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Dieses Thema hat 46 Antworten
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 Film- und Fernsehklassiker national
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Havi17 Offline




Beiträge: 2.955

05.09.2014 09:10
#31 RE: Die 1970er-"Tatort"-Kommissare: Haferkamp (Hansjörg Felmy) Zitat · antworten

Zitat von Gubanov im Beitrag #28
Zitat von Havi17 im Beitrag #27
Die zuständigen Redakteure beim Tatort sind inzwischen in der Mehrzahl weiblich.

Das liest sich so, als ob du etwas dagegen hättest.

Das ist lediglich eine Feststellung. Mich hatte es mal interessiert, was sich in den letzten Jahren hinter den Kulissen so verändert hat.

Gruß
Havi17

Georg Offline




Beiträge: 2.778

05.09.2014 15:31
#32 RE: Die 1970er-"Tatort"-Kommissare: Haferkamp (Hansjörg Felmy) Zitat · antworten

Vor der nächsten Besprechung noch der Hinweis, dass ich am Ende der Besprechung zu Fall #12, Das Mädchen von gegenüber, noch einige interessante Zitate eines Interviews mit Regisseur Hajo Gies nachträglich eingebaut habe, in denen er sich über die Folge äußert.

TATORT ESSEN - Haferkamps Fälle (15):
Der Feinkosthändler

(Tatort Nr. 91, Arbeitstitel: Feinkost)

Buch: Martin Gies
Kamera: Werner Kurz
Regie: Hajo Gies
Mit Hansjörg Felmy, Willy Semmelrogge, Walter Kohut, Christine Hammacher, Marie-Luise Millowitsch, Kai Taschner, Kathrin Ackermann, Hannes Kaetner u.v.a.

Frau Böhmer kehrt früher als erwartet aus Davos zurück und bittet den Feinkosthändler Wever, mit dem sie offensichtlich einmal ein Verhältnis hatte, ihr noch mit einigen Lebensmitteln auszuhelfen. Dieser nimmt sich trotz der späten Stunde und eingeladener Gäste der Sache an und bringt die Dame nach dem Einkauf nach Hause. Als er bemerkt, dass sie den Kaffee im Wagen vergessen hat, will er ihn ihr nachbringen, stößt aber auf verschlossene Türen. Am nächsten Tag hat sich Heinz Haferkamp von der Essener Kripo mit einem neuen Mordfall zu befassen: Frau Böhmer liegt nämlich erschlagen in ihrem Schlafzimmer. Ein Mann, der dem Ermittler immer wieder begegnet und der immer wieder ins Zentrum des Interesses gerät, ist der Feinkosthändler Wever ...

Nach Das Mädchen von gegenüber (Arbeitstitel: Jahrmarkt) ist Der Feinkosthändler, eine Episode die unter dem Kurztitel Feinkost gedreht wurde und so an die Titeltradition Herbert Lichtenfelds anknüpfen wollte, die zweite Folge des Brüdergespanns Gies. Es ist erneut eine Geschichte, die sich für die Realität interessiert und für die Abbildung des Umfelds der Hauptfigur (in diesem Falle jener des Feinkosthändlers Wever). Ein ruhiger Krimi, der zunehmend zum psychologischen Film wird und eher aus der Feder eines Georges Simenon stammen hätte können. Tatsächlich habe ich dazu auch zwei Zitate aus dem von mir schon zitierten Tatort-Sammelband gefunden:

„[...] die Spannungskurve der erzählten Geschichte fällt kontinuierlich nach den ersten Minuten“ (Göttler, Fritz: „Drei Mark Achtzig. Der Feinkosthändler“, in: Wenzel, Eike [Hrsg.]: Tatort. Recherchen und Verhöre, Protokolle und Beweisfotos. Berlin: Bertz, 2001, S. 163)

Regisseur Hajo Gies: „Der FEINKOSTHÄNDLER ist fast eine psychologische Studie, da passte der Haferkamp eigentlich gar nicht so richtig rein. Es sollte so etwas wie ein filmischer Simenon, die psychologische Studie dieses Mannes, dem Feinkosthändler sein. Mein Bruder hat dafür monatelang einen Ladenbesitzer im Münsterland beobachtet, ist zu ihm einkaufen gegangen, hat seine Verhaltensweisen studiert, wie er mit den Verkäuferinnen redet, wie er sich gegenüber verhält. Und so entstand langsam das Thema: wie ein Kleinbürger in eine Ausnahmesituation gerät, und, gerade weil er alles bewahren will, zu dem Schluss kommt, dass er einen Mord begehen muss. Diese Figur hat uns damals viel mehr interessiert als der Haferkamp.“ (Wenzel, Eike: „Nicht mehrheitsfähig. Interview mit Hajo Gies“, in: Wenzel, Eike [Hrsg.]: Tatort. Recherchen und Verhöre, Protokolle und Beweisfotos. Berlin: Bertz, 2001, S. 161)

Der Regisseur bemüht sich erneut um einen realistischen Kriminalfilm, wie er auch im Interview bestätigte:

„Ich [...] wollte unbedingt Kriminalfilme machen. Und in Deutschland gab es ja damals nur diese Märchenkrimis à la Edgar Wallace und Francis Durbridge - also blieb nur der TATORT“ (loc. cit., S. 163)

„[...] wir wollten ja keine Märchenkrimis, sondern Filme mit wirklichen Menschen. Die äußere Handlung sollte in den Hintergrund treten und die inneren psychologischen Vorgänge nach außen gekehrt werden. Das ist für mich „Film““. (loc. cit., S. 166)

Dementsprechend sticht diese Folge erneut aus der Haferkamp-Reihe heraus. Die Darsteller sind exzellent, wobei der großartige Walter Kohut Hansjörg Felmy hier fast die Show stielt. Seine Darstellung des etwas spießbürgerlichen, cholerischen, nervösen und wohl auch nicht mehr zeitgemäßen aber doch auch ängstlichen Mannes, dem es scheinbar unmöglich scheint eine Beziehung zu seiner Umwelt aufzubauen, ist außerordentlich sehenswert. („Ein Typ, der nicht mehr zeitgemäß ist, aber ein solcher ist auch der Kommissar, Haferkamp.“ (loc. cit., S. 160))

Das Zusammenspiel Haferkamp und Kreutzer funktioniert wiederum sehr gut, es sind schon fast eheliche Szenen, als der Kommissar seinen Assistenten bei den beiden „Kuchenszenen“ zurecht mahnen muss.

Fazit: Liebhaber des psychologischen Kriminalfilms à la Georges Simenon kommen hier voll auf ihre Kosten. Wer es lieber klassisch mag, ist jedoch bei Autoren wie Herbert Lichtenfeld und Regisseuren wie Wolfgang Becker oder Wolfgang Staudte besser aufgehoben!

Georg Offline




Beiträge: 2.778

06.09.2014 10:33
#33 RE: Die 1970er-"Tatort"-Kommissare: Haferkamp (Hansjörg Felmy) Zitat · antworten

TATORT ESSEN - Haferkamps Fälle (16):
Die Kugel im Leib

(Tatort Nr. 95)

Buch: Georg Feil
Kamera: Götz Neumann
Regie: Wolfgang Staudte
Mit Hansjörg Felmy, Hans-Georg Panczak, Karin Eickelbaum, Klaus Löwitsch, Willi Semmelrogge, Mady Rahl, Christoph Eichhorn, Ilona Grübel, Alf Marholm und Rolf Schimpf u.v.a.

Banküberfall in Essen. Der Täter kann trotz rechtzeitigen Eintreffens der Polizei flüchten. Auf drei Warnschüsse reagiert der Maskierte nicht. Dafür streckt er den Streifenbeamten mit einem gezielten Schuss nieder, so dass dieser stirbt. Vor dem Exitus kann der Polizist jedoch noch einen Schuss abfeuern und den Täter treffen. Wenig später wird in unmittelbarer Umgebung des Tatorts ein Motorradfahrer auf der Straße liegend entdeckt, der eine Schussverletzung hat. Er behauptet, der Bankräuber habe auf ihn während seiner Flucht geschossen. Die Polizei glaubt seine Geschichte, erst als der Mann sich nicht operieren und sich die Kugel nicht entfernen lassen will, interessiert sich Heinz Haferkamp zunehmend für den Verletzten namens Reiner Mettmann. Er folgt ihm auf Schritt und tritt und fährt ihm sogar nach Italien hinterher ...

Die Kugel im Leib beginnt recht spannend und temporeich, jedoch geht die Spannungskurve nach ca. 20 Minuten rasant nach unten. Die Folge dauert knapp 93 Minuten, was eindeutig zu lang ist. In meinen Augen hätte die Geschichte auch in einer knappen dreiviertel Stunde erzählt werden können. Die Langatmigkeit kann schließlich auch nicht durch den Wechsel des Schauplatzes nach Italien kompensiert werden, hier wurde in Jesolo und dem nahegelegenen Venedig gedreht, wobei gerade die Szenen in der Lagunenstadt eigentlich obsolet sind und wohl nur wegen der Kulisse eingefügt wurden.

Dennoch hat die Episode auch starke Momente, wie z. B. jenen in dem Haferkamp dem Täter, von dessen Mutter (Mady Rahl) er zur Erbsensuppe auf dem Campingplatz eingeladen wurde, auf den Kopf zusagt, er sei der Bankräuber. Auch das Finale, in dem sich Ingrid Haferkamp ärgert, mit nach Italien gefahren zu sein und sich selbst vorwirft, sich nach der Scheidung viel zu oft mit ihrem Exmann getroffen zu haben und sie bereut, sich auch für seinen aktuellen Fall ausnutzen haben zu lassen, ist nachhaltig.

Ansonsten fällt hier besonders auf, dass neben Haferkamp und Kreutzer der Film überhaupt keinen Sympathieträger hat.

Ein Gastkommissarauftritt von Melchior Veigl war offenbar eingeplant, doch tritt dieser nie auf, sondern Kreutzer referiert lediglich, was Veigl ihm am Telefon gesagt hat. Dafür ist als Staatsanwalt der spätere "Alte" Rolf Schimpf zu sehen, der Haferkamp einen Urlaub auf Staatskosten ermöglicht, damit dieser an die Kugel im Leib des Täters kommt.

Insgesamt ist diese Episode eher mittelmäßig und gehört mit Sicherheit nicht in die Oberliga der Fälle des Heinz Haferkamp, was überwiegend durch zu wenig Tempo und durch eine zu langatmige Geschichte bedingt ist. Die schauspielerischen Leistungen sind - wenn man Löwitsch und Panczak mag (ich gehöre nicht unbedingt dazu) - gar nicht übel.

Georg Offline




Beiträge: 2.778

07.09.2014 11:18
#34 RE: Die 1970er-"Tatort"-Kommissare: Haferkamp (Hansjörg Felmy) Zitat · antworten

TATORT ESSEN - Haferkamps Fälle (17):
Ein Schuß zuviel

(Anmerkung: Bei Filmtiteln belasse ich stets die alte Rechtschreibung)
(Tatort Nr. 100)

Erstsendung ARD: 04.06.1979
Buch: Wolfgang Mühlbauer
Kamera: Kai Borsche
Regie: Hartmut Griesmayr
Mit Hansjörg Felmy, Willi Semmelrogge, Thomas Ahrens, Michaela May, Herbert Stass, Friedrich-Georg Beckhaus, Nora Barner, Vera Kluth, Hans Berheenke u.v.a.

Unter Vortäuschung eines Selbstmordes schaffen es zwei Untersuchungsgefangene einen Wärter als Geisel zu nehmen. Sie schaffen es bis vor die Tore des Strafgefangenenhauses, doch dann fällt ein Schuss: Wärter Rudi Jakobs erschießt dabei einen der beiden, einen Türken. Haferkamp ermittelt, zumal der zweite Flüchtige in einen quasi ungeklärten Fall verwickelt ist ...

Hartmut Griesmayr, bis heute derjenige Regisseur, der zur Reihe Tatort am meisten Beiträge geliefert hat und später auch zu einem der aktivsten Macher (und Autoren) der Serie Der Alte wurde, steigt mit einem Problemfilm bei Haferkamp ein. Wolfgang Mühlbauer geht es in seinem Drehbuch anscheinend nicht so sehr darum, einen spannenden Krimi zu erzählen, als vielmehr Charakterstudien zu betreiben. Im Mittelpunkt steht der Gefängnisaufseher Rudi Jakobs (sehr gut gespielt von Herbert Stass), der ganz in seinem Beruf aufgeht und für die Häftlinge alles tut. Als er einen Türken bei einem Ausbruchsversuch erschießt, wendet sich das Blatt, alles sind gegen ihn, selbst diejenigen, für die er sich aufgeopfert hat. Der Gutmensch Jakobs hat schließlich sogar noch Mitleid mit denjenigen, die ihn verfolgen und ihm das Wort 'Killer' auf die Hauswand sprühen. In einem anderen Erzählstrang wird die Geschichte des Ausbrechers Tomi Selzer erzählt und mitten drin ist Haferkamp, der zwischen allen Parteien zu vermitteln versucht. Diesmal hat er ein neues Büro und seine Exfrau kommt nicht vor. Ähnlich wie Jakobs will der Essener Ermittler es allen recht machen. Ob ihm das gelingt? Hervorzuheben ist außerdem noch Friedrich Georg Beckhaus als korrekter Wärter, der mit seiner Aussage den Stein ins Rollen bringt.

Spannung kommt in diesem Film nur selten auf, vielmehr erinnert dieser Tatort an die DDR-Polizeiruf 110-Episoden, die auch immer mehr Probleme in den Vordergrund rückten und den Kriminalfilm als Vorwand benutzten. Wie bei den DDR-Filmen bringt dies das Risiko der gepflegten Langeweile mit sich. Und die gibt es in dieser Episode leider übermäßig. Da kann auch das doch spannende Ende in der stillgelegten Fabrik nichts daran ändern.

Hartmut Griesmayr zählt sicherlich zu den besten deutschen Krimiregisseuren, in Ein Schuß zuviel (übrigens die Jubiläumstatortfolge: Fall Nr. 100!) hatte er mit dem Buch jedoch wenig Gelegenheit für einen packenden und spannenden Film zu sorgen.

Georg Offline




Beiträge: 2.778

08.09.2014 11:28
#35 RE: Die 1970er-"Tatort"-Kommissare: Haferkamp (Hansjörg Felmy) Zitat · antworten

TATORT ESSEN - Haferkamps Fälle (18):
Schweigegeld

(Tatort Nr. 106)

Erstsendung ARD: 18.11.1979
Buch: Herbert Lichtenfeld
Kamera: Joseph Vilsmaier
Musik: Electronic Sound
Regie: Hartmut Griesmayr
Mit Hansjörg Felmy, Willy Semmelrogge, Dieter Kirchlechner, Hannelore Hoger, Wolfgang Kieling, Liane Hielscher, Gisela Zülch, Karin Eickelbaum u.v.a.

Der durch eine chronische Nierenkrankheit bedingte Arbeitslose Herr Storck beobachtet abends, wie bei seinem Schwager Klaven eingebrochen wird. Er versucht den Täter zu stellen, dabei kommt es zu einem Kampf und der Einbrecher stürzt so unglücklich, dass er tot ist. Storck verschwindet und will seinen Schwager, als er nach Hause kommt, darüber in Kenntnis setzen. Doch es kommt nicht dazu. Stattdessen belauscht der Arbeitslose ein Gespräch zwischen Klaven und seiner Frau, aus dem hervorgeht, dass es sich nicht um einen Einbruch, sondern um einen von ihm in Auftrag gegebenen Versicherungsbetrug handelt. Diesen Umstand versucht der Mann auszunützen und beginnt Herrn Klaven zu erpressen. Er fordert 200.000 D-Mark Schweigegeld.

"Wollen Sie mich als Gegner oder als Freund?", so formuliert Haferkamp eine Frage an zwei Verdächtige. Und das ist es, was es um diesen Kommissar ausmacht: der Mann ist menschlich und versucht überall ein Menschenfreund zu sein. Das wird in dieser Episode sichtbar. Privat muss er sich Sorgen um seine Exfrau machen, die einen Unfall hatte und gerade so nochmals mit dem Leben davon kam. Ähnliches geschieht ihm selbst, als er einen Flüchtenden stellen will. Dieser wird zum Lebensretter des beliebten Kommissars und gibt dafür sogar seine Flucht auf.

Hartmut Griesmayr inszeniert ein spannendes Drehbuch von Herbert Lichtenfeld, das typisch für diesen Autor ist (nicht nur des kurzen Titels wegen) und auch für Finke (ich wiederhole mich ...) sehr gut gepasst hätte. Dem begabten Regisseur gelingt es, mit seinem ruhigen Inszenierungsstil ohne Effekthascherei aus dem sehr guten Buch noch mehr herauszuholen. Passend dazu ist die gute Besetzung: Dieter Kirchlechner ist glaubhaft als dauerkranker Arbeitsloser. Als Fiesling agiert Wolfgang Kieling, der wie immer brillant ist.

Ein sehr guter Krimi, auch wenn er nicht an die beiden Lichtenfelds Lockruf und Abendstern herankommt, was aber nicht dem Regisseur anzulasten ist. Positiv sind auch die freundschaftlichen Schlagabtausche zwischen den Ermittlern (Haferkamp hat jetzt wieder sein altes Büro aus der vorletzten Folge) hervorzuheben!

Georg Offline




Beiträge: 2.778

09.09.2014 10:33
#36 RE: Die 1970er-"Tatort"-Kommissare: Haferkamp (Hansjörg Felmy) Zitat · antworten

TATORT ESSEN - Haferkamps Fälle (19):
Schußfahrt

(Tatort Nr. 113)

Erstsendung ARD: 01.06.1980
Buch: Peter Hemmer
Kamera: Götz Naumann
Regie: Wolfgang Staudte
Mit Hansjörg Felmy, Willy Semmelrogge, Heinz Baumann, Doris Kunstmann, Volkert Kraeft, Burkhart Driest, Diana Körner, Karin Eickelbaum, Else Quecke u.v.a.

Herr Wiedemann täuscht eine Fahrt nach Frankfurt vor, um einen perfiden Plan umzusetzen. Er weiß, dass seine Frau ihn betrügt. Unerwartet kehrt er nachts nach Hause zurück, zückt die Pistole und erschießt den Liebhaber. Dann behauptet er, er habe einen zweiten Mann gesehen, der flüchten konnte. Es soll wie ein Einbruch aussehen, bei dem einer der Täter tödlich getroffen wurde. Wiedemann will zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen, denn er hat selbst gleichzeitig seinen eigenen Tresor leergeräumt und hat damit einen Versicherungsbetrug vor. Natürlich kommt ihm Haferkamp auf die Schliche ...

So rasant, wie der Titel es verspricht, geht es in diesem vorletzten Haferkamp-Tatort leider nicht zu. Das Drehbuch von Peter Hemmer bietet einige interessante Figuren, jedoch hat man das Gefühl, dass dem Ganzen das gewisse Etwas fehlt. Schauspielerisch gibt es wie in Folge 2 Zweikampf ein "Duell" zwischen Hansjörg Felmy und Heinz Baumann zu sehen, das beim ersten Zusammentreffen wesentlich spannender und besser ausfällt. Die Geschichte gibt in meinen Augen für einen 90-Minuten-Film zu wenig her und hätte vielleicht auch in einem 60-Minüter erzählt werden können, dann wäre mehr Tempo aufgekommen. Baumann spielt den eiskalten Mörder, der den Umstand, dass seine Frau einen Liebhaber hat, für einen Versicherungsbetrug nützen will und damit zwei Fliegen mit einer Klappe schlägt, glaubwürdig und gut. An seine Seite wurde die attraktive Doris Kunstmann gestellt, die ihren Part vorzüglich macht. Das Zusammenspiel mit Baumann funktioniert perfekt, mir fiel dabei ein, dass sie später nochmals in Adelheid und ihre Mörder: Blaubarts letzte Frau einen gemeinsamen Auftritt hatten. Burkhart Driest spielt nicht wirklich einen Sympathieträger und das gelingt ihm, Diana Körner nervt in ihrem kurzen Auftritt.

Das Agieren der Ermittler ist Routine, Haferkamp gewohnt souverän und sympathisch, Willi als "seine bessere Hälfte" ergänzt ihn perfekt, auch das obligatorisch gute Zusammenspiel mit Exehefrau Ingrid passt.

Insgesamt fehlt es in meinen Augen dieser Episode etwas an Pepp und Spannung. Das konnten sowohl Autor Peter Hemmer als auch Regisseur Wolfgang Staudte, die sich hier unter ihrem Wert verkaufen, wirklich besser.

Cora Ann Milton Offline




Beiträge: 5.110

09.09.2014 10:49
#37 RE: Die 1970er-"Tatort"-Kommissare: Haferkamp (Hansjörg Felmy) Zitat · antworten

Zitat von Georg im Beitrag #36
An seine Seite wurde die attraktive Doris Kunstmann gestellt, die ihren Part vorzüglich macht. Das Zusammenspiel mit Baumann funktioniert perfekt, mir fiel dabei ein, dass sie später nochmals in Adelheid und ihre Mörder: Blaubarts letzte Frau einen gemeinsamen Auftritt hatten.

Kleine Korrektur: Die besagte Folge von "Adelheid und ihre Mörder" heißt "Die schöne Lydia". Doris Kunstmann spielt darin eine Hamburger Kiezgröße und Lokalbesitzerin namens Lydia, in die sich Heinz Baumann als Ewald Strobel "verguckt" und ihretwegen etwas vom Wege der Legalität abkommt. Auch hier spielen die beiden perfekt zusammen.

Georg Offline




Beiträge: 2.778

09.09.2014 11:18
#38 RE: Die 1970er-"Tatort"-Kommissare: Haferkamp (Hansjörg Felmy) Zitat · antworten

Stimmt ja, da habe ich mich im Folgentitel vertan, es war natürlich "Die schöne Lydia". Tolle Folge! :)

Georg Offline




Beiträge: 2.778

10.09.2014 16:21
#39 RE: Die 1970er-"Tatort"-Kommissare: Haferkamp (Hansjörg Felmy) Zitat · antworten

TATORT ESSEN - Haferkamps Fälle (20):
Schönes Wochenende

(Tatort Nr. 118)

Buch: Uwe Erichsen & Martin Gies
Kamera: Joseph Vilsmaier
Regie: Wolfgang Staudte
Mit Hansjörg Felmy, Willi Semmelrogge, Karin Eickelnbaum, Dieter Prochnow, Birke Bruck, Dirk Dautzenberg, Peter Millowitsch, Uwe Ochsenknecht, Sepp Wäsche u.v.a.

Drei Ganoven planen den Einbruch in einen Großmarkt. Den Tipp haben sie von einem gewissen Brehm, der kurz vor der Tat noch Bedingungen stellt. Michalke, der Kopf des Trios, will diese dem alten Mann jedoch nicht erfüllen und legt ihn darauf um. Die Leiche wird in einer alten Zeche versteckt, der Einbruch problemlos durchgeführt. Doch dann wird der Tote doch gefunden und eine Spur führt nach Lüdenscheid, wo der Mann ein Zimmer reserviert hatte. Haferkamp geht der Spur nach und entdeckt auf der Jubiläumsfeier des Bäckermeisters Röder eine Spur, die Brehms Tod mit dem Einbruch in den Supermarkt in Verbindung bringt ...

Dass Schönes Wochenende der letzte Einsatz für Kommissar Haferkamp sein sollte, wird in der Episode kein einziges Mal erwähnt. Alles ist wie immer: das Zusammenspiel Willi & Heinz ist vorzüglich inklusive der üblichen "Neckereien", Exfrau Ingrid, die der Ermittler sogar zunächst als seine Frau vorstellt (und dann auf Exfrau korrigiert), ist in den Fall verwickelt und wird diesmal sogar für eine Ermittlerin gehalten. Hansjörg Felmy befand sich 1980 auf dem Höhepunkt der Beliebtheit, wurde er doch im Rennen um den beliebtesten TV-Kommissar nur knapp auf Platz 2 verwiesen, auf dem Siegespodest thronte Kollege Derrick aus München. Warum hörte Hansjörg Felmy also auf? Ein knapper Hinweis aus dem Hamburger Abendblatt (Nr. 59 vom 10.03.1980 (Seite 12)) gibt Auskunft darüber, dass Felmy selbst nicht mehr wollte:

"Nach zwanzig Folgen wird die TV-Polizei die Personalakte "Haferkamp" schließen müssen. Einer der beliebtesten "Tatort“-Kommissare will nicht mehr. Darsteller Hansjörg Felmy hat dem verantwortlichen Sender, dem WDR, erklärt: "Sieben Jahre Fernseh-Polizeidienst sind genug." Wer Felmys Nachfolger sein wird, steht nicht fest. Dagegen ist sicher, daß Haferkamp noch zweimal auf den Bildschirm kommt: am 1.6. und am 14.12. dieses Jahres. Die Folgen sind schon gedreht".

War möglicherweise nach dem Dreh der 20. Folge noch gar nicht klar, dass Felmy nicht mehr wollte? Das würde auch erklären, warum es nur ein einziges Spin-Off gab, nämlich die 119. Episode (gleich im Anschlusstermin gezeigt) mit dem Titel Herzjagd, in der Willi Kreutzer in Vertretung Haferkamps ermittelte. Hier war möglicherweise im Buch noch Haferkamp vorgesehen?

Zum letzten Fall bringe ich ebenfalls eine Kritik aus dem Hamburger Abendblatt (Nr. 269, 17.11.1980, S. 16), die am Tag nach der Sendung erschien und die ich absolut unterstreichen kann:

"Er war immer einer der beliebtesten Tatort-Kommissare, obwohl seine Fälle ihn häufig als Geschlagenen zurückließen: Haferkamp hatte so etwas sympathisch Menschliches. Nun hat er also seinen letzten TV-Mörder zur Strecke gebracht. Hansjörg Felmy will nicht mehr. Schade. Denn auch aus dem "Schönen Wochenende" machte er wie schon manches Mal zuvor trotz einer eher mittelmäßigen Story noch einen ansehenswerten Krimi. Diesmal zog sich die mehrgleisige Handlung um Mord und Raubüberfall zwar wieder einmal in die Länge wie ein fades Kaugummi. Und den Mörder hätte Haferkamp sicher ohne die Hilfe von Kommissar Zufall auch nicht gefunden. Doch dafür hatten wir noch einmal das Vergnügen mit Hansjörg Felmy."

Diese Kritik trifft es recht gut: Felmy machte die 20 Filme sehenswert, auch wenn sich die Fälle, vor allem in der Schlussphase häufig - wie auch oben kritisiert - etwas zogen und wie auf 90 Minuten gedehnt wirkten. Dabei wirkt der Abschlussfall vom Duo Erichsen / Gies gar nicht so langatmig wie einige Vorgänger. Im Gegenteil, die Handlung um den Einbruch in den Supermarkt samt der Spur zu dem Bäckermeister, wie immer herrlich griesgrämig gespielt von Dirk Dautzenberg, ist eigentlich solide. In Nebenrollen erfreuen auch Uwe Ochsenknecht und Peter Millowitsch.



Abschlussfazit:

Ganz essenziell und anders als bei manch anderen Tatorten ist bei den Haferkamp-Fällen der Schauspieler Hansjörg Felmy an deren Erfolg immens beteiligt. Felmy macht die Krimis, die oft sehr gute Ware sind, aber manchmal auch nur Durchschnitt, sehenswert, gerade durch seine menschliche Art, den Ermittler zu spielen. Er gibt einen Mann, der auch Fehler macht und sich diese eingesteht und der sich auch mal verrennt. Einfach menschlich. Das machte die Popularität dieses Kommissars aus, der sich vielleicht nicht ganz unüberlegt aus der Serie verabschiedete, als er noch große Beliebtheit genoss. Besser kann man es gar nicht machen: sich am Höhepunkt zu verschieden heißt auch, dass es alle bedauern.

Zugute kamen ihm außerdem das perfekte Zusammenspiel mit seinem Assistenten, wunderbar gespielt von Willi Semmelrogge, mit dem er beinahe so eine Art "Berufsehe" führte und sein Privatleben: Exfrau Ingrid, mit der er sich herrlich verstand und die nach wie vor sein bester Freund zu sein schien. Hinzu kamen neben wirklich sehr guten Darstellern vorzügliche Regisseure (Becker, Staudte, Griesmayr) und Autoren (Lichtenfeld, Willschrei).

Wenn ich mir unter den 20 Fällen die drei besten heraussuchen müsste, so würde ich nennen:
  1. Abendstern (Buch: Herbert Lichtenfeld, Regie: Wolfgang Becker, mit Günter Gräwert in einer wunderbaren Hauptrolle!)
  2. Lockruf (Buch: Herbert Lichtenfeld, Regie: Wolfgang Becker, mit dem herrlichen Herbert Fleischmann)
  3. Das Mädchen von gegenüber (Buch: Martin Gies, Regie: Hajo Gies, sehr interessante Art der Erzählweise und Inszenierung)
P.S.: Der Vollständigkeit halber werde ich den wohl als 21. Haferkamp-Fall geplanten Film Herzjagd, in dem nur mehr Kreutzer alleine ermittelt und Haferkamp vertritt, in diesem Thread auch noch besprechen!

Georg Offline




Beiträge: 2.778

11.09.2014 10:48
#40 RE: Die 1970er-"Tatort"-Kommissare: Haferkamp (Hansjörg Felmy) Zitat · antworten

TATORT ESSEN - Kreutzers Fall (Haferkamps Fälle (21)):
Herzjagd

(Tatort Nr. 119)

Buch: Bernd Schwamm unter Mitarbeit von Axel Corti
Kamera: Charly Steinberger
Regie: Axel Corti
Mit Willy Semmelrogge, Claude-Oliver Rudolph, Brunhild Hülsmann, Towje Kleiner, Ernst Jacobi, Gunther Malzacher, Tana Schanzara, Lisa Helwig, Anja Jaenicke, Ralf Richter u.v.a.

Wolfgang Thielens, Gefreiter bei der Bundeswehr, erhält Urlaubsverbot. Dennoch bricht er aus der Kaserne aus, um seine schwer herzkranke Mutter in der Klinik besuchen zu können. Es gelingt ihm zwar, aber eine Streife der Militärpolizei kann ihn im Krankenhaus aufspüren. Wolfgang ergreift die Flucht und stößt dabei einen der beiden Kameraden so unglücklich über eine Treppe, dass dieser am nächsten Tag an einem Gehirnödem stirbt. Wolfgang setzt seine Flucht weiter fort und schnürt einen Plan: er will durch eine fingierte Geiselnahme die Klinik dazu erpressen, dass seine Mutter in die USA überführt wird, wo sie von einem ausgewiesenen Herzspezialisten operiert werden soll. Kommissar Kreutzer übernimmt als Urlaubsvertretung für seinen Chef Heinz Haferkamp den Fall ...

Herzjagd kann als inoffizieller 21. Teil der Haferkamp-Serie angesehen werden, zumal hier derselbe Handlungsort und auch derselbe Assistent vorkommt. Haferkamp wird auch erwähnt, er ist im Urlaub und sein Kollege Kreutzer vertritt ihn. Dass das Buch von Bavaria-Produzent Bernd Schwamm, an dem auch Regisseur Axel Corti mitgewirkt hat, überhaupt für Hansjörg Felmy vorgesehen war, ist stark anzunehmen. Das manifestiert sich nicht nur in den Felmy-typischen Frikadellen, die im Büro verzehrt werden, sondern auch in der Art und Weise, wie Assistent und Chef miteinander umgehen. Zweifellos übernahm Kreutzer den für Haferkamp vorgesehenen Part, denn er agiert hier gar nicht so, wie der alte Willi, sondern vielmehr wie es sein beurlaubter Chef getan hätte: Aggressiver, sturer. Außerdem hätte die finale Szene, in der der junge Mann (Claude-Oliver Rudolph) den Ermittler als Geisel nimmt, sehr gut zu Haferkamp gepasst. Ich hatte jedenfalls das Gefühl, Haferkamp zu sehen, auch wenn Kreutzer da war. Kreutzers Part als Assistent übernimmt nun Towje Kleiner, der wie in all seinen Rollen einen etwas hilflosen, zerstreuten Mann spielt. Eingebaut wurde außerdem eine Kriminalassistentin (die im Originaldrehbuch vielleicht Frau Haferkamp war?) und eine Bürosekretärin, die originell von Tana Schanzara dargestellt wird: die nicht unschlanke Frau knapp vor der Rente sitzt wie Fräulein Rehbein beim Kommissar hinter der Schreibmaschine und hat eine Zigarette im Mundwinkel. Warum man aber diesmal in häßlichen, alten und angestaubten Büroräumen gedreht hat, anstatt im üblichen moderneren Kommissariat Haferkamps, ist nicht ganz klar.

Claude-Oliver Rudolph spielt den Amokläufer, der seine Mutter retten will, sehr glaubhaft, bedient jedoch sein übliches Rollenklischee. Ernst Jacobi als homophiler Nachbar und Musiker ist eine interessante Figur. Weiters sieht man Lisa Helwig wie üblich in ihrer Rolle als resolute alte Dame, in ganz kurzen Auftritten sind auch Anja Jaenicke und Ralf Richter mit dabei.

Qualitätsregisseur Axel Corti, sonst eher für sehr ernste und intellektuelle Stoffe bekannt, inszeniert den leider aussichtslosen Fall ganz gut, ist mit der Kamera mehr Beobachter und hält bis zum Schluss die Spannung, was bei einer Lauflänge von 101 Minuten auch dringend notwendig war. Ich finde es immer wieder toll, welche hochqualifizierten Regisseure sich an den Tatort heranwagten und so durch ihre eigene Handschrift der Serie Abwechslung bescherten. Allzu schade ist da, dass Gunter Witte den Haferkamp-Tatort im Bundesligamilieu, den Rainer Werner Fassbinder schrieb und inszenieren wollte, damals ablehnte. Das wäre sicherlich eine interessante Sache gewesen.

Insgesamt ist Herzjagd ein recht spannender, wenngleich auch tragischer Film (vor allem am Ende), der auch bestens für den Haferkamp-Abschied geeignet gewesen wäre.

Jack_the_Ripper Offline




Beiträge: 380

13.09.2014 13:50
#41 RE: Die 1970er-"Tatort"-Kommissare: Haferkamp (Hansjörg Felmy) Zitat · antworten

Ergänzend zu Georgs umfassender, fundierter Haferkamp-Analyse anbei noch drei Programmheftausschnitte vom Frühjahr bzw. Herbst 1980 (Österreich-Hörzu bzw. Gong) zur damaligen "Tatort"-Krise und zum etwas unerfreulichen Abgang Felmys.

Angefügte Bilder:
TatortHaferkamp1.jpg   TatortHaferkamp2.jpg   TatortHaferkamp3.jpg  
Gubanov Offline




Beiträge: 14.853

04.07.2017 20:15
#42 RE: Die 1970er-"Tatort"-Kommissare: Haferkamp (Hansjörg Felmy) Zitat · antworten

Ebenfalls zur Zeit im TV: einige Haferkamp-Folgen. Für mich ein neuer Ermittler, aber mit Felmy kann man ja eigentlich nichts falsch machen.



Tatort: Spätlese
Hauptkommissar Haferkamp ermittelt in Essen


Episode 75 der TV-Kriminalserie, BRD 1977. Regie: Wolfgang Staudte. Drehbuch: Herbert Lichtenfeld. Mit: Hansjörg Felmy (Hauptkommissar Haferkamp), Willy Semmelrogge (Kriminalassistent Kreutzer). In Gastrollen: Andrea Jonasson, Claudia Wedekind, Udo Vioff, Alexander Kerst, Carmen Renate Köper, Karin Eickelbaum, Bernd Schäfer, Horst Michael Neutze, Hansi Waldherr, Pierre Franckh u.a. Erstsendung: 22. Mai 1977, ARD. Eine Produktion des Westdeutschen Rundfunks.

Zitat von Tatort (75): Spätlese
Der Tod ihres Mannes ist für Claudia Bernhold nicht nur ein emotionaler Schlag, sondern entzieht ihr und ihrer gelähmten Schwester Ingeborg die finanzielle Lebensgrundlage. Gerade als sich Verzweiflung über weiterlaufende Kosten breitmacht, entdeckt Claudia, dass ihr Mann heimlich Geld beiseite geschafft hatte – Geld, das einer Erpressung entstammte. Auf Umwegen erfährt Claudia, um wen es sich bei dem Erpressten handelt, jedoch nicht, weshalb dieser anstandslos das geforderte Geld bezahlte. Als Claudia ihre Karten offenlegt, beginnt ein angespanntes Katz-und-Maus-Spiel ...


Das gehobene Milieu, in dem sich die Folge „Spätlese“ abspielt, steht auf tönernen Füßen, denn eigentlich leben die Bernholds über ihre Verhältnisse. Mit dem Einkommen aus dem einfachen Vertreterjob des Mannes können ein kostspieliges Haus mit Ratenkredit, die Pflege der Schwägerin und ein schicker Farbfernseher eigentlich nicht finanziert werden, sodass der Verdacht der unlauteren „Nebeneinkünfte“, den Wolfgang Staudte und Herbert Lichtenfeld langsam aufkeimen lassen, im Zuschauer schon bald nach Verkündung des Mordes aufkommt. Auf diese Weise gelingt es dem Couchgast, schneller als Kommissar Haferkamp Schlüsse zu ziehen, was sich auch weiter so durch die Folge zieht und z.B. auch die Identität des Erpressten betrifft, für den Lichtenfeld eine große Verdächtigenschar nicht für nötig hielt. Das raubt der Folge, die den eingangs geschilderten Mord an Paul Bernhold auf halber Strecke zum Trunkenheitsdelikt eines Stadtstreichers degradiert, einiges an Spannung und Miträtselfaktor, sodass die 94 nicht immer schnell vergehenden Minuten nicht unbedingt vor Komplexität und Überraschungen strotzen.

In der zweiten Hälfte, als endgültig klar ist, wie der Hase läuft, entwickelt sich jedoch eine schöne Atmosphäre: Der aktuelle Fall Bernhold legt Verbindungen mit einem früheren Verbrechen offen, was Haferkamp und Kreutzer zu mühevollen Archivstudien und „faulen Tricks“ zwingt – die kleinteilige Ermittlungsarbeit der Kripo wird hier sehr anschaulich deutlich. Felmy zeigt sich in der Rolle des Hauptkommissars ohnehin als Rundumtalent, dem vor allem die Gabe der elegant-unverfrorenen Unverblümtheit im Umgang mit den Beteiligten weiterhilft. Er bewegt sich galant auf dünnem Eis und versteht es, aus Teilrückschlägen unerhoffte anderweitige Erfolge zu ziehen. Willy Semmelrogge stellt dagegen den bodenständigen – um nicht zu sagen: plumpen – Teil des Ermittlerduos dar und mag nicht so recht in das Umfeld des Trauerhauses und des mit allen Wassern gewaschenen Industriellen Waarst (Alexander Kerst) passen. Stellenweise war ich geneigt, das ewige „Tatort“-Prinzip, dem Hauptermittler noch einen Handlanger beigeben zu müssen, zu verwünschen, denn Felmy hätte die Geschichte ohne krautigen Assistenten und Privateinstreusel (seine Ex-Frau wohnt kurzfristig wieder bei Haferkamp) wahrscheinlich sogar noch besser und unbefangener getragen.

Interessant ist, wie Autor und Regisseur das Publikum zur Kooperation mit den beiden Schwestern anhält, die gutmeinend, aber letztlich naiv in die Erpressungsgeschichte hineinrutschen und unversehrter daraus hervorgehen, als wahrscheinlich realistisch wäre. Vonseiten Andrea Jonassons und Claudia Wedekinds sind ansprechende Leistungen zu verbuchen und auch Alexander Kerst als großer Gegenspieler lässt sich nicht lumpen, wobei seine Offenheit über das Getane manchmal ein wenig unglaubwürdig anmutet. Weniger einprägsam treten die übrigen Randfiguren auf, was aber an der starken Konzentration auf die eingeschworenen Kernfiguren liegt – und diese erhalten „Spätlese“ das Prädikat „sehenswert“.

Insgesamt ist Wolfgang Staudte hier ein typischer „Tatort“ mit etwas schleppender Erzählweise, aber interessantem, weil ungewöhnlichem Ablauf gelungen. Im gleichen Maße, in dem der als Ausgangspunkt dienende Mord bald an Bedeutung verliert, kristallisiert sich ein Duell aller Beteiligten mit einem „Bösewicht aus unbekannten Gründen“ als neues Hauptaugenmerk heraus. Solide 3,5 von 5 Punkten.

Gubanov Offline




Beiträge: 14.853

08.07.2017 00:00
#43 RE: Die 1970er-"Tatort"-Kommissare: Haferkamp (Hansjörg Felmy) Zitat · antworten



Tatort: Rechnung mit einer Unbekannten
Hauptkommissar Haferkamp ermittelt in Essen


Episode 87 der TV-Kriminalserie, BRD 1978. Regie: Wolfgang Becker. Drehbuch: Peter Hemmer. Mit: Hansjörg Felmy (Hauptkommissar Haferkamp), Willy Semmelrogge (Kriminalassistent Kreutzer), Bernd Schäfer (Kriminalrat Scheffner), Nicole Heesters (Oberkommissarin Buchmüller). In Gastrollen: Peter Matić, Gertrud Kückelmann, Susanne Beck, Edith Hancke, Franz Otto Krüger, Gisela Tantau, Holger Hildmann, Katja Burow, Rolf Wanka u.a. Erstsendung: 23. April 1978, ARD. Eine Produktion des Westdeutschen Rundfunks.

Zitat von Tatort (87): Rechnung mit einer Unbekannten
In dem Glauben, den Mann fürs Leben gefunden zu haben, reist Roswitha Mattusch von Mainz nach Essen. Die Frau wird von ihrem Brieffreund, dem Unternehmer Rosenkötter, jedoch schon am ersten gemeinsamen Abend erschossen. Der Clou: Sowohl Frau Rosenkötter als auch die im Haus lebende junge Lehrerin Karin Distel sind eingeweiht – zumindest soweit sie Rosenkötter in seinem perfekt geplanten Schachspiel nützlich sind. Der gewiefte Mörder lässt die Tote nämlich als seine Frau begraben, um deren Lebensversicherung zu kassieren. Nur mit wem er sie teilen wird – darüber sind die Würfel noch nicht endgültig gefallen ...


Romantische Bekanntschaften zweier Unbekannter nehmen in Krimis ausnahmslos ein böses Ende – das ist nicht erst seit Derricks „Madeira“ so. Dennoch gelingt es Wolfgang Becker mit anheimelnder Schnulzenseligkeit, das Kennenlernen von Josef Rosenkötter und Roswitha Mattausch so zu inszenieren, dass das Ende des Abends mit vorgehaltener Waffe einer faustdicken Überraschung gleichkommt. Vielleicht liegt es daran, dass man Peter Matić den kleinkarierten „Sie sucht Ihn“-Anzeigen lesenden Biedermeier mehr abnimmt als den Casanova und Mordbuben, als der er sich letztlich entpuppt. Im Gegensatz zu Curd Jürgens fehlen Matić dafür die gelassene Großspurigkeit und auch das optische Format – insofern hätte man sich für die tragende männliche Hauptrolle diverse bessere Besetzungen vorstellen können, denen sich die naive Edith Hancke, die verhuschte Gertrud Kückelmann und die kecke Susanne Beck glaubwürdiger an den Hals hätten werfen können.

Davon abgesehen besticht „Rechnung mit einer Unbekannten“ (ein sehr schöner Titel für den Fall übrigens) durch sein ausgeklügeltes und wendungsreiches Drehbuch. Vom ursprünglichen Plan muss zunehmend abgewichen und riskant improvisiert werden und Rosenkötter erweist sich als Meister darin, seine Komplizinnen gegeneinander auszuspielen und Dinge, die ihn belasten, so umzudeuten, dass sie in eine andere Richtung weisen. Man müsste deshalb meinen, dass ein lupenreines Duell zwischen Felmy und Matić im Zentrum der Folge steht. Das fehlt jedoch leider, was vor allem an Haferkamps in diesem Fall gelinde gesagt schlampiger Dienstausführung liegt. Rosenkötter neigt von Anfang an zu Angeberei gegenüber Haferkamp und Kreutzer, was die beiden Beamten schnell Verdacht wittern lässt. Dennoch kommen sie nicht auf die naheliegende Idee, den Hauptverdächtigen zu beschatten, der sich in aller Ruhe (und sogar auf ihrer eigenen Beerdigung beinahe unter Haferkamps Augen) mit seiner angeblich toten Frau trifft. Unglaubwürdigkeit wird in diesen Szenen großgeschrieben, was leider die interessanten, wenngleich etwas hysterischen Auftritte von Gertrud Kückelmann empfindlich überschattet.

In den ZDF-Krimis erwies sich Wolfgang Becker als Garant für tempo- und einfallsreiche Regie. Auf beides muss man in „Rechnung für eine Unbekannte“ verzichten: Vielleicht dem „Tatort“-Credo geschuldet, verbleibt Becker hier ganz im Bereich des Nüchtern-Realistischen, stellenweise sogar fast Dokumentarischen. Der Authentizität des Lokalkolorits ist es hingegen einigermaßen abträglich, dass die aus zahllosen „Kommissars“ und „Derricks“ bekannte Münchner Gereut-Villa für ein Anwesen in Essen ausgegeben wird. Man fragt sich, ob nicht jeden Moment Hauptkommissar Veigl um die Ecke kommt, um seinem Ruhrgebietskollegen Nachhilfeunterricht in engagierten Ermittlungen zu erteilen. – In einem Punkt kann man sich auf Wolfgang Becker aber wie üblich verlassen: Musikalisch trumpft „Rechnung mit einer Unbekannten“ mit sphärisch-melancholischen Spät-Siebziger-Rockklängen auf und verdeutlicht damit die in der zweiten Hälfte der Folge anwachsende Unsicherheit.

Das ausgefuchste Drehbuch von Peter Hemmer ist zugleich Aktivposten und Problem von „Rechnung mit einer Unbekannten“, denn es funktioniert nur, wenn man die eigentlich zwingende Polizei-Routine geflissentlich ignoriert. Klar, sonst wäre die Folge nach 30 Minuten zu Ende gewesen – doch auch mit den vorliegenden Schikanen hätte man höchstens nach 75 Schluss machen oder das Zusammenspiel zwischen Kommissar und Verdächtigem merklich vertiefen sollen. Nur mit mehr Substanz, mehr Antrieb und einem weniger brav wirkenden Täter wären mehr als 3 von 5 Punkten möglich gewesen.

Havi17 Offline




Beiträge: 2.955

09.07.2017 11:21
#44 RE: Die 1970er-"Tatort"-Kommissare: Haferkamp (Hansjörg Felmy) Zitat · antworten

Zitat von Jack_the_Ripper im Beitrag #41
Ergänzend zu Georgs umfassender, fundierter Haferkamp-Analyse anbei noch drei Programmheftausschnitte vom Frühjahr bzw. Herbst 1980 (Österreich-Hörzu bzw. Gong) zur damaligen "Tatort"-Krise und zum etwas unerfreulichen Abgang Felmys.

Wobei das "sich prostituiren" nur solange funktioniert, wie man seinen Lebensunterhalt z.B. über
Theaterauftritte und Tantiemen bestreiten kann. So hatten es die großen (Gast)Stars in den
Wallacefilmen leicht und konnten sich auch im Fernsehen die richtigen Rollen aussuchen, eben Qualität.
Wer heute schauspielert, da möchte ich nicht wissen wer sich um seinen Unterhalt zu verdienen
prostituiert und auf der anderen Seite froh ist einen anerkannten Status erreicht zu haben, um sich
seine Rollen aussuchen zu können.

Was die "schlechten" Tatort-Drehbücher angebelangt, kann ich mich noch gut an diese Zeit ca 1979/1980
erinnern. So gab es quasi schon fast Aufrufe in den TV-Zeitungen selbst ein gutes Drehbuch zuzusenden.

Daß am Ende der Tatort bis heute weiter existiert liegt zweifelsohne nicht daran, daß die Drehbücher
besser geworden sind, im Gegenteil, sondern weil sich das Publikum von qualitativ guten Geschichten
in welchem man kombinieren muß, was Gehirnleistung verlangt, oder von gefühlvollen Kommissaren,
was Herzleistung verlangt, verabschiedet hat und nunmehr bei schnellen Schnitten und im Gegensatz
zu früher brutalen Handlungen wohlfühlen.Im Umkehrschluß die qualitativ hochwertigen Tatorte, wie
diese von Bayrhammer und Felmy geschildert wurden, langweilig finden.

Gruss
Havi17

schwarzseher Offline



Beiträge: 340

09.07.2017 15:24
#45 RE: Die 1970er-"Tatort"-Kommissare: Haferkamp (Hansjörg Felmy) Zitat · antworten

Mal eine ( vielleicht etwas provokante ?)Frage ......seit ihr sicher das heute überhaupt noch Drehbücher "geschrieben"werden ?Kommt mir eher so vor als wenn immer die gleichen "Zutaten" einfach in eine Mischmaschine geworfen werden .....fertig.
Politisch (über)korrekt,erziehend,erhobener Zeigefinger,Ermittler hat immer eine Macke,Ermittler wird suspendiert ( ermittelt weiter und hat dann natürlich doch recht )Problem mit neuem Partner usw. usw.
Den Täter erkennt man oft schon an der Rollenbesetzung (zB. rel. unwichtiger Zeuge/total unwichtig wird befragt ....die Rolle ist mit bekanntem Schauspieler besetzt.....tatata....)das ganze untermalt mit der gleichen ( auf und ab schwellenden Musik.....achtung jetzt wird es Spannend )
Also ich ziehe die alte langweilige Machart und die alten langweiligen Felmys und Lutz und Finkes usw. vor.
Einziger Tatort den ich regelmäßig schaue ist Münster,die wohl nicht wirklich ernstgenommen werden wollen.Mit einem Augenzwinkern ( auch die Drehbücher)wohl das einzige Team was mich vor dem Fernseher hält.

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