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Dieses Thema hat 9 Antworten
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 Film- und Fernsehklassiker international
Prisma Offline




Beiträge: 7.567

14.04.2013 13:46
Agatha Christie - Mord nach Maß / Endless Night (1972) Zitat · Antworten



MORD NACH MAß / ENDLESS NIGHT (1972)

mit Hayley Mills, Hywel Bennett, George Sanders, Per Oscarsson, Lois Maxwell, Patience Collier, Walter Gotell und Britt Ekland
nach einer Erzählung von Agatha Christie
ein Film von Sidney Gilliat






»Wenn der Wunsch ein Wille wird, dann findet sich vielleicht auch ein Weg!«


Der Verleihwagen-Fahrer Michael Rogers (Hywel Bennett) beschäftigt sich am liebsten mit Tagträumen, in denen er sich ein nobles Leben vorstellt. So sieht er sich in seiner Fantasie bereits als stolzer Besitzer des herrlichen Stückes Land namens Gypsy's Acre, wo er in der Villa seiner Träume lebt. Durch Zufall lernt Michael genau dort die hübsche Ellie (Hayley Mills) kennen, die ihm allerdings verschweigt, dass es sich bei ihr um eine der reichsten jungen Frauen der Welt handelt. Wenig später heiraten die beiden und Ellie erwirbt das Land, um Michael seinen Traum zu erfüllen, doch auf diesem sagenumwobenen Ort soll der Prophezeiung nach ein alter Fluch lasten. In Ellies Familie wird der bürgerliche Michael unterdessen nicht gerade herzlich aufgenommen, man tritt ihm mit Verachtung gegenüber und bietet ihm sogar eine hohe Abfindung an, wenn er seine junge Braut verlässt. Eines Tages erscheint Ellies Freundin Greta (Britt Ekland) in der neuen Traumvilla, und aus einem, der Ankündigung nach, kurzen Besuch werden Wochen. Seit ihrem Auftauchen geschehen nun seltsame Dinge und die schöne Greta scheint Michaels Frau irgendwie zu beeinflussen, bis schließlich ein rätselhafter Mord geschieht...

Bei dieser Verfilmung nach Agatha Christies 58. Kriminalroman, bekommt man hinsichtlich der Umsetzung, aber vor allem wegen der Vorlage, nicht unbedingt das geboten, was man in erster Linie mit der britischen Schriftstellerin assoziieren würde. Regisseur Sidney Gaillait inszenierte dieses Märchen, oder diesen Traum, bestehend aus diversen undurchsichtigen Fragmenten hochinteressant, und dabei entstand ein wirklich beachtliches Ergebnis, das aus mehreren Gründen in Erinnerung bleiben dürfte. Agatha Christie, Verlässlichkeit, oder ein hoher Wiedererkennungswert gehören für mich definitiv zusammen, oftmals entsteht dadurch eine gewisse Vorhersehbarkeit, wobei es dann, wie in diesem Fall auch, auf eine geglückte Inszenierung ankommt. Beim Anschauen von "Mord Nach Maß" fragt man sich weit über eine Stunde lang, ob man wirklich einen Film basierend auf einer Vorlage von Agatha Christie zu sehen bekommt, oder ob man sich auch tatsächlich in einem Krimi befindet, beziehungsweise, wenn es der deutsche Titel nicht verraten würde, überhaupt einen Mordfall miterleben dürfte. Die Szenerie wirkt durchgehend rätselhaft und die Charaktere erscheinen überaus mysteriös zu sein, was eine kaum greifbare, aber durchgehend subtile Spannung verursacht, obwohl bei diesem deutlich verlangsamten Erzähl-Tempo lange Zeit nur wenig Signifikantes passiert. Erstaunlich dabei ist jedoch, dass einem die Zeit nicht zu lang wird, und man aufmerksam der langen Einführung der Charaktere folgt. Permanent hat man das dumpfe Gefühl, dass sich inmitten dieser traumhaften Landschaft, der opulenten, modernen Kulissen und der schmeichelnden Bild-Gestaltung etwas Gefährliches verbirgt, das plötzlich zuschlagen könnte.





In dieser Geschichte sind reichlich tiefe, teils auch krude Charakterzeichnungen zu finden, die durch die optimalen darstellerischen Leistungen viel Farbe bekommen. Hywel Bennett sorgt mit allen Mitteln dafür, dass sein Michael Rogers, entsprechend des Konzeptes der Geschichte, hervorragend funktioniert. Man hört oftmals seine Stimme, die die Funktion eines Erzählers übernimmt, und nimmt somit Anteil an seinen Tagträumen und Gedanken, auf die man sich manchmal gerne einlässt, die hin und wieder aber auch Unverständnis hervorrufen. Obwohl er seine sympathischen Seiten zur Schau stellt, traut man ihm hinsichtlich eines gefestigten Charakters nicht wirklich. Angesichts seiner Abwesenheitszustände sieht man Rückblenden, in denen Kinder vorkommen und Bilder gezeigt werden, die man nicht deuten kann. Hayley Mills als eine der reichsten jungen Frauen der Welt, die ihrem Bräutigam diese Bürde zunächst verschwieg, macht einen erfrischenden Eindruck als Ellie. Die Mischung aus Zielstrebigkeit, aber auch einer guten Portion Naivität wird von ihr sicher über die Ziellinie gebracht, außerdem wird sie bei fortlaufender Zeit noch einige sehr intensive, sogar gruselige Szenen darbieten. Britt Ekland als ihre mutmaßliche Freundin Greta spielt Ähnliches wie in "Diabolisch", der im gleichen Jahr abgedreht wurde. Da Britt Ekland in der Regel eher durch ihre klassische Schönheit, als durch ausgefeilte Interpretationen glänzt, ist es hier umso erstaunlicher sie in seltener Höchstform zu sehen. Greta taucht erst nach rund vierzig Minuten im Geschehen auf, doch der Zuschauer ahnt seit Beginn, dass sie existiert, und diese Tatsache stellt sich nach Beendigung des Films als eine der großen Raffinessen der Vorlage und der Inszenierung heraus. Der Rest der Besetzung sorgt des Weiteren für Freude pur, als unerwähnten Gast bekommt man zum Ende hin sogar noch Leo Genn, sozusagen als Besetzungsüberraschung zu sehen. Außerdem hört man zum Beispiel für George Sanders üblicherweise die Synchronstimme von Siegfried Schürenberg, und Alice Treff sprach die Dame in Schwarz, Patience Collier.

Beim Zuschauen liefen bei mir regelrecht Parallelfilme ab. In der Erinnerung fand ich mich manchmal beispielsweise in "Tod auf dem Nil" und "Vertigo" wieder, oder ansatzweise auch in "Bis das Blut gefriert", was nicht bedeuten soll, dass sich diese Produktionen in irgend einer Art und Weise ähneln, sondern einfach nur der Charaktere wegen, oder mancher Veranschaulichungen. "Mord nach Maß" (den ich als Titel für ungünstig halte, dessen Rhetorik aber spätestens nach dem Finale schon bitter aufstößt) ist immer wieder gespickt mit wahrhaftigen Gänsehaut-Momenten, subtile Effekte lassen sogar einen angenehmen Grusel aufkommen, wobei dieser Film eigentlich nicht in diese Richtung gehen möchte. Immer wieder taucht eine eigentümlich gekleidete alte Dame aus dem Nichts auf, die zwei Perserkatzen an der Leine mit sich führt, und die Prophezeiungen zum Besten gibt. Es scheint, dass die trügerische Idylle des Films (der übrigens ein exzellentes Finale mit mehreren Wendungen bereit hält) in einen Scherbenhaufen zerfällt. Bei der schwierigen Darstellung der Psyche, unter Berücksichtigung von sachlichen und nachvollziehbaren Komponenten, stellt sich hier allerdings heraus, dass die komplexe, und für meine Begriffe anspruchsvolle Geschichte, von vorne herein ein Scherbenhaufen war. Die Regie schafft es wirklich sehr überzeugend ein undurchsichtiges Mosaik weitgehend verständlich zusammenzufügen, und den Zuschauer trotz langsamen Tempos bei Laune und Aufmerksamkeit zu halten. Die extravagante Verfilmung, die sich dem Vernehmen nach eng an der Vorlage von Agatha Christie orientieren soll, hebt die Progressivität einer wenig charakteristischen Arbeit der Autorin deutlich hervor, und sorgt deswegen, aber aus vielen anderen Gründen auch, für Überraschungsmomente en masse. Wer daher etwas ganz Klassisches Erwartet, dürfte hier weniger auf seine Kosten kommen, wer sich jedoch gerne auf etwas Neues einlassen kann, kann hier möglicherweise richtig liegen. Mich hat im Endeffekt vermutlich eine Art Desorientierung in Verbindung mit richtigen Kombinationen fasziniert, verblüfft hat mich außerdem, dass der Film trotz eines gewissen Leerlauf-Potentials im Mittelteil keine einzige lange Minute aufkommen ließ. Ein gelungener Start im Rahmen der "Filmjuwelen"-Reihe. Empfehlenswert!

Gubanov ( gelöscht )
Beiträge:

14.04.2013 14:04
#2 RE: Agatha Christie - Mord nach Maß / Endless Night (1972) Zitat · Antworten

Danke für die sehr schöne Besprechung mit den Seh- und Bildeindrücken. Obwohl ich gerade bei diesem Film sehr hin- und hergerissen bin, werde ich wohl früher oder später doch zuschlagen, was nicht zuletzt dieser Empfehlung zuzuschreiben sein dürfte.

Georg Online




Beiträge: 3.221

14.04.2013 14:12
#3 RE: Agatha Christie - Mord nach Maß / Endless Night (1972) Zitat · Antworten

Ein toller und sehr spannender Film und ganz Christe-untypisch. Wurde an anderen Orten im Forum auch schon besprochen, z. B.:

Britische Kriminalfilme
Britische Kriminalfilme

Gubanov ( gelöscht )
Beiträge:

14.04.2013 14:13
#4 RE: Agatha Christie - Mord nach Maß / Endless Night (1972) Zitat · Antworten

Weiß vielleicht jemand, inwiefern sich der Film mit dem Roman deckt? Ist es z.B. sinnvoll, einmal mit dem Hörbuch vorzufühlen, ob die Geschichte gefällt?

Mark Paxton Offline




Beiträge: 347

14.04.2013 20:08
#5 RE: Agatha Christie - Mord nach Maß / Endless Night (1972) Zitat · Antworten

Kann ich nicht beurteilen, da ich beides nicht kenne. Als Christie-Fan ist das aber ein Pflichttermin, auch wenn der Film im Vergleich zu den anderen klassischen Verfilmungen etwas moderner, ungewöhnlicher ist. Den Trailer auf Youtube hast du dir sicherlich schon angesehen, oder?

https://www.youtube.com/watch?v=KDNvwZJlaAw

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.589

14.04.2013 20:09
#6 RE: Agatha Christie - Mord nach Maß / Endless Night (1972) Zitat · Antworten

Ich habe den Roman "Endless Night" im Bücherschrank stehen (Agatha Christie Signature Edition von 2007, Verlag Harper Collins) und somit eine wichtige Quelle zur Unterstützung einer Filmbesprechung. Allerdings hege ich nach Prismas Schilderung der Handlung den Verdacht, dass Mrs. Christie den Plot zweitverwertet hat. Die Kurzgeschichte "The Case of the Caretaker" (Die Hausmeisterin) wurde bereits 1942 veröffentlicht. Das unheimliche Element, ein scheinbar unabwendbares Unglück, das von einer seltsamen alten Frau verkündet wird, findet sich auch hier: "Und ich sage Ihnen, Sie werden kein Glück finden in Ihrem neuen schönen Haus. Das Schwarze Verhängnis wartet auf Sie! Tod und Verderben und mein Fluch. Möge Ihr schönes Gesicht verfaulen."

Gubanov ( gelöscht )
Beiträge:

15.09.2013 14:33
#7 RE: Agatha Christie - Mord nach Maß / Endless Night (1972) Zitat · Antworten



Mord nach Maß (Endless Night)
Kriminalromanze, GB 1972. Regie: Sidney Gilliat. Drehbuch: Sidney Gilliat (Romanvorlage: Agatha Christie). Mit: Hayley Mills (Ellie), Hywel Bennett (Michael), Britt Ekland (Greta), Per Oscarsson (Santonix), George Sanders (Lippincott), Aubrey Richards (Dr. Philpott), Ann Way (Mrs. Philpott), Patience Collier (Miss Townsend), Peter Bowles (Reuben), Lois Maxwell (Cora) u.a. Uraufführung (GB): September 1972.

Zitat von Ein Rückblick auf die Filmhandlung
Das Anwesen, auf dem das verfallene Herrenhaus Gypsy’s Acre steht, hat es dem mittellosen Chauffeur Mike angetan. Als Tagträumer stellt er sich vor, auf dem Gelände nahe der englischen Küste ein neues, prunkvolles Landhaus zu errichten. Seinem großen Wunsch kommt er einen Schritt näher, als er Ellie trifft, die sich zu seiner großen Überraschung als reiche Erbin entpuppt. Die beiden heiraten und lassen Gypsy’s Acre neu auferstehen. Doch das gemeinsame Bauprojekt wird ihnen kein Glück bringen ...


Die in den meisten Fragen erstaunlich einhellige Meinung der Agatha-Christie-Fangemeinde führt dazu, dass gewissen Filmproduktionen ein großer Ruf vorauseilt, während andere von allen Seiten mit Kritik oder wenigstens einer gehörigen Portion Desinteresse quittiert werden. So kommt es zum Beispiel zu einem enormen Bekanntheits- und Renommeeunterschied zwischen der 1972er Verfilmung von „Mord nach Maß“ und den nur zwei Jahre später angestoßenen Romanadaptionen mit Albert Finney bzw. Peter Ustinov in der Rolle des Hercule Poirot. Diese Diskrepanz kann sich allerdings nur auf die Bekanntheit der jeweiligen Stoffe und auf bestimmte schubladenartige Erwartungen gründen, die die Mehrheit der Zuschauer an den Namen Agatha Christie stellt – mit Produktionswerten oder Originaltreue hat sie jedenfalls nichts zu tun, denn „Mord nach Maß“ hinkt in diesen Punkten „Mord im Orientexpress“ oder dem „Bösen unter der Sonne“ in keinster Weise hinterher.
Schon der Vorspann verrät, dass man hier ein qualitativ hochwertiges Produkt sehen wird – einen Film mit ausgeprägtem Sinn für Dramatik, aber eben auch mit seelenruhigen Anläufen aus einer Zeit, in der die Frage nach dem „Tempo“ nicht jede einzelne Szene regierte. Vielmehr wird vom Zuschauer die Geduld abverlangt, sich auf einen Film und einen Hauptcharakter einzulassen, die ihre „Liebe zu schönen Dingen“ teilen. Im Zentrum des Geschehens steht demnach nicht nur Michael Rogers, sondern vor allem das Grundstück Gypsy’s Acre, das entgegen Christies Romanvorlage aus den walisischen Bergen in die Hügel- und Küstenlandschaft Südenglands verlegt wurde und dort nicht nur bei Michael Sensoren aktiviert, die bis heute ein begeistertes Stammpublikum an Rosamunde-Pilcher- und Charlotte-Link-Filme fesseln. In dieser Hinsicht ist „Mord nach Maß“ ein in erster Linie visuelles Vergnügen, aber auch ein Stück romantischer Schmonzette, die einem durchaus nahegeht und deshalb das lange hinausgezögerte Verbrechen besonders drastisch erscheinen lässt.
Im Gegensatz zu den meisten bekannten Krimis von Agatha Christie verfügt „Mord nach Maß“ zwar auch über einen bis zum Ende unbekannten Mörder, setzt aber nicht völlig auf dessen Enttarnung als Hauptmerkmal der Spannung. Vielmehr baut sich im Laufe der Handlung die Frage auf, welche Richtung die Personen einschlagen und aus welcher Richtung das Verderben über sie kommen wird. Wenn auch „Mord nach Maß“ kein passender Titel für die eigentliche Handlung ist, so verdeutlicht er wenigstens, dass irgendwann einmal ein Mord geschehen wird, was ein brodelndes Gefühl böser Vorahnungen zum Leben erweckt.

Zu begeistern an diesem Film weiß vor allem die Besetzung. Hywel Bennett verleiht der vielschichtigen Hauptrolle in jedem Moment ein glaubwürdiges Gesicht, provoziert zu Sympathie und Kopfschütteln zugleich und bringt den notwendigen Spagat zwischen seiner einfachen Herkunft, seinem hehren Geist, dem Leben in Luxus und den überraschenden Schlussminuten auf den Punkt. Für Hayley Mills habe ich ohnehin eine Schwäche und die Tatsache, dass Muttersprachler über ihren amerikanischen Akzent nörgeln, tut ihrer Leistung keinen wesentlichen Abbruch. Sie verkörpert ein Abbild von Zerbrechlichkeit und Naivität, ohne dabei dumm und blauäugig zu wirken – tatsächlich bekommt man das Gefühl, als hätte es bei den Dreharbeiten zwischen Hywel und Hayley gefunkt (Klatsch und Tratsch aus den Produktionsjahren sind ausdrücklich erwünscht!).
Während Britt Ekland durch ihre offensichtlich zur Schau getragene Sexualität weniger anziehend wirkt, eignet sie sich ideal als Bedrohung im Hintergrund, sozusagen als dritter Reifen am Fahrrad. Dass sie erst sehr spät vorgestellt wird, mindert das Nervpotenzial, das ganz eindeutig von ihrer Rolle ausgeht, aber so gewollt ist und ihr deshalb nicht angelastet werden kann. – Einige Worte wert sollte neben den amüsanten Darstellungen der Familienmitglieder, die dem sehr ernsthaften Film eine Prise bitter benötigter Komik verleihen, auch der kleine Auftritt der Leinwandlegende George Sanders sein, der hier seine letzte Verpflichtung vor seinem Tod einging. Auch wenn man Sanders seine verschiedenen Krankheiten bereits anmerkte, die ihn noch vor der Uraufführung des Films zum ultimativen Schritt veranlassten, so sprüht sein doppelbödiger und zwischen väterlicher Zuneigung und harter Verschlagenheit pendelnder Anwalt Andrew Lippincott doch vor schauspielerischer Kreativität und Selbstsicherheit. Auch wenn er weit davon entfernt ist, die moralische Instanz der Geschichte zu sein (die wir eher in dem Architekten Santonix finden), so gelang es Sanders doch, einen Schwanengesang mit großer Geste zu verwirklichen.

„Mord nach Maß“ ist keine Filmempfehlung für hektische Filmfreunde, denn die Qualitäten dieser Produktion liegen in ihrer ruhigen Stärke und dem langsamen Aufbau von Spannung und runden Charakteren. Sidney Gilliat gelang eine optisch exzellente und mit vielen guten Regieeinfällen angereicherte Inszenierung eines der schwächeren Christie-Romane, der durch den Film und seine erstklassigen schauspielerischen Leistungen jedoch an Faszination gewinnt. Über die architektonischen Ausfälle der 1970er Jahre sollte man indes einen Mantel des Schweigens breiten. 4 von 5 Punkten.

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.589

15.09.2013 15:04
#8 RE: Agatha Christie - Mord nach Maß / Endless Night (1972) Zitat · Antworten

Endless Night - Mord nach Maß
Großbritannien 1972. Mit: Hayley Mills, Hywel Bennett, Britt Ekland, Per Oscarsson, George Sanders, Aubrey Richards, Lois Maxwell, Peter Bowles, Ann Way, Walter Gotell, Patience Collier, Madge Ryan u.a. Drehbuch: Sidney Gilliat nach einem Roman von Agatha Christie. Regie: Sidney Gilliat.

Zitat von William Blake: Auguries of Innocence
Every Night and every Morn
Some to Misery are born.
Every Morn and every Night
Some are born to Sweet Delight,
Some are born to Sweet Delight,
Some are born to Endless Night.




Als der Chauffeur Michael Rogers das herrliche Grundstück Gipsy's Acre entdeckt und dort die junge Erbin Ellie kennenlernt, scheinen all seine Träume wahr zu werden. Doch er ignoriert die Warnung einer alten Frau, die ihm von einem Fluch erzählt, der über dem Land liegt. Die Dinge nehmen ihren Lauf und das Böse starrt ins Paradies. Michael begreift schnell: Gipsy's Acre ist der Ort, an dem seltsame "Unfälle" passieren....

Die Besprechung enthält Spoiler.
Agatha Christies Roman wurde 1967 das erste Mal in England veröffentlicht und spinnt einen Faden weiter, den sie bereits fünfundzwanzig Jahre zuvor in der Erzählung "Die Hausmeisterin" (The Case of the Caretaker) verwendet hat. Im Mittelpunkt der Handlung steht der junge Harry Laxton, dem es leichtfällt, andere um den kleinen Finger zu wickeln, man übt Nachsicht mit ihm, obwohl er ein Taugenichts ist und bereits als Kind einigen Unfug getrieben hat. Dieser junge Mann heiratet ein junges Mädchen, dessen Geld es ihm ermöglicht, sich einen verfallenen Herrensitz mitsamt großzügigem Garten zu kaufen, auf dem er eine neue Villa nach seinen Vorstellungen errichten lässt. Das Glück der beiden wird durch eine alte Frau bedroht, die Flüche gegen sie ausstößt. Eines Tages fällt die junge Frau vom Pferd und stirbt. Man nimmt an, das Tier habe sich vor der Gestalt der Alten erschrocken und seine Reiterin abgeworfen. Der klare Aufbau der Geschichte lebt von der unheimlichen Atmosphäre und den bösen Vorahnungen, die der Leser hat. Alle Hintergründe sind vorhanden, jedoch bewegt sich der Plot im Rahmen des Möglichen und schweift nicht wie "Mord nach Maß" in die Sphären der Einbildung und Phantasie ab.



Der / die Täter handeln aus Überlegung, um ihre Pläne zu verwirklichen, bleiben dabei allerdings im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte. Während man Michael Rogers durchaus Träume zugestehen kann, fällt es schwer, ihm zu verzeihen, dass er geistig nicht nur labil, sondern offenbar schwer gestört ist. Die Parallelen, die sich zu anderen Kriminalfällen dieser Art ergeben (siehe: "Tod auf dem Nil", "Ein Toter spielt Klavier") werden durch die Vermittlung der Lösung geschwächt. Der Zuseher wünscht sich, dass am Ende eines ausgefeilten Mordplans die klugen Strategen hervortreten und man in einer Mischung aus Abscheu und Bewunderung über die einzelnen Bausteine nachdenkt, aus denen das Lügen- und Täuschungsgebäude des Verbrechens errichtet wurde. Es ist paradox, zunächst einen lange vorbereiteten Plan umzusetzen und dabei jede kleine Geste und jede Gefühlsregung zu kontrollieren, um dann im letzten Akt die Nerven zu verlieren und denjenigen Recht zu geben, die der Ansicht sind, jeder Mord käme ans Licht der Öffentlichkeit und werde durch eine Obrigkeit gesühnt. Es ist unverzeihlich, zu glauben, es käme einem Fortschritt gleich, wenn ein Kriminalfall sich nicht konventionell mit der Überführung, Verhaftung und Verurteilung des Täters auflöst, sondern, indem man alle seine Handlungen auf eine geistige Störung zurückführt und all sein Denken und seine wohlüberlegten Taten als Ausgeburt eines kranken Gehirns gelten. Den Beweis, dass es auch anders geht, liefert Greta Andersen, deren Handlungen von Gier und Machtdenken motiviert sind und deren Verstand jede Konsequenz durchdacht hat. Sie und Michael verbinden die selben Wünsche, doch sie ist die treibende Kraft, wenn es darum geht, sie zu verwirklichen. Sie ist eine Frau der Tat, er ein hoffnungsloser Träumer.


Zitat von Endless Night, Verlag Harper Collins, S. 276
Greta had known me for what I was the first moment we met. We'd never had any silly illusions about each other. She had the same kind of mind, the same kind of desires as I had. We wanted the World, nothing less! We wanted to be on top of the World. We wanted to fulfil every ambition. We wanted to have everything, deny ourselves nothing.


Die Darstellerleistungen überzeugen besonders in den tragenden Rollen. Die zarte, jedoch bodenständige Fenella (Ellie) wird von Hayley Mills (geb. 1946) mit liebenswerten Zügen bedacht; ihre Lebendigkeit, der Glaube an das Gute und die unverdorbene Leichtigkeit, mit der sie sich durch den Tag bewegt, machen ihren Tod umso bedauernswerter, da sie im Gegensatz zu Louise aus "Die Hausmeisterin", die an ein Leben in London und an der Riviera gewohnt war und nichts von Gartenarbeit verstand, sich nichts aus Hunden machte und die ihre Nachbarn langweilten durchaus tatkräftig und anpassungsfähig schien. Per Oscarsson (1927-2010) stattet den Architekten Santonix mit Eigenschaften aus, die ihn zur bewundernswertesten Figur des Films machen. Er ist sich seines baldigen Todes bewusst (im Gegensatz zu Ellie), doch klagt er nicht, noch versucht er, hysterisch nach einem Ausweg zu suchen. Er nimmt das Leben, wie es kommt und sorgt dafür, dass andere von seinem Schaffen profitieren und er dadurch in der Erinnerung der Menschen einen festen Platz behält. Der Schwede strahlt Ruhe und eine heitere Gelassenheit aus, was sicher auch in seinem Privatleben begründet war, dessen berufliche Höhen von Auszeiten als Hühnerzüchter und Laienprediger unterbrochen wurden und der gemeinsam mit seiner Ehefrau starb, als sein Haus bis auf die Grundmauern niederbrannte. Santonix und Michael sind Freunde, sie teilen die selben Visionen, wobei der Ältere diese nicht nur erträumt, sondern konkret umsetzt und dem jungen Mann damit einen Schritt voraus ist. Santonix ist außerdem fähig, zuzuhören und sich in den anderen hineinzuversetzen, Eigenschaften, die ihn zum stillen und leidenden Mitwisser der Geschehnisse werden lassen - sehr zu seinem Kummer.
Der walisische Schauspieler Hywel Bennett (geb. 1944) und die Schwedin Britt Ekland (geb. 1942) agieren als geheimes Gespann, das eine Idee verbindet, aber letztendlich nicht die selbe Ausdauer an den Tag legt. Sie entsprechen der Romanvorgabe und erfüllen die Erwartungen des Lesers. Inwiefern sich der Zuseher mit ihnen identifiziert, hängt von der jeweiligen Situation ab und hat wenig mit ihrem stets überzeugenden Spiel zu tun.



Die berauschende Musik von Bernard Herrmann, dessen große Erfolge "Vertigo" und "Psycho" in vielen Szenen des Films durchklingen, verleiht den Ereignissen Tragik. Was 1957 Gültigkeit hatte, lässt sich auch auf "Endless Night" anwenden:

Zitat von Acht Filme, zwei Autoren: Hitchcock und Herrmann, in: Alfred Hitchcock, Bertz Verlag 1999 Seite 157
Auf der Schwelle zwischen Realem und Irrealem hilft Herrmanns Partitur dem Film, eine eigene Welt zu erschaffen. (...) Eine Art Liebesmotiv, jedoch kein romantisches Thema der Erfüllung, eher des Mangels und der Sehnsucht, kommt ins Spiel.

Gubanov ( gelöscht )
Beiträge:

15.09.2013 21:12
#9 RE: Agatha Christie - Mord nach Maß / Endless Night (1972) Zitat · Antworten



Roman und Film im Kontext: „Mord nach Maß“

Die Besprechung enthält Spoiler.
Es ist wohl nicht übertrieben, wenn man sagt, dass der Film sich recht originalgetreu an die Buchvorlage hält. Der grundlegende Plot wurde fast unverändert übernommen, viele der Szenen sind bei der Lektüre des Buches gut wiederzuerkennen (bzw. umgekehrt). Im Gegensatz zu den hier im Thread geäußerten Meinungen, „Mord nach Maß“ sei gänzlich untypisch für Agatha Christie, finde ich den Stoff recht charakteristisch für die spätere Schaffensphase der Autorin in den 1960er und 1970er Jahren, die denjenigen, die sich wenig mit Christie befassen, einfach nicht so geläufig ist wie die üblichen Hercule-Poirot- und frühen Marple-Stoffe. Dies äußert sich vor allem darin, dass sich die Geschichte nicht so sehr um einen zentralen Mord dreht, der von einem professionellen Detektiv oder gar einem Polizisten aufgeklärt werden muss, sondern dass der Leser vor allem einer ernsthaften, düsteren Stimmung, die drohendes Unheil und latente Übersinnlichkeit ankündigt, ausgesetzt wird. Auch der Schauplatz, ein Landsitz mit unangenehmer Vorgeschichte, ist etwas, was man in jedem zweiten Christie-Roman findet.
Vergleiche lassen sich auch zu ganz konkret zu früheren Romanhandlungen ziehen. Am offensichtlichsten gerät die Tatsache, dass Christie ihre überraschendste Auflösung, mit der sie in den 1920er Jahren gleich in zwei Publikationen ihre Leser verblüffte, wiederverwandte: Sie entpuppte den Erzähler als Mörder. Hier ist es sicher nicht nötig, die beiden Titel zu nennen, auf die dieses Merkmal ebenfalls zutrifft. Weiterhin sind klare Gemeinsamkeiten mit „Das fehlende Glied in der Kette“ (der Streit zwischen den verbündeten Tätern, der es auf Außenstehende so wirken lässt, als könnten sie sich nicht ausstehen), „Tod auf dem Nil“ (grundlegend die gesamte Handlung: ein mittelloses Pärchen will zu Geld gelangen, indem der Mann eine reiche Erbin heiratet, die sie dann später umbringen), „Der Wachsblumenstrauß“ (ein angehimmelter Ort als Beweggrund für die Morde) und schließlich der von Percy Lister bereits erwähnten Kurzgeschichte „Die Hausmeisterin“ zu finden.

Mir fiel, als ich nach dem Film das Hörbuch hörte, auf, dass ich den enthusiastischen Meinungen der zeitgenössischen Kritiker, Christie habe hier eines ihrer besten Bücher und sicher den Höhepunkt ihrer letzten 20 Schriftstellerjahre geschaffen, ganz und gar nicht teilen kann. Tatsächlich halte ich die Vorlage, auch wenn sie sich hervorragend für diverse Interpretationen eignet, für eher mittelmäßig und würde dem Film eindeutig den Vorzug geben. Das hat mehrere Gründe:
1. Der Film baut verschiedene Szenen zum Wohl der Charaktere aus, kürzt andere aber zum Wohl der Dramatik ein. Letzteres trifft besonders auf das Finale zu, das sich bei Christie selbst in der gekürzten Hörbuchfassung arg in die Länge zieht und den Eindruck macht, als hätte Christie einfach nur noch Seiten füllen müssen. Dadurch bekommt man das Gefühl, die Auflösung erfolge im Buch zu zeitig, während der Film die Spannung länger hält und am Ende präzise auf den Punkt kommt.
2. Das Filmfinale wurde enorm eindrucksvoll eingefangen – eindrucksvoller noch als die Beschreibungen Christies, die zwar ungemein eindrucksvoll plotten konnte, aber sicher gerade in ihrer Spätphase nicht mehr die handwerklich beste Schriftstellerin war (man merkt es auch daran, dass es im Film weniger Längen gibt als im Buch). Christies Vorbehalte gegen die eine kurze Sexszene zeugen nicht nur von Borniertheit, sondern auch von einem schlechten Gedächtnis: Sie selbst hatte in dem Buch nichts anderes geschrieben, hatte Michael von Greta als „personifizierter Lust“ sprechen lassen.
3. Einige Charaktere wirken im Film runder als im Buch. Dies trifft sowohl auf die alte Mrs. Lee (im Film Miss Townsend) zu, die dadurch, dass sie zur Engländerin gemacht wird, an Stereotypen verliert und an Glaubwürdigkeit gewinnt. Das wirkt sich auch positiv auf den Fluch des Hauses aus, der nicht mehr nur einfach darauf liegt, weil es Zigeunerland ist und immer ein solches bleiben wird. Nicht zuletzt profitiert auch Greta von der Filmversion, die im Buch hauptsächlich als Klischee der bösen Deutschen erscheint. Britt Eklands Darstellung verdrängt diese Eindimensionalität zugunsten einer interessanten interkulturellen Komponente, weil Greta nun einen internationaleren, vor allem von osteuropäischen Einflüssen geprägten Eindruck hinterlässt.
4. Subtiler als das Buch vermittelt der Film mit der Einführung des Katzenmotivs die vage Idee, dass eine Frau hinter dem Verbrechen stecken muss. Christie ging in diesem Punkt wieder einmal simpler und plakativer vor, indem sie das einfach durch eine schriftliche Botschaft verkünden ließ.
5. Überflüssige Figuren wie z.B. Claudia Hardcastle wurden eliminiert.
6. Mir sagt die Idee zu, den Mord an der unheimlichen Frau im Film nicht aufzuklären. „Endless Night“ ist nichts anderes als die Schilderung eines Wahnsinnigen – da kommt der Einfall, dass er die Geschichte jedes Mal ein wenig variiert und stets hier und dort etwas weglässt, ungemein passend. Er bewirkt beim Publikum das Gefühl, nicht alles gehört und gesehen zu haben, was wirklich vorgefallen ist, was das Endergebnis unheimlicher, vielschichtiger und moderner macht.

Beiden Instanzen – dem Roman und der Verfilmung – muss man anlasten, dass sie von der kriminalistischen Warte her äußerst einfach gestrickt sind. Das betrifft nicht einmal in erster Linie die Tatsache, dass Christie erstaunlich Vieles bei sich selbst abschrieb, sondern schlicht und ergreifend den Umstand, dass man es kaum als Kriminalfall von Format bezeichnen kann, wenn ein Mann seine Frau für eine Liebhaberin umbringt und nach dem letzten Verbrechen einfach sitzenbleibt, bis man ihn fasst. Deshalb sollte man in „Endless Night“ die Schwerpunkte weniger auf den Kriminalfall als vielmehr auf die brodelnde Stimmung und die hervorragend herausgearbeiteten Charaktere setzen.

Prisma Offline




Beiträge: 7.567

16.09.2013 09:47
#10 RE: Agatha Christie - Mord nach Maß / Endless Night (1972) Zitat · Antworten

Wow, der Thread fängt ja richtig Feuer! Percy Lister und Gubanov danke ich für die ausgezeichneten Beiträge, ihr habt viel Zusätzliches unter die Lupe genommen und andere Blickwinkel präsentiert! Dadurch habe ich nochmal richtig Lust bekommen, mir den Film erneut anzusehen und danach werde ich mich nochmal ausführlicher zu Wort melden.

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