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Dieses Thema hat 2 Antworten
und wurde 3.165 mal aufgerufen
 Off-Topic
Peter Offline




Beiträge: 2.845

24.03.2013 19:09
Der Tod von Oskar Werner 1984 in Marburg Zitat · Antworten

Hallo zusammen,
da wir Hessen nicht davon ausgehen können, dass ein ganz bestimmtes Buchkapitel außerhalb Hessens seine interessierte Leserschaft gefunden hat, soll die folgende - gleichermaßen menschlich traurige wie filmgeschichtlich wertvolle - kleine Geschichte an dieser Stelle in wortgetreuem Zitat weitergegeben werden.
Viele (meist etwas reifere) Filminteressierte haben mitbekommen, dass Oskar Werners Leben nach Weltruhm und danach stetigem, jahrelangem künstlerischen und gesundheitlichen Abstieg vor nunmehr fast 30 Jahren traurig endete. Details über die genaueren Todesumstände waren und sind aber selten zu finden. Der einzige deutschsprachige Filmstar, der sich zeitlebens außerhalb des deutschen Films bewegte und in seinen letzten Jahren auch in seiner eigentlichen Heimat, dem Klassiker-Theater, immer seltener Betätigung fand, verschwand einfach - und das in der Mitte Deutschlands.
Im 2003 erschienenen Sammelband "Hessen vergessen" wird versucht, Erinnerungen wachzuhalten und wiederzubeleben an verschiedenste "Orte ohne Erinnerung", an welchen bedeutsames passierte, ohne sichtbare Spuren zu hinterlassen. Für ein kurzes Gedenken ohne Sensationslust. Im Falle eines Marburger Hotelzimmers versuchen wir erinnern zu helfen...

"Sein oder Nichtsein - Oskar Werners Tod in Marburg"
von Hadwiga Fertsch-Röver:
"Oskar Werner spielt nicht Hamlet. Oskar Werner IST Hamlet", jubelte die Presse, als der Wiener Schauspieler zum ersten Mal die Rolle des melancholischen Prinzen gab. Das war 1953 in Frankfurt am Main. Der Bühnen- und Filmschauspieler Oskar Werner, mit bürgerlichem Namen Oskar Josef Bschließmayer, stand im Zenit seiner Karriere. Sie endete drei Jahrezehnte später wenig ruhmreich, nur 100 km nördlich von Frankfurt. In der Nacht vom 23. auf den 24. Oktober 1984 starb Oskar Werner in einem Hotelzimmer in Marburg, physisch und psychisch zerstört vom Alkoholmissbrauch. Zuvor hatte man die Lesung, zu der ihn das Theater der Lahnstadt eingeladen hatte, abgesagt. Nur zehn Karten für den Rezitationsabend mit Gedichten gegen den Krieg waren verkauft worden.
Der Empfangschef des Europäischen Hofs in Marburg, Wolfgang Unger, war erschüttert, als der berühmte Schauspieler im Hotel eintraf. Wie die meisten kannte er den Schauspieler von der Leinwand, als Jules in Truffauts "Jules und Jim" und Feuerwehrmann Montag in "Fahrenheit 451", als Studenten in Max Ophüls´ "Lola Montez", als idealistischen Kriegsgefangenen in Anatole Litvaks "Entscheidung vor Morgengrauen", als Wehrmachts-Hauptmann in G.W. Pabsts düsterem Führerbunker-Endzeitdrama "Der letzte Akt" oder als herzkranken Schiffsarzt in Stanley Kramers "Das Narrenschiff". Der nun fast 62-jährige Oskar Werner habe körperlich sehr erschöpft gewirkt, sein Gesicht sei vom Alkohol gezeichnet gewesen, berichtet der Hotelangestellte. "Seine Augen aber", erinnert sich Unger, "seine Augen haben immer noch gewirkt".
Der Europäische Hof in der Elisabethstraße unweit des Bahnhofs ist eine gute Adresse in Marburg. Oskar Werner bezog das Zimmer 208 im ersten Stock. Keine Fürstensuite, aber gediegene Atmosphäre auf etwa 15 qm. Die Einrichtung ist heute noch die gleiche wie im Oktober 1984. Die Wände holzgetäfelt, zwei schmale Betten an der Längsseite, ein Tischchen am Fenster, zwei Stühle, ein kleiner Fernsehapparat. Das Badezimmer in den damaligen Modefarben braun-orange gekachelt. Vom Fenster dort kann man einen Blick auf die Turmspitze der nahe gelegenen Elisabethenkirche erhaschen. Nur selten kommen heute noch Fans des Schauspielers, berichtet der Empfanschef, die so "geschmacklos" seien, das Zimmer sehen zu wollen, wo der legendäre Schauspieler starb. Von seinem Aufenthalt und Tod gibt es heute keinerlei Zeugnisse. Einen Meldezettel mussten im Europäischen Hof Berühmtheiten wie Oskar Werner nicht ausfüllen. Und um einen Eintrag ins Gästebuch des Hotels bat man üblicherweise erst bei Abreise. Keine Tafel erinnert an die letzte Station einer der charismatischsten Bühnen- und Leinwandfiguren des 20. Jahrhunderts. Ob aus Respekt, aus Pietät, Scham oder Angst vor negativem Image: ein Hotel wirbt nicht mit dem Tod eines Gastes.
Was der Schauspieler am Nachmittag und Abend vor seinem Tod gemacht hat, kann der damalige diensttuende Empfangschef nur vermuten. Das Hotel hatte strikte Anweisung, Alkoholika außer Reichweite zu halten. Wahrscheinlich aber habe er sich "so einen kleinen Kasten Underberg" bei einem der Imbisse in der Nähe des Hotels besorgt. Wolfgang Unger war vermutlich eine der letzten Personen, die Oskar Werner lebend gesehen haben. Außer mit seiner persönlichen Begleiterin habe er mit niemandem gesprochen. Lediglich an zwei, vielleicht auch drei Telefonate erinnert sich der Hotelmitarbeiter. Bei einem dieser Anrufe muss es um die Absage der Lesung gegangen sein, vermutet Ulrich Erdmann, damals am Marburger Schauspiel Dramaturg und Regieassistent. Die Absage sei in "beiderseitigen Einvernehmen" erfolgt, bezeugt ein Brief von Friedrich Kaup, einem Freund und früheren Kollegen Oskar Werners, der in dieser Saison am Marburger Schauspiel spielte. Der Intendant Franz Josef Dörner war in diesen Tagen nicht in der Stadt. Er habe sich im Nachhinein Vowürfe gemacht, dass man Oskar Werner trotz des schlechten Vorverkaufs die Reise von Wien nach Marburg überhaupt antreten ließ, erinnert sich Erdmann. Dörner lebt nicht mehr, mit Sicherheit wusste er, wie es um den einstigen Star der deutschsprachigen Theaterszene stand und hatte von den verpatzten Auftritten, seinen gescheiterten Projekten und seinem zunehmenden Realitätsverlust gelesen und gehört. Über den geplatzten Rezitationsabend mit Oskar Werner finden wir in den Annalen des Marburger Schauspiel nichts. "Es sollte kein dummes Gerede geben", mutmaßt heute Ulrich Erdmann, der den prominenten Gast im Auftrag des Theaters am Bahnhof abgeholt hatte. Viel habe Oskar Werner nicht mit ihm gesprochen, schließlich war er in den Augen des einstigen Stars ja auch nur der Regieassistent. Doch wenn er nur den Mund aufmachte, schwärmt der heutige Übersetzer und Literaturwissenschaftler, selbst in den wenigen Sätzen, die der körperlich und psychisch schwer Angegriffene mit ihm sprach, sei die Brillanz des Genies der Bühne immer noch präsent gewesen.
Als im Jahr 2002 Wien und München den 80. Geburtstag des Oskar Werner mit einer großen Ausstellung feierten, fand sein trauriger Tod in Marburg nur am Rande eine Erwähnung. In Erinnerung bleibt heute der Mythos des genialischen hochsensiblen und hochintelligenten Schauspielers. Sein Jahrhundert überdauern werden seine Filme und seine Stimme, verewigt auf zahllosen Platten und CDs mit Gedicht-Rezitationen von Rilke, Goethe, Mörike, Heine und dem Monolog von Hamlet, dem er sich wie ein Zwillingsbruder verwandt gefühlt haben soll. So werden seine Bewunderer Oskar Werner im Gedächtnis behalten und nicht als den verzweifelten, einsamen Mann, als der er in Marburg an der Lahn starb. "Der Rest ist Schweigen".

Peter Offline




Beiträge: 2.845

13.05.2016 21:56
#2 RE: Der Tod von Oskar Werner 1984 in Marburg Zitat · Antworten













Cora Ann Milton Offline



Beiträge: 5.110

14.05.2016 09:35
#3 RE: Der Tod von Oskar Werner 1984 in Marburg Zitat · Antworten

Alles gaben Götter, die unendlichen,
Ihren Lieblingen ganz,
Alle Freuden, die unendlichen,
Alle Schmerzen, die unendlichen, ganz.


(Johann Wolfgang von Goethe)





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