drehte Hajo Gies nach dem wunderbaren Buch seines Bruders Martin mit "Der Feinkosthändler" einen der besten Felmy-Tatorte und diese Stellung innerhalb der Reihe will in Bezug auf Felmy schon durchaus etwas bedeuten, waren doch darunter auch schon zuvor Meisterwerke wie "Zweikampf" oder "Lockruf" zu finden. Insofern mag in dem Brief Felmys sicher auch etwas gekränkte Eitelkeit mitschwingen. Fachlich fundiert zu begründen war seine Kritik an den beiden sicher kaum.

Gruß
Jan

brutus Offline




Beiträge: 12.897

16.08.2017 22:13
#47 RE: Die 1970er-"Tatort"-Kommissare: Haferkamp (Hansjörg Felmy) Zitat · antworten

Die schon länger kolportierte Haferkamp-Box mit allen 20 Fällen des Essener Kommissars ist jetzt für den 22. September angekündigt:

https://www.spondo.de/neuheiten/demnaech...-haferkamp.html

Ray Offline



Beiträge: 1.032

27.12.2017 22:23
#48 RE: Die 1970er-"Tatort"-Kommissare: Haferkamp (Hansjörg Felmy) Zitat · antworten

Kommissar Haferkamp ermittelt:

Fall Nr. 1: Acht Jahre später (Tatort-Folge 39, BRD 1974)

Regie: Wolfgang Becker

Darsteller: Hansjörg Felmy, Willy Semmelrogge, Christine Ostermayer, Relja Basic, Karin Eickelbaum, Herbert Bötticher, Hans von Borsody, Klaus Schwarzkopf u.a.



Vor acht Jahren hat Kommissar Heinz Haferkamp bei einem Feuergefecht den Bruder des Einbrechers Brossberg getötet. Bereits damals schwor Brossberg Rache an Haferkamp und seiner eigenen Geliebten, die der Polizei bei der Ergreifung Brossbergs behilflich war. Macht Brossberg nach seiner Entlassung ernst?


Die einfach gestrickte und mit aus Sicht des Ermittlers persönlichem Bezug ausgestattete Story ermöglicht es dem Zuschauer, Kommissar Haferkamp kennen zu lernen. Heinz Haferkamp ist geschieden und wohnt alleine in der Wohnung der Ex-Frau. Er hört gerne Jazz, die zahlreichen Bilder und Filmplakate von Humphrey Bogart deuten zudem auf eine cineastische Leidenschaft hin. Wenn er für sich ist, ist er in kulinarischer Hinsicht nicht wählerisch, selbstgemachte Spiegeleier oder Frikadellen in der Kneipe um die Ecke genügen ihm völlig, oft begleitet von Bier und Korn. Mit seiner Ex-Frau, der er noch regelmäßig zu begegnen scheint, geht er auch mal gerne Essen.

Essen lautet auch der Name der Stadt, in der Haferkamp ermittelt. Das Industrie-Milieu wird in dieser ersten von Wolfgang Becker inszenierten Folge nach Brossbergs Entlassung und bei der Verfolgung über die Gleise gut eingefangen.

„Acht Jahre später“ entwickelt Spannung, ohne ein wirklicher Whodunit zu sein. Die Spannung wird aus der Grundkonstellation erzeugt. Wird Brossberg Rache üben können? Und wenn ja, an wem? An Haferkamp höchstpersönlich oder zumindest an seiner ehemaligen Geliebten, die de Kommissar unfreiwillig in seiner Wohnung aufnimmt? Die Folge kommt ohne größere Längen aus, hätte aber vielleicht ein bisschen besser oder zumindest „prominenter“ besetzt werden können. Klaus Schwarzkopf, Hans von Borsody oder Werner Bötticher haben nur kleine Auftritte, Relja Basic passt zumindest von der Physiognomie, Christine Ostermayer erscheint allerdings keinesfalls als Idealbesetzung, aus dieser letzten Endes zentralen Figur hätte man mehr herausholen können, vielleicht sogar müssen, denn wirklich glaubwürdig wirkt Brossbergs (Ex-)Geliebte in der Ostermayerschen Interpretation nicht. Bemerkenswert erscheint noch die Panflöten-Musik, die wie aus einem Western entsprungen erscheint, angesichts der Konstellation Brossberg-Haferkamp, welche nach einem klassischen Showdown schreit, durchaus passend ist.



„Acht Jahre später“ bildet einen guten Einstieg, um Hansjörg Felmy als Kommissar Haferkamp kennen zu lernen, dem es gelingt, auf Anhieb sympathisch herüberzukommen. Der Fall ist vergleichsweise einfach gestrickt, enthält aber manch überraschende Wendung und unterhält über knapp 90 Minuten gut. Einzig bei der Besetzung wäre mehr drin gewesen. 4 von 5 Punkten.

Ray Offline



Beiträge: 1.032

28.12.2017 21:07
#49 RE: Die 1970er-"Tatort"-Kommissare: Haferkamp (Hansjörg Felmy) Zitat · antworten

Fall Nr. 2: Zweikampf (Tatort-Folge 41, BRD 1974)

Regie: Wolfgang Becker

Darsteller: Hansjörg Felmy, Willy Semmelrogge, Heinz Baumann, Ursula Lingen, Werner Bruhns, Gracia-Maria Kaus, Thomas Astan, Karin Eickelbaum, Gustl Bayrhammer, Niels Clausnitzer u.a.



Im Zuge der Entführung des reichen Unternehmers Mezger werden 5 Millionen DM erbeutet. Haferkamp findet schnell eine heiße Spur, doch der Verdächtige bleibt ganz cool...

Der zweite Fall für Hansjörg Felmy als Heinz Haferkamp ist im Stile der US-Serie „Columbo“ inszeniert. Der Täter ist schnell klar, die Spannung muss sich in der Folge einerseits auf das „Ob“ der Verhaftung, vor allem aber auf das „Wie“ verlagern. Dies gelingt weitgehend, weil Felmy und sein Gegner Heinz Baumann es schaffen, einen interessanten Zweikampf aufzubauen. Anders als Columbo macht Haferkamp bereits früh keinen Hehl aus seinem Verdacht, dennoch gibt es analog zu Columbo fast schon kumpelhafte Momente zwischen Haferkamp und dem Verdächtigen, in denen auch private Themen angerissen werden.

Bemerkenswert erscheint, dass dieser „Tatort“ gänzlich ohne Leiche auskommt, was sicherlich nicht oft vorkommt, aber auch einmal mehr beweist, dass es nicht zwingend eines Mordes oder Totschlags bedarf, um einen mitreißenden Krimi zu inszenieren.

Eine kurze Begegnung gibt es wieder zwischen Haferkamp und seiner Ex-Frau, die eine mögliche Zeugin in ihrer Eigenschaft als Fotografin ablichtet. Die möglicherweise intendierte Annäherung seitens Haferkamp verläuft aber recht schnell im Sande, was ihn durchaus ein wenig frustriert zurücklässt, zumal er auch bei der Ex seines Gegners nicht wirklich zum Zuge kommt. So stellt Haferkamp im „Gespräch unter Männern“ mit Baumann auch fest, dass er inzwischen in einem Alter sei, in dem man es zunehmend schwer habe, eine gut aussehende Frau für eine Nacht oder sogar länger zu ergattern.

Unter den Gaststars sind neben dem immer gern gesehenen Werner Bruhns Gustl Bayrhammer (als Gastkommissar Veigl) und Synchronsprecher Niels Clausnitzer (Roger Moore u.a.).

Insgesamt bietet „Zweikampf“ wie schon die Pilotfolge gute Krimi-Unterhaltung, die Lust auf mehr macht.


Im Columbo-Stil inszenierte Folge, die auch ohne Leiche 90 Minuten lang gut unterhält. 4 von 5 Punkten.

Havi17 Offline




Beiträge: 3.028

28.12.2017 22:19
#50 RE: Die 1970er-"Tatort"-Kommissare: Haferkamp (Hansjörg Felmy) Zitat · antworten

In der Tat, umso schwerer ist es zu unterhalten. Für mich einer der besten Tatorts,
incl. silberner Nymphe.

Gruss
Havi17

Jan Offline




Beiträge: 1.319

28.12.2017 23:46
#51 RE: Die 1970er-"Tatort"-Kommissare: Haferkamp (Hansjörg Felmy) Zitat · antworten

"Zweikampf" ist zweifellos eine der gelungensten Tatort-Episoden. Die Machart ohne Whodunit ähnelt auch dem zeitgleich entstandenen Derrick-Beginn, wobei hier noch die vorangestellte Komponente des Duells hinzu kommt. "Zweikampf" zählt zudem zu den prägnanten Beispielen der Vielseitigkeit Wolfgang Beckers, der nicht nur Hochkarätiges nach Schema F erstellen konnte, sondern eben auch Stoffe mit abweichender Dramaturgie enorm spannend umzusetzen wusste. Gleich zu Beginn ist "Zweikampf" übrigens als typisches Becker-Werk zu entlarven: Das Stück "Birdman" von Giles & McDonald setzte Becker unzählige Male ein. Zwei Stammschauspieler des Regisseurs sind zudem dabei: Horst Sachtleben (um die 15 Auftritte) und Beckers Lebensgefährtin Gracia Maria Kaus. Ein in sich wirklich stimmiges Werk!

Gruß
Jan

Ray Offline



Beiträge: 1.032

29.12.2017 23:09
#52 RE: Die 1970er-"Tatort"-Kommissare: Haferkamp (Hansjörg Felmy) Zitat · antworten

Danke für eure Anmerkungen und ergänzenden Informationen. Von Becker kenne ich bisher ja vor allem die früheren Werke wie "Der Tod läuft hinterher". Das mit der Musik hatte ich schon mal irgendwo gelesen, aufgefallen ist es mir selbst noch nicht.

Fall Nr. 3: Der Mann aus Zimmer 22 (Tatort-Folge 46, BRD 1974)

Regie: Heinz Schirk

Darsteller: Hansjörg Felmy, Willy Semmelrogge, Alexander Kerst, Monica Bleibtreu, Eva-Maria Meineke, Ulli Lommmel, Karin Eickelbaum u.a.



In einem Hotelzimmer wird eine junge Frau ermordet. Oberstudiendirektor Maurer hat den Mörder gesehen, zögert aber, sich bei der Polizei zu melden, weil er während der Tat im Nebenzimmer mit der Frau eines Kollegen weilte...

Die mit 80 Minuten recht kurze Folge ist wiederum kein Whodunit, denn der Zuschauer sieht genau wie Maurer bereits zu Anfang den Täter. Interessanterweise kümmert sich die von Oliver Storz geschriebene Episode auch weniger um den Täter, der schnell als Triebtäter enttarnt wird und sonst eher als Nebenfigur fungiert. Die Spannung wird eher um die Figuren des Oberstudiendirektors, verkörpert von Alexander Kerst, seiner Ehefrau (Eva-Maria-Meineke) und seiner Geliebten (Monica Bleibtreu) entwickelt. Wie lange werden sie warten, um der Polizei alles mitzuteilen, was sie wissen und so entscheidend an der Verhaftung mitzuwirken? Oder anders gefragt: wie tief werden sich die Beteiligten in Schuld verstricken, indem sie tatenlos zusehen, wie der Triebtäter, der scheinbar ein hoffnungsloser Fall ist und daher allenfalls am Rande interessiert, eine Frau nach der anderen ermordet?

Das Ganze gelingt weitgehend, die Balance stimmt überwiegend. Einmal wird Regisseur Schirk allerdings doch inkonsequent und wendet sich zu sehr dem Täter zu, bleibt dabei aber äußerst spekulativ (Szene, in der er ihn in der Wohnung des nächsten möglichen Opfers mit einer Kinderpuppe zeigt). Dies hätte man sich besser gespart, wenn man sich sonst für den Täter und seine Geschichte kaum interessiert.

Im Übrigen erwische ich mich zusehends dabei, wie ich mich für die Rahmengeschichte um Haferkamp und seine Ex-Frau Ingrid interessiere. Grundsätzlich bin ich kein Freund von übermäßigen Schilderungen des Privatlebens von Ermittlern, hier dürfte es nach meinem Geschmack sogar noch etwas mehr sein, einfach weil mir Felmy und Eickelbaum in ihren Rollen jetzt schon unglaublich sympathisch sind. In dieser Folge gibt es nur einen kurzen Auftritt Eickelbaums. Der Zuseher erfährt, dass sie den Beruf als Fotografin ergriff, um Abstand zu gewinnen, nun läuft es so gut, dass es ihr fast ein bisschen viel wird. Dass sie Haferkamp nur unregelmäßig sieht, stört sie seit der Scheidung nicht mehr. Bemerkenswert ist, dass Haferkamp einen Schlüssel zu ihrer Wohnung hat.


Recht kurze Episode, die sich abermals weitgehend erfolgreich daran versucht, ohne Whodunit Spannung zu kreieren. Diesmal geht man sogar noch einen Schritt weiter, indem man den Täter über weite Strecken zur bloßen Nebenfigur macht. Dabei bleibt die Regie aber nicht immer konsequent. 3,5 von 5 Punkten.

Ray Offline



Beiträge: 1.032

30.12.2017 23:08
#53 RE: Die 1970er-"Tatort"-Kommissare: Haferkamp (Hansjörg Felmy) Zitat · antworten

Fall Nr. 4: Wodka Bitter-Lemon (Tatort-Folge 50, BRD 1975)

Regie: Franz Peter Wirth

Darsteller: Hansjörg Felmy, Willy Semmelrogge, Heinz Bennent, Claudia Amm, Margot Trooger, Lil Dagover, Sky du Mont, Karin Eickelbaum, Sabine von Maydell, Gustl Bayrhammer u.a.



Gefrustet ob der Tatsache, dass er seine Frau in München nicht erreichen kann, nimmt der reiche Unternehmer Koenen an einem regnerischen Abend ein junges Mädchen im Auto mit zu sich nach Hause. Seine Absichten ändern sich, als sie ihm beiläufig mitteilt, Lehrling in seinem Werk zu sein. Koenen geht verschämt unter die Dusche, als er zurückkehrt, liegt das Mädchen tot im Wohnzimmer...

In diesem Moment erahnt der Zuschauer, dass er es wohl erstmals in einem Haferkamp-Tatort mit einem Whodunit zu tun haben wird. Und so kommt es im Grunde auch, denn die Identität des Täters bleibt bis kurz vor Schluss verborgen. Die Auswahl potentieller Täter ist freilich überschaubar. Koenen selbst scheint es angesichts seiner Reaktion nach dem Auffinden der Leiche offensichtlich nicht gewesen zu sein. Seine Mutter (Lil Dagover), die genau wie seine Schwester im gemeinsamen mondänen Anwesen wohnt, ist dazu wohl nicht mehr fähig und hat kein ersichtliches Motiv. Bleiben die dominante Schwester (Margot Trooger), die durchaus bereit scheint, die Firma alleine zu führen, allerdings ihren Bruder auch sehr liebt und die Ehefrau, die an den Strukturen in der Familie leidet, aber gleichwohl ebenfalls noch Gefühle für ihren Mann hat. Der Tod durch Gift deutet schnell auf einen Identitätsirrtum beim Opfer hin, ein echtes Tatmotiv kommt jedoch erst gegen Ende zum Vorschein.

Der Betrachter folgt diesem Treiben um die ehrenwerte Firma Koenen in dem großzügigen Anwesen mit der erforderlichen Geduld, wobei es die Beteiligten ihm recht leicht machen. Der Fall erzählt eine interessante Geschichte, Konflikte deuten sich frühzeitig an (Schwester Koenen und Frau Koenen haben kein gutes Verhältnis, Herr und Frau Koenen hatten unmittelbar vor Frau Koenens Abfahrt einen Streit), die Regie gibt den Akteuren genügend Raum, um ihre Figuren zur Schau zu stellen. Exemplarisch gibt es eine lange Szene, in der Haferkamp Frau Koenen einen Nachmittag vom Reitstall in die Stadt zum Einkaufen und ins Café begleitet. Die Garde der Schauspieler um Heinz Bennent, Claudia Amm, Margot Trooger und Lil Dagover präsentiert sich bestens.

Haferkamp bedient sich zur Lösung des Falles diesmal seiner Ex-Frau, die er undercover einen Tatverdächtigen auf eine Gesellschaft im Künstlermilieu folgen lässt. Auch bezüglich des Verhältnisses von Haferkamp zu Ingrid liefert die Folge neue Erkenntnisse. Haferkamp übernachtet bei seiner Ex-Frau, was für beide nichts besonderes zu sein scheint, fragt Ingrid doch nur beiläufig, ob sie denn das zweite Bett fertig machen solle. Bereitwillig folgt sie Haferkamp auch auf einen Aufenthalt nach Sylt, wenngleich sich dieser ganz überwiegend als dienstlich herausstellt.


Gefühlt stellt "Wodka Bitter-Lemon" die bisher rundeste Folge dar. Auf der Habenseite steht ein gutes Buch, das genügend Raum zum Miträtseln lässt, ein sehr guter Cast und eine angenehm zurückhaltende Inszenierung. 4,5 von 5 Punkten.

Ray Offline



Beiträge: 1.032

01.01.2018 21:46
#54 RE: Die 1970er-"Tatort"-Kommissare: Haferkamp (Hansjörg Felmy) Zitat · antworten

Fall Nr. 5: Die Abrechnung (Tatort-Folge 52, BRD 1975)

Regie: Wolfgang Becker

Darsteller: Hansjörg Felmy, Willy Semmelrogge, Maria Schell, Romuald Pekny, Rolf Becker, Karin Eickelbaum, Irina Wanka u.a.



Die wohlhabende Evelyne Stürznickel (Maria Schell) erschießt einen Einbrecher (scheinbar?) in Notwehr. Dieser soll ihren Angaben nach zuvor ihren Schwiegervater getötet haben. Kommissar Haferkamp findet schnell heraus, dass Stürznickel ein Verhältnis mit dem Einbrecher hatte. War der Einbrecher nur Mittel zum Zweck, um an das Erbe des reichen Schwiegervaters zu gelangen? So die Theorie Haferkamps, die allerdings vor Gericht nicht standhält. Kurz nach Stürznickels Freispruch wird ihre Stieftochter, die laut Testament die Hälte des Vermögens erben sollte, ebenfalls tot aufgefunden...

"Die Abrechnung" ist eine von zwei Folgen, die versehentlich in einer um zehn Minuten gekürzten Fassung auf DVD erschienen. Ob einem das Tempo deshalb so hoch vorkommt? Oder liegt es an Regisseur Wolfgang Becker, der nicht gerade für Inszenieren mit angezogener Handbremse bekannt ist? Wie dem auch sei, die Folge legt eine hohe Schlagahl vor: die erste Gerichtsverhandlung des Falles, von dem man anfänglich annimmt, seine Behandlung sei für die volle Lauflänge angedacht, ist nach etwa einer halben Stunde beendet, wenig später findet sich bereits die zweite Leiche. Das Buch von Karl Heinz Willschrei hätte das Potential für einen Thriller von Hollywood-Format, so viele Wendungen, (psychologisch) interessante Figuren und packende Gerichtsszenen stecken in dem Film. Insofern gebührt selbstverständlich an dieser Stelle Wolfgang Becker ein großes Kompliment, der absolut packend und so inszeniert, als würde er wirklich einen Film fürs Kino drehen. Gepaart mit den fabelhaften Leistungen der Schauspieler, egal ob Romuald Pekny als Stürznickels Anwalt, der mit dem Toten regelmäßig Schach spielte und insofern an der Ermittlung der Wahrheit ein gesteigertes Eigeninteresse hat, Maria Schell als unnahbare "Grand Dame", die ihre Augen über weite Strecken hinter einer übergroßen Sonnnenbrille verhüllt oder Rolf Becker als ihr weiterer Geliebter, der Haferkamp in den Verhören gehörig zusetzt, entstand ein kleines Meisterwerk.

Möglicherweise den Kürzungen zum Opfer gefallen, die man dem Film rein inhaltlich nicht anmerkt - er bleibt mithin zu jeder Zeit nachvollziehbar -, sieht man den Kommissar und Ingrid in dieser Folge nur kurz in einer Galerie und vor Gericht, da Ingrid ihren Ex-Mann zu den Verhandlungen stets begleitet. Das oben von einem Vorredner angesprochene Geständnis, sie liebe Haferkamp möglicherweise immer noch, fehlt in der mir vorliegenden Fassung.


"Die Abrechnung" ist ein kleines Meisterwerk. Warum? Weil das Buch internationales Kinoformat hat, Regisseur Wolfgang Becker entsprechend inszeniert und die Schauspieler allesamt zu Hochform auflaufen. 5 von 5 Punkten.

Ray Offline



Beiträge: 1.032

05.01.2018 21:52
#55 RE: Die 1970er-"Tatort"-Kommissare: Haferkamp (Hansjörg Felmy) Zitat · antworten

Weiter geht's mit der "Haferkamp-Sause". Der Ermittler aus Essen hat mich abermals nicht enttäuscht.

Fall Nr.6: Treffpunkt Friedhof (Tatort-Folge 56, BRD 1975)

Regie: Wolfgang Becker

Darsteller: Hansjörg Felmy, Willy Semmelrogge, Krista Keller, Matthias Fuchs, Karl Maria Schley, Peter Oehme, Ingrid Capelle, Karin Eickelbaum u.a.



Ein selbstständiger Tuning-Spezialist namens Geffken verschafft sich des Nachts Zutritt zum Anwesen des Maschinenfabrikanten Zangemeister. Dabei erschießt er dessen Haushälterin, als diese den Eindringling zu überwältigen versucht. Nachdem Zangemeister ins Haus kommt, konfrontiert ihn Geffken mit einer Forderung von 450.000 DM, andernfalls würde er einen Angehörigen töten. Die Übergabe gelingt und Geffken entkommt mit dem Geld. Den Plan hat Geffken von Zangemeisters Angestellten Schaßler, dem gegen Zangemeister tatsächlich eine Forderung in der Höhe zusteht. Auf die Idee zur Umsetzung des Vorhabens wurde Geffken von seiner ehemaligen Geliebten, die gleichzeitig Schaßlers Tochter ist, gebracht. Diese macht Geffken für einen Unfall verantwortlich, in dessen Folge sie ein steifes Bein hat und missgönnt daher ihrem Ex-Freund den Coup. Sie lockt Geffken in eine Falle...

"Treffpunkt Friedhof" ist im Ganzen eine Stufe schlechter als die großartige Vorgänger-Folge "Die Abrechnung". Dies liegt zum einen daran, dass das Buch nicht ganz so raffiniert ist wie in Episode 5. Zum anderen sind es die Darsteller, die nicht das Niveau erreichen, das man aus den bisherigen Episoden gewohnt ist. Matthias Fuchs bleibt als Erpresser ziemlich blass, ein Günhter Ungeheuer etwa hätte aus der Rolle gewiss mehr herausholen können. Krista Keller hingegen überdreht ähnlich wie in der Der Alte-Folge "Verena und Annabelle" und erweist sich eher als störend.

Diese Defizite werden aber durch das trotz allem keinesfalls schlechte Buch, die wieder recht straffe Inszenierung Wolfgang Beckers, vor allem aber dank Hansjörg Felmy und seiner Film-Ex-Frau Karin Eickelbaum aufgefangen. Diesmal gibt es eine herrliche Szene in einer Kneipe, in der Haferkamp Geffken auflauern will und dieses notwendige Übel ausnutzt, um mal wieder Zeit mit Ingrid zu verbringen. Da diese bei solchen Aktionen ganz gerne "mitspielt", wie Haferkamp gegenüber seinem Kollegen Kreutzer erklärt (siehe auch bereits die Folge "Wodka Bitter-Lemon"), tun die beiden am Tresen der Kneipe so, als würden sie sich nicht kennen. Dort kommt es zu einigen launigen Momenten, etwa, wenn Ingrid zu Haferkamp sagt, mit so etwas wie ihm könne sie sich nicht vorstellen, verheiratet zu sein oder Haferkamp ihr einen Vortrag darüber hält, was eine gute Frikadelle ausmache ("abgeflacht, außen kross und innen gerade durch"). Erstmals sieht der Zuschauer zudem, dass die beiden noch intim miteinander sind. Ingrid bescheinigt Haferkamp, zumindest ein "brauchbarer Liebhaber" zu sein, nachdem sie ihm auf Nachfrage den Grund erläutert bzw. in Erinnerung ruft, warum die beiden eigentlich geschieden sind: sie könne nicht mit einem Mann zusammenleben, der in Gedanken immer woanders sei. Haferkamp selbst hatte Kreutzer auf dessen diesbezügliche Frage noch geantwortet, das habe vor allem "praktische Gründe", man würde sich seit der Scheidung einfach besser verstehen. Seiner Frau gegenüber offenbarte er aber, dass er eine richtige Antwort auf die Frage seines Kollegen doch nicht habe. Nebenbei erfährt der Zuschauer in dieser Episode, dass auch Kollege Kreutzer verheiratet ist, seiner Ehe aber überdrüssig scheint. Beide haben überdies ein gespanntes Verhältnis zu ihrem Vorgesetzten.


Solide Episode mit schauspielerischen Defiziten. Diese werden jedoch insbesondere durch Felmy und Eickelbaum weitgehend abgefedert. 4 von 5 Punkten.

Jan Offline




Beiträge: 1.319

06.01.2018 23:34
#56 RE: Die 1970er-"Tatort"-Kommissare: Haferkamp (Hansjörg Felmy) Zitat · antworten

Zitat von Ray im Beitrag #55
Krista Keller hingegen überdreht ähnlich wie in der Der Alte-Folge "Verena und Annabelle" und erweist sich eher als störend.

Wie immer, wenn Frau Keller auftrat, nervte sie auch mich. Schauderhaft. In der ansonsten wunderbare Episode "Marholms Erben" (auch Der Alte) muss sie auch ertragen werden.

Gruß
Jan

Ray Offline



Beiträge: 1.032

08.01.2018 16:59
#57 RE: Die 1970er-"Tatort"-Kommissare: Haferkamp (Hansjörg Felmy) Zitat · antworten

Stimmt, da war sie auch dabei, hat mich aber anscheinend dort nicht ganz so gestört oder ich habe es verdrängt.

Weiter geht's mit dem siebten Fall für Kommissar Haferkamp...


Fall Nr. 7: Zwei Leben (Tatort-Folge 61, BRD 1976)

Regie: Wolfgang Staudte

Darsteller: Hansjörg Felmy, Willy Semmelrogge, Heinz Bennent, Gisela Uhlen, Günther Stoll, Karin Eickelbaum, Dirk Dautzenberg, Susanne Beck, Katinka Hoffmann, Klaus Schwarzkopf u.a.



Eine Amerikanerin namens Vivien Hamilton (Gisela Uhlen) ist nach Essen gereist. Ihr Ziel: ihren Ex-Mann zurückgewinnen. Dieser hatte einst in den USA gegen einen Mafiosi ausgesagt und war in der Folge in ein Zeugenschutzprogramm aufgenommen und nach Deutschland gebracht worden, da seine Eltern von dort stammten und er daher der deutschen Sprache mächtig war. In Essen verlebt er seither ein ruhiges Leben als Fotohändler unter dem Namen Franz Scheller. Hamilton setzt einen Mafia-Anwalt auf ihren Ex-Mann an, um diesen aufzuspüren und unter Druck zu setzen. Wird Scheller von seiner Vergangenheit eingeholt werden?

„Zwei Leben“ ist nach „Wodka Bitter-Lemon“ die bisher am reizvollsten besetzte Episode, da es wiederum einige Gesichter aus der „guten, alten Zeit“ auf die Besetzungsliste geschafft haben. Besonders interessant ist natürlich die Mitwirkung der Wallace-Akteure Gisela Uhlen und Günther Stoll. Uhlen spielt die zunächst recht geheimnisvolle Amerikanerin, deren wahren Beweggründe sich erst recht spät offenbaren. Stoll gibt den Mafia-Anwalt und sorgt dafür, dass die erste halbe Stunde besonders packend ausfällt. Der gejagte Franz Scheller wird von dem bereits in „Wodka Bitter-Lemon“ eingesetzten Heinz Bennent verkörpert, der im Vergleich zu seinem ersten Haferkamp nochmals eine Schippe drauflegt, wobei seine Rolle hier freilich auch wesentlich größer ausfällt und ihm folglich mehr Raum zur Entfaltung gibt. Ein Wiedersehen gibt es zudem mit „Butler Parker“ Dirk Dautzenberg, der diesmal seinen Ruhrpott-Dialekt mit bestem Gewissen zur Schau stellen darf. Schließlich gibt es einen weiteren Gastauftritt Klaus Schwarzkopfs als Kommissar Finke.

Nach den angesprochenen ersten knapp 30 Minuten gerät die Folge in etwas ruhigere Fahrwasser, um dann am Ende nochmal ordentlich anzuziehen. Insgesamt eine der besten unter den bisherigen Episoden.

Haferkamp geht in dieser Folge gleich zweimal mit seiner Ex-Frau Essen. Ingrid ist Haferkamp darüber hinaus abermals bei den Ermittlungen behilflich Sie hatte nämlich vor einiger Zeit einmal eine kurze Affäre mit einem amerikanischen Journalisten, mit dem sie beruflich zu tun hatte. Diesen kontaktiert Ingrid überraschend bereitwillig, obwohl sie sich nach eigenen Angaben an das Tete-a-tete nur ungern erinnert. Haferkamp möchte so Scherereien mit dem FBI vermeiden, der Scheller in das Zeugenschutzprogramm steckte.


Spannende Episode mit außergewöhnlicher und interessanter Story, die insbesondere durch starke erste 30 Minuten und im Übrigen durch die Gastauftritte profilierter Darsteller profitiert. 4,5 von 5 Punkten.

Ray Offline



Beiträge: 1.032

13.01.2018 12:14
#58 RE: Die 1970er-"Tatort"-Kommissare: Haferkamp (Hansjörg Felmy) Zitat · antworten

Fall Nr. 8: Fortuna III (Tatort-Folge 64, BRD 1976)

Regie: Wolfgang Becker

Darsteller: Hansjörg Felmy, Willy Semmelrogge, Gerd Böckmann, Gracia-Maria Kaus, Oliver Urlichs, Evelyn Palek u.a.



Der 12-jährige Paul beobachtet eines Nachts, wie der Verlobte seiner Schwester in der Nähe des Vereinsgeländes "Fortuna III" die Aushilfswirtin Ellen bei einem Vergewaltigungsversuch ohne Absicht tötet. Paul, der regelmäßig die Schule schwänzt und schon oft Probleme mit der Polizei hatte, versucht sein "Sonderwissen" gewinnbringend zu nutzen...

Eine mit starkem Akzent auf das dramatische Moment ausgestattete Episode bekommt der Zuschauer mit "Fortuna III" präsentiert. Die Handlung dreht sich vor allem um den jungen Paul, weil Haferkamp frühzeitig erkennt, dass er ein Schlüssel zur Auflärung des Falles ist. Der Kommissar verbringt viel Zeit mit dem Jungen, der von seinem Vater zwischenzeitlich in ein Kinderheim gesteckt wird, lässt ihn Auto fahren und bietet ihm eine Zigarette an (heute undenkbar!), um den Jungen auf seine Seite zu ziehen. Das Ganze ist gerade von Seiten des Jung-Darstellers respektabel gespielt und auch nicht unpackend erzählt. Dennoch ist die Überlänge von 95 Minuten kaum zu rechtfertigen, weil der Fall auf die Zuspitzung des Konflikts - auf die es von vornherein hinausläuft - auch wesentlich schneller hätte zusteuern können. So aber muss der Betrachter Paul bei x-Fluchtversuchen entweder aus dem Eigen- oder Kinderheim zusehen, ohne dass die Handlung wirklich vorankommt. Insoweit wurde der "Sozialdrama"-Bogen ein wenig überspannt.

Trotz Überlänge bleibt zudem kein Platz für ein ausgleichendes Element in Form von Haferkamps Ex-Frau Ingrid. Dabei hätte sie als Frau (obschon sie wohl selbst keine Kinder hat) Haferkamp möglicherweise Ratschläge geben können oder es hätte thematisiert werden können, warum die Ehe Haferkamp kinderlos blieb. Dass Haferkamp keine Kinder hat, erwähnt dieser nur als eine Art Entschuldigung Paul gegenüber. Er müsse mit ihm wie mit einem Erwachsenen reden, weil er mit Kindern keine Erfahrung habe.

Die ganz großen Gaststars fehlen in dieser Episode. Gerd Böckmann gibt den Täter, Gracia-Maria Kaus bei ihrem zweiten Haferkamp-Auftritt die Verlobte Böckmanns und Schwester des Jungen. Auf einen Gastauftritt eines anderen Tatort-Kommissars wurde ebenfalls verzichtet.


Nicht uninteressante und gut gespielte Episode, die jedoch den Schwerpunkt zu sehr auf das dramatische Moment legt und zudem überlang ausgefallen ist. 3,5 von 5 Punkten.

Prisma Offline




Beiträge: 7.540

13.01.2018 16:40
#59 RE: Die 1970er-"Tatort"-Kommissare: Haferkamp (Hansjörg Felmy) Zitat · antworten

Zitat von Jan im Beitrag #56
Wie immer, wenn Frau Keller auftrat, nervte sie auch mich. Schauderhaft.

Wie unterschiedlich sie doch wahrgenommen wird. Ich habe mir wegen Krista Keller extra alles Mögliche zugelegt, was ich nur bekommen konnte, weil ich ihr überaus gerne dabei zusehe, wie sie es auf die Spitze treibt, und was andere vielleicht Overacting nennen. Für mich eine besonders ausdrucksstarke Interpretin, die die manchmal eher gepflegte Serien-Etikette zumindest provozieren konnte.


Zitat von Ray im Beitrag #55
Fall Nr.6: Treffpunkt Friedhof (Tatort-Folge 56, BRD 1975)

Die Folge kenne ich noch nicht, habe sie mir aber mal rausgelegt, um sie in den nächsten Tagen anzusehen. Krista Keller spielt ja mit... Ich hoffe, dass ich mich auf was gefasst machen kann.

Havi17 Offline




Beiträge: 3.028

13.01.2018 21:09
#60 RE: Die 1970er-"Tatort"-Kommissare: Haferkamp (Hansjörg Felmy) Zitat · antworten

Gruss
Havi17

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