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Dieses Thema hat 16 Antworten
und wurde 2.002 mal aufgerufen
 Film- und Fernsehklassiker national
Seiten 1 | 2
Percy Lister Offline



Beiträge: 3.589

15.06.2014 20:29
4 Schlüssel (1965) Zitat · Antworten

BEWERTET: "4 Schlüssel" (BRD 1965)
mit Günther Ungeheuer, Walter Rilla, Monika Peitsch, Hellmut Lange, Paul Edwin Roth, Ellen Schwiers, Hanns Lothar, Ida Krottendorf, Silvana Sansoni, Joseph Offenbach, Horst Michael Neutze, Jürgen Draeger, Gerhard Hartig, Horst Hesslein, Bruno Vahl-Berg, Hans-Jürgen Janza, Heinz Engelmann u.a. | Drehbuch: Max Pierre Schaeffer und Thomas Keck nach dem gleichnamigen Roman von Max Pierre Schaeffer | Regie: Jürgen Roland



Alexander Ford, ein Ganove von Format, plant einen Dreieinhalb-Millionen-Coup: Mithilfe der vier Tresorschlüssel, die am Samstagmittag vier vertrauenswürdigen Angestellten der Privatbank Traven und Co., der Eduard Rose in dritter Generation vorsteht, übergeben werden, will er sich das Geld auf bequeme Weise aneignen und nutzt dafür sein Geschick, Menschen zu manipulieren und einzuschüchtern. Er bedient sich eleganter Tricks, Ablenkungsmanöver und Erpressung und schafft es auf diese Weise, die Angestellten des Geldinstituts unfreiwillig für seine Pläne einzuspannen. Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit - für beide Seiten - und am Ende werden einige der Beteiligten nicht mehr am Leben sein....

Jürgen Roland brilliert in der ihm eigenen Stärke, dokumentarisches Material so aufzuarbeiten, dass eine Kriminalgeschichte von Format herauskommt, die Publikum und Kritiker gleichermaßen überzeugt, weil sie die Realität des Verbrechens mit dem Wunsch nach Hintergrundwissen verbindet. Die Grundlage bildet dabei die Durchführung einer kriminellen Handlung, die mit zeitgenössischem Kolorit und einer näheren Charakterisierung der Beteiligten angereichert wird. Während es beim "Stahlnetz" so etwas wie einen Wohlfühlfaktor gibt, bleibt "4 Schlüssel" trotz der engen Verknüpfung von Tätern, Opfern und Zusehern eine kalte Momentaufnahme eines Wochenendes in der höheren Gesellschaft des hanseatisch distanzierten Hamburgs. Die intensive Beschäftigung mit der Familie Rose und ihren Bekannten sowie die Beobachtung der Gangster geschieht in professioneller und durchgehend wertungsfreier Art. Selbst Verfehlungen wie der Seitensprung des verheirateten Konrad van Brenken mit seiner Sekretärin Irene Quinn oder die romantische Sehnsucht von Margarete Wohlers nach einer häuslichen Unabhängigkeit von ihrem Vater, erklären Motive und Handeln der Personen, holen den Zuschauer jedoch nicht in ihren engeren Kreis hinein. Hier liegt die große Stärke der - man ist geneigt, sie so zu nennen - Kriminalreportage. Die Handlungsträger bleiben eigenständige Figuren, werden nicht vom Publikum vereinnahmt und geben nicht alles, sondern nur einen geheimen Aspekt ihres Lebens preis. Ich wage zu behaupten, dass es einem Münchner Regisseur mit bayerischen Schauspielern nicht so überzeugend gelungen wäre, die Geschichte des Bankraubes in dieser nachhaltigen Weise zu erzählen.



Das Konglomerat der Charaktere wird von Günther Ungeheuer angeführt. An ihm reibt sich der Ablauf des Geschehens, durch ihn werden Handlungen freigesetzt und Reaktionen erreicht. Seine Ruhe und kühle Überlegenheit dominiert die Ereignisse rund um den emotionslosen Walter Rilla, dessen Haus die Prinzipien seiner Weltanschauung widerspiegelt. Auch das Verhältnis zu seiner Tochter und wiederum ihres zu ihrem Verlobten zeigen die Restriktion im Verhältnis zueinander. (Selbst-)Beherrschung und Pflichterfüllung stehen über allem und sind auch auf die Angestellten der Firma übergegangen. Der Wiener Einschlag von Silvana Sansoni (mit pfiffigem Trachtenhut) sowie die Underdogs Draeger und Neutze passen hier ebensowenig ins Konzept wie ihre Einstellung. Nicht durch jahrzehntelange redliche Arbeit soll das Vermögen angehäuft werden, sondern durch brachiale Selbstbedienung in einer Festung der Reichen. Allein diese Lebensanschauung ruft bei Rose und Co. tiefe Verachtung hervor. Es geht den Herren weniger um den Verlust des Geldes (da man ja versichert sei, wie mehrmals betont wird), sondern um die Unverfrorenheit der Bande, die Ludwig Erhards Maxime in den Wind schlägt und sich ihr eigenes Wirtschaftswachstum zurechtzimmert. Unübersehbar hier die Wahlwerbung für CDU und SPD, die jedes Mal sichtbar wird, wenn es um Schlagwörter wie 'Sicherheit', 'Vertrauen' und 'Wohlstand' geht - gerade in Momenten der Bedrohung. Ob damit suggeriert werden soll, dass alles nur Schall und Rauch ist gegen die Dinge des Lebens? Die staatliche Gewalt tritt erst gegen Ende auf den Plan und kann wenig bis nichts dazu beitragen, Menschenleben zu schützen und zu retten. Selbst Heinz Engelmann, Vorzeigepolizist par excellence, schafft es nicht, die Unruhe zu dämpfen und ein Gefühl der Sicherheit zu verbreiten.

Die Wirkung des Films hallt lange nach und bestimme Szenen bleiben auch Jahre nach der Sichtung im Gedächtnis. Sie sind zu Ikonen geworden und bedürfen keiner weiteren Erklärung. In diese Kategorie fallen die Schlussminuten, in denen das Gaunerstück entschieden wird und Hanns Lothar zu einem Helden des Alltags avanciert; eine Rolle, die er überzeugend ausfällt. Seine Person ist stets von Tragik umgeben, auch wenn er heiter ist, sieht man, wie es hinter seiner Stirn arbeitet und er mit sich kämpft. Sei es, um von sich selbst eine bessere Leistung abzuverlangen oder der Unzulänglichkeit des Durchschnitts zu entfliehen. Man spürt die innere Zerrissenheit, die er für die Figur des Richard Hiss benötigt und die ihn so sympathisch macht, auch oder gerade weil er kein charismatischer Strahlemann ist. Jürgen Roland, der seine Schauspieler gern als seine Freunde bezeichnete, ist es gelungen, ein Ensemble zu versammeln, dessen Mosaiksteinchen ein zeitloses Gesamtbild ergeben.

Gubanov ( gelöscht )
Beiträge:

19.07.2015 13:45
#2 RE: 4 Schlüssel (1965) Zitat · Antworten



4 Schlüssel

Kriminalfilm, BRD 1965. Regie: Jürgen Roland. Drehbuch: Thomas Keck, Max Pierre Schaeffer (Buchvorlage: Max Pierre Schaeffer). Mit: Günther Ungeheuer (Alexander Ford), Walter Rilla (Bankdirektor Rose), Monika Peitsch (Silvia Rose), Hellmut Lange (Thilo), Paul Edwin Roth (Konrad von Brenken), Ellen Schwiers (Fräulein Quinn), Hanns Lothar (Richard Hiss), Ida Krottendorf (Fräulein Wohlers), Silvana Sansoni (Franziska), Heinz Engelmann (Kriminalkommissar) u.a. Uraufführung: 14. Januar 1966. Eine Produktion der Hanns-Eckelkamp-Filmproduktion für den Atlas-Filmverleih.

Zitat von 4 Schlüssel
Eine Gruppe von Gangstern hat es auf einen Millionencoup abgesehen. Unter der Leitung des Gentleman-Ganoven Alexander Ford soll das Bankhaus Traven um seine Safeeinlagen beraubt werden. Den Direktor und dessen Tochter machen sie mit Waffengewalt und Drohungen gefügig. Nun haben die Bankräuber bis Mitternacht Zeit, um die Schlüssel zum Tresor zu erbeuten. Sie werden von vier verlässlichen Bankmitarbeitern verwahrt. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt!


Der große Postzugraub von 1963 heizte die Fantasien der Filmemacher und des Publikums in Bezug auf aufwändig geplante Überfallgeschichten in den Folgejahren merklich an, wie an Produktionen wie „Zimmer 13“ (Kinostart 1964), „Die Gentlemen bitten zur Kasse“ (TV-Erstausstrahlung 1966) und eben „4 Schlüssel“ festgestellt werden kann. Im Gegensatz zu den zwei anderen Filmen, in denen leidlich beschützte Züge im Nirgendwo mit verbrecherischer Personalstärke und Brutalität überfallen werden, wagt sich Rolands Erzählung einen Schritt weiter und lässt die böse Instinkte erweckende Verlockung des Geldes hungrige Diebe hinterlistig bis in die schiere Festung der Rechtschaffenheit, in ein hanseatisches Bankhaus, vordringen.

Und auch wenn gerade Alexander Ford in seiner eindrucksvoll überlegenden Darstellung durch Günther Ungeheuer Organisationstalent und Geistesschärfe in das Vorhaben einbringt, so verdeutlicht „4 Schlüssel“ doch, dass das Leben – gerade wenn es um einmalige, nicht übbare Vorhaben geht – nicht in den geplanten, vorher theoretisch angenommenen Bahnen verläuft. Immer wieder erleiden die Räuber Rückschläge, die sie zu Improvisationen zwingen und die bald schon ihre Nerven strapazieren, sodass sich rasch die nervöse Spreu vom überlegten Weizen trennt. Bei aller Kaltblütigkeit, die Roland den Gangstern ganz explizit zuschreibt, scheint er betonen zu wollen, wie wichtig der sprichwörtliche „kühle Kopf“ auch dann ist, wenn man sich gegen das Gesetz wendet. Diejenigen, die schießen oder Hals über Kopf flüchten, sind am Ende tot oder verhaftet – nur dem großen Denker gelingt (oder gelingt beinahe?, es soll ja nichts verraten werden) am Ende die Flucht mit dreieinhalb Millionen Mark ...



In seinem dem Film zugrundeliegenden Roman verarbeitete Max Pierre Schaeffer wahre Ereignisse, die sich 1951 in Zürich zutrugen, ergänzte sie aber so, dass aus den Gegenspielern – dem zurückgenommenen, beherrschten Bankdirektor Rose und dem präzise agierenden Schurken Ford – ebenbürtige Gegner entstanden, die das 102-minütige Duell stets spannend halten, weil sich der Zuschauer keine Prognose über den Ausgang zu wagen erlaubt.

Zitat von Max Pierre Schaeffer: Roman und Wirklichkeit, Atlas-Filmheft „4 Schlüssel“, S. 6f
Alexander Ford, die Hauptfigur des Romans, verfügt über die eiskalte Intelligenz und kriminelle Raffinesse, die einst die Mörder des Zürcher Bankiers Bannwart-Rubin vermissen ließen. Von seinen Gegenspielern aus der Bank unterscheidet ihn im Wesentlichen nur eines: seine Methode, zu Geld zu kommen. Ein Mann mit Manieren, aber ohne Skrupel. Ein Mann, der es ablehnt, sich am allmählichen sozialen Fortschritt aller zu beteiligen – und lieber den kürzeren, wenn auch riskanteren Weg „nach oben“ wählt.


Die wendungsreiche Handlung wird von Roland mit Kabinettstückchen und Banalitäten des Alltags aufgelockert und mit einer Unzahl zeitgenössischer Hamburg-Bilder hinterlegt, die historisch an eine Stadt der Rolling-Stones-Begeisterung, des Erhard-Wahlkampfs und der rasselnden Straßenbahnzüge erinnern. Hauptanteil am Gelingen des Films hat jedoch die Besetzung, die bis in die kleinsten Rollen hinein mit stimmigen Gesichtern aufwartet und die pragmatischen und die tragischen Momente des Bankraubs glaubhaft illustriert. Walter Rilla perfektioniert jene Selbstbeherrschung, die er bereits in den Wallace-Filmen in schwierigen Situationen an den Tag legte; auch Monika Peitsch erfüllt eine vielschichtigere Aufgabe, als bloß als bedrohtes Töchterlein ängstlich in die Kamera zu schauen. Die Charaktere, die Roland zur Interaktion anleitete, sind rund und gehen über übliche Schablonen hinaus. Das gilt auch für kleine Rollen, in denen etwa Joseph Offenbach und Ida Krottendorf als kleinbürgerliches Vater-Tochter-Gespann dezente Gegengewichte zu den Hauptmotiven des Films ausloten. Ihr tristes Idyll wird von der Ford-Bande rücksichtslos ausradiert – so wie das Verbrechen laut Jürgen Roland eben jeden und nicht nur englische Sirs und Lords treffen kann:

Zitat von Jürgen Roland: 4 Schlüssel – Betrachtungen im Nachhinein, Atlas-Filmheft „4 Schlüssel“, S. 11
So ist es also kein Zufall, dass in meinem Film das direkte Gegenüber dieser Verbrecher nicht die Polizei und ihr Apparat ist. In diesem „Gangsterfilm 1966“ sind wir es. Jeder von uns – und nicht nur in diesem Film: überall, heute, morgen – in jeder Stadt und zu jeder Stunde.


„Eine von diesen“ steht als Losung für den Film Pate. „4 Schlüssel“ ist „einer von diesen“ Klassikern, die jeder Freund des Sechzigerjahrekrimis gesehen haben sollte. Ein Bankraub mit intensiver Vorbereitung, mit Nervenkitzel und Alltagstragik, mit glänzenden Schauspielern und Lokalkolorit. 5 von 5 Punkten.

Ray Offline



Beiträge: 1.867

24.06.2016 23:00
#3 RE: 4 Schlüssel (1965) Zitat · Antworten

4 Schlüssel (BRD 1965)

Regie: Jürgen Roland

Darsteller: Günther Ungeheuer, Walter Rilla, Monika Peitsch, Hellmut Lange, Hanns Lothar, Horst Michael Neutze, Ellen Schwiers, Joseph Offenbach, Heinz Engelmann u.a.



Wie Gubanov richtig sagt, diesen Film sollte jeder Freund des Sechzigerjahrekrimis (mindestens) einmal gesehen haben und das gilt ausdrücklich auch für jene wie mich, für die "Stahlnetz" nicht mehr als grundsolide Kriminalfilmunterhaltung bedeutet. Denn "4 Schlüssel" bietet weitaus mehr.

Schon in Sachen Besetzung kann der Film es locker mit den ganz großen Produktionen des Jahrzehnts aufnehmen. Günther Ungeheuer - man verzeihe mir das Wortspiel - liefert eine wahrhaft "ungeheuerliche" Vorstellung ab. Man merkt ihm die einigen Semester Jura-Studium, die seine Figur nach eigener Aussage absolviert hat, an. In jeder Lage des Bankraubes bleibt er stets rational. Ohne ihn wäre das ganze Unternehmen bereits in der Frühphase zum Scheitern verurteilt. Walter Rilla spielt einmal mehr derart würdevoll, dass man ihn sich am liebsten als eigenen Großvater wünschen würde.

Neben der grandiosen Besetzung und der straffen Inszenierung sind es vor allem die vielen kleinen eingestreuten Aufnahmen, die den Film zu einem wunderbaren Zeitdokument machen. Ob die vielen Wahlplakate, die Landung der Rolling Stones am Flughafen, Bilder aus dem Hamburger Fußallstadion oder ein Auftritt von Goldfingers Gehilfe Oddjob: Roland offeriert ein verblüffend detailgetreues Bild der Mittsechzigerjahre. Ein Umstand, der allein schon weitere Sichtungen lohnt.

Davon abgesehen bekommt man noch einen äußerst spannenden Film geboten, der im Grunde ohne Längen auskommt und einen packenden Showdown aufbietet.


Mit "4 Schlüssel" gelang Jürgen Roland einer der der besten Kriminalfilme der Sechzigerjahre, der in keiner Sammlung fehlen sollte. Neben einem fulminanten Cast, aus dem Günther Ungeheuer und Walter Rilla herausragen und einer packenden Geschichte bleiben vor allem die zeitdokumentarischen Aspekte in Erinnerung. 5/5 Punkten.

Gubanov ( gelöscht )
Beiträge:

25.06.2016 07:53
#4 RE: 4 Schlüssel (1965) Zitat · Antworten

Danke, @Ray, für diese Unterstützung zu "4 Schlüssel". Mich wundert bei diesem mit vielen Wallace-Stars besetzten Film, warum er im Forum bisher nie "groß herausgekommen" ist, denn dein Urteil, dass es sich um einen der besten und spannendsten Sechzigerjahrekrimis handelt, kann ich nur vollauf bestätigen. (Wobei ich allerdings auch überrascht bin, wenn du den Reiz hauptsächlich dem authentischen Zeitkolorit zuschreibst und gleichzeitig eine Watsche gegen das "Stahlnetz" austeilst, obwohl die diesbezüglich in "4 Schlüssel" angewandte Erzähltechnik, Filmhandlung mit realen Einsprengseln zu verweben, eigentlich Jürgen Rolands Standard-Vorgehensweise war und sich hier für meine Begriffe nicht nennenswert von den professionelleren und ausladenderen "Stahlnetz"-Folgen ab, sagen wir, 1962 unterscheidet.)

Auf jeden Fall kann ich meine Empfehlung an alle Mitleser in diesem Zuge nur nochmal erneuern. Nachdem die DVD-Erstauflage aus der Filmpalast-Reihe längere Zeit ausverkauft war, gibt es seit Ende 2014 eine Neuauflage von Polar-Film. Es lohnt sich, diesen Film (wieder) zu entdecken!

Ray Offline



Beiträge: 1.867

25.06.2016 09:26
#5 RE: 4 Schlüssel (1965) Zitat · Antworten

Gerne. War auch überrascht, dass sich nur so wenige zu dem Film geäußert haben. Möglicherweise ist die VÖ abseits von Filmjuwelen & Co ein wenig untergegangen.

Den Widerspruch sehe ich grundsätzlich auch, weswegen ich selbst etwas verwundert war, dass der Film mir so gut gefallen hat und immer noch gefällt. Aber Geschmack lässt sich eben nicht immer rational erklären. Das Eine gefällt einem "irgendwie", das Andere nicht. Es liegt m.E. an der unheimlichen Dichte der Erzählung und der "besonderen" Aufnahmen, die hier eingebaut wurden. Es ist eben nicht nur der typische Zeitkolorit (Straßenbahnen etc.), sondern es sind besondere Ereignisse, die hier eingefangen wurden. Das Gesamtpaket stimmt einfach. Besetzungstechnisch fällt mir spontan ebenfalls keine "Stahlnetz"-Folge ein, die da mithalten könnte, man möge mich korrigieren, wenn ich irre. "Stahlnetz" ist mir - Gleiches gilt für "Kriminalmuseum" oder "Tatort" - im Grundsatz zu "dröge", es gibt natürlich Ausnahmen. Muss allerdings dazu sagen, dass ich - eben weil mich die genannten Serien nicht so ansprechen - längst nicht alle Folgen gesehen habe.

Giacco Offline



Beiträge: 2.289

25.06.2016 14:53
#6 RE: 4 Schlüssel (1965) Zitat · Antworten

Die Film-Echo-Kritik war in diesem Fall äußerst positiv:

"Ein Film von jungem Schwung, hart auf der Spur der Wirklichkeit. Roland macht mit diesem Film einen gewaltigen Sprung nach vorn: "Stahlnetz" und "Davidswache" waren Fingerübungen, jetzt spielt er ein großes Konzert. Und das sind die vier Schlüssel für seinen künstlerischen Erfolg.
Jürgen Roland ist ein gewandter Dokumentarist. Er setzt seinen Film auf den Punkt an. Nicht irgendein Wochenende ist gemeint. Es handelt sich haarklein um das Wochenende des 18. September 1965, das Wochenende der Bundestagswahl. Hamburg spielt seine Rolle hervorragend - eine große Stadt, die sich auf ihren Sonntag vorbereitet. Eine unsentimentale Kamera hält sich an die Wirklichkeit. Das ist der 1. Schlüssel.
Zweiter Schlüssel: Roland kann handfest mit seinen Schauspielern umgehen und spürt zudem, wie wertvoll unverbrauchte Gesichter für seinen Filmstil sind. Günther Ungeheuer als Chef der Gang: wie präzise wird da der Untergrund des gescheiterten, enthemmten Mannes, der den Bankraub kühl und genau plant, und der weiß, dass er fähig ist, seine negative Doktorarbeit in die Tat umzusetzen. Und wie verbiestert dumm kann Horst Michael Neutze einen kleinen Hau-Ruck-Gangster hinstellen!
Dritter Schlüssel zum Erfolg ist die der Wirklichkeit abgehörte Handlung. Gangster ohne Mythos werden bei der Arbeit beobachtet. Das sind keine Killer, keine romantischen Räuber. Das sind Burschen, die schnell Geld machen wollen und die dafür etwas riskieren. Roland und Drebuchautor Schaeffer wissen (und zeigen es), dass solche Leute viel gefährlicher sind als die Hauptberuflichen à la Chicago.
Viertens ist die schlüsselfertige Psychologie nicht zu unterschätzen, die trotz der Hurtigkeit des Geschehens mitgeliefert wird. Roland hat hier zum ersten Mal seine Hemdsärmeligkeit abgelegt, die auch bei der "Davidswache" immer noch zu spüren war. Zum ersten Mal stellt er Menschen ins Bild, über die er zuvor ausgiebig nachgedacht hat. Exzellentes Beispiel: des Bankchefs zukünftiger Schwiegersohn. In dieser Rolle steht Hellmuth Lange mit seinem Eddie-Constantine-Gesicht vor der Kamera und nach gängigen Kino-Klischees müßte er gelenkig losprügeln. Aber Roland weiß, dass gerade die Starken Realität am besten einschätzen können: Lange prügelt nicht, sondern fügt sich als erster ins Unvermeidliche. Der Regisseur hat nachgedacht.
Und das bekommt dem Film. Bei soviel Stimmigkeit wirkt es geradezu sympathisch, dass sich Roland von einer altvertrauten, altgewohnten Spielfigur nicht getrennt hat: den Kripo-Offizier spielt wieder Heinz Engelmann."


In den Kinos sorgte der am 14. Januar 1966 gestartete Film zunächst für ein sehr gutes Kassenergebnis, das bereits Ende Februar bei 1.232.173 DM lag. (Erstnote: 2,5). Allerdings war er insgesamt kein Langzeiterfolg und Kassenschlager wie sein Vorgänger "Polizeirevier Davidswache". Trotzdem zählte er zu den deutschen Erfolgsproduktionen des Jahres 1966. Film-Echo-Note: 3,6 (44 Meldungen).

Jan Offline




Beiträge: 1.734

25.06.2016 23:10
#7 RE: 4 Schlüssel (1965) Zitat · Antworten

Dass "4 Schlüssel" etwas in Vergessenheit geriet, liegt sicher ein wenig an Rolands übergroßem "Polizeirevier Davidswache" und eben auch daran, dass er kein vergleichbar großer Erfolg seinerzeit wurde. Ich gestehe, dass ich nach wie vor auch nur eine alte Videoaufzeichnung von RTL2 habe und die DVD nicht besitze. So oder so - "4 Schlüssel" ist auch in meinen Augen ein makelloses Stück Kriminalfilmgeschichte und ich schließe mich vorbehaltlos den positiven Meinungen an. Wer den Film nicht kennt, sollte das Ansehen schleunigst nachholen. Betrachtet man es rein von der Spannung her, ist der Film dem Vorgänger "Polizeirevier Davidswache" überlegen, wenngleich die Dramaturgie konventioneller ausfiel. Ganz sicher sind die beiden Produktionen aber Jürgen Rolands beste Kinoarbeiten.

Gruß
Jan

Scotchland Yard Offline



Beiträge: 1

28.08.2016 17:58
#8 RE: 4 Schlüssel (1965) Zitat · Antworten

So, bin neu hier im Forum - und begeistert, dass es ein so schönes Forum gibt!

Zum hier besprochenen Film kann ich nur sagen: sehr sehr gut! Zu Unrecht leider etwas in Vergessenheit geraten. Großartige Schauspieler und ein gutes Buch garantieren einen anspruchsvollen aber auch vergnüglichen Krimiabend!

Peter Offline




Beiträge: 2.882

28.08.2016 18:17
#9 RE: 4 Schlüssel (1965) Zitat · Antworten

Herzlich Willkommen, @Scotchland Yard , mit deinem Einstiegs-Post hast du gleich einen sehr guten Geschmack bewiesen...

Count Villain Offline




Beiträge: 4.553

29.10.2017 15:34
#10 RE: 4 Schlüssel (1965) Zitat · Antworten

So, dann will ich mich auch mal zu diesem Film äußern, den ich gestern nach vielen Jahren mal wieder gesehen habe. Und was soll ich sagen? Er war genauso gut wie ich ihn in Erinnerung hatte!

Der Film ist sehr gut besetzt und weist einen überaus gelungenen Spannungsbogen auf. Weiß man am Anfang noch nicht genau, auf wessen Seite man sich schlagen soll, da die ruhige und höfliche Professionalität Fords durchaus ebenso viel Sympathien hervorruft wie die Besorgnis des Bankiers und sich der erste Tote schließlich auf Seiten der Gangster findet, kippt dieses Verhältnis mit zunehmender Lauflänge mehr und mehr in Richtung der Opfer, spätestens wenn sich dann auch auf deren Seite die Leichen zu türmen beginnen.

Ebenfalls zugute halten muss man der Regie Jürgen Rolands den Zeit- und Lokalkolorit des Films, sowie die Tatsache, dass er trotz der verschiedenen Schlüsseljagd-Episoden überraschend wenig episodenhaft anmutet. Die "4 Schlüssel" sind ein überzeugendes, rundes Ganzes. Unter dem Deckmantel des großen Coups werden zudem äußerst prägnant und zielsicher die kleinen Einzelschicksale ins rechte Licht gerückt, die den Film wohltuend menschlich und real wirken lassen. Sei es das Rendezvous der nicht mehr ganz so jungen Frau Wohlers, die Affäre van Brenkens oder die Wettleidenschaft von Hiss. Jede Figur wird trotz der Kürze der Zeit greifbar und damit glaubhaft. Auch Hellmut Lange weiß viel aus seinem kleinen Part zu machen. Man merkt, dass er einen Typ verkörpert, der sich eigentlich nichts gefallen lässt, aber letztendlich doch zurück rudern muss und seine Verstand nachgibt, um seine Verlobte nicht zu gefährden.

Besonders hervorzuheben ist natürlich Günther Ungeheuer, bei dem ich in jeder Szene nur gedacht habe, was für ein grandioser Wallace-Schurke er gewesen wäre. Wie auch die gesamte Art des Films für mich durchaus so etwas wie ein "moderner" Wallace-Stil darstellt. Eine geerdete, reale und emotional härtere (Junge muss ansehen, wie der Großvater erschossen wird) Alternative zu den Kriminalmärchen, zu denen sich die Rialto-Reihe unter Vohrer entwickelt hat. Mir hätte eine deutsche Kriminalserie in diesem Stil sehr gefallen und Hamburg ist doch sowieso so etwas wie unser deutsches London.

Zum Schluss noch erwähnenswert ist der doch sehr düstere Grundton, der sich gegen Ende des Films einstellt. Alle, die sich gegen die Bande auflehnen und gewissenermaßen "den Helden spielen", müssen dies mit ihrem Leben bezahlen. Und wofür das alles? Für bunt bedrucktes Papier, das sogar noch versichert ist. In dieser Hinsicht und mit den drei Todesopfern im Gedächtnis wirken Roses Vorstellungen von Ehre, Tradition und Vertrauen doch reichlich antiquiert, wenn nicht gar gefährlich.

Fazit: Qualität statt Quantität. Manchmal sind vier Schlüssel besser als sieben.

xwollsock Offline



Beiträge: 31

02.12.2020 01:22
#11 RE: 4 Schlüssel (1965) Zitat · Antworten

Den obigen enthusiastischen Besprechungen kann ich mich nur anschließen! Gerade den halbdokumentarischen Stil finde ich sehr überzeugend. Ich bin erst durch dieses Forum auf den Film aufmerksam geworden, auch wenn mir Jürgen Roland natürlich ein Begriff war (habe früher wohl mal die Davidswache sowie einzelne Stahlnetz-Folgen gesehen und jetzt die DVD bzw. die Box angeschafft, allerdings noch nicht angeschaut). Gunther Ungeheuer war mir wohl bekannt, aber erst durch die konzentrierte Beschäftigung mit "Der Kommissar" und anschließend "Das Kriminalmuseum" habe ich seine Qualitäten wirklich schätzen gelernt. Und hier ist er natürlich ganz in seinem Element. Zwar fehlt mir die übersicht über das deutsch Filmschaffen der 60'er Jahre, bin da auch nicht ganz frei von Vorurteilen (die Wallace-Filme reizen mich weniger und haben mich auch nicht zu diesen Foren gebracht), aber "4 Schlüssel" scheint mir ein echtes Highlight zu sein. (Beim Stöbern im Forum ist mir inzwischen "Das Mörderspiel" als weiterer Kandidat für eine positive Ausnahme aufgefallen. Bin schon gespannt!)

Ganz klar 5/5 Punkte.

Der Mönch mit der Peitsche Offline



Beiträge: 476

02.12.2020 11:57
#12 RE: 4 Schlüssel (1965) Zitat · Antworten

Toller Film mit einem überragenden und genialen Günther Ungeheuer...ECHT KLASSE!!!.

Georg Offline




Beiträge: 3.224

02.12.2020 12:21
#13 RE: 4 Schlüssel (1965) Zitat · Antworten

@xwollsock
Wenn Dir Günter Ungeheuer gut gefällt, dann kannst Du Dir auch Ein Mann namens Harry Brent ansehen, wo er eine total undurchsichtige Hauptrolle spielt!
Gut ist er auch in Maigret und sein größter Fall.

Wenn Dir dokumentarische Krimis gefallen, dann kann ich Dir auch Die Gentlemen bitten zur Kasse wärmstens empfehlen!

Ray Offline



Beiträge: 1.867

02.12.2020 13:51
#14 RE: 4 Schlüssel (1965) Zitat · Antworten

Bei hochwertigen deutschsprachigen Kriminalfilm-Produktionen der 1960er-Jahre ist noch "Ein Alibi zerbricht" zu nennen. "4 Schlüssel", "Mörderspiel" und eben "Ein Alibi zerbricht" sind abseits von Wallace & Co für mich die Krimi-Highlights dieses Jahrzehnts, was deutschsprachige Produktionen angeht.

Bewertet: "Ein Alibi zerbricht" (1963, Stilverwandte)

Edgar007 Offline




Beiträge: 2.550

02.12.2020 17:52
#15 RE: 4 Schlüssel (1965) Zitat · Antworten

Auch UNTER AUSSCHLUSS DER ÖFFENTLICHKEIT fand ich sehr gut. Und aus den 50ern noch ALIBI

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