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Dieses Thema hat 23 Antworten
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 Film- und Fernsehklassiker national
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Gubanov Online




Beiträge: 15.573

25.03.2017 15:55
#16 RE: Krieg, Kameradschaft, Katastrophen Zitat · antworten



Die große Liebe

Romanze, D 1941/42. Regie: Rolf Hansen. Drehbuch: Peter Groll, Rolf Hansen (Idee: Alexander Lernet-Holenia). Mit: Zarah Leander (Hanna Holberg), Viktor Staal (Oberleutnant Paul Wendlandt), Paul Hörbiger (Alexander Rudnitzky), Grethe Weiser (Käthe), Hans Schwarz jr. (Alfred Vanloo), Wolfgang Preiss (Oberleutnant von Etzdorf), Leopold von Ledebur (Herr Westphal), Julia Serda (Frau Westphal), Victor Janson (Theaterdirektor Mocelli), Agnes Windeck (Hannas Mutter) u.a. Uraufführung: 12. Juni 1942. Eine Produktion der Ufa-Filmkunst für die Deutsche Filmvertriebs-GmbH Berlin.

Zitat von Die große Liebe
Auf kurzem Heimaturlaub in Berlin lernt Fliegerleutnant Paul Wendlandt die Sängerin Hanna Holberg kennen und trotz der widrigen Umstände der von Luftschutzalarm unterbrochenen Nacht lieben. Weil Paul Hanna nicht beunruhigen möchte, gibt er seinen Beruf zunächst nicht preis. Obwohl Hanna enttäuscht von Pauls plötzlichem Verschwinden ist, muss sie doch ihre Liebe zu dem Mann eingestehen, den sie kaum kennt und der ihr noch so manche bange Stunde bereiten wird ...


Die Unmöglichkeit einer erfüllten Liebe im Krieg verdeutlicht Rolf Hansens Melodram, das aus unverständlichen Gründen auch dem heutigen Publikum noch bevormundend als Propagandafilm mit FSK-18-Freigabe und mit vorbereitender Einleitung für Zartbesaitete präsentiert wird. Gleichwohl dürfte die Anzahl der Zuschauer, die persönliches Glück nach der Sichtung der Leander’schen Passion bereitwillig hinter die Verpflichtungen eines staatlich aufoktroyierten Angriffskriegs zurückstellen, schon immer recht gering und die Funktion des Films hauptsächlich eine mit Herzschmerz und Hoffnung aufmunternde gewesen sein. Seine ungewöhnliche Natur macht sich allein schon in den authentischen Alltagsschilderungen bemerkbar, die die sonstige Kaschierung des Kriegsgeschehens im deutschen Unterhaltungsfilm vermissen lässt. Die stattdessen auf Goebbels’ Wunsch angestrebte Verquickung des Liebesdramas mit tagesaktuellen Geschehnissen wirkt zunächst ungewöhnlich – bis man sich vor Augen führt, dass sie die Realität des Kriegsalltags deutlich besser vor Augen führt als das Gros der verharmlosenden Ablenkungsfilme, denen der Vorwurf der Geschichtsverzerrung viel eher gemacht werden müsste.

So benutzt Viktor Staals strahlender Luftwaffenmilitär die Gelegenheit, einige Stunden mit Zarah Leanders Operettensängerin im Luftschutzkeller eingesperrt zu sein, ganz pragmatisch als Flirtgelegenheit – diese Nacht, unter normalen Umständen der Inbegriff des zitternden Ausharrens und der mit ungeliebten Nachbarn geteilten Klaustrophobie, wird auf absehbare Zeit die schönste und unbeschwerteste des frisch gebackenen Paars bleiben. Schon aufgrund seiner Genrezugehörigkeit hauptsächlich an ein weibliches Publikum gerichtet, predigt „Die große Liebe“ folglich die Genügsamkeit und das Zurückstehen des Eigeninteresses hinter dem staatlichen – eine Herausforderung, der der Mann sich bereits vollends verschrieben hat, während die Frau noch Schwierigkeiten darin erkennt, ihre Gefühle zugunsten einer wichtigeren, „höheren“ Sache hintanstehen zu lassen.



Die kriegsbedingt erzwungene Sprunghaftigkeit der Beziehung wird zur Marter für die so herrlich kamerawirksam leidende Leander, lässt aber auch die Frage aufkeimen, ob das, was dem Zuschauer als „große Liebe“ verkauft werden soll, tatsächlich mehr als ein flüchtiges Abenteuer ist, dessen Bedeutung die beiden Partner nur aufgrund der widrigen Umstände überbewerten. In der Retrospektive erinnert der Film an die zahlreichen überhastet vor dem Fronteinsatz der Soldaten geschlossenen Kriegsehen, die oft – wenn der Mann überhaupt zurückkehrte – nicht mit besonderer Erfüllung verbunden waren, sondern als spezielle Form des Zweckbündnisses die Funktion hatten, das Durchhaltevermögen der Frauen vor Ort und der Männer im Einsatz zu steigern sowie bei den kurzen Intermezzi auf Heimaturlaub für Nachwuchs zu sorgen. Auch in „Die große Liebe“ gibt es in dieser Hinsicht schon am Ende des ersten Tages eine sehr eindeutige Szenenfolge, die eine gemeinsame Nacht mit allen Konsequenzen impliziert.

Wie schnell sich der geschichtliche Kontext der Liebe zwischen Hanna und Paul änderte, macht der Schluss des Films deutlich. Während überzeugte Nazis zum Drehzeitpunkt von einem Sieg fest ausgingen und die öffentliche Meinung in die entsprechende Richtung gelenkt hatten, stellte sich die Ostfront bald als Todesfalle für die Mehrzahl der dort eingesetzten Soldaten heraus. Die zusätzliche historische Kenntnis späterer Generationen fehlt den Protagonisten des Films, die – wenn es sich um einen echten Propagandafilm handeln soll – ebenfalls stark von einem fürs Dritte Reich positiven Ausgang des Kriegsgeschehens und damit auch einem Happy End füreinander ausgegangen sein müssen. Liedtexte wie „Davon geht die Welt nicht unter“ oder „Ich weiß, es wird einmal ein Wunder gescheh’n“ bezeugen diesen Zweckoptimismus, erscheinen aber vor dem Hintergrund der Tatsache, dass ihr Autor Bruno Balz sie wegen seiner Homosexualität in Gestapo-Haft schrieb, in einem zusätzlich ambivalenten Licht.

Wo der Staat totalitär und der Krieg allgegenwärtig ist, bleibt für so etwas Privates wie die Liebe nicht der gebührende Raum. Zarah Leander, Viktor Staal und Rolf Hansen erfüllen diese Binsenweisheit mit Leben und Lebenssehnsucht und einer Zeit des ritualisierten Totenkults. Authentischere, wenn auch noch immer stilisierte Kriegsrealitäten bilden einen für eine Romanze ungewöhnlichen, für die unruhige Zeit zwischen 1939 und 1945 aber durchaus realistischen Hintergrund. 4 von 5 Punkten.

Ray Offline



Beiträge: 1.099

28.03.2017 21:52
#17 RE: Krieg, Kameradschaft, Katastrophen Zitat · antworten

Spion für Deutschland (BRD 1956)

Regie: Werner Klingler

Darsteller: Martin Held, Nadja Tiller, Walter Giller, Heinz Drache, Viktor Staal, Gustav Knuth, Günther Pfitzmann, Werner Peters, Claude Farell, Stanislav Ledinek u.a.



Spion Erich Gimpel wird 1944 in die USA geschickt, um einen höchst gefährlichen Spionageauftrag auszuführen: er soll herausfinden, wie weit die Vereinigten Staaten mit ihren Forschungen in Bezug auf Atombomben sind. Begleitet wird er von einem Überläufer, der jedoch mehr Risikofaktor denn Hilfe darstellt...

Herbert Reinecker schrieb auf Grundlage eines Tatsachenberichts das Drehbuch zu diesem Kriminalfilm aus den 1950er-Jahren. Obschon er nicht durchgängig die Spannung hochhalten kann, ist der Film für diejenigen, die Interesse an derartigen historischen Stoffen und/oder am Kriminalfilm der 1950er haben, zu empfehlen. Vergleichsweise kurz nach Kriegsende wird hier eine angenehm objektive Darstellung der Geschehnisse präsentiert. Gimpel wird weder als Nazi noch als Widerstandskämpfer dargestellt, sondern als jemand, der sich mit seiner Rolle abgefunden hat und den Auftrag der Herausforderung wegen annimmt. Martin Held gelingt dabei eine glaubhafte Verkörperung und wird der nicht immer einfachen Rolle (da kein astreiner Sympathieträger) in jedem Moment gerecht. Daneben schlägt sich auch Walter Giller erstaunlich wacker.

Die Romanze zwischen Held und Tiller wäre wohl nicht unbedingt nötig gewesen und kommt ein wenig überfallartig daher, aufgrund der guten Chemie der beiden tut dies der Qualität jedoch keinen Abbruch. Im Gegenteil, der (vorhersehbare) Versuch, die Geschichte Richtung Finale noch emotionaler zu gestalten und den Zuschauer vielleicht doch auf Gimpels Seite zu ziehen, gelingt. Ansonsten sieht man einige künftige Wallace-Stars in kleineren Rollen, wobei insbesondere Werner Peters´ Darbietung in Erinnerung bleibt, weil er hier mal eine sympathische Figur mimt.

Einen gewissen Mehrwert erreicht die Produktion schließlich durch Original-Aufnahmen aus Boston und New York, ein Umstand, der in einer ein deutschen Produktion sicher eine besondere Erwähnung wert ist.

Der Film ist bei Filmjuwelen auf DVD erschienen. Bild- und Tonqualität sind in Ordnung, ansonsten gibt es die für das Label übliche Ausstattung.


Trotz leichter Spannungshänger interessantes Zeitdokument, welches durch starke Akteure und stimmungsvolle Aufnahmen an Originalschauplätzen punktet. 4 von 5 Punkten.

Gubanov Online




Beiträge: 15.573

10.09.2017 14:00
#18 RE: Krieg, Kameradschaft, Katastrophen Zitat · antworten

Das Babylon-Kino am Berliner Rosa-Luxemburg-Platz zeigt momentan im Rahmen seiner Retrospektive „100 Jahre Ufa“ verschiedene Filme aus der Zeit des Dritten Reichs, darunter einige Propaganda- und Vorbehaltsfilme. Nachdem am Montag „Stukas“ im Programm war (habe ich leider verpasst), lief am Mittwoch auch der Karl-Ritter-Folgefilm „Besatzung Dora“ mit einer Einführung von Filmhistoriker Friedemann Beyer.



Besatzung Dora

Kriegsfilm, D 1942/43. Regie und Drehbuch: Karl Ritter. Mit: Hannes Stelzer (Leutnant Joachim Krane), Hubert Kiurina (Leutnant Franz von Borcke), Josef Dahmen (Feldwebel Otto Roggenkamp), Georg Thomalla (Unteroffizier Fritz Mott), Ernst von Klipstein (Hauptmann Kurt Gillhausen), Clemens Hasse (Oberleutnant Erich Krumbhaar), Helmut Schabrich (Oberleutnant Semmler), Wolfgang Preiss (Stabsarzt der Reserve Dr. Wagner), Suse Graf (Dr. med. Marianne Güldner), Charlott Daudert (Mathilde Kronschnabel, genannt „Cora Corona“) u.a. Aufführungsverbot: November 1943. Eine Produktion der Ufa-Filmkunst GmbH für die Deutsche Filmvertriebs-GmbH.

Zitat von Besatzung Dora
Krane, Borcke, Roggenkamp und Mott sind die Besatzung des Aufklärungsflugzeugs Dora, das an allen Fronten des deutschen Kriegsgeschehens Luftbilder zu Überwachungs- und Verteidigungszwecken schießt. Nach einer Erkundung über der Irischen See gerät Feldwebel Roggenkamps Leben in einen plötzlichen Sturzflug, als seine Verlobte im letzten Moment ihre Einwilligung zur Ferntrauung zurückzieht. Weil sowohl die Dora als auch Roggenkamps Seele geflickt werden müssen, erhalten die Soldaten acht Tage Heimaturlaub in Berlin. Ergebnis dieser schönen Zeit sind allerdings weitere romantische Verwicklungen, die die Männer gegeneinander aufbringen. Erst an der gefährlichen Ostfront und unter der glühenden Sonne Nordafrikas können sie wieder ihre Kameradschaftlichkeit unter Beweis stellen ...


Link zum Filmprogramm | Artikel zu „Besatzung Dora“ | Babylon-Kino Berlin: 100 Jahre Ufa

Den bittersüßen Kontrast zwischen den gefährlichen Einsätzen an der Front und dem befreienden Gefühl eines Heimaturlaubs zeichnet „Besatzung Dora“ in aller Deutlichkeit nach. Auch wenn den militärischen Verpflichtungen der Flugaufklärer eher der Charakter eines großen Abenteuerspiels innewohnt, so sehnen sie sich doch nach ihrem Zuhause, nach ihren Liebschaften und ihren Zukunftsträumen, die sie für Zeiten, in denen einst Frieden herrschen wird, zurechtgelegt haben. Diese menschlich nachvollziehbaren Wünsche machen „Besatzung Dora“ zu einem eher harmlosen Beispiel eines Propagandafilms, dessen Wirkung man in Bezug auf die Integrität der Flieger nicht unterschätzen sollte, der aber zugleich nirgends in der Nähe einer wirklich hinterlistigen, verleumderischen Hetze steht, wie man sie aus den ganz üblen Elaboraten des Dritten Reichs kennt.

Stattdessen setzt Karl Ritter auf eine leicht verdauliche Mischung aus Schwank, Romanze und Kriegsfilm. Auf der einen Seite ist der Aufwand zu erkennen, mit dem „Besatzung Dora“ eben nicht in den Babelsberger Studios, sondern dicht hinter den jeweiligen Truppen, z.B. nur etwa 100 Kilometer hinter der Frontlinie in der Sowjetunion gedreht wurde. Allein daraus und aus den anderen genannten Schauplätzen ergibt sich jedoch ein historisches Problem für Ritters letzten großen Propagandafilm: Weil Nachbearbeitung und Schnitt umständehalber lange dauern und die Wehrmacht Anfang und Mitte 1943 empfindliche Rückschläge sowohl im Osten als auch in Nordafrika erleidet, wirkt der Film zum Zeitpunkt seiner Fertigstellung bereits wieder derart veraltet, dass er dem Publikum nicht ernsthaft angeboten werden kann, ohne in Erklärungsnöte zu geraten. Dass die Helden nach einem atemberaubenden Finale in der flirrenden Hitze der Sahara von faschistischen italienischen Soldaten gerettet wurden, war nach Mussolinis Sturz im Juli 1943 ebenfalls unrealistisch geworden. Das Resultat ist ein Kuriosum der Geschichte: ein Propagandafilm, der vom Propagandaminister verboten wurde.

Einen großen Teil nehmen – ungewöhnlich für militärische Filme – die weiblichen Rollen ein, die den Soldaten in elaboraten Über-Kreuz-Konstellationen zugeführt werden. Stellenweise fast an eine Verwechslungsschmonzette erinnernd, findet der Eine das Glück mit der Braut des Anderen und löst sich am Ende trotzdem alles in Wohlgefallen auf. Josef Dahmen und Georg Thomalla sowie ihre Pendants Carsta Löck und Charlott Daudert sind eher auf der leichtmütigen Seite des Gefühlsspektrums angesiedelt, während mit Hannes Stelzer und Hubert Kiurina zwei ausgewachsene Heldentypen um die Gunst der schönen Krankengymnastin Dr. Marianne Güldner (Suse Graf) konkurrieren. Den Edelmut der beiden Leutnants macht die Produktion nicht nur in ihrer vorbildlichen Dienstausführung sichtbar, sondern schließlich auch in ihrem Verzicht auf die Herzensdame, um weiterhin ungestört Kriegseinsätze fliegen zu können.

Mit seiner Boulevardisierung der Propaganda machte sich Karl Ritter bei offiziellen Stellen ebenso wenig Freunde wie mit seinem ausschweifenden Lebensstil, den die Ufa mitzutragen hatte. Trotz verschiedener Umarbeitungen und der Engelszungen von Emmy Göring, den Film doch noch zuzulassen (Hauptdarsteller Kiurina war mit ihrer Nichte verheiratet), erfolgte das Aufführungsverbot im November 1943. „Besatzung Dora“ wurde während der NS-Zeit nie öffentlich gezeigt; nur Luftwaffe-Piloten bekamen den Film zu Schulungszwecken 1945 hinter verschlossenen Türen zu sehen.

Zitat von Rainer Rother. „Hier erhielt der Gedanke eine feste Form“: Karl Ritters Regie-Karriere im Nationalsozialismus. In: Hans-Michael Bock, Michael Töteberg (Hrsg.). Das Ufa-Buch. Frankfurt / Main: Zweitausendeins, 1992. S. 426f
[D]er starrsinnige Ritter [versäumt] auch angesichts der sich verschlechternden Kriegslage die nun erwünschte Umorientierung. [... I]n Briefen an seinen Biografen Hagemann [...] stilisiert [Ritter] sich zum Opfer von Goebbels, der Besatzung Dora einen nicht nationalsozialistischen Film genannt habe – „angesichts der großen, z.T. gefahrvollen und langwierigen Arbeit (ein Film ohne Atelier!) war diese Kritik überaus deprimierend. Das Verbot von Besatzung Dora leitete die bis zur Katastrophe anhaltende Ungnade Goebbels’ gegenüber KR ein“. So Ritter noch 1971 – unbelehrt hält er an dem Ausdruck „Katastrophe“ fest, unbelehrbar sieht der bornierte Täter sich als Opfer des geschmeidigeren Propagandaministers. Der aber hat Ritters Schwächen als Regisseur durchaus erkannt; Ritter eigne sich nicht „für feine psychologische Zeichnung. Er ist mehr für deftige Dialoge“ – ein Eindruck, der sich beim Lesen der Briefe Ritters an Hagemann bestätigt.


Die Luftwaffe als Spielplatz für wagemutige große Jungen gerät gegenüber den Romanzen, die sich die Herren von der Flugaufklärung erlauben, fast schon in die zweite Reihe. Psychologisch hätte diese Vermenschlichung der Soldaten mit ihren Besuchen in Berliner Dachcafés und sonntäglichen Törns auf dem Wannsee damals gut im Sinne der Propaganda funktionieren können, wenn die Zeit nicht dankenswerterweise gegen das NS-Militär und damit gegen „Besatzung Dora“ gearbeitet hätte. 4 von 5 Punkten.

Ray Offline



Beiträge: 1.099

17.04.2018 23:15
#19 RE: Krieg, Kameradschaft, Katastrophen Zitat · antworten

Der Fuchs von Paris (BRD 1957)

Regie: Paul May

Darsteller: Hardy Krüger, Martin Held, Marianne Koch, Peter Mosbacher, Viktor Staal, Paul Hartmann, Reinhard Kolldehoff, Wolfgang Völz, Michel Auclair u.a.



Frankreich 1944, unmittelbar vor Landung der Alliierten in der Normandie: Um ein sinnloses Blutvergießen zu vermeiden, beschließen Oberst Quade und Generaloberst von der Heinitz, den Briten Verteidigungspläne zukommen zu lassen. Quades Neffe Fürstenwerth, der kurz zuvor in Paris eingetroffen ist und sich in die Französin Yvonne, die einer Widerstandsbewegung angehört, verliebt hat, soll ihr – wie ihm entgegen der Wahrheit mitgeteilt wird – gefälschte Dokumente übrgeben. Was Fürstenwerth nicht weiß: er wird schon länger von der Gestapo beobachtet...

Wie schon für den ein Jahr zuvor entstandenen „Spion für Deutschland“ erschuf Herbert Reinecker eine spannende Spionage-Geschichte, die in die Endphase des Zweiten Weltkriegs verlegt wird. Hardy Krüger wird in seinem naiven Vertrauen in seinen Verwandten Quade, gespielt von Martin Held, zum Sündenbock. Seine Mission, die Weiterleitung der echten Verteidigungspläne, ist schon aus dramaturgischen Gründen im Grunde zum Scheitern verurteilt. Entweder wird er gegenüber den Widerstandskämpfern auffliegen oder aber von den deutschen Kräften, die insbesondere in Form von dem stark agierenden Reinhard Kolldehoff und Wolfgang Völz repräsentiert werden, entlarvt werden. So viel scheint schnell klar zu sein.

Das erste Drittel kreiert eine vielversprechende Ausgangslage, das Ende ist in seiner Konsequenz absolut stimmig, dazwischen fehlt es der Inszenierung Paul Mays leider mitunter an Stringenz. U.a. zugunsten der in ihrer Entstehung etwas konstruierten Romanze zwischen Krüger und Koch geht das Tempo ein wenig verloren. In diesem zweiten Drittel hat der Film daher Längen. Immerhin kann sich der Film auch in diesen Phasen auf sein gutes Spiel durch die darstellenden Akteure, insbesondere den souveränen Martin Held, verlassen, weswegen „Der Fuchs von Paris“ insgesamt allemal sehenswert bleibt.


Spionagekrimi mit starkem ersten und dritten Drittel, dafür Durchhänger im zweiten. Die gute Darstellerriege um Held, Krüger, Koch und Kolldehoff lässt über Längen im Mittelteil ein Stück weit hinwegsehen. 4 von 5 Punkten.

Gubanov Online




Beiträge: 15.573

02.09.2018 14:15
#20 RE: Krieg, Kameradschaft, Katastrophen Zitat · antworten



In jenen Tagen (Geschichten eines Autos)

Episodisches Drama, D-West 1946/47. Regie: Helmut Käutner. Drehbuch: Helmut Käutner, Ernst Schnabel. Mit: Erich Schellow (Karl), Gert Schäfer (Willi), Winnie Markus (Sybille), Karl John (Peter Kaiser), Alice Treff (Elisabeth Buschenhagen), Hans Nielsen (Wolfgang Grunelius), Willy Maertens (Wilhelm Bienert), Ida Ehre (Frau S. Bienert), Erica Balqué (Dorothea Wieland), Evi Gotthardt (Ruth), Hermann Speelmans (August Hintze), Fritz Wagner (Leutnant), Isa Vermehren (Erna), Margarete Haagen (Baronin von Thorn), Carl Raddatz (Josef), Bettina Moissi (Marie) u.a. Uraufführung: 13. Juni 1947. Eine Produktion der Camera-Filmproduktion Hamburg für den Britischen Atlas-Filmverleih Hamburg.

Zitat von In jenen Tagen
Zwei Lebenskünstler schlachten nach dem Krieg das Wrack eines Autos aus, das sie zwischen den Ruinen finden. Während die Männer wertvolle Materialteile sichern und dabei existenzielle Fragen erörtern, wirft der Zuschauer einen Blick auf die wechselvolle Geschichte des Autos und seiner früheren Besitzer – vom Monat seiner Produktion, der zugleich der Monat der Machtergreifung Hitlers war, über Episoden im zunehmend gefährlichen Nazideutschland bis hin zum Kriegseinsatz des Wagens. Welche Freude, welches Leid, welche Risiken haben Fahrer und Beifahrer erlebt und doch nicht immer überlebt?


Keinen Film vom Schlachtfeld oder den grünen Tischen brauner Machtpolitik drehte Helmut Käutner mit „In jenen Tagen“, sondern eine Geschichte aufrüttelnder Menschenschicksale, in denen die Zivilgesellschaft in einem humanen Fokus steht und Zeitgeschehnisse nur bittere Rahmungen sind, innerhalb derer sich Leben und Lieben, Glück und Pech abspielt. Die Vermenschlichung (dabei aber keinesfalls die Klitterung) der letzten zwölf Jahre macht in diesem ersten Nachkriegsfilm aus der britischen Besatzungszone selbst vor einem Gebrauchsgegenstand wie einem Auto nicht halt, gibt ihm eine reflektierte Stimme – die des Regisseurs –, um seine Erfahrungen mit dem angeblich „tausendjährigen Reich“ preiszugeben, und rückt die mit Machtergreifung, Gleichschaltung und Krieg verbundenen Ereignisse in verdauliche, überschaubar lebensgroße Relationen. Auch wenn Käutners Film deshalb oft etwas schwülstig wirkt und die Off-Monologe des Autos manchmal über das Ziel des einfühlsamen Philosophierens in einen eher pathetischen Bereich hinausschießen, ist es letztlich angenehm, auch einmal einen NS-Verarbeitungsfilm zu sehen, der nicht aus vollen Rohren gegen (Mit-)Täter schießt, sondern ohne Vergeltungsgefühle ausschließlich den Opfern einen aufmerksamen Blick widmet.

Genaugenommen sind es sieben Blicke, sieben kurze Geschichten, die ausgewählte Lebensepisoden aus den Jahren 1933 bis 1945 illustrieren. Was die Besitzer des Wagens erleben, beginnt oft im betulich Privaten, in das der Zeitkontext dann unvermittelt eine zynische Wendung hineinwirft. Das Auto sieht manche Liebe am Politischen zerbrechen oder erstarken, doch oft erscheint das Persönliche – in Relation zu den nur fragmenthaft enthüllten gesellschaftlichen Umwälzungen oder militärischen Pflichten gesetzt – letztlich nur wie eine Nebensächlichkeit, ein Bauernopfer.

Zitat von Falk Schwarz: Sieben Mal Schicksal, „In jenen Tagen“ auf Filmportal.de, 30. August 2014, Quelle
Dabei ist es der Trick Käutners, dass der Wagen nur eine sehr begrenzte Perspektive hat: Vieles erzählt er nicht, weil er es nicht weiß, und der Zuschauer muss es sich selbst zusammenreimen. Käutner lässt die Fantasie der Zuschauer mitspielen. Stärkste Episode ist die Geschichte des Ehepaares Bienert, einer Mischehe, in der Frau Bienert (Ida Ehre) ihrem Mann anbietet, sich scheiden zu lassen, damit er sein Geschäft weiterführen kann. Er weigert sich und als sie die Reichskristallnacht hautnah im Auto erleben, beschließen sie, nicht mehr [leben zu wollen].




Ida Ehre verleiht ihrer schwierigen Rolle im Zwielicht der Nacht eine rätselhafte Aura im Spannungsfeld zwischen Kampfeslust und Selbstaufgabe. Weitere schauspielerische Höhepunkte sind in der Episode um den Komponisten Wolfgang Grunelius zu finden, die sich von einem stillen Ehebruch-Drama in ein Plädoyer gegen das Verbot entarteter Kunst verwandelt. Hans Nielsen und Alice Treff sowie die junge Gisela Tantau umschleichen einander hier in fast traumgleicher Entrückung, sodass der zeitpolitische Knall, der die Künstlerseelen wieder auf den Boden der Tatsachen zurückholt, fast wie eine Bombe in die Runde einschlägt. Die letzte Erzählung präsentiert sich ähnlich idyllisch als Gleichnis auf Josefs und Marias Reise nach Bethlehem; das Kleinkind, das die Flüchtende im Arm trägt – diesmal in Hoffnung einer friedlicheren Zukunft ein Mädchen – symbolisiert den Aufbruch in eine neue, optimistischere Zeitrechnung. In diesen und anderen Episoden (vor allem der Russland-Geschichte mit Hermann Speelmans und Fritz Wagner) macht sich ein in späteren deutschen Filmen kaum mehr anzutreffender Naturalismus bemerkbar, der sich aus der nur langsam auflösenden Taubheit nach Stunde null sowie aus den schwierigen Produktionsumständen ergibt.

Zitat von Markus Münch, Simone Utler: Drehort Hamburg, be.bra Verlag, Berlin 2009, S. 30
Als im August 1946 die Dreharbeiten begannen, fehlte es an allen Ecken und Enden. Erfindungsreichtum und Improvisation waren gefragt. Die Produktionsgesellschaft bestand aus einem Schreibtisch, einem Telefon und einem „Gläubig-Besessenen“, nämlich Käutner. Die technische Ausrüstung musste das Filmteam zusammenpumpen, auf halblegalem Weg organisieren oder zu hohen Preisen auf dem Schwarzmarkt kaufen. Das Auto stellte eine Firma zur Verfügung – allerdings ohne Reifen. Die mussten teuer zugekauft werden. „Wir hatten eine alte Kamera, die bei Außenaufnahmen der Ufa irgendwo im Distrikt liegengeblieben war“, erinnerte sich Käutner später. Sie war im Besitz der britischen Besatzer, der Regisseur bekam sie für seinen Film geliehen. Passend zum Film dienten zur Beleuchtung Autoscheinwerfer. [...] Käutner drehte fast alles unter freiem Himmel, denn in Hamburg gab es keine Ateliers.


Bedenkt man die nicht weniger als zehn Monate lange Drehzeit und den harschen Winter 1946/47, kann man sich noch immer ein Bild von den Entbehrungen machen, unter denen der Film entstand. Käutner gelang es trotzdem, ein bewegendes Drama abzuliefern, das in seinen Übergängen manchmal unrund und unbeholfen wirkt, aber von der ihm eigenen symbolischen Schwermut durchdrungen ist, die es als Zeitdokument auch entgegen einigen Unkenrufen überdauern lassen wird.

„Was ist ein Mensch?“ zieht sich als Leitfrage durch den Film und wird nicht auf philosophische, sondern auf sehr anschauliche Weise in sieben Kurzgeschichten beantwortet, die einem unmenschlichen Regime ein auf das Individuum konzentriertes Spiegelbild vorhalten. Sich an den wesentlichen Entwicklungsschritten der zwölf Nazijahre entlanghangelnd, zeichnet „In jenen Tagen“ ein manchmal erdrückendes, manchmal hoffnungsvolles Bild und scheut sich dabei nicht vor einer ordentlichen Portion Kitsch. Unvollkommenheiten verleihen dem Film Charme, doch manchmal hätte man sich ein längeres Verweilen bei den einzelnen Protagonisten gewünscht. 3,5 von 5 Punkten.

Gubanov Online




Beiträge: 15.573

09.09.2018 14:30
#21 RE: Krieg, Kameradschaft, Katastrophen Zitat · antworten



Canaris (Ein Leben für Deutschland – Admiral Canaris)

Kriegsdrama, BRD 1954. Regie: Alfred Weidenmann. Drehbuch: Erich Ebermayer, Herbert Reinecker. Mit: O.E. Hasse (Admiral Canaris), Barbara Rütting (Irene von Harbeck), Adrian Hoven (Hauptmann Althoff), Martin Held (Obergruppenführer Heydrich), Wolfgang Preiss (Oberst Holl), Peter Mosbacher (Fernandez), Charles Regnier (Baron Trenti), Franz Essel (Beckmann), Alice Treff (Sekretärin Fräulein Winter), Herbert Wilk (Oberst Degenhard) u.a. Uraufführung: 30. Dezember 1954. Eine Produktion der Fama F.A. Mainz Film im Atlas-Filmverleih Düsseldorf.

Zitat von Canaris
Schon vier Jahre vor Kriegsbeginn misstrauen Admiral Canaris, Chef der Abwehr, und Obergruppenführer Heydrich vom SD einander aufs Tiefste. Als auffliegt, dass Canaris, der sich schon häufig kritisch gegenüber dem Regime geäußert hat, dem Dissidenten von Harbeck zur Flucht verhalf, beschließt Heydrich, die Tochter des Aufgegriffenen als Spionin auf Canaris anzusetzen. Trotz strenger Überwachung gelingt es Canaris und einem engen Stamm Vertrauter, ein Komplott gegen Hitler zu schmieden, das allerdings im letzten Moment misslingt. Auch Beginn und Verlauf des Krieges bestärken Canaris, weiter heimlich gegen den Strom zu schwimmen – selbst wenn das eine große Gefahr für ihn persönlich und für Irene von Harbeck bedeutet ...


Wilhelm Franz Canaris leitete nach langjähriger Militärkarriere und Geheimagententätigkeit im Ersten Weltkrieg von 1935 bis 1944 die Abwehr, den militärischen Geheimdienst der Wehrmacht. Weil herauskam, dass er sich im Geheimen mit Widerstandskämpfern organisiert hatte, wurde er im September 1944 von Karl Dönitz entlassen, verhaftet und im Februar 1945 – u.a. zusammen mit den anderen Widerständlern Hans Oster und Dietrich Bonhoeffer – im KZ Flossenbürg hingerichtet. Die filmische Aufarbeitung seiner angeblichen Verbrechen gegen das Deutsche Reich gilt allerdings als umstritten. Während die Norddeutsche Zeitung anlässlich der Uraufführung schrieb, der Film sei „dazu angehalten, Aufklärungsarbeit zu leisten im Sinne der geschichtlichen Wahrheit“, spricht das Filmportal von „Geschichtsfälschung à la 1950er Jahre“; der Filmdienst nennt „Canaris“ ein „[s]tark idealisierendes, publikumswirksam oberflächlich inszeniertes Drama“. Das starke Eintreten für eine im Gegensatz zu anderen Verschwörern geschichtlich zwiespältige Person in einer Art Rehabilitationsfilm stützt sich rückblickend laut Volker Helbigs Einordnung von „Herbert Reineckers Gesamtwerk“ (Deutscher Universitäts-Verlag) in erster Linie auf eine „damals schlechte Quellenlage“, wurde im konservativen Adenauer-Deutschland aber wohl auch gerade wegen des überdeutlichen Kontrasts zwischen dem „guten“ Canaris und dem „bösen“ Heydrich so begeistert aufgenommen (vier Bundesfilmpreise).

O.E. Hasse und Martin Held füllen diese Antagonistenrollen, die zwar am gleichen Apparat beteiligt sind, aber charakterlich und in ihrem Menschenbild nicht weiter voneinander entfernt sein könnten, mit dem von ihnen zu erwartenden schauspielerischen Talent, stellenweise aber auch mit explizitem Pathos aus. Sie stehen einerseits für die Vereinnahmung etablierter gesellschaftlicher Kreise durch das allgegenwärtige Nazitum, andererseits zeigt sich an ihnen der Unterschied zwischen abwägend-verantwortlichem Handeln und rücksichtslosem Karrierismus. In seiner lesenswerten Analyse von „Canaris“ zeichnet Tobias Temming ein genaueres, aufmerksameres Bild der Hauptfigur als jenes, das rundheraus ablehnende Kritiken wie die des Filmportals propagieren. Er belegt damit, dass Vorwürfe der unreflektierten Idealisierung Canaris’ nicht gänzlich gerechtfertigt sind:

Zitat von Tobias Temming. Widerstand im deutschen und niederländischen Spielfilm. Berlin: de Gruyter, 2016. S. 100f
Deutlich bemüht sich der Film bereits im ersten Akt, den Kontrast zwischen den verbrecherischen Methoden des nationalsozialistischen Regimes, als dessen herausgehobener Vertreter Heydrich auf der einen Seite fungiert, und Canaris als traditionellem, an bürgerlich-preußischen Werten orientiertem Patrioten auf der anderen Seite herauszuarbeiten. [...] So einfach es gewesen wäre, Canaris als konsequenten Widerständler darzustellen, der seine hohe Position dazu nutzt, seine eigene Tätigkeit und die seiner Mitverschwörer zu decken, erliegen die Produzenten des Films dieser Versuchung nicht. Bereits im Vorfeld der Premiere kündigte die FAMA [die] Canaris-Figur eben nicht als schematischen Widerstandshelden an, sondern als mit sich ringende und schließlich gebrochene Figur, die sich im „tragischen Konflikt zwischen dem Fahneneid und seiner Verantwortung als Christ und guter Deutscher“ nicht zur Tötung Hitlers durchringen kann.




Authentizität versucht Weidenmanns Film vor allem durch die Einbildung historischer Wochenschaubilder zu erzielen, die zum Beispiel den Anschluss Österreichs oder das Kriegsgeschehen an der Ostfront zeigen. Sie werden in zunehmendem Umfang immer wieder in die Spielfilmhandlung hineingemischt und illustrieren damit den zehn Jahre überbrückenden Zeitraum zwischen erster und letzter Szene. Stellenweise überträgt sich das Gefühl der quälenden Unsicherheit und Warterei, das von Canaris Besitz ergriffen hat, nur zu deutlich auf den Zuschauer, für den die Übermacht und Propaganda der Nazis ebenfalls zu einer Geduldsprobe werden.

Dass der Film trotz dieser fast dokumentarischen Elemente dennoch im Endeffekt nicht wie seriöses Historiengut wirkt, liegt an den privaten und romantischen Einsprengseln, auf die Drehbuch und Regie in Anbetracht der romanzenseligen 1950er-Jahre-Kinokonventionen nicht verzichten wollten. Schon die in den Vorspann eingebaute Tafel warnt: „Alle Personen jedoch, die nicht der Zeitgeschichte angehören, sind frei erfunden“. Die weniger charmante Übersetzung dieser Zeilen könnte lauten: „Wir haben zusätzlich zur historischen Aufarbeitung die Leidens- und Liebesgeschichte einer attraktiven jungen Frau in den Film eingebaut, um auch das weibliche Publikum ins Kino zu locken.“ Die erst seit zwei Jahren in der Kinobranche mitwirkende Barbara Rütting verkörpert diese Rolle der Irene von Harbeck, deren regimekritischer Vater sie zur Zielscheibe einer Erpressung durch Heydrich macht und die sich im Film erwartungsgemäß in Canaris’ attraktivsten Mitstreiter, Oberleutnant Althoff (Adrian Hoven), verliebt. Für diese Nebenhandlung werden ebenfalls reichlich wertvolle Filmminuten geopfert, die den eigentlichen Schwerpunkt – Canaris’ Widerstandsaktionen – aus dem Fokus geraten lassen. Insgesamt wäre es anzuraten gewesen, das Tempo deutlich anzuziehen und die epische Laufzeit von 108 Minuten auf einen 20 Minuten kürzeren Standardwert einzudampfen.

Von der übergroßen Geste der Inszenierung abgesehen, kann Weidenmann attestiert werden, geschmackvoll an die Umsetzung des bedeutsamen Stoffes gegangen zu sein. In der Zusammenarbeit mit Kameramann Franz Weihmayr schlägt sich die jahrzehntelange Erfahrung beider Filmschaffender (die ironischerweise auch selbst an NS-Propagandafilmen beteiligt waren) nieder und beschert dem Zuschauer hochattraktive Bildchoreografien, denen der monumentale Score des Neulings Siegfried Franz die entsprechende Wucht verleiht. Wenn O.E. Hasse grübelnd hinter regennassen Fensterscheiben steht und in das Dunkel der Nacht hinausschaut, während sich die Kamera ihm langsam nähert und die Orchesterbegleitung düster aufbrandet, dann spürt man die Ambitionen der Macher, ein hochwertiges Endprodukt abzuliefern, in jedem Detail.

Die heute umstrittene Großproduktion zeigt einen vielleicht zu positiv dargestellten, aber dennoch plastischen und zweifelnden Wilhelm Canaris, dem O.E. Hasse ein ehrwürdiges Gesicht verleiht. Martin Held ist von der eindimensionalen Bösartigkeit seiner Rolle eindeutig unterfordert; auch andere Filmcharaktere reichen nicht an die Komplexität der Titelfigur heran. Dadurch ergeben sich stellenweise Längen, doch als Zeitdokument sehenswert ist der Film allemal. 3,5 von 5 Punkten.

Dr. Oberzohn Offline



Beiträge: 81

10.09.2018 11:43
#22 RE: Krieg, Kameradschaft, Katastrophen Zitat · antworten

Zu Canaris:

Ein interessanter Film, den man auch jetzt noch anschauen kann, trotz der Mängel, die Du anführst.
Canaris ist eine Figur, die auch heute noch mitunter geradezu polarisiert. Es gibt eine Flut von Büchern in- und ausländischer Autoren, die sich mit dem Chef des "offiziellen" deutschen Geheimdienstes befassen. Dabei ist alles vertreten: ein Meisterspion im Dienste des Führers auf der einen sowie ein großer aktiver Widerständler auf der anderen Seite. Häufig werden diese Bilder auch von Romanschreibern kolportiert. Canaris wäre soger das Oberhaupt der "Schwarzen Kapelle", einer konservativen Widerstandsorganisation gewesen, erfährt man z.B. im Agententhriller "Double Cross" des Amerikaners Daniel Silva. Hier werden die Fakten sicher mehr verbogen als im Canaris-Film.
Wie viele Konservative der Weimarer Zeit sah er in den Nationalsozialisten die Gegenkraft zur durchaus realen Gefahr eines Umsturzes durch die Kommunisten. Leider sah er seine Ideale durch die reale Politik im Dritten Reich bald verraten, tatsächlich protegierte er Mitarbeiter im Widerstand, half Verfolgten des Regimes und plante schon vor dem zweiten Weltkrieg im Zuge der Sudetenkrise einen Umsturz gegen Hitler. Doch sein Verhältnis zu seinem Rivalen Heydrich war wesentlich ambivalenter, die beiden Ehepaare waren Nachbarn, die sich gemeinsam besuchten, und bei Heydrichs Beerdigung weinte er sogar.
Der Schriftsteller Heinz Höhne weist in seinem Bücher darauf hin, dass es die im Film dargestellte "Tuchatschewski-Affäre" als Intrige des SS-Geheimdienstes nie gegeben hat. Stalin ließ seinen angeblichen Konkrrenten und tausende andere Offiziere der Roten Armee nicht wegen eines deutschen Komplottes hinrichten, er war auch so paranoid genug dazu. Allerdings war die im Film gezeigte Entrüstung von Canaris über solcherart Praktiken nicht ganz aus den Fingern gesogen, die "Abwehr" zeigte sich beispielsweise den skrupellosen Methoden der britischen Geheimdienste, die bedenkenlos auch eigene Leute opferten, sichtlich nicht gewachsen. Überhaupt wird gerade, unabhängig von aller Politik, die Leistung von Canaris' Abwehr mitunter sehr gegensätzlich beurteilt. Letzten Endes hatten alle Geheimdienste Erfolge und Fehlschläge, der Krieg im Dunkeln wurde mit viel Aufwand, aber im Prinzip wenig Ergebnis geführt. Canaris suchte stets Fühlung zu den Westmächten, auf Friedensangebote der Sowjetunion raegierte er ablehnend, so dass paradoxerweise die Fanatiker von der SS hier den Kontakt aufnahmen. Canaris' Spezialeinheit, die "Brandenburger", führten einige spektakuläre Aktionen durch, konnten natürlich am Kriegsverlauf nichts ändern.
Schließlich unterlag er seinem neuen Konkurrenten Wather Schellenberg vom SD, und aufgrund eines dummen Zufalls wurde er noch ganz zum Schluss als aktiver Verschwörer gegen Hitler angeklagt und im April (!) 1945 kurz vor Einmarsch der Amerikaner hingerichtet.
Eine interessante Biographie im Dritten Reich, die durchaus Stoff für eine Neuverfilmung geben würde. Allerdings - wenn ich mir vorstelle, was heute wohl dabei rauskommen würde, dann schaue ich mir doch lieber die Version aus den Fünfzigern an.

Gubanov Online




Beiträge: 15.573

12.09.2018 21:15
#23 RE: Krieg, Kameradschaft, Katastrophen Zitat · antworten

Vielen Dank für die kundige Rückmeldung zu "Canaris" und den biografischen Hintergründen der Hauptfigur. Je mehr man über Canaris liest, desto deutlicher wird, dass der Tenor der jeweiligen Texte über ihn aufgrund der schwierigen Faktenlage immer direkt mit der politischen Grundhaltung des jeweiligen Autors korreliert.

Heute jährt sich übrigens der Todestag von O.E. Hasse, der am 12. September 1978 starb, zum 40. Mal. Hasse selbst war auch während der NS-Zeit im deutschen Film aktiv, wirkte aber hauptsächlich in harmlosen Unterhaltungsfilmen mit. Ausnahme ist der Propagandastreifen über die Luftwaffe, "Stukas", von 1941, wo er als Oberarzt zu sehen war. Wäre auch ein interessanter Kandidat für diesen Thread, habe ich aber leider verpasst, als er letztes Jahr in der gleichen Filmreihe im Babylon-Kino zu sehen war wie "Besatzung Dora". Davon ab bereicherte er den Nachkriegsfilm um eine Vielzahl an brillant gespielten Auftritten in hochwertigen Produktionen. Grund genug, sich zu diesem Anlass mal wieder einen Film mit O.E. Hasse anzusehen - ich empfehle einen seiner gelungen Krimis, z.B. "Dr. Crippen an Bord" (1942), "Der Täter ist unter uns" (1943/44), "Epilog - Das Geheimnis der Orplid" (1950), "Ich beichte" (1953) oder "Alibi" (1955) bzw. seine späten TV-Auftritte in "Sanfter Schrecken" (1976/77) oder "Der Alte: Konkurs" (1977).

Ray Offline



Beiträge: 1.099

07.10.2018 20:46
#24 RE: Krieg, Kameradschaft, Katastrophen Zitat · antworten

Liebling der Götter (BRD 1960)

Regie: Gottfried Reinhardt

Darsteller: Ruth Leuwerik, Peter van Eyck, Harry Meyen, Robert Graf, Hannelore Schroth, Leonhard Steckel, Willy Fritsch u.a.



Der Bericht enthält Spoiler.


Die Schauspielerin Renate Müller findet im Jahre 1931 zeitgleich zu Ruhm im deutschen Film wie auch die große Liebe. Das Blatt wendet sich mit der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler. Denn Müllers Lebensgefährte Dr. Simon, vormals Staatssekretär in der preußischen Regierung, ist jüdischen Glaubens...

Lose auf der Biografie der Schauspielerin Renate Müller beruhend, erzählt der Film Gottfried Reinhardts exemplarisch Auf- und Abstieg einer Schauspielerin vor und während der Zeit des Nationalsozialismus. Ruth Leuwerik und Peter van Eyck bilden drei Jahre vor "Ein Alibi zerbricht" ein gänzlich anderes Leinwandpaar. Im vorliegenden Film lernen sie sich erst zu Anfang lieben und ihre Liebe wird bis zum Ende des Werks anhalten. Ruth Leuwerik überzeugt in der Hauptrolle durch eindrückliches, aber trotz der vielen zur Schau gestellten Emotionen nie überzogenen Schauspiels. Gleichsam vermag Peter van Eyck eine überzeugende Darbietung abzuliefern. Egal ob als als Verliebter Renate Müllers, besorgter Staatssekretär angesichts der nahenden Machtübernahme durch die Nationalsozialisten oder als den Geschehnissen im Heimatland fassungslos gegenüber stehender Emigrant, van Eyck darf in dieser CCC-Produktion Artur Brauners so viele Facetten seines Spiels präsentieren wie selten. Harry Meyen gibt die beruflich erfolglose alte Liebe der Renate Müller, die sich schon vor der Machtergreifung den neuen politischen Verhältnissen anpasst und so im Dritten Reich Karriere macht und für "das große Ganze" auch nicht dafür zurückschreckt, die alte Geliebte zu nötigen. In einer kleinen, aber fiesen Nebenrolle einmalmehr grandios: Robert Graf. Wenn er sich während laufender Dreharbeiten bei Verkündung Hitlers als neuem Reichskanzler ohne eine Miene zu verziehen ein Hakenkreuz an seine Jacke steckt und herausfordernd in Richtung seiner verdutzten Kollegen schaut oder anlässlich der Beerdigung Müllers diese zur Märtyrerin für die nationale Idee hochstilisiert, bekommt man als Betrachter ein wahrlich unbehagliches Gefühl.

Dass die Filmhandlung in mancherlei Hinsicht nicht mit den wahren Geschehnissen um Renate Müller übereinstimmt - insbesondere der im Film naheliegende Selbstmord hat sich tatsächlich wahrscheinlich nicht zugetragen - ist für den neutralen Betrachter ein Stück weit verzeihlich, weil man einen jederzeit fesselnden und sehr gut gespielten Film geboten bekommt.


Berührendes Drama über den privaten wie beruflichen Abstieg einer aufstrebenden deutschen Schauspielerin infolge des Nationalsozialismus. 4,5 von 5 Punkten.

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